nicht geeignet. Dafür fehlt es an einer generalisierenden Darstellung, einer durchgehenden Methodik und schließlich auch an einem zentralen Literaturverzeichnis zum Thema. Stefan Brocza, Universität Wien Auf der Suche nach Vergleichsebenen – Alfred Grossers Annäherung an den Nahostkonflikt ALFRED GROSSER: Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel Reinbeck 2009 Rowohlt, 208 S. D er offensive Buchtitel,»Von Auschwitz nach Jerusalem« legt zunächst die Vermutung nahe, es handle sich bei der neuen Veröffentlichung Alfred Grossers um eine weitere Stellungnahme zu dem spezifischen deutsch-israelischen Verhältnis und der Frage nach dem richtigen Umgang mit der Politik Israels. Einleitend beantwortet der Autor jedoch zunächst zwei Fragen, die als wichtige erkenntnisleitende Hintergrundfolie dienen – wer schreibt hier und warum? Der französische Publizist und Politikwissenschaftler Alfred Grosser muss für den deutschsprachigen Raum nicht erst entdeckt werden. Schließlich zählt er zu den aktivsten Beobachtern der Bundesrepublik und ist einer der wichtigen geistigen Wegbereiter der Annäherung und Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen seit der unmittelbaren Nachkriegszeit. Zu diesen Aufgaben, die er seit über 60 Jahren wahrnimmt, sieht er sich durch seinen biografischen Hintergrund regelrecht berufen. 1925 in eine jüdische Familie geboren, flieht er 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Frankreich. Bis zu seiner Emeritierung wirkt er als Professor für Politische Wissenschaft am Institut d’Etudes Politiques der Pariser Universität. Was ihn seitdem auszeichnet, sind seine engagierten kritischen Positionierungen zu politischen Themen, die frei sind von Ressentiments und falscher Sentimentalität. Kollektivschuld existiert in seiner Argumentation nicht, ein akademischer Duktus ist Grosser fremd. Aufklären und beeinflussen, bewusst gegen den politischen Mainstream agieren, dazu bekennt sich der Friedenspreisträger von 1975 auch in diesem Buch. Mit publizistischer Vehemenz positioniert er sich zu dem problematischen Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Israel. Seine persönliche Betroffenheit bildet dabei das Fundament und den ständigen Referenzpunkt seines normativ ontologischen Ansatzes. So ist auch»Von Ausschwitz nach Jerusalem« eher das Glaubensbekenntnis eines Mittlers zwischen den Kulturen als die Expertise eines Nahostexperten. Des Weiteren ist der Titel auch irreführend, denn lediglich ipg 2/2010 Rezensionen/Book Reviews 161 das letzte Drittel des Buches befasst sich mit der Beziehung zwischen Israel und Deutschland. Politische Klimaschwankungen reizen Alfred Grosser zeitlebens, Kritik zu üben und Konfrontationen zu suchen, wobei sich seine Schwerpunkte weg von der historischen Bilanz und den deutsch-französischen Beziehungen hin zu anderen Themen, wie der Kritik an der Politik Israels, verlagert haben. Sein neuestes Buch liest sich aufgrund der partiell selbstreferenziellen Stellen wie ein Kondensat seines bisherigen Schaffens. In Anlehnung an den von ihm sehr geschätzten Philosophen Emmanuel Levinas widmet sich Grosser ausführlich den Identitätskonflikten, die ihn als Kind der Emigration prägten und den Antrieb seines Schaffens bilden. Aus persönlichen Erfahrungen, so betont er, habe er gelernt sich nicht durch den Finger der anderen auf eine einzige Identität reduzieren zu lassen. Als Gegenentwurf zu dem von ihm kritisierten Begriff der»mémoire collective« bietet er die Begriffe der»schöpferischen Erinnerung« und der Mitverantwortung an, die zusammen mit der Ablehnung der Kollektivschuld und der iterativ vorgetragenen Forderung nach der Anerkennung der Leiden der anderen die zentralen Leitmotive seines Engagements im Nachkriegsdeutschland bilden. Eine Überzeugung, die geprägt ist durch den engen Kontakt zur Denkschule der einflussreichen politischen Denkern wie Joseph Rovan und Emmanuel Mounier. Als spezifisches Problem der Bundesrepublik definiert er die Schuldfrage, die als eine Art Erinnerungsimperativ Deutschland hinsichtlich konstruktiver Kritik an Israel vor besondere Anforderungen stellt. In Anlehnung an Karl Jaspers