Stellen in Europa intensiv diskutiert wird – etwa in der Berliner Republik, in der Neuen Gesellschaft oder auf der Website der niederländischen Wiardi Beckman Stichting . In Holland lag Judts Buch bereits kurz nach Erscheinen des Originals, ins Niederländische übersetzt, in allen Buchhandlungen. Dass sich Judts behäbiger deutscher Verlag in den Monaten bis zum Tod seines langjährigen Autors nicht im Stande sah, eine deutschsprachige Fassung von»Ill Fares the Land« auch nur anzukündigen, ist ebenso unverständlich wie unverzeihlich. Tobias Dürr; Chefredakteur der»Berliner Republik«; Vorsitzender und Initiator des Progressiven Zentrums, Berlin Stehen wir vor der Rückkehr der Tugend der Gleichheit in die Politik? RICHARD WILKINSON/ KATE PICKETT: Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind Berlin 2009 Haffmans& Tolkemitt(bei Zweitausendundeins), 320 S. T raue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast«, fasste der britische Staatsmann und Schriftsteller Winston Churchill(1874–1965) einmal seine Erfahrungen mit aufbereiteten Zahlen zusammen. Sie lassen sich auf vielfältige Weise interpretieren: Jeder in Deutschland, der im Fernsehen nach Bundes- und wichtigen Landtagswahlen der Runde der Generalsekretäre gelauscht hat, weiß: Zumeist hat jede Partei gewonnen. Zahlen sind geduldig, sagt man: Oft kann man schlechte Statistiken verbergen und verschleiern oder Ergebnisse schönen, wie jüngste Beispiele aus dem Kreis der Mitgliedsländer der Eurozone mit erheblichen Folgewirkungen gezeigt haben. Andere Zahlen lassen einen dennoch aufschrecken: Im Juni dieses Jahres publizierte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung eine neue Studie zur Einkommensverteilung in Deutschland. Die Einkommensgegensätze zwischen ärmeren und reicheren Haushalten vergrößern sich, die Mittelschicht schrumpft. Die Gesellschaft driftet auseinander in eine kleine wohlhabende und eine breite arme Schicht. Der Trend zur Einkommenspolarisierung ist mitnichten nur ein deutsches Phänomen. Die britischen Sozialwissenschaftler Kate Pickett und Richard Wilkinson nehmen in ihrem Buch»Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind« die gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen einer solchen Entwicklung im internationalen Vergleich in den Blick. Wie kommt es, dass die Gesellschaften reicher Industrieländer so wohlhabend leben wie noch nie zuvor, aber dennoch so große soziale Probleme haben? Die usa zum Beispiel haben das höchste Pro-Kopf-Einkommen und gleichzeitig die ipg 4/2010 Rezensionen/Book Reviews 5 höchste Mordrate der westlichen Industrieländer. Die Antwort der Autoren: Weil Einkommen und Wohlstand nicht gleich verteilt sind. Ab einer gewissen Höhe des Sozialprodukts gelte: Je gerechter die Einkommens- und Wohlstandverteilung, desto gesünder, glücklicher und erfolgreicher sei eine Gesellschaft. Die Konsequenzen einer ungleichen Verteilung gingen zudem nicht nur zu Lasten der ärmeren Teile der Bevölkerung. Auch die Wohlhabenden bekommen die Folgewirkungen einer sozial ungleichen Gesellschaft deutlicher zu spüren, als bisher gedacht. Ein Beispiel: In den usa haben die oberen 20 Prozent der Bevölkerung siebeneinhalb bis achtmal so viel Geld zur Verfügung wie die unteren 20 Prozent – in Norwegen hingegen nur etwa viermal so viel, trotz durchschnittlich ähnlichen Wohlstandes beider Länder. Im Vergleich zeigt sich: Norwegen schneidet in allen Bereichen besser ab als die usa . Ein Kind, das in Norwegen geboren