Sowjetunion, gewöhnten Europa daran, etwas als normal hinzunehmen, das früher(und später) als schwerste Verletzung menschlicher und zivilisatorischer Grundübereinstimmung galt.« Nach Kriegsende waren viele Polen hin- und hergerissen zwischen der Angst vor dem besiegten Deutschland, der Angst vor einer kommunistischen Herrschaft und der allgemeinen Überzeugung, vom europäischen Westen»im Stich gelassen und verraten« worden zu sein. Jener Krieg, der zur Verteidigung der Freiheit und Unabhängigkeit Polens begonnen wurde, endete im sowjetischen Machtbereich. Die tiefe Enttäuschung, so Jerzy Holzer, war, dass fast ganz Europa dies akzeptierte,»aus innerer Überzeugung oder purer Notwendigkeit«. Auch was die Gewerkschaft Solidarnosc in den 1980er Jahren ertrotzte – der Westen erkannte die volle Tragweite nicht oder wollte sie nicht erkennen. Im Gegenteil. Die Bundesrepublik – durchdrungen von Wohlstands- und Sicherheitsdenken – fürchtete am meisten, dass die polnischen Ereignisse den Helsinki-Grundsatz der friedlichen Koexistenz von Ost und West gefährden könnten. An diesem Punkt laufen verschiedene Stränge im historischen Gedächtnis Polens zusammen: Antideutsche Emotionen sind das eine, sie haben ihre eigene Tradition und Bedeutung für die Politik. Daneben scheint Deutschland allgemein zu einer Chiffre geworden zu sein für die Versäumnisse Westeuropas nach 1945. Man kann Jerzy Holzer nur zustimmen: Der Ostblock war immer Teil Europas. Die Aufnahme Polens in die eu war keine Rückkehr, sondern eine»Vereinigung«. Sein instruktiver Kurzlehrgang über die Anziehungskräfte und Brüche in der polnisch-europäischen Geschichte ist ein Stück bester historischer Essayistik. Denn er zeigt uns, welche Macht die Vergangenheit über die Wünsche der Gegenwart besitzt. Claudia Hennen, Köln HELGA BAUMGARTEN: Hamas. Der politische Islam in Palästina Kreuzlingen/München 2006 Heinrich Hugendubel Verlag(Diederichs), 256 S. JOSEPH CROITORU: Hamas. Der islamische Kampf um Palästina München 2007 Verlag C.H. Beck, 254 S. K urz hintereinander sind auf Deutsch(Originalsprache) zwei Bücher über Hamas erschienen. Als arabisches Wort bedeutet es»religiöser Eifer«, als Akro166 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2007 nym steht Hamas für Harakat al-Muqawama al-Islamiya = Islamische Widerstandsbewegung – gegen Israel, versteht sich. Die usa und die eu , Kanada, Japan und Israel führen von Amts wegen Hamas unter den globalen Terror-Organisationen, denen die nato nach dem 11. September 2001 den»Krieg« erklärt haben (die Gänsefüßchen sollen daran erinnern, dass es im Völkerrecht Krieg nur zwischen Staaten geben kann). In Jordanien ist Hamas verboten. Peinlich für alle, die von Demokratie weltweit und speziell in Nahost Frieden erhoffen, war der Sieg von Hamas bei anerkannt freien Wahlen zum palästinensischen Legislativrat am 25.01.2006 mit 44,45 Prozent der Stimmen, die ihr 74 von insgesamt 132 Mandate eintrugen, über den bis dato regierenden Rivalen Fatah(41,43 Prozent, 45 Mandate). Inzwischen scheiterte das von den Saudis durchgesetzte Experiment, Hamas und Fatah gemeinsam in eine»Regierung der Nationalen Einheit« einzuspannen. Im Juni 2007 warf Hamas die Fatah-Milizen aus dem Gazastreifen heraus, Fatah unterdrückt seitdem Hamas im Westjordanland. Zu den beiden Büchern: Die Lebenswege der Verfasser überkreuzen sich. Helga Baumgarten(*1947) begann ihre akademische Karriere an der fu Berlin in