REZENSIONEN/BOOK REVIEWS BUND FÜR UMWELT UND NATURSCHUTZ DEUTSCHLAND; BROT FÜR DIE WELT; EVANGELISCHER ENTWICKLUNGSDIENST(Hrsg.): Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt. Ein Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte. Eine Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie Frankfurt a. M. 2008 Fischer Taschenbuch Verlag, 656 S. Z ukunftsstudien haben Konjunktur und sind seit Jahrzehnten ein etablierter Bestandteil politischer Diskurse. Selten erscheinen sie jedoch so konstruktiv und zudem so gut lesbar wie die Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie zum zukunftsfähigen Deutschland in einer – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und ökologisch – globalisierten Welt. Klimawandel, Ressourcenverknappung, Umweltbelastungen und immer größere innerstaatliche und globale Wohlstandsgefälle sind die großen Probleme unserer Zeit, die der Studie Aktualität und Relevanz verleihen. Dem Untertitel, der das Werk als Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte beschreibt, wird das Buch allerdings nicht gerecht: Die Debatte um die Zukunft der(globalen) Gesellschaft im Allgemeinen und Deutschlands im Besonderen ist längst angestoßen, und es handelt sich hier auch nicht um ein Erstlingswerk; bereits 1996 erarbeitete das Wuppertal Institut eine umfangreiche Studie zum Thema, damals im Auftrag von bund und Misereor. Diese Vorarbeit ermöglicht insbesondere kritische Bilanzen. Wichtiger aber noch ist, dass die Studie weit darüber hinausgeht, auf Missstände aufmerksam zu machen, vielmehr wird auch ein Katalog von teils sehr konkreten Maßnahmen zur Lösung der identifizierten Probleme vorgeschlagen, deren Umsetzung zwar ambitioniert, aber nicht unrealistisch ist. Das Leitbild für ein zukunftsfähiges Deutschland folgt der Überwindung des »fossil-zentralen Pfades« der seit gut 150 Jahren dominierenden Wirtschaftsweise durch das Beschreiten eines»solar-vernetzten Pfades« für das 21. Jahrhundert und darüber hinaus.»Denn eine fossile Ressourcenbasis leistet Vorschub für zentralisierte, kapitalintensive und grenzüberschreitende Wirtschaftsstrukturen, während eine solare Ressourcenbasis dezentrale, kapitalschlanke und lokal verflochtene Wirtschaftsstrukturen begünstigt«(S. 231). Mit letzterer soll ein Entwicklungspfad ipg 3/2009 Rezensionen/Book Reviews 163 beschritten werden, der entlang der Kriterien Effizienz, Naturverträglichkeit und Suffizienz einen sozial gerecht verteilten und vor allem ökologisch nachhaltigen Wohlstand für alle ermöglicht. Damit ist weder eine Rückkehr zu autochthonen Lebensweisen gemeint(was ohne größere Katastrophen auch kaum möglich und ohnehin nicht wünschenswert wäre), noch soll dadurch die Lösung aller Probleme durch eine universelle Versorgung mit Solaranlagen nahegelegt werden. Es geht vielmehr darum, globale, ressourcenverschwendende Produktionsketten zu reformieren, die nur deshalb profitabel erscheinen – und es auch derzeit sind –, weil ihre realen natürlichen und sozialen Kosten von den Produzenten externalisiert, also auf andere, die sich(noch) nicht wehren können, abgewälzt werden. Das aber, so macht es die Studie des Wuppertal Instituts in beispielhafter Interdisziplinarität deutlich, ist nicht nur eine Frage der Ökologie oder der Ökonomie, sondern auch eine der politischen Strukturen. Zugleich ist die ökologische Frage auch eine soziale, da ökologische Probleme meistens entlang sozialer Ungleichheiten strukturiert sind bzw. diese mitbedingen. Das Buch ist in sechs Abschnitte gegliedert, die durch Schlaglichter(Beispiele aus der Gegenwart) und Ausblicke(Ausschnitte aus positiven Zukunftsszenarien) veranschaulicht werden. Nach einer Analyse der»Ausgangslagen«(A), die Fehlentwicklungen in den Bereichen Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung und zwischenstaatlicher, internationaler sowie globaler