internationalen Perspektive und die Einflüsse von Globalisierung auf die internen Dynamiken europäischer Integration einerseits und auf die Veränderung nationaler Wirtschafts- und Sozialmodelle andererseits werden dabei leider etwas vernachlässigt. Das Buch gibt dennoch einen umfassenden Überblick über die relevanten Fragen der europäischen Integration. In Anbetracht der zunehmenden Krisentendenzen in und außerhalb der eu ist dieses Buch umso wichtiger für das Verständnis institutioneller Blockademechanismen und der dadurch wachsenden Gefahr eines Scheiterns der Union. Henrike Allendorf, Berlin TOBIAS GOMBERT u. a.: Grundlagen der Sozialen Demokratie Bonn 2008 Friedrich-Ebert-Stiftung, 157 S. D ass im sogenannten Superwahljahr 2009 die programmatischen und strategischen Suchbewegungen und Abgrenzungsversuche der Parteien zunehmen, verwundert unter Wettbewerbsgesichtspunkten nicht. Ein Blick zurück auf die vergangenen Jahre seit der letzten Bundestagswahl 2005 verdeutlicht allerdings, welchen tief greifenden Prozess der Identitätsfindung insbesondere die Großparteien durchlaufen. So verabschiedeten cdu und spd 2007 neue Grundsatzprogramme. Am intensivsten verlief die programmatische Erneuerung aber bei der Sozialdemokratie. Einerseits konnte die spd 2007 zwar den seit 1999 andauernden langwierigen Programmprozess mit dem»Hamburger Programm« – dem nunmehr achten Grundsatzprogramm der Parteigeschichte – abschließen. Andererseits verlief ihr Selbstverständigungsprozess aufgrund der teils stark kontroversen rot-grünen Regierungsjahre und neuer Parteienkonkurrenz in Form der Linken besonders tief. Die notwendigen Reflexionsleistungen unter einer Großen Koalition vollziehen zu müssen, erhöhte dabei sicherlich noch den Bedarf einer Identifizierung des sozialdemokratischen Wesenskerns, welcher im Hamburger Programm als»Soziale Demokratie« formuliert wird. Nur in diesem Diskurs um neue Sinn und Orientierung stiftende Grundzüge der sozialdemokratischen Idee ist die vorliegende Publikation sowie die hinter dieser stehende Akademie für Soziale Demokratie( asd ) zu verstehen und vor allem zu würdigen. Nun kann man sicherlich darüber streiten, inwiefern die parteinahen Stiftungen gegenüber den ihnen nahestehenden Parteien die Funktion von Think Tanks übernehmen können, nichtsdestotrotz nimmt die Friedrich-EbertStiftung( fes ) mit dem Qualifizierungsprojekt asd seit 2006 eine Vorreiterrolle in der Durchdringung und vor allem der Vermittlung der gegenwärtigen Leitvoripg 2/2009 Rezensionen/Book Reviews 163 stellung der Sozialdemokratie ein: dem Denkmodell der Sozialen Demokratie. Die politische Bildungsarbeit der Akademie orientiert sich an drei Zielen: einer theoretisch fundierten, aber praxisnahen Vermittlung der Grundfragen Sozialer Demokratie, der Identifikation mit den zugehörigen Grundwerten sowie der Stärkung der Motivation zum politischen Handeln. Dies alles ist ausgerichtet an einer nach Politikerfahrung, Bildungsbiographie und Qualifikationsstand heterogenen Zielgruppe von ehren- und hauptamtlich Engagierten. An diesem Ziel, Orientierungs- und Handlungskompetenz in Fragen Sozialer Demokratie zu vermitteln, orientiert sich in überzeugender Weise die Struktur des vorliegenden Bandes, der seinem Anspruch, ein grundständiges Lehr- und Arbeitsbuch zu sein, durchaus gerecht wird. Erarbeitet wurde es von einem elfköpfigen Autorenteam unter der Redaktion von Julia Bläsius, Tobias Gombert, Christian Krell – der zugleich Leiter der asd ist – und Martin Timpe. Dieser erste Band zu den Grundlagen Sozialer Demokratie stellt den Auftakt zu einer Reihe von Lesebüchern zu Seminarmodulen der asd dar. Anfang 2009 soll das Lesebuch zum Modul»Wirtschaft und Soziale Demokratie« erscheinen, weitere Bände zu Themenkomplexen wie»Sozialstaat und Soziale