HANS-WOLFGANG PLATZER/ TORSTEN MÜLLER unter Mitarbeit von Stefan Rüb, Thomas R. Oettgen, Matthias Helmer: Die globalen und europäischen Gewerkschaftsverbände: Handbuch und Analysen zur transnationalen Gewerkschaftspolitik Berlin 2009 Edition Sigma, 2 Bände, zus. 889 S. G lobalisierung ist ein inzwischen schon inflationär verwendeter Begriff für den Prozess der zunehmenden weltweiten Verflechtung in vielen Bereichen, vor allem der Wirtschaft. Die wissenschaftliche Globalisierungsdebatte kreise vor allem um drei Themenkomplexe, so die Autoren: erstens die Frage nach Ausmaß, Reichweite und Dynamik der gegenwärtigen Globalisierung, zweitens die Frage nach den verbleibenden Möglichkeiten nationalstaatlicher Steuerung und drittens die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten, durch staatliche oder gesellschaftliche Verregelungsarrangements»jenseits des Nationalstaats« Globalisierungsprobleme zu bearbeiten. Diesen dritten Fragenkomplex untersuchen Platzer und Kollegen am Beispiel der globalen und europäischen Gewerkschaftsverbände, die sie als transnational agierende Verbände auffassen, unabhängig von staatlicher Vermittlung. Transnationale Gewerkschaften werden als Verbände oder Verbandsföderationen von nationalen Verbänden definiert, die auf zwischen- und überstaatlicher Ebene agieren. Die Autoren wählen für ihre Darstellung die durch den Internationalen bzw. durch den Europäischen Gewerkschaftsbund anerkannten branchen- bzw. sektorbezogenen Gewerkschaftsverbände, da hier in der politikwissenschaftlichen Verbände- und Gewerkschaftsforschung eine Lücke bestehe und sich im Zuge der fortschreitenden Globalisierung und vertieften eu -Integration gerade auf Branchenebene neue und besondere Herausforderungen einer transnationalen gewerkschaftlichen Problembearbeitung stellen würden. Die Verbände werden entsprechend der wirtschaftlichen Bedeutung ihres Sektors umfassend dargestellt. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren sind eine Reihe detaillierter Einzelstudien zu Internationalen Berufssekretariaten bzw. Global Union Federations wie auch zum Internationalen Bund Freier Gewerkschaften veröffentlicht worden. Die vorgelegte Studie bietet nicht nur den Vorteil, dass die globalen und europäischen Gewerkschaftsverbände umfassend und aktuell dargestellt, sondern auch in die organisationspolitischen wie globalen und europäischen Rahmenbedingungen für ihr Handeln eingeordnet werden. Und das mit einer sehr übersichtlichen Struktur und einer Sprache, die das Werk auch für den politisch interessierten Leser oder den Gewerkschaftspraktiker in Betriebsrat und Gewerkschaftsbüro zu einer wertvollen Informationsquelle werden lässt. »Globalisierung« löst zunehmend in der Arbeitswelt Befürchtungen aus, wenn global agierende große Unternehmen Produktion verlagern und Arbeitsipg 2/2010 Rezensionen/Book Reviews 153 plätze an den bisherigen Standorten»abbauen«. Gewerkschaften auf nationaler, europäischer und globaler Ebene erheben Forderungen nach einer sozialen Gestaltung der Globalisierung oder der Entwicklung einer»Sozialen Dimension« der Europäischen Union – mit Konsequenzen für die eigenen Strategien:»Die voranschreitenden Prozesse der Internationalisierung und Europäisierung von Wirtschaft und Politik sind maßgebliche neue Determinanten gewerkschaftlicher Politik am Beginn des 21. Jahrhunderts, weil durch diese Prozesse – zugespitzt formuliert – die nationalen Handlungsarenen einerseits ›unterlaufen‹ und andererseits ›überholt‹ werden.« Entsprechend werden zwei Komplexe der politischen und wissenschaftlichen Debatte aufgegriffen: erstens die politische Gestaltung von Globalisierungsprozessen und zweitens die arbeits- und sozialpolitische Ausgestaltung der»Sozialen Dimension« der Europäischen Union – und wie sich die Gewerkschaftsverbände den neuen Herausforderungen stellen, denn:»In dem Maße, in dem sich neben den Produktmärkten auch die Arbeitsmärkte internationalisieren und mit der Verflechtung der Produktionsstrukturen der Standortwettbewerb(…) zunimmt, verändern sich(…) die transnationalen Abstimmungsbedarfe und die Bedingungen, unter denen ›internationale Solidarität‹ zu organisieren ist.