der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients. Seit Jahren lehrt sie Politologie an der palästinensischen Universität Bir Zeit nahe Ramallah. Joseph Croitoru, promovierter Historiker(*1960), stammt aus Haifa und lebt seit 1988 in Deutschland. Beide haben auch das Journalisten-Handwerk gelernt. Das macht beide Bücher ausgezeichnet lesbar. Sie lassen sich auch gut miteinander vergleichen, denn sie sind beide strikt chronologisch gegliedert und setzen mit der Geschichte der Muslim-Bruderschaft seit ihrer Gründung 1928 in Kairo ein, aus deren palästinensischem Zweig 1988 Hamas hervorging. Beide Autoren arbeiten weitgehend mit den gleichen Quellentexten, etwa für die Anfangszeit der ersten Intifada 1987/88 mit den von Jean-François Legrain(Kairo 1991) im arabischen Original und französischer Übersetzung herausgegebenen Flugblättern. Beide setzen sich auch regelmäßig mit Thesen der Sekundärliteratur überwiegend englischer und deutscher Sprache auseinander. Bei Durchsicht der Literaturverzeichnisse, die jeweils etwas mehr als 100 Titel umfassen, deutet sich allerdings eine Diskrepanz an: nur 13 Titel sind identisch. Zunächst beweist das allerdings nur, wie viel über den israelisch-palästinensischen Konflikt geschrieben wird. Croitoru nahm Baumgartens Buch vor Drucklegung zur Kenntnis, verzeichnet es in seiner Literaturliste und verzichtet auf nochmaligen Abdruck einer deutschen Übersetzung des Grundsatzdokuments, der Hamas-Charta von 1988, die bei Baumgarten(207–226) ebenso wie das Hamas-Wahlprogramm von 2006 im Anhang steht. Beim Lesen wird bald eine grundsätzlich unterschiedliche Perspektive beider Autoren klar. Beide sind sich einig, dass Israel nach 1967 jahrelang die Islamisten in Gaza und im Westjordanland als Konkurrenz zu der plo Yasir Arafats wenn nicht aktiv förderte, so doch wohlwollend tolerierte. Baumgarten sieht Hamas jedoch seit ihrer Gründung durch(den am 22.03.2004 von Israels Armee gezielt ipg 4/2007 Rezensionen/Book Reviews 167 getöteten) Ahmad Yasin hauptsächlich in einem politischen Konflikt mit Israel, in dem der Djihad, der Krieg gegen Ungläubige, inklusive Selbstmord-Attentate eine Kampfesform unter mehreren ist – zeitweilig stärker betont, zeitweilig schwächer.»Kämpferisch« bzw.»Kampf« übersetzt sie denn auch die Stellen im Wahlprogramm(230, 236), wo Croitoru(192) im arabischen Original Djihad liest. Baumgarten erkennt in Israels Staatsführung so gut wie keine Bereitschaft, mit dem palästinensischen Volk Frieden zu schließen. Der Anspruch von Hamas, ganz Palästina vom Mittelmeer bis zum Jordan als heiliges islamisches waqf (religiöse Stiftung) zu beherrschen, erscheint ihr als verhandelbare Maximalforderung; der Anspruch auf ganz Palästina erscheint ihr 2006 nur noch als»Traum« oder»Vision«(206). Kriegshandlungen beider Konfliktparteien stellt sie auf prinzipiell gleiche Ebene:»Sowohl die Hamas als auch Israel haben in zahllosen Fällen gegen internationales Recht verstoßen, wenn sie rücksichtslos Zivilisten töteten …«(189). Die über die Jahre häufig wiederkehrenden Angebote der Hamas, »Waffenstillstand« zu schließen, nimmt sie für bare Münze im Sinne einer Vorstufe für dauerhaften Frieden, während Croitoru(133 f.) in einem solchen Fall aus dem Jahre 1996 explizit von einem»als Waffenstillstandsangebot getarnten Ultimatum« schreibt. Croitoru zitiert an anderer Stelle(148) aus einer 1997 in Damaskus von einem »prominenten Hamas-Mitglied« publizierten arabischen Schrift