und einen Verzicht auf die neuesten Errungenschaften der Konsumgüterindustrie vorzuschlagen, entspräche der Empfehlung, seinen Abschied aus der Politik zu nehmen. Jackson weist überzeugend nach, dass herkömmliche Konzepte(mehr alternative Energie, mehr Umweltschutz etc.) zwar nützen, aber insgesamt nicht reichen werden, um Wachstum ökologisch verträglich zu machen. Nur wenn sich auf breiter Ebene ein neues Verständnis von Wohlstand durchsetzt, wird es gelingen, die Ökonomie stabil und gleichzeitig in ökologischen Grenzen zu halten. Jacksons Verdienst ist es, diesen Zusammenhang deutlich gemacht zu haben. Helmut Zell, Remagen HEINRICH BERGSTRESSER: Nigeria: Macht und Ohnmacht am Golf von Guinea Frankfurt a. M. 2010 Brandes& Apsel, 268 S. JOHN CAMPBELL: Nigeria: Dancing on the Brink Lanham, md , 2010 Rowman& Littlefield, 216 S. A frikas Riese ist zugleich sein Sorgenkind: Nigeria, das bei Weitem bevölkerungsreichste Land des Kontinents, wird nicht nur als Paradebeispiel des»Ressourcenfluchs« gesehen, nach dem Ölreichtum direkt mit Armut und Unterentwicklung zusammenhängt. Auch ethnisch-religiös geprägte Konflikte lassen den westafrikanischen Staat in einem düsteren Licht erscheinen. Manch einer hat schon das Gespenst von Al Quaida-Aktivitäten im muslimisch geprägten Norden des Landes gezeichnet. Zwar gibt es dafür keine Belege, aber als hätte Nigeria noch nicht genügend Probleme, gerät es zunehmend in den Fokus von Anti-Terrorismus-Experten. Abgesehen von seiner Rolle als Energielieferant besitzt Nigeria nicht nur auf dem Kontinent, sondern als achtgrößter Staat der Erde auch weltweit eine natürliche Schwerpunktlage. Doch seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 haben überwiegend Militärdiktaturen die Geschicke Nigerias gelenkt und die kurzen demokratischen Phasen waren mehr Schein als Sein. Das Ende der Militärdiktatur im Jahr 1999 läutete nicht nur die bislang längste formaldemokratische Phase im Land ein, es beendete auch den Paria-Status, unter dem Nigeria zunehmend litt. Unter Präsident Olusegun Obasanjo feierte es mit einem internationalen Schuldenerlass und der»New Partnership for Africa’s ipg 3/2011 Rezensionen/Book Reviews 159 Development«( nepad ) außenpolitische Erfolge. Allerdings konnten sie nicht überdecken, dass weder die soziale Entwicklung noch die Demokratisierung voranschritten. Emblematisch hierfür ist nicht nur, dass Nigeria für 150 Millionen Bürger auch heute noch gerade einmal so viel Strom produziert wie eine mittelgroße deutsche Stadt, sondern vor allem die Tatsache, dass seit den 1970er Jahren dieselben Männer die Fäden in der Hand haben. Ein Systemwechsel mag stattgefunden haben – ein Machtwechsel nicht. Der überwältigende Eindruck ist, dass Nigeria sein Potenzial nicht einmal in Ansätzen entfaltet hat. Es wäre jedoch fatal, sich daher von dem Land abzuwenden. Wenn es seine Probleme in den Griff bekommt, wird Nigeria ohne Frage zu einer bedeutenden Mittelmacht aufsteigen. Und bei all den üblichen Schreckensmeldungen gibt es Ansätze zur Hoffnung: Nigeria hat nicht nur im April 2011 erstmals freie und faire Wahlen durchgeführt; es hat sich auch aus der wohl schwersten politischen Krise der»Vierten Republik« herausgesteuert, als die politischen Institutionen nach dem Tod des Präsidenten Umaru Musa Yar’Adua im Mai 2010 die Amtsgeschäfte auf seinen Vize Goodluck Jonathan übertrugen. Wenn das Militär nach einer Gelegenheit zum Putsch gesucht hätte: Dies wäre sie gewesen. Für Akteure und Analysten der internationalen Politik ist die Beschäftigung mit diesem dynamischen