Landes, aus denen schließlich Joseph Kabila siegreich hervorging. Die Hoffnung auf friedliche Entwicklung vieler Kongolesen erhielt seither viele Dämpfer, dürfte jedoch mit der kürzlich erfolgten Gefangennahme des Rebellenführers Laurent Nkunda wieder Auftrieb erhalten haben. Abgeschlossen wird der Band mit einem Kapitel, das der Autor mit den Worten»Die Kunst des Überlebens« überschrieben hat und in dem er noch einmal besonders die Perspektive auf die kongolesische Zivilbevölkerung betont. Die zahlreichen, auf den Tag genauen Datumsangaben in der zweiten Hälfte des Buchs belegen, wie intensiv der Journalist das Geschehen im Kongo in den letzten Jahren beobachtet und akribisch festgehalten hat. Auf über 20 Reisen hat er sich ein Bild von der Lage vor Ort gemacht. Noch mehr O-Töne und Augenzeugenberichte wären daher sicherlich aufschlussreich gewesen. Leider bedient sich der Autor keines politikwissenschaftlichen Konfliktanalyseinstruments, das ihn zu einer stärker systematischen statt der gewählten chronistischen Darstellungsweise gezwungen hätte. Weniger bewanderte Leser könnte daher mitunter das Gefühl beschleichen, sich in einer Fülle von Namen, geografischen Angaben und Einzelereignissen zu verlieren. Endnoten, zwei Übersichtskarten, eine Zeittafel sowie Verzeichnisse wichtiger Volksgruppen, Personen und Abkürzungen helfen jedoch dabei, dieser Gefahr zu entrinnen. Axel Biallas, Berlin STEFAN SCHMALZ: Brasilien in der Weltwirtschaft. Die Regierung Lula und die neue Süd-Süd-Kooperation Münster 2008 Westfälisches Dampfboot, 308 S. S tefan Schmalz untersucht in seiner aufschlussreichen Arbeit Möglichkeiten und Grenzen einer außenwirtschaftlichen Umorientierung Brasiliens unter Präsident Lula und dessen selbst gestelltes Ziel einer unabhängigeren Einbindung in den Weltmarkt. Um dies zu gewährleisten, hat der Autor einen anspruchsvollen theoretischen Rahmen ausgearbeitet. In kreativer Weise werden Einsichten älterer Dependenz- und Weltsystemtheorien mit neueren kritischen Ansätzen der Internationalen Politischen Ökonomie verknüpft, um die abhängige Entwicklung Brasiliens analysieren zu können. Sein»neo-dependenztheoretischer«, um Einsichten der Staats- und Hegemonietheorie ergänzter Ansatz hilft dem Autor dabei, einen differenzierten Blick auf die weltwirtschaftlichen Abhängigkeitsstrukturen, deren hegemoniale Stabilisierung unter us -amerikanischer Vorherrschaft(bzw. ihre gegenwärtige Destabilisierung) zu werfen, ohne die Beipg 2/2009 Rezensionen/Book Reviews 179 deutung der innergesellschaftlichen Entwicklungen und Kräfteverhältnisse Brasiliens zu vernachlässigen. In einem historischen Rückblick auf die brasilianische Außenwirtschaftspolitik wird im Anschluss die wechselvolle Geschichte des Landes hinsichtlich des Versuchs einer»nationalstaatszentrierten« Industrialisierung beschrieben, der bereits seit den 1930er Jahren von Bemühungen einer Diversifizierung der Außenwirtschaftsbeziehungen und einer Autonomie gegenüber den usa (seitens linker wie rechter Parteien) gekennzeichnet war. Die Regierung Lula knüpfte ab 2002 gewissermaßen an einer Tradition des»nationalen Entwicklungsstaates« an, die in den 1990er Jahren durch die Liberalisierung der brasilianischen Ökonomie und die enge Ankopplung an die Vorgaben der usa scheinbar in Auflösung begriffen war. In seiner»Innen«- wie»Außenfaktoren« gleichermaßen berücksichtigenden Perspektive zeichnet Schmalz die Transformationen der brasilianischen Politik bzw. die»Kämpfe im und um den Staat« nach. Vor 2002 erfuhren etwa die Zentralbank und das Finanzministerium einen Bedeutungszuwachs, was einer gesellschaftlichen Aufwertung von transnationalisierten Unternehmen und Finanzakteuren entsprach, die den einstmals mächtigen Einfluss vorwiegend binnenmarktorientierter Unternehmen einzudämmen und die»Subalternen« einzuspannen vermochten. Die verschärften innenpolitischen Polarisierungen, die schließlich in der Wahl des Linken Lula mündeten, drückten sich in einer partiellen Umgruppierung innerhalb des Staatsapparats aus, wie Schmalz detailliert beschreibt. Zwar konnte eine»neoliberale«, auf Exportunternehmen und Finanzsektor gerichtete Strömung wichtige Ministerien weiterhin kontrollieren. Auf der anderen Seite drückte sich die Verschiebung des gesellschaftlichen Kräfteverhältnisses jedoch in der Einflussnahme einer»sozial-keynesianischen«, links-nationalistischen Strömung aus, die etwa das Außenministerium Itamaraty unter Kontrolle brachte. Nach 2002 wurde zumindest von Teilen der Lula-Regierung der ehrgeizige Versuch unternommen, zwei neuartige Abhängigkeitsformen des globalen»HighTech-Kapitalismus« abzuschwächen, die Brasilien seit den 1970er Jahren wirtschaftspolitisch einengten – ein»finanzmarktvermittelter Ressourcentransfer« auf dem Wege der erhöhten Auslandsschulden und durch den Transfer von Zinseinkünften sowie eine»transnationale Verrechtlichung« von Abhängigkeitsverhältnissen im Rahmen internationaler politischer Institutionen wie der Welthandelsorganisation wto . Das wto -Regime fungierte, dominiert durch die»Quad« aus eu , Japan, Kanada und die usa , als Beschleuniger einer allgemeinen Liberalisierung, die, so der Autor, in Brasilien schwere wirtschafts- und sozialpolitische Schäden zeitigte(S. 221ff). Die dem wto -Regime angeschlossenen Staaten wurden dem»Prinzip einer fortschreitenden Liberalisierung« unterworfen, dessen»Funktionslogik« wurde auf weitere Bereiche ausgeweitet, zeitgleich»rechtlich festgeschrieben« und»damit beinahe unwiderruflich« gemacht(S. 140). 