IMPULS Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa Schweden – wie steht es um die öffentlich-­rechtlichen Medien? Anne Kaun und Michele Madeleine Biendara(aus dem Englischen übersetzt von Tobias Gabel) 1. Einleitung und Kontextualisierung Die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien im ­Mediensystem Die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten(ÖRM) in Schweden sind in drei(Kapital-)Aktiengesellschaften nach der schwedischen Rechtsform des Aktiebolag(AB) gegliedert: Sveriges Radio(SR„Schwedisches Radio“), Sveriges Television(SVT,„Schwedisches Fernsehen“) und Sveriges Utbildningsradio(UR,„Schwedischer Bildungsfunk“). Diese drei Gesellschaften befinden sich alle in der Hand einer übergeordneten, separat organisierten Stiftung(Förvaltningsstiftelsen för Sveriges Radio AB, Sveriges Television AB och Sveriges Utbildningsradio AB, vgl. Förvaltningsstiftelsen o. J.). Die von der schwedischen Regierung erteilte Rundfunklizenz bildet den Rahmen für die Tätigkeiten und Aufgaben der drei Gesellschaften und legt die Grundsätze ihrer Finanzierung fest. Die vergangene Rundfunklizenz galt für die Jahre 2020 bis 2025(Sveriges Radio 2025a). Die Lizenz für die Jahre 2026 bis 2033 trat im Herbst 2025 in Kraft. Private Anbieter gelten als kommerzielle, ­marktorientierte Ergänzung zu den ÖRM und bieten ein breites Spektrum an Inhalten. Ihr Ziel ist die Erwirtschaftung von Gewinnen. Die Teilgesellschaften der schwedischen ÖRM müssen sicherstellen, dass ihre Programmgestaltung Diversität fördert und den medialen Produktionsmarkt im Inland stärkt(Myndigheten för press, radio och TV 2024). Ihnen kommt eine tragende Rolle für den Erhalt und die Wiederbelebung der schwedischen Sprache und Kultur einerseits sowie andererseits der Sprachen und Kulturen der fünf nationalen Minderheiten in Schweden zu. Mit Inkrafttreten des„Gesetzes über nationale Minderheiten und Minderheitensprachen“ 2010 genießen diese Sprachen besondere För derung und Schutz. Allerdings liegen zu diesen Gruppen keine exakten offiziellen Zahlen vor. Bisher wurde keine Volkszählung durchgeführt, um speziell die Größen der fünf Minderheitengruppen in Schweden zu ermitteln. Zu den anerkannten nationalen Minderheiten zählen Juden und Jüdinnen(mit ihrer Sprache, dem Jiddischen), Roma (Romani), Sami(Samisch), Schwedenfinnen(Finnisch) sowie Tornedaler(mit ihrem dem Finnischen sehr ähnlichen Dialekt Meänkieli). Die jüdische Bevölkerung Schwedens Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Schweden 1 wird auf etwa 20.000 bis 25.000 Personen geschätzt, die der Roma auf 50.000 bis 100.000 und die der Sami auf 20.000 bis 30.000 Personen. Die Schwedenfinnen bilden mit 400.000 bis 700.000 Personen die größte Minderhei tengruppe in Schweden, mit großem Abstand gefolgt von den Tornedalern, denen schätzungsweise 50.000 Personen angehören. Insgesamt zählen etwa zehn Prozent der schwedischen Bevölkerung zu einer der anerkannten Minderheitengruppen(Swedish Institute 2025). Die öffentlichrechtlichen Medienanstalten spielen eine wichtige Rolle bei der Produktion von Lehr- und Lernmaterialien für die nationalen Minderheiten und deren Sprachen. Sie stellen einen Großteil der Versorgung mit Informations- und Bildungsres sourcen sicher, während einschlägige Lehrbücher beispielsweise kaum existieren. Darüber hinaus bieten diese Inhalte der ÖRM auch jenen Menschen in Schweden, die den betreffenden Minderheiten nicht angehören, eine Möglichkeit, sie kennenzulernen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen(Jaakkola 2024). Die Fernsehanstalt Sveriges Television(SVT) tritt mit dem erklärten Ziel an,„zu einem wissbegierigeren und besser informierten Schweden beizutragen. Unser Ziel ist es, Inhalte zu schaffen, die fesseln, unterhalten und bereichern – im Dienst der Öffentlichkeit“(SVT o. J.a). Das Programm richtet sich an die gesamte Bevölkerung des Landes und umfasst die Bereiche Information, Kultur und Unterhaltung. SVT möchte seinem Publikum in einer Zeit zunehmend fragmentierter Mediennutzung Gemeinschaftserlebnisse bieten und die erste Informationsquelle bei wichtigen Ereignissen sein. SVT ist die einzige Fernsehanstalt, die ein breites Angebot an Programmen in schwedischer Sprache sendet. Das traf im Jahr 2024 auf rund 72 Prozent aller von SVT ausgestrahlten Sendungen zu (SVT o. J.b). Der Sender unterhält fünf landesweite Fernsehkanäle mit unterschiedlichen Programmschwerpunkten, einen davon in Kooperation mit dem Bildungssender UR (Kunskapskanalen,„der Wissenssender“). Zusätzlich bietet SVT digitale Inhalte und Streamingangebote, die auf der Website, über die eigene Videostreamingplattform SVT Play sowie auf anderen digitalen Plattformen genutzt werden können(SVT o. J.a). SVT beschäftigt rund 