ABSCHLUSSBERICHT Brücken bauen für eine starke Demokratie Aufsuchende politische Bildung in der Friedrich-Ebert-Stiftung Politische Bildung und Dialog Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Politische Bildung und Dialog Inhaltliche Verantwortung und Redaktion Hans Komorowski Hans.Komorowski@fes.de Mitarbeit Hannah Robold, Berliner Ideenlabor Design/Satz/Bildbearbeitung Heike Wächter Bildrechte © FES: S. 7, 8, 20, 22, 23, 24, 25, 26, 27 © lovelypeace/Shutterstock: S. 21 © Heike Wächter: Titelfoto, S. 17, 18, 19 © picture alliance/Ford Prefect/Shotshop: S. 16 © picture alliance/Westend61: S. 15 Druck und Herstellung Druckerei Brandt GmbH, Bonn enviro® Polar, 100% Recyclingpapier, ausgezeichnet mit dem blauen Umweltengel. Januar 2026 © Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Abschlussbericht Brücken bauen für eine starke Demokratie Aufsuchende politische Bildung in der Friedrich-Ebert-Stiftung Inhalt 1. Hintergrund   3 2.  Auftrag und Zielsetzung  5  2.1  Genese des Projekts   5 2.2 Zielsetzung  5  2.3 Zielgruppen  6  3. Projektorganisation   7 und ­Verantwortlichkeiten   7 3.2  Die Arbeit der Projektgruppe  9 4. Projektbeschreibung  11 politische Bildung in der FES  11 4.2 Formatübersicht  14 4.3 Handlungsempfehlungen  28 5. Wirkungsziele und Evaluation  35 und langfristige ­Wirkungsziele  35 5.2  Indikatoren wirkungsvoller Arbeit  36 aufsuchender Formate  37 6. Resümee  43 6.1  Offene Punkte  43 6.2 Fazit  45 Anhang  47 Glossar  47 Projekttagebuch  49 Literaturempfehlungen  52 1. Hintergrund Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) sieht ihren Auftrag in der Stärkung und Verteidigung der Demokratie in Deutschland. Die erfolgreiche Umsetzung dieses ­Auftrags setzt die enge Zusammenarbeit mit den Menschen im Land voraus. Als eine der bedeutendsten Institutionen der politischen Bildung vertritt die FES den Anspruch, ihre umfassenden Angebote zur politischen Information, Bildung und Förderung ­einer breiten Mehrheit im Land zugänglich zu machen. Eine ­Demo­kra‑ ­tie bleibt nur lebendig und resilient, wenn sie von einer größtmög­li­ chen Zahl an Menschen mitgestaltet wird und diese aktiv an den gesellschaftspolitischen Diskursen und Entwicklungen teilhaben. Zugleich muss sich die FES jedoch eingestehen, dass es zunehmend schwieriger wird, diesem Anspruch gerecht zu werden. Die Men­‑ schen im Land haben das Gefühl, in einem permanenten Krisenmodus zu sein; und tatsächlich sind die gesellschaftlichen und poli­ tischen Herausforderungen, mit denen die Menschen seit nunmehr über einem Jahrzehnt konfrontiert sind, enorm: Finanzkrise, Coro­‑ na-Pandemie, Krieg und Inflation in Europa, wirtschaftliche Stagnation sowie zunehmende Belastungen im Alltag der Menschen durch Krisen in der Bildung, der Infrastruktur, im Gesundheitswesen und auf dem Wohnungsmarkt. Über­forderung und Erschöpfung machen sich in der Gesellschaft breit. Und immer mehr Menschen sind enttäuscht von der Politik und skeptisch gegenüber den Lösungsvorschlägen der Regierenden. Nicht selten haben sie das Gefühl, dass ihre Sorgen nicht gehört und ihre Probleme nicht gelöst werden. Im schlimmsten Fall wenden sie sich von der Politik ab, resignieren oder fallen auf die falschen Versprechen demokratiefeindlicher Kräfte herein. Zudem sind Debatten und Aushandlungsprozesse sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Privaten von einer zunehmenden Polarisierung geprägt. Das verunsichert Menschen und belastet den Wettbewerb um Ideen, Meinungen und Perspektiven, der für die Demokratie wesentlich ist. Die Verantwortlichen der politischen Bildung stehen deshalb vor einer besonderen Herausforderung: Selten zuvor war politische Bildung in Deutschland wich­tiger als heute, und zugleich gelingt es immer weniger, Zielgruppen zu erreichen, die sich nicht ohnehin schon für die Demokratie engagieren. Zweifellos ist es für die FES unverzichtbar, sich mit Personen und Institutionen zu vernetzen und zu verbünden, Brücken bauen für eine starke Demokratie 3 die sich gesellschaftlich und politisch für Demokratie, Meinungsvielfalt und Respekt einsetzen. Diese Multiplikator:innen möchte und muss die FES weiterhin unterstützen. Angesichts der aktuellen Gefahren für die Demo­kratie ist es jedoch umso dringender, dass auch all jene für einen kritischen und konstruktiven Dialog gewonnen und von der Demokratie überzeugt werden k­ önnen, welche an ihr zweifeln oder ihr sogar den Rücken kehren. Dieser Herausforderung stellt sich die FES, in dem sie ihren Fokus verstärkt auf einen konzeptionell und methodisch aufsuchenden Ansatz richtet. Sie hat das Projekt Aufsuchende politische Bildung gestartet, dessen Arbeit, Erkenntnisse und Empfehlungen im folgenden Bericht dokumentiert werden. 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 2. Auftrag und Zielsetzung 2.1 Genese des Projekts Dem Projekt Aufsuchende politische Bildung ging die Einrichtung eines Werkraums in der FES zu dem Thema Anfang 2022 voraus, eben­ so die Tagung Netzwerk Politische Bildung im Oktober 2022 und ein Strategietag im Januar 2023. In diesem Zeitraum konnte sich die FES mit dem aufsuchenden Ansatz vertraut machen und mit anderen Einrichtungen der politischen Bildung, die bereits aufsuchend arbeiten, austauschen. Im Ergebnis dieses Prozesses hat sich die Abteilung Politische Bildung und Dialog(PBD) der FES mit ihrem deutschlandweiten Netzwerk aus Referaten und Landesbüros vorgenommen, die Idee der Aufsuchenden politischen Bildung für die eigenen Arbeit fruchtbar zu machen, die Zahl und die Form eigener aufsuchender Angebote auszuweiten und dabei insbesondere Zielgruppen in den Blick zu nehmen, zu denen sie bisher wenig oder keinen Zugang hat. Die Erkenntnisse dieses Prozesses sind im Papier„Nah bei de Leud“ eingeflossen, das Leitlinien für eine aufsuchende Bildungs‑ arbeit formuliert und als Grundlage der Projektarbeit dient. Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt. 2.2 Zielsetzung Aufsuchende politische Bildung ist eine von mehreren Antworten der FES auf die zunehmende Gefährdung der demokratischen und plu­ ralistischen Gesellschaft und folgt dem Auftrag, etablierte Ansätze und Wege der politischen Bildung zu hinterfragen und neue Formate und Methoden zu entwickeln, um mit Menschen auf eine Weise in den Dialog zu kommen, welche es auch jenen ermöglicht, sich einzubringen, gehört und respektiert zu werden, die sich bisher von den ­Angeboten ausgeschlossen fühlten oder tatsächlich ausgeschlossen waren. Formate der aufsuchenden politischen Bildung überwinden Ausschlussmechanismen, die in der politischen Bildungsarbeit bestehen. Diese Ausschlussmechanismen bzw. Distanzen zwischen Menschen und dem politischen Feld sind nicht nur räumlicher, sondern ebenso habitueller und kultureller Natur. Deshalb überwindet aufsuchende politische Bildung zunächst die räumliche Distanz, indem sie ihre Angebote dezentral entwickelt, um Brücken bauen für eine starke Demokratie 5 Menschen in der ihnen vertrauten Umgebung zu erreichen, also dort, wo sie leben und arbeiten, wo sich aber auch ihre Probleme am ­deutlichsten zeigen. Der Anspruch der FES ist zugleich, auch die anderen Distanzen zu überwinden, indem z. B. die Ansprache an die Zielgruppen, das eigene Auftreten als Veranstalter:in sowie die Aus­ gestaltung der Räume und Kommunikationsmittel so angepasst werden, dass sich die Menschen willkommen und respektiert fühlen. Ausgehend von Themen der alltäglichen Lebenswelt der Menschen werden methodisch vielfältige, niedrigschwellige und hürdenfreie Formate zu gesellschaftlichen und politischen Fragen entwickelt, wel‑ che für die Menschen von konkretem Interesse sind. Entscheidend ist, dass die Teilnehmenden die Relevanz politischer Fragen und Entscheidungen für ihren eigenen Alltag erkennen, darüber informiert wer‑ den, welche politischen Beteiligungswege ihnen offenstehen, und sich ermutigt fühlen, selbst aktiv für die eigenen Interessen einzutreten. Damit sollen Menschen(wieder) für Demokratie begeistert werden. Das Projekt hat das Ziel, aufsuchende Formate und Methoden auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und Erkenntnisse zu gewinnen, um der FES Empfehlungen auszusprechen, wie der aufsuchende Ansatz in die politische Bildungsarbeit einfließen kann. 2.3 Zielgruppen Die aufsuchenden Formate sprechen Zielgruppen an, zu denen die FES nicht mehr oder nur noch schwer Zugang findet, weil sie Angebote der FES nicht wahrnehmen können oder aus Enttäuschung gegenüber dem politischen Feld und aufgrund von Misstrauen gegenüber politisch Handelnden nicht wahrnehmen wollen. Das Projekt sucht über jene Zielgruppen, die der FES eng verbunden und gesellschaftspolitisch aktiv sind, hinaus den Dialog mit Menschen, in deren Lebensum­ feld keine Informations- und Bildungsangebote vorhanden sind, die sozio-ökonomisch benachteiligt sind und deren Fragen und Sorgen kaum Gehör finden, aber auch Menschen mit Migrationsbiografie, für die die FES bislang wenig geeignete Formate entwickelt hat, und nicht zuletzt Menschen, deren Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen erschüttert ist. Die Aufsuchende politische Bildung schließt niemanden aus. Vor allem entwirft sie Settings, in denen die FES weniger als Sender von Informationen oder als(be)lehrende Autorität auftritt, sondern selbst zuhört, lernt und sich reflektiert. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 3. Projektorganisation 3.1 ersonalressourcen und Verantwortlichkeiten Für das Projekt wurden sechs zusätzliche Stellen in der Abteilung PBD ­geschaffen, die jeweils eine Laufzeit von zwei Jahren hatten. Diese Stel‑ len sind sowohl mit Kolleg:innen aus der FES als auch mit neuen, extern ­gewonnenen Kolleg:innen in folgenden Landesbüros besetzt worden: → Lorenz Hahn, FES-Landesbüro Bayern → Hans Komorowski, FES-Landesbüro Berlin Das Projektteam im November 2024: Anke Harms, Anni Hagedorn, Elif Dartan, Henning Knippelmeyer, Lorenz Hahn, Manuel Urschel und Hans Komorowski (v. l. n. r.) → Anke Harms, FES-Landesbüro Niedersachsen → Elif Dartan, FES-Landesbüro Nordrhein-Westfalen → Anni Hagedorn, FES-Landesbüro Sachsen-Anhalt → Manuel Urschel, FES-Landesbüro Thüringen Henning Knippelmeyer aus dem Arbeitsbereich Jugend und Politik des Referats Engagement, Qualifizierung und Digitale Bildung (EQD) in Bonn hat sich aus eigenem Interesse an der aufsuchenden Bildungsarbeit dem Projekt angeschlossen, sich aktiv an der ge­ meinsamen Arbeit und dem kollegialen Austausch beteiligt sowie ein ­eigenes aufsuchendes Format konzipiert. Brücken bauen für eine starke Demokratie 7 Standorte der beteiligten Formate Landesbüro Niedersachsen Gifhorn-Nord/Wolfsburg, Aurich Arbeitsbereich Jugend und Politik NRWweit Landesbüro NRW Köln, Bonn, Großstädte in NRW Landesbüro Sachsen-Anhalt Zeitz Landesbüro Thüringen thüringenweit Landesbüro Berlin Hellersdorf, Gropiusstadt Landesbüro Bayern bayernweit, München, Würzburg 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 3.2 Die Arbeit der Projektgruppe Als Partner begleitete das Berliner Ideenlabor die Projektgruppe bei der Revision der Formate sowie der Reflexion der Erfahrungen und unterstützte sie dabei, eine Perspektive für die zukünftige Ausrichtung der Aufsuchenden politischen Bildung in der FES zu ent­wickeln. In 2024 fand eine Reihe gemeinsamer Workshops statt. Projektverlauf 15. Februar 2024 • Kick Off Kennenlernen, Input zur Methodik, Teamvertrag, Erfahrungsaustausch, Erstellen eines ersten Entwurfs möglicher Spannungsfelder 7. März 2024 • Workshop I Projektvision anhand des Golden Circle*, Projekttagebücher, Überarbeitung der Spannungsfelder 18. April 2024 • Workshop II Wirkungsanalyse*, Kriterien gelingender Aufsuchender politischer Bildung, ­Indikatoren, Evaluationsstrategien Juli 2024 • Dokumentation Zwischenstand 28. November 2024 • Workshop III Sammeln von Feedback zum Projekt, Handlungsempfehlungen, Ausblick Januar 2026 • Abschlussdokumentation Endstand * Die im Text mit(*) gekennzeichneten Begriffe werden im Glossar(zu finden im Anhang) ­näher erläutert. Brücken bauen für eine starke Demokratie 9 Die Projektgruppe hat sich zudem in monatlichen digitalen Jours Fixes getroffen, um sich über die Formate und die gesammelten ­Erfahrungen auszutauschen. Dabei wurden nicht nur Erfolge betont, sondern auch Hürden und Schwierigkeiten in der Umsetzung an­ gesprochen. Die Koordinierung der Projektgruppe und ihre Kommunikation in die Abteilung PBD sowie in die FES wurde von Hans ­Komorowski gewährleistet. Die Projektgruppe hat während der Projektlaufzeit ihre Arbeit den Kolleg:innen der PBD und Partner:innen der FES vorgestellt, z. B. am 26. November 2024 auf der Tagung Netzwerk Politische Bildung in Berlin und am 11. Februar 2025 auf der PBD-Abteilungskonferenz in Bonn. 