180 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2009 Das Überraschende an dieser, die Abhängigkeit selbst von aufstrebenden Schwellenländern beinahe zementierenden Konstellation war freilich ihre Infragestellung. Mit der»Krise der wto « seit 2003, die durch die koordinierte Vorgehensweise der stärkeren der abhängigen Länder(G-20) zustande kam, dem Ende der von den usa anvisierten panamerikanischen Freihandelszone alca und dem Stillstand in den Verhandlungen zwischen dem(von Brasilien angeführten) Mercosur und der eu schien sich eine neue»Geographie des Welthandels« durchzusetzen. Den sogenannten brics -Staaten(Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) stünden nunmehr erhebliche Spielräume offen, so die Ansicht vieler Kommentatoren. Insbesondere die linke Regierung Brasiliens galt als Hoffnungsträger einer neuen selbstbewussten und zugleich sozialverträglichen Politik des »Südens«. Auf die Frage, ob die partielle Herauslösung aus der von den Interessen des»Nordens« dominierten Weltordnung und die seitdem parallel stattfindenden Bemühungen um den Ausbau der ökonomischen Beziehungen mit anderen Volkswirtschaften des Südens zu einer alternativen Entwicklung führen könnte, bleibt Schmalz skeptisch. Zwar konnten auf der Ebene der»Süd-SüdKooperation« Fortschritte erzielt werden, doch können diese nur bedingt als Quellen einer Unabhängigkeit vom Weltmarkt betrachtet werden.»Es handelt sich demnach nicht um die Herausbildung eines ›Weltmarkts unterhalb des Weltmarkts‹, sondern um den Versuch einer Verbesserung der brasilianischen Stellung im Weltmarkt«, und zwar innerhalb des Rahmens global-kapitalistischer Vergesellschaftung(S. 211). Brasiliens Wirtschaftsmodell ist gegenwärtig durch einen semi-peripheren»Wettbewerbskorporatismus« geprägt, dessen mittelfristige Stabilisierung von einer erfolgreichen Binnendynamik abhängt. Das fragile Modell der exportorientierten Entwicklung wurde über die Erschließung neuer Absatzmärkte im Süden allerdings erst einmal vertieft. Eine Umorientierung auf neue soziale Normen und Werte internationalen Wirtschaftens ist darüber hinaus nicht zu erkennen, die Entstehung einer»Gegenhegemonie« bleibt aus(S. 245). Die Welt nimmt mit dem Nachlassen der amerikanischen Hegemonie multipolare Züge an, Länder wie China und in Ansätzen auch Brasilien treten als Akteure einer intensiver werdenden oligopolistischen Konkurrenz auf, einzelstaatliche Institutionen feiern auf spektakuläre Weise ihr Comeback – eine soziale Wende wurde indes nicht eingeläutet. Die eröffneten Spielräume wurden Schmalz zufolge jedoch nicht allein aufgrund weltwirtschaftlicher Dynamiken und Anpassungsprozesse nur unzureichend genutzt: Innerhalb Brasiliens suchte Lula, als sozialdemokratischer Moderator der Macht, keine ernsthafte Auseinandersetzung mit den»hegemonialen Kapitalfraktionen im Block an der Macht«(S. 108). Demzufolge blieb die Außenwirtschaftspolitik der Regierung in sich widersprüchlich.»Da die Kontrolle der Finanzpolitik in der Hand der Zentralbank und des Finanzministeriums und damit der neoliberalen Achse liegt, sind die Aushandlungsprozesse in den internationalen Finanzbeziehungen sowie die Funktionsweise des finanzmarktvermittelten ipg 2/2009 Rezensionen/Book Reviews 181 Ressourcentransfers weitgehender Kontinuität unterworfen.(…) Die Außenhandelspolitik hingegen wird in vielen Punkten eher von der sozial-keynesianischen Achse kontrolliert. Zwar ist auch hier eine Exportorientierung dominant, doch das linksnationalistische Itamaraty verteidigte in verschiedenen Verhandlungsprozessen erfolgreich die Schutzinteressen der Industrie. Eine Vertiefung der transnationalen Verrechtlichung von Abhängigkeitsstrukturen wurde auf diese Weise vorerst verhindert. Dennoch herrschte immer wieder die Tendenz vor, die Exportanliegen des Landwirtschaftsministeriums und des Ministeriums für Entwicklung, Industrie und Außenhandel auf die Agenda zu setzen«(S. 118f). Schmalz ist es gelungen, Unzulänglichkeiten älterer, oftmals einseitig verallgemeinernder Dependenztheorien durch ihre Neukonzeptualisierung zu überwinden und vor diesem Hintergrund empirische Untersuchungsergebnisse in einer überzeugenden Weise auszuwerten. Das Buch empfiehlt sich auch deshalb nicht nur für Lateinamerikaspezialisten. Tobias ten Brink, Institut für Sozialforschung, Frankfurt/ Main 182 Rezensionen/Book Reviews ipg 2/2009