2.100 Mitar beitende, darunter eine schwankende Zahl in befristeten Beschäftigungsverhältnissen mit 128 unterschiedlichen ­Tätigkeitsprofilen. Das Geschlechterverhältnis der Belegschaft ist nahezu ausgeglichen(49 Prozent Frauen, 51 Pro zent Männer). SVT unterhält Zweigstellen an 50 Stand­ orten in ganz Schweden sowie ein weltweites Korrespondent:innennetzwerk(SVT o. J.c). Laut„Öffentlichkeitsreport 2024“ erreicht das Unternehmen mit seinen Fernsehkanä len und anderen Diensten regelmäßig rund 81 Prozent der schwedischen Bevölkerung. Die Nutzer:innen konsumieren diese Inhalte im Durchschnitt 41 Minuten am Tag(SVT o. J.d). Die Streamingplattform SVT Play hat in Schweden ein größeres Publikum als der weltweit führende kommer zielle Anbieter Netflix(MMS 2025). Die Hörfunkanstalt Sveriges Radio(SR) formuliert den eigenen Anspruch in dem Motto:„Mehr Stimmen und stärkere Geschichten für ein besseres Verständnis“(Sveriges Radio 2021). Auch SR möchte mit seinen Dienstleistun gen die gesamte schwedische Öffentlichkeit erreichen und einen Journalismus bieten, der unabhängig und vielfältig ist und seinen Hörer:innen zahlreiche kulturelle Erl­ebnisse bereithält. Darüber hinaus sieht SR sich als eine wichtige Informationsquelle in Krisenzeiten(Sveriges ­Radio 2023a), wie SR-Intendantin Cilla Benkö in dieser Aussage deutlich macht:„Selbst diejenigen, die unsere ­redaktionelle Notwendigkeit infrage stellen, sehen doch ein, dass wir für die Sicherheit unseres Landes unverzichtbar sind. Sollte es – Gott bewahre – zu einem Krieg in Schweden kommen, dann wäre SR womöglich das einzige Medienunternehmen im Land, das noch sendebereit ist. Wir senden weiter, selbst wenn der Strom ausfällt“ ­(Lewitschnik/Lucey 2025). SR betreibt drei landesweit ausgestrahlte Radiosender mit unterschiedlichen Programmschwerpunkten sowie einen Lokalsender, der 25 Landesregionen versorgt. Zusätzlich hat SR eine eigene Website, Podcasts und neben der Streamingplattform SR Play noch andere digitale Plattformen im Angebot. Im Jahr 2024 strahlte SR ein Gesamtpro gramm von 140.000 Stunden aus, was einer täglichen Sen dezeit von 380 Stunden entspricht. SR produziert Program me und Inhalte in zehn verschiedenen Sprachen, darunter auch mehrere nationale Minderheitensprachen(Sveriges Radio 2025b). Im Dezember 2024 beschäftigte SR an 50 festen Standorten und temporären Zweigstellen in ganz Schweden insgesamt 2.233 Mitarbeitende. Außerdem ver fügt SR über das größte Korrespondent:innennetz aller nordischen Länder, mit 18 Journalist:innen, die auch aus geografisch weit entfernten Gebieten berichten, sowie zwei weiteren Korrespondent:innen, die globale Themen ab­ decken(Sveriges Radio 2025c, 2025d). 55 Prozent der schwedischen Bevölkerung hören mindestens einmal am Tag ein SR-Programm, 78 Prozent mindestens einmal wö chentlich. Im Durchschnitt hat das SR-Programm 7,4 Mil­ lionen Hörer:innen pro Woche(Sveriges Radio 2024a). Der Schul- und Bildungssender Sveriges Utbildningsradio(UR) folgt dem Motto„Wissen fürs Leben“. Diese ­Teilmedienanstalt will für alle Menschen in Schweden Bildungs- und Wissensangebote bereitstellen, insbesondere aber für Kinder und Jugendliche sowie für Lehrkräfte Unterrichtsmittel. Zu diesem Zweck entwickelt UR einerseits Bildungsprogramme für Schulen und Öffentlichkeit und bietet andererseits sachliche, vorurteils- und werbefreie Sendungen an(UR o. J.a). UR verbreitet seine Inhalte über die Kanäle von SVT und SR sowie direkt über das Internet. Die Streamingplattform des Unternehmens heißt UR Play. Zusätzlich bietet UR eine eigene App für Vorschulkinder. Die Inhalte können auch über andere digitale Plattformen bezogen werden. An seinen Standorten in Stockholm, Göteborg und Malmö beschäftigt UR rund 230 Mitarbeitende. Das Zielpublikum von UR sind generell alle, die Bildungsund Wissensinhalte nutzen möchten(UR o. J.b). Lehrkräfte machen naturgemäß einen großen Teil der Nutzerschaft aus. Laut einem UR-Bericht von 2024 nutzen 65 Prozent der schwedischen Lehrkräfte die bereitgestellten Inhalte mindestens einmal im Monat. Die App für Vorschulkinder verzeichnet durchschnittlich 90.000 aktive Nutzer:innen im Monat, und die Nutzungszahlen der UR-Radioprogramme auf UR Play sind 2024 gestiegen. Die Vergleichswerte der Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Schweden 2 Fernsehprogramme divergieren hingegen teilweise sehr (Sveriges Utbildningsradio AB 2025). Alle drei Sendeanstalten genießen, wie dargestellt, ein hohes Maß an Vertrauen in der schwedischen Gesell schaft, sowohl links wie rechts des politischen Spektrums – mit Ausnahme der rechtspopulistischen Sverigedemo­ kraterna(SD, die Schwedendemokraten)(vgl. Medie­ akademin 2025). Die geschichtliche Entwicklung des ÖRR in Schweden Am 1.1.2025 feierte SR sein 100. Sendejubiläum. Die älteste Rundfunkanstalt Schwedens ist damit nur drei Jahre jünger als die britische BBC. Die Geschichte der ÖRM in Schweden beginnt aber schon 1924 mit der Gründung von Radio­ tjänst(„Radiodienst“), der Vorgängergesellschaft, aus der später Sveriges Radio hervorgehen sollte. Am 1.1.1925 ging Radiotjänst erstmals auf Sendung. Anfangs gab es nur sieben Mitarbeitende und einen einzigen Sender, der jeden Abend für wenige Stunden aktiv war. 1928 startete das Schulradio. Lehrer:innen konnten die Sendungen im UnterAbb. 