A N A LYS E Lukas Mengelkamp und Sam Vincent März 2026 Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie xx Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Abteilung für Internationale Zusammenarbeit| Referat Globale und Europäische Politik ↗ www. fes.de/referat-globale-und-europaeische-politik Inhaltliche Verantwortung und Redaktion Peer Teschendorf/ Friedens- und Sicherheitspolitik peer.teschendorf@fes.de Kontakt/Bestellungen Christiane Heun christiane.heun@fes.de Satz/Layout Rohtext, Bonn Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Der Text entstand im Rahmen des Projektes Non-Nuklear Deterrence: https://www.lse.ac.uk/ideas/projects/conflict-and-civicness-research-group/ research/investigating-non-nuclear-deterrence Er erschien zuerst in englischer Sprache im Journal„global Policy“ erschienen. März 2026 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ISBN 978-3-98628-834-1 Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Lukas Mengelkamp und Sam Vincent März 2026 Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie Inhalt 1. Gesucht: Europäisches strategisches Denken .........................  3 2. Der Einfluss der Manöverkriegsführung auf die NATO ..................  4 Theorie der Manöverkriegsführung .................................  4 Manövertheorie und die Abschreckung Russlands .....................  7 3. Argumente gegen die Manöverkriegsführung .........................  9 4. Wie könnte eine Alternative aussehen? Auf dem Weg zu einer konventionellen europäischen Doktrin für das Nuklearzeitalter .........  12 5. Fazit .........................................................  15 Politische Empfehlungen........................................  16 Literaturverzeichnis ...............................................  17 2 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 1. Gesucht: Europäisches strategisches Denken Seit der russischen Annexion der Krim und der ersten russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2014 hat die NATO ei nen langen Weg zurück zu ihrer klassischen Mission der Abschreckung und Verteidigung eingeschlagen. Obwohl die NATO schon im Jahr 2019 eine neue Militärstrategie entwi ckelte, gewann diese Neuausrichtung erst durch die Vollinvasion der Ukraine im Februar 2022 sowie durch die Wie derwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im November 2024 an tatsächlicher politischer Dynamik. 1 Besonders Trumps Wiederwahl hat die Europäer_innen verunsichert und zu einer ernsthaften Diskussion über ein mögliches Ende der NATO und die Notwendigkeit rein europäischer Lösungen zur Abschreckung und Verteidigung gegenüber Russland geführt. Die öffentliche Diskussion über die„Europäische Säule“ der NATO lässt jedoch häufig strategische Überlegungen außer Acht und ist nahezu apolitisch. Die meisten Stellungnahmen beschränken sich auf die Forderung nach höheren Verteidigungsetats und verstärkter Truppenpräsenz oder beklagen den Mangel an„Enablern“ (Burilkov, Wolff 2025; Belfer Center 2025). Der Krieg in der Ukraine hat in der Tat deutlich gemacht, wie stark die europäischen Streitkräfte nach dem Ende des Kalten Krieges reduziert wurden und wie unvorbereitet sie auf einen groß angelegten Krieg sind. Einerseits besteht zwar der Bedarf zum umfangreichen Wiederaufbau konventioneller militärischer Kapazitäten, andererseits geht die Debatte selten über die Frage hinaus, wie viel des BIP für Verteidigungsausgaben aufgewendet werden sollte. Sie befasst sich kaum damit, welche Fähigkeiten mit den erhöhten Verteidigungsausgaben erworben werden sollten. Die Frage, was die Europäer brauchen, kann nicht losgelöst von der Frage beantwortet werden, wie sie kämpfen wollen, aber auch, zu welcher Art von Krieg sie von Russland gezwungen werden könnten. Bis zu einem gewissen Grad mag der Wiederaufbau der militärischen Kapazitäten strategieunabhängig sein: Im Allgemeinen brauchen die Europäer von allem mehr, als sie zum jetzigen Zeitpunkt haben. Derzeit verläuft der Wiederaufbau der militärischen Kapazitäten jedoch nach einem strategischen Plan, der zunehmend nicht mehr der politischen Realität entspricht. Die Europäer bauen ihre Kapazitäten wieder auf, um als Verbündete der USA gemäß der derzeit bevorzugten US-Militärdoktrin zu kämpfen. Die Europäer können es sich jedoch nicht mehr leisten, das strategische und doktrinäre Denken den USA zu überlassen. Sie müssen dies selbst und für sich selbst tun. Der Wiederaufbau der europäischen militärischen Kapazitäten ist nicht nur eine technische Frage der Ausrüstungsstärke und der Mittelausstattung, sondern hat auch eine intellektuelle und politische Dimension. Was derzeit fehlt, ist eine eindeutig europäische strategische Perspektive, die sowohl das Fehlen eines gleichwertigen europäischen Ersatzes für die erweiterte nukleare Abschreckung der USA als auch die Notwendigkeit einer glaubwürdigen Vorneverteidigung widerspiegelt. Der folgende Beitrag ist ein erster Versuch, hier Abhilfe zu schaffen. Wir hinterfragen die vorherrschende militärische Denkweise innerhalb der NATO und analysieren, ob sie sich für die europäischen Mitgliedstaaten eignet, sollten die USA ihren Bündnisverpflichtungen nicht nachkommen wollen oder können. Angesichts der Unberechenbarkeit der aktuellen US-Regierung und des gleichzeitigen Abbaus staatlicher Kapazitäten in den USA erscheint uns ein solches Szenario durchaus plausibel(Saunders 2025). Der erste Abschnitt dieses Beitrags untersucht den Einfluss, den die Theorie der Manöverkriegsführung auf das militärische Denken der NATO hat. Er analysiert die historischen Grundlagen der Manövertheorie sowie Ausmaß und Grenzen ihres Einflusses auf die Militärstrategie und Verteidigungsplanung der NATO. Wir untersuchen, ob Verteidigungsstrategien, die auf Positions- und Abnutzungskrieg basieren, bereits in die Planung der NATO einfließen. 2 Der zweite Abschnitt des Beitrags befasst sich mit der Kritik, die an der Theorie und Praxis der Manöverkriegsführung geübt wird. Der Schwerpunkt liegt hier auf den politischen und geografischen Rahmenbedingungen des potenziellen Kriegsschauplatzes Europa. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Alternative zu einer manöverorientierten Verteidigung aussehen könnte. Dazu wird die Idee der„Nicht-Offensiven Verteidigung“(Non-Offensive Defence, NOD) vorgestellt, die ursprünglich in den 1  Wichtige Ausnahmen bilden mittel- und osteuropäische Mitgliedsstaaten wie Polen, Litauen, Lettland und Estland, die ihre Streitkräfte seit mindestens 2014 verstärken. 2  Amos Fox zufolge„kann Positionskrieg definiert werden als Einsatz von militärischer Gewalt – durch Taktik, Feuerkraft oder Bewegung –, um einen Gegner aus einer Position in eine andere Position zu drängen, um diese anschließend auszunutzen, oder ihm den Zugang zu einem Gebiet zu verwehren, damit er dieses nicht weiter für sich nutzen kann. Abnutzungskrieg hingegen lässt sich definieren als ein methodischer Einsatz des Gefechts oder entscheidungsvorbereitender Operationen(shaping operations), um die Ausrüstung, das Personal und die Ressourcen eines kriegsführenden Landes schneller zu verschleißen oder zu zerstören, als es seine Verluste wieder ersetzen kann“.(Fox 2017, S. 18). Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie 3 1970er und 1980er Jahren in Westdeutschland entstand. Gemeinsam war den Militäranalytiker_innen und Offizier_ innen dieser Denkschule, dass sie die politischen und militärischen Vorteile einer auf Positions- und Abnutzungskrieg ausgerichteten Verteidigung gegenüber dem manöverorientierten Ansatz im Nuklearzeitalter betonten. Am Ende unserer Analyse kommen wir zu dem Schluss, dass Konzepte, die auf einen Positions- und Abnutzungskrieg setzen, aus europäischer strategischer Perspektive plausibler sind und weiterverfolgt werden sollten. Vor allem ein Vergleich der historischen NOD-Tradition mit modernen Konzepten der auf dynamischen Positionskampf und Abnutzung basierenden Verteidigung könnte wertvolle Einsichten für die zukünftige Gestaltung der konventionellen Verteidigung im Nuklearzeitalter liefern. 2. Der Einfluss der Manöverkriegsführung auf die NATO Auch wenn die aktuelle Militärstrategie der NATO geheim ist, lässt sich ihr ideeller Charakter nachvollziehen, indem man die öffentlichen Informationen, die es zum Verteidigungsansatz der NATO gibt, in den größeren Kontext des westlichen militärischen Denkens stellt. Die strategische Neuausrichtung, die mit Russlands Annexion der Krim im Jahr 2014 begann – dazu gehörten höhere Verteidigungs etats, die Aufstockung der NATO Response Force sowie die Aufstellung der NATO Enhanced Forward Presence(eFP) (deutsch: Verstärkte Vornepräsenz der NATO) in den Baltischen Staaten und Polen –, ebnete den Weg für eine neue Militärstrategie. Diese wurde im Jahr 2019 angenommen und an sie anschließend wurden eine Reihe ergänzender Konzepte, Planungen und Streitkräfteanforderungen beschlossen(Ringmose, Rynning 2017; Ringmose, Rynning 2021; Rynning 2021). Betrachtet man dies vor dem Hinter grund der Gesamtentwicklung der westlichen Doktrin nach dem Kalten Krieg, zeigt sich ein durchgängiges Muster: Die vorherrschenden Annahmen, Konzepte und Begrifflichkeiten knüpfen deutlich an die geistige Tradition der Manöverkriegsführung an. Das ist wenig überraschend. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich die Theorie der Manöverkriegsführung so tief in die militärische Ausbildung, Doktrin und Operationsplanung der USA und ihrer Verbündeten eingeprägt, dass sie nicht mehr als eine Option unter vielen gilt, sondern faktisch den Rang einer Orthodoxie einnimmt(Amos Fox, Interview, 22. Mai 2025). Angesichts der Tatsache, dass die Vereinigten Staaten eine zentrale Rolle in Fragen der NATO-Streitkräfteplanung spielen und die Bündnisdoktrin eng mit dem US-amerikanischem militärischen Denken verflochten ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass die gegenwärtige Strategie zur Verteidigung Europas auf Grundlagen beruht, die sich am Konzept der Manöverkriegsführung orientieren. Dieser Abschnitt unseres Beitrags befasst sich also mit zwei Punkten: Er fasst zunächst die Theorie der Manöverkriegsführung zusammen(als intellektuelle Tradition und wie sie sich innerhalb der modernen Doktrin weiterentwickelt hat) und zeichnet anschließend nach, wie die zentralen Konzepte dieser Theorie das Vorgehen der NATO zur Abschreckung bzw. Abwehr russischer Aggression wahrscheinlich prägen. Theorie der Manöverkriegsführung Will man den Einfluss der Manövertheorie auf die gegenwärtige NATO-Planung bewerten, muss man zunächst berücksichtigen, dass es sich bei dem Konzept der Manöverkriegsführung um ein umstrittenes, wandelbares und in gewisser Weise schwer fassbares Gedankengebäude handelt, das unterschiedliche Strömungen in sich vereint. 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Es entwickelte sich allmählich aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs heraus als Versuch, in Zukunft langwierige Abnutzungskriege zu vermeiden. Die britische Schule, geprägt von J. F. C. Fuller und B. H. Liddell Hart, strebte danach, die Kampffähigkeit und den Kampfwillen des Gegners durch Geschwindigkeit, Überraschung und Zerrüttung des Gegners zu brechen, statt ihn in einem zermürbenden, frontalen Abnutzungskampf aufzureiben. Fuller setzte auf mechanisierte Kräfte, die tief in den gegnerischen Raum vorstoßen und die Fähigkeit des Feindes zur Führung und Kontrolle seiner eigenen Truppen zerstören und damit seine innere Kohärenz zerschlagen sollten. Liddell Hart betonte den„indirekten Ansatz“, d.h. durch geschicktes Manövrieren den Gegner in eine nachteilige Lage zu bringen, sein psychologisches Gleichgewicht zu untergraben und seinen Zusammenbruch zu erzwingen, ohne verlustreiche Frontalangriffe durchzuführen. Auf dem europäischen Kontinent erdachten deutsche und sowjetische Militärtheoretiker der Zwischenkriegszeit großräumige, hochdynamische Operationen, die darauf abzielten, gegnerische Großformationen einzukesseln und zu vernichten. Der deutsche Bewegungskrieg setzte auf schnelle Panzervorstöße, die operative Einkesselungen – Kesselschlachten – ermöglichen und so die Streitkräfte des Gegners vernichten sollten. Die sowjetische Doktrin der glubokii boi(deutsch: Operation in der Tiefe) betonte den koordinierten Einsatz von Panzertruppen, Artillerie und Luftstreitkräften, um die Front zu durchbrechen und anschließend in den operativen und strategischen rückwärtigen Raum des Gegners vorzustoßen, tief in die Verteidigung einzubrechen und gegnerische Truppen zu isolieren. Die britische und die kontinentale Schule vertraten daher sehr unterschiedliche Ansichten über den Weg zum Sieg über den Feind und kritisierten sich in der Zwischenkriegszeit sogar gegenseitig scharf(Kipp, 1996, S. 53, 79). Trotz ihrer Unterschiede waren beide Schulen davon überzeugt, dass das beweglich geführte Gefecht der verbundenen Waffen – häufig mit dem Panzer im Zentrum gedacht – wieder zur Entscheidung zwingendes, offensives Handeln ermöglichen könnte. Jahrzehnte später, in der Folge des Vietnamkriegs, prägten diese Ideen eine neue Generation manöverorientierter Denker in den USA(Lind 1985; Leon hard 1991). Diese Denker übernahmen implizit die britische Schule, obwohl sie dabei fälschlicherweise glaubten, dem Beispiel der frühen deutschen Siege im Zweiten Weltkrieg zu folgen(Robinson 2023). Der Begriff„Manöver“ ist in mancherlei Hinsicht eine irreführende Bezeichnung, da Manöverkriegsführung stark mit der mythologisierten Vorstellung des„Blitzkriegs“ verbunden ist: rasche Vorstöße, Einkesselungen und ein Gefechtsfeld, das von mobilen Panzertruppen beherrscht wird. Im üblichen militärischen Sprachgebrauch bezeichnet man mit dem Begriff„Manöver“ schlicht die Bewegung von Streitkräften, um einen Vorteil auszunutzen. Diese alltagssprachliche Bedeutung wird häufig mit der gesamten Theorie der Manöverkriegsführung gleichgesetzt. Doch die Theorie der Manöverkriegsführung lässt sich weder auf das bloße Bewegen von Streitkräften reduzieren, noch ist Bewegung im Raum eine ihrer zwingenden Voraussetzungen. Der Kern der modernen Manövertheorie besteht vielmehr darin, systemische und psychologische Dislokation herbeizuführen, die Entscheidungsfindung des Gegners zu lähmen, seinen Zusammenhalt zu brechen und ihn in eine reaktive Haltung zu zwingen. Um diese kognitiven und systemischen Effekte zu erzielen, kann Bewegung im Raum erforderlich sein, ist jedoch nicht zwingend nötig. Die Uneindeutigkeit wird noch weiter dadurch verschärft, dass der Begriff„Manöver“ sowohl als Synonym des Konzepts des„Gefechts der verbundenen Waffen“, aber auch für die Theorie der Manöverkriegsführung verwendet wird. Das„Gefecht der verbundenen Waffen“ bezeichnet den koordinierten Einsatz verschiedener Kampftruppengattungen in wechselseitig unterstützender Weise. Frühe Vertreter der Manövertheorie – darunter Liddell Hart, Fuller und Tuchatschewski – erkannten, dass die Kombination unterschiedlicher Truppengattungen eine zentrale Voraussetzung des von ihnen angestrebten Ansatzes war. Damit könnten feindliche Schwerpunkte umgangen werden, um dann in den Rücken des Gegners vorzustoßen und dessen Führungs- und Kommandostrukturen zum Zusammenbruch zu bringen. Das Prinzip des Gefechts der verbundenen Waffen ist jedoch auch Bestandteil der von den Manövertheoretiker_innen oft kritisierten Ansätze, die auf Abnutzungskampf und intensive Feuerkraft setzen. Es ist also durchaus möglich, das Konzept des Gefechts der verbundenen Waffen wertzuschätzen, ohne den umfassenderen manövertheoretischen Ansatz zu befürworten, der darauf abzielt, die Entscheidungsfindung des Gegners zu stören sowie Schock, Dislokation, Lähmung und systemischen Zusammenbruch zu erzeugen. Folglich können Diskussionen über „Manöver“ unmerklich zwischen überlappenden Bedeutungsebenen changieren, ohne dass dies immer deutlich wird. Der ehemalige Air-Force-Pilot John Boyd nahm eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung der Manövertheorie in den USA ein. Er verstand Entscheidungsfindung als einen kontinuierlichen Feedbackloop aus Beobachtung, Orientierung, Entscheidung und Handlung: den sogenannten„OODA-Loop“(Englisch:„ O bservation, O rientation, D ecision, A ction“). Der Sieg – ob im Luftkampf oder im Gefecht zu Lande – würde also jener Seite zufallen, die ihren Feedbackloop schneller durchlaufen und vor dem Gegner handeln würde, was dessen Fähigkeit zu einer wirksamen Reaktion unterminiere. Dieses Konzept, das im Zentrum der Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie 5 modernen Theorie der Manöverkriegsführung steht und sich stark mit der Air-Power-Theorie überschneidet, rückt die Geschwindigkeit und Agilität der Entscheidungsfindung in den Mittelpunkt der Kriegsführung. Ein weiterer Strang der Manövertheorie betrifft die operative Ebene des Krieges: Taktik und Strategie werden miteinander verknüpft, indem mehrere Gefechte so orchestriert werden, dass sie sich zu Kämpfen mit strategischer Wirkung fügen. Auch dieses Konzept hat historische Wurzeln – es wurde von deutschen Offizieren angesichts der ungünstigen geostrategische Lage Deutschlands entwickelt: Durch eine frühzeitige Entscheidungsschlacht sollten materiell überlegene Gegner geschlagen werden, bevor sie ihre Kräfte vollständig mobilisieren konnten(Citino 2005). Das Konzept gewann im Manöverdiskurs der USA jedoch erst nach dem Vietnamkrieg an besonderer Bedeutung. Die Idee der operativen Ebene, in der US-Doktrin seit den 1980er Jahren verankert, sollte eigentlich Taktik und Strategie miteinander verknüpfen; in der praktischen Anwendung ist allerdings ein Fokus auf die Verbindung taktischer Gefechtshandlungen zu operativen Kampagnen zu sehen. Mitunter fungiert die operative Ebene so als eine Art Filter, der politische Erwägungen aus der militärischen Planung ausklammert( ↗ Kapitel 4). Die Theorie der Manöverkriegsführung lässt sich nur schwer in feste Planungsmuster zwängen; sie versteht sich weniger als Gefechtsanleitung, sondern