Literaturverzeichnis Dorling, Daniel(2010): Injustice. Why Social Inequality Persists. Bristol: Policy Press. Saunders, Peter und Natalie Evans(2010): Beware False Prophets. Equality, the Good Society and»The Spirit Level «. London: Policy Exchange. Online verfügbar: http://www.policyexchange.org.uk/images/publications/pdfs/Beware_ False_Prophets_Jul_10.pdf. Snowdon, Christopher(2010): The Spirit Level Delusion. Fact-checking the Left’s New Theory of Everything; Little Dice. Toynbee, Polly(2009):»Revenge for Past Failings Is a Luxury the Poor Can’t Afford«, in The Guardian (4. Dezember). FRANZ WALTER: Vorwärts oder Abwärts? Zur Transformation der Sozialdemokratie Berlin 2010 Suhrkamp, 142 S. E inzeldarstellungen zu den Problemen der europäischen Sozialdemokratie und der verschiedenen Parteien und Organisationen, die sie ausmachen, gibt es mittlerweile genügend. Höchste Zeit also für eine Synopse, eine analytische Gesamtschau, eine Verortung der gegenwärtigen Prozesse in längeren politischen und ideologischen Zusammenhängen und Linien. Franz Walter hat mit»Vorwärts oder Abwärts?« genau dies geleistet. Wenn die Darstellung auch ein gewisses Schwergewicht auf die spd und ihre Veränderungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten legt, so gibt sie dennoch auch einen sehr viel breiteren Überblick, indem sie die Entwicklungen außerhalb Deutschlands, insbesondere die in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Skandinavien ebenfalls berücksichtigt. Dieser breite Ansatz erlaubt es, die Gefahr einer zu großen Personifikation der aktuellen Probleme der europäischen Sozialdemokratie zu vermeiden. Zwar räumt Walter den persönlichen Charakteristika gerade der deutschen Spitzensozialdemokratie einen relativ großen Raum ein. Aber er stellt diese Aspekte immer in den Kontext breiterer Entwicklungen. Der Niedergang der Sozialdemokratie, so Walter, habe im Grunde bereits Anfang der 1970er Jahre begonnen, als der Nachkriegskeynesianismus an seine Grenzen kam. Diese Einschätzung ist an sich nichts Neues. Wo sich andere Autoren mit dem Argument des»schieren Sachzwanges« zufrieden geben, schildert Walter die politischen und ideologischen Entwicklungen dieser Zeit und den Triumph des»neuliberalen« Denkens als eine Schlacht der Ideen, einen von Interessen getriebenen»Ideologiekampf«, den die traditionelle Linke schlicht verlor. Am Ende dieser Entwickipg 4/2010 Rezensionen/Book Reviews 9 lung stand eine Anpassung der Sozialdemokratie an den herrschenden Zeitgeist und die langanhaltende Dominanz liberalen Denkens – in seiner neo-, aber auch ökoliberalen Spielart. Die daraus folgende Flucht in die»Sackgasse des Dritten Weges« beschädigte in letzter Konsequenz die Vertrauensbasis in den traditionellen Wählermilieus der Sozialdemokratie massiv und anhaltend – und führte schlussendlich zu den bitteren Bundestagswahlergebnissen des Jahres 2009. Ein umfangreiches Kapitel zur Entwicklung in Europa zeigt, dass die Entwicklung außerhalb Deutschlands ähnlich verlief. Franz Walter hat bei seiner Analyse der Krise der Sozialdemokratie immer starkes Gewicht auf die Einbeziehung der milieu- und organisationssoziologischen Entwicklungen gelegt. Dieser Frage ist auch in»Vorwärts oder Abwärts?« ein eigenes Kapitel gewidmet: Der Autor schildert dort die Auflösung des traditionellen sozialdemokratischen Milieus, die Entbettung der Parteien und Organisationen aus dem sozialen Kontext klassischer Arbeitermilieus und die Übernahme der Parteiapparate und-funktionen durch eine Generation von Aufsteigern, die mit den absteigenden Modernisierungsverlierern nichts mehr zu tun haben wollte. Will man die Entwicklung in Deutschland, aber auch in Großbritannien in den letzten Jahren verstehen, so darf dieser Aspekt nicht, wie es viele anderen Autoren tun, unterschätzt werden. Diese Milieuentbettung hat zur Konsequenz, dass die sozialdemokratischen Parteien heutzutage immer weniger Arbeiterparteien sind. Vielmehr, so