über»MärtyrerTod-Operationen«, wonach alle erwachsenen Juden in Israel als Kombattanten gelten, folglich getötet werden dürfen,»da sie heiligen islamischen Boden besetzten«; der Titel fehlt unter Baumgartens Literatur. Croitoru erwähnt auch, dass Hamas»sehr genau zwischen tahdia, ›Beruhigung‹ der Lage, und hudna, einer Waffenruhe …« unterscheidet(173); ebenso wenig wie Baumgarten geht er auf das klassische hudna -Exempel der muslimischen Tradition ein: den Vertrag von Hudaibiyya, den der Prophet Mohammed 628 n. Chr. mit den heidnischen Mekkanern auf zehn Jahre schloss – um zwei Jahre später Mekka zu erobern. Generell betont Croitoru viel stärker als Baumgarten die Rivalität zwischen Hamas und Arafat, der autoritär Fatah, die plo und seit 1994 die Palästinensische Nationalbehörde als seine Machtinstrumente einsetzte. Er unterstellt Arafat ab 1988 echten Willen, seinen Staat Palästina auf die 1967 von Israel eroberten Gebiete zu begrenzen, und schreibt seine in der Folge schrumpfende Macht über das eigene Volk nicht nur israelischen Blockaden des Oslo-Prozesses nach 1993 zu, sondern gerade dem durch die blutigen Attentate im israelischen Kernland gestärkten Prestige der islamistischen Rivalen. Die in Europa gern unterstrichene Sozialarbeit der Hamas unter den Palästinensern und ihr Protest gegen die unter Arafat grassierende Korruption spielen in Croitorus Darstellung gewiss ebenso eine Rolle wie bei Baumgarten, aber keine prominente. Anerkennung zollt er durchweg – auch im Wahlkampf 2005/06 – der Hamas, weil sie sich»gradlinig und konsequent« zeigte und nicht versuchte,»ihren im Grundsatz islamistischen Charakter vor den Wählern zu verbergen«(189 f.). Das sticht ab vom Opportu168 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2007 nismus Arafats, der(das schreibt auch Croitoru, 140) auf Englisch oft Frieden anbot, während er auf Arabisch, um seine Macht zu retten, mit dem Extremismus der Hamas wetteiferte. Ich empfehle die Lektüre beider Bücher. Ja, Baumgartens»Herz[schlägt] für die Hamas«, wie der Rezensent des Berliner Tagesspiegel(28.02.2007) kritisiert; aber deswegen»präsentiert« sie noch längst nicht die Hamas, wie es dort heißt, »als eine Art islamistisches Müttergenesungswerk«. Ja, Baumgarten ergreift Partei, gerade indem sie Hamas-Terror und Israels Gegenschläge gleichsetzt, denn das streben doch alle Terroristen an, als ebenbürtige Kriegspartei zu gelten. Aber Hamas ist unter den Palästinensern schlicht und einfach eine Realität. Durch Zudrehen des europäischen Geldhahns oder Aufnahme in Terrorlisten wird sie nicht verschwinden. Der Leser wird Baumgartens Parteilichkeit durch Lektüre pro-israelischer Studien auszubalancieren haben(dazu empfehlen sich freilich Englischkenntnisse). Auch Croitoru sieht den»Prozess der Re-Islamisierung der palästinensischen Gesellschaft« in vollem Gang, und die Verbrüderung der sunnitischen Hamas mit der schiitischen Partei Gottes im Libanon(Hizbullah), das heißt mit Iran,»verheißt … nichts Gutes«(201); auf dieser pessimistischen Note schließt seine Studie, während Baumgarten auf ihrer letzten Seite einen(fürchte ich) naiven Optimismus ausstrahlt:»Ein Zusammenleben … ist möglich, da auf beiden Seiten Menschen leben und Politiker aktiv sind, die bereit sind, dieses durchzusetzen«(194); auf palästinensischer Seite ist ihr Zeuge dafür(ausgerechnet) Ahmad Yasin. Franz Ansprenger, Freie Universität, Berlin ipg 4/2007 Rezensionen/Book Reviews 169