normen mit selbstverpflichtendem Inhalt aus. Eine Hinwendung zu solcher Art »soft law« würden sowohl Regierungen als auch nichtstaatliche Subjekte in ihrer zwischen- bzw. transnationalen Zusammenarbeit zeigen. Die Monographie von Wilfried Bolewski bietet dem Leser eine Vielzahl von Denkanstößen für eine im Gefolge der Globalisierung notwendige Neubewertung internationaler Prozesse. Sie bewegt sich allerdings teilweise auf einem relativ hohen Abstraktionsgrad. Vorteilhafter für den Leser hätte sich gewiss eine stärkere Konzentration nur auf bestimmte Entwicklungsprobleme und eine tiefere mit Beweisen und Beispielen belegte Auslotung der Thesen des Autors ausgewirkt. Das gilt vor allem auch für den – gemessen am Buchtitel – etwas knapp ausgefallenen Teil, der völkerrechtlichen Aspekten gewidmet ist. Gerd Seidel, Berlin S. PAUL KAPUR: Dangerous Deterrent. Nuclear Weapons Proliferation and Conflict in South Asia Stanford 2007 Stanford University Press, 262 S. S üdasien im Allgemeinen und die Region Kaschmir im Besonderen gehören zu den bedeutendsten politisch-militärischen Brennpunkten der Gegenwart. Die Nuklearwaffenstaaten Indien und Pakistan stehen sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber, und es sind trotz sporadisch wiederkehrender Zeichen einer vorübergehenden Entspannung keinerlei langfristige Lösungsansätze zur Beilegung des nunmehr 60 Jahre anhaltenden Disputs zu erkennen. Der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton bezeichnete das Kaschmir-Tal angesichts des atomaren Vernichtungspotentials der verfeindeten Nachbarn gar als den»gefährlichsten Ort der Erde«. Eine wissenschaftlich-akademische Auseinandersetzung mit dem Konflikt bedarf daher kaum einer Relevanzbegründung. Die Atomwaffentests beider Staaten im Jahre 1998 und die damit offene und vermeintlich irreversible Nuklearisierung Südasiens sind von einigen Beobachtern als möglicherweise stabilisierendes Moment für die Region interpretiert worden. Die nukleare Abschreckung könnte, so das Argument, ähnlich wie in der Zeit des Kalten Krieges dafür sorgen, dass ein Konflikt zwischen Indien und Pakistan einer systemischen Selbstbegrenzung unterliegt und das Eskalationspotential deutlich verringert wird. S. Paul Kapur stellt in seinem Buch»Dangerous Deterrent« genau diese Logik in Frage. Gerade die Fokussierung auf die Erfahrungen des Kalten Krieges und der Konfrontation zweier Supermächte in einer bipolaren Weltordnung lasse an der Anwendbarkeit der Abschreckungstheorie auf andere Konflikte ipg 1/2008 Rezensionen/Book Reviews 149 zweifeln. Die wissenschaftliche Kenntnis zu den tatsächlichen Effekten nuklearer Proliferation in der Gegenwart, für Kapur eines der Hauptprobleme unserer Zeit, sei daher limitiert und zudem meist obsolet. Die Grundfragen seiner Studie sind folgerichtig: Welche Auswirkungen hat die Proliferation von Nuklearwaffen auf regionale Sicherheitsarchitekturen? Verringern oder steigern sie die Intensität von Konflikten? Wie und weshalb erzielen sie diese Effekte? Das spezifische Erkenntnisinteresse geht natürlich weiter: Welchen Einfluss hat die Ausbreitung von Nuklearwaffen auf die(konventionelle) militärische Stabilität in Südasien? Im ersten Kapitel(»The Problem of Proliferation«, S. 1–13) stellt der Autor seine Fragestellung vor. Kapur vertritt die These, dass entgegen der Logik der nuklearen Abschreckung die Proliferation von Atomwaffen die Region Südasien unsicherer werden lässt – Krisen und immer weiter eskalierende Konfrontationen werden durch sie erst heraufbeschworen. Er konstatiert eine Korrelation zwischen steigender konventioneller Instabilität und zunehmender Nuklearwaffenkapazität. Als Ursache sieht Kapur eine