1 Zeitleiste der wichtigsten Entwicklungen im ÖRR Skandinaviens (mit besonderem Fokus auf Schweden) 1980er/1990er Jahre: Abschaffung der Sendemonopole. Konkurrenz des ÖRR mit privaten Anbietern beginnt 1950er/1960er Jahre: Fernsehangebote kommen dazu frühes 20. Jh.: Entstehung des skandinavischen ÖRR(als Radiogesellschaften) 1970er Jahre: Satellitentechnologie wird eingeführt. Privatwirtschaftliche Akteure drängen auf eine Liberalisie­rung des Rundfunkmarkts 2000er Jahre: Digitale Netze werden ausgebaut, was die Einrichtung von Nischenkanälen ermöglicht. ÖRRGesellschaften erweitern ihr Angebot auf digitale Plattformen (Zweitverwertung analoger Inhalte/ Produktion genuin digitaler Inhalte) 1950 Allgemeine Entwicklung in Skandinavien 1960 1970 1980 1990 2000 Schlüsselmomente der schwedischen Rundfunkgeschichte 1938 Erste Frau als Nachrichtensprecherin 1928 Erste Sendung des Schulradios 1925 Erste Sendung der Radiotjänst AB 1924 Gründung der Radio­tjänst AB („Radiodienst“) 1969 Zweites Fernseh­ programm geht auf Sendung 1962 Drittes Radioprogramm 1989 Beginn des 24-StundenSendebetriebs 2019 Pauschale Rundfunk­ gebühr wird durch personalisierten ÖRRBeitrag abgelöst geht auf Sendung 1995 1957 Radiotjänst AB wird in Sveriges Radio(SR) umbenannt 1956 1978 Gründung des Erste Digitalsendung des SR Bildungssenders Utbildningsradio(UR) Fernsehbetrieb wird aufgenommen 1977 Lokalradio geht 1955 auf Sendung Zweites Radioprogramm geht auf Sendung Quelle: Syvertsen et al. 2014. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Schweden 3 richt nutzen. Zunächst war die schwedische Schulbehörde (Skolöverstyrelsen) für die Programmgestaltung zuständig. 1931 übernahm Radiotjänst diese Aufgabe. Bis 1931 wurden sämtliche Sendungen live ausgestrahlt, was sich mit der Einführung der Schallplatte im Sendebetrieb änderte. In den frühen Jahren wurde die tägliche Sendezeit schrittweise erweitert, bis Radiotjänst 1933 schließlich mit rund acht Stunden täglich auf Sendung war. Als 1938 die ersten Nachrichtensprecherinnen den Dienst antraten, reagierte die schwedische Öffentlichkeit empört: Nachrichten waren bis dahin Männersache, und nach allgemeiner Auffassung sollten Frauen über Kriege und andere Grausamkeiten nicht berichten. Radiotjänst spielte eine entscheidende Rolle bei der schwedischen Mobilmachung, als deutsche Truppen 1939 in Polen einmarschierten, und berichtete in gro ßem Umfang. Das Radio war damals der schnellste Weg, um Nachrichten und Informationen möglichst weit zu verbreiten – und noch immer ist es eine Aufgabe der Lokalsender von SR, die Bevölkerung in Notlagen mit aktuellen Informationen zu versorgen. 1955 nahm Radiotjänst einen zweiten Radiokanal in Betrieb und erweiterte sein Programm 1956 schließlich um Fernsehsendungen. Mit dem Eigentümerwechsel 1957 wurde der Sender in Sveriges ­Radio umbenannt. 1959 wurde erstmals„Sommer auf P1“ ausgestrahlt, die bekannteste und beliebteste Sendung im SR-Programm. Heute erreicht sie rund 600.000 Hörer:innen auf UKW, und im Durchschnitt folgen mehr als 1 Million Menschen dem Podcast. Ein dritter landesweiter Kanal wurde 1962 eingerichtet, der schließlich zwei Jahre später dauerhaft auf Sendung ging. 1966 wurden die Inhalte der drei Radiosender in drei spezifische Programmprofile unterteilt: P1 bot Talk-Inhalte und Information, P2 Bildungs- und Regionalprogramme sowie E-Musik, P3 U-Musik und Nach richten. Im Jahr 1969 kamen ein zweiter Fernsehkanal und eine finnischsprachige Redaktion hinzu. Und seit 1975 gibt es auch Sendungen in serbokroatischer, griechischer sowie türkischer Sprache. Mit dem Start des Lokalradios im Jahr 1977 konnten die Schwed:innen auch erstmals Nach richten aus ihrer Region in ihrem Dialekt hören. Heute werden diese Lokalprogramme über den Kanal P4, den inzwi schen größten Sender des Unternehmens, ausgestrahlt. 1978 kam das Bildungsradio UR hinzu und ersetzte ein ­Komitee, das in den 1960er Jahren eingerichtet worden war, um sich mit Fragen der pädagogischen Nutzung des Radios zu befassen. 