Debatte infolge der Politik sozialdemokratischer Regierungen seit 1998 noch einmal intensiv aufgeführt worden. Angesichts der reichhaltigen Tradition dieses Themas irritiert(e) mitunter die Voraussehbarkeit der Argumente in diesem Stellungskrieg. Die Pragmatiker waren immer wieder damit beschäftigt, bestimmte politische Ziele als nicht machbar zu diskreditieren, während sie auf die Frage nach ihren Zielen stets nur hilflos auf das Machbare verweisen konnten. Die utopischen(manchmal auch traditionalistischen) Programmatiker suggerierten dagegen, die Realisierung der politischen Ideale werde sich quasi automatisch einstellen, wenn man diese Ideale nur schön rein hielte(obwohl ein erhöhter Reinheitsgrad politischer Ideale historisch bisher immer mit dem Bedeutungsverlust der jeweiligen Bewegung einherging). Marc Stears’ Buch zeigt, wie unproduktiv es ist, beide Dimensionen als unverbundene, gegensätzliche Pole zu behandeln, wo es sich doch eher um die Brückenpfeiler handelt, zwischen denen eine progressiv-emanzipatorische Politik entsteht. Wer in irgendeiner Weise an den Debatten der letzten Jahre interessiert ist oder gar beteiligt war, der sollte etwas Zeit in die Lektüre von»Demanding Democracy« investieren. Dabei wird noch etwas anderes auffallen: Die radikaldemokratische Bewegung gründete immer in überzeugenden und mobilisierenden Analysen der jeweiligen Gegenwart. Dass politischer»Realismus« in den letzten Jahren zu einem Selbstzweck werden konnte, hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Verbindungen zwischen engagierter Gesellschaftsanalyse auf der einen und politischen Reformprogrammen auf der anderen Seite verschwunden sind. Timo Luks, Technische Universität Chemnitz JOHN GRAY: Politik der Apokalypse – Wie Religion die Welt in die Krise stürzt Stuttgart 2010 Klett-Cotta, 363 S. J ohn Gray untersucht im vorliegenden Werk die Bedeutung der Religion für den Menschen sowie die Auswirkungen religiöser Ideen und teleologischer Geschichtsinterpretationen auf das Handeln politischer Akteure und Entscheider. Er verfolgt keine atheistischen oder antireligiösen Ziele im engeren Sinne, sondern legt eine fundierte Analyse der Einflüsse religiösen Denkens auf politische Entscheidungen vor. Gray versteht Religion als ein menschliches Grundbedürfnis. Religiosität werden die Menschen immer bewahren, genauso wie sie sexuelle, spielerische und aggressionsbereite Triebe auszeichnen. Religion ist untrennbar mit dem Menschen verbunden und kann nicht einfach durch postmoderne Philosophen oder moderne wissenschaftliche Methoden»wegerklärt« werden. ipg 3/2010 Rezensionen/Book Reviews 171 Der Autor war bis zu seiner Emeritierung Professor für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. Gray, der sich selbst gern als Skeptiker von der Art eines Michel de Montaigne sieht, hat in seiner aktiven Zeit einige wegweisende Veröffentlichungen vorgelegt, die zu Standardwerken der politischen Theorie zählen. Zunächst galt er als ein Vertreter der neoliberalen Schule, hat sich aber spätestens seit dem Irakkrieg 2003 als Kritiker neoliberaler Ideen etabliert. Im vorliegenden Band positioniert sich der Autor als Anhänger des politischen Realismus. Das Buch lässt sich grob in zwei Hauptteile unterscheiden. Im ersten Teil widmet Gray sich ausführlich – vielleicht manchmal etwas zu ausführlich – der Entstehung einer apokalyptischen Weltanschauung und dem Utopismus. Utopisch ist aus seiner Sicht das Bemühen, Menschen zu verbessern und ein Leben ohne Neid, Konflikte und Kriege zu realisieren sowie eine Erlösung der Menschheit auf Erden herbeizuführen. Ein Ende der Ungerechtigkeiten ist und bleibt nach Gray utopisch und wird es nicht geben können – hier zeigt sich sein Hobbessches Menschenbild. Er bemüht zahlreiche historische Beispiele als Beleg für seine These von der Unmöglichkeit kollektiver Erlösung und Befreiung, sei es nun auf Erden oder in ferner Zukunft in einer Art himmlischem Reich. Der Glaube an Erlösung, so Gray, wurzelt im Frühchristentum, das die Rettung der Menschheit durch die Rückkehr Jesu verheißt. Folgt man dem Autor, sind die apokalyptischen Vorstellungen der Frühchristen und des von ihnen propagierte Millenarismus oder Chiliasmus die Wurzel allen Übels, auch oder gerade in der modernen Politik. Aufgrund der frühchristlichen Vorstellungen, Jesus kehre auf die Erde zurück, um die Menschen zu befreien und ein tausendjähriges Reich der Erlösung zu etablieren, entwickelte sich erst die Vorstellung, die Geschichte der