« Die Autoren arbeiten für den Zeitraum der 1990er Jahre bis zur Gegenwart die Entwicklung neuer Herausforderungen auf den transnationalen Organisationsebenen heraus: das Organisieren zwischengewerkschaftlicher Kooperation und transnationaler Selbstregulierung z. B. in global tätigen Unternehmen, die Entwicklung von Regeln und Vereinbarungen sowie Verfahren zu deren Überwachung. Die sehr übersichtliche Gliederung unterstützt die schnelle Orientierung in dem umfangreichen Werk. Die Studie konzentriert sich auf transnational agierende Branchengewerkschaften auf globaler und europäischer Ebene in zwei Schritten: Zunächst werden Verbandsprofile bzw. Kurzportraits oder Strukturüberblicke erstellt, gegliedert nach historischer Entwicklung, Organisation, Politik sowie Zusammenfassung und Ausblick. Dieser übersichtliche Aufbau unterstützt die Nutzung als Handbuch. Eine knappe Darstellung der Entwicklung internationaler Gewerkschaftsorganisationen bietet eine gute Orientierung bei der Einordnung des Untersuchungsgegenstandes. Die breite empirische Untersuchung der Verbände führt abschließend zu einer Diskussion der zentralen politischen und wissenschaftlichen Problemstellungen bei der Transnationalisierung gewerkschaftlicher Politik, zu Fragen nach den Entwicklungsmustern der Verbände sowie nach den Bedingungen, Möglichkeiten, Ansätzen und Grenzen transnationaler Gewerkschaftspolitik. Ziel der abschließenden Querauswertung zentraler organisationspolitischer Entwicklungsmuster, politischer Handlungsansätze und Problemlösungsinstrumente sowie der vergleichenden Perspektiven für die globalen und europäischen Gewerkschaftsverbände sei es,»(…) empiriegesättigte Antworten auf die übergreifende Leitfrage der Studie zu geben: nämlich, ob die überstaatlichen Hand154 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2010 lungsebenen im Zuge der voranschreitenden Globalisierung und eu -Integration seit den 1990er Jahren einen Bedeutungszuwachs erfahren haben und wenn ja, wie er sich organisatorisch und politisch ausdrückt.« Für die globale Ebene werden faktenreich vor allem zwei Instrumente diskutiert: die International Framework Agreements( ifa ) als Instrument zur Etablierung von weltweit gültigen sozialen Mindeststandards in transnational operierenden Unternehmen sowie gewerkschaftliche Netzwerke, um für einzelne Konzerne oder Branchen die Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen von Gewerkschaftsvertretern aus unterschiedlichen Ländern und anderen Organisationskulturen aufzubauen oder zu verstetigen. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die transnationalen Gewerkschaftsverbände in zentralen industriepolitischen Handlungsfeldern mehrheitlich Funktionen eines Forums des geregelten Informationsaustausches und in Teilbereichen der sektoral-regulativen Politik-Funktionen einer Koordinierungsplattform erfüllen. Die europäische Ebene unterscheide sich durch ein wesentliches Strukturmerkmal: Die eu -Kommission habe die Rolle eines»Prozessmanagers« und versuche durch bestimmte Anreizstrukturen sowie durch politische Struktur- und Verbandsvorgaben Arenen für den autonomen Dialog der sektoralen Sozialpartnerorganisationen zu schaffen. Die europäischen Branchengewerkschaften würden daher mehrheitlich eine europäisch-sektorale Vereinbarungspolitik anstreben. Neben dem sektoralen sozialen Dialog(»Ausschüsse für den Sektoralen Sozialen Dialog«/ assd ), der transnationalen Tarifkoordination wird vor allem die Einrichtung Europäischer Betriebsräte( ebr -Richtlinie vom 22. 