Walter, entwickeln sich die Parteien immer stärker hin zu Parteien des öffentlichen Dienstes, deren Verankerung in den Problem- und Krisenvierteln dieses Kontinents nur noch marginal ist. Bei der Schilderung der»defekten Partei« spd fällt besonders auf, wie sehr Franz Walter seine Analyse auf sozioökonomische und soziologische Aspekte fokussiert. Vermutlich – der Rezensent fühlt sich hier nicht hinreichend sachkundig – ist dies für das Verständnis der Probleme der spd auch völlig richtig. Damit unterscheidet sich Walter aber von einigen anderen Autoren, die in den letzten Jahren versucht haben, die aktuellen Probleme der europäischen Sozialdemokratie zu erklären. Hanspeter Kriesi und seine Co-Autoren, der von Franz Walter immer wieder zitierte René Cuperus oder auch Patrick Diamond und Roger Liddle, betonen sehr viel stärker als Walter die Bedeutung soziokultureller Faktoren – die Anpassung an eine»kosmopolitische« Elitenideologie, die Auswirkungen von Immigrationsprozessen und die Fetischisierung von Multikulturalismus und Universalismus – für die Probleme der europäischen Sozialdemokratie und ihrer Trennung von Teilen ihrer einstmals proletarischen Wählerbasis. Nur zu gerne hätte man gelesen, wie ein kluger und extrem sachkundiger Mann wie Franz Walter diese Aspekte bewertet. Im Schlusskapitel widmet sich Walter den Perspektiven der Sozialdemokratie in Europa. Sein Fazit ist nicht optimistisch: Angesicht der strukturellen Defizite der europäischen Sozialdemokratie, des enormen Vertrauensverlustes der letzten Jahre und der tiefgehenden Entfremdung von strategischen Wählermilieus sei 10 Rezensionen/Book Reviews ipg 4/2010 nicht unbedingt mit einer Wiederherstellung sozialdemokratischer Hegemoniefähigkeit zu rechnen. Vielmehr drohe das Gespenst eines Erstarken des Rechtspopulismus, der»negativen Mobilisierung« der Demokratieverdrossenen. In der Summe handelt es sich bei»Vorwärts oder Abwärts?« um ein Buch, für das es weder auf dem deutschen noch auf dem europäischen Markt ein Pendant gibt: Keinem anderen Autor ist es bisher gelungen, die Vielfalt der Krisensymptome der europäischen Sozialdemokratie in einer ähnlichen Form und Tiefe zusammenzufassen. Die Vielfalt der konsultierten Quellen aus den verschiedenen Ländern Europas ist beeindruckend. Gerade weil es dem Leser ein Happy End verweigert, ist das Buch für jeden, der sich für die Zukunft der Sozialdemokratie interessiert, schlicht eine Pflichtlektüre. Ernst Hillebrand; Leiter des Referats Mittel- und Osteuropa, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin Auf linken Wegen: Erkundungen in politischer Topographie FRANZISKA DROHSEL(Hrsg.): Was ist heute links? Thesen für eine Politik der Zukunft Frankfurt 2009 Campus, 250 S. SIGMAR GABRIEL: Links neu denken. Politik für die Mehrheit München 2008 Piper, 379 S. D ie Wahlniederlage der spd am 27. September 2009 darf mit einigem Recht als Zäsur in der Geschichte der ältesten deutschen Partei gelten. Mit dem Bundesparteitag 2009 in Dresden wurde folgerichtig ein Prozess der Erneuerung der spd eingeläutet, der für die Partei weitreichende Folgen haben wird. Wo die Reise hingeht, ist dabei längst nicht gewiss. Denn gemäß ihrer Tradition als heterogene Volkspartei stehen in der spd sehr verschiedene Ansichten über Wirtschaft, Staat und Politik miteinander im Dialog und gelegentlich im Widerstreit. Sigmar Gabriel und Franziska Drohsel, die ihre Partei auf sehr unterschiedliche Weise vertreten, haben theoretisch-politische Analysen und Zukunftsentwürfe vorgelegt, die aus heutiger Sicht als Bauskizzen für die Nach-Agendaspd gelesen werden können. Dennoch zeichnet beide Bücher aus, dass sie im Jahr 2008, also weit vor dem Wahldebakel geschrieben wurden. Sie sind somit beide nicht als dezidierte Beiträge zur Erneuerungsdiskussion der spd verfasst worden, sondern sollen jeweils grundsätzliche Beiträge über Grundwerte und programmatische ipg 4/2010 Rezensionen/Book Reviews 11