und auf ganz Afrika ausstrahlenden Land also unabdingbar. Dass Ende 2010 gleich zwei Bücher von namhaften Autoren erschienen sind, die dessen Komplexität auf weniger als 300 Seiten zu bannen versuchen, ist daher erfreulich. Ebenso begrüßenswert ist, dass beide Bücher sehr unterschiedliche Perspektiven auf Nigeria einnehmen, so dass man sie beide mit Gewinn lesen kann. Mit Heinrich Bergstresser meldet sich der wohl größte Nigeria-Kenner Deutschlands zu Wort. Bergstresser, ehemaliger Leiter des Büros der FriedrichNaumann-Stiftung in Lagos und lange Jahre Redakteur der Deutschen Welle für Westafrika stellt das Land am Golf von Guinea auf 268 Seiten extrem verdichtet dar. John Campbell, von 2004 bis 2007 us -Botschafter in Nigeria, forscht und publiziert derzeit am renommierten Council on Foreign Relations in New York. Er hatte bereits im September 2010, vor Erscheinen seines Buches, in der Zeitschrift Foreign Affairs düstere Prognosen über die Zukunft Nigerias abgegeben. In Nigeria: Dancing on the Brink vertieft er seine Argumentation. Die Ansätze der Autoren sind sehr unterschiedlich. Bergstresser beschreibt ein Land im Wandel, in dem alles»extrem und hoch verdichtet« erscheine und das»auf viele Nicht-Nigerianer häufig abschreckend« wirke. Er beginnt seinen Parforceritt mit einem kurzen Kapitel zum»Weltenergiemarkt und Fetisch Auto«, in dem die Bewegung, die das Land prägt, zum Ausdruck kommt. Überhaupt gelingt es Bergstresser, den Nexus zwischen Nigerias jüngerer Geschichte und dem Weltölmarkt darzustellen. Er zeigt, wie die hohen Öleinnahmen der 1970er Jahre die Hybris der Herrschenden steigerten und unweigerlich zur Dominanz 160 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2011 von Klientelnetzwerken in Politik und Gesellschaft führten. Der Fall der Ölpreise in den 1980er Jahren stürzte das Land folgerichtig in eine tiefe Krise, die politisch in die brutalen Regimes der Militärmachthaber Ibrahim Babangida und Sani Abacha mündete. Das Militär blieb auch über die eigene Herrschaftsära hinaus prägende Kraft: Es traf praktisch alle zentralen Grundsatzentscheidungen über die Struktur des Staates, insbesondere seine Verfassung und die Ausgestaltung des Föderalismus. Auch daraus erklärt sich die Leichtigkeit, mit der Nigerias herrschenden Männer nach dem Ende der Militärherrschaft 1999 ihre Uniformen ablegten, um sich als zivile Machthaber zu gerieren. Exemplarisch hierfür ist der ehemalige Juntachef und später»demokratisch gewählte«(die Wahlen waren ja nie frei und fair) Präsident Olusegun Obasanjo, der noch heute hinter den Kulissen als politischer Strippenzieher wirkt. Bergstressers Buch ist mehr als eine Abhandlung über die politische Ökonomie Nigerias. Für ihn stehen die handelnden Personen im Mittelpunkt, deren Biografien er dem Leser knapp darstellt. Er porträtiert zudem die nigerianische Kultur in ihrer Wechselwirkung mit der Geschichte des Landes. Insbesondere der Schriftsteller Wole Soyinka kommt dabei zu Wort. Das Buch skizziert auch die ethnischen Nationalismen und die Vielfalt des Landes, religiöse Entwicklungen, die nigerianische Diaspora und die Medien des Landes. Das letzte Kapitel ist treffend mit»Neue Unübersichtlichkeit« überschrieben – in der Tat liegt in der Detailversessenheit die Stärke und Schwäche von Bergstressers Buch, das eher wie ein Handbuch oder Nachschlagewerk wirkt als alles andere. Ein roter Faden ist, abgesehen von der Dynamik und Verdichtung der Dinge, nicht erkennbar. Das erschwert den Lesefluss, führt aber dazu, dass dieses Buch die erste Wahl ist, wenn