spricht Grosser sich dafür aus, den Begriff der Kollektivschuld durch den der kollektiven Haftung zu ersetzen. Er plädiert für die Methode des Vergleichs und die Suche nach sinnvollen Vergleichsebenen, die nicht als ein exkulpatorisch vorgetragener Hinweis auf das eigene Leiden, sondern vielmehr als Schlüssel zum Verständnis der meisten Konflikte produktiv genutzt werden sollten. Er sieht sich verpflichtet, aufgrund seiner jüdischen Identität Israels Politik zu kritisieren. So wie er nach dem Krieg an Franzosen und Deutsche appellierte, nicht nur die eigene Opferrolle zu kultivieren, sondern die Leiden der anderen anzuerkennen, so fordert er auch von Israel eine moralische Wende und Solidarität für das Schicksal der Palästinenser. Auch das französisch-israelische Verhältnis betrachtet er kritisch, warnt vor Islamophobie, neuem Antisemitismus und völliger Identifikation des organisierten Judentums mit der Politik Israels. Als atheistischer Humanist fordert er gegenseitige Empathie und Anerkennung für die durch Nakba als auch Schoa, Terrorismus und militärische Reaktion verursachten Leiden, thematisiert das Verhältnis zwischen israelischen und nicht-israelischen Juden, zwischen Israelkritikern und Israelfreunden. Sein Vorschlag, den israelisch-palästinensischen Konflikt durch die Berufung auf Vernunft und Menschenrechte anzugehen, schiene verzweifelt, wären da 162 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2010 nicht Beispiele, die genau seine Forderungen erfüllen und veranschaulichen. Zu nennen sind Daniel Barenboims Kulturinitiativen, die Friedensappelle des Schriftstellers David Grossmann sowie das Buch-Projekt»Learning Each Other’s Historical Narrative«. Grosser geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert sowohl die deutsche wie auch französische Politik auf, sich von dem reflexartigen»Hang zum Selbstmasochismus und zur Selbstzensur in Bezug auf Israel« zu distanzieren. Insbesondere als etablierter Partner Israels trage man die Verantwortung, die jede Freundschaft mit sich bringe – die Verantwortung, Kritik zu üben und Gerechtigkeit zu fordern. Die seiner Meinung nach fehlende Kritik bezeichnet er als falsche Solidarität mit Israel, hierin liegt auch der wesentliche Grund für die Intensivierung dieses Themas. In dieser Aussage spiegelt sich Grossers Anknüpfung an Martin Walsers Aussage von der Moralkeule Auschwitz wider, diese ergänzt er mit persönlichen Erlebnissen, da er die Nichtveröffentlichung einiger seiner israelkritischen Artikel beklagt. Die Feststellung, dass öffentliche Kritik an Israel faktisch einem Tabubruch gleichkommt, stellt eine interessante Entwicklung im Denken Grossers dar, die sich an die Legende vom gebückten Gang anschließt, die in den 1990er Jahren bereits der Historiker Michael Wolffsohn diagnostizierte und durch Verweis auf die Geschichte der Beziehungen zu Israel widerlegte. Seine eigenen Kritikpunkte an der Politik Israels formuliert Grosser in idealtypischer Klarheit. Es scheint allerdings, als wolle Grosser bewusst seine Überzeugung mit vielen, vielleicht zu vielen, Verweisen und Anekdoten belegen, die es partiell erschweren, dem sonst so charakteristischen roten Faden des Autors zu folgen. Alfred Grossers pädagogisch angelegte Moralpredigt besticht durch prägnante Analysen und eindrucksvolle historische Kontextualisierung aktueller politischer Ereignisse und Entwicklungen. Sie verfehlt daher ihre Wirkung nicht, dabei ist Grosser stets bemüht, ein ehrlicher Makler zu sein, das Sowohl-als-Auch einer Sache zu sehen; dadurch vermittelt er eine sachliche Ruhe, die jedoch zuweilen etwas betulich wirkt. Man bemerkt bei der Lektüre bald, dass es bei dem Thema Israel im Kern um die Topoi der Überzeugungen des Autors geht. So liefert»Von Auschwitz nach Jerusalem« keine Anklage der israelischen Politik, keine eigene Roadmap oder konkrete Lösungsvorschläge, vielmehr eine enorm subjektive und selbstreflexive, aber dennoch lehrreiche und intellektuell anregende Auseinandersetzung auf moralischer Ebene mit der Politik Israels und der Politik der Bundesrepublik. Andreas Hellstab, Augsburg ipg 2/2010 Rezensionen/Book Reviews 163