Menschheit sei ein Prozess mit einem eindeutigen Endpunkt. Alle Revolutionen, vor allem die Französische Revolution von 1789, politischen Philosophien und extremen Ideologien, seien es nun die ns -Ideologie mit der Rassenlehre, der historische Materialismus, der Jakobinismus, der radikale Islam oder die Terrororganisation El-Kaida, basierten auf dieser frühchristlichen Erlösungsvorstellung. Auch»der Liberalismus ist ein direkter Abkömmling des Christentums und hat seine Militanz geerbt«, so eine der weiteren Thesen Grays. Er legt weiter dar, dass das Fundament des Neoliberalismus auf teleologischen Anschauungen basiert und somit zumindest ideengeschichtlich große Gemeinsamkeiten mit dem Gegenentwurf des Marxismus hat. Inhaltliche Gemeinsamkeiten sind natürlich kaum zu erkennen, jedoch aber große Übereinstimmungen im Denkstil. Im zweiten Teil folgt dann eine kritische Betrachtung des Irak-Kriegs, eine Analyse der Bush-Administration mit der theokonservativen Machtbasis sowie der britischen Verstrickungen in den Konflikt unter Berücksichtigung der Erkenntnisse des ersten Teils. Kriege, so Gray, können nicht gerecht sein, wenn sie unnötig sind. Der Krieg gegen den Irak 2003 war unnötig und somit auch kein gerechter Krieg. So ganz nebenbei diskutiert Gray gekonnt die Vorstellungen 172 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2010 vom Ende der Geschichte und dem Kampf der Kulturen. Klar und nachvollziehbar enttarnt er ihre Unsinnigkeit und zeigt gleichzeitig, dass man die Einflüsse eines Francis Fukuyama oder Samuel Huntington auf die zeitgenössische amerikanische Ideologie unterschätzt habe. Der Kurswechsel Fukuyamas dient ihm als Beispiel dafür, wie unausgereift und schwierig das neokonservative Ideenbild ist. Ausgangspunkt des ungerechten Krieges waren neben den Mixturen dieses Ideenbildes die daraus resultierenden Ängste und Gefühle der Menschen sowie die erhabene Vorstellung,»dass die usa die beste – die vielleicht einzige wirkliche legitime – Staatsform besäßen, die es je gegeben habe(…)«. Unter diesem Aspekt skizziert Gray die Entstehung und Entwicklung der Neokonservativen als konkretes politisches Lager in den usa sowie als Ideengebäude. Er legt die Verstrickungen von Politik und Krieg für das neokonservative Netzwerk innerhalb der Bush-Administration offen und zeigt, was für eine wichtige Waffe Ideologie in diesem Weltbild darstellt. Für ihn ist»das neokonservative Denken eine Mixtur aus exzentrischer Realitätswahrnehmung und chiliastischen Phantastereien.« Im Schlussteil offenbart sich Gray als leidenschaftlicher Verfechter des Realismus, da dieser die einzige Form sei,»über Tyrannei und Freiheit oder über Krieg und Frieden nachzudenken, bei der man sicher sein kann, dass sie nicht in einem Glaubenssystem gründet(…)«. Politischer Realismus sei die Idee gewesen, die den Nationalsozialismus besiegt habe und den Kommunismus zunächst einzuschränken verstand und schließlich zu seiner Überwindung beitrug. Er bezieht sich in seiner Argumentation auf den Urtext realitätsbezogenen Handelns, indem er Sunzis»Kunst des Krieges« einbringt und sich auf den italienischen Politiker, Diplomaten und Philosophen Niccolò Machiavelli beruft. Gray führt den Leser im Schlussteil zu der Erkenntnis, dass sich keine Staatsoder Regierungsform durchsetzen werde. Es werde auch in Zukunft autoritäre und liberale Systeme geben, theokratische und säkulare Staaten würden nebeneinander existieren. Kein Wirtschaftssystem, keine Kultur, aber auch keine Staatsform werde sich durchsetzen. Es sei vielmehr an der Zeit, anzuerkennen, dass es eine kulturelle, religiöse und politische Vielfalt auf der Welt gebe. Die Aufgabe moderner Politik und verantwortlicher Akteure bestehe nun vielmehr darin, Strukturen zu schaffen, die eine friedliche Koexistenz der Menschen und ihrer verschiedenen Ideen ermöglichten. Gray nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die politische Ideengeschichte der westlichen Welt. Das Buch bietet eine fundierte Analyse der aktuellen Weltpolitik unter besonderer Berücksichtigung der Bush-Regierung, des Liberalismus und des radikalen Islamismus. Besonders interessant sind seine Ausführungen zum Neoliberalismus und dem Islam. Hervorzuheben sind auch Erklärungen der einflussreichen politischen Strömungen und ihre Verstrickungen mit religiösen Ideen. Insgesamt ein Buch, das in Anbetracht der schwierigen Materie bewundernswert leicht und angenehm zu lesen ist. Andreas Ploog, Kiel ipg 3/2010 Rezensionen/Book Reviews 173