SEBASTIAAN J.H. RIETJENS/ MYRIAME T.I.B. BOLLEN(Hrsg.): Managing Civil-Military Cooperation: A 24/7 Joint Effort for Stability Aldershot/ Burlington 2008 Ashgate Publishing, 280 S. D as Verhältnis von zivilen und militärischen Akteuren ist in den vergangenen rund zehn Jahren von einem Nischenthema, das vor allem für Militärs in einigen Bereichen eine Rolle spielte, zu einem gleichermaßen akademisch wie praktisch relevanten Thema avanciert. Es sind in erster Linie die im Mittelpunkt stehenden politischen Großthemen wie»Afghanistan« und»Irak«, die aufgezeigt haben, dass es bei weitem nicht ausreicht, punktuell und zeitlich eng befristet militärisch zu intervenieren. Vielmehr ist der sich daran anschließende, vielfach quälende und alles andere als sichere Prozess des»Wiederaufbaus« und dann der »Entwicklung« keineswegs linear. Solche stockenden, oftmals auch mit heftigen Rückschlägen versehenen Prozesse, sind gleichermaßen neben den Top-KonfliktHerden in vielen weit weniger beachteten Konflikten charakteristisch. Trotz komplexer Situationen, in denen zivile und militärische Akteure zusammenarbeiten, zeigen sich in aller Regel zwei zentrale Herausforderungen. Zum einen übernehmen Militärs zumindest zeitweise und in ausgewählten Bereichen eine Rolle beim Wiederaufbau. Vielfach wollen diese eine solche positive Rolle auch bewusst übernehmen. Damit versuchen sie, sich ein Umfeld zu sichern, das ihnen nach Möglichkeit»freundlich« und damit nicht gefährdend gegenübersteht. Zum zweiten werden spätestens nach Kampfhandlungen zivile Akteure aktiv, die mit kurzfristigen humanitären Ansätzen oder auch längerfristigen entwicklungspolitischen Ansätzen ihre Rollen zu spielen versuchen. Durch die Gleichzeitigkeit von militärischem und zivilem Wirken stellt sich daher die Frage, wie sich diese Akteure zueinander verhalten. Haben Sie gleiche oder ähnliche Ziele und können daher eng kooperieren? Gibt es Interessen- und Zielunterschiede, die eine Zusammenarbeit nicht opportun erscheinen lassen oder de facto sogar ausschließen? Dieses Verhältnis und Verhalten von zivilen und militärischen Akteuren greift der Band»Civil-Military Cooperation« in systematischer Form auf. Das Buch basiert vor allem auf niederländischen Erfahrungen in diesem Bereich, die allerdings gleichwohl auch für andere Länder interessant sind. Nicht zu Unrecht nehmen die Niederlande für sich in Anspruch, ein funktionierendes Beispiel für einen integrierten»Defence, Diplomacy, Development«-(3D)-Ansatz zu sein. Berührungsängste und Dominanzbestrebungen, die sicherlich auch im niederländischen System nicht völlig unbekannt sein dürften, sind zumindest weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. Dies bringt auch der Titel des Bandes zum Ausdruck, der von»Kooperation« ausgeht. Ansätze, die weniger stark eine systematische Verzahnung favorisieren, sondern eher parallel arbeitende Systeme mit wenigen Wechselwirkungen beabsichtigen, sind vorstellbar und in der Praxis 170 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2009 auch vorzufinden; Ähnliches gilt für militärisch dominierte Ansätze. Dies trifft beispielsweise für das us -amerikanische Vorgehen, das überwiegend durch eine dominante Rolle der Militärs geprägt ist, oder in anderer Weise für das traditionell distanzierte Verhältnis militärischer und entwicklungspolitischer Akteure auf deutscher Seite zu. Der Band versammelt eine interessante Sammlung von unterschiedlichen Perspektiven. Militärs, Vertreter humanitärer und entwicklungspolitischer Institutionen, Praktiker und Wissenschaftler bringen gleichermaßen ihre Analysen und Erfahrungen in insgesamt 16 Artikeln ein. Die beiden Hauptkapitel befassen sich mit zwei unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von zivil-militärischer Kooperation. Die erste Ausgangsbedingung bezieht sich auf humanitäre Missionen. Dies können beispielsweise Naturkatastrophen wie der Tsunami Ende 2004 oder das pakistanische Erdbeben 2005 sein. Dies können aber auch Folgen von gewaltsamen Auseinandersetzungen sein, wie etwa die Bewältigung von Flüchtlingsbewegungen aufgrund von Kriegsereignissen. Die zweite Ausgangsbedingung geht von zivil-militärischen Kooperationsformen im Kontext von Stabilisierungs- und Wiederaufbaumissionen aus. Die Fallbeispiele hierzu behandeln die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan und Liberia. Die Unterscheidungen des Bandes