HELMUT VOLGER(Hrsg.): Grundlagen und Strukturen der Vereinten Nationen München u. Wien 2007 Oldenbourg Wissenschaftsverlag, XIX u. 576 S. S eit der Überwindung der durch den antagonistischen Systemkonflikt zwischen den beiden Supermächten und ihren Blöcken bewirkten fast vierzigjährigen (Teil-)Blockade ihrer Arbeit zu Beginn der neunziger Jahre rücken die Vereinten Nationen wieder verstärkt in die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Von einer Organisation der Sieger des Zweiten Weltkrieges mit 51 Mitgliedern, die in erster Linie den Krieg als Mittel der Politik ächten sollte, haben sich die Vereinten Nationen zu einem veritablen Forum der Welt mit(derzeit) 192 Mitgliedern weiterentwickelt und dabei über die angestammten Aufgaben bei der Sicherung des Weltfriedens und dem Schutz der Menschenrechte hinaus ihre Kompetenzen in den Bereich der internationalen Zusammenarbeit wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und humanitärer Natur ausgeweitet. Dabei sind sie jedoch immer eine Organisation der Staaten geblieben. Die eher periphere, bloß konsultative Rolle, die sie nichtgouvernementalen Akteuren in ihrem Entscheidungsprozess zubilligen, spiegelt die Entwicklung von internationalen Governance-Strukturen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ebenso wenig adäquat wie das zunehmende Verlangen, die uno möge in einer sich zunehmend globalisierenden Welt eine wirtschafts- und gerechtigkeitspolitische Ordnungslücke füllen, sie überfordern. Denn: 60 Jahre internationale Friedenspolitik – mit und ohne den Sicherheitsrat der vn – haben eines ganz deutlich gezeigt: Die uno ist letztlich nur so wirkmächtig, wie ihre Mitgliedstaaten sie sein lassen … Daran ändert es auch nichts, dass seit dem Millenniums-Gipfel 2000 in den Mitgliedstaaten der vn eine breitere Diskussion über Grundwerte und Glaubwürdigkeit, Ziele und Aufgaben, Gliederung und Strukturen, Entscheidungsprozesse und Implementationsfähigkeiten der uno eingesetzt hat; die Macht- und Interessenkonstellationen zwischen den(Haupt-)Akteuren des internationalen Systems überformen immer noch den Rahmen, in dem sich die Arbeit der Vereinten Nationen vollzieht, und dem – oder präziser: dessen Veränderungen und Verwerfungen – sie sich in einer Politik der kleinen oder mittleren(Reform-)Schritte mählich anpassen. Die Politikwissenschaft ist in den neunziger Jahren den skizzierten Entwicklungen der vn eher zögerlich gefolgt; die einschlägigen Lehrbücher von Unser, Wolf(2005) und Gareis/Varwick(2006) konzentrieren sich eher auf die zentralen Tätigkeitsfelder der uno und nehmen darüber hinaus allenfalls die Reformdiskussion noch mit auf. Wie das komplexe Konglomeratsystem der Vereinten Nationen mitsamt den vielfältigen Unterorganisationen an den Standorten New York, Genf, Wien, Nairobi usw. aber tatsächlich funktioniert, wie Entscheidungen der uno eigentlich zustande kommen, welche Rolle dabei Interessenkoalitionen von Staaten, welche Rolle die ngo s spielen, was für Probleme die Finanzierung der 158 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2007 Tätigkeit der vn aufwirft, welchen politischen Ertrag der Ressourceneinsatz der Mitgliedstaaten tatsächlich zeitigt, welches Bild die vn von sich projizieren und welches Bild von ihnen in den Mitgliedstaaten vorherrscht – all das waren Themen und Gegenstände, die lange Zeit eher mühsam in der Spezial- und Aufsatzliteratur erschlossen werden mussten. Dem hat nun der von Helmut Volger herausgegebene Sammelband über »Grundlagen und Strukturen der Vereinten Nationen« erst einmal gründlich und zuverlässig Abhilfe geschaffen – sein dritter Teil behandelt in extenso diese eben skizzierten Fragen, deren Beantwortung bislang eher dem ausgesprochenen uno Spezialisten vorbehalten blieb. Mehr aber noch – die renommierten Autoren dieses Bandes – Wissenschaftler, Diplomaten, Politikberater – lassen auch die klassischen Arbeits- und Aufgabengebiete der Vereinten Nationen nicht zu kurz kommen – Entwicklung des Völkerrechts, Abrüstung, Friedenssicherung, Menschenrechtsschutz, ergänzt um die neueren Bereiche des Umweltschutzes und der multilateralen Entwicklungspolitik. Diese Beiträge haben durchaus autoritativen Handbuchcharakter, fallen allerdings oft noch substantieller aus, als man es von einem guten Handbuch – wie etwa Wolfrums Handbuch Vereinte Nationen – gewohnt