vielmehr als philosophische Denkweise. Kritiker empfinden diese Unbestimmtheit frustrierend und argumentieren, die Theorie sei zu anfällig für unterschiedlichste Auslegungen(Fox 2021, S. 13). Trotzdem gewann die Theorie der Manöverkriegsfüh rung in den USA während der Selbstfindungsphase des USMilitärs nach dem verlorenen Vietnamkrieg an Boden(Kagan 2006, Tomes 2007). Seit den frühen 1980er Jahren konnten die Vertreter der Theorie beachtliche Erfolge verbuchen: Sie trugen dazu bei, die US-amerikanische„ActiveDefense“-Doktrin von 1976 zu unterminieren, und prägten deren Nachfolger, die„AirLand-Battle“-Doktrin – wenngleich ihr Einfluss bisweilen überschätzt wird. Das United States Marine Corps(USMC) ging deutlich weiter: Boyds Konzepte, die seit den frühen 1980er Jahren stetig an Ein fluss gewannen, wurden 1989 vollständig in die Doktrin des Marine Corps aufgenommen – und damit zu einem zentralen Bestandteil der Militärausbildung(Terriff 2006, Robin son 2023, S. 55–61). Der Aufstieg der Manövertheorie fiel in eine Zeit, in der die USA massiv in Computertechnik und Mikroelektronik investierten und zahlreiche neue Militärtechnologien entwickelten, zum Beispiel präzisionsgelenkte Abstandswaffen („Stand-off Weapons“), moderne Kommando- und Kontrollsysteme, automatisierte Aufklärungs- und Zielerfassungssysteme, leistungsfähige Panzerabwehrwaffen, satellitengestützte Navigation und Lenkung sowie die signifikante Minimierung des Radarquerschnitts von Flugzeugen („Stealth“ bzw. Tarnkappentechnik). Im Jahr 1978 liefen die se Entwicklungen im„Assault-Breaker“-Programm zusammen, das Konzepte entwickelte, wie diese neuen Technologien gegen sowjetische Angriffsstaffeln eingesetzt werden könnten. Das Ziel bestand darin, insbesondere die zweite sowjetische Angriffsstaffel frühzeitig aufzuspüren und in der Tiefe des gegnerischen Raumes abzunutzen, noch bevor sie die Verteidigungslinie der NATO erreichen konnte. Dieses Konzept prägte die AirLand-Battle-Doktrin und fand anschließend Eingang in die„Follow On Forces Attack“Doktrin(FOFA) der NATO. Sowjetische Analytiker_innen erkannten rasch, dass diese Entwicklungen auf eine„militärisch-technische Revolution“ hindeuteten – eine Diagnose, welche die westlichen Debatten über eine„Revolution in Military Affairs“(deutsch:„Revolution der militärischen Angelegenheiten“) später maßgeblich beeinflussen sollte (Adamsky 2010). Die Beziehung zwischen Technologie und Manövertheorie war jedoch komplex. Boyd, eine Schlüsselfigur des Military Reform Movement, äußerte scharfe Kritik am Technizismus des Verteidigungsministeriums und militärischen Beschaffungswesens der Vereinigten Staaten. Die Anhänger_innen der Manövertheorie waren über die Ablösung der„ActiveDefense“- und ihren Einfluss auf die„AirLand-Battle“-Doktrin erfreut. Allerdings kritisierten sie auch, dass die Konzepte zum Einsatz neuer Präzisionswaffen weiterhin auf Abnutzung setzten. Stattdessen ging es ihrer Ansicht nach darum mithilfe neuer Technologien Dislokation, Disruption und Paralyse des Feindes zu erreichen. Die neuen Abstandswaffen eröffneten die Möglichkeit, feste und zunehmend auch mobile Ziele in der gesamten gegnerischen Tiefe des Raumes anzugreifen und dadurch einen systemischen und psychologischen Zusammenbruch des Gegners herbeizuführen. Dabei mussten die Manöverdenker allerdings noch eine Theorie entwickeln, wie genau dies funktionieren würde und wie dieser Ansatz mit den überkommenen Auffassungen von Manöverkriegsführung als einer Doktrin, die für den Krieg zu Lande entwickelt wurde, verknüpft werden konnte. Die NATO hat ihre Konzepte nie in einem Krieg gegen die Sowjetunion erprobt, doch nach dem Kalten Krieg nahm der Einfluss der Manövertheorie zu, und durch den Golfkrieg und die nachfolgende Interpretation seiner Lehren stieg das Ansehen der Manöverkriegsführung immer weiter(Robinson 2023, S. 249–259). Im Kal ten Krieg hatte die Theorie der Manöverkriegsführung nur eingeschränkte Unterstützung erfahren, doch nun gewann sie stark an Bedeutung. Offiziere, die in Konzepten der Manöverkriegsführung geschult waren, erlangten Schlüsselpositionen und verstärkten so den Einfluss der Theorie(Gady 2021). Die wachsende Popularität der Manöverkriegsfüh rung könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass sie die globalen Ambitionen der USA reflektiert, denn sie verspricht Flexibilität, Mobilität und einen schnellen Sieg, anstatt langwieriger Kriege(Wertheim 2022, McDougall 1997). Kurz gesagt: Das Konzept der Manöverkriegsführung stellte in Aussicht, weltweit Operationen mit zahlenmäßig begrenzten Streitkräften durchführen zu können und dabei zugleich strategische Agilität zu bewahren. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Nach dem Ende des Kalten Krieges entwickelte Kriegsführungskonzepte spiegelten zentrale Manöver-Grundsätze wider und versuchten zugleich, die technologischen Stärken der USA in einem veränderten strategischen Umfeld nutzbar zu machen. Die Idee der„Effects-Based Operations“ legte den Schwerpunkt auf die Ausschaltung von Entscheidungszentren und kritischen Systemen, womit sie Boyds „OODA-Loop“ aufgriff. Auch das Konzept des Network-Centric Warfare legte den Schwerpunkt darauf, gegnerische OODA-Loops zu überholen, um kleine, autonom agierende Kräfte dazu zu befähigen, größere, zentral geführte Streitkräfte durch überlegene Sensorik und Vernetzung auszumanövrieren. Boyds Ideen beeinflussten auch die U.S. Air Force. Selbst als die westlichen Streitkräfte Aufstände im Irak und Afghanistan bekämpften, blieb die Theorie der Manöverkriegsführung fest in der Militärdoktrin und-ausbildung verankert. Auch die Auffassung, terroristische Gruppen als„Netzwerke“ zu betrachten, sowie die Strategie, kritische„Knotenpunkte“( nodes) zu identifizieren und gezielt auszuschalten – eine Methode, deren Effektivität weithin infrage gestellt wurde – deutet auf eine manöverorientierte Denkweise hin(Jordan 2014). In den 2000er und 2010er Jahren erreichten Ideen aus dem Umfeld der Manö vertheorie nahezu den Status dogmatischer Glaubensgrundsätze. Sie determinierten, wie Amerika und seine NATO-Verbündeten kämpfen sollten und versprachen ungeachtet spezifischer politischer, geografischer oder technologischer Rahmenbedingungen den Sieg(Gady 2021; Amos Fox, Interview, 22. Mai 2025). Manövertheorie und die Abschreckung Russ lands Bis 2014 hatten potenzielle Gegner wie China und Russland 25 Jahre lang Militäroperationen der USA beobachtet und erheblich darin investiert, vergleichbare Fähigkeiten zu erwerben und Mittel gegen westliche Stärken zu finden. Die NATO zeigte sich zunehmend besorgt über die Anti-Access-/Area-Denial -Konzepte Russlands und Chinas, welche Präzisionswaffen, hochentwickelte Sensorik und elektronische Kriegsführung kombinierten, um gegnerischen Streitkräften den Zugang zu Einsatzräumen zu verwehren( Anti Access) oder ihre Bewegungsfreiheit innerhalb dieser Räume einzuschränken( Area Denial). Die Third Offset Strategy (TOS), die der US-amerikanische Vize-Verteidigungsminister Robert Work 2015 in einer ausführlichen Rede darlegte, zielte darauf ab, verloren geglaubte Vorteile zurückzugewinnen. Die Innovationskraft der USA sollte genutzt werden, um den Zugang zu umkämpften Räumen wiederherzustellen. Work warnte, dass angesichts der zunehmenden Verbreitung von Spitzentechnologien und der Kreativität des Gegners jeglicher Vorsprung nur von kurzer Dauer sein würde, und betonte die Notwendigkeit, in alle Waffengattungen und über sämtliche militärischen Dimensionen hinweg zu investieren. Der Kernpunkt bestehe darin, so führte er aus, in verschiedenen Dimensionen Angriffe gleichzeitig führen zu können, sodass potenzielle Gegner sich nicht auf ein einziges Angriffsmuster einstellen könnten. Hätten die US- und NATO-Streitkräfte jedoch erst einmal Zugang gewonnen, wären sie immer noch mit unzähligen Lenkraketen, Artillerie, Granaten und Flugkörpern sowie„Informationskriegsführung“ konfrontiert. Die Antwort darauf erfordere ein neues Kriegsführungskonzept – eine „AirLand-Battle 2.0“(Work 2015). Auch wenn das Schlagwort der Third Offset Strategy an Bedeutung verloren hat, bleiben dessen Anliegen im Konzept der Multi-Domain Operations(MDO) verankert: Es ist die derzeit geltende Doktrin der U.S. Army und prägt die NATO-weite Planung im Hinblick auf Russland. Die MultiDomain Operations reflektieren das Manöver-Denken in mehrfacher Hinsicht. Unterschieden wird zwischen fünf Dimensionen – Land, See, Luft, Weltraum sowie Cyberspace und dem elektromagnetische Spektrum. MDO sehen das Gefecht der verbundenen Waffen über diese Dimensionen hinweg vor(schon immer eine anspruchsvolle Aufgabe) sowie das„Manövrieren“ innerhalb und zwischen diesen Dimensionen. Das MDO-Konzept setzt auf eine beschleunigte Entscheidungsfindung, um den Gegner zu überflügeln und in die Desorientierung zu treiben. Dies soll durch eine Beschleunigung des OODA-Loops mittels Sensordatenfusion und KI-gestützter Entscheidungsprozesse erreicht werden. MDO zielen