Ungleichheit identifiziert, werden Bilanzen(B) hinsichtlich der Rolle Deutschlands im»Weltumweltraum« und im»Weltwirtschaftsraum« gezogen, insbesondere vor dem Hintergrund der Studie von 1996. Diese stimmen zum Teil optimistisch, weil es Deutschland z. B. mit der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 gelungen ist, den Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch weit über die Erwartungen von 1996 hinaus zu erhöhen(S. 132ff). Andererseits liefert dies keinen Anlass zur Beruhigung, denn Deutschlands Verbrauch an Energie und anderen Ressourcen pro Kopf ist im Hinblick auf die Belastung der Umwelt immer noch zu hoch, wenngleich auch nicht so extrem wie z. B. in den usa . Die in den letzten Jahren stetig gewachsene Exportorientierung Deutschlands mit den Schwerpunkten Fahrzeug- und Maschinenbau und Chemie stellt dabei nicht nur aufgrund der Transportintensität eine erhebliche Umweltbelastung dar, sondern ist auch in sozialer Hinsicht problematisch, da die auf Lohnzurückhaltung basierende Konkurrenzfähigkeit der deutschen Exportindustrien inner- wie zwischenstaatlich in besonderem Maße Ungleichheiten und Instabilitäten fördert. Eine Umorientierung ist also unvermeidlich. Im Anschluss an die Bilanzen kommen daher Leitbilder(C) auf den Prüfstand: Wie ernst nimmt Deutschland es mit seiner Verpflichtung gegenüber Menschen aus anderen Teilen der Welt? Was heißt ökologisch nachhaltiger Wohlstand und was bedeutet eine Gesellschaft der Teilhabe? Wie sieht eine konsequente gesamtwirtschaftliche Orientierung aus? Die skizzierten Leitbilder sind kohärent und plausibel, wobei an bestehende Positionen in der politischen Debatte angeknüpft wird. Vor dem Hintergrund der zuvor 164 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2009 dargestellten Analysen jedoch ergibt sich dringender Handlungsbedarf, der im folgenden Kapitel thematisiert wird:»Für einen Kurswechsel in Deutschland und Europa«(D). Die darunter versammelten Vorschläge reichen von einer konsequenteren Orientierung auf erneuerbare Energien über Steigerungen der Ressourceneffizienz, eine dem Gemeinwohl verpflichtete und gegenüber sinnvoller Regionalisierung aufgeschlossene Wettbewerbs- und Wirtschaftspolitik des Staates bis hin zur Neustrukturierung der Arbeitsgesellschaft in Richtung einer Tätigkeitsgesellschaft, die auch nicht kommodifizierte Tätigkeiten anerkennt und Arbeit»fair teilt«(S. 427ff) – etwa mit einer»kurzen Vollzeit für alle«, flexiblen Jahresarbeitszeitkonten, Mindestlöhnen und negativer Einkommenssteuer sowie nicht zuletzt einer(besseren) Förderung der Bürgerarbeit. Angesichts der immer intensiveren globalen Verflechtung kann ein solcher Kurswechsel seine Wirkung allerdings nur in einem geeigneten globalen Rahmen entfalten, weshalb dieser in dem anschließenden Abschnitt,»Übereinkünfte global«(E), gewürdigt wird. Das Plädoyer für verstärkte wirtschaftliche Regionalisierung ist somit nicht zu verwechseln mit Isolationismus, sondern im Verein mit der Forderung nach einer sozial-ökologisch orientierten globalen Integration und Koordination zu sehen. Auch hier wird an bestehende, in der etablierten Diskussion befindliche Positionen angeknüpft, deren Umsetzung in der Praxis allerdings meist doppelten Standards folgt, die der Macht der jeweiligen Interessengruppen entsprechen. Aber es geht nicht darum, z. B. die Welthandelsorganisation abzuschaffen(wie manche Globalisierungsgegner meinen), sondern sie trotz aller Widerstände sozial und ökologisch zu reformieren. Die damit verbundene politische Haltung, die sich durch das gesamte Buch zieht, könnte als»ambitionierter Pragmatismus« bezeichnet werden, dem Zukunftseuphorie genauso fremd ist wie resignative Untergangsstimmung angesichts säkularer Fehlentwicklungen. So wird auch das ressourcenintensive Zeitalter des bisherigen»fossil-zentralen Pfades« nicht