Scharpf, Fritz W.(2006):»Weshalb wurde so wenig erreicht?«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 50/ 2006(Themenheft ›Föderalismusreform‹) vom 11. Dezember 2006: 6–11, online: http://www.bpb.de/files/ jpkjt 0.pdf. J. TIMMONS ROBERTS/ AMY BELLONE HITE: The Globalization and Development Reader Perspectives on Development and Global Change Oxford 2007 Blackwell Publishing, 450 S. D er insbesondere seit den 1990er Jahren verwendete und diskutierte Begriff der Globalisierung ist bis heute aufgrund seiner Komplexität in seiner Bedeutung nur schwer zu definieren. Versucht man, ihn zeitlich einzugrenzen, so ist eindeutig, dass zu Beginn der 1990er Jahre ein regelrechter Boom an wissenschaftlicher Literatur zum Thema Globalisierung publiziert wurde. Dennoch muss beachtet werden, dass die Wurzeln dieses Forschungsgebietes weiter zurückreichen, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. So griffen David Held und Anthony McGrew in ihrem erstmals im Jahr 2000 veröffentlichten»The Global Transformations Reader« stellenweise auf Texte aus den 1970er Jahren zurück, u. a. auf Hedley Bull im Rahmen der Global Governance/World Order-Diskussion. Die Verfasser des dieser Rezension zugrunde liegenden Buches gehen gar noch einen Schritt weiter. Sie beginnen mit ihrem historischen Rückgriff im 19. Jahrhundert und führen den Leser systematisch durch das 20. bis ins 21. Jahrhundert. »The Globalization and Development Reader« von J. Timmons Roberts (Oxford University) und Amy Bellone Hite(Xavier University, New Orleans) ist eine Neuauflage des 2000 erschienenen»From Modernization to Globalization«, dem die beiden Herausgeber neben einigen Überarbeitungen auch 16 zusätzliche Artikel hinzugefügt haben, um der hohen Anzahl aktueller Publikationen des Forschungsgebietes gerecht zu werden. Die aktuelle Auflage teilt sich in fünf Kapitel, die sich sowohl thematisch als auch zeithistorisch voneinander abgrenzen, und beinhaltet insgesamt 27 Beiträge verschiedener Autoren. Die ersten beiden Kapitel können als historische Einleitung in das Thema Globalisierung und Entwicklung betrachtet werden. Das erste Kapitel beinhaltet eine Reihe(zum Teil) klassischer Schriften, angefangen von Marx/ Engels’»Manifesto of the Communist Party«(1848) und»Alienated Labor«(1844) über Webers»The Protestant Ethic and the Spirit of Capitalism«(1905) und Rostows»The Stages of Economic Growth: A Non-Communist Manifesto«(1960) bis hin zu Huntingtons»The Change to Change: Modernization, Development, and Politics«(1971) bzw. »Political Order in Changing Societies«(1968). Diese frühen theoretischen Konzepte des sozialen Wandels und der Entwicklung des Kapitalismus werden im zweiten Kapitel durch Theorien aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eripg 3/2008 Rezensionen/Book Reviews 141 gänzt, die von den Herausgebern als Vorstufen der Globalisierungstheorien bezeichnet werden. Dazu zählen»The Development of Underdevelopment«(1969) von Andre Gunder Frank und»Dependency and Development in Latin America« (1972) von Fernando Henrique Cardoso genauso wie Immanuel Wallersteins »The Rise and Future Demise of the World Capitalist System: Concepts for Comparative Analysis«(1979), Gary Gereffis»Rethinking Development Theory: Insights from East Asia and Latin America«(1989/ 1994) und Valentine M. Moghadams»Gender and the Global Economy«(1999). Die in diesem Kapitel thematisierten Modernisierungs- und Dependenztheorien sind als wissenschaftliche Ansätze eindeutig dem ökonomischen bzw. entwicklungspolitischen Bereich zuzuordnen und fallen selten in den Kontext globalisierungspolitischer Diskussionen. Den Herausgebern des vorliegenden Buches gelingt es dennoch, eine Brücke zwischen diesen verschiedenen Ansätzen