darauf ab gegnerische Stärke zu unterlaufen, anstatt frontal anzugreifen. Angriffe sollen aus mehreren Richtungen und Dimensionen kombiniert werden, um Dilemmata statt bloßer Probleme zu erzeugen, Überraschung zu erzielen sowie den Gegner in eine reaktive Haltung zu drängen und seine Reaktionsfähigkeit zu überfordern. MDO behält die Vorliebe der Manövertheorie für Auftragstaktik, um Anpassungsfähigkeit und Initiative zu fördern, gegnerische Entscheidungsprozesse zu überflügeln und sich öffnende Gelegenheitsfenster sofort zu nutzen. Außerdem sehen die MDO eine weitreichende Gefechtsaufklärung und-überwachung in der Tiefe des gegnerischen Raumes vor, um kritische Schwachstellen zu identifizieren und diese mittels Cyberangriffen und Long-Range Precision Fires(LRPF) auszunutzen. Der Einfluss der Manövertheorie ist in den aktuellen doktrinären Grundlagen der NATO klar erkennbar. Die Allied Joint Publication(AJP) 01, Allied Joint Doctrine, beschreibt den„manövergebundenen Ansatz“ als eines von vier„beständigen Grundprinzipien der Doktrin“(NATO, 2022b, 94). Die AJP 3.2, Allied Joint Doctrine for Land Operations , beschreibt die Manöverkriegsführung als„die operative Philosophie der Bodenstreitkräfte, bei der das Brechen des gegnerischen Zusammenhalts und Kampfwillens – und nicht die Zerstörung seiner Streitkräfte und Ausrüstung – im Vordergrund steht“(NATO 2022a, 37). Auch das NATO Command Transformation beschreibt die MDO als„eine entscheidende Wende im Ansatz der NATO“ ( NATO Command Transformation, 2023). Diese Formulie rungen unterstreichen, wie tiefgehend die Terminologie und die Grundthesen dieser Theorie in der Militärausbildung und den aktuellen Leitlinien des Bündnisses verankert sind. Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie 7 Die Theorie der Manöverkriegsführung beeinflusst auch die Diskussionen über die Vornepräsenz in den potenziellen Frontlinienstaaten. Die Annexion der Krim im Jahr 2014 veranlasste die NATO, ihre Zurückhaltung gegenüber einer Stationierung von Streitkräften in den Baltischen Staaten aufzugeben, was auf dem NATO-Gipfel in Wales zu der Entscheidung führte, die Enhanced Forward Presence(eFP) – die Verstärkte Vornepräsenz – einzurichten. Diese wurde seither weiterentwickelt, insbesondere nach der russischen Vollinvasion der Ukraine im Jahr 2022. Dennoch wird wei terhin darüber diskutiert, welche Funktion diese Truppen erfüllen sollen. Aus klassisch manöverorientierter Sicht birgt eine zu umfangreiche Vornepräsenz das Risiko, einen Abnutzungskrieg wahrscheinlicher zu machen und gleichzeitig die für eigene Initiativen verfügbare Reserve zu reduzieren. Die Befürworter_innen der Manöverkriegsführung der 1970er und 1980er Jahre übten scharfe Kritik an dem Prinzip der Vorneverteidigung, das zum Ziel der NATO machte, so viel westdeutsches Staatsgebiet wie möglich zu schützen. Die NATO hätte sich nicht nur auf das Gewinnen der ersten Schlacht fokussieren sollen, sondern von Beginn an die Entscheidung des ganzen Krieges suchen müssen (Robinson 2023, 216–217, 238–240). Anhänger_innen der Manövertheorie sind der Ansicht, dass vorne stationierte Truppen gegnerische Kräfte binden sollen, das heißt, sie sollen in der Lage sein, einen feindlichen Vorstoß aufzuhalten oder zu verlangsamen, um Zeit und Raum zu gewinnen, so dass die Reserve einen Gegenangriff gemäß Manöverprinzipien vorbereiten und durchführen kann. Im Gegensatz dazu bevorzugen die Baltischen Staaten, die die russische Bedrohung am unmittelbarsten wahrnehmen und auf deren Territorium die Kämpfe stattfinden würden, eine Vorneverteidigung. Sie drängen darauf, die eFP-Kontingente von Bataillons- auf Brigadegröße zu erhöhen, und betreiben auf eigene Initiative ein ambitioniertes Bauprogramm, dass die Errichtung eines Abwehrbollwerks an der Grenze vorsieht: die„Baltic Defence Line“(Ministry of National Defence Republic of Lithuania, 2024). Die klassische Theorie der Manöverkriegsführung würde entschieden von solchen„statischen“ Verteidigungslinien abraten, da sie vermeintlich dem Gegner die Initiative überlassen und zu einem Abnutzungskrieg führen würden. Dennoch schreitet der Aufbau der Baltic Defence Line nicht nur voran, sondern die Idee wurde inzwischen auch von der NATO übernommen(Gosselin-Malo 2025; Davis Ellison, Interview, 20. Mai 2025). Dies weist auf eine Verteidigungsstrategie hin, die Elemente der Manöverkriegsführung mit Aspekten des Positions- und Abnutzungskrieges kombiniert. 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 3. Argumente gegen die Manöverkriegsführung Obwohl sie eine dominierende Position im militärischen Denken des Westens einnimmt, wird die Theorie der Manöverkriegsführung seit einigen Jahren zunehmend kritisiert, und es werden Alternativansätze entwickelt, die den Schwerpunkt auf Positionskriegsführung legen. Anthony King und Amos Fox zum Beispiel haben die Manöverkriegsführung für tot erklärt(King 2020; Fox 2021). Eine gewichti ge Kritik besagt, dass die britische Schule der Manöverkriegsführung auf einer Fehlinterpretation der Geschichte beruht. Liddell Hart und später Boyd, der maßgeblich dazu beitrug, die britische Schule in das militärische Denken der USA einzuführen, betrachteten den deutschen Angriff auf Frankreich im Jahr 1940 als das zentrale Beispiel für die er folgreiche Umsetzung der Manövertheorie. Die Niederlage Frankreichs resultierte jedoch nicht aus einem psychologischen Zusammenbruch der französischen Armee, der durch eine schnellere Entscheidungsfindung der Deutschen herbeigeführt wurde. Die entscheidende und verhängnisvolle Entscheidung, nach Belgien und in die Niederlande einzumarschieren, um einen dort vermuteten Vorstoß der Deutschen abzuwehren, wurde bereits vor der deutschen Invasion getroffen. Sie konnte also gar nicht aus einem schnelleren Entscheidungsprozess der Deutschen resultieren, der vermeintlich diesen Fehler provoziert hätte(Robinson 2023, S. 153–156). Eine weitere Kritik richtet sich gegen die konti nentale Schule und lehnt deren Fokussierung auf die„Entscheidungsschlacht“ als eine ebenso problematische Interpretation der Militärgeschichte ab. Dem Historiker Cathal Nolan zufolge haben„Entscheidungsschlachten“, die Kriege zugunsten einer Seite beenden, nahezu nie stattgefunden. Stattdessen zeige die historische Rückschau, dass die Abnutzung und Zermürbung des Gegners sowie die Fähigkeit, diese selbst länger durchzuhalten, darüber entschied, wer Kriege gewonnen und verloren hat (Nolan 2019a, 2019b) . Doch zwei der wesentlichsten Kritikpunkte im Hinblick auf die Verteidigung der Baltischen Staaten und die Abschreckung Russlands im Allgemeinen bestehen darin, dass die Philosophie der Manöverkriegsführung apolitisch und im Nuklearzeitalter anachronistisch ist. Dass die Manöverkriegsführung und die operative Ebene des Krieges in den 1970er Jahren„wiederentdeckt“ wurden, war in hohem Maße dem Bestreben des US-Militärs nach größerer Autonomie gegenüber der Politik zu verdanken. Im Kontext des Kalten Krieges und der nuklearen Pattsituation zwischen den USA und der Sowjetunion war Militärstrategie zur Domäne von Politiker_innen und zivilen Nuklear-Strateg_innen geworden. Mit Hilfe des neuen Konzepts der operativen Ebene konnten Offizier_innen„eine politikfreie Zone schaffen, in der militärische Expertise uneingeschränkt galt und in der die Armeen ihre Autorität über die Kriegsführung wieder behaupteten“(Strachan 2013, S. 213). Doch der Preis da für war die Ausblendung der nuklearen Dimension. Die Einsicht, dass jede großräumige konventionelle Operation in Mitteleuropa zwangsläufig die Frage eines möglichen Nukleareinsatzes durch die NATO oder den Warschauer Pakt aufwerfen würde, machte genau jene Autonomie von der Politik, die das Militär anstrebte, wieder zunichte. Jede Operation, die zu einer nuklearen Eskalation durch eine der beiden Seiten führen konnte, wurde innerhalb der NATO – und besonders im„Frontstaat“ Bundesrepublik Deutschland – als eine politische Angelegenheit betrachtet. Erfolgreiche Manöverkriegsführung auf operativer Ebene, selbst Gegenstöße zum Zweck der Verteidigung, die den Zusammenhalt des Gegners erschüttern und eine Niederlage der Sowjetunion bewirken könnten, hätten unweigerlich die Gefahr einer nuklearen Eskalation aufgeworfen. Wenn jedoch„jegliche Diskussion über die Schnittstelle zwischen operativer und strategischer Ebene“ Fragen einer möglichen nuklearen Eskalation beinhaltete, bedeutete dies,„dass das Militär die Kontrolle über die Kriegsführung an zivile Entscheidungsträger verlieren würde“(Strachan 2013, S. 213). Mit anderen Worten: Manöverkriegsführung und die operative Ebene wurden für eine imaginäre, nichtnukleare Welt konzipiert. Dies trat Anfang der 1980er Jahre unmittelbar zutage in den öffentlichen und NATO-internen Auseinandersetzungen über die„AirLand-Battle“ und die„Follow-on-Forces-Attack“-Doktrinen(FOFA), die beide von der Theorie der Manöverkriegsführung und der operativen Ebene der Kriegsführung geprägt waren. Kritiker_innen außerhalb