Davon einmal abgesehen: Der Rezensent hat den Band mit etlichem Erkenntnisgewinn durchgearbeitet. Die Beiträge über die Rolle der vn bei der Entwicklung des Völkerrechts, der Friedenssicherung und dem Menschenrechtsschutz werden in den nächsten Jahren sicherlich einen festen Platz im Standardrepertoire jener Literaturempfehlungen beanspruchen dürfen, die potentiellen Adepten des Teilfaches Internationale Beziehungen schon im Grundkurs mitgegeben werden. Daneben aber gilt als Urteil durchaus: ein durch und durch gut gelungener Band, der allen an der Diskussion um Ziele, Umsetzungsoptionen und Handlungslegitimationen der Vereinten Nationen Interessierten nur dringlich empfohlen werden kann. Mit 49,80 € liegt sein Preis noch gerade an der Grenze dessen, was der normale Zeitgenosse sich heute noch leisten kann. Falls der Verlag allerdings auf das Erreichen eines größeren studentischen Publikums spekuliert, sollte er sich zu einer Paperback-Ausgabe entschließen! Reinhard Meyers, Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster HANS-GEORG EHRHART/SABINE JABERG/ BERNHARD RINKE/JÖRG WALDMANN(Hrsg.): Die Europäische Union im 21. Jahrhundert. Theorien und Praxis europäischer Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik Wiesbaden 2007 vs Verlag, 340 S. S elten wird eine Organisation gleichermaßen gepriesen und beklagt wie die Europäische Union. Fünfzig Jahre nach der Unterzeichnung der Gründungsverträge in Rom im März 1957 werden die großen Errungenschaften weithin als selbstverständlich genommen, der Alltag dominiert die Europapolitik. Das Friedens- und Wohlstandsprojekt der kleinen 6er-Gemeinschaft der Gründungsstaaten wurde zu einer eu der 27. Wird die Europäische Union in der Lage sein, auch auf die Fragen des 21. Jahrhunderts Antworten bereitzustellen? Der vorliegende Band weicht der zunehmenden Unzufriedenheit mit der unter Druck geratenen Europäischen Union nicht aus. Vielmehr sieht das Herausgeberquartett HansGeorg Ehrhart, Bernhard Rinke(beide Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik), Sabine Jaberg(Führungsakademie der Bundeswehr) und Jörg Waldmann(Universität Münster) darin das Erfordernis zur grundlegenden Selbstvergewisserung. Die Verdienste und die Zukunftsfähigkeit der Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik der Europäischen Union werden von den fast 30 Autorinnen und Autoren des Bands bilanziert. Entstanden ist so eine»tour d’horizon« über mehr 160 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2007 als sechs Jahrzehnte Integrationsgeschichte, die die Anfänge genauso mit einbezieht wie die künftigen Herausforderungen. Um Antworten auf eine Europäische Union des 21. Jahrhunderts zu geben, nähert sich dieser Band dieser Mammutaufgabe anhand von drei Fragen: Was möchte, was kann die Europäische Union nach innen sein? Wie versteht sie sich nach außen? Wie soll sie als internationaler Akteur auf der Weltbühne agieren und welchen Beitrag kann sie zur Friedenspolitik leisten? Um diesem Anspruch gerecht zu werden, gliedert sich der Band in vier Themenbündel zu den theoretischen Grundlagen, dem Spannungsfeld von Krieg und Frieden, den Grenzen und Chancen internationaler Kooperation sowie schließlich den kommenden Herausforderungen für die europäische Integration. Einsteigern präsentiert sich so ein differenziertes Bild des Integrationsprozesses, ohne dass dabei jede Verästelung der politikwissenschaftlichen Europaforschung nachgezeichnet werden müsste. Für den Kundigen findet sich so manches Schmuckstück. Dazu zählen die Beiträge zur Externen Governance der eu (Martin Kahl), dem eu -Militäreinsatz in der dr Kongo(Hans-Georg Ehrhart) und über die Rolle der Südosteuropapolitik für das Entstehen der gasp (Annegret Bendiek), genauso wie die großen Würfe zur Entstehung der Europäischen Gemeinschaften von Wilfried Loth und der Ausblick auf Europa von Heinrich Schneider. Ein Pluspunkt dieses Bands ist es, wie bereits der allgemein gehaltene Titel vermuten lässt, dass bei der Annäherung an die strategischen