ist, lebt gesünder, hat einen tendenziell besseren Bildungsabschluss, eine höhere Lebenserwartung und ein geringeres Risiko, Opfer einer kriminellen Straftat zu werden. Dies gilt für alle Bevölkerungsschichten. In mehrjähriger Recherche haben die beiden Autoren umfassendes statistisches Material zusammengetragen und die Einkommensverteilung in den vorwiegend westlichen Industrieländern miteinander verglichen. Deutschland liegt dabei noch im oberen Drittel der tendenziell sozial gleicheren Länder. Dieser Länderindex wird nun verknüpft mit Datenmaterial zu gesellschaftlichen Fragestellungen: Vertrauen, psychische Erkrankungen und Sucht, Lebenserwartung und Säuglingssterblichkeit, Fettleibigkeit, schulische Leistungen der Kinder, Teenager-Schwangerschaften, Selbstmorde, Zahl der Gefängnisstrafen und soziale Mobilität. Die Zahlen zu diesen Untersuchungen stammen aus offiziellen Erhebungen der Organisation for Economic Co-operation and Development ( oecd /Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), der uno und der World Health Organization( who /Weltgesundheitsorganisation), um eine vergleichbare und solide Datenbasis zu schaffen. Sehr nützlich ist auch der Anhang des Buches, der in der englischen Auflage erst im Nachhinein eingefügt wurde: Dort werden die Herkunft des Datenmaterials sowie die Funktionsweise der Statistiken erklärt. Dies macht die Diagramme für den Leser transparenter und nachvollziehbarer – ein Hauptkritikpunkt vor allem der konservativen Kritiker, die insbesondere die unterstellte statistische Evidenz und Korrelation aufs Korn nehmen. Bei der Einzelanalyse der gesellschaftlichen Fehlfunktionen sind den Autoren besonders gut und überzeugend die Kapitel zu psychischen Erkrankungen, Lebenserwartung und Fettleibigkeit gelungen. Es erscheint logisch, dass erhöhter Konkurrenzdruck und Abstiegsangst in ungleicheren Gesellschaften zu mehr psychischen Krankheiten führen. Andere Ableitungen bleiben eher vage und unklar: Im Kapitel zum Suizid zum Beispiel stellen die Autoren fest – im Gegensatz zu ihren bisherigen Erkenntnissen –, dass die Suizidrate in tendenziell ungleicheren Gesellschaften niedriger 6 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2010 ist als in Gesellschaften, in denen das Einkommen gleichmäßiger verteilt ist. Als Erklärung hierfür schlagen sie vor, dass depressive Menschen in egalitären Gesellschaften tendenziell eher Gewalt gegen sich selbst anwenden. In ungleicheren Gesellschaften hingegen träte eine Depression eher nach außen in Form von mehr Gewaltstraftaten und höheren Mordraten in Erscheinung. Dieser postulierte Zusammenhang zwischen Selbstmordrate und Gewaltstraftaten überzeugt nicht. Ebenso wirkt der Zusammenhang von Gleichheit und Erderwärmung sowie Ressourcenknappheit konstruiert. Besser wäre es hier, näher an den empirischen Ergebnissen zu bleiben. Im angelsächsischen Raum hat die Studie je nach politischem Standort für starke Resonanz gesorgt. Was Polly Toynbee vom links-liberalen Guardian als bahnbrechende Forschungen lobt(Toynbee 2009), sorgt auf der anderen politischen Seite für erheblichen Widerspruch. Christopher Snowdon betitelte seine Kritik mit»The Spirit Level Delusion. Fact-Checking the Left’s New Theory of Everything«(Snowdon 2010) und bemängelte, dass einige Länder im Datenvergleich keine Berücksichtigung gefunden hätten und sich vieles allein auf die nordeuropäischen Modellländer beziehen ließe. Snowdon sieht sich als unabhängiger Journalist mit Beziehungen