und innerhalb der westdeutschen Regierung befürchteten, dass die neuen Doktrinen von der Strategie der Flexiblen Erwiderung („Flexible Response“) der NATO und vom Prinzip der Vorneverteidigung abwichen. Die zentrale Frage lautete, wie„manöverorientiert“ diese neuen Doktrinen tatsächlich waren. Sollte die Verteidigung auf operativer Manöverkriegsführung basieren, würde dies zu einem nichtlinearen Krieg im gesamten Gebiet der Bundesrepublik führen – mit einem Ausmaß an massiver Zerstörung, das für alle politischen Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie 9 Parteien in Westdeutschland völlig inakzeptabel gewesen wäre. Um dies zu vermeiden, hätten operative Gegenstöße auf Territorium des Warschauer Pakts geführt werden können; doch ein solches Vorgehen wurde von vielen westdeut schen Politiker_Innen als äußerst eskalationsträchtig betrachtet. Die Bundesregierung betonte daher, dass die NATO keine Offensiven in das Territorium des Warschauer Pakts durchführen werde, und distanzierte sowohl die NATO als auch sich selbst von der US-amerikanischen„AirLand Battle“-Doktrin(Stratmann 1984, S. 10–11). In diesem Licht betrachtet war„AirLand-Battle“ eine Doktrin für eine imaginäre Welt, in der Militäroperationen keiner politischen Zustimmung bedurften. Wenn die„AirLand-Battle“-Doktrin hingegen lediglich taktische Manöver vorsah, dann war der Unterschied zu ihrem Vorgänger, der„Active-Defence“-Doktrin(die von den Anhänger_innen der Manövertheorie als zu defensiv betrachtet wurde) tatsächlich nicht besonders groß. Weder die„AirLand-Battle“-Doktrin noch die„Followon-Forces-Attack“-Doktrin folgten der Manövertheorie in jeder Hinsicht; doch bereits ihre Einführung reichte aus, um heftige politische Kontroversen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland und der NATO auszulösen. Dies geschah ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als das Bündnis aufgrund der Kontroverse über den NATO-Doppelbeschluss ohnehin bereits am Rand seiner Existenz stand(Cappelli 2020, Col bourn 2022, Driver 2024). Ähnlich wie in den 1980er Jahren stellen sich heute erneut Fragen nach dem apolitischen Charakter der Manöverkriegsführung und ihrer Tragfähigkeit im nuklearen Zeitalter. Der Politikwissenschaftler Lukas Milevski hat vor Kurzem auf die politische Unzumutbarkeit einer Manöververteidigung für die Baltischen Staaten hingewiesen, denn eine solche„erfordere es, Territorium aufzugeben, so dass der Gegner Schwachstellen offenbart, die anschließend mit einem Gegenangriff ausgenutzt werden können“(Milevski 2024, S. 4). Ein solcher manöverbasierter Ansatz hat meh rere problematische Aspekte: Erstens ignoriert eine nichtlineare, bewegliche Verteidigung – wie sie die Manövertheorie nahelegen würde – die traumatische Geschichte der Baltischen Staaten, die von russischer Besatzung und Kolonisierung geprägt ist und zu der politischen„Nie wieder“Prämisse geführt hat. Selbst wenn sich das Vertrauen in die Manöverkriegsführung am Ende als berechtigt erweisen sollte(was alles andere als sicher ist), müsste man aufgrund dieser Strategie Gemeinden und Ortschaften russischen Truppen überlassen, die dort Gräueltaten an Zivilist_ innen begehen könnten, wie sie es bereits in der Ukraine getan haben(Milevski 2024, Milne 2022). Aus diesem Grund ist ein solcher Ansatz für die Baltischen Staaten politisch nicht akzeptabel. Zweitens setzt eine erfolgreiche Manöververteidigung voraus, dass ein russischer Angriff durch Gegenangriffe eingedämmt werden würde, bevor er Erfolg hätte. Die fehlende strategische Tiefe der Baltischen Staaten erhöht jedoch das Risiko einer katastrophalen Niederlage. Drittens setzt das Konzept voraus, dass verlorenes Territorium zurückerobert wird, bevor Russland dort eine gestaffelte Verteidigung aufbauen kann. Im Russisch-Ukrainischen Krieg haben beide Seiten festgestellt, dass Gegenangriffe äußerst schwierig und verlustreich sind, sobald solche Verteidigungsstellungen erst einmal aufgebaut sind. Ist die gesamte Frontlinie erst einmal erstarrt, ist die Rückkehr zum Bewegungskrieg nur schwer vorstellbar. Unter diesen Bedingungen wäre selbst ein perfekt ausgeführter Durchbruch im Gefecht der verbundenen Waffen – unter Einsatz aller relevanten NATO-Fähigkeiten in ausreichendem Umfang – immer noch äußerst verlustreich. In einer solchen Lage bedeutet der Verzicht auf eine Vorneverteidigung mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass große Teile des eigenen Territoriums für immer verloren gehen würden. Es ist verständlich, dass die potenziellen Frontlinienstaaten einen solchen Ansatz ablehnen, um ihr nationales Überleben und ihre territoriale Integrität zu sichern, und stattdessen eine Vorneverteidigung fordern, die in der Lage ist,„jeden Zentimeter“ ihres Staatsgebiets zu verteidigen. Hinzu kommt: Obwohl die Vertreter_innen der Manöverkriegsführung die Konzepte, die auf Positionskriegsführung und Abnutzung setzen, dafür kritisieren, keine Siegestheorie oder Theorie zur Beendigung des Krieges zu haben, ist unklar, wie eine Manöververteidigung einen Krieg mit Russland überhaupt beenden könnte. Auch wenn die ersten Angriffe Russlands zurückgeschlagen werden könnten, gäbe es keinerlei Garantie dafür, dass sich der Krieg nicht anschließend zu einem Abnutzungs- und Zermürbungskrieg entwickeln würde, so wie es in der Ukraine geschehen ist. Moskau – Russlands politisches und militärisches Zentrum – ist auch mit dem Manöveransatz unerreichbar. Es gibt nicht viele plausible Szenarien für einen Nukleareinsatz, doch tiefes Eindringen von NATO-Truppen in russisches Territorium zählt mit Sicherheit dazu. Deshalb ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die politische Führung der NATO eine solche Herangehensweise je billigen würde. Sollte dies jedoch der Fall sein, kann die Manöverkriegsführung mit ihrem Fokus auf eine„Entscheidungsschlacht“ keine glaubwürdige Perspektive bieten, wie ein Krieg mit Russland zu Bedingungen beendet werden kann, die für die NATO akzeptabel wären. Große Teile des russischen Staatsgebiets würden ein nukleares„Sanktuarium“ bilden, der es Russland erlaubt, seine Streitkräfte wieder aufzubauen, selbst wenn die NATO einen anfänglichen russischen Angriff zurückgeschlagen hat (Milevski 2020, Milevski 2024). Neben dem Umstand, dass die Theorie der Manöverkriegsführung apolitisch ist und die Frage der Kriegsbeendigung nicht abschließend klären kann, sorgt auch ihr amorpher Charakter dafür, dass zentrale Probleme nicht benannt und 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. geklärt werden können. In der offensichtlichsten Ausprägung dieses Phänomens wird Manöverkriegsführung schlicht mit erfolgreichen militärischen Operationen gleichgesetzt, während Fehlschläge der vermeintlichen Unfähigkeit zugeschrieben werden, die Prinzipien der Manöverkriegsführung richtig zu verstehen und anzuwenden. Aus diesem Grund wird die Terminologie der Theorie häufig genutzt, um Sachverhalte zu beschreiben, die sich in Wirklichkeit weit besser aus der Perspektive des Positions-, Abnutzungs- sowie Orts- und Häuserkampf erklären lassen(Fox 2017 und Amos Fox, Interview, 22. Mai 2025). Um die Sache weiter zu verkomplizieren, wird das Konzept der Manöverkriegsführung und des Bewegungskrieges in verschiedenen Militärkulturen unterschiedlich verstanden. Während USamerikanische, britische und kanadische Offiziere die Manöverkriegsführung in der Regel auf der operativen Ebene verorten, siedeln Offiziere aus mittel- und osteuropäischen Staaten sie eher auf der taktischen Ebene an(Davis Ellison, Interview, 20. Mai 2025). Im Kern verdeutlicht dies die„ex peditionsorientierte“ Denkweise ersterer Streitkräfte und reflektiert die wortwörtliche Bedeutung, welche die Forderung,„jeden Zentimeter“ des NATO-Gebiets zu verteidigen, für Polen und die Baltischen Staaten hat. Hier kommt auch erneut die Frage auf, ob„Manöverkriegsführung auf taktischer Ebene“ im Sinne der Manövertheorie zu verstehen ist, wie sie sich in den 1980er Jahren im Zusammenhang mit der„Wiederentdeckung“ der operativen Ebene herausbildete, oder ob sie vielmehr im Sinne der Positions- und Abnutzungsverteidigung verstanden werden sollte. Eine weitere Reihe von Fragen ergibt sich aus dem anhaltenden Krieg in der Ukraine, in dem seit der gescheiterten ukrainischen Gegenoffensive von 2023 beide Seiten gestaf felte Verteidigungsstellungen aufgebaut haben und keiner der beiden Seiten einen operativen Durchbruch im Sinne der Manöverkriegsführung gelingen konnte. Ein wichtiger Faktor scheint dabei die rasante Entwicklung der Drohnentechnologie und der damit verbundenen Taktiken gewesen zu sein. Drohnen spielen eine Reihe von Rollen: Sie liefern EchtzeitÜberwachungs- und Aufklärungsdaten, leiten Artilleriefeuer und werden zum Abwerfen von Munition sowie selbst als Waffen benutzt(„Loitering Munitions“). Ihre zunehmende Allgegenwärtigkeit auf dem Schlachtfeld hat dazu beigetragen, dass die Schwerpunktbildung von Streitkräften schwierig geworden ist, ohne dass sie schnell