STEPHAN HENSELL: Die Willkür des Staates: Herrschaft und Verwaltung in Osteuropa Wiesbaden 2009 vs Verlag für Sozialwissenschaften, 256 S. S tephan Hensell hat mit seiner Dissertation einen wegweisenden und gehaltvollen Beitrag zur Theorie und Empirie des postsozialistischen Staates vorgelegt, der ein soziologisches Verständnis des Staates propagiert und an den Fallstudien Georgien und Albanien verdeutlicht. Seine umfassende Kritik an der politikwissenschaftlichen»Mainstream«Transformationsforschung betrifft zu Recht die teleologischen und normativen Annahmen der zumeist auf Demokratisierung fokussierten Ansätze, ihre geringe historische Tiefenschärfe, die Vernachlässigung des Staates sowie die Beschränkung empirischer Studien auf die erfolgreichen Fälle in Ost- und Mitteleuropa. Trotz offensichtlicher Misserfolge in vielen postsozialistischen Staaten halten viele Autoren an der prinzipiellen Demokratisierungsperspektive fest und definieren Abweichungen als verminderte Formen der Demokratie. Sie klammern Fragen der politischen Ökonomie aus und beschränken sich auf den politischen Bereich. Der Staatsapparat, dessen Funktionieren stillschweigend vorausgesetzt wird, ist selten Gegenstand eigener Analysen. Dieser regionalen Selektivität und konzeptionellen Engführung möchte Stephan Hensell mit seiner Studie begegnen. Sein Ausgangspunkt ist eine Theorie der Modernisierung, welche die Herausbildung ausdifferenzierter Sphären mit eigenen Handlungslogiken als zentral ansieht. Er stützt sich auf das Weberianische Staatsverständnis mit den Idealtypen des rationalen Anstaltsstaates, der eine Trennung von Amt und Person sowie eine Binnendifferenzierung in einen politischen und einen bürokratischen Teil vorsieht, und des patrimonialen Staates, dessen Basis die fehlende Trennung von öffentlicher und privater Sphäre ist. Um die Prozesshaftigkeit und Kontinuitäten von Akteurspraktiken sowie die Hybridität von traditionalen und modernen Logiken zu erfassen, greift der Autor außerdem auf Pierre Bourdieus Theorie der Praxis mit den analytischen Kategorien Feld, Kapital und Habitus zurück. Hensell versteht den Staat als von habitualisierten Praktiken bestimmtes Handlungsfeld, in dem die Akteure ungleich mit ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital ausgestattet sind und versuchen, sich im Feld zu behaupten. Eine mögliche Form sind patrimoniale Praktiken, die sich durch die Nichtbeachtung der Grenzen zwischen formalen und informalen sowie legalen und illegalen Sphären auszeichnen. Öffentliche Ämter werden primär als Möglichkeit der Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung zum Zwecke des persönlichen Gewinns betrachtet. Patrimoniale Praktiken differenziert Hensell weiter in die Rolle von so genannten »Big Men«, des Klientelismus und der ökonomischen Aneignung. Da der Autor Strukturen langer Dauer als Grund für die Persistenz(neo-) patrimonialen staatlichen Handelns sieht, vervollständigt er den theoretischen 174 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2010 Rahmen durch eine verdichtete Darstellung der Strukturgeschichte des Staates in Mittel- und Osteuropa, in der er dessen Entwicklungslinien und die Herausbildung des staatlichen Feldes mit spezifischen Praxisformen erläutert. Bei der Darstellung der Kontinuitäten und Diskontinuitäten liegt der Schwerpunkt auf der sozialistischen Phase und der Herausbildung eines patrimonialen Sozialismus. Besonders stark sind patrimoniale Züge dort, wo die vorsozialistischen Gesellschaften nur einen partiellen Modernisierungsschub erlebten bzw. der Sozialismus der eigentliche Modus der Modernisierung war, zugleich aber viele traditionale Elemente bewahrte und sich damit als patrimonial begreifen lässt. Nach dem Ende des Sozialismus führte Elitenkontinuität zur Fortsetzung habitualisierter Praktiken. Transformation ist daher als pfadabhängige Patrimonialisierung zu begreifen, welche die Personalisierung der staatlichen Führung, die Expansion klientelistischer Netzwerke und die Kriminalisierung des Staates umfasst. Aufgrund des etablierten bürokratischen Feldes und der infrastrukturellen Macht bezeichnet Hensell den neuen Staat als bürokratisch-patrimonial. Die Transformation postsozialistischer Staaten führte zu steigender Heterogenität der Entwicklungspfade. Trotz der Unterschiedlichkeit regionaler Kontexte und Entwicklungslinien sieht Hensell Strukturähnlichkeiten zwischen dem Kaukasus/ Zentralasien und Südeuropa. Mit den Fallstudien Albanien und Georgien vollzieht der Autor einen Wechsel von der Makro- zur Mikroperspektive der staatlichen