zum Institute for Democracy(mit Sitz in London und Washington) – ein Think Tank, der sich über Leitung, Finanzierung und Beirat leicht als Anhängsel des Cato Institute ausmachen lässt, der traditionellen neoliberalen Kaderschmiede vor allem der usa . Publizistisch hervorgetan hat er sich ansonsten bislang mit einer ideologiekritischen Aufarbeitung der Nichtraucherbewegung. Peter Saunders und Natalie Evans kommen vom Policy Exchange, einer der angesehensten britischen Denkfabriken – mit sehr hoher Anschlussfähigkeit zur konservativen Partei der Insel. Schon das Titelblatt ihrer Studie ordnet die kritisierten Argumentationslinien provokativ ein: ein Hütchenspiel – mit geschicktem Drehen und Wenden der drei Hütchen lässt sich ein gewünschtes (falsches) Ergebnis schon erzielen(Saunders, Evans 2010). Fast ebenso ausführlich wie das Original nehmen die Autoren in ihrer Erwiderungsschrift die meisten der von Wilkinson und Pickett präsentierten Schaubilder und Tabellen unter die Lupe und interpretieren sie unter ihrem Paradigma neu: Was zählt, sei nicht Gerechtigkeit und Verteilung, sondern in erster Linie das Sozialprodukt pro Kopf, also Wachstum statt Gleichheit. Der britische Soziologe Daniel Dorling versucht in seinem Buch»Injustice. Why Social Inequality Persists« den tiefsitzenden Strukturen und Denkmustern in unseren kapitalistischen Gesellschaften und politischen Kulturen nachzuspüren, die dafür sorgen, dass sich Ungleichheit immer aufs neue reproduziert und im führenden öffentlichen Diskurs als richtig und vorteilhaft für alle gutgeheißen wird(Dorling 2010). Im Zeichen ewiger Unterschiedlichkeit(und damit auch Ungleichheit) legitimiere sich eine Elite ständig als unvermeidlich neu und überzeuge sich selbst und den formierten öffentlichen Meinungsmainstream ipg 4/2010 Rezensionen/Book Reviews 7 davon, dass sie die Fäden von Wirtschaft und Politik zum Wohle aller(unter Inkaufnahme der leider nicht vermeidbaren Exklusion einiger Gesellschaftsteile) in die Hände nehmen müsse. Parallel zur Kritik am neoliberalen globalen Finanzkapitalismus im Zuge der Bankenkrisen der letzten beiden Jahre könnte mit Spirit Level nun die lang verschmähte Tugend der Gleichheit wieder ihren Weg zurück in die politische Debatte finden. In ihrem mit Verve geschriebenen Schlusskapitel bleiben Kate Pickett und Richard Wilkinson nicht nur in der Welt der Zahlen, sondern wagen sich hinaus in die Politik, mit konkreten Vorschlägen, welche Änderungen nötig seien: Von Steuerumverteilung über die Einschränkung überzogener Spitzenlöhne bis zur Schließung von Schlupflöchern im Steuersystem reicht die Bandbreite ihrer Rezepte. Zudem haben die Autoren eine Stiftung gegründet, The Equality Trust, deren Ziel es ist, die Ergebnisse ihrer Arbeit in die Öffentlichkeit zu tragen und in die Politik zu implementieren. 1 Kurz zurück zu Churchill: An einigen Punkten mag die angestrebte statische Evidenz und Korrelation zwischen Ungleichheit und Lebensstandards mit den Autoren durchgehen, wodurch das Buch hier und da an Überzeugungskraft einbüßt. Ungleichheit kann nicht der Grund für alle Übel und Probleme sein. Aber das Buch zeigt, dass mit mehr Gleichheit und nicht durch Verweis auf die Höhe des Durchschnittseinkommens die statistische Wahrscheinlichkeit wächst, dass sich die Lebenslagen aller Bevölkerungsteile verbessern. Und dies bedeutet in der Tat einen Paradigmenwechsel, schließlich galt bisher eher der Spruch»a rising tide lifts all boats«. Zahlenakrobatik