ist. Insofern bieten sie eine höchst willkommene, zeitnahe Aktualisierung der Überblicks- und Einführungsliteratur, und lassen sich – ebenso wie die Beiträge zu den Reformproblemen der Vereinten Nationen(unter denen der des Herausgebers, auf gut rheinisch formuliert, kein Auge trocken lässt) – bestens als Ausgangspunkt für speziellere Untersuchungen oder als Themenbereichseinführungen für den akademischen Unterricht nutzen. Allerdings: Wo(unbestritten) viel Licht ist, ist auch Schatten. Zumindest der Rezensent empfindet den Mangel eines Schlagwortregisters als außerordentlich misslich, mindert er doch den täglichen Gebrauchswert des Bandes empfindlich. Knapp 600 Seiten bei der Suche nach einem spezifischen Sachverhalt oder der Erläuterung eines bestimmten Begriffes durchblättern zu müssen, kann manchmal schon ganz schön lästig sein … Und: Im Gender-Bereich folgt der Band einer (schlechten) Tradition, die allerdings schon die Politik der uno -Mitglieder vorgibt: der fast völligen Ignorierung der durch die Generalversammlung im Dezember 1979 angenommenen, 1981 in Kraft getretenen Frauenrechtskonvention und ihrer(eher mangelhaften) Umsetzung in den Mitgliedstaaten, und der ebenfalls weitgehenden Vernachlässigung der Sicherheitsratsentschliessung 1325 aus 2000: Über die Rolle von Frauen in Friedensschaffungs- und Friedenssicherungsprozessen müssen wir uns daher anderenorts informieren … Freilich ist dieses der einzige substantielle Kritikpunkt, der dem Herausgeber vorzuhalten wäre: Das Thema»engendering the United Nations« hat eben nicht nur in der Politik der Weltorganisation selber, sondern auch in der politischen Präferenzsetzung ihrer Mitgliedstaaten keine wirklichen Freunde. Gleichwohl: Wenigstens ein Kapitel in einem ansonsten vorzüglichen Buch hätte es schon durchaus noch verdient! ipg 4/2007 Rezensionen/Book Reviews 159 Davon einmal abgesehen: Der Rezensent hat den Band mit etlichem Erkenntnisgewinn durchgearbeitet. Die Beiträge über die Rolle der vn bei der Entwicklung des Völkerrechts, der Friedenssicherung und dem Menschenrechtsschutz werden in den nächsten Jahren sicherlich einen festen Platz im Standardrepertoire jener Literaturempfehlungen beanspruchen dürfen, die potentiellen Adepten des Teilfaches Internationale Beziehungen schon im Grundkurs mitgegeben werden. Daneben aber gilt als Urteil durchaus: ein durch und durch gut gelungener Band, der allen an der Diskussion um Ziele, Umsetzungsoptionen und Handlungslegitimationen der Vereinten Nationen Interessierten nur dringlich empfohlen werden kann. Mit 49,80 € liegt sein Preis noch gerade an der Grenze dessen, was der normale Zeitgenosse sich heute noch leisten kann. Falls der Verlag allerdings auf das Erreichen eines größeren studentischen Publikums spekuliert, sollte er sich zu einer Paperback-Ausgabe entschließen! Reinhard Meyers, Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster HANS-GEORG EHRHART/SABINE JABERG/ BERNHARD RINKE/JÖRG WALDMANN(Hrsg.): Die Europäische Union im 21. Jahrhundert. Theorien und Praxis europäischer Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik Wiesbaden 2007 vs Verlag, 340 S. S elten wird eine Organisation gleichermaßen gepriesen und beklagt wie die Europäische Union. Fünfzig Jahre nach der Unterzeichnung der Gründungsverträge in Rom im März 1957 werden die großen Errungenschaften weithin als selbstverständlich genommen, der Alltag dominiert die Europapolitik. Das Friedens- und Wohlstandsprojekt der kleinen 6er-Gemeinschaft der Gründungsstaaten wurde zu einer eu der 27. Wird die Europäische Union in der Lage sein, auch auf die Fragen des 21. Jahrhunderts Antworten bereitzustellen? Der vorliegende Band weicht der zunehmenden Unzufriedenheit mit der unter Druck geratenen Europäischen Union nicht aus. Vielmehr sieht das Herausgeberquartett HansGeorg Ehrhart, Bernhard Rinke(beide Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik), Sabine Jaberg(Führungsakademie der Bundeswehr) und Jörg Waldmann(Universität Münster) darin das Erfordernis zur grundlegenden Selbstvergewisserung. Die Verdienste und die Zukunftsfähigkeit der Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik der Europäischen Union werden von den fast 30 Autorinnen und Autoren des Bands bilanziert. Entstanden ist so eine»tour d’horizon« über mehr 160 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2007