Transformation. Die Fallstudien haben weitgehend exemplifizierenden und plausibilisierenden Charakter und basieren auf qualitativer Forschung in den beiden Ländern. Einer knappen Darstellung der staatlichen Transformation folgt jeweils eine detaillierte Analyse der Entwicklung der Polizeiapparate, die sich auf die innere Funktionsweise der jeweiligen Bürokratie konzentriert. Beide Staaten hatten bereits im Sozialismus starke patrimoniale Züge, und diese Praktiken setzten sich nach dem formalen Systemwechsel fort. Trotz unterschiedlicher Regierungsformen(Präsidialregime in Georgien und parlamentarisches System in Albanien) ist das staatliche Feld jeweils von Big Men dominiert, die als oberste Patrone extensiver Klientelnetzwerke fungieren, allerdings kein autoritäres Regime etablierten. Ökonomische und politische Macht sind verschränkt, die politische Klasse ist zum Teil kriminalisiert. In beiden Staaten sind die Polizeiapparate von sozialistischen Erbschaften geprägt und wurden nur unzureichend reformiert. Der Innenminister spielt eine zentrale Rolle und tritt als oberster Patron auf. Die klientelistischen Praktiken zeigen sich bei der Personalrekrutierung, bei der soziales Kapital weitaus wichtiger ist als kulturelles Kapital in Form von formaler Ausbildung. Ämterpatronage und Ämterkauf sowie private Aneignung von(informellen) Einkommen sind weit verbreitet. Eng damit verbunden ist die Einbindung der Polizei in die informelle Ökonomie und die Verzahnung mit dem organisierten Verbrechen. Sowohl in Georgien als auch in Albanien resultiert dies in einer geringen Leistungsfähigkeit der Polizeiapparate bei der Strafverfolgung. In beiden Fällen ipg 3/2010 Rezensionen/Book Reviews 175 ist die internationale Dimension relevant: bei der(informellen) Finanzierung von Georgiens Involvierung in Sezessionskonflikte und bei den institutionellen Reformen, bei denen internationale Akteure eine wichtige Rolle spielen. Die Fallkontrastierung zeigt, dass Georgien deutlichere patrimoniale Züge trägt. Hier kam die Patrimonialisierung aus dem Polizeiapparat selbst, während sie in Albanien stärker durch das politische Feld angestoßen wurde. In beiden Fällen hatte die Polizei jedoch keine politischen Ambitionen und wurde auch nicht gegen die politische Opposition eingesetzt. Stephan Hensells Dissertation ist ein sehr gut lesbares Buch; der Autor verwendet eine klare und präzise Sprache, ohne in unnötigen Fachjargon zu verfallen. Die Hauptstärke des Buches liegt im konzeptionellen Bereich. Während in vielen Studien der Aspekt der Pfadabhängigkeit nebulös bleibt, weil die Mechanismen der Kontinuität unklar bleiben, schließt Hensell diese Lücke mithilfe von Bourdieus Theorie der Praxis, die habitualisierte Praktiken, die formale Umwälzungen überdauern, in das Zentrum der Betrachtung rückt. Hensell leistet damit einen interessanten Beitrag zur Theoriebildung, der weiteren empirischen Studien als Ausgangspunkt dienen kann. Seine Fallstudien überwinden durch den interregionalen Vergleich die gängige Engführung zahlreicher Regionalforscher. Der neo-institutionalistische Ansatz, der auch einen Beitrag zur Erklärung pfadabhängiger Entwicklung geleistet hat, bleibt indes außen vor, obwohl er – so meine These – gut mit Bourdieus Theorie der Praxis hätte verbunden werden können. In den Fallstudien hebt der Autor die internationale Dimension hervor, d. h. den Einfluss externer Akteure wie multilateraler Organisationen, Einzelstaaten und Geldgeber; im systematischen Teil der Arbeit fehlt dieser Faktor jedoch. Obwohl der Begriff der»Willkür« im Titel des Buches auftaucht, bleibt er in konzeptioneller Hinsicht ungeklärt. Hier hätte eine Analyse, wann Akteure einer formalen und wann einer informellen Handlungslogik folgen, aufschlussreich sein können. Die Relevanz formaler Regeln und Praktiken kommt – wie der Autor selbst anmerkt – zu kurz. Damit bleiben auch die Hybridität und das permanente Verschwimmen der beiden Handlungsmuster und die daraus entstehenden Unsicherheiten – vermutlich ein Grund staatlicher Willkür – unklar. Neben der konzeptionellen Klarheit gehört Hensells umfangreiche Feldforschung in einem schwierigen Feld zu den besonderen Verdiensten der Arbeit. Hierüber bleibt der Autor jedoch methodische Informationen schuldig. Er informiert nicht ausreichend über seine»Türöffner« und darüber, wie er sich selbst und sein Vorhaben den Interviewpartnern präsentiert hat. Die eigene Rolle im Feld wird nicht hinreichend reflektiert. Kerstin Zimmer, Universität Kassel 176 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2010