1979 wurde Sveriges Radio neu orga­ nisiert: Der Muttergesellschaft Sveriges Radio unterstanden nun vier programmproduzierende Tochteranstalten (Sveriges Riksradio, Sveriges Lokalradio, Sveriges Utbildningsradio, Sveriges Television): ein„Reichsradio“, ein ­„Lokalradio“, ein„Bildungsradio“ und das Fernsehen. ­Letzteres übernahm fortan die Verantwortung für alle TVInhalte. Nach dem tödlichen Attentat auf den ehemaligen schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme im Jahr 1986 wurde ein 24-Stunden-Programm eingeführt (Sveriges Radio 2023b, 2024a). Die Muttergesellschaft wurde 1993 wieder aufgelöst. Sveriges Riksradio und Sveriges Lokalradio fusionierten. Im selben Jahr fiel das staatliche Radiomonopol, und erste private Radiosender nahmen neben SR den Sendebetrieb auf. Ein Jahr später änderte sich die Eigentümerstruktur von SR erneut: Die Aktien des Unternehmens befanden sich fortan zu 100 Prozent im Besitz einer Stiftung(Sveri ges Radio 2024b). Am 27.9.1995 sendete SR zum ersten Mal digital. 2002 wurden Sendungen in Romani ins Programm genom men. Digitale und webbasierte Kanäle kamen 2003 hinzu, und 2005 begann SR, in Podcast-Produktionen zu investie ren.„P3 Dokumentär“ war einer der ersten Podcasts und zählt noch immer zu den beliebtesten. 2016 führte SR TalkInhalte in arabischer Sprache sowie in„leichtem Schwedisch“(på lätt Svenska) ein, die sich an Zugewanderte richten. Im Januar 2019 fiel schließlich die bislang pauschale Rundfunkgebühr weg und wurde durch einen personalisierten ÖRR-Beitrag ersetzt, dessen Höhe sich an dem zu versteuernden Einkommen orientiert(Skatteverket o. J.). 2021 erhielt Sveriges Radio den Innovationspreis der Europäischen Rundfunkunion für neue Entwicklungen in der Radiotechnik. Damit würdigte man die Einführung des redaktionell gesteuerten Algorithmus„Nyhetsvärden“ („Nachrichtenwert“). Im Folgejahr lancierte SR einen Nachrichten-Podcast in russischer Sprache, der über den Krieg in der Ukraine berichten sollte. Zudem wurden Nachrichten in ukrainischer Sprache ins allgemeine Programm genommen. 2024 testete SR den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI), um Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen bei der Nutzung seiner Inhalte zu unterstützen. Nicht umsonst gilt die schwedische Sendeanstalt als Pionierin im Einsatz von KI für den ÖRM-Bereich(Public Media Alliance 2025). 2. Analyse Governance Das Rundfunk- und Fernsehgesetz(Radio- och tv-lag) von 2010 ist die wichtigste Rechtsgrundlage für die Regulierung der öffentlich-rechtlichen Medien in Schweden. Es gilt auch für private Anbieter. Das Gesetz enthält die ­Lizenzregularien, Vertriebsbestimmungen, Inhalts- und Werbevorschriften sowie die Regelungen über Sponsoring und Aufsicht der einzelnen Sendegesellschaften(Myndigheten för press, radio och TV 2025). Die primäre Regulie rung öffentlich-rechtlicher Medien in Schweden erfolgt ­jedoch durch die staatliche Lizenzvergabe. Die zuständige Medienbehörde(Mediemyndigheten), vor allem aber die Aufsichtskommission für Radio und Fernsehen(Granskningsnämnden för radio och TV – GRN), bilden hier das zentrale Aufsichtsorgan. Neue Dienste der ÖRM, die länger als zwölf Monate betrieben werden, müssen der Aufsichtskommission vorab zur Prüfung gemeldet werden. Ihre Hauptaufgabe besteht jedoch in der Bearbeitung von ­Beschwerden, beispielsweise über Parteilichkeit in der Berichterstattung oder Verstöße gegen Werbevorschriften. Diese grundsätzliche Beschwerdemöglichkeit bei der GRN besteht für alle Zuschauer:innen. Die Kommission besteht aus einem/einer Vorsitzenden, sechs ordentlichen und sechs stellvertretenden Mitgliedern, die von der Regierung ernannt werden. Die Kommission überwacht nicht nur die Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Schweden 4 Inhalte des öffentlich-rechtlichen Sendebetriebs, sondern auch die Wirtschaftsberichterstattung, was für eine aus­ reichende Transparenz in der Öffentlichkeit sorgen soll ­(Regeringskansliet 2025). Das neue Gesetz über öffentlichrechtliche Medien(Lag om public service) räumt der Frage der Unparteilichkeit in der Berichterstattung, die durch eine unabhängige Forschung überwacht werden soll, ­erneut eine besondere Bedeutung ein. Zusätzlich wird dieser Punkt von der GRN-Aufsichtskommission überwacht und bewertet. Finanzierung Die Gesellschaften der ÖRM in Schweden werden durch einen Pflichtbeitrag finanziert, der von allen Steuerzahler:innen im Land entrichtet und zusammen mit der Einkommensteuer vom Finanzamt(Skatteverket) eingezogen wird. Dieses Modell hat 2019 die frühere Lizenzgebühr für Fern seh- und Radiogeräte, die von der Rundfunklizenzbehörde Radiotjänst erhoben wurde, abgelöst. Eine im Zuge der Umstellung durchgeführte Umfrage ergab, dass die Mehrheit der Bevölkerung die öffentlich-rechtlichen Sender als „eine lohnende Investition“ betrachtet(SV Statistik o. J.). Der jährliche Rundfunkbeitrag beträgt heute maximal 1.249 Schwedische Kronen(130 Euro) für Personen mit einem Jahreseinkommen über 124.930 Schwedische Kronen (13.000 Euro). Personen mit geringerem Einkommen zahlen ein Prozent ihres Einkommens. Die eingenommenen Beiträge werden getrennt vom Staatshaushalt verwaltet. Die Höhe der Zuweisungen an die einzelnen Gesellschaften richtet sich nach deren Größe und internationalen Ver gleichswerten(Sveriges Radio 2025e). Im Jahr 2024 erhielt SR 3,4 Milliarden Schwedische Kronen(309 Millionen Euro), SVT 5,6 Milliarden Schwedische Kronen(509 Millio nen Euro) und der Bildungssender UR 491 Millionen Schwe dische Kronen(45 Millionen Euro). Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind die ÖRM in Schweden gut finanziert. Die schwedischen Gesellschaften zählen zu den fünf öffentlich-rechtlichen Verbünden mit den höchsten Pro-Kopf-Budgets in Europa. Bis vor Kurzem stieg das ­Budget der ÖRM in Schweden automatisch um zwei Prozent pro Jahr, um der Inflation und den stetig erweiterten Aufgaben gerecht zu werden. Diese Praxis änderte sich mit dem neuen ÖRM-Gesetz(Lag om public service), das 2025/2026 in Kraft getreten ist. Die Mittel werden 2026 um drei Prozent(gegenüber 2025) erhöht, für den Zeitraum von 2027 bis 2030 erneut um zwei Prozent und für die Jahre 2031 bis 2033 um lediglich einen Prozent. Bei einer ge schätzten Inflation von etwas über zwei Prozent kommt dies einer effektiven Budgetkürzung gleich(TU 2024). Sowohl SVT als auch SR haben 2024 darauf hinge wiesen, dass das vorgeschlagene Finanzierungsmodell nicht geeignet ist, die steigenden Kosten zu decken(Public Media Alliance 2024). Insbesondere angesichts der neuen Aufgaben der ÖRM, die im Zuge erhöhter geopolitischer Spannungen aufgekommen sind, halten führende Vertreter:innen der Sendeanstalten das Finanzierungsmodell für problematisch. Höhere Effizienz kann die realen Kürzungen zwar teilweise kompensieren, aber eben nicht vollständig. In den vergangenen zwei Jahren wurden bei den drei Sendern insgesamt bereits über 200 Journalist:innen entlassen (Lewitschnik 2025). Wettbewerb Die Reichweite des schwedischen Fernsehens und Radios ist hoch: SVT wird jede Woche von 80 Prozent und SR von 70 Prozent aller Menschen gesehen beziehungsweise ge hört, bezogen auf die Gesamtbevölkerung des Landes von 10,6 Millionen Einwohner:innen(Stand 2024). Diese Anga ben umfassen das lineare Fernsehen, das Radio sowie Streaming- und On-Demand-Angebote. Im Jahr 2024 war die Streamingplattform SVT Play in Schweden selbst sogar beliebter als Netflix(SVT Play: 29 Prozent – Netflix: 21 Prozent). Das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien ist hoch. 73 Prozent der Bevölkerung äußern ihre große ­Zufriedenheit mit SVT, 71 Prozent mit SR – das sind die höchsten Werte aller schwedischen Medien und mit die höchsten in ganz Europa. Auch der gesellschaftliche Nutzen der Medien wird von der schwedischen Bevölkerung als hoch eingeschätzt: 82 Prozent der Befragten gaben an, dass SVT einen„sehr großen“ oder„ziemlich großen“ Wert für die schwedische Gesellschaft besitze. 78 Prozent äußer ten sich ähnlich über SR. Damit liegen SVT und SR ganze 20 bis 30 Prozentpunkte vor anderen Medien wie etwa den großen Zeitungen und kommerziellen Fernsehsendern des Landes. In Debatten über das Vertrauen in„die Politik“ wurde bisher oft die These vertreten, dass die Polarisierung in der Gesellschaft zunehme oder die allgemeine Vertrauens­ neigung abgenommen habe. Studien zeigen jedoch, dass das Vertrauen in die Medien über das gesamte politische Spektrum hinweg hoch ist. Selbst unter den Schwed:innen, die sich selbst dem rechten Spektrum zurechnen, haben 57 Prozent großes Vertrauen in das schwedische Fernse hen, und 68 Prozent vertreten die Ansicht, es habe einen hohen Wert für die schwedische Gesellschaft. Deutliche Ausreißer in dieser Statistik bilden allerdings wieder die Anhänger:innen der extremen Rechten, der Schweden­ demokraten. Ihre Zustimmungswerte sind deutlich niedriger, was mit einem geringeren Vertrauen in öffentliche ­Einrichtungen, Politik sowie Mitbürger:innen insgesamt korreliert(Medieakademin 2025). Auf politischer Ebene konzentrieren sich die Diskussionen über die ÖRM in Schweden und ihr Verhältnis zu kommerziellen Anbietern vor allem auf mögliche Wettbewerbsvorteile, die die ÖRM bei ihrer Erweiterung in andere, digitale Bereiche haben. So wurde SVT aus der schwedischen Verlagsbranche der Vorwurf gemacht, auf seinen ­digitalen Plattformen(zu) lange Begleittexte zu den(Fernseh-)Nachrichtenbeiträgen anzubieten. Dadurch entstünde eine unzulässige Konkurrenzsituation der Sender mit den Zeitungen. Das neue ÖRM-Gesetz sieht deshalb vor, dass öffentlich-rechtliche Medien Texte auf ihren Plattformen nur noch in eingeschränkter Form verwenden. Es legt auÖffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Schweden 5 ßerdem fest, dass die ÖRM auf kommerziellen digitalen Plattformen nur noch eingeschränkt präsent sein sollen. Digitalisierung und KI Der Digitalisierungsgrad der schwedischen Gesellschaft ist allgemein hoch. Die Nutzung von ÖRM im Hinblick auf digitale Angebote verändert sich. Viele Zuschauer:innen und Hörer:innen wechseln vom linearen Programm zu den digitalen Diensten der öffentlich-rechtlichen Anbieter. SR, das seine Podcasts ursprünglich über beliebte Streamingplattformen wie den schwedischen Anbieter Spotify verbreitete, hat große Teile seiner Eigenproduktionen von dieser kom merziellen Plattform heruntergenommen und beträchtliche Mittel in die Entwicklung der eigenen Streamingplattform investiert. Mithilfe von Playlists und neuen Suchfunktionen hofft SR, trotz des immer größeren Wettbewerbs mit ande ren Podcastplattformen, seine langjährigen Hörer:innen zu halten und neue zu gewinnen(Rolandsson 2023). Als Teil seiner verbesserten digitalen Dienstleistungen hat SR den Suchdienst„Nyhetssök“(„Nachrichtensuche“) eingeführt, der 2025 mit einem Preis für digitale Innovation ausge zeichnet wurde(Sveriges Radio 2025f). Bei der Bereitstellung von Inhalten für das Training großer Sprachmodelle(Large Language Models – LLM) und künstlicher Intelligenz verfolgt SR einen restriktiven Ansatz. Die Nutzung von SR-Inhalten für das Training kommerzieller KI ist untersagt. Alle schwedischen ÖRM-Gesellschaften haben Richtlinien für den Einsatz von KI bei ihren Produktionen festgelegt, wobei sorgfältigen Faktenchecks und Transparenz ein besonderes Gewicht zukommt, zugleich aber unterstrichen wird, dass die Automatisierung auch für höhere Effizienz steht(Sveriges Radio 2024c). Gesellschaftliche und politische Diskurse Eine mögliche Schwächung der ÖRM durch die geplanten Finanzkürzungen zwischen 2026 und 2033 sowie neue ­inhaltsbezogene Regelungen sind im Kontext der schwe­ dischen Innenpolitik zu sehen. Nach der Wahl zum ­Schwe­dischen Reichstag 2022 wurde eine rechtsliberale Minderheitsregierung aus konservativen Moderaten(Moderaterna), Liberalen(Liberalerna) und Christdemokraten (Kristdemokraterna) gebildet. Da diese drei Parteien keine parlamentarische Mehrheit besitzen, regieren sie mit Unterstützung der Schwedendemokraten, was in einer formellen Unterstützungserklärung besiegelt wurde. Im Gegenzug für ihre Unterstützung erhielten die Schwedendemokraten Einfluss auf Politikbereiche, die für ihre politische Agenda und Positionierung zentral sind. Die Befürwortung der ÖRM in Schweden überwölbt die traditionellen ideologischen und parteipolitischen Grenzen. Obwohl das System der ÖRM im Laufe der Jahre immer wieder vereinzelter Kritik ausgesetzt war, haben das allgemein große Vertrauen und Bewusstsein seines Wertes für die Nation dazu beigetragen, dass es vor dauerhaften Angriffen aus der schwedischen Politik bewahrt blieb – wenn es doch mal dazu kam, wurde darin allgemein kein Vorteil gesehen. Wie Umfragen aus dem Jahr 2024 bestä­ tigen, vertrauen Wähler:innen fast aller großer Parteien dem ÖRR in Schweden auch weiterhin und schätzen ihn sehr. Die erwähnte Vertrauenslücke zwischen den Wähler:innen der Schwedendemokraten und denen anderer Parteien ist beträchtlich – teilweise liegen die Werte sogar bis zu 50 Prozentpunkte niedriger als bei Wähler:innen ­anderer rechter Parteien. Die Schwedendemokraten werfen den ÖRM schon seit Langem vor, politisch voreingenommen zu sein und eine„Schlagseite nach links“ zu haben, obwohl Studien zur politischen Berichterstattung von SVT und SR diese Behauptungen immer wieder widerlegt haben. Diese Rhetorik hat im Laufe des vergangenen Jahrzehnts an Fahrt und Bedeutung zugenommen und wird von entsprechenden Kampagnen in Europa und den USA flankiert, die sich gegen den Journalismus im Allgemeinen und die öffentlich-rechtlichen Medien im Besonderen richten. Studien bezeichnen diese Entwicklung als„antimedialen“ oder medienfeindlichen Populismus(Jakobsson/Stiernstedt 2024; Holt 2018). Diese Dynamik zeigte sich beispielhaft während einer parlamentarischen Enquete im Jahr 2024, die die Er neuerung der Rundfunklizenzen für die Jahre 2026 bis 2033 vorbereiten sollte. Erstmals seit Gründung der ÖRM in Schweden in den 1920er Jahren konnte für das neue Rund funkabkommen kein politischer Konsens erzielt werden. Zwei konkurrierende Vorschläge standen sich gegenüber: einer der Regierungskoalition(einschließlich der sie tolerie renden Schwedendemokraten) und einer der Mitte-LinksOpposition. Der schließlich angenommene Vorschlag – die jähr lichen Finanzierungssteigerungen für den Zeitraum 2031 bis 2033 von drei Prozent auf einen Prozent zu reduzieren – wird von Medienexpert:innen als direkte Folge des Einflusses der Schwedendemokraten auf die Regierungspolitik ­gedeutet. Der Vorschlag sah außerdem vor, die Unpartei lichkeit des ÖRR zu prüfen, mutmaßliche„politische Vor eingenommenheit“ zu untersuchen sowie externe AuditVerfahren einzubeziehen – alles Maßnahmen, die als ein deutige Zugeständnisse an die Schwedendemokraten und deren langjährige Feindseligkeit gegenüber den ÖRM Schwedens gelten dürfen. 