Demokratie« oder »Europa und Soziale Demokratie« sollen folgen. Zu Beginn des Bandes wird ein erster Versuch unternommen, sich dem Begriff Sozialer Demokratie zu nähern. Schnell werden Fluch und Segen des Begriffes deutlich. Einerseits scheint er unscharf, hoch assoziativ aufgeladen, und es fehlt sowohl im politischen als auch im wissenschaftlichen Diskurs eine verbindliche und von allen anerkannte Definition. Andererseits bietet sein umkämpfter Charakter Anknüpfungspunkte an existente gesellschaftliche Wertvorstellungen sowie eine Ausgangsbasis für Auseinandersetzungen über die sozialen und demokratischen Züge der Gesellschaft und des politischen Systems. Dieser festgestellten Unbestimmtheit soll auf drei Ebenen –(1) normativ,(2) theoretisch und (3) empirisch – begegnet werden, die zugleich die Gliederung der Publikation bestimmen. Als normativer Ausgangspunkt der Darstellung fungieren die GrundwerteTrias aus Freiheit, Gleichheit/ Gerechtigkeit und Solidarität sowie die Menschenrechte, respektive die bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Grundrechte. Eine erste wesentliche Problematisierung der Autoren stellt hierbei das Verhältnis von Norm und realisierter Praxis dar. Zur Interpretation der Grundwerte werden verschiedene ideengeschichtliche Klassiker sowie zeitgenössische Beiträge zur politischen Theorie herangezogen und diskutiert sowie die ermittelten Anforderungen an eine Soziale Demokratie mit dem Hamburger Programm und konkurrierender Grundsatzprogrammatik kontrastiert. Zur Illustration dienen gegenwärtige Kontroversen(beispielsweise»Bürgerversicherung versus Kopfpauschale«). Das Anliegen der Autoren: Grundwerte bedürfen der Praxis und sie können lediglich erste normative Grenzen ziehen. Das Bild einer Sozialen Demokratie allerdings bedarf mehr, nämlich der Hinzuziehung 164 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2009 von Gesellschaftsmodellen. Als Überleitung zum wesentlichen Abschnitt des Buches – der Formulierung einer Theorie der Sozialen Demokratie – dient neben der Abgrenzung von liberalen und konservativen Gesellschaftsvorstellungen insbesondere ein historischer Exkurs zu den Diskursen der Arbeiterbewegung. Im Fokus der Ausführungen steht dabei das Spannungsverhältnis zwischen Marktkapitalismus und Demokratie, die Positionierungen der Gesellschaftsmodelle in diesem sowie die ihnen jeweils zugrunde liegenden Menschenbilder. Die Autoren betonen stets die ideengeschichtlichen Kontinuitäten einer Denktradition Sozialer Demokratie und knüpfen an diese mit der theoretischen Ebene an. Hier werden unter Bezug auf Thomas Meyers»Theorie der Sozialen Demokratie« konkrete Anforderungen an ein Denkmodell Sozialer Demokratie getätigt:»Als Denkmodell muss Soziale Demokratie den Anspruch haben, wissenschaftlich fundiert die Normen und Werte, ihre Umsetzung in Grundrechte und ihre Realisierung in unterschiedlichen Ländern zu untersuchen und konsistent darzustellen.«(S. 88) Betont wird ausdrücklich der Doppelcharakter des Begriffes Soziale Demokratie: einerseits»Grundbegriff der Demokratietheorie«, andererseits»richtungspolitisches Programm«, dessen Realisierung keinesfalls beschränkt auf sozialdemokratische Parteien ist, sondern in einem breiten Diskurs verortet werden muss. Dieser dreht sich unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten um die Kontroverse zwischen den Vorstellungen einer Libertären Demokratie und einer Sozialen Demokratie, welche trotz gleicher liberaler Wurzeln differente Definitionen von Freiheitsrechten hervorgebracht haben. Auf der Grundrechte-Ebene soll die Begründung Sozialer Demokratie formuliert werden, da diese in der Trias aus Grundwerten, Grundrechten und Instrumenten größtmögliche Universalität bedeutet. Dies steht im Gegensatz zum variablen und