aufzubauen, indem sie anhand der auf Modernisierung und Dependenz folgenden Weltsystemtheorie global-ökonomische Aspekte herausheben und die heutigen Vertreter dieses Ansatzes als aktive Teilnehmer an der Globalisierungsdebatte ausmachen(S. 75). Nach den theoretischen Grundlagen der ersten zwei Kapitel folgt im dritten die Auseinandersetzung mit globalen ökonomischen Veränderungen, eingeleitet von einem Beitrag über die Umstrukturierung von Arbeitsprozessen in den 1970er Jahren. Der damalige Rückgang der Investitionen in den Industriestaaten führte zu einem Anstieg der dortigen Arbeitslosigkeit, begleitet von Kürzungen im Sozialbereich und steigenden Gewinnen auf Seiten der Firmen. Diese verlagerten immer mehr Arbeitsplätze in Länder mit niedrigem Lohnniveau. Die dortige Bevölkerung konnte von den neuen Investitionen jedoch nur bedingt profitieren, da die von ihnen produzierten Güter für den Export in die Industriestaaten bestimmt waren. Interessant erscheint hier, dass der Beitrag aus dem Jahr 1980 eine auch heute noch aktuelle Problematik schildert. Ausgenommen sind die Abschnitte über konkrete Produktionsverlagerungen, die zum damaligen Zeitpunkt aus den usa nach Westeuropa vollzogen wurden, von Westeuropa wiederum nach Südeuropa und von Japan nach Südkorea und Taiwan. Hinzu kommt die Einwanderung billiger Arbeitskräfte in die usa und nach Westeuropa (S. 169). Weitere Schritte im Zuge der ökonomischen Umstrukturierung nennt Castells in seinem Beitrag, in dem er die Rolle Neuer Informations- und Kommunikationstechnologien( nikt ) zur Restrukturierung ökonomischer Prozesse darstellt. Höhere Produktivität durch technologische Innovationen werden dabei begleitet von einer Ausweitung der informellen Wirtschaftssektoren und einer Schwächung der Gewerkschaften. Trotz der von Castells postulierten Dezentralisierung der Produktion trat jedoch nicht das ein, was viele Analysten als Resultat des Einsatzes der nikt vorausgesagt hatten: das Ende der Stadt als ökonomisches Zentrum und Produktionsort. In»Cities in a World Economy« macht Saskia Sassen gar das Gegenteil aus: Seit dem Telekommunikationsboom der 1980er Jahre 142 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2008 ist die Firmendichte in den Wirtschaftszentren deutlich angestiegen. Sassen erläutert anhand ihres Konzeptes der globalen Städte die Herauskristallisierung neuer wirtschaftlicher Zentren wie New York, London, Tokio, Frankfurt, São Paulo, Mexico City und Mumbai. Diese stellen ein Netz strategischer Standpunkte bestimmter Wirtschafts- und Finanzsektoren dar, während traditionelle Industriestandorte und Hafenstädte relativ betrachtet an Bedeutung verlieren. Nach einem Beitrag über die Stabilisierung des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems durch den Aufbau der Entwicklungspolitik präsentiert Leslie Sklair eine kritische Auseinandersetzung mit Globalisierungsideen aus soziologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Seine Kritik geht dahin, dass ein großer Anteil der Autoren aus der Globalisierungsforschung die Begriffe Globalisierung und Internationalisierung nicht eindeutig voneinander abgrenzen(S. 233). Ferner macht er zwei Schwerpunkte der Globalisierungsforschung aus: 1) das Aufkommen einer globalisierten Wirtschaft, basierend auf neuen Produktionsformen, sowie 2) die Idee der globalen Kultur. Den Abschluss des dritten Kapitels macht Thomas Friedman mit»It’ s a Flat World, After All«, in dem er aus journalistischer Sicht seine persönlichen Eindrücke der Globalisierung anhand der indischen it -Industrie verdeutlicht. Das vierte Kapitel dieses Buches trägt den Titel»The Opportunities and Limits of Unfettered Globalization« und wird von Johan Norberg mit einer Verteidigung des globalen