batte um die Zukunft der Europäischen Union, der keineswegs nur für Münsteraner interessant ist und über den Tellerrand des deutschen Universitätswesens hinausblickt. Isabelle Tannous, München JÜRGEN KOCKA(Hrsg.) Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Sozialwissenschaftliche Essays. WZB-Jahrbuch 2006 Berlin 2007 edition sigma, 405 S. D as Wissenschaftszentrum Berlin ist eine der bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Denkfabriken Deutschlands. Seit einiger Zeit gibt es ein Jahrbuch heraus, dessen Band für 2006(erschienen 2007) unter dem Thema»Zukunftsfähigkeit Deutschlands« steht. Der Herausgeber, der Historiker Jürgen Kocka, war bis März 2007 Präsident des wzb . In seinem Vorwort begründet Kocka die Wahl des Themas mit der Konjunktur, die das Thema»Zukunft« angesichts der Bedeutung von Nachhaltigkeit auch für die Gesellschaft und die Welt des Sozialen hat. Er stellt die Ziele vor, die den Autoren der Beiträge(überwiegend Wissenschaftler des Wissenschaftszentrums Berlin) vorgegeben waren. Dazu zählten Problemidentifikation, Forschungsstand, Reformbedarf, Lösungen, Prognose über einen Zeitraum von 25 Jahren. Es sei hier gleich vorweggenommen, dass kaum ein Aufsatz dieser Vorgabe entspricht. Hilfreicher ist dagegen Kockas Zusammenfassung der Beiträge, die einen raschen und konzentrierten Einstieg erlaubt, der dem eiligen Leser auch die Lektüre erspart oder jedenfalls die Auswahl der für ihn relevanten Essays sehr erleichtert. »Auswahl« ist ohnehin das Schlüsselwort, das der Rezensent dem potentiellen Leser mit auf den Weg geben möchte. Alle Aufsätze bieten dem an dem jeweiligen Thema interessierten Menschen Einsichten, aber die Breite der Themen überfordert wahrscheinlich die meisten Leser. Da triumphiert die institutionelle Redaktionspolitik über die Sachlogik. Derselbe Sieg führt auch dazu, dass die oben erwähnten redaktionellen Leitlinien missachtet wurden. Die Inkohärenzen gehen aber noch weiter. Die meisten Beiträge des ersten der drei Großabschnitte»Blockaden und dringender Reformbedarf: Politik« wie auch die wirtschafts- und industriepolitischen Essays im zweiten Hauptabschnitt»Viel Schatten, viel Licht: Sozialökonomie« spiegeln den aktuellen, um nicht zu sagen modischen Diskurs wider, der Deutschland als ein zwischen internen politischen Blockaden und dem Druck des globalen Wettbewerbs zerriebenes Land sieht. Dagegen vertreten etwa 162 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2007 Hagen Kühn und Sebastian Klinke in ihrem Beitrag zur Krankenversicherung eine linke Position, die die Probleme in der vielfältig legitimierten Umverteilung von Unten nach Oben als in der Globalisierung sieht. Das redaktionelle Motto war also eher: Wer steuert etwas bei?(in der Regel einen Aufguss der eigenen jüngeren Forschung) und weniger: Welche Themen sind zu bearbeiten, um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands einschätzen zu können? So fehlt z. B. bezeichnenderweise ein Beitrag zur Rentenversicherung(nur der stärkeren Beschäftigung älterer Menschen widmet sich ein Beitrag) sowie zur Umwelt- und Energiepolitik, wenn man von dem sehr allgemein gehaltenen Aufsatz zur Nachhaltigkeit von Volker Hauff am Ende des Bandes absieht. Dazu sei noch bemerkt, dass es zur Tradition der wzb -Jahrbücher gehört, dass ein prominenter externer Autor das Schlussessay schreibt. Nach so vielen kritischen Bemerkungen zur Gesamtredaktion des Bandes ist es Zeit, zu den guten Seiten dieses Buches zu kommen. Die meisten Beiträge sind ausgezeichnete Aufsätze, die ihr jeweiliges Spezialgebiet so abdecken, dass der Leser einen guten Überblick über die Diskussion und die Problematik bekommt. Vor allem diejenigen Leser, die nicht regelmäßig den wissenschaftlichen Output durch Lektüre der einschlägigen Fachzeitschriften und Besuch der entsprechenden Konferenzen verfolgen, bekommen hier komprimiert den Stand der Forschungen am wzb geliefert, das mit Recht den»state of the art« in der internationalen sozialwissenschaftlichen Diskussion darstellt. Der Stoff ist in drei große Kategorien gegliedert: Neben den schon