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 4. Projektbeschreibung 4.1 Aufsuchende politische Bildung in der FES Die aufsuchende politische Bildungsarbeit in der FES macht es sich zum Ziel, „die habituelle, kulturelle und räumliche Distanz“ * bestimmter sozialer Milieus zur Politik zu überwinden. * nach Prof. Dr. Helmut Bremer(Bildungsforscher und Redner bei der Tagung Netzwerk Politische Bildung, 2022) Was ist Aufsuchende politische Bildungsarbeit? Aufsuchend Aufsuchende politische Bildungsarbeit bedenkt fünf Dimensionen: den Ort, die Themenauswahl, die Methoden, die Partner:innen und die Zeit. politisch Die Vermittlung politischer Inhalte geht von einem weit gefassten Politikbegriff aus: Politik beginnt vor der Haustür mit der Verhandlung eigener Interessen. Bildung Bildung ist praktisch und interaktiv. Die Teilnehmenden lernen, indem sie Beteiligung erfahren. Die FES lernt, indem sie sich auf die Teilnehmenden einlässt und i­ hnen zuhört. Arbeit Aufsuchende politische Bildungsarbeit braucht starke Akteure mit Unterstützung und Ressourcen. Brücken bauen für eine starke Demokratie 11 Wechsel von der Komm- zur Gehstruktur Fünf Dimensionen Aufsuchende politische Bildung bedeutet einen Wechsel von der Komm- zur Gehstruktur. Anstatt zu erwarten, dass die Menschen zu den Bildungsangeboten kommen, gehen die Akteur:innen der Aufsuchenden politischen Bildung zu den Menschen. Die FES berück­ sichtigt dabei fünf Dimensionen: den Ort, die Themenauswahl, die Methoden, die Partner:innen und die Zeit. Entscheidend ist, dass die Angebote immer im Dienst der Zielgruppe stehen. Es gilt, vertrautes Terrain zu verlassen und sich auf die Menschen und deren Lebensrealität einzulassen. Partizipative, ­interaktive und spielerische ­Methoden 1. Ort Angebote finden nicht an den etablierten Veranstaltungsorten der FES, sondern an einem der Zielgruppe vertrauten Ort oder im öffentlichen Raum statt. Das kann sowohl der Nachbarschaftstreff im Quartier oder der Begegnungsraum eines Stadtteilzentrums ebenso wie ein Café, ein Gasthof oder der Gemeindesaal sein. Je nach Format kommen auch Räume eines Sportvereins, der Jugendclub, das Senior:innenheim, ein öffentlicher Platz oder ein Park in Frage. 2. Themen Der Anspruch, den Teilnehmenden demokratische Politik, ihre Funk‑ tionsweise und aktuellen Diskurse zu vermitteln, muss differen‑ ziert werden. Priorität haben Themen, die den Teilnehmenden wich‑ tig und von konkreter Relevanz für ihren Alltag sind. Das können durchaus explizit politische Themen sein, wenn die Teilnehmenden sich dafür interessieren. So gibt es bei vielen Menschen Diskus­ sionsbedarf über Fragen, die zwar im entfernten Berliner Politikbetrieb beschlossen werden, aber unmittelbarere Auswirkung für die Menschen vor Ort haben. In der Regel sind den Teilnehmenden Themen und Probleme aus ihrem Lebensumfeld wichtig. Das ­können ganz praktische Themen sein, etwa die Frage nach gemein­ samer Verantwortung im Haus, im Quartier oder in der Kommune, ebenso Fragen zur Verbesserung des Umfelds, der Sicherheit, In­fra­ struktur und Mobilität. Der thematische oder personelle Bezug zur Sozialen Demokratie steht nicht im Vordergrund, ist aber natürlich möglich, wenn die Zielgruppe dafür offen ist. 3. Methoden Die FES ist mit Methoden, die dem aufsuchenden Charakter Rechnung tragen, vielfach schon vertraut, schließlich gibt es bereits ­aufsuchende Ansätze in den Bildungsangeboten der Landesbüros oder in der Arbeit mit Jugendlichen. Es gilt, diese Methoden zu verstetigen und den neu zu gewinnenden Zielgruppen anzupassen. Es geht darum, Gespräche und Begegnungen auf Augenhöhe zu ­ermöglichen. Die Methoden müssen also so hierarchiefrei wie möglich sein. Das heißt, dass partizipative, interaktive und spielerische 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Methoden alle Teilnehmenden einschließen und motivieren. Allzu textbasierte Methoden sind zugunsten von audiovisuellen zu ­vermeiden. 4. Brückenpartner:innen Die FES hat sich dafür entschieden, aufsuchende Formate nicht ­allein, sondern mit Partner:innen vor Ort umzusetzen: Brücken­ partner:innen. Das können Familienzentren, Jugendclubs, Stadtteilzentren, Nachbarschaftsvereine oder Demokratie-Initiativen sein, aber auch einzelne Personen, die vor Ort engagiert und vernetzt sind und multiplikativ wirken. Die Brückenpartner:innen besit‑ zen oft schon Zugang zur Zielgruppe und kennen die Bedarfe und Probleme der Menschen, die mit den Angeboten angesprochen werden sollen. 5. Zeit Aufsuchende politische Bildung erfordert Zeit und Geduld, um Vertrauen aufzubauen – Vertrauen zu potenziellen Brückenpartner:innen ebenso wie zur Zielgruppe. Aktivitäten sollten daher von vornherein längerfristig geplant werden. Außerdem ist es wichtig, sich bei den Angeboten auf die Zeitressourcen der Teilnehmenden einzustellen, was z. B. dazu führen kann, dass manche Formate nur am Wochenende angeboten werden können. Die FES versteht sich als politische Organisation und möchte als Botschafterin der Sozialen Demokratie agieren. Dieser Rolle wird sie in aufsuchenden Formaten insbesondere dadurch gerecht, dass sie die Zielgruppe zum Gespräch einlädt, zuhört und im Dialog zu verstehen versucht. Die klassische Vermittlung politischer Informationen wird abgelöst durch interaktive Methoden, anhand derer die ­Teilnehmenden Beteiligung live erleben. An erster Stelle steht, politisches Handeln greifbar zu machen, um es zurück in den Alltag der Menschen zu brin­ gen. Aufsuchende Formate regen die Teilnehmenden dazu an, die ­Relevanz politischer Fragestellungen für ihren eigenen Alltag zu erkennen. Idealerweise weisen sie den Weg zum nächsten Schritt und zeigen auf, wo und wie Beteiligung vor Ort stattfinden kann. Die Teilnehmenden können Selbstwirksamkeit erfahren und werden ermutigt, sich in andere demokratische Prozesse einzubringen. Selbstwirksamkeit kann nur dann stattfinden, wenn die Zielgruppe selbst handelt – die Aufsuchende politische Bildung gibt den Impuls dazu und stellt den Raum zur Verfügung. Beteiligung live erleben Selbstwirksamkeit Brücken bauen für eine starke Demokratie 13 Prozess- statt ergebnisorientiertes Konzept Fazit Der Rahmen, den die FES mit den fünf Dimensionen für Aufsuchende politische Bildung setzt, dient vor allem als Orientierung. Ob diese Dimensionen alle und, falls ja, in welcher Form Berücksichtigung finden, hängt immer von der Zielgruppe, dem Anliegen des Formats und dem Thema ab. Aufsuchende Formate – das verdeutlicht diese Dokumentation – ermöglichen den poli­ tischen Bildner:innen einen großen Gestaltungspielraum. Sie ­erfinden die politische Bildungsarbeit nicht neu, sondern setzen den Fokus stärker auf ein prozess- statt ergebnisorientiertes ­Konzept. Zugleich bietet der aufsuchende Ansatz auch den Akteur:innen der politischen Bildung die Chance, die eigene Rolle und Wirksamkeit zu reflektieren und neue Impulse, kreative Ideen und vielleicht auch unorthodoxe Akzente zuzulassen. 4.2 Formatübersicht Die Zusammenstellung der Projektgruppe mit nunmehr sieben Kolleg:innen der FES deutschlandweit hat es möglich gemacht, sehr ­unterschiedliche aufsuchende Formate um­zusetzen und somit verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Die im ­Folgenden vorgestellten Formate verdeutlichen ­diese Vielfalt. 14 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Landesbüro Bayern Regelmäßige kreative Nachbarschafts-Treffen Über das Angebot mehrerer FotografieWorkshops mit einer Fotografin werden Kontakte zur Nachbarschaft aufgebaut und es entwickeln sich Gespräche über gesellschaftliche und politische Themen. Diese führen zu weiteren kreativen Angeboten, wie Basteln, grafischem Gestalten und einem nachbarschaft­ lichen Fotowettbewerb, die jeweils Raum für Ideen zum Engagement für die Nachbarschaft bieten. Der Fokus liegt auf der Ermöglichung von Selbstwirksamkeit, Partizipation und gegenseitiger Unterstützung. → Ort: Würzburg, Stadtteil Heuchelhof → Zielgruppe: ukrainisch-/russischsprachige Community im Stadtteil ­Heuchelhof → Formate/Methoden: Workshop, Quiz, Foto-Wettbewerb → Brückenpartner:innen: Akademie Frankenwarte, Quartiersmanagerin Heuchelhof, Fotografin aus der Community → Verantwortlich: Lorenz Hahn, FES Bayern Die besondere Herausforderung lag darin, den potentiellen Teil­ nehmer:innen im Stadtteil ­unsere Angebote(Termin, Inhalt, Betei­ ligungsmöglichkeiten) zu kommunizieren und das Interesse auf­ zunehmen und in Folgeformate zu übertragen. Brücken bauen für eine starke Demokratie. 15 Landesbüro Bayern Mitmachen statt zuschauen – Spielend lernen Das Format integriert Methoden der aufsuchenden politischen Bildung in klassische Bildungsformate, z. B. themenbezogene Workshops(Mainstreamig aufsuchender Methoden in nichtaufsuchenden Formaten). Die klassischen Bildungsformate(für Schulklassen/Integrationskurse) werden durch aktivierende aufsuchende Methoden ergänzt, um die Teilnehmenden inhaltlich stärker partizipieren und mitentscheiden zu lassen und so Selbstwirksamkeitserfahrungen zu bieten. Dazu zählen Methoden wie Wertediskussion, Abstimmung und Kurzdebatte und körperbezogene Ausdrucksformen aus der Theaterpädagogik oder ­Aktionskunst. → Orte: bayernweit → Zielgruppen: Jugendliche/junge Erwachsene in Schulklassen/ Integrationskursen → Formate/Methoden: Aktivierendes, offenes Gesprächsformat, Spielerische(theaterpädagogische) Methoden → Brückenpartner:innen: Bibliotheken, VHS, Lehrkräfte, Peer-nahe ­Teamende → Verantwortlich: Lorenz Hahn, FES Bayern Das Mainstreaming von Methoden der Aufsuchenden ­politischen Bildung in vielen klassischen Bildungsformaten hat uns die Chance für mehr individuelle Beteiligung der Schüler:innen ermöglicht. 16 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Landesbüro Bayern #realtalk Das Format#realtalk wird gemeinsam mit der Europäischen Akademie Bayern durchgeführt. Ziel ist es, Auszubildenden einen geschützten Rahmen zu bieten, in dem sie frei über politische Themen diskutieren können. Die Partner:innen moderieren die Gespräche und nehmen die Meinungen, Sorgen, Ängste und Ideen der jungen Generation auf, adressieren offene Fragen und entwickeln Lösungsvorschläge in der Gruppe. Dies kann durch Gespräche, Diskussionen, Medieninhalte, spielerische Ansätze sowie das eventuelle Hinzuziehen von externen Gesprächspartner:innen geschehen. Der Fokus liegt hierbei auf politisch-gesellschaftlichen Themen, wie beispielsweise Mitbestimmungsmöglichkeiten, Freiheit und Gerechtigkeit, aber auch anderen Themen aus den aktuellen Nachrichten. → Orte: Wohnheime für Auszubildende in München → Zielgruppe: Auszubildende → Formate/Methoden: Regelmäßige, moderierte offene Gesprächsrunde mit Freizeitcharakter,(didaktische) Spiele, Workshops → Brückenpartner:innen: Wohnheim für Auszubildende in München Hanns-Seidel-Platz(Mitbestimmungsmanager), Jugendwohn- und ­Gästehaus München Süd(Team Soziale Betreuung) → Verantwortlich: Lorenz Hahn, FES Bayern Mit dem Projekt konnte ich besonders gut lernen, dass Aufsuchende Bildungsarbeit ­bedeutet, auf unvorhergesehene Inhalte und Aussagen angemessen zu reagieren und aus einem persönlichen Thema heraus die gesellschaftspolitische Relevanz für die Gruppe zu verdeutlichen. Brücken bauen für eine starke Demokratie. 