Antworten für die großen Fragen der Europapolitik des 21. Jahrhunderts eine Offenheit in gleich dreifacher Hinsicht zugelassen wird: bei der Zeitspanne, der Breite des Themenund Meinungsspektrums sowie der Auswahl der Autorinnen und Autoren. So widmen sich die Beiträge – die an dieser Stelle nicht einzeln benannt werden können – dem theoretischen Rüstzeug genauso wie der Praxisnähe, reichen von eu -Militäreinsätzen bis zur Umweltpolitik, outen sich als europhil bis europhob und berücksichtigen die Anfänge des Friedensprojekts genauso wie die Überwindung des Verfassungsdebakels. Angesichts der breiten Herangehensweise gelingt es nicht immer, die auch für die Europäische Union geforderte»Vielfalt in Einheit« sicherzustellen, dafür sind dann mancherorts Themenspektrum und Autorenkreis doch zu vielfältig. Dies bleibt dem Charakter der Festschrift geschuldet, die Prof. Dr. Reinhard Meyers (Universität Münster) zu dessen sechzigsten Geburtstag gewidmet ist. Aus dem Autorenverzeichnis lässt sich darauf zunächst nicht schließen. Schließlich finden sich unter den Autoren Theoretiker wie Praktiker gleichermaßen, allesamt ehemalige Studenten und Studentinnen sowie Kooperationspartner und wissenschaftliche Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland. Die vorliegende Publikation räumt mit einer Leichtigkeit mit den Vorurteilen gegenüber Festschriften auf. In diesem Band wird nicht nur lebhaft debattiert, er lädt auch zur Diskussion ein. Entstanden ist so ein gehaltvoller Beitrag zur Deipg 4/2007 Rezensionen/Book Reviews 161 batte um die Zukunft der Europäischen Union, der keineswegs nur für Münsteraner interessant ist und über den Tellerrand des deutschen Universitätswesens hinausblickt. Isabelle Tannous, München JÜRGEN KOCKA(Hrsg.) Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Sozialwissenschaftliche Essays. WZB-Jahrbuch 2006 Berlin 2007 edition sigma, 405 S. D as Wissenschaftszentrum Berlin ist eine der bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Denkfabriken Deutschlands. Seit einiger Zeit gibt es ein Jahrbuch heraus, dessen Band für 2006(erschienen 2007) unter dem Thema»Zukunftsfähigkeit Deutschlands« steht. Der Herausgeber, der Historiker Jürgen Kocka, war bis März 2007 Präsident des wzb . In seinem Vorwort begründet Kocka die Wahl des Themas mit der Konjunktur, die das Thema»Zukunft« angesichts der Bedeutung von Nachhaltigkeit auch für die Gesellschaft und die Welt des Sozialen hat. Er stellt die Ziele vor, die den Autoren der Beiträge(überwiegend Wissenschaftler des Wissenschaftszentrums Berlin) vorgegeben waren. Dazu zählten Problemidentifikation, Forschungsstand, Reformbedarf, Lösungen, Prognose über einen Zeitraum von 25 Jahren. Es sei hier gleich vorweggenommen, dass kaum ein Aufsatz dieser Vorgabe entspricht. Hilfreicher ist dagegen Kockas Zusammenfassung der Beiträge, die einen raschen und konzentrierten Einstieg erlaubt, der dem eiligen Leser auch die Lektüre erspart oder jedenfalls die Auswahl der für ihn relevanten Essays sehr erleichtert. »Auswahl« ist ohnehin das Schlüsselwort, das der Rezensent dem potentiellen Leser mit auf den Weg geben möchte. Alle Aufsätze bieten dem an dem jeweiligen Thema interessierten Menschen Einsichten, aber die Breite der Themen überfordert wahrscheinlich die meisten Leser. Da triumphiert die institutionelle Redaktionspolitik über die Sachlogik. Derselbe Sieg führt auch dazu, dass die oben erwähnten redaktionellen Leitlinien missachtet wurden. Die Inkohärenzen gehen aber noch weiter. Die meisten Beiträge des ersten der drei Großabschnitte»Blockaden und dringender Reformbedarf: Politik« wie auch die wirtschafts- und industriepolitischen Essays im zweiten Hauptabschnitt»Viel Schatten, viel Licht: Sozialökonomie« spiegeln den aktuellen, um nicht zu sagen modischen Diskurs wider, der Deutschland als ein zwischen internen politischen Blockaden und dem Druck des globalen Wettbewerbs zerriebenes Land sieht. Dagegen vertreten etwa 162 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2007