3. Fazit und Ausblick Die größten Herausforderungen für den schwedischen ÖRR ergeben sich auf politischer, technologischer und organisatorischer Ebene. Mit Blick auf den ersten Punkt ist eine zunehmende Politisierung der ÖRM zu beobachten. Während in Schweden traditionell ein breiter politischer Konsens über den hohen Wert der ÖRM besteht, hat die jüngste parlamentarische Enquete und der damit verbundene, ungewöhnlich konfrontative Prozess eine tiefe politische Spaltung zwischen dem linken und dem konservativ-rechten Block offengelegt und die ÖRM erstmals zum Gegenstand einer Richtungsentscheidung nach„links oder rechts“ gemacht. Diese Art von Polarisierung ist in Schweden, histoÖffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Schweden 6 risch gesehen, ein relativ junges Phänomen. Allerdings spiegeln diese politischen Spannungen nicht die Einstellungen und Positionen der Bevölkerung wider. Wie dargestellt, steht sie mit überwiegender Mehrheit hinter den öffentlichrechtlichen Medienanstalten. Insbesondere SVT und SR genießen nach wie vor das sehr große Vertrauen der Bevölke rung. Lediglich am rechten Rand des politischen Spektrums werden die ÖRM-Anstalten wegen ihrer angeblichen Parteilichkeit kritisiert und ihr Wert für die schwedische Demokratie und Gesellschaft zunehmend infrage gestellt. Die Spaltung zwischen dem rechten und dem linken Block auf politischer Ebene ist problematisch, da – wie Studien mehrfach gezeigt haben – langfristige, stabile Regierungen sowie ein breiter politischer Konsens über den Wert öffentlich-rechtlicher Medien wichtige Faktoren dafür sind, dass diese Medien ihre demokratische Funktion in der Gesellschaft erfüllen können(Neff/Pickard 2024). Die zweite Herausforderung betrifft den technologischen Wandel. Die ÖRM stehen unter einem starken Druck, ihre Ressourcen effizient einzusetzen, und wenden sich daher verstärkt technologischen Lösungen zu, um ihre internen Abläufe und Produktionsverfahren zu optimieren. Das schließt auch die Verwendung von künstlicher Intelligenz ein. Öffentlich-rechtliche Medien agieren im Umgang mit KI proaktiv und innovativ, so etwa bei der Entwicklung verbesserter Suchdienste und KI-gestützter Contentproduk­ tion. SVT und SR haben jeweils eine:n KI-Koordinator:in, der oder die den Einsatz von KI überall im Sender verbessern und fördern soll. KI-Lösungen befinden sich jedoch noch in der Entwicklung, sodass immer wieder Fehler auftreten können. Bei automatisierten Untertiteln beispielsweise, wie SVT sie mittlerweile einsetzt, werden häufig ­fehlerhafte Übersetzungen des gesprochenen Textes geliefert. Derlei Probleme und andere sogenannte Halluzina­ tionen in KI-generierten Inhalten sind geeignet, das Vertrauen des Publikums in die öffentlich-rechtlichen Medien zu untergraben. Eine weitere Herausforderung im Zusammenhang mit dem technologischen Wandel ist die Frage der Distribution, also der Verbreitung der Programminhalte über ­verschiedene Kanäle und Plattformen. Zuschauer:innen wie Hörer:innen verlagern ihre Mediennutzung zunehmend vom linearen Fernsehen und Radio weg hin zu On-­ Demand-Angeboten auf digitalen Plattformen. Durch den Einsatz von KI-Chatbots wie etwa ChatGPT(von OpenAI) oder Copilot(von Microsoft) könnten die proprietären digitalen Plattformen der ÖRM-Anstalten bei deren Publikum an Relevanz verlieren. Die Frage, wie sie künftig ihr Publikum erreichen, rückt daher mit neuer Dringlichkeit in den Vordergrund. Die ÖRM müssen womöglich neue Strategien für die Verbreitung ihrer Inhalte entwickeln, ohne dabei die Regularien ihrer Lizenzvereinbarung zu verletzen, die beispielsweise die Nutzung kommerzieller digitaler Plattformen zur Verbreitung von Inhalten einschränken. Insgesamt muss der öffentlich-rechtliche Mediensektor die Rolle von KI-Assistenten bei der Rezeption digitaler Nachrichten ­stärker in den Blick nehmen. Da deren Rolle immer größer wird, wird es auch immer wichtiger, dass solche KI-Assistenten bei der Zulieferung korrekter Informationen nicht versagen. Ein Bericht der Europäischen Rundfunkunion vom Oktober 2025, der auf einer Zusammenarbeit von 22 öffentlich-rechtlichen Anstalten in 18 Ländern basiert, hat die Qualität von KI-Antworten zu aktuellen Ereignissen und Nachrichten systematisch ausgewertet. Dabei konzen­ trierte sich die Evalution auf die fünf Aspekte