man nach spezifischen Informationen, begleitet von einer kompetenten Einschätzung, sucht. Das Buch wird aufgelockert durch zahlreiche Fotos und Schaukästen, in denen zentrale Akteure der nigerianischen Politik dargestellt werden, und abgerundet durch knapp 200 Endnoten(nicht alle wären notwendig gewesen) sowie einen ausführlichen, informativen Anhang. John Campbells Buch besticht dagegen eher durch die Klarheit und Stringenz seiner Argumentation. Sein Ausgangspunkt ist die us -Politik und die Ausprägung der amerikanisch-nigerianischen Beziehungen, wobei er nicht mit Kritik am Kurs der usa , insbesondere der Bush-Regierung, spart. Laut Campbell widmen die usa Nigeria zu wenig Aufmerksamkeit, entwickeln dadurch ein defizitäres Verständnis des Landes und nehmen sich so selbst die Möglichkeit zur Kritik, auch dann, wenn es deutliche Worte von seinen Freunden gebrauchen würde. Er appelliert, die nigerianische Zivilgesellschaft als Antreiber der Demokratisierung stärker zu unterstützen und eine gesunde Distanz zu den Eliten zu bewahren, die seit 40 Jahren das Land ausbeuten. Emblematisch ist für ihn die Figur Obasanjos, an dessen demokratischer Haltung Campbell deutliche Zweifel anmeldet. Ihm und den anderen über die Jahre erschreckend gleichbleibenden Akteuren gehe es ipg 3/2011 Rezensionen/Book Reviews 161 doch vielmehr um den fortgesetzten Machterhalt als um Entwicklung. Deutlich wird die Frustration über die katastrophalen Wahlen des Jahres 2007, auf die die internationale Gemeinschaft große Hoffnungen gesetzt hatte. Aber freie und faire Wahlen passen laut Campbell der nigerianischen Elite, einem Netzwerk einflussreicher Männer oder im nigerianischen Sprachgebrauch»Ogas«, nicht ins Konzept. Sie wollen vielmehr ein System erhalten, das auf Ausbeutung, gegenseitigem Schutz und gegenseitiger Machtbegrenzung beruht. Als Obasanjo daher eine nicht verfassungskonforme dritte Amtszeit als Präsident anstrebte, verstieß er gegen den letzten Punkt dieses»Oga«-Konsenses – weshalb diese ihn letztendlich scheitern ließen. Hier, im Netzwerk der»Ogas«, liegt laut Campbell auch der Schlüssel zur Zukunft Nigerias: Progressive Kräfte, die in der Zivilgesellschaft organisiert sind, haben nur eine Chance, wenn die Ölpreise hoch und die»Ogas« relativ gespalten bleiben. Campbells Buch ist sehr lesbar, angenehm unverblümt und auf großer Kenntnis des Landes basierend. Er vermeidet Bergstressers Detailversessenheit, wirkt dadurch aber manchmal zu oberflächlich. Die in der Einleitung aufgestellte Behauptung, seit 2003 sei kein englischsprachiges Buch für die weite Öffentlichkeit über Nigeria erschienen, ist falsch: Abgesehen von einer sehr aktiven Publikationstätigkeit in Nigeria selbst seien hier mindestens Daniel Jordan Smiths A Culture of Corruption: Everyday Deception and Popular Discontent in Nigeria(Princeton 2008) sowie Michael Peels A Swamp full of Dollars: Pipelines and Paramilitaries at Nigeria’s Oil Frontier(Chicago 2010) genannt. Auch stößt Campbells – übrigens angenehm unalarmistische – Darstellung des nigerianischen Islam insofern auf, als er sich ausführlich dessen radikalen Tendenzen widmet, gleiches aber für das Christentum unterlässt. Dies ist insbesondere deswegen verwunderlich(oder auch nicht), als einige der radikal anti-islamischen Kirchen aus den usa stammen, hier also auch für die us -Politik potenziell Handlungsbedarf bestünde. Die Problematik eines radikalen Christentums in Nigeria hat zuletzt Ruth Marshall in Political Spiritualities. The Pentecostal Revolution in Nigeri a(Chicago 2010) dargestellt. Einige