17 Landesbüro Berlin Meine Nachbarn, mein Haus, mein Kiez Hellersdorf-Nord ist ein Quartier im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Es ist wie viele andere Großsiedlungen in den früheren Ostberliner Bezirken von der ­typischen sozialistischen Plattenbau­ architektur geprägt. Nach dem Mauerfall hat sich die soziale Situation im Quartier nachhaltig verändert: Es ist von infrastruktureller Benachteiligung, niedrigen Einkommen, Bildungsferne, Armut und Hoffnungslosigkeit geprägt. Das Format widmet sich dem nördlichen Teil der Alten Hellersdorfer Straße und hat zum Ziel, zusammen mit Bewohner:innen und den gemeinnützigen Institutionen in der Straße, wie dem Quartiersmanagement, dem Stadteilzentrum und der Bibliothek, den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Außerdem sind niedrigschwellige Kompetenzvermitt­ lungen im Umgang mit Medien für Jugendliche geplant. → Ort: Hellersdorf-Nord → Zielgruppen: Bewohner:innen, Jugendliche → Brückenpartner:innen: Quartiersmanagement Alte Hellersdorfer Straße, Schlaufuchs e. V. → Verantwortlich: Hans Komorowski, Landesbüro Berlin Trotz einer intensiven Phase des Netzwerkaufbaus und der Themen­ findung ist die Umsetzung eines Formats leider nicht ­gelungen. Aus verschiedenen Gründen war es zuerst schwierig, eine Brückenpartnerschaft zu finden. Anschließend scheiterte die ­Umsetzung ­eines konz­ eptionell bereits fertigen Formats. Dennoch hat das Landesbüro Berlin Veranstaltungen im Bezirk Marzahn-Hellersdorf ­umgesetzt und diese mit dem ­aufsuchenden Ansatz verknüpft, z. B. eine Ver­anstaltung zum Thema Bürgerräte und die Pop-Up-Lounge im Rahmen des 100. Jubiläums der FES. 18 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Landesbüro Berlin Mein Herz schlägt für die Gropiusstadt Die Gropiusstadt ist eine Großsiedlung im Berliner Bezirk Neukölln die heute als sozialer Brennpunkt gilt. Die aufsuchenden Aktivitäten vor Ort adressieren verschiedene Zielgruppen, die in der Gropiusstadt leben und arbeiten. Mit spezifischen Workshops wird das Netzwerk Gropiusstadt, das aus verschiedenen Initiativen in den Bereichen Demokratieförderung, Jugend­ arbeit, Sozialarbeit usw. besteht, gestärkt und unterstützt. Zudem ist zusammen mit dem Familienzentrum Campus Efeuweg ein Format entwickelt worden, dass Eltern, deren Kinder oder die selbst Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen machen, einen Raum des Austausches, der Information und Unterstützung bietet. Schließlich werden zusammen mit dem Antidiskriminierungsteam des Basketball-Vereins ALBA Berlin Workshops zu verschiedenen Formen von Diskriminierung in unmittelbarer Verknüpfung mit den BasketballSpielen durchgeführt. → Ort: Gropiusstadt in Berlin-Neukölln → Zielgruppen: Bewohner:innen, Jugendliche und Initiativen in der ­Gropiusstadt → Formate/Methoden: Workshops, begleitete Elternabende → Brückenpartner:innen: Quartiersmanagement Gropiusstadt Nord, ­Familienzentrum Campus Efeuweg, ALBA-Antidiskriminierungsteam → Verantwortlich: Hans ­Komorowski, ­ Landesbüro Berlin Die Gropiusstadt ist ein Beispiel dafür, dass es vor Ort bereits zahlreiche soziale und ­Bildungsangebote geben kann und die FES mit aufsuchenden Formaten keine„Lücke“ findet. Umso schöner war es, dass es doch ­gelang, wichtige Aktivitäten umzusetzen, und dass vor allem das Netzwerk selbst ­unterstützt werden konnte Brücken bauen für eine starke Demokratie. 19 Landesbüro Niedersachsen Lass’ schnacken … Das Format Lass’ schnacken geht anders vor als übliche Formate der politischen Bildung. In Zusammenarbeit mit Brückenpartner:innen vor Ort werden Themen entwickelt und Räume der Begegnung und des Austauschs auf Augenhöhe geschaffen. Die Teilnehmenden haben nach einem kurzen Input von Gast-Referierenden die Möglichkeit, Fragen zu stellen bzw. ihre Sicht und ihre Meinung, nicht zuletzt auch ihre Sorgen zum jeweiligen Thema zu teilen, um mit den anderen Teilnehmenden in den Dialog zu kommen. Die Referierenden klären dann die möglichen ­Sachverhalte auf und bieten den Teilnehmenden Hilfestellungen an. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden sich gehört fühlen und wissen, dass sie ihre Sorgen und Fragen teilen können. → Orte: Aurich und Gifhorn-Nord/Wolfsburg, Niedersachsen → Zielgruppen: Traditionell geprägtes Milieu, z. B. Arbeiter:innen und Angestellte, Bürger:innen im ländlichen Raum, Bürger:innen, die sich von der ­Politik nicht angesprochen fühlen → Formate/Methoden: niedrigschwelliges und beteiligungsoffenes Gesprächs­ format → Brückenpartner:innen: Aurich zeigt ­Gesicht und Europahaus(Aurich), Bündnis für ­Demokratie in Hankensbüttel, ­FairEint für die Gesellschaft in Wesendorf(Gifhorn-Nord/Wolfsburg) → Verantwortlich: Anke Harms, ­Landesbüro Niedersachsen Dieses Format stellte mich vor besondere H­ erausforderungen, weil sich die Kommunikation mit Brücken­ partner:innen hin und wieder e­ twas kompliziert g­ estaltete. Daraus folgte für mich die Erkenntnis, dass es unverzichtbar ist, mit den Partner:innen über Erwartungen zu ­sprechen, so dass am Ende alle an einem Strang ziehen. Positiv ist, dass ich in diesem Format besonders gut lernen konnte, was aufsuchend b­ edeutet, weil die Menschen vor Ort mitgestalten und ihren Sorgen eine Stimme geben konnten. 20 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Landesbüro Nordrhein-Westfalen Kahvehane-Gespräche In Köln und Umgebung leben sehr viele türkeistämmige Menschen, zu denen die FES kaum Zugang oder Kontakt hat. Die Kahvehane-Gespräche sind ein ­niedrigschwelliges Format, das bewusst in die türkischen Cafés – die Kahvehanes – geht, um dort insbesondere mit türkeistämmigen Männern ins Gespräch zu kommen. Ziel ist es, die Männer in einer Umgebung zu erreichen, die ihnen vertraut und ein wichtiger Teil ihres Alltags und ihrer Community ist. Am Anfang der Kahvehane-Gespräche steht keine Agenda, sondern es geht um den Aufbau gegenseitigen Vertrauens, um das Gesehen- und Gehörtwerden und im zweiten Schritt um den Austausch zu Themen, die für die Männer relevant sind. Dabei bestimmen sie selbst die Themen der Treffen. Im nächsten Schritt werden Expert:innen eingeladen, die die Teilnehmer über für sie relevante Themen in türkischer Sprache ­informieren. → Orte: Köln und andere Großstädte in Nordrhein-Westfalen → Zielgruppe: türkeistämmige Männer In diesem Format habe ich besonders gut lernen können, was aufsuchend ­bewirken kann, wenn durch die Zusammenarbeit mit den Brückenpartner:innen das Vertrauen der Zielgruppe gewonnen und gestärkt wird. Zugleich spielte die Sprache eine entscheidende Rolle: Ich konnte das F­ ormat auf Türkisch anbieten, was mir einen direkten Zugang zur Zielgruppe ­ermöglichte. → Format/Methoden: Dialogveranstaltung → Brückenpartner:innen: Kahvehanes in verschiedenen Kölner Stadtvierteln, Alevitische Gemeinden und DIDF Köln → Verantwortlich: Elif Dartan, Landesbüro Nordrhein-Westfalen Brücken bauen für eine starke Demokratie. 21 Landesbüro Nordrhein-Westfalen Ideenkessel In Köln und Umgebung lebt ein hoher Anteil an türkeistämmigen Menschen, zu denen die FES kaum Zugang hat. Das Projekt Ideenkessel hat das Ziel, ­Informations- und Begegnungsveran­ staltungen für türkeistämmige Frauen anzubieten und dabei mögliche Sprachbarrieren zu überwinden. Die FES möchte mehr von den Frauen und ihren Lebensrealitäten erfahren und ­zugleich die eigene Arbeit vorstellen. Mit Theater- und Filmvorführungen, Kreativwerkstatt, Besuch einer Ausstellung, Diskussionsabend, Empowerment-Training und zahlreichen ­anderen Formaten diskutieren die Frauen in türkischer Sprache über Themen, wie Demokratie, Grundrechte, Rassismus und Integration. Durch ­diese Aktivitäten fühlen sich die Teilnehmerinnen gehört und angesprochen und letztlich zu gesellschaftlichem und politischem Engagement ­ermutigt. → Orte: Köln und Umgebung → Zielgruppe: türkeistämmige Frauen → Formate/Methoden: Dialog- und Begegnungsveranstaltungen, ­Kulturevents, Trainings u.  a. → Brückenpartner:innen: Damigra e. V., Migrantinnenverein Köln e. V., DIDF Köln Das Format Ideenkessel hat mir gezeigt, dass aufsuchend bedeutet, allein durch attraktive und sehr beteiligungsorientierte ­Aktivitäten neue Zielgruppen bzw. politikferne Menschen zu erreichen und sie für politische Bildung zu gewinnen. → Verantwortlich: Elif Dartan, ­Landesbüro ­Nordrhein-Westfalen 22 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Landesbüro Sachsen-Anhalt ZEITZfragen! Bürgergespräche in der Fußgängerzone Mittwoch ist Markttag in Zeitz und die Innenstadt ausnahmsweise mal gut ­gefüllt. Eine perfekte Gelegenheit, um, ausgestattet mit Klapptisch und Kaffee, mit vorbeilaufenden Menschen ins Gespräch zu kommen. Der lockere Smalltalk rund um das Einschenken des Kaffees bildet die Brücke zum Austausch über Themen, welche die Zeitzer:innen beschäftigen. Mit ­gezielten Fragen wie:„ Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit rund um 1989/90?“ oder:„ Zeitzer Innenstadt gestalten! – Aber wie?“ lassen sich Stimmungsbilder einholen, die bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen helfen. Die Bürgergespräche bieten zudem den ­passenden Rahmen, um bisher nicht erreichte Zeitzer:innen zu Veranstaltungen einzuladen. → Ort: Fußgängerzone Zeitzer Innenstadt → Zielgruppen: Traditionell geprägtes Milieu, z. B. Arbeiter:innen und Angestellte, Bürger:innen in strukturschwachen Räumen, die veränderungserschöpft sind und sich von der Politik nicht angesprochen fühlen → Formate/Methoden: Bürgergespräche im öffentlichen Raum, Aktivierende Befragung → Verantwortlich: Anni Hagedorn, ­Landesbüro Sachsen-Anhalt In ­diesem Format habe ich besonders gut lernen können, was aufsuchend bedeutet, weil ich direkt auf die Menschen in Zeitz zugegangen bin und erstmal einfach nur zugehört habe. So konnte ich erfahren, welche Themen die Menschen tatsächlich ­bewegen. Brücken bauen für eine starke Demokratie. 23 Landesbüro Sachsen-Anhalt Innenstadt gemeinsam g­ estalten Leerstand, das Fehlen von Geschäften des täglichen Bedarfs und von Plätzen zum ­Verweilen prägen seit Jahrzehnten das negative Bild der Innenstadt. Vor allem aber sorgt das Gefühl des fehlenden Einbezugs der Bürger:innen in die Innenstadtentwicklung von Seiten der Stadt für Enttäuschung und Frust. Deshalb fragen die Zukunftswerkstätten:„ Was braucht es, damit die Zeitzer Innenstadt wieder für alle attraktiv und lebenswert ist?“ Die Teilnehmenden beschäftigen sich damit, wie Stadt funktioniert, welche kom­ munalpolitischen Akteure in der Innenstadt wirken und welche(politischen) Möglichkeiten sich dabei für sie selbst ableiten, um bei der Gestaltung ihrer Innenstadt mitzuwirken. Im Rahmen der Werkstätten werden die Teilnehmenden selbst aktiv, sammeln Ideen, schmieden Pläne, finden Verbündete und machen sich Gedanken darüber, wie sich z. B. ihr Wunsch nach der Schaffung eines digitalen Kulturkalenders in der Innenstadt umsetzen lässt. → Ort: Zeitz → Zielgruppen: Traditionell geprägtes Milieu, z. B. Arbeiter:innen und Angestellte, Bürger:innen in strukturschwachen Räumen, die veränderungs­ erschöpft sind und sich von der Politik nicht angesprochen fühlen → Formate/Methoden: Zukunftswerkstätten → Brückenpartner: Stadtlabor(Zeitz) → Verantwortlich: Anni Hagedorn, Landesbüro Sachsen-Anhalt Dieses Format hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, entstandene Ideen in ­gemeinsame Prozesse zu überführen – denn echte Beteiligung bedeutet eben nicht nur, Raum für Ideen zu schaffen, sondern auch und vor ­allem Motivation und Verantwortung bei den Teilnehmenden weiterzutragen. 24 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Landesbüro Sachsen-Anhalt Bürgertheater Zeitz – Umbruch: Zwischen Supergau und Utopie Nichts ist bekanntlich so beständig wie der Wandel – während die einen ächzen, sehen andere die Chance für einen längst über­ fälligen Aufbruch. Das Format Bürgertheater Zeitz lädt Zeitzer:innen dazu ein, dem Gefühl der permanenten Veränderung mithilfe künstlerischer und theatraler Mittel zu begegnen und bietet so einen kreativen ­Zugang, sich dem bekannten und dennoch schwer fassbaren Thema Umbruch zu nähern. Die Teilnehmenden beschäftigen sich mit den großen politischen Umbrüchen ihrer Zeit, wie der Wiedervereinigung, dem Strukturwandel und der Klimakrise. In wöchentlichen Treffen begeben sie sich auf Exkursionen zu Orten des Umbruchs, diskutieren miteinander und verarbeiten ihre Gedanken und Erlebnisse mithilfe von Theatermitteln zu Spielszenen. → Ort: Zeitz → Zielgruppen: Traditionell geprägtes Milieu, z. B. Arbeiter:innen und Angestellte, Bürger:innen in strukturschwachen Räumen, die veränderungserschöpft sind und sich von der Politik nicht angesprochen fühlen → Formate/Methoden: Forumtheater, ­Exkursionen zu Orten des Umbruchs, offene kreative Werkstätten Dieses Format ist anders verlaufen als geplant, weil einzelne Teilnehmende über die vier Monate Laufzeit hinweg nur unregelmäßig kamen. Dabei haben wir jedoch lernen können, wie wichtig es ist, ­flexibel zu bleiben und Angebote so zu ­gestalten, dass auch bei wechselnder B­ eteiligung alle eingebunden sind und bleiben. → Brückenpartner: Stadtlabor(Zeitz) → Verantwortlich: Anni Hagedorn, ­Landesbüro Sachsen-Anhalt Videos über das Format können Sie mittels des nebenstehenden QR-Codes aufrufen. Brücken bauen für eine starke Demokratie. 