tragen dazu bei, nicht nur verschiedene Arten von zivil-militärischen Verhaltensmustern zu identifizieren, sondern auch die unterschiedlichen Herausforderungen, die damit verbunden sind. Wenn es beispielsweise darum geht, dass mit Militärhubschraubern ausschließlich humanitäre Hilfsaktionen durchgeführt werden können, ist dies deutlich unterscheidbar von anderen Situationen, in denen es ein genuines militärisches Interesse an bestimmten flankierenden zivilen Aktionen in instabilen Situationen gibt. Die Beiträge machen aber ebenso deutlich, dass derartige Abgrenzungen und eindeutige Kategorien in der Praxis eher selten zu finden sind. Wie sieht ein Ansatz nach einer Naturkatastrophe unter den Bedingungen eines Bürgerkrieges beispielsweise aus? Die Tsunami-Folgen für Sri Lanka zeigen die Vermengung solcher Probleme, weil das Handeln aller srilankischen und ausländischen Akteure unmittelbar Einfluss auf den Gewaltkonflikt des Landes hatte. Das Buch hilft, funktionierende und auch nicht-funktionierende Bereiche im Verhältnis von zivilen und militärischen Akteuren zu identifizieren und zu diskutieren. Ein zentrales Ziel der Herausgeber, zur Weiterentwicklung praxisrelevanter Standards in den zivil-militärischen Beziehungen beizutragen, wird realisiert. Gleichzeitig bleibt allerdings durch diesen Fokus die politische Dimension des Themas unzureichend behandelt. Welche politischen Voraussetzungen müssen für eine Kooperation erfüllt sein? Wo bestehen nicht nur im operativen Bereich Gegensätze, sondern auch mit Blick auf Strategien und inhaltliche Ziele? Diesen und ähnlichen Fragen hätten die Herausgeber durchaus mehr Raum geben sollen. Gleichwohl ist der Band ein wichtiger Beitrag, den praxisorientierten wie auch akademischen Dialog verschiedener Bereiche zu befördern. Nicht zuletzt für ipg 2/2009 Rezensionen/Book Reviews 171 deutsche Debatten, die vielfach weniger offen und konstruktiv-kritisch sind, sind die Erfahrungen und Beispiele hilfreich, um Denkanstöße zum Zusammenwirken und Handeln ziviler und militärischer Akteure zu geben. Stephan Klingebiel, Kigali RICHARD P. FARKAS: Democratization in the Balkans. Prescriptions for a Badly Scarred Body Politic Lebanon 2008 University Press of New England, 135 S. A usgehend von der These eines allgemeinen Demokratiedefizits in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens sowie in Bulgarien und Rumänien legt Richard P. Farkas in einer vergleichenden Analyse»ex negativo« dar, von welchen strukturellen und mentalen Grundlagen die Funktionsfähigkeit einer demokratischen Zivilgesellschaft abhängig ist. Neben dem schweren Erbe der kommunistischen Mentalität, das nach wie vor freiheitliche Tugenden, wie Bereitschaft zu Verantwortung und gesellschaftlichem Wandel behindert, macht er insbesondere die wechselhafte Geschichte der Region und die Konflikte der 1990er Jahre für den gegenwärtigen Zustand verantwortlich. Dabei bemüht er das Bild eines vernarbten Körpers, dessen Wunden nicht verheilt und gleichsam verhornt sind, und somit symbolisch die Offenheit (»receptiveness«, gemeint ist gegenüber Neuem und Wandel) und die Anpassungsfähigkeit(»adaptability«, gemeint ist ein freiheitliches System nach dem Vorbild der westlichen Welt) erschweren. Die Absicht der Studie ist, aus der Diagnose des Problemfeldes Rezepte(»prescriptions«) abzuleiten, die anstelle der, gleichsam salbenhaften, von außen aufgetragenen Versuche des Westens einen inneren»Heilungsprozess« des politischen Körpers bewirken können. Farkas bestimmt sechs Elemente(»Tolerance«,»Obligation«,»Voice«,»Constraint«,»Tranparency«,»Legitimacy«), die es auf dem Weg zu einer funktionierenden Demokratie auszubilden und zu pflegen gilt. Jedem der sechs Elemente widmet der Autor ein Kapitel, in dem er sein Verständnis der Begriffe anhand von aktuellen Ereignissen und Entwicklungen in der Region erläutert. Toleranz (»Tolerance«) stellt als erstes Element einen gesellschaftspolitischen Wert von breiter Bedeutung dar, der auch im Bereich der Wirtschaft, der Medien und Bildung im Sinne einer redlichen Konkurrenz von Produkten, Gruppen und Ideen verinnerlicht werden muss. Für die Länder Südosteuropas geht es dabei insbesondere um die Durchsetzung eines religiösen Pluralismus, einer Absage an den Nationalismus und den damit verbundenen Ausschluss von Minderheiten bzw. 172 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2009