Kapitalismus begonnen. Er hebt die Vorteile globaler Umstrukturierungen hervor, von denen auch die ärmsten Bevölkerungsgruppen profitieren(Bildung, Infrastruktur, Arbeit usw.). Auch wenn deren Lebensbedingungen im Vergleich zu anderen Teilen der Weltbevölkerung unbestritten schlecht sind, so haben sie sich in den vergangenen Jahrzehnten doch enorm verbessert. Er hebt die Erfolge der Armutsreduzierung hervor und belegt sie anhand von Daten der Weltbank und des United Nations Development Programme( undp ), wobei er nicht nur von materiellem Einkommen, sondern auch von gestiegener Lebenserwartung, verbessertem Gesundheitszustand, gesunkener Kindersterblichkeitsrate und der stellenweise erfolgreichen Hungerbekämpfung spricht. Spätestens beim Thema Hunger oder den von ihm angeführten Wachstumsraten der Nahrungsmittelproduktion scheint sich seine Darstellung mit dem aktuell diskutierten Problem der Nahrungsmittelknappheit nicht zu vereinbaren. Doch sind Hungersnöte ihm zufolge als Mangel demokratischer Strukturen in den entsprechenden Ländern zu betrachten. Er betont, dass 40 Prozent der Weltbevölkerung heute in demokratischen Staaten mit Bürgerrechten leben, das größte demokratische Potential der Geschichte der Menschheit(S. 271). Skeptiker hätten wohl trotz allem eher die anderen 60 Prozent hervorgehoben. Norberg leugnet nicht die weiterhin bestehenden Probleme und globalen Herausforderungen angesichts von aids , Wassermangel oder der Flüchtlingsproblematik. Die positiven Auswirkungen von Demokratisierung und Kapitalismus lassen ihn jedoch optimistisch in die Zukunft blicken. Mit eher relativiertem Optimismus hingegen ipg 3/2008 Rezensionen/Book Reviews 143 betrachtet Joseph Stiglitz die globalen Veränderungen der vergangenen Jahre: »In many countries, globalization has brought huge benefits to a few with few benefits to the many. But in the case of a few countries, it has brought enormous benefit to the many«(S. 295). In seinem Beitrag erläutert er den Weg der ostasiatischen Staaten, die durch Export, Technologisierung und den Aufbau eigener Firmen einen enormen Wachstumsschub erhielten, und weist gleichzeitig auf die Risiken der liberalisierten Finanzsektoren hin, die andere Länder in die Krise stürzten. Den besten Weg zu finden, bleibt eine Herausforderung jedes einzelnen Staates. Während für viele Anhänger der Marktliberalisierung die Antwort klar sein dürfte, sieht Dani Rodrik hingegen nur einen schwachen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Öffnung und wirtschaftlichem Wachstum. Als Vorteil der Öffnung betrachtet er vielmehr die Importmöglichkeit von Ideen und Wissen sowie Kapital, das jedoch nicht unkontrolliert ins Land kommen darf. Als wichtige Voraussetzung für Entwicklungsländer nennt er eine Investitionsstrategie. Sollte diese nicht vorliegen, kann die wirtschaftliche Öffnung leicht in Instabilität, wachsender Ungleichheit und sozialen Konflikten resultieren(S. 307). Konflikte und Sicherheit stellen ein immer wichtiger werdendes Thema im Entwicklungsdiskurs dar. Humanitäre Hilfe, Konfliktlösung und Wiederaufbau von Staaten nach Kriegssituationen lassen Vertreter von Entwicklungs- und Sicherheitspolitik heute an einen Tisch kommen. Unterentwicklung wird als Sicherheitsrisiko betrachtet:»The focus of new security concerns is not the threat of traditional interstate wars but the fear of underdevelopment as a source of conflict, criminalised activity and international instability«(S. 339). Mark Duffield zufolge stellen die Anforderungen von Konfliktlösung und gesellschaftlichem Wiederaufbau eine Radikalisierung der Entwicklungspolitik dar(S. 344). Ein Phänomen, dass sich auch anhand der wachsenden Kooperation zwischen Bundeswehr und deutschen Entwicklungshilfeorganisationen