25 Landesbüro Thüringen Mobil in Thüringen Die Projekttage Mobil in Thüringen stellen ein mobiles Bildungsangebot dar, welches in Kommunen und Regionen in ganz Thüringen unterwegs ist. Die Projekttage richten sich an diverse Zielgruppen, u. a. Schulen, Gemein­ den und Verbände, insbesondere im länd­ lichen Raum. Damit soll ein inklusiver, generationsübergreifender Dialog ermöglicht, ­gegenseitiges Verständnis gefördert und Vorurteile abgebaut werden. Darüber h­ inaus wird ein Raum für die Problemstellungen und Bedürfnisse vor Ort geboten und gemeinsam mit den Teilnehmer:innen diskutiert, aber auch eine Plattform für einzigartige Initiativen in der Kommune geschaffen. Das Angebot für Schulen verbindet verschiedene Seminare und Workshops zu diversen gesellschaftspolitischen Themen und bearbeitet diese auf eine lebensnahe, interaktive und abwechslungsreiche Weise. Dabei lassen sich die einzelnen Angebote modulartig und flexibel kombinieren. Zusätzlich zu den schulischen Angeboten ist es das Ziel, auch mit Eltern, Familien und Bürger:innen von Gemeinden ins Gespräch zu kommen. Daher wird an einem Abend der Projekttage für alle Interessierten eine Lesung mit anschließender Diskussion zu unterschiedlichen Themen angeboten. Alternativ wird auch ein Thema, das in der jewei‑ ligen Gemeinde besonders wichtig ist, angeboten und dazu ein entsprechendes Format organisiert. → Orte: thüringenweit → Zielgruppen: Schüler:innen ab der 8. Klasse, Lehrer:in nen, Kommunalpolitiker:innen, interessierte Bürger:innen → Formate/Methoden: Projekttage für Schulen – modul­ artige und flexible Kombination aus Seminaren und Workshops; Projekttage für Kommunen – Lesung oder Filmvorstellung mit anschließender Diskussion → Brückenpartner:innen: keine → Verantwortlich: Manuel Urschel und ­Wolfgang Höffken, Landesbüro Thüringen Mobil in Thüringen war lehrreich und herausfordernd zugleich. Der dezentrale Ansatz ermöglichte uns, gemeinsam mit unseren Partner:innen, wie Schulen, sozialen Trägern oder Bürgermeister:innen, Räume zu betreten die uns weitgehend u­ nbekannt waren und überwiegend von der AfD geprägt sind. Andererseits sind wir nicht selten auf ­Widerstand gestoßen und ­waren nicht willkommen. 26 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Arbeitsbereich Jugend und Politik Vielfalt im Verein, Vielfalt in der Gesellschaft Der Workshop Vielfalt im Verein, Vielfalt in der Gesellschaft richtet sich als kostenloses Bildungsangebot an Fußballspieler:innen aus Junior:innenteams in NRW. Der Workshop verknüpft inhaltliche Impulse mit spielerischen Übungen aus dem Trainingsalltag. Aktive Phasen werden dabei durch kurze Diskussions- und Reflexions­ phasen ergänzt. Ziel ist es, Jugendteams für das Thema Antidiskriminierung auf und neben dem Platz zu sensibilisieren und im Anschluss an den Workshop gemeinsame Regeln und Werte für den gemeinsamen Umgang und ein respektvolles Miteinander im Verein auf Plakaten festzuhalten, die auf Wunsch im Verein oder der Kabine aufgehangen werden können. → Orte: NRW-weit → Zielgruppe: Fußballspieler:innen aus Junior:innenteams ab 15 Jahre → Formate/Methoden: Workshops mit Kombination aus Sport und politischer Bildung; ­interaktive Übungen mit Bewegung(z. B. Stereotype-Spiel, Dribbling-, Linien- und Hütchenspiele); Diskussion und Reflexion zu Diskriminierung, Vielfalt und Fairness → Brückenpartnerin: Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW(­MeDiF-NRW) → Verantwortlich: Henning ­Knippelmeyer, Arbeitsbereich Jugend und Politik Auf dem Platz und darüber hinaus: Der Workshop verknüpft inhaltliche Impulse mit fußballerischen Übungen aus dem Trainingsalltag – und macht erlebbar, dass Fairness, Respekt und Vielfalt auf dem Spielfeld genauso zählen wie in der Gesellschaft. Videos über das Format können Sie mittels des ­nebenstehenden QR-Codes aufrufen. Brücken bauen für eine starke Demokratie. 27 A. Grundlegend Gemeinsam­ keiten und Differenzen ­klären Erwartungs­ management Transparenz 4.3 Handlungsempfehlungen A. Grundlegende Handlungsempfehlungen A 1 Gemeinsames Verständnis von Aufsuchender politischer ­Bildung Zwischen den jeweils Verantwortlichen der FES und den Brückenpartner:innen vor Ort muss ein klärendes Gespräch über ein gemeinsames Verständnis von aufsuchender politischer Bildung im Allgemeinen sowie über den Charakter und die kurz-, mittel- und langfristigen Ziele des Formats im Spezifischen geführt werden. Es kann nicht vorausgesetzt werden, dass sich das Bild beider Parteien von politischer und damit auch Aufsuchender politischer Bildung deckt. So kann gemeinsam vereinbart werden, was den Erfolg des Formats ausmacht und wie dieser gemessen werden kann. Der Faktor nachhaltiger Wirkung muss dabei formatspezifisch definiert und ggf. kritisch hinterfragt ­werden: Aufsuchende politische Bildung besitzt immer einen Impulscharakter, indem sie der Zielgruppe den Raum für eigene Erfahrungen öffnet. Sie kann jedoch nicht gewährleisten, dass diese in Selbstwirksamkeit transferiert werden und in politische Partizipation münden. Damit das gelingt, muss Aufsuchende politische Bildung konsequent im Dienst der Zielgruppe stehen: Mit ihr zusammen werden die ­thematischen Inhalte und die Methoden des Formats vereinbart und gestaltet. A 2 Transparenz über Ziel, Modus und Inhalte Der Modus der Veranstaltung sowie die Rolle der FES und ihrer Brückenpartner:innen muss im Idealfall für alle Beteiligten(auch für die Teilnehmenden) im Vorfeld klar sein. Insbesondere gilt es, sich von Sozialarbeit und persönlicher Beratung abzugrenzen. Ebenso ist ein Erwartungsmanagement in Bezug darauf, was das Format im Ergebnis leisten kann, unerlässlich. Wenn etwa ein Format auf die Aktivierung von Teilnehmenden abzielt, sich in ihrer Nachbarschaft zu engagieren, um Veränderungen und Verbesserungen zu ­erzielen, so muss berücksichtigt werden, dass solche konkreten Anliegen häufig unter dem Vorbehalt kommunalpolitischer Entscheidungen stehen, z. B. die Einrichtung eines Fahrradwegs oder die Um­wand­ lung von Parkplätzen in Grünflächen usw. Um mit solchen Hürden konstruktiv umzugehen, empfiehlt es sich, kommunalpolitische Akteure in das Format einzubeziehen. Besonders trennscharf und transparent müssen Ziele und Inhalte der Projekte kommuniziert werden, wenn sie sich an eine minderjährige Zielgruppe richten. Eltern und Lehrkräfte sollten bestmöglich informiert werden. Transparenz ist ein Schlüssel dafür, das Vertrauen der Zielgruppe in das Format und in die Veranstalter:innen zu erlangen. 28 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. B. Handlungsempfehlungen anhand der fünf Dimensionen von Aufsuchender politischer Bildung B 1. Geeignete Orte → Benötigt das Format einen Rahmen, in dem sich Teilnehmende von Beginn an sicher fühlen, sollten vertraute Orte gewählt werden. Geht es darum, herauszufordern und neue Rollen auszutesten, kann auch ein Ortswechsel Sinn machen. Hier ist ein klar trans­ parentes Regelset umso wichtiger, um dennoch einen sicheren Rahmen zu gewährleisten. → Bei der Wahl des Ortes oder des Raumes sind es oft die Brückenpartner:innen, die vor Ort helfen oder selbst einen Raum anbieten können. → Um die immer wieder angeführte Augenhöhe zwischen allen Be­ teiligten im Raum zu gewährleisten, sind Podien, Pulte und alle ­segregierenden Settings zu vermeiden. Teil der Methodik kann auch die„Aneignung“ der Räume durch die Teilnehmenden sein, etwa die gemeinsame Gestaltung und Einrichtung eines Raums bzw. des Settings einer Veranstaltung. B 2. Geeignete Themen → Inhalte sollten nach Möglichkeit niedrigschwellig und/oder im Ideal­ fall zusätzlich in der Muttersprache der Teilnehmenden bzw. in Leichter Sprache* kommuniziert werden, damit Sprache nicht zur Barriere wird. Akteur:innen der Aufsuchenden politische Bildung vor Ort sollten ihr Vokabular im Vorfeld kritisch hinterfragen. Im politischen Diskurs gebräuchliche Schlagworte sind in Formaten der Aufsuchenden politischen Bildung meist fehl am Platz. Besser geeignet sind Analogien aus der Lebenswelt der Teilnehmenden, Metaphern und möglichst greifbare Visualisierungen. Hilfreicher, als Teilnehmende zu belehren oder zu unterrichten, ist es, offene Fragen zu stellen. Ein ehrliches Interesse an den Sichtweisen der Teilnehmenden ist Voraussetzung dafür, dass ein Gespräch entstehen kann. → Um über die Methoden des Formats hinaus eigene Bedürfnisse im Feld von Beteiligung ansprechen zu können, ist ein Grundverständnis über eigene Rechte und Pflichten sowie Partizipationsmöglichkeiten notwendig. Es kann nicht vorausgesetzt werden, dass die Teilnehmenden sich ihrer Möglichkeiten umfassend bewusst sind. Dies stellt die FES vor eine Herausforderung: Aufsuchende Formate sollten über einen reinen Informationscharakter hinausgehen, dennoch brauchen die Teilnehmenden ein Grundverständnis darüber, * im Text mit(*) gekennzeichnete Begriffe werden im Glossar(zu finden im Anhang) näher ­erläutert. B. ­Dimensionen Raum und ­Rahmen Auf Augenhöhe bleiben Barrieren ­vermeiden, Lebenswelt und Sprache beachten Beteiligung ­anbieten Brücken bauen für eine starke Demokratie 29 Kontext ­beachten und respektieren Vertrauen braucht Zeit Auf Fähigkeiten bauen Teambildung Pluralismus ­erlebbar machen wie Demokratie in ihrer Lebenswelt ganz praktisch funktioniert. Um diesen Spagat zu meistern, braucht es Flexibilität und gute Vorbereitung. B 3. Geeignete Formate und Methoden → Wenn die Zielgruppen an Orten ihres Alltags aufgesucht werden, müssen die habituellen und kulturellen Gegebenheiten des Kontexts unbedingt respektiert werden, auch wenn sie nicht dem gewohnten Modus entsprechen – hier sind Brückenpartner:innen vor Ort besonders wichtig. Kontextabhängig sollten die Regeln des Formats mindestens offen kommuniziert, wenn nicht sogar von Teilnehmenden selbst erstellt werden, z. B. in Form eines Teamvertrags*. Als Moderation gilt es, die eigenen Grenzen bei Bedarf klar aufzuzeigen, ohne neue Gräben herzustellen. Es ist unbedingt darauf zu achten, dass möglichst antidiskriminierend* gearbeitet wird. → Vertrauen zur Zielgruppe aufzubauen, braucht Zeit, auch für informellen Austausch. Die Rahmung eines Formats(z. B. Kennenlernmethoden, gemeinsame Feedbackrunde, Zeit zum Netzwerken, gemeinsames Essen …) ist ebenso wichtig wie die politisch aufgeladenen„ Kerninhalte“ und sollte deshalb methodisch gut vorbereitet werden. → Wer sich wertgeschätzt und ernst genommen fühlt, ist eher bereit, in Dialog zu treten – Formate sollten Teilnehmenden deshalb ­Gelegenheit geben zu glänzen, z. B., indem sie ihre spezifischen Expertisen oder Fähigkeiten einbringen können. → Teilnehmende brauchen Zeit, ihre Anliegen zu ergründen und zufriedenstellend zu formulieren. Ein Austausch in kleinen Teams kann deshalb sinnvoll sein. Rituale wie Check-Ins* und Check-Outs* sowie Teambuilding-Übungen unterstützen dabei, sich als Team zu finden. → Pluralismus sollte schon im Format erlebbar sein. Das kann sich z. B. in der Einladung von Gästen, der Auswahl antidiskriminie­ render* Bildmotive für Vorträge und dem Team vor Ort äußern. Um gemeinsam(aufbauend auf der geschaffenen Vertrauensbasis) neu zu denken, kann es hilfreich sein, schrittweise aus alten Mustern auszubrechen(z. B. durch die Wahl eines anderen Ortes, frische Methoden). So können sich die Teilnehmenden ein Stück weit von ihrer Alltagsrolle lösen und sich auf Neues einlassen. Hier muss sensibel vorgegangen werden, um die Zielgruppe zwar behutsam herauszufordern, aber nicht zu verunsichern. Die Artikulationsmöglichkeiten innerhalb des Formats sollten deshalb gut auf die Zielgruppe zugeschnitten sein und im Idealfall verschiedene Formen von Mitwirkung anbieten, um unterschiedliche Lerntypen anzusprechen. Hier besteht großes Potenzial in Methoden, welche die 30 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Kreativität der Teilnehmenden anregen und dazu inspirieren, sich vom rein sprachlichen Kommunikationsmodus zu lösen. Insbe­ sondere bei kreativeren Ansätzen gilt: Das übergeordnete Ziel der Formate sollte immer sein, das Erleben eigener Wirksamkeit zu ­ermöglichen. Die Erzeugung konkreter Inhalte und die Vermittlung bestimmter Informationen ist der Erfahrbarkeit untergeordnet! → Grundsätzlich gilt: Ausprobieren lohnt sich! Die FES sollte sich selbst in den Formaten als Lernende sehen und das offen kommunizieren(s. Transparenz über Ziel, Modus und Inhalte). B 4. Funktionierende Brückenpartnerschaften → Brückenpartner:innen vor Ort können Zugang zu bestimmten Communities ermöglichen, weil sie bei den Teilnehmenden bereits ­bekannt sind und weil sie die Lebensrealität vor Ort gut kennen. Wichtig ist, dass Ressourcen von Brückenpartner:innen und FES transparent kommuniziert und miteinander abgeglichen