kulturspezifischen Begründungspluralismus der Grundwerte. Der Kern der Theorie ist somit identifiziert: die Differenzierung Libertärer und Sozialer Demokratie nach dem Verhältnis von negativen und positiven Freiheitsrechten zueinander. Der Libertären Demokratie wird ein absoluter Vorrang negativer Freiheitsrechte(abwehrende, formale Rechte gegenüber Staat und Gesellschaft) gegenüber positiven(ermöglichende, soziale Rechte) zugewiesen. Anders die Soziale Demokratie:»Negative und positive Freiheitsrechte müssen gleichrangig berücksichtigt werden, wenn sie für alle formal gelten und wirken sollen.«(S. 102) Dem Staat und nicht dem Markt wird die entscheidende Rolle in der Realisierung zugewiesen. Er wird verpflichtet, den Ausgleich zwischen positiven und negativen Freiheitsrechten sowie ihre Umsetzung zu leisten. Drei wesentliche Dimensionen umfasst dabei diese Handlungsverpflichtung: eine universell zugängliche soziale Infrastruktur, Umverteilung kollektiver Güter zur Erhöhung der Verwirklichungschancen der Individuen sowie eine demokratisch eingebettete Marktwirtschaft. Die Verwirklichung von Freiheitsrechten verläuft dabei nicht nach einem bestimmten Schema, sondern Soziale Demokratie muss verstanden werden als ein»offenes Modell«, welches den»Kompass für politisches Handeln justiert, ipg 2/2009 Rezensionen/Book Reviews 165 durch das dann konkrete Freiheitsrechte mit differierenden Instrumenten möglichst weitgehend umgesetzt werden können.«(S. 106) Hieran schließt nun die empirische Ebene der Betrachtung verschiedener Ländermodelle an. Die usa , Großbritannien, Deutschland, Japan und Schweden werden hier in ihren politischen und wohlfahrtsstaatlichen Grundzügen dem Denkmodell einer Sozialen Demokratie unterzogen, um ihren Realisierungsgrad der Freiheitsrechte zu überprüfen. Die Pole nehmen hierbei die usa als»in ihren Grundzügen nahezu libertäres Land« sowie Schweden als»hoch-inklusive Soziale Demokratie« ein. Deutschland wird eine mittlere Stellung als»mittel-inklusive Soziale Demokratie« zugewiesen. Zusammenfassend ist festzustellen, dass den Autoren ihr nicht leichtes Unterfangen, eine pointierte Abhandlung der theoretischen Grundlagen einer Sozialen Demokratie in Form eines Lehrbuches für eine zutiefst heterogene Zielgruppe zu verfassen, gelungen ist. Der Band besticht dabei insbesondere durch die anwendungsorientierte Aufarbeitung der Inhalte. Ein transparenter Umgang mit der Literaturgrundlage, eine umfassende Bibliographie, zahlreiche Schaubilder, ausgewiesene Zwischenschritte, biographische Notizen zu den einzelnen Theoretikern und insbesondere praxisnahe programmatische Beispielkontroversen aus gegenwärtigen Diskursen bieten sowohl zur Begleitung der Seminare der asd als auch unabhängig von diesen eine erste Richtschnur politischen Denkens und Handelns. Michael Reschke, Universität Kassel DREW WESTEN: The Political Brain. The Role of Emotion in Deciding the Fate of the Nation New York 2008 Public Affairs, 496 S. A merika hat gewählt und der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama gewonnen. Warum? Barack Obama verstand es während seines Wahlkampfs, die Menschen zu mobilisieren, ihrem Wunsch nach Veränderung zu begegnen, ihnen eine Vision zu geben; seine starke Persönlichkeit, seine rednerischen Fähigkeiten und seine moralische Tiefe haben in den letzten Monaten nicht nur die amerikanischen Wähler begeistert. Gleichzeitig haben acht Jahre BushRegierung mit ihrer oft unpopulären Politik tiefe Spuren hinterlassen und den Weg für einen demokratischen Sieg geebnet. Welche Faktoren sind es also, die über den Ausgang einer Wahl entscheiden? Dieser Frage hat sich der amerikanische Psychologie-Professor Drew Westen auf ungewöhnliche Weise angenom166 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2009