entdeckt und bereits in ihren Bereitstellungsräumen bekämpft werden. Drohnen haben dem Schlachtfeld eine neue Dimension der Bedrohung hinzugefügt, wodurch groß angelegte Manöverkriegsführung zu extremen Verlusten führen kann. Zwar hat Russland seit 2023 wieder territoriale Gewinne er zielt, jedoch einen hohen Preis an Mensch und Material dafür gezahlt. Zunehmend greift es auf Infiltrationstaktiken mit kleinen Infanterieeinheiten zurück. Inwieweit diese Erfahrungen als Lehren über die Ukraine hinaus verallgemeinert werden können, ist umstritten. Solange aber keine erwiesenermaßen funktionierenden Gegenmaßnahmen gegen Drohnen zur Verfügung stehen, ist schwer vorstellbar, wie die klassische Manöverkriegsführung wieder ermöglicht werden soll. Das letzte Problem, dass Europa mit der realexistierenden Manöverkriegsführung hat, besteht darin, dass diese von einer großen Anzahl hochentwickelter und kostspieliger Waffen-, Nachrichten- und Kommunikationssystemen abhängt, die die Europäer_innen in absehbarer Zeit nicht selbst werden herstellen können. Dies betrifft auch so entscheidende Fähigkeiten wie C4ISR 3 sowie Langstrecken-Präzisionswaffen. Beide sind von hoher Bedeutung für die Umsetzung der Manöverkriegsführung. Ohne ein Echtzeit-Lagebild des erweiterten Gefechtsfeldes und eine integrierte, gesicherte Kommunikationsstruktur ist ein schneller und wirksamer Entscheidungsprozess nicht möglich. Langstrecken-Präzisionswaffen sollen die C4ISR- und Präzisionswaffensysteme Russlands neutralisieren, denn die gepanzerten Kräfte der NATO wären ansonsten höchst verwundbar gegenüber russischem Beschuss, sobald sie sich für Gegenangriffe konzentrieren und versuchen, in den Rücken und die Flanken des Gegners zu gelangen. Derzeit ist die NATO in hohem Maße auf die USA angewiesen – sowohl im Bereich C4ISR als auch bei konventionellen Langstrecken-Präzisionswaffen(Brooks und Meijer 2021, Meijer und Brooks 2021). Soll ten die USA die NATO verlassen, würden den europäischen Mitgliedsstaaten des Bündnisses diese Fähigkeiten fehlen, und sie wären mindestens zehn Jahre lang nicht in der Lage, sie zu ersetzen. 4 Selbst, wenn man die zuvor erläuterten Probleme der Manöverkriegsführung außer Acht lässt, würden den europäischen NATO-Mitgliedsstaaten für eine erhebliche Zeitspanne die notwendigen Fähigkeiten und Kapazitäten fehlen, um einen Manöverkrieg durchzuführen, falls Russland Europa angreifen sollte. Dies wirft die Frage auf, ob es einen alternativen Ansatz gibt, der sich besser für das potenzielle europäische Gefechtsfeld eignet und für den die Europäer_innen die notwendigen Waffensysteme kurzfristig und in ausreichender Zahl produzieren könnten. 3  Ein militärisches Akronym für Command, Control, Communications, Computers, Intelligence, Surveillance, and Reconnaissance, deutsch:„Führung, Kontrolle, Kommunikation, Computersysteme, Nachrichtenwesen, Überwachung und Aufklärung“. 4  Das europäische ELSA-Programm( European Long-Range Strike Approach) zum Beispiel wird im besten Fall erst Anfang der 2030er Jahre einen Marschflugkörper( GroundLaunched Cruise Missile) bereitstellen können. Viele Fragen in Bezug auf ELSA bleiben noch offen, nachzulesen bei: Wright 2024. Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie 11 4. Wie könnte eine Alternative aussehen? Auf dem Weg zu einer konventionellen europäischen Doktrin für das Nuklearzeitalter Manöverkriegsführung hat ihren wichtigen und legitimen Platz in der Militärtheorie. Doch es bestehen erhebliche Zweifel an der Tragfähigkeit dieses Konzepts. Die russische Grenze stellt für Manöverkriegsführung eine erhebliche Herausforderung dar. Selbst wenn russische Schwerpunkte erfolgreich identifiziert werden könnten: Wäre es politisch überhaupt möglich, diese anzugreifen, entweder durch massive Angriffe mit Abstandswaffen oder durch Operationen zu Lande(vorausgesetzt, MDO könnten diese wieder zu einer umsetzbaren Option machen)? Großangelegte Angriffe mit Abstandswaffen würden fast zwangsläufig Ziele wie Raketenbrigaden, Führungs- und Kontrollinfrastruktur sowie Radarstationen einschließen, die sowohl für konventionelle als auch für nukleare Missionen genutzt werden. Die Gefahr eines„nuclear-conventional entanglement“ – also einer nuklearen Eskalation infolge konventioneller Angriffe – könnte sehr wohl dazu führen, dass zivile politische Entscheidungsträger strikte Grenzen für Deep-Strike-Operationen festlegen, da sie die Notwendigkeit der konventionellen Verteidigung gegen das Schreckensbild eines Nuklearkrieges abwägen müssen. Aus demselben Grund könnten auch Bodenoperationen auf russischem Staatsgebiet eingeschränkt werden. Damit bliebe für Versuche, einen russischen Vorstoß mittels Manöverkriegsführung aufzuhalten, nur das NATO-Gebiet als Operationsraum. Dies wiederum würde mit der Position der Baltischen Staaten kollidieren, die zum Schutz der eigenen Zivilbevölkerung auf eine Vorneverteidigung drängen. Zudem hat der Verlauf des Ukraine-Krieges gezeigt, dass die Zurückeroberung von verlorenem Territorium eine gewaltige Herausforderung darstellt, wenn der Gegner genug Zeit dafür hat, vorbereitete Verteidigungsstellungen auszubauen. Die spezifischen politischen Rahmenbedingungen und die Beschaffenheit des Territoriums, auf dem ein möglicher Krieg zwischen Russland und einer europäisierten NATO stattfinden würde, machen es aus unser Sicht deshalb unverantwortlich, vorrangig auf eine manöverorientierte Strategie zu setzen. Wenn die Manöverkriegsführung nicht die Antwort auf die Lage der europäischen NATO-Mitgliedstaaten ist – was ist es dann? Bereits im Jahr 2021 argumentierte der Politikwis senschaftler Barry Posen, dass die europäischen NATOMitgliedsstaaten sich durchaus selbst verteidigen könnten, sofern sie sich auf einen defensiven Abnutzungskrieg vorbereiten würden, statt auf die weitaus anspruchsvollere Aufgabe, Gegenoffensiven im Sinne der Manövertheorie durchzuführen(Posen 2020–2021, Posen 2021). Ähnlich wie Posen vertreten wir die Ansicht, dass es alternative Doktrinen und Streitkräftestrukturen gibt, die sich besser für die strategische Situation Europas eignen. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, als die The orie der Manöverkriegsführung in ihrer heute dominierenden Ausprägung artikuliert wurde, entwickelten einige europäische Militärtheoretiker_innen einen alternativen militärischen Denkansatz zur konventionellen Verteidigung im Nuklearzeitalter. Im deutschsprachigen Raum wurden diese Ansätze unter dem Begriff der„defensiven Verteidigung“ und in der englischsprachigen Welt als Non-Offensive Defence (NOD), also„Nicht-Offensive Verteidigung“, bekannt. Diese Begriffe sind allerdings etwas irreführend, da sie unterschiedliche Konzepte umfassen und einige davon die Fähigkeit zu taktischen Gegenoffensiven vorsehen. Die meisten dieser Konzepte entsprachen in militärischer Terminologie einer Kombination aus Positions- und Abnutzungsverteidigung. Der entscheidende Ausgangspunkt war dabei nicht„Defensivität“ als Selbstzweck, sondern der Versuch, konventionelle Verteidigung im Nuklearzeitalter neu zu denken. Diese Denktradition entstand – keineswegs zufällig – in der Bundesrepublik Deutschland, die im Falle einer Eskalation des Kalten Krieges vor dem Dilemma stand, entweder in einem„begrenzten“ Nuklearkrieg oder in einem langwierigen konventionellen Manöverkrieg zerstört zu werden. In seinem Buch von 1976(Afheldt 1976), entwickelte der westdeutsche Militäranalytiker Horst Afheldt die Grundprinzipien dieser Denkrichtung, die später als„defensive Verteidigung“ bzw. NOD bekannt wurde. Eine rationale Verteidigungsstrategie für die Bundesrepublik Deutschland, so argumentierte er, müsse auf den Prinzipien der Strategischen Stabilität und Schadensbegrenzung beruhen. Die Streitkräftestrukturen hätten das Sicherheitsdilemma, das zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt bestünde, zu entschärfen, zugleich aber konventionelle Verteidigungsoptionen für den Kriegsfall zu bieten, deren Durchführung nicht dem Selbstmord der Bundesrepublik gleich12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. käme. Entscheidend war: Im Mittelpunkt von Afheldts Überlegungen stand die Frage, inwieweit bestimmte konventionelle Streitkräftestrukturen und Militäroperationen Anreize für eine für nukleare Eskalation bieten könnten. Er schloss deshalb konventionelle Offensiven aus, da die Schwerpunktbildung, die dafür erforderlich war, lukrative Ziele für taktische Nuklearwaffen bieten würden – insbesondere dann, wenn erfolgreiche Gegenoffensiven auf feindlichem Territorium durchgeführt würden. Als Alternative zu den überkommenen panzerlastigen Streitkräftestrukturen, schlug Afheldt eine infanteriebasierte Netzverteidigung vor(nicht zu verwechseln mit dem Kozept des Network Centric Warfare , das in den USA in den 1990er Jahren entwickelt wurde). Über die gesamte Bundesrepublik verteilt sollten„Techno-Kommandos“, ausgerüstet mit schultergestützten Panzerabwehrlenkraketen(ATGM), sowjetische Panzer jagen. Eine solche Netzverteidigung würde die Sowjetunion von den ausschließlich defensiven Absichten der NATO überzeugen und zugleich attraktive Ziele für Nuklearwaffen vermeiden. Um den Abschreckungseffekt zu erzielen, setzte Afheldt in erster Linie auf Abnutzung und Zermürbung sowie auf eine minimale nukleare Abschreckung(„minimum deterrence“). Kritiker_innen warfen Afheldt vor, das Prinzip der Vorneverteidigung aufgegeben zu haben und bezeichneten seinen Fokus auf die Panzerabwehr als„eindimensional“. Ein solches Netzwerk wäre anfällig für Infanterieangriffe, die den Weg für sowjetische Panzer freikämpfen könnten. Wären die Streitkräfte zudem nicht fähig zum Gegenangriff, könnten sie verlorengegangenes Territorium niemals zurückerobern. 