erwähnten Abschnitten zu Politik und Sozialökonomie gehört dazu als dritter»Schwierigkeiten und Hoffnungen: Familie, Geschlechter, Zivilgesellschaft«. Die Themenblöcke Wohlfahrtsstaat(einschließlich Staatshaushalt, Alter/Arbeitsmarkt, Gesundheit), Wirtschaft und Innovation sowie Familie werden besonders umfassend abgehandelt. Hier ergänzen sich die Beiträge recht gut und das Buch bietet eine gründliche, wenn auch manchmal einseitig positionierte Sicht auf die Problematik. Andere Themen stehen dagegen etwas vereinzelt dar. Was fast durchgängig fehlt, ist ein Blick in die Zukunft. Die Probleme der Gegenwart werden – meist im nützlichen internationalen Vergleich – analysiert, aber es gibt kaum Szenarien bis 2030 oder auch kürzere Zeithorizonte. Wie stellt sich dem Leser nun die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in diesen drei wichtigen Teilbereichen dar? Das Bild ist eher uneinheitlich, wie auch schon eine der Kapitalüberschriften(»Viel Schatten, viel Licht«) vermuten lässt. Mehr Beschäftigung und mehr Wachstum würden die meisten Probleme lösen. Aber wie sind sie zu erreichen? Die meisten Autoren halten die Probleme für»hausgemacht« und nicht durch Globalisierung und internationale Konkurrenz verursacht(wenn auch mitgeprägt), wie selbst Konrad in seinem sich darauf konzentrierenden Beitrag(»Fiskalische Handlungsfähigkeit und globaler Wettbewerb«) betont. Die Politikvorschläge sind also auch eher inkrementell als revolutionär. ipg 4/2007 Rezensionen/Book Reviews 163 Sie konzentrieren sich sinnvollerweise auf die spezifischen Politikfelder. Eine Strategie für Deutschland wird daher unterm Strich nicht sichtbar. Michael Dauderstädt, Friedrich Ebert Stiftung, Bonn JERZY HOLZER: Polen und Europa. Land, Geschichte, Identität. Bonn 2007 Verlag J. H.W. Dietz Nachf., 168 S. P olens Beziehungen zur Europäischen Union sind getrübt, jedenfalls auf Regierungsebene. Präsident Lech Kaczynski, Premierminister Jaroslaw Kaczynski und ihre nationalkonservativen Parteifreunde empfinden das Europa von heute als zu deutsch. Sie fühlen sich bedroht von Hegemoniegelüsten ihres großen Nachbarn, dem sie außerdem eine generelle Polenfeindlichkeit attestieren. Im Juni dieses Jahres waren sie sogar kurz davor, den europäischen Verfassungskompromiss zu kippen, um das neue eu -Abstimmungsverfahren der»doppelten Mehrheit« zu verhindern, das Deutschlands Position stärkt und besagt: Je größer die Bevölkerung eines Landes, desto größer auch sein Stimmengewicht bei eu Entscheidungen. Der polnische Regierungschef beharrte dagegen auf der »Quadratwurzel«-Lösung und rechnete vor: Polen hätte im Jahr 2007 keine 40, sondern 66 Millionen Einwohner, wenn man die sechs Millionen polnischen Toten des Zweiten Weltkriegs und ihre Nachkommen mitzählen würde, die durch deutsche Schuld nicht geboren wurden.»Quadratwurzel oder der Tod!«, so die Parole Kaczynskis. In Brüssel, Paris, London, Berlin und selbst in Warschau schüttelte man den Kopf über den Versuch, ein supranationales Gremium mit einer Politik nationaler Ressentiments unter Druck zu setzen. Kompromissunwilligkeit gilt im europäischen Rat als schlechter Stil. Auch fällt vielen Verantwortlichen dort die Deutschlandfixierung der Brüder Kaczynski zunehmend auf die Nerven. Das Verhältnis der Gesellschaften zueinander sei gut, meint Gesine Schwan, die Polenbeauftragte der Bundesregierung. Doch stoßen Kaczynskis Äußerungen auch auf Zustimmung, bei vielen älteren Landsleuten, die die deutsche Okkupation erlebt haben. Selbst Jüngere, die in dieser Hinsicht unbeschwerter sind, sehen Europa mit anderen Augen als Deutsche oder Franzosen. Passend zur aktuellen Diskussion hat Jerzy Holzer – einer der bekanntesten polnischen Historiker, Deutschlandkenner und ehemaliger Solidarnosc-Aktivist – ein Bändchen über»Polen und Europa« geschrieben, das gerade im Verlag J. H.W. Dietz erschienen ist. Seine fulminante Deutung der polnisch-europäischen Wechselfälle der letzten 200 Jahre liest sich wie eine kleine Geschichte über Sehnsucht, Stolz und Verrat. 164 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2007