beobachten lässt, zum Beispiel in Afghanistan. Das fünfte und letzte Kapitel des Buches befasst sich vornehmlich mit sozialen Bewegungen, ngo s und sogenannten»advocacy networks«, die insbesondere in den 1990er Jahren als globalisierungskritische Bewegung oder Globalisierungsgegner Teil des zivilgesellschaftlichen Diskurses der Globalisierung wurden. Jeffrey D. Sachs wirft der Antiglobalisierungsbewegung in seinem gleichlautenden Beitrag eine Verkennung der ökonomischen Vorteile der Globalisierung für die ärmsten Bevölkerungsgruppen der Welt vor, spricht ihnen aber gleichzeitig seine Sympathie für ihre moralischen Standpunkte aus. Neben fünf kurzen Kommentaren zur globalen Arbeiterbewegung und David Helds/Anthony McGrews Ausführungen über eine kosmopolitische Sozialdemokratie befindet sich in diesem Kapitel auch ein Beitrag von Manisha Desai, in dem sie sich mit Globalisierungsaspekten aus feministischer Sicht befasst. Sie erläutert darin die vier Phasen der Frauenförderung im Rahmen der un , mittels verschiedener Kommissionen, spezialisierter Forschungsinstitute und Organisationen. Ferner analysiert sie die 144 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2008 »Feminisierung« der globalen Arbeitskraft und den Anstieg weiblicher Beschäftigter im schlecht bezahlten Dienstleistungssektor und in der informellen Wirtschaft und Heimarbeit. Trotz berechtigter Kritik wirken Teile ihrer Ausführungen (wie auch andere in diesem letzten Kapitel) jedoch eher ideologisch als sachlich argumentierend. So in etwa ihr Hinweis auf toxische und andere Verunreinigungen einkommensschwacher Stadtteile, die immerhin eine Belastung für die gesamte Anwohnerschaft darstellen und nicht bloß(wie sie es darstellt) für deren weiblichen Anteil(S. 405). »The Globalization and Development Reader« stellt eine sehr gute und vor allem aktuelle Sammlung von für den Globalisierungsdiskurs wichtigen Beiträgen dar. Insbesondere die ersten beiden Kapitel können als eine gelungene Einordnung der Globalisierungsproblematik in einen historischen Kontext betrachtet werden. Dadurch kann der immer noch weit verbreitete Anschein genommen werden, bei Globalisierung handele es sich um ein Phänomen, das erst seit den 1990er Jahren ein Gesicht bekommen habe. Während das Werk für Studenten äußerst empfehlenswert ist, haben langjährige Forscher den größten Teil der Beiträge allerdings wohl schon an anderer Stelle gelesen. Daniel Oppermann, Universität von Brasilia(UnB) JIWEI LOU/ SHUILIN WANG: Public Finance in China Reform and Growth for a Harmonious Society Washington d.c. 2008 World Bank Publications, 400 S. C hinas Aufstieg ist eine Erfolgsgeschichte mit Schattenseiten; dies ist der chinesischen Regierung wie auch der internationalen Fachöffentlichkeit nicht entgangen. Dank Wachstumsraten von durchschnittlich 9,8 Prozent seit 1979 ist China zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen und hat 400 Millionen Menschen aus der absoluten Armut befreit. Gleichzeitig hat die Umwandlung von einer nahezu autarken sozialistischen Planwirtschaft zu einer mit der internationalen Wirtschaft eng verflochtenen marktwirtschaftlich orientierten Volkswirtschaft zu erheblichen sozialen und ökologischen Verwerfungen geführt. Die wachsende wirtschaftliche und soziale Kluft zwischen Küsten- und Binnenregionen, Stadt und Land sowie armen und reichen Teilen der Gesellschaft hat China dem Gini-Index zufolge bereits zu einem der ungleichsten Länder der Welt gemacht. Mindestens ebenso dramatisch sind die umweltpolitischen Folgekosten, die sich aus Chinas Position als»Werkbank der Welt« ergeben haben. Die chinesische Führung unter Präsident und Parteichef Hu Jintao sieht deshalb die ipg 3/2008 Rezensionen/Book Reviews 145