9.1994, 94/45/ ec ) diskutiert. Hinsichtlich der Erwartungen, wonach für das Entstehen staatenübergreifender Arbeitsbeziehungen in der eu die Branchenebene die entscheidende sei, resümieren die Autoren skeptischer:«(…) sind die Entwicklungen auf dieser Ebene trotz eines beeindruckenden quantitativen Wachstums der institutionellen Arenen und einer Zunahme von Interaktionsbeziehungen unter den sektoralen Verbänden in qualitativer Hinsicht, also mit Blick auf eine transnationale Steuerung und substanzielle Regulierung arbeits- und tarifpolitischer Materien, nur begrenzt vorangekommen.« Hans-Wolfgang Platzer, Torsten Müller und ihr Team haben eine Studie vorgelegt, die einen sehr wichtigen Beitrag zur politikwissenschaftlichen Verbändeund Gewerkschaftsforschung leistet. Mit dem sehr klaren Aufbau und der verständlichen Sprache kann sie – in Anlehnung an angelsächsische populärwissenschaftliche Literatur – einen über die Fachwissenschaften hinausreichenden Leserkreis erreichen, was der politischen Bedeutung dieser Thematik entspricht. Wer sich mit Globalisierung, deren sozialer Gestaltung und den neuen Herausforderungen an Organisation und Politik der Gewerkschaften beschäftigt, findet hier eine sehr umfassende, faktenreiche und aktuelle Studie, die in keiner Verwaltungsstelle der Gewerkschaften sowie in keiner wissenschaftlichen und öfipg 2/2010 Rezensionen/Book Reviews 155 fentlichen Bibliothek fehlen sollte, die Bestände zur Politik und Politikwissenschaften vorhält. In den Bestand der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung(http://library.fes. de/index.htm), eine der größten Gewerkschaftsbibliotheken Europas, hat das Werk Aufnahme gefunden – wie sehr viele Publikationen von und über europäische und globale Gewerkschaftsorganisationen. Eine englische Ausgabe ist in Vorbereitung und erscheint voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2010. Rainer Gries, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn IAN BRUFF: Culture and Consensus in European Varieties of Capitalism. A»Common Sense« Analysis Basingstoke 2008 Palgrave Macmillan, 195 S. B is in die Anfangsjahre des neuen Jahrtausends besuchten viele deutsche Delegationen die niederländische Stiftung der Arbeit in Den Haag in der Hoffnung, dort zu lernen, wie Wirtschaftswachstum und Beschäftigung auf ein höheres Niveau gebracht werden können. Anlass war, dass die deutsche Wirtschaft in den 1990er Jahren im internationalen Vergleich relativ zurückgeblieben war, während von den Niederlanden genau das Gegenteil berichtet werden konnte. Die Niederlande waren das Land des»Poldermodells« und galten zusammen mit Dänemark als Vorbild einer Entwicklungsvariante, in der, im Gegensatz zu den usa und Großbritannien, positive Wirtschaftsdaten nicht auf Kosten größerer sozialer Ungleichheit erreicht wurden. Als Geheimnis dieses Erfolgs galt die partnerschaftliche Beziehung zwischen Kapital und Arbeit, die den Konsensus hervorgebracht hatte, dass internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit Wirtschafts- sowie Beschäftigungswachstum nur über Lohnmäßigung zu erreichen ist. In Deutschland fehlte eine derartige konsensuelle Beziehung – trotz des Bündnisses für Arbeit. Der deutsch-niederländische Vergleich steht im Mittelpunkt des Buches von Bruff: Warum Konsensus im einen Fall, aber im anderen nicht? Und was heißt eigentlich Konsensus; sind dann alle einer Meinung oder kann auch von Konsensus gesprochen werden, wenn ein Spieler sich dem beziehungsweise den anderen anpasst? Bruff geht diesen Fragen in zwei Perioden nach: der von der Mitte der 1990er bis Anfang der 2000er Jahre und der direkt darauf folgenden von 2002 bis zur Niederschrift des Buches. Dessen originelle empirische Basis sind Interviews mit Vertretern von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden in beiden Län156 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2010