5 Afheldt hielt entgegen, dass auch die traditionelle Streitkräftestruktur der NATO keine glaubwürdige Option zur Vorneverteidigung und auch nicht über die Fähigkeit verfügte, verlorenes Territorium zurückzugewinnen. Immerhin betonten ebendiese Kritiker_innen auch beharrlich, dass die NATO einem Angriff des Warschauer Pakts nur wenige Tage standhalten könnte, ohne auf Nuklearwaffen zurückgreifen zu müssen(Afheldt 1989, S. 155–159). Trotz der Kritik arbeitete eine kleine Gruppe von Offizier_ innen und Militäranalytiker_innen weiter daran, ein Streitkräftemodell zu entwickeln, welches auf Afheldts Grundsätzen und Vorschlägen aufbaute. Viele von ihnen fanden sich in der paneuropäischen„Studiengruppe Alternative Sicherheitspolitik“(SAS) zusammen. Das SAS-Modell, das unter dem Namen Spinne-im-Netz bekannt wurde, versuchte vor allem die Kritik zu adressieren, dass Afheldts Netzverteidigung verwundbar gegenüber Infanterie war. Das Modell sah vor, das infanteriebasierte„Netz“ mit beweglichen mechanisierten und gepanzerten Kräften(der„Spinne“) zu kombinieren(Grin, Unterseher 1988). Das Modell setzte neben Abnutzungskrieg vor allem auf dynamische Positionsverteidigung, um einen Abschreckungseffekt zu erzielen. Die Infanterie sollte aus vorab angelegten und im Gelände verstreuten Verteidigungsstellungen kämpfen und über ein breites Spektrum an Waffen verfügen, darunter Minen, Panzerabwehrlenkwaffen(ATGW), Mörser und Drohnen. Das mobile Element sollte aus Panzern, Panzeraufklärern, mechanisierter Infanterie und Panzerartillerie bestehen. Die Aufgabe des mobilen Elements bestand darin, das Infanterienetz an den Hauptangriffsachsen des Gegners zu verstärken und gegnerische Schwerpunkte zu bekämpfen. Das mobile Element wäre eng in das„Netz“ eingebunden gewesen, also für Logistik und Feindaufklärung darauf angewiesen; es hätte stets mit ihm und im Netz ge kämpft(Unterseher, 1989a; Unterseher 1989b). Eine solche Streitkräftestruktur hätte immer noch einen hohen Grad an Auflockerung und Streuung aufgewiesen, wäre aber fähig gewesen, taktische Gegenoffensiven durchzuführen. Die Synergie zwischen dem Infanterienetz und den mechanisierten Kräften sollte einen besseren Schutz der eigenen Truppen und eine bessere Lageerkennung auf dem Schlachtfeld gewährleisten und es ermöglichen, einen groß angelegten sowjetischen Angriff auf eigenem Gebiet frühzeitig zu stoppen. Von allen„alternativen Strategien“, welche in den 1980er Jahren in Westdeutschland entwickelt wurden, war das Spinne-im-Netz-Modell dasjenige, das im englischsprachigen Raum die größte Beachtung fand und in der allgemeineren Debatte über konventionelle Verteidigung und Abschreckung am meisten diskutiert wurde. Diese Debatte kam in einer Zeit auf, als die nukleare Abschreckung aufgrund der Anti-Nuklearwafffen-Proteste auf beiden Seiten des Atlantiks in eine schwerwiegende Legitimationskrise geriet(Alexander 1989; Grin, Unterseher 1988; Unterseher 1989c; Institute for Defense and Disarmament Studies 1989). Diese Ideen waren auch deshalb anschlussfähig, weil vergleichbare Konzepte in der englischsprachigen Debatte immer wieder vorgeschlagen worden waren, angefangen bei J.F.C. Fuller bis hin zu Richard E. Simpkin(Fuller, 1944; Simpkin, 1985, S. 300–304, 309). Mit dem abrupten Ende des Kalten Krieges zwischen 1989 und 1991 ließ das Interesse an Abschreckungs- und Verteidigungsstrategien im Allgemeinen und den„alternativen Strategien“ im Besonderen jedoch rasch nach. Heute ist diese Debatte jedoch wieder von Interesse, weil in ihr zentrale Probleme der konventionellen Verteidigung im Nuklearzeitalter direkt angegangen wurden. Ihre Essenz ist nicht, dass„Defensivität“ an sich überlegen wäre, sondern dass die dynamische Positionsverteidigung im Nuklearzeitalter der bessere Ansatz zur Territorialverteidigung ist, da Gegenoffensiven auf operativer Ebene – vor allem, wenn sie auf feindlichem Territorium stattfinden müssen – taktische Nuklearschläge geradezu einladen. Doch selbst in einem rein konventionellen Krieg bewirkt die Überlegenheit von Feuerkraft gegenüber Bewegung heute, dass Durchbruchsoperationen und die dazu nötige Schwerpunktbil5  Einen kurzen Überblick über die gegen Afheldt vorgebrachte Kritik bietet das folgende Werk(in englischer Sprache): Møller, B.(1991) Resolving the Security Dilemma in Europe: The German Debate on Non-Offensive Defence , S. 74–75. Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie 13 dung extrem schwierig und kostspielig sind. Daher gibt es erdrückende politische und militärische Anreize, alles daran zu setzen, Territorium durch Positionsverteidigung zu halten, um solche Gegenoffensiven auf operativer Ebene von vornherein überflüssig zu machen. Dies gilt besonders für die Verteidigung Litauens, Lettlands und Estlands und kommt noch hinzu zur langjährigen Forderung dieser Staaten nach einer Verteidigung, die sie im Falle einer russischen Invasion vor Massakern wie in Butscha schützt. Das Konzept der Netzverteidigung mit eingebetteter mechanisierter Feuerkraft antizipierte in vielerlei Hinsicht auch die aktuelle defensive Gefechtsführung in der Ukraine(Watling und Reynolds 2025, siehe auch Hviz da et al. 2025). Auch die Baltic Defence Line wird offenbar aus Barrieren, Minen und verstreut angelegten, befestigten Feldstellungen als Eckpunkte der Verteidigung bestehen, die russische Vormärsche abnutzen sollen und dadurch mobilen NATO-Streitkräften ermöglichen soll, russische Verstöße schließlich abzuschlagen(Gosselin-Malo 2025, Davis Ellison, Interview, 20. Mai 2025). Es zeichnet sich ab, dass die neu entstehende Streitkräftestruktur in den Baltischen Staaten sowohl Elemente der Manöverkriegsführung als auch Elemente des Positions- und Abnutzungskrieges umfassen wird – weniger klar ist jedoch, wie diese Elemente zusammenwirken sollen. Historische Modelle wie das Spinne-im-Netz-Konzept mögen zwar keine direkt umsetzbaren Blaupausen darstellen, aber sind konzeptionelle Studien, die helfen können, konventionelle Verteidigung im Nuklearzeitalter neu zu denken. Eine zentrale Frage, die in zukünftigen Untersuchungen besondere Aufmerksamkeit verdient, ist, ob und wie das„Netz“ das mobile„Spinnen“Element vor flächendeckender Aufklärung und der Bedrohung durch Präzisionsschläge – einschließlich durch Drohnen – schützen könnte. Dies wäre von grundlegender Bedeutung, um die Annahme zu untermauern, dass die Synergie von semistationären und mobilen Kräften nachhaltige taktische Vorteile durch besseren Schutz der eigenen Streitkräfte und bessere Lageerkennung auf dem Schlachtfeld mit sich bringen würde. Allerdings ist jeder Vorschlag, der auf Positionsverteidigung und Abnutzungskrieg setzt, sofort mit dem Dilemma konfrontiert, das bereits die Vordenker der Manövertheorie, wie Basil Liddell Hart und J. F. C. Fuller, zu lösen versuchten: Wie lassen sich langwierige Kriege mit hohen Verlusten vermeiden? Die mehr als unbefriedigende Antwort darauf lautet, dass es keine einfache Antwort gibt. Vor dem Hintergrund der begrenzten Anwendbarkeit des Manöveransatzes in Europa, besonders angesichts der politisch-geografischen Rahmenbedingungen, unter denen ein Krieg zwischen den europäischen NATO-Staaten und Russland stattfinden würde, kommen wir zu dem Schluss, dass ein solcher Krieg mit hoher Wahrscheinlichkeit langwierig und verheerend wäre. Das oberste Ziel muss daher sein, einen solchen Krieg prinzipiell zu verhindern. Hierzu ist von größter Bedeutung, dass die politischen und militärischen Führungseliten der europäischen NATO-Staaten wie auch Russlands sich nicht der Illusion eines kurzen Krieges hingeben dürfen und können. Die beste Möglichkeit, um einen Abnutzungskrieg zu verhindern, könnte nach der klassischen paradoxen Logik der Abschreckung also darin bestehen, sich auf exakt einen solchen Krieg vorzubereiten, statt Ideen und Theorien zu entwickeln, die einen schnellen und relativ kostengünstigen Ausweg aus dem Dilemma versprechen. Mindestens braucht die NATO einen„Plan-B“, der darauf abzielt russische Vorstöße so früh wie möglich zu stoppen und die russische Militärmacht anschließend durch Abnutzung zu erschöpfen. Jedoch würde die Vorbereitung auf eine solche Art Krieg äußerst hohe Anforderungen an den Zusammenhalt einer europäisierten NATO, der EU und