als bloßer Irrweg angesehen, denn, wie es an anderer Stelle heißt, es hinterlässt»ein Erbe an Technologien, Kenntnissen und Kompetenzen, das ohne diesen historischen Umweg nicht hätte gewonnen werden können«(S. 227). Die geschichtstheoretischen und-politischen Implikationen dieser Haltung gehen sicher weiter als es an dieser Stelle erörtert werden kann, im Vordergrund der Studie stehen allerdings die darauf aufbauenden Handlungsbedarfe und-optionen. Diese machen vor den Verhaltensweisen Einzelner nicht halt, die im letzten größeren Abschnitt»Engagement vor Ort«(F) im Zentrum stehen. Dieser zeigt Möglichkeiten, die, besonders in den wohlhabenderen Gesellschaften, nahezu jeder und jedem zur Verfügung stehen – vom Engagement in kommunalen Strukturen bis hin zu strategischem Konsum und sozial-ökologisch bewusster privater Lebensführung. Im abschließenden»Ausblick« wird unter dem Ziel, eine»2000-Watt-Gesellschaft« zu erreichen(derzeit verbraucht jeder Mensch in Deutschland im Jahresdurchschnitt 6500 Watt Energie) der verbreiteten Vorstellung widersprochen, die Politik habe in der Globalisierung abgedankt. Denn wenn es auch unabdingbar ipg 3/2009 Rezensionen/Book Reviews 165 ist,»(…) das eigene Verhalten den gewonnenen Einsichten anzugleichen, als Verbraucher einen maßvollen Lebensstil zu praktizieren oder als Produzent auch in sozialer und ökologischer Verantwortung zu investieren(…), bewirkt das nicht genug. Es bedarf auch institutioneller Leitplanken und systemischer Sperren. Deshalb sind die politischen Akteure wie kaum jemals zuvor aufgerufen, das Allgemeininteresse an Leben und Überleben gegen die Partikularinteressen an Komfort und Profit zur Geltung zu bringen«(S. 603). Sicher ließe sich die Studie noch verbessern. So legt die Wendung von der »fossilen« oder»postfossilen Zivilisation« nahe, auch die sozialpsychologischen Bedingungen der heutigen wie der angestrebten Verhältnisse genauer zu beleuchten, was in der Studie nur sehr oberflächlich geschieht. Auch wird der Begriff des wirtschaftlichen Wachstums auf verschiedene, teils irritierende Weise gebraucht, etwa negativ konnotiert im Sinne eines bloßen Outputwachstums mit entsprechend steigendem Ressourcenverbrauch oder positiver im Sinne von wachsender Arbeits- und Ressourceneffizienz. Aber diese Defizite erscheinen gegenüber dem auch didaktisch hervorragend ausgearbeiteten Gesamtbild, das die Studie zeichnet, geradezu kleinlich. Wer an einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung interessiert ist, ob privat, wissenschaftlich oder politisch, sollte diese Studie zur Pflichtlektüre nehmen. Michael Fischer, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn WARWICK COMMISSION: The Multilateral Trade Regime: Which Way Forward? The Report of the First Warwick Commission Coventry 2007 Warwick University: 92 p. T he global economic governance system is in serious disarray. Its main constituent organizations and institutions – namely the World Trade Organization ( wto ), the International Monetary Fund( imf ), and the World Bank – are mired in a deep credibility and legitimacy crisis. They were unable to forecast adequately or respond robustly to, much less prevent the food, energy, financial and economic calamities that started unfolding in 2008. Their structures no longer reflect current geopolitical realities, giving rise to what is now widely referred to as a »global governance gap.« Wholesale recession and growing protectionism are endangering multilateralism as such. The palpable need for fundamental reforms has triggered an intensive debate on the future architecture of the global economic governance system. The Report of the First Warwick Commission, entitled»The Multilateral Trade Regime: Which Way Forward?,« is a timely and valuable contribution to 166 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2009