nunmehr im regionalen Sicherheitssystem angelegte »Belohnung« für aggressives Verhalten des konventionell unterlegenen Staates, also Pakistans. Dieses Argument wird im dritten Kapitel wieder aufgenommen und genauer erläutert. Zuvor rekapituliert der Autor knapp die historische Entwicklung der Nuklearisierung Südasiens(S. 2–6) – ein wertvoller und für das weitere Verständnis unerlässlicher Schritt. Der zweite Teilabschnitt(»Militarized Behavior During the South Asian Proliferation Process«, S. 14–31) beginnt mit einer kurzen Einschätzung des Forschungsstandes zu den Effekten nuklearer Proliferation. Der Verfasser kritisiert hierbei sowohl die von optimistischen wie auch die von pessimistischen Analysten hervorgebrachten Argumente. Beiden sei gemein, dass sie zwei schwerwiegende Versäumnisse beinhalten: Erstens würden sie regionale Kontexte vernachlässigen, und zweitens wären die Fallbeispiele willkürlich und unsystematisch gewählt, wodurch sie völlig verschiedene Sichtweisen gleichermaßen zu bestätigen scheinen (S. 15–16). Entsprechend versucht Kapur in der Folge, eine klare und systematische Methode für seine Studie zu entwickeln. Ziel ist es, die angesprochene Korrelation zwischen nuklearer Proliferation und(militärischer) Instabilität und größerer Unsicherheit wissenschaftlich zu dokumentieren. Der Autor greift hierbei auf Daten des Projekts»Correlates of War«( cow ) zurück, welches schon seit 1963 systematisch militärische Konflikte beschreibt und analysiert. Kapur beginnt seine Datenreihe jedoch nicht mit der Teilung Britisch-Indiens 1947, sondern setzt erst 1972 ein. Er begründet dies mit dem Umstand, dass erst der Krieg von 1971, welcher mit einer klaren Niederlage Pakistans und der Gründung Bangladeschs endete, die konventionellen Kräfteverhältnisse auf dem Subkontinent deutlich werden ließ und in der Folge eine völlig neue Kalkulation Pakistans erforderlich machte (S. 17–18). Der Untersuchungszeitraum beschränkt sich damit auf die dreißig Jahre zwischen 1972 und 2002. Der Verfasser unterscheidet hierbei drei verschiedene Phasen: Zwischen 1972 und 1989 sieht er einen»nichtnuklearen« Zeitraum, der 150 Rezensionen/Book Reviews ipg 1/2008 weitestgehend friedlich verläuft. Ab 1990 befinden sich Indien und Pakistan in einer Phase einer»De facto«-Nuklearwaffenkapazität, die von einer deutlichen Zunahme konventioneller militärischer Gewalt geprägt ist. Die Kernwaffentests 1998 eröffnen schließlich die Zeit des»offenen« Atomwaffenpotentials, in welcher die Auseinandersetzungen heftiger werden und Kriegsniveau(Kargil 1999) erreichen(S. 22–30). Die drei Phasen(1972–1989, 1990–1997 und 1998–2002) werden in den Kapiteln 4 bis 6 detailliert analysiert. Zunächst aber versucht der Verfasser im dritten Abschnitt(»Territorial Preferences and Military Capabilities«, S. 32–63), eine allgemeine theoretische Erklärung und Begründung für die steigende Instabilität in Südasien zu geben: Warum führt die Ausbreitung von Nuklearwaffen allen vorherrschenden Theorien zum Trotz zu mehr konventioneller militärischer Gewalt? Für Kapur liegt die Ursache in der veränderten Lage Pakistans. Im Gegensatz zu Indien war und ist das konventionell spätestens nach 1971 deutlich unterlegene Pakistan an einer Revision des Status quo interessiert. Der Erwerb von Atomwaffen verbessert die strategische Situation Islamabads nachhaltig. Pakistan kann aus zwei Gründen nunmehr auf konventioneller Ebene wieder offensiv-aggressiv agieren und eine Veränderung des Grenzverlaufs in Kaschmir anstreben: Indien kann, erstens, aus Furcht vor nuklearer Vergeltung nicht in vollem Maße konventionell zurückschlagen. Das atomare»Katastrophenpotential« verstärkt, zweitens, die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft und führt dadurch zu einer Internationalisierung des Konfliktes. Aggressives Verhalten von Seiten Pakistans wird also, zumindest theoretisch, lohnend: Eine Offensive kann vom Gegner Indien nicht mehr mit voller Kraft zurückgeschlagen werden, und eine zu erwartende rasche Intervention der globalen Gemeinschaft fungiert als»Sicherheitsnetz«, welches die»heiße« Konfrontation schnell beenden und eventuelle Landgewinne»einfrieren« könnte. In der Tat scheint die Kargil-Krise von 1999 dieses Argument zu bestätigen. Sicher ist damit in jedem Fall, so Kapur, dass die klassische Theorie der nuklearen Abschreckung im südasiatischen Kontext nicht anwendbar ist(S. 62). Die folgenden Abschnitte befassen sich nochmals ausführlich mit den unterschiedlichen Phasen der Nuklearkapazität Indiens und Pakistans. Das vierte Kapitel(»The Nonnuclear Period«, S. 64–91) beschreibt den Zeitraum von 1972 bis 1989. Interessant hierbei ist vor allem, dass der indische Atomtest von 1974 (»Smiling Buddha« oder Pokhran I) für Kapur keinen Widerspruch zu seiner Charakterisierung der Zeitspanne als»nichtnuklear« darstellt. Der Pokhran-Test habe demnach keinen Einfluss auf das indische Nuklearwaffenprogramm gehabt und sei auch für Pakistan kein entscheidender Grund zur Aufnahme eines eigenen Atomwaffenprogramms gewesen(S. 73) – eine Auffassung, über die man durchaus geteilter Meinung sein kann. Auch die Operation»Brasstacks«(wörtlich:»zur Sache kommen«), ein gigantisches Militärmanöver Neu-Delhis und eine bis dahin einmalige Mobilisierung der indischen Armee, welche die Region 1986/87 bis an ipg 1/2008 Rezensionen/Book Reviews 151 den Rand eines neuerlichen Krieges brachte, sieht der Autor nicht zwingend als Gegenargument zu seiner These, dass diese Phase friedlich verlaufen sei(S. 85–90). Insgesamt konstatiert Kapur lediglich für 30 der 216 Monate des Zeitraums 1972– 1989 einen quantifizierbaren militärischen Konflikt – weniger als ein Fünftel der Häufigkeit militärischer Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan in den zwölf folgenden Jahren(S. 90). Teilabschnitt 5 befasst sich mit der Periode einer»De facto«-Nuklearwaffenkapazität beider Staaten(»The De Facto Nuclear Period«, S. 92–114). Nun kommt erstmals das Argument einer lohnenden verstärkt offensiv-aggressiven Haltung Pakistans zum Tragen. Islamabad kann nun die Strategie eines begrenzten Konflikts(»low-intensity conflict«) in Kaschmir wagen und unterstützt einen antiindischen Aufstand politisch, finanziell und auch militärisch. Pakistans eigene faktische Atomwaffenkapazität schützt es vor einer groß angelegten konventionellen Vergeltung Indiens und befördert zudem die Internationalisierung der Konfrontation. Die Atomwaffentests von 1998 verändern die Situation insofern, als dass es nunmehr keine Unklarheiten über die Kapazitäten beider Staaten mehr gibt. Entsprechend der Logik des von Kapur entwickelten Arguments zeigt sich in dem im sechsten Kapitel(»The Overt Nuclear Period«, S. 115–140) behandelten Zeitabschnitt von 1998 bis 2002 auch eine weitere Intensivierung des Konflikts, welche in kriegerischen Militäroperationen gipfelt. Der Autor interpretiert die KargilKrise nachvollziehbar und begründeterweise als Krieg. Hier erreichte die Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan die höchste Eskalationsstufe seit dem Krieg von 1971. Zugleich fungiert Kargil als maßgebliches Fallbeispiel für die Gültigkeit der These, dass aggressives Verhalten des konventionell unterlegenen und mit dem Status quo unzufriedenen Staates nach einer Nuklearisierung lohnend sein kann(S. 120–127). Auch die Konfrontation von 2002 in Folge des Attentats auf das