hin oder her – bei der Suche nach der richtigen Politik zur Eröffnung von Lebenschancen hat auch die Sozialdemokratie lange die Bedeutung der Märkte überschätzt, die der Verteilungsfrage unterschätzt und den engen Zusammenhang zwischen Chancengleichheit und Ergebnisgleichheit zu übersehen versucht. Im Zeichen von Spar- und Konsolidierungsprogrammen im Zuge von Finanz- und Wirtschaftskrise stehen(sozialdemokratische) Regierungen indes vor limitierten Handlungsspielräumen. Chancengleichheit im Zeichen gerechterer Verteilung transportiert sich jedoch insbesondere über intakte Wohlfahrtsstaaten und ein adäquates Angebot öffentlicher Dienstleistungen – beide drohen auszubluten. Liana Fix und Gero Maaß; Liana Fix ist Mitarbeiterin der Körber-Stiftung, Berlin; Gero Maass ist Leiter des Referats Internationale Politikanalyse, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 1. www.equalitytrust.org.uk – dort findet sich auch eine Erwiderung vor allem auf die Kritik von Policy Exchange. 8 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2010 Literaturverzeichnis Dorling, Daniel(2010): Injustice. Why Social Inequality Persists. Bristol: Policy Press. Saunders, Peter und Natalie Evans(2010): Beware False Prophets. Equality, the Good Society and»The Spirit Level «. London: Policy Exchange. Online verfügbar: http://www.policyexchange.org.uk/images/publications/pdfs/Beware_ False_Prophets_Jul_10.pdf. Snowdon, Christopher(2010): The Spirit Level Delusion. Fact-checking the Left’s New Theory of Everything; Little Dice. Toynbee, Polly(2009):»Revenge for Past Failings Is a Luxury the Poor Can’t Afford«, in The Guardian (4. Dezember). FRANZ WALTER: Vorwärts oder Abwärts? Zur Transformation der Sozialdemokratie Berlin 2010 Suhrkamp, 142 S. E inzeldarstellungen zu den Problemen der europäischen Sozialdemokratie und der verschiedenen Parteien und Organisationen, die sie ausmachen, gibt es mittlerweile genügend. Höchste Zeit also für eine Synopse, eine analytische Gesamtschau, eine Verortung der gegenwärtigen Prozesse in längeren politischen und ideologischen Zusammenhängen und Linien. Franz Walter hat mit»Vorwärts oder Abwärts?« genau dies geleistet. Wenn die Darstellung auch ein gewisses Schwergewicht auf die spd und ihre Veränderungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten legt, so gibt sie dennoch auch einen sehr viel breiteren Überblick, indem sie die Entwicklungen außerhalb Deutschlands, insbesondere die in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Skandinavien ebenfalls berücksichtigt. Dieser breite Ansatz erlaubt es, die Gefahr einer zu großen Personifikation der aktuellen Probleme der europäischen Sozialdemokratie zu vermeiden. Zwar räumt Walter den persönlichen Charakteristika gerade der deutschen Spitzensozialdemokratie einen relativ großen Raum ein. Aber er stellt diese Aspekte immer in den Kontext breiterer Entwicklungen. Der Niedergang der Sozialdemokratie, so Walter, habe im Grunde bereits Anfang der 1970er Jahre begonnen, als der Nachkriegskeynesianismus an seine Grenzen kam. Diese Einschätzung ist an sich nichts Neues. Wo sich andere Autoren mit dem Argument des»schieren Sachzwanges« zufrieden geben, schildert Walter die politischen und ideologischen Entwicklungen dieser Zeit und den Triumph des»neuliberalen« Denkens als eine Schlacht der Ideen, einen von Interessen getriebenen»Ideologiekampf«, den die traditionelle Linke schlicht verlor. Am Ende dieser Entwickipg 4/2010 Rezensionen/Book Reviews 9