werden, um ggf. gegenläufige Arbeitsprozesse in Einklang zu bringen. Insbesondere Grenzen der Zusammenarbeit sollten im Dialog adressiert und festgehalten werden. → Neben etablierten Partnern wie Vereinen oder Organisationen können auch Einzelpersonen mit gutem Standing vor Ort(z. B. Sozialarbeiter:innen, Vereinswart, Lokalinhaber:in) zu Authentizität und Vertrauensaufbau beitragen, auch können Peer-to-peer-Ansätze eine Möglichkeit sein, den vertrauensvollen Kontakt zur Zielgruppe herzustellen. → Teamende vor Ort können genau wie die Verantwortlichen seitens der FES situativ einer hohen emotionalen Belastung ausgesetzt sein. Es ist deshalb wichtig, dass das Team vor Ort gut aufgestellt ist und intern eine gesunde Kommunikationskultur lebt. Gegen­ seitige Unterstützung ist unabdingbar, damit die Formate gelingen können. Eine konstruktive Fehler- und Feedbackkultur bereichert die Zusammenarbeit mit externen Brückenpartner:innen und Teamenden enorm. → Werden darüber hinaus Referent:innen eingeladen, brauchen diese eine zielgruppenspezifische Glaubwürdigkeit, z. B., indem sie mit den Teilnehmenden bestimmte Erfahrungen teilen oder mit deren Lebensrealität vertraut sind. B 5. Spezifische zeitliche Faktoren → Grundsätzlich gilt für Formate der Aufsuchenden politischen Bildung: Zeit muss großzügig kalkuliert werden. Auch wenn die Veranstaltungen Impulscharakter besitzen, ist eine Vorbereitung von langer Hand notwendig. Genauso sind für die Nachbereitung ausErleben eigener Wirksamkeit FES als Lernende­ Brückenpartnerschaften pflegen und ausbauen Einzelpersonen als Brückenpartner:innen Kommunikations­ kultur Zeitliche ­Ressourcen ­großzügig planen Brücken bauen für eine starke Demokratie 31 C. ­reichend Hohe Flexibilität Serielle Formate Bereitschaft sich zu beteiligen Persönliche ­Ansprache Zuhören können Meinungen, Bedürfnisse und Wünsche reichend zeitliche Ressourcen nötig. Das sollte keinesfalls abschrecken: Aufsuchende Formate stellen die Weichen für große gesellschaftliche Veränderungen – jede investierte Minute zahlt sich langfristig aus! → In der Teilnehmendenakquise ist Mund-zu-Mund-Propaganda nicht zu unterschätzen. Gute Formate sprechen sich herum – das braucht jedoch Zeit. C. Weiter reichende Handlungsempfehlungen C 1. Planung und Konzeption → In der Planung aufsuchender Veranstaltungen ist eine hohe Flexibilität notwendig: Durch die enge Zusammenarbeit mit Partner:innen und Communities vor Ort sind kurzfristige Änderungen immer möglich. → Es macht Sinn, Formate seriell anzulegen oder zu gewährleisten, dass unterschiedliche Formate von Teilnehmenden als zusammengehörig wiedererkannt werden. → Die Bereitschaft zur Interaktivität ist nicht relativ zur Anzahl der Teilnehmenden. Eine unerwartet geringe Teilnehmer:innenzahl kann sich auch positiv auswirken – häufig sind genau dann diejenigen vor Ort, die mitarbeiten möchten. Kleinere Gruppen von Teilnehmenden ermöglichen eine tiefere Arbeit und mehr Partizipation, zumal ein kleiner Teilnehmendenkreis die Chance des Vertrauensaufbaus untereinander erhöht und den Raum als einen Safe Space* gewährleistet. → Entsprechend dieser Entscheidung muss die Bewerbung der Veranstaltung ggf. angepasst werden. Persönliche Ansprache öffnet dabei Türen, z. B. bei Personen, die sich sonst einem Format verweigern, deren Perspektive den Austausch aber bereichern würde. C 2. Konfrontation → Der:die verantwortliche FES-Mitarbeiter:in vor Ort nimmt primär die Rolle eines:einer Zuhörenden ein. Anderen, auch widersprüchlichen Meinungen wird bewusst Raum gegeben. Menschen werden im Aussprechen ihrer Perspektive wertgeschätzt, auch wenn die ­geäußerte Meinung der eigenen Position stark widerspricht. → Die Moderation achtet darauf, dass Redeanteile fair verteilt werden. → In herausfordernden Gesprächen mit Teilnehmenden ist es wichtig, zwischen Meinungen, Wünschen und Bedürfnissen zu unterscheiden. Bedürfnisse ergeben sich aus dem Lebensumfeld der Person 32 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. und müssen ernstgenommen werden, dürfen allerdings nicht mit Wünschen verwechselt werden. Grundlegende Bedürfnisse sind ab­ strakter Natur(z. B. Wertschätzung, Respekt, Raum zur Meinungsäußerung) und stehen nicht im Widerspruch mit den Werten der FES, während persönliche Meinungen und Wünsche(missinterpretiert als Bedürfnisse) durchaus zu Konflikten führen können. In ­solchen Konflikten dürfen(und sollen!) Mitarbeitende der FES klar Stellung beziehen und vorleben, wie respektvolles Diskutieren ­aussehen kann. → Aufsuchende Formate zeigen, dass das Kaleidoskop aus Perspektiven zu vielfältigen Meinungen(und manchmal auch Ressentiments) führen kann. Politische Fragestellungen offenbaren komplexe Zusammenhänge und Abhängigkeiten. Demokratie macht ­notwendig, dass wir aushalten, Meinungen nebeneinander existieren zu lassen und trotzdem Lösungen für unser Zusammenleben finden, die für alle tragbar sind. C 3. Anforderungen an das Team → Die emotionale Belastung in der Planung und Durchführung eines Formats sollte nicht unterschätzt werden. Die Nähe zu den Teilnehmenden ist Fluch und Segen zugleich: Mitarbeitende der FES vor Ort werden in solchen Formaten persönlich herausgefordert. Umso wichtiger ist die Rückendeckung durch das eigene Team, eine gute Schulung der persönlichen Resilienz, das Erwerben von Methoden zum Umgang mit Konfliktsituationen sowie regelmäßige Möglichkeiten nicht nur zum fachlichen, sondern auch emotionalen Austausch. C 4. Teilnehmendenkontakt → Der:die Mitarbeiter:in der FES darf als Individuum mit eigenen Erfahrungen auftreten(anstatt als reine:r Repräsentant:in), um persönliche Anknüpfungspunkte zu den Erfahrungen der Teilnehmenden herzustellen. Die Persönlichkeit des:der Mitarbeiter:in gibt der FES ein Gesicht. → Wenn die FES nach der Veranstaltung mit den Teilnehmenden in Kontakt bleiben möchte, kann es Sinn machen, hier zielgruppen­ abhängig auf bisher ungewöhnliche Kanäle zurückzugreifen, z. B. Messenger oder Social Media. C 5. Anschlussfähigkeit → Jedes Format sollte die Frage„ Wie weiter?“ miteinschließen, um Anknüpfungspunkte zu eröffnen und die Zukunftsperspektive mitzudenken. Gleichzeitig muss klar sein, dass Formate im Kontext der Aufsuchenden politischen Bildung primär als Impulsgeber wirken. Seriell angelegte Formate können zwar dazu beitragen, dass Meinungsvielfalt achten Mit Herausforderungen und ­Konflikten ­rechnen Gesicht zeigen In Kontakt ­bleiben „Wie weiter?“ Brücken bauen für eine starke Demokratie 33 Weiterführung durch Partner:innen vor Ort Dokumentation für Erfahrungswerte Projekttagebuch Eigene Evalu­ierungs­ methoden Fehlerkultur sich erste Erkenntnisse verstetigen, nachhaltige Wirkung kann aber nur eintreten, wenn die Teilnehmer:innen über die Formate hinaus aktiv bleiben. → Für nachhaltige Veränderung im Umfeld der Teilnehmenden ist die FES auf die Zusammenarbeit mit Brückenpartner:innen vor Ort angewiesen, die Aktivitäten bzw. Eigeninitiativen der Teilnehmenden über das Formatende hinaus betreuen und unterstützen können. Aus diesem Grund sollten im Format auch die Adressaten für die Anliegen der Teilnehmer:innen bereits mit anwesend sein, z.B. Kommunalpolitiker:innen, Stadtteilbüros oder Bürger:innen(selbst)‑ organisationen. C 6. Dokumentation → Um mittelfristig eine„ Bibliothek“ an Formaten und Methoden sowie Leitlinien zur Planung und Durchführung von gelingenden Formaten zusammenzustellen, müssen stattgefundene Formate sinnvoll dokumentiert werden. Dokumentation ist kein Selbstzweck: Eine vorgegebene Struktur kann kurz und bündig die entscheidenden Faktoren abfragen, sodass Erfahrungswerte unmittelbar weitergegeben werden. Idealerweise wird die stichpunktartige Dokumentation ergänzt durch eine Reflexion im Team, wodurch Querverweise zu anderen Formaten hergestellt werden können. → In Zukunft kann eine Art Projekttagebuch(der Entwurf aus dem Projekt ist im Anhang dieser Dokumentation zu finden) die Verantwortlichen unterstützen, eigene Erfahrungen jenseits FES-interner formaler Berichte möglichst konkret festzuhalten. C 7. Evaluation und Reflexion → Eine Erfolgsmessung aufsuchender Formate erfordert eigene Evaluierungsmethoden: Quantitative Indikatoren greifen für solche ­impulsartigen Veranstaltungen(die aber dennoch auf langfristige Wirkungsziele ausgerichtet sind) zu kurz. Sie verursachen hohen Aufwand im Nachgang, ohne den Erfolg des Formats zuverlässig abbilden zu können. Vorgeschlagen werden deshalb Evaluierungsmethoden, welche die Teilnehmenden mit einbeziehen und auf den spezifischen Charakter der Veranstaltung zugeschnitten sind (s. nächstes Kapitel). → In den im Projekt durchgeführten Formaten hat sich eine ausführliche interne Reflexion als besonders wertvoll herausgestellt. Um ehrlichen, produktiven Austausch im Projektteam zu ermöglichen, braucht es dabei eine gelebte positive Fehlerkultur. Im Team soll mit- und voneinander gelernt werden, indem schwierige Situationen gemeinsam reflektiert und als Chancen für Weiterentwicklung genutzt werden. 34 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 5. Wirkungsziele und Evaluierung 5.1 Mittel- und langfristige Wirkungsziele Aufsuchende Formate sind also an klar definierten mittel- und langfristigen Zielen ausgerichtet, diese liegen jedoch jenseits des direkten Einflussbereiches der Durchführenden. Die FES stellt in ihren Formaten die Weichen. Je weiter die angestrebten Veränderungen in der Zukunft liegen, desto präziser müssen diese sog. Wirkungsziele* for­ muliert werden, damit die impulsartigen Formate der Aufsuchende politische Bildung stringent daran ausgerichtet werden können. Um etwas bewirken zu können, müssen die angebotenen Formate die richtige Zielgruppe erreichen, von dieser in Anspruch genommen werden und zu aktiver Teilnahme einladen. Nur wenn die Teilnehmenden diese Einladung der FES offen annehmen, kann die Aufsuchende politische Bildung ihre Wirkung entfalten. Konkret soll in Folge der angebotenen Formate erreicht werden, dass … → sich die Teilnehmenden in ihrer Perspektive gehört und ernst genommen fühlen. Sie spüren, dass ihr Interesse von anderen als ­berechtigt aufgewertet wird. → die Zielgruppe Beteiligungsprozesse im Bezug zu ihrer Lebensrealität vor Ort als zugänglich und konstruktiv erlebt. → Teilnehmende den möglichst gerechten Interessenausgleich als Kernelement von Politik verstehen und dadurch das demokrati‑ sche Potenzial in Alltagsstrukturen, z. B. Quartier, Schul- oder ­Arbeitsumfeld erkennen. → die Zielgruppe Zugang zu wichtigen Informationen erhält. Dazu gehört das Wissen über die eigenen Rechte und Pflichten sowie Beteiligungsmöglichkeiten. Durch diese Erlebnisse soll sich das Handeln der Zielgruppe ver­än­dern, was wiederum dazu beiträgt, dass in der Gesellschaft langfristig … → die Grundwerte der Demokratie zum breiten gesellschaftlichen Kon‑ sens werden – Bürger:innen teilen das Vertrauen in Demokratie. Brücken bauen für eine starke Demokratie 35 → alle Bürger:innen mündig sind und sich aktiv an politischen Pro­ zessen beteiligen. → bestehende gesellschaftliche Räume miteinander verknüpft sind. Menschen bringen Empathie gegenüber anderen Lebensreali‑ täten auf und respektieren Perspektiven jenseits ihres eigenen Erfahrungshorizonts. Es findet ein lebendiger und konstruktiver ­Austausch statt. → der gesellschaftliche Zusammenhalt spürbar ist und von Bürger:in­ nen selbst aktiv aufrechterhalten wird. Alle der im Rahmen der Aufsuchenden politischen Bildung angebotenen Formate sollten an den definierten Wirkungszielen ausgerichtet sein. Aufsuchende politische Bildung ist nicht uferlos: Ein scharfer Blick auf diese Ziele zeigt, dass es klare Kriterien gibt, an denen sich Formate messen lassen müssen, um als gelungen gelten zu dürfen. 5.2 Indikatoren wirkungsvoller Arbeit Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene und bei der Zielgruppe können nicht immer unmittelbar im Format abgelesen werden. Um dennoch analysieren zu können, ob die angestrebten Wirkungsziele erreicht werden, muss die FES sensibel sein für weiche Faktoren, die auf die Erfüllung eines Ziels hinweisen. In ihrer Gesamtheit erlauben sie, die Auswirkungen der FES-spezifischen Angebote im Rahmen der Aufsuchenden politischen Bildung zu messen und im nächsten Schritt weiter zu verbessern. Indikatoren lassen sich in drei Kategorien einteilen, die zeitlich aufeinander folgen: A. s olche, die anzeigen, dass die angebotenen Formate die Zielgruppe überhaupt erreichen(als notwendige Bedingung dafür, dass die For­ mate der FES bei der Zielgruppe neue Impulse auslösen können), B. I ndikatoren im Hinblick auf direkte Veränderungen im Denken und Handeln der Zielgruppe, C. u nd – zeitlich deutlich nachgelagert und nicht ausschließlich durch die betrachteten Formate bedingt – Hinweise darauf, dass sich gesellschaftlich etwas bewegt. 