Genauigkeit, Quellenangaben, Unterscheidung zwischen Nachricht/Fakten und Meinung/Bewertung, redaktionelle Bearbeitung und Kontext. Insgesamt wiesen 45 Prozent der Antworten verschiedener KI-Assistenten erhebliche Mängel in mindestens einem der fünf Aspekte auf, wobei fehlerhafte oder völlig falsche Quellenangaben das größte Problem darstell ten. Generell neigen KI-Assistenten dazu, Inhalte, die dem Angebot der ÖRM entstammen, verzerrt oder sogar grob falsch darzustellen. Auch SVT beteiligte sich an dieser Evaluation. Zu den Ergebnissen erklärte der Sender:„Das Pro­ blem besteht darin, wie die KI Meinungen, Fakten, Werturteile, Analysen und journalistische Standards aus verschiedenen Quellen zu einem undurchsichtigen Gemenge vermischt, das für eine:n Durchschnittsleser:in schwer, wenn nicht unmöglich zu entwirren ist“(Fletcher/Verckist 2025: 53). Das birgt die Gefahr, dass die Unparteilichkeit der öffentlich-rechtlichen Medien infrage gestellt, ihre Glaubwürdigkeit und Integrität geschwächt wird und Vertrauen verloren geht. Die Bedeutung des Themas für die Sender der schwedischen ÖRM ist somit groß, denn„wenn KI-Assistenten Inhalte öffentlich-rechtlicher Sender falsch darstellen, verzerren oder redaktionell bearbeiten, handelt es sich nicht nur um vereinzelte Fehler – vielmehr beschädigt dies die Glaubwürdigkeit der beteiligten Organisationen und gefährdet damit das Vertrauen in den öffentlichrechtlichen Journalismus“(Fletcher/Verckist 2025: 51). ­Angesichts der ständigen Weiterentwicklung der KI-Technologie wird es für öffentlich-rechtliche Medienanstalten weiterhin wichtig sein zu verstehen, wie(und welche) Pro­ bleme im Zusammenhang mit ihrer Nutzung und den Inhalten öffentlich-rechtlicher Sender auftreten: Nur so können sie ihre Integrität und Stellung in der Gesellschaft wahren(Fletcher/Verckist 2025). Die letzte Herausforderung betrifft die Organisation und den Auftrag der schwedischen ÖRM. Die Aufteilung in drei getrennte Unternehmen – SR, SVT und UR – ist im Vergleich zu den anderen nordischen Ländern einzigartig und wurde wiederholt kritisiert. Die drei Sendegesellschaften haben nicht nur unterschiedliche Budgetbedingungen, sondern verfolgen beispielsweise auch unterschiedliche Ansätze bei der KI-gestützten Contenterfassung. Dies trägt potenziell positiv zur Diversität der ÖRM bei. Jedoch sind auch Argumente vorgebracht worden, die mit Blick auf Skaleneffekte und Effizienzgewinne die Vorteile einer möglichen Fusion der drei Gesellschaften aufzeigen. Schließlich hat die neue Lizenzvereinbarung das umfassende Mandat der schwedischen ÖRM bestätigt, in den Bereichen Information, Bildung und Unterhaltung auch weiterhin Inhalte zu liefern. Darüber hinaus gelten die ÖRM in Zeiten geo­ politischer Unruhen und Kriege als besonders wichtige Akteure. Sie spielen eine entscheidende Rolle beim Bevölkerungsschutz und der Landesverteidigung(totalförsvar). Dazu gehört die Verpflichtung, jährliche Vorsorgepläne zu entwickeln, um den Informationsfluss in Zeiten geopolitiÖffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Schweden 7 scher Unruhen und Kriege sicherzustellen. In diesem Sinne wurde das Mandat der ÖRM in Schweden sogar noch einmal erweitert, während die Finanzierung nicht erhöht wurde – und langfristig real sogar sinkt. Dies stellt die ÖRM Schwedens vor große Herausforderungen und zwingt sie, in ihrer Programmgestaltung und journalistischen Arbeit klare Prioritäten zu setzen. Die Autorinnen Anne Kaun ist Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule Södertörn. Sie ist ein Gründungs- und Vorstandsmitglied des dortigen„Knowledge Center for Public Service Media“(K-pub). Michele Madeleine Biendara ist Studentin im Masterstudiengang „Medien-, Kommunikations- und Kulturanalyse“ an der Hochschule Södertörn. Während ihres Studiums hat sie ein Forschungspraktikum am„Knowledge Center for Public Service Media“(K-pub) absolviert. Abbildungsverzeichnis Abb 1 Zeitleiste der wichtigsten Entwicklungen im ÖRR Skandinaviens(mit besonderem Fokus auf Schweden) Literaturverzeichnis Fletcher, J.; Verckist, D.(2025): News Integrity in AI Assistants: An International PSM Study, Europäische Rundfunkunion. Förvaltningsstiftelsen(o. J.): Homepage, https://www. forvaltningsstiftelsen.se/(10.10.2025). Jaakkola, Maarit(2024): ECMI MiNorities Blog: How Public Service Media Enriches Learning for and about Sweden’s National Minorities, European Centre for Minority Issues(ECMI), https://doi.org/10.53779/ SANN5221(1.11.2025). Jakobsson, Peter; Stiernstedt, Fredrik(2024): Media Resentment, https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/02673231241228961 (12.11.2025). 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Januar 2026 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Schweden 9