indische Parlament im Dezember 2001 fügt sich in das vom Verfasser entworfene Bild einer sich steigernden Konfliktintensität(S. 131–139). Nach einem Exkurs im siebenten Kapitel(»Beyond South Asia«, S. 141–168), welcher seine Hypothese auf andere Fälle wie China und Nordkorea anzuwenden versucht, wendet sich Kapur im Schlussabschnitt(»Dangerous Deterrent«, S. 169– 181) den Konsequenzen und Implikationen seiner Studie zu. Der Autor konstatiert zunächst nochmals die positive Korrelation von nuklearer Proliferation und(konventioneller) militärischer Instabilität in Südasien. Die Kombination von relativer konventioneller Stärke und territorialer Präferenz determiniert die Verhaltensweise eines Staates. Während ein konventionell überlegenes und am Status quo interessiertes Indien nicht-aggressiv und reaktiv agieren kann, bietet sich für ein militärisch unterlegenes und auf eine Veränderung der Grenzziehung abzielendes Pakistan eine Möglichkeit, aggressivere Strategien anzuwenden. Konkrete Wege aus diesem Dilemma vermag der Verfasser jedoch kaum aufzuzeigen – die Handlungsempfehlungen bleiben vage(S. 178–180). 152 Rezensionen/Book Reviews ipg 1/2008 Insgesamt liefert S. Paul Kapur einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Effekte nuklearer Proliferation im Allgemeinen und des Kaschmirkonflikts im Besonderen. Seine Kritik am klassischen Modell der nuklearen Abschreckung und die Entwicklung der Anfänge eines Alternativmodells sind besonders bemerkenswert. Der statistische Anhang und der umfangreiche und sehr detaillierte Anmerkungsapparat runden ein nicht nur für Friedens- und Konfliktforscher hochinteressantes Werk ab. Pierre Gottschlich, Universität Rostock Der Pakt um Stabilität(und Wachstum) in Europa DANIELA SCHWARZER: Fiscal Policy Co-ordination in the European Monetary Union. A Preference-Based Explanation of Institutional Change Baden-Baden 2007 Nomos Verlag, 203 S. D ie Spannungsfelder in der Europäischen Union haben sich in den letzten Jahren in unterschiedlichen Bereichen gezeigt. Besonders präsent in der öffentlichen Debatte war der Verfassungsvertrag, aber auch wettbewerbsrechtliche oder steuerrechtliche Fragen erzürnen die nationale Hochpolitik immer wieder aufs Neue. Bisweilen tendieren die vermeintlich mächtigen Mitgliedsstaaten auch dazu, sich gegen»Brüssel« zur Wehr bzw. sich über deren Direktiven hinwegzusetzen. So geschehen seit 2001 beim Stabilitäts- und Wachstumspakt( swp ), der aufgrund seiner starren Verschuldungs- und Defizitvorschriften häufig als zu rigide kritisiert wurde. Es kam zu trotzigen Regelverstößen, denen aufgeregte, aber zahnlose Sanktionsdrohungen von Seiten der eu -Kommission und Schelte aus den anderen eu -Ländern folgten. Im Jahr 2005 kam es dann tatsächlich zu einer Revision des Paktes, was in Anbetracht der notorisch trägen Institutionenlandschaft der eu einen bemerkenswerten Vorgang darstellte. Daniela Schwarzers Buch untersucht diesen Vorgang mit dem Ziel, die Überwindung der institutionellen Trägheit zu erklären. Zu Beginn geht sie der Frage nach, wie es Deutschland vermochte, den swp überhaupt in Europa durchzusetzen. Schließlich entsprach diese fiskalische Konstruktion dem stark interessengeleiteten monetaristischen Ideal der Deutschen Bundesbank. Nicht wenige Mitgliedsstaaten waren strikt gegen ein solches fiskalisches Korsett durch die eu . Das zweite»Puzzle«, das Schwarzer zu lösen versucht, ist die anfängliche Standhaftigkeit des Paktes und später dann dessen Aufweichung. Sie stellt die – nicht nur aus politikwissenschaftlicher Perspektive – interessante Frage, warum der swp nicht schon 2001 einer Reform unterzogen wurde, dann nämlich, ipg 1/2008 Rezensionen/Book Reviews 153