36 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 5.3 Evaluation aufsuchender Formate Um den Zusammenhang zwischen den identifizierten Wirkungszielen und den dazu notwendigen Formatkriterien zu überprüfen, muss ­sichergestellt werden, dass die Indikatoren(im Sinne von möglichst direkten Hinweisen für den Erfolg des Formats) gemessen werden können. Manche Indikatoren können mithilfe gängiger Methoden wie Fragebögen, Anmeldedatenanalyse oder Unterschriftenlisten gemessen werden. Solche Methoden stoßen sich jedoch häufig am Charakter aufsuchender Formate, da sie einerseits für die FES einen hohen administrativen Aufwand mit sich bringen und andererseits für die Teilnehmenden befremdlich wirken können. Da viele Indikatoren sich darüber hinaus erst gar nicht mit quantitativen Messmethoden erfassen lassen, ist Kreativität gefragt: Wie können auch weichere Faktoren während oder nach der Veranstaltung evaluiert werden? Im Folgenden werden allgemeine Indikatoren für die genannten drei Kategorien aufgezählt und erläutert, inwiefern sich diese meist nicht-zählbaren Werte erfassen und messen lassen. A. Indikatoren, dass die Zielgruppe erreicht wird Um die Zielgruppe zu erreichen, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: 1. geplante Formate müssen tatsächlich stattfinden, 2. die Zielgruppe muss anwesend sein und 3. das Format muss für die Zielgruppe einen Mehrwert bieten. Aufsuchende Formate setzen sich zum Ziel, die Zielgruppe dort abzuholen, wo sie sich befindet – es bewegt sich also im ersten Schritt die FES als Veranstalterin hin zur Zielgruppe, ganz im Gegensatz zu klassischen Formaten politischer Bildung, bei denen sich häufig die Zielgruppe aufmachen muss. In aufsuchenden Formaten reicht eine bloße Teilnahme jedoch nicht aus: Damit die Teilnehmenden unter­ einander sowie mit dem Team vor Ort aktiv das Gespräch gestalten und dadurch Beteiligung erlebbar wird, muss eine gute Diskussionskultur etabliert werden. Diese ist Voraussetzung dafür, dass das Format nicht an der Oberfläche bleibt, sondern echte Denkanstöße gibt, die lange nachhallen. Indikatoren mit zählbarem Wert sind deshalb keine hinreichende Bedingung dafür, dass das Format erfolgreich ist. Um zu prüfen, ob die Zielgruppe tatsächlich erreicht wurde, sollten zusätzlich zur Erfassung quantitativer Werte weichere Faktoren betrachtet werden. Indikatoren A Gute Diskussions­kultur Brücken bauen für eine starke Demokratie 37 Zählbare Werte sind dabei … → die Anzahl der Teilnehmenden(auch in Relation zur geplanten idealen Gruppengröße), → die Zuwachsrate an Publikum in Formatreihen(z. B. dadurch, dass Teilnehmer:innen selbstständig neue Teilnehmende werben), → die wiederholte Teilnahme derselben Person an seriellen Formaten, → das Interesse an ausgelegtem Informationsmaterial, → die Zunahme an Webseitenaufrufen oder Newsletteranmeldungen, → Vergrößerung des Netzwerks(auch um neue Brückenpartnerschaften), → im Nachgang höherer Zulauf bei Brückenpartner:innen. Nicht- oder schwer zählbare Werte sind … → positives Feedback der Teilnehmenden, → rege Gesprächsteilnahme(welche darauf hinweist, dass sich die Teilnehmenden sicher fühlen und die Themen eindeutige Anknüpfungspunkte zu ihrer Lebensrealität besitzen), → Offenheit im Austausch: aktives Einbringen eigener Perspektiven, Neugier für die Perspektiven anderer, → allgemein eine gute Atmosphäre vor Ort, → Nachfrage nach Wiederholung von Formaten, → respektvoller Umgang untereinander, → aktive Kontaktaufnahme zu Ansprechpersonen, → andere Player im Feld kommen auf die FES zu, um sich auszutauschen, → Zielgruppe stellt im Nachgang etwas Eigenes auf die Beine, → Inhalte werden nach offiziellem Formatende informell von Teilnehmenden weiter diskutiert. Ziel A.1 Messmethoden dafür, dass die Zielgruppe erreicht wird Ziel 1: Formate finden wie geplant statt. Um festzustellen, inwiefern Konzeption und Durchführung zueinander in Beziehung stehen, ­sollten stattgefundene Formate systematisch anhand vereinheitlichter Projektberichte und/oder Projekttagebücher dokumentiert werden. Aus solchen Berichten können Daten erfasst und diese in festgelegtem Rhythmus(z. B. jährlich) statistisch aufbereitet werden. Denkbar wäre außerdem, standardisierte Reflexions-Interviews mit den leitenden Mitarbeiter:innen durchzuführen. Die individuellen Projektberichte könnten zusätzlich durch Peer-Feedback im Team und Mitschrif‑ ten aus Hospitationen oder teilnehmenden Beobachtungen ergänzt 38 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. werden, welche das Augenmerk insbesondere auf weichere Faktoren ­legen. Ziel 2: Die jeweilige Zielgruppe nimmt am Format teil. Ob das Format tatsächlich diejenigen anspricht, die es erreichen möchte, ließe sich klassischerweise anhand einer Datenerfassung prüfen, z. B. über bereits genutzte Tools, Fragebögen im Anschluss an Veranstaltungen oder der Einrichtung einer zentralen Anmeldestelle zur leichteren ­Erfassung von wiederholter Teilnahme an FES-Formaten. Wie erläutert stehen solche Methoden häufig im Konflikt mit dem aufsu‑ chenden Charakter der Veranstaltung. Besser geeignet sind deshalb informelle Methoden wie z. B. Vorstellungsrunden, soziometrische Aufstellungen als Teil des Formats und des Kennenlernens sowie persönliche Gespräche in Pausen und am Ende der Veranstaltung. Aber auch in Recap-Gesprächen mit Brückenpartner:innen und Teamer:innen vor Ort können wichtige Informationen zur Zusammen­ setzung der Teilnehmendenschaft gesammelt werden. Diese Daten können wiederum statistisch aufbereitet werden. Ziel 3: Die Formate bieten für die Zielgruppe einen Mehrwert. Ob eine Veranstaltung sowohl aus Teilnehmendenperspektive als auch aus FES-Perspektive eine Bereicherung darstellt, kann in begrenzter Form ebenfalls über Datenerfassung(s. oben) geschehen. Insbesondere in Fragebögen treten jedoch häufig Verzerrungen auf, z. B. aufgrund von Zeitdruck. Bewährt hat sich deshalb, bereits während der Durchführung die Atmosphäre vor Ort zu beobachten. Dazu ist die Etablierung einer zusätzlichen Person(als reine oder teilnehmende Beobachterin) hilfreich: Sie kann die Eindrücke vor Ort schriftlich ­festhalten und im Anschluss mit dem Team teilen. Die Stimmung in einem Format kann alternativ auch durch visuelle Dokumentation festgehalten werden, z.B. durch eine:n Graphic Recorder:in oder eine:n Fotograf:in, am besten jedoch durch interne Mitarbeitende. Hier ist ­jedoch Vorsicht geboten: Die Einbindung solcher Methoden sollte gut abgewogent werden, um das Vertrauen der Teilnehmenden nicht ­herauszufordern oder den organischen Ablauf der Veranstaltung zu stören. Insbesondere bei vulnerablen oder benachteiligten Zielgruppen muss gewährleistet sein, dass der im Rahmen der Veranstaltung kreierte Safe Space* unbedingt aufrecht erhalten wird. Neben Fragebögen ist der persönliche Austausch enorm wertvoll, um die Atmosphäre zu greifen. In diesem Sinne können bewusst Gespräche mit Teilnehmenden initiiert und im Anschluss festgehalten werden, um ein möglichst realitätsnahes Stimmungsbild zu erhalten. Um solche Gespräche zu ermöglichen, sollte genug Zeit für informellen Austausch beim Ausklang der Veranstaltung eingeplant werden. Insbesondere dann, wenn Teilnehmende ohne direkte Anleitung durch ­eine:n FES-Mitarbeiter:in eigenständig in Teams arbeiten, müssen diese individuellen Stimmungsbilder bewusst eingeholt werden. Ziel A.2 Ziel A.3 Persönlicher ­Austausch Brücken bauen für eine starke Demokratie 39 Indikatoren B Ziel B.1 Die situativen Beobachtungen können durch Kommentare der Mitarbeiter:innen vor Ort ergänzt werden. Die individuelle Einschätzung der Lage sollte nicht als reines Bauchgefühl abgewertet, sondern bewusst in interne Berichte mit aufgenommen werden(z. B. im Projekttagebuch). B. dass sich Denken und Handeln der Zielgruppe ändert In Bezug auf Veränderungen bei der Zielgruppe wurden vier Wirkungsziele formuliert(s. Kapitel 5.1), welche möglichst direkt auf das durchgeführte Format zurückzuführen sein sollten. Diese können in ihrer Gesamtheit v. a. anhand folgender qualitativer Indikatoren gemessen werden: → rege Gesprächsteilnahme(Wortmeldungen und Nachfragen); → sichtbare Eigeninitiative(Teilnehmende diskutieren stärker unter­ einander, Moderation tritt in den Hintergrund); → Sensibilisierung für Perspektivenvielfalt(Teilnehmende nehmen ­bewusst ihre Sichtweise als eine unter mehreren an und argumentieren kontextbezogen); → Kompromissfähigkeit(z. B. in Gruppenarbeiten); → Transferfähigkeit(im Format erprobte Beteiligungsprozesse werden auf Alltagssituationen übertragen); → Akzeptieren von Mehrheitsentscheidungen im Format(als Hinweis für Offenheit und Kompromissbereitschaft); → respektvoller Umgang untereinander; → Achtsamkeit für Redeanteile und Tonalität unter den Teilnehmenden; → Gruppe gibt sich selbst Regeln und sorgt für deren Einhaltung; → selbstbewusste Verwendung neuer Begrifflichkeiten aus dem Kontext Demokratie; → aktives(auch kritisches) Nachfragen. Messmethoden dafür, dass sich Denken und Handeln der Zielgruppe ändert: Ziel 1: Die Zielgruppe erwirbt neues Wissen bzw. Fähigkeiten oder erkundet andere Perspektiven. Auch hier bietet sich die Etablierung einer neutralen Beobachtungsperson an, die Eindrücke vor Ort schriftlich festhält. Wird von den Teilnehmenden im Team eigenständig ein Teamvertrag* erstellt, sollte dieser schriftlich festgehalten werden – er beschreibt einen Status Quo des Teamverständnisses über Demokratie und Zusammenarbeit. Als Experiment könnte getestet werden, die Ergebnisdokumentation des Formats an die Teilnehmenden abzugeben. Die so erstellten ­Inhalte geben Aufschluss über die Perspektive der Teilnehmenden und dienen als direkte Rückmeldung. 40 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Im Format selbst lässt sich eine niedrigschwellige Messung sogar ­direkt integrieren: z. B. können die Teilnehmer:innen gebeten wer‑ den, ihr Verständnis über behandelte Inhalte direkt zu visualisieren, oder mittels spaßiger Abfragen oder Abstimmungen im Format ihre Inn­ ensicht nach außen tragen(z. B. in Form von Positionierungsspielen vorher vs. nachher). Um solche Live-Messungen zu doku­ mentieren ohne den Ablauf der Veranstaltung zu stören, bietet sich ggf. an, dass die FES-Mitarbeitenden Fotos der Zwischenergebnisse anfertigen. Darüber hinaus gilt: Genau wie bei der Überprüfung des Mehrwerts lässt sich auch das Erwerben neuer Fähigkeiten in ungezwungenen Gesprächen mit Teilnehmenden diskutieren. Ziel 2: Die Zielgruppe verändert ihr Handeln. Auch im Hinblick auf Ziel zwei ist die verschriftlichte Beobachtung vor Ort von großem Nutzen. Der:die Beobachter:in sollte sich insbesondere konzentrieren auf den Umgang der Teilnehmenden untereinander(Redeanteile, Kompromissbereitschaft, Offenheit …). Nach Möglichkeit kann es sinnvoll sein, eine nachgelagerte Befragung der Teilnehmenden oder Teamer:innen einzuplanen, z. B. telefonisch oder über Brückenpartner:innen vor Ort. Protokollierte ­Recap-Gespräche mit Brückenpartner:innen und Teamer:innen vor Ort fließen ebenfalls in die Messung der Veränderungen im Handeln der Zielgruppe mit ein. Ziel 3: Das Lebensumfeld der Zielgruppe verändert sich. Um einzuschätzen, inwiefern das Format über die Veranstaltungszeit hinaus im Lebensumfeld der Teilnehmenden Wellen schlägt, ist eine nach­ gelagerte Befragung der Teilnehmenden notwendig, über Brückenpartner:innen vor Ort. Auch bei den Kontaktpersonen vor Ort selbst sollte nach einem festgelegten Zeitraum aktiv nachgefasst werden. Aufschlussreich könne darüber hinaus sein, die übrig gebliebenen ­Infomaterialien zu protokollieren, sowie den Webseitentraffic(in Be­‑ zug auf im Format genannte Quellen) und die Verteiler-Neuzugänge bei der FES und den Brückenpartner:innen zu analysieren. C. dass ein gesellschaftliches Umdenken ­stattfindet Den Wirkungszielen auf gesellschaftlicher Ebene können ebenfalls Indikatoren zugeordnet werden. Gelingende Formate der Aufsuchenden politischen Bildung sind nie allein dafür verantwortlich, dass diese Veränderungen eintreffen. Dennoch können sie dazu beitragen, dass sich gesetzte Impulse zu Entwicklungen verstetigen, die langfristig positive Veränderungen in der Gesellschaft