seiner Annahmen erscheinen zudem widersprüchlich: Wenn Nigerias Unterentwicklung auf das Verhalten der Eliten zurückgeht, dann ist nicht logisch, dass stärkere Geldströme in das südliche Niger-Delta, die Campbell unter Präsident Jonathan erwartet, zu einer weiteren Verarmung des Nordens führen. Null abzüglich null bleibt leider null. Gleichzeitig ist seine pessimistische Einschätzung der Möglichkeiten für freie und faire Wahlen im Jahr 2011 mittlerweile von der Realität widerlegt worden. Hier wird der Autor zum Opfer seines statischen Verständnisses von Nigeria. Beide Bücher sind sehr lesenswert und können das Verständnis für dieses wichtige Land vertiefen. Bedauerlich ist jedoch, dass keines die Bedeutung der nigerianischen Gewerkschaften ausreichend betont. Bis heute bleibt die nigerianische Gewerkschaftsbewegung die einzige demokratische Massenbewegung, während viele Nichtregierungsorganisationen eher professionellen Beratungs162 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2011 unternehmen ähneln. Gewerkschafter haben unter der Militärregierung erbitterten Widerstand geleistet und massiv gelitten. Einige ihrer Exponenten haben mittlerweile den Sprung in die Institutionen geschafft und setzen sich dort weiter für einen echten politischen Wandel ein. Der überaus populäre Gouverneur von Edo State, Adams Oshiomole, ist dafür genauso ein Beispiel wie der Vorsitzende der nigerianischen Wahlkommission, Attahiru Jega. Zwar war die nigerianische Gewerkschaftsbewegung schon stärker, aber wer sie gänzlich aus den Augen verliert, wird der Realität des Landes nicht vollständig gerecht. Thomas Mättig, Landesvertreter Friedrich-Ebert-Stiftung Nigeria ULRICH BRAND: Post-Neoliberalismus? Aktuelle Konflikte. Gegen-hegemoniale Strategien Hamburg 2011 vsa Verlag, 220 S. D as Buch versammelt Beiträge, die der Autor zwischen 2007 und 2010 in diversen Zeitschriften und Sammelbänden publiziert hat. Sie alle versuchen – unter dem Überbegriff»Post-Neoliberalismus« – aktuelle gesellschaftliche Brüche mit dem Neoliberalismus fassbar zu machen. Wobei Post-Neoliberalismus – etwa im Gegensatz zum Postfordismus – eben nicht als neue Phase des Kapitalismus verstanden werden will, sondern als strategische Auseinandersetzung mit sich verändernden politischen, ökonomischen und kulturellen Entwicklungen. Gerade in dieser – auf den ersten Blick eher vagen – Begriffsdefinition sieht Brand eine besondere Stärke. Jedenfalls glaubt er damit»nicht nur emanzipatorische Praxen, sondern auch die Weltbank, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen ( undp ) oder sozialistische ›Dritte Wege‹[…] als post-neoliberal« erfassen zu können. Das Buch versteht sich als Teil der kritischen Deutungen in der aktuellen Krise. Ein in der Tradition von Antonio Gramsci gedachter Hegemoniebegriff erzeugt eine umfassende Kritik an sozio-ökonomischen Verhältnissen wie eben der Macht von Kapital und Vermögen oder an»kulturellen Verhältnissen«. Der erste Teil des Buches gibt Einschätzungen zu aktuellen»multiplen Krisen«. Überlegungen zu unterschiedlichen und ungleichzeitigen Krisendynamiken stehen im Mittelpunkt. Es werden dabei einige zentrale Dimensionen der Krise und ihrer Bearbeitung analysiert, Ansatzpunkte und Vorschläge präsentiert und diskutiert. Auf Überlegungen zur Rolle des Staates(etwa bei Entwicklungen im Bereich der ökologischen Krise oder der Umweltpolitik, folgt ein Beitrag zur »Rolle der Linken« und schlussendlich generelle Überlegungen zu Rolle und Zukunft der Sozialdemokratie. ipg 3/2011 Rezensionen/Book Reviews 163