herbeiführen. Indikatoren für ein solches Umdenken könnten z. B. sein: Ziel B.2 Ziel B.3 Indikatoren C Brücken bauen für eine starke Demokratie 41 → konstant hohe Wahlbeteiligung, → Integration demokratischer Prozesse in Alltagsentscheidungen und -strukturen, → starker Sinn für Gemeinschaft, → Einforderung von Partizipationsformaten durch Bürger:innen selbst, → individuelles Einstehen für Gerechtigkeit, → Bürger:innen agieren als Impulsgeber:innen für Politik, → gelebte Solidarität, → Antidiskriminierung ist gesellschaftlicher Konsens, → Etablierung von Räten auf verschiedenen Ebenen, → aktives Einbinden marginalisierter Gruppen, → Einstehen für Gerechtigkeit. Indikatoren für größere gesellschaftliche Veränderungen können nur zeitlich nachgelagert erfasst werden, auch sind ihre Ursachen weitaus schwieriger auszumachen als bei Indikatoren auf der Ebene der Zielgruppe. Um dennoch Einblicke in die Entwicklung vor Ort zu bekommen, kann es hilfreich sein, Kontakte zu Brückenpartner:innen längerfristig zu pflegen und in regelmäßigen Abständen den Austausch wieder aufleben zu lassen. Zusammenfassung Die Evaluation aufsuchender Formate unterscheidet sich von der Erfolgsmessung klassischer politischer Bildungsarbeit insofern, als dass sie stark auf(teilnehmende) Beobachtung sowie LiveFeedback setzt, anstatt Daten auszuwerten, die über Fragebögen oder Liste erfasst wurden. Um auch durch solche Methoden valide Erfolgsfaktoren zu generieren, muss die Evaluation gut geplant werden. Neben der Einbeziehung von Methoden, die für die Teilnehmenden sichtbar Feedback einholen, sollte vor Ort mindestens eine Person aus dem Team dafür verantwortlich sein, den Ablauf und die Stimmung festzuhalten(schriftlich und/oder ­fotografisch). Ein Erhebungswerkzeug für die Verantwortlichen, welches sowohl harte Faktoren wie die Teilnehmendenzahl als auch weichere Faktoren wie die Reaktion der Teilnehmenden abfragt, ergänzt die Beobachtungen vor Ort. Zusätzlich dienen ­Reflexionsgespräche im Team dazu, die Erkenntnisse zu teilen und zu verifizieren. 42 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 6. Resümee 6.1 Offene Punkte Die Aufsuchende politische Bildung ist ein weites Feld, welches je nach Ort, Zielgruppe und Thema unterschiedliche Antworten verlangt. Es gibt Aspekte, die während der Projektlaufzeit nicht bearbeitet oder nur angerissen werden konnten, aber auch in Zukunft von großem Interesse für die FES sind. Aufsuchende politische Bildung im Kontext der Arbeit Aufsuchende politische Bildung lässt sich auch im beruflichen Kontext umsetzen. Die Arbeitswelt besitzt für die politische Bildung ­großes Potenzial. In Zusammenarbeit mit Unternehmen, Betriebs­ räten und Gewerkschaften lassen sich wichtige Themen und Fragen formulieren, die in aufsuchenden Formaten in Betrieben, mit Belegschaften bzw. am Arbeitsplatz bearbeitet werden können. Aufsuchende politische Bildung im digitalen Raum Heutzutage liegt es nahe, aufsuchende Formate auch im digitalen Raum zu verankern. Dieser bietet den Vorteil, dass räumliche Distanzen und andere Hindernisse überwunden werden können. Andererseits zeigt der digitale Raum Grenzen auf, da die Erfahrungen der Projektgruppe die Bedeutung der unmittelbaren Begegnung und des ­direkten Austauschs mit den Teilnehmenden unterstreichen. Der digitale Raum bietet aber die Chance, sehr spezifische Zielgruppen ­anzusprechen, z.B. im Bereich Gaming, Social Media oder in Zusammenarbeit mit Influencer*innen. Ein anderer Aspekt ist, ob und wie sich der digitale Raum oder soziale Medien als Ergänzung zu analogen aufsuchenden Formaten nutzen lassen, etwa in der Kommu­ nikation mit bestimmten Zielgruppen bzw. Teilnehmenden oder in Be­zug auf das Nachhalten von Kontakten. Ungeachtet dessen können Themen aus dem digitalen Raum relevant für aufsuchende Formate sein, z. B. Umgang mit Hate Speech, Mobbing, Fake News und Rechtsextremismus im Netz und in sozialen Medien, aber auch Beteiligung und Mitsprache online. Insbesondere in der Arbeit mit Jugendlichen sind digitale Themen nicht nur von Interesse, sondern von großer Relevanz. Die Arbeitswelt besitzt für die politische Bildung großes ­Potenzial. Brücken bauen für eine starke Demokratie 43 Stärkung von Netzwerken Es gelingt der Aufsuchenden politischen Bildung nicht immer, die gewünschte Zielgruppe zu erreichen. Dafür kann es verschiedene ­Gründe geben. Im Projekt wurde die Erfahrung gemacht, dass die aufsuchenden Bildungsangebote auch auf Institutionen ausgeweitet ­werden können. Insbesondere in urbanen Räumen gibt es schon eine Vielzahl an Organisationen und Initiativen vor Ort, die unzählige niedrigschwellige soziale und Bildungsangebote umsetzen. Hier läuft die FES eher Gefahr, Angebote zu doppeln oder in Konkurrenz zu ­bereits etablierten Initiativen zu geraten. Stattdessen macht es Sinn, die Netzwerke an Initiativen und Organisationen zu stärken, indem die FES aufsuchende Angebote der Wissens- und Kompetenzvermittlung für diese Netzwerke anbietet. Diese leiden oft unter einem erheblichen finanziellen und personellen Ressourcenmangel und sind dankbar für jede Förderung und Stärkung durch die FES. Dieser ­Aspekt kann für die FES mit ihren vielen Partner:innen vor Ort in Zukunft noch wichtiger werden. Einbeziehung von Politiker:innen Im Projekt haben einige Formate lokale Politiker:innen einbezogen, um einen Austausch zwischen ihnen und den Teilnehmenden zu ­ermöglichen. Die Erfahrungen sind unterschiedlich ausgefallen: Manche der Politiker:innen konnten sich sprachlich und habituell sehr gut auf das niedrigschwellige Setting einlassen, andere wiederum hatten Probleme damit. Insgesamt waren unsere Erfahrungen allerdings zu wenig, um daraus Schlüsse abzuleiten, wie die Aufsuchende politische Bildung Politiker:innen gewinnen und für den aufsuchenden Charakter des Formats sensibilisieren kann. Das sollte weiterverfolgt und ausprobiert werden. Kompetenzvermittlung und Stärkung von Resilienz In der Fortführung und möglicherweise Ausweitung der Aufsuchenden politischen Bildung in der FES wird die Frage der Kompetenz­ vermittlung wichtig. Aufsuchende politische Bildung kann einen Mentalitätswechsel darstellen, zumindest eine Umstellung der eigenen Rolle als politische:r Bildner:in. Es ist sinnvoll, eine Systematisierung und Verstetigung der Aufsuchenden politischen Bildung in der FES mit einer Stärkung und Vermittlung von Kompetenzen zu verknüpfen. Das bezieht sich auf ganz konkrete Punkte, z. B.: → Wie spreche ich Menschen an? → Was bedeutet der Einsatz Leichter Sprache? → Welche niedrigschwelligen Methoden kenne ich noch nicht? → Wie setze ich spielerische oder theatrale Elemente ein? → Was bedeutet die Umstellung von einem ergebnis- auf einen prozessorientierten Fokus für mich? 44 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. → Wie gehe ich mit Hindernissen und Misserfolgen um? → Wie gelingt die Zusammenarbeit mit Brückenpartner:innen? Da die Aufsuchende politische Bildung mit Zielgruppen in Kontakt kommen kann, die einer demokratischen Institution nicht gewogen sind, und es hier zu Konflikten oder zu belastender Kommunikation kommen kann, ist es für die FES wichtig, sowohl die Kompetenzen im Umgang mit diesen Schwierigkeiten als auch die Resilienz der Kolleg:innen und ggf. Teamenden zu stärken. Über den Rückhalt und die Möglichkeiten der Aussprache im Team hinaus sind Schulungen zu bzw. Förderung von Resilienz, Sicherheit und Reflexion notwendig. Austausch mit anderen Akteur:innen Unbedingt empfehlenswert ist der Austausch mit anderen Akteur:innen, die in der Aufsuchenden politischen Bildung aktiv sind, z.B. den Landeszentralen der politischen Bildung, Volkshochschulen und anderen Organisationen. Diese bieten selbst Informations- und Vernetzungsveranstaltungen an, die den eigenen Horizont erweitern und das Bewusstsein für das Verständnis und die Herausforderungen von Aufsuchender politischer Bildung schärfen. Administrative Herausforderungen Ein eher FES-internes Thema wird die Frage nach der Vereinbarkeit von Aufsuchender politischer Bildung und administrativen Vorga‑ ben sein. Die Projektgruppe hat an der einen oder anderen Stelle Reibungen mit administrativen Vorgaben der FES bzw. ihrer Zuwendungsgeber erfahren, die es für die Zukunft zu klären gilt. Für so gut wie alle aufsuchenden Formate ist es wichtig, so wenig administrative Anforderungen wie möglich in das Format einzubringen. Unterschriftenlisten können kontraproduktiv sein, wenn es darum gilt, FES-ferne Zielgruppen anzusprechen und deren Vertrauen zu erwerben. Bestimmte vergaberechtliche Anforderungen können ebenso herausfordern sein, wenn man, konzeptionell, begründet keine Wahl zwischen verschiedenen Angeboten hat. Hier sollten sensibel Wege gefunden werden, um der Aufsuchenden politischen Bildung jenen formalen Freiraum zu ermöglichen, den sie braucht, um gelingende Formate umzusetzen und Menschen für den Austausch zu gewinnen. 6.2 Fazit Vor Redaktionsschluss dieser Dokumentation ist bereits die Entscheidung getroffen geworden, dass die FES die Aufsuchende politische Bildung fortsetzen und vertiefen wird. Die Projektgruppe freut sich darüber, weil mit dieser Entscheidung die Arbeit in dem Projekt gewürdigt und das Engagement der Kolleg:innen in dem Projekt wert­ geschätzt wird. Die Erfahrungen der sieben Kolleg:innen der ProjektBrücken bauen für eine starke Demokratie 45 Aufsuchende ­politische Bildung ist eine Haltung gruppe mit ihren vielfältigen Formaten in den unterschiedlichen Regionen Deutschlands haben alle die Erkenntnis gemeinsam, dass Aufsuchende politische Bildung wichtiger denn je ist und dass sich ihre Erweiterung und Verstetigung in den kommenden Jahren lohnt. Alle Projektmitglieder haben in ihrer Arbeit vor Ort den Eindruck ­gewonnen, dass die Menschen, die in den Formaten beteiligt waren, von dem Austausch und den Impulsen profitierten. Ebenso haben die Kolleg:innen in der Projektgruppe viel gelernt und fühlen sich durch die unzähligen Begegnungen mit den Menschen, durch den Austausch und die Arbeit mit ihnen, bereichert. Mit anderen Worten: Aufsuchende politische Bildung ist trotz ihrer Anforderungen und Hürden eine Chance, die persönliche Motivation für politische Bildung zu erinnern und zu stärken. Die in dieser Dokumentation vorgestellten Leitlinien und Empfehlungen mögen in ihrer Verdichtung und Detailtreue zunächst überwäl­ tigend wirken. Die Dokumentation möchte aber nicht abschrecken, sondern verdeutlichen, dass die Aufsuchende politische Bildung einen weiten Spielraum ermöglicht, in dem jede:r politische:r Bildner:in mit Neugier, Empathie und Kreativität Formate und Methoden entwickeln und umsetzen kann, die einen direkten Zugang zu den Zielgruppen eröffnen und einen ganz pragmatischen Ansatz erlauben. Die hier vorgestellten Kriterien und insbesondere die fünf Dimensionen sollen dabei helfen, für den aufsuchenden Charakter von Bildungsveranstaltungen zu sensibilisieren. Je nach Ort, Zielgruppe und Inhalte sind die Möglichkeiten, aufsuchend zu arbeiten, variabel. Auch eine Kombination von Elementen der aufsuchenden mit Elementen etablierter Bildungsformate sind möglich. Die Dokumentation wirbt dafür, Routinen zu hinterfragen, Komfortzonen zu verlassen und den niedrigschwelligen Einsatz für Demokratie und Vielfalt neu und frisch zu denken. Damit verbunden ist auch ein Plädoyer für einen konstruktiven Umgang mit Fehlern und Misserfolgen. Aufsuchende politische Bildung ist und bleibt über das hier vorgestellte Projekt hinaus ein Lernprozess. Wichtig ist dem Projekt eine abschließende Botschaft: Aufsuchende politische Bildung ist ein noch relativ neuer Ansatz und eine direkte Reaktion auf die Krise unserer Demokratie und ihrer Institutionen. Sie ist aber mehr als nur ein Feuerlöscher in der Not. Aufsuchende poli­ tische Bildung ist eine Haltung und eine Folge aus der Erkenntnis, dass alle Menschen den Anspruch auf politische Bildung und Teilhabe besitzen. Dialog, Engagement und Solidarität sind für eine starke und widerstandsfähige Demokratie, für die politische Bildner:innen werben und arbeiten, unabdingbar. Genau diese Werte will die Auf­ suchende politische Bildung stärken und fördern. Sie ist mehr als eine Reaktion auf die Gefahren für die Demokratie. Sie ist ein progressives Denken und Handeln in die Zukunft. 46 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Anhang Glossar Antidiskriminierung bedeutet, zuerst anzuerkennen, dass Diskriminierung gesellschaftliche Realität ist. Von diesem Standpunkt aus setzt sie sich dafür ein, Diskriminierung zur Sprache zu bringen und ihr aktiv entgegen zu steuern. Weiterführende Informationen finden sich z. B. beim deutschen Antidiskriminierungsverband(https://www.antidiskriminierung.org) oder der Antidiskriminierungsstelle des Bundes(https:// www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/startseite/startseite-node. html). Check-In / Check-Out Diese Methoden rahmen die zentralen Inhalte eines Formats. Der Check-In bietet Teilnehmenden die Möglichkeit, anzukommen, ­einander kennenzulernen und sich ggf. auf den Modus und das Thema des Formats einzustimmen, während der Check-Out den ge­ meinsamen Abschluss markiert und Gelegenheit zu informellem Feedback gibt. Golden Circle Der Golden Circle wurde ursprünglich vom Unternehmensberater Simon Sinek entwickelt, um den Fokus auf den Sinn von Geschäfts­ modellen(das„ Why“) zu lenken, um daraus Umsetzungsmöglichkeiten abzuleiten(weiterführende Informationen: https://gruenderplattform.de/unternehmensfuehrung/golden-circle). In abgewandelter Form kann er dazu verwendet werden, um ein gemeinsames Verständnis über einen Auftrag zu schaffen und darauf basierend Handlungsweisen und konkrete Angebote abzuleiten. Leichte Sprache Leichte Sprache dient dazu, Texte verständlicher zu machen. Sie nutzt einfache Wörter und kurze Sätze, um Inhalte zu erklären, häufig ­ergänzt durch Bilder. Leichte Sprache baut für die Leser:innen Barrieren ab und macht komplexe Themen zugänglich. Gleichzeitig zwingt sie die Autor:innen dazu, sich nicht hinter Schlagwörtern und Phrasen zu verstecken. Weiterführende Informationen finden sich auf der Webs­ eite der Lebenshilfe Bremen unter https://leichte-sprache.de. Brücken bauen für eine starke Demokratie 47 Projekttagebuch Zur internen Reflexion der durchgeführten Formate hat die Projektgruppe einen prototypischen Fragebogen entwickelt, der sowohl „harte“ Eckpunkte als auch Zwischentöne und individuelle Bewertungen einfangen soll – das sogenannte Projekttagebuch, das sich im Anhang dieser Dokumentation auf den folgenden Seiten findet. Sie können das Projekttagebuch auch hier unter https://netzwerk-politische-bildung.de/files/medien/projekttagebuch-apb.pdf im Format A4 herunterladen, oder Sie nutzen für den Download nebenstehenden QR-Code. Safe Space Ein Safe Space ist eine Utopie: Er meint einen bewusst geschaffenen Schutzraum, der vollkommen frei von Diskriminierung ist. In For­ maten Aufsuchender politischer Bildung ist er das angestrebte Ideal: Innerhalb der Veranstaltung soll ein Freiraum errichtet werden, der von gegenseitigem Respekt, Wertschätzung und Vertrauen geprägt ist und damit dem:der Einzelnen erlaubt, mit anderen in einen konstruktiven und wertungsfreien Austausch einzutreten. Teamvertrag Ein Teamvertrag ist ein Regelset, auf welches sich eine Gruppe selbst verständigt. Alle Mitglieder verpflichten sich dazu, die Regeln zu­ gunsten einer produktiven Zusammenarbeit bestmöglich einzuhalten. Wirkungsziele Sie beschreiben, welche Veränderungen durch ein Format bei der Zielgruppe, durch deren Aktivwerden anschließend in ­ihrem Lebensumfeld und schließlich in der Gesellschaft eintreten sollen. Während die Wirkungen auf der Ebene der Zielgruppe auf das Angebot(un- oder mittelbar) zurückzuführen sind, liegen Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene komplexe Zusammenhänge zu­grunde. Das Format ist lediglich ein Baustein davon. 48 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Projekttagebuch• Teil 1 Außenperspektive I Resümee des Projekts in Bezug auf seine Außenwirkung Projekttitel: Laufzeit: Ort: Projektverantwortliche:r(FES): Partner:innen vor Ort: Zielgruppe: Einzelveranstaltung Serieller Charakter Das macht das Format aus(drei treffende Adjektive): Das kann das Format nicht leisten: So habe ich als Vertreter:in der Friedrich-Ebert-Stiftung agiert – Meine Rolle im Projekt: Das Format steht für Aufsuchende politische Bildung , weil …: Aufsuchende Politische Bildungsarbeit (FES-Definition): • überwindet bestehende Ausschlussmechanismen. • ist ausgehend von alltäglichen Themen der Menschen. • ermutigt, sich politisch zu beteiligen. • richtet sich an eine spezifische Zielgruppe. • Ort. APBA findet entweder an einem der Zielgruppe vertrauten Ort statt oder im öffentlichen Raum. • APBA behandelt in Absprache mit der Zielgruppe für sie relevante Themen. • Methoden. APBA schafft Begegnungen auf Augenhöhe: Die FES ist Zuhörerin. • Zeit. APBA braucht Zeit, um nachhaltig zu wirken. Brücken bauen für eine starke Demokratie. 49 Außenperspektive II Resümee des Projekts in Bezug auf seine Außenwirkung Hier haben wir Neues gewagt – Neue Ideen und Impulse innerhalb des Projekts: Inspirationsquellen/Verweise: Das haben wir aus der Praxis gelernt – Schlüsselmomente und Learnings: Diese Fragen hat das Projekt aufgeworfen – Impulse und Fragen: Notizen: 50 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Projekttagebuch• Teil 2 Innenperspektive/Selbstreflexion Reflexion des Projekts aus individueller Sicht. Nicht zur Weitergabe! Damit bin ich sehr zufrieden: Damit bin ich an meine Grenzen gekommen: Das hätte ich anders erwartet von der Zielgruppe: Das hätte ich anders erwartet von den Partner:innen: Eigener Zeit-Einsatz ( Zeitliche Auslastung von 0% bis 100%) Bitte entsprechend den Balken füllen. Eigener Energie-Einsatz( Emotionale Auslastung von 0% bis 100%) Bitte entsprechend den Balken füllen. Warum hast du den Balken so ausgefüllt? Welche Punkte liegen deiner Entscheidung zugrunde? Notizen: Brücken bauen für eine starke Demokratie. 51 Literaturempfehlungen FES-Publikationen Friedrich-Ebert-Stiftung, PBD Arbeitsgruppe: Nah bei de Leud. Das Selbstverständnis der aufsuchenden politischen Bildungsarbeit in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Konzeptpapier PBD Arbeitsgruppe(Ansprechpartnerin: Yvonne Lehmann), Friedrich-Ebert-Stiftung, 2023. Friedrich-Ebert-Stiftung, Ideenlabor: Aufsuchende politische Bildungsarbeit in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Dokumentation des Projekts Aufsuchende politische Bildung(Zwischenstand), 2024. Elies, Stefanie; Lehmann, Yvonne(Hg.): Demokratie braucht Methode. Von A wie Aufsuchen bis Z wie Zukunftshandeln, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2025. Nies, Martina: Freiräume der Transformation im Quartier gestalten. Ein Handbuch für die Praxis, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2022. Weitere Publikationen Achour, Sabine; Gill, Thomas(Hg.): Aufsuchende politische Bildung in Partizipation und politische Teilhabe mit allen: Auftrag politischer Bildung. Vom Klassenrat zum zivilen Ungehorsam, WOCHENSCHAU Verlag, Frankfurt/M., 2023. Blender, Johanna: Aufsuchende politische Bildung im Quartier. Der Sozialraum Quartier als Lernort für die Förderung politischer Partizipation, Minor – Wissenschaft Gesellschaft, 2021. Bremer, Helmut; Kleemann-Göhring, Mark; Wagner, Farina: Weiterbildung und Weiterbildungsberatung für„Bildungsferne“. Ergebnisse, Erfahrungen und theoretische Einordnungen aus der wissenschaftlichen Begleitung von Praxisobjekten in NRW, wbf, Bielefeld, 2015. Cöster, Rebekka; Scheibner, Marc: Ein gutes MITEINANDER pflegen. Impulse für den Pflegealltag im Kontext der Zuwanderung internationaler Fachkräfte, ARBEIT UND LEBEN, Sachsen, 2024. Dietz, Nicolas: Aufsuchende politische Bildung in der Arbeitswelt. Reflektierte Impulse aus dem Modellprojekt„Politik zum Nachtisch“ – Handreichung für Akteur*innen der politischen Bildung, ARBEIT UND LEBEN, Sachsen, 2024. Dubois, Maëlle; Quentin, Jakob(Hg.): Für mehr Teilhabe und Zivilcourage. Arbeitshilfe für aufsuchende politische Bildung im Quartier, Minor – Wissenschaft Gesellschaft, 2023. 52 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Dubois, Maëlle; Siegert, Wassili: Aufsuchend. Politisch. Bilden. Praxiserfahrungen im Quartier, Minor – Wissenschaft Gesellschaft, 2023. Dubois, Maëlle; Quentin, Jakob: Aktiv demokratisch! Sechs Qualifizierungsmodule für aufsuchende politische Bildung im Quartier, Minor – Wissenschaft Gesellschaft, 2024. Gill, Thomas; Stapf-Finé, Heinz; Walentin, Annette(Hg.): Handbuch aufsuchende politische Bildung, WOCHENSCHAU Verlag, Frankfurt/M, 2025. Jacobsen, Lenz: Öffentlicher Raum: Bloß nicht noch ein Begegnungscafé, in: DIE ZEIT, 19. August 2024, https://www.zeit.de/kultur/2024-08/oeffentlicher-raum-orte-begegnung-gesellschaft-soziolo gie(07. 12. 2025). Jugel, David; Hertel, Celina M.: Demokratische Bildung im ländlichen Raum. Eine JoDDiD-Studie zu Potenzialen, Herausforderungen und Strategien außerschulischer politischer Bildung jenseits städtischer Perspektiven, John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie, 2024. Manthe, Rainhald: Demokratie fehlt Begegnung. Über Alltagsorte des sozialen Zusammenhalts, transcript, Bielefeld 2024. Meyer, Lars(Red.): Demokratie-Werkstätten im Quartier.„Aufsuchende politische Bildung“ und das Selbstverständnis der Demokratiewerkstätten im Quartier, Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen, 2022. Pfeffer-Hoffmann, Christian(Hg.): Politische Bildung findet Stadt. Erfahrungen und Reflexionen zu aufsuchender politischer Bildung im Quartier, Minor – Wissenschaft Gesellschaft, 2024. Quentin, Jakob u. a.: Partizipationskoffer. 28 Methoden für politische Bildungsarbeit im Quartier, Minor – Wissenschaft Gesellschaft, 2021. Scheibner, Marc: Reden statt Spalten. Methodensammlung zum Umgang mit polarisierten Diskussionen für die politische Erwachsenenbildung, ARBEIT UND LEBEN, Sachsen, 2023. Trumann, Jana:„Demokratisch ist man nicht allein“ – Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung zu aufsuchenden politischen Bildungsaktivitäten in der Arbeitswelt, DGB Bildungswerk e. V., 2022. Walentin, Annette; Wöss, Sebastian: Aufsuchende politische Bildung. Eine Bestandserhebung in Deutschland 2021, Berliner Landeszentrale für politische Bildung, 2021. Brücken bauen für eine starke Demokratie 53 Walentin, Annette(Red.): Methodenhandbuch. Aufsuchende politische Bildung, Berliner Landeszentrale für politische Bildung, 2024. Warkentin, Christin: Emotionen im Raum. Erkenntnisse aus dem Projekt„Kompetent emotional – Chancen und Risiken von Emotionen für die politische Bildung“, ARBEIT UND LEBEN, Sachsen, 2023. 54 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Notizen Brücken bauen für eine starke Demokratie 55 Notizen 56 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Über die Friedrich-Ebert-Stiftung Die 1925 gegründete Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) ist die traditions reichste politische Stiftung in Deutschland. Reichspräsident Friedrich Ebert gab ihr den Namen; seinem politischen Vermächtnis verdankt die Stiftung ihre Entstehung und Aufgabenstellung. Als eine parteinahe politische Stiftung orientiert die FES ihre Arbeit an den Grundwerten der Sozialen Demokratie: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Das verbindet sie ideell mit der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften. Als gemeinnützige Einrichtung gestaltet die FES ihre Arbeit eigenständig und unabhängig. Sie fördert und stärkt die Soziale Demokratie vor allem durch: → politische Bildungsarbeit, → Politikberatung, → internationale Zusammenarbeit, → Begabtenförderung, → das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie, mit dem Archiv und der Bibliothek. Brücken bauen für eine starke Demokratie Das Ziel politischer Bildung in der Friedrich-Ebert-Stiftung besteht in der Stärkung unserer Demokratie und der Vermittlung von Vielfalt und Respekt. Das gelingt nur, wenn sich eine breite Mehrheit der Gesellschaft aktiv daran beteiligt. In Zeiten multipler Krisen und tiefgreifender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen gerät die Demokratie unter Druck und braucht mehr denn je die politische Bildung als Brückenbauerin zu den Menschen. In dem Projekt„Aufsuchende politische Bildung“ werden niedrigschwellige und beteiligungsorientierte Formate entwickelt, die dort umgesetzt werden, wo die Menschen leben und arbeiten, die zum Dialog einladen und dafür werben, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Das Projekt überwindet Distanzen und baut Hürden ab, die in eta­ blierten Formaten der politischen Bildung oft existieren. Welche Erfahrungen mit diesem aufsuchenden Ansatz gesammelt werden und welche Empfehlungen das Projekt der Friedrich-Ebert-Stiftung für eine zukünftige Bildungsarbeit auf den Weg gibt, darüber berichtet diese Dokumentation. , Illustration, Titelfoto arbfläche Icon oder F