der europäischen Gesellschaften stellen. Während autoritäre Regimes einen solchen Zusammenhalt bis zu einem gewissen Grad mit einer Mischung aus Zwang, Propaganda und finanziellen Anreizen erreichen können, ist dies in demokratischen Staaten nicht möglich. Der Konsens über eine derartige Abschreckungsstrategie muss in offener Debatte gefunden werden. Diese Debatte müsste mit einer ehrlichen öffentlichen Einschätzung der Risiken eines möglichen künftigen Krieges beginnen und den Schwerpunkt darauf legen, dass das übergeordnete Ziel aller Vorbereitungen die Verhinderung eines Krieges ist(Kutz 1990). An diesem Punkt gewinnt der Umstand, dass bestimmte Streitkräftemodelle stärker auf die Defensive setzen und sich nicht für großräumige Offensivoperationen eignen, an Gewicht. Es dürfte deutlich einfacher sein, einen gesellschaftlichen Konsens mit einem Fokus auf Territorialverteidigung zu erzielen, als im Bestreben Streitkräftestrukturen aufzubauen, die hypothetisch auch großräumige Offensivoperationen erlauben würden. Selbst wenn man voraussetzt, dass offensive Manöverkriegsführung auf operativer Ebene auf russischem Territorium möglich ist, könnten derartige Maßnahmen den fragilen politischen Zusammenhalt des Bündnisses untergraben. Schon heute gibt es innerhalb des Bündnisses sichtbare Spannungen infolge unterschiedlicher Positionierungen gegenüber Russland. Eine Militärstrategie, die – relativ gesehen – den Schwerpunkt auf Verteidigung legt, dürfte es deutlich leichter machen, jene Mitgliedstaaten und Bevölkerungsgruppen einzubinden, die einem konfrontativen Kurs gegenüber Russland skeptisch gegenüberstehen. Ein Fokus auf dynamische Positionsverteidigung würde daher den politischen Zusammenhalt des Bündnisses stärken. 14 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 5. Fazit Aus politischen Gründen benötigt Europa konventionelle Streitkräfte, die Gebietsverluste glaubwürdig verhindern können. Eine Strategie, die auf Gegenangriffe im Sinne der Manövertheorie auf operativer Ebene setzt, schließt jedoch ein, dass eigenes Territorium für vorübergehende Zeit höchst verwundbar wird. Das ist politisch nicht akzeptabel und zudem äußerst riskant: Scheitert eine solche Strategie, sind Land und Bevölkerung womöglich dauerhaft verloren. Operative Gegenoffensiven innerhalb Russlands oder Belarus‘ mögen aus manöverorientierter Sicht notwendig erscheinen, aber solche Maßnahmen könnten aus politischen Gründen und aufgrund der wahrgenommenen Eskalationsrisiken ausgeschlossen werden. Die Philosophie der Manöverkriegsführung ist auf einen entscheidenden Sieg ausgerichtet, doch wie ein Krieg konkret beendet werden würde, bleibt unklar, da Russland jederzeit die Möglichkeit hat, sich auf die eigene Seite der Grenze zurückzuziehen und seine Kräfte neu zu formieren. Ein entscheidender Sieg in einem rein konventionell geführten Krieg ist im Nuklearzeitalter kaum vorstellbar. Deshalb neigt das Konzept der Manöverkriegsführung zu Lösungsansätzen, die grundlegende politische Anforderungen, geografische Bedingungen sowie die Frage der Kriegsbeendigung außer Acht lassen – insbesondere in einem Kontext, in dem Russland sich jederzeit über die internationale Grenze hinweg zurückziehen kann. Die Gefahr besteht, dass bei einem zu starken Fokus auf Manöverkriegsführung die mehr als reale Gefahr eines Abnutzungskrieges und folglich auch die Vorbereitung auf einen solchen, ignoriert wird. Angesichts der in diesem Beitrag dargelegten Argumente, sollten die europäischen NATO-Mitglieder die Option der dynamischen Positionsverteidigung ernsthaft prüfen. Beginnen könnten sie damit, ihre eigenen reichen, aber vernachlässigten militärischen Denktraditionen neu zu erschließen. In den 1970er und 1980er Jahren, als manöver orientiertes Denken an Bedeutung gewann, entwickelte sich in Westeuropa eine intensive Diskussion über die Möglichkeiten und das Potenzial der Positionsverteidigung. Die Kritik an der Theorie der Manöverkriegsführung, die in den vergangenen Jahren immer stärker wurde, ging einher mit einem wachsenden Interesse an Konzepten des Positionskrieges(Simoens, 2024). In den Debatten über die Positi onsverteidigung wurde die nukleare Dimension konventioneller Kriege bisher allerdings nicht direkt angegangen – eine Ausnahme bildet Milevski(2024). Es könnte deswegen hilfreich sein, die gegenwärtige Debatte in Beziehung zu ihren historischen Vorläufern zu setzen. Daher empfehlen wir für die zukünftige Forschung, die NOD-Literatur mit ihrem Fokus auf die inhärenten Grenzen und Widersprüche der konventionellen Verteidigung im Nuklearzeitalter neu zu lesen und mit der aktuellen Diskussion über Positionsverteidigung zu kombinieren. Befürworter bestimmter alternativer Verteidigungsansätze wie Lutz Unterseher haben argumentiert, dass ihre Vorschläge deutlich kostengünstiger sein könnten als die damals etablierten Streitkräftestrukturen(Unterseher, 1989b). Ob am Spinne-im-Netz-Modell orientierte Ansätze auch heute Kostenvorteile gegenüber den derzeit geplanten Streitkräftestrukturen haben, ist derzeit unklar und muss noch empirisch untersucht werden. Wir stellen lediglich fest, dass die für MDO als unverzichtbar geltenden Spitzentechnologien wahrscheinlich sehr teuer sein werden (zusätzlich zu den erforderlichen Investitionen in klassische Fähigkeiten) und dass es selbst bei Bereitstellung der Mittel ein Jahrzehnt oder länger dauern könnte, bis sie verfügbar sind. Offiziellen Verlautbarungen zufolge müssen die Europäer jedoch viel früher bereit sein(Rutte, 2025). Das übergeordnete Ziel einer europäischen Verteidigungsstrategie sollte darin bestehen, Russland von einem künftigen Krieg abzuschrecken, indem man den russischen Entscheidungsträgern unmissverständlich aufzeigt, dass Aggression keinen Erfolg haben kann – entweder, weil Russland kein Territorium einnehmen könnte, oder weil der Preis dafür so hoch wäre, dass er völlig inakzeptabel wäre. Eine zu starke Fokussierung auf Gegenoffensiven im Sinne der Manövertheorie würde eine weitere russische Aggression vermutlich begünstigen. Die russische Seite könnte kalkulieren, dass sie auf nur wenig nennenswerten Widerstand auf NATO-Territorium stoßen würde und in der Lage wäre, etwaige Gegenoffensiven der NATO abzuwehren. Zudem nährt das Versprechen eines schnellen Sieges durch Manöverkriegsführung den Glauben daran, dass ein kurzer Krieg möglich wäre. Solche Hoffnungen sind gefährlich, wenn sie dazu führen, dass die Europäer materiell und psychologisch unzureichend darauf vorbereitet sind, einen längeren Abnutzungskrieg zu durchstehen. Eine wirksamere Abschreckungsstrategie könnte darin bestehen, Russland klarzumachen, dass jeder Angriff auf Europa zu einem weiteren zermürbenden Abnutzungskrieg führen würde – einen Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie 15 Krieg, den Russland gegen ein Bündnis führen müsste, dessen Bevölkerungsgröße und Wirtschaftskraft die von Russland weit übertrifft. Die wesentliche Herausforderung ist daher politisch: Wie kann das Engagement der europäischen Staaten für die gegenseitige Sicherheit dauerhaft aufrechterhalten werden? Zudem muss die Verteidigungsstrategie den politischen Realitäten gerecht werden, statt diese zu ignorieren. Zu diesen Realitäten gehören die Bedrohung durch ein revisionistisches Russland und die zunehmende Unzuverlässigkeit der USA. All dies erfordert, dass die Europäer_innen in der Lage sein müssen, sich unabhängig von den USA selbst zu verteidigen. Zudem machen die nuklearen Kapazitäten Russlands und die politische„Nie wieder“-Kultur der Baltischen Staaten Manöverkriegsführung auf Bündnisgebiet oder innerhalb Russlands politisch höchst unplausibel. Dies legt nahe, dass in der Debatte über eine den europäischen Realitäten angemessene Verteidigungsstrategie Konzepte der Vorne- und Positionsverteidigung plausiblere Ansätze sind. In diesem Beitrag haben wir versucht Debatten und Alternativvorschläge aus der Zeit des Kalten Krieges aufzugreifen. Einerseits, um eine europäische politische Debatte über Verteidigungsstrategie neu anzuregen, und andererseits, um einige der Ideen aus diesen früheren Debatten in eine erneute Strategiediskussion einfließen zu lassen. Dabei muss jede Debatte mit der zentralen und ernüchternden Erkenntnis beginnen, dass das erfolgreiche Bestehen in einem zukünftigen Konflikt mit Russland nur gelingen kann, wenn man auch politisch und militärisch äußerst bedrückende Kriegsszenarien mitdenkt und sich auf diese vorbereitet. Politische Empfehlungen → Die aktuellen Pläne der NATO zur Abschreckung und Verteidigung gegenüber Russland basieren auf der politischen Voraussetzung einer massiven militärischen Unterstützung durch die USA. Eine solche Unterstützung kann jedoch nicht mehr als selbstverständlich angesehen werden. Die Europäer_innen müssen in der Lage sein, sich unabhängig von der Unterstützung durch die USA selbst zu verteidigen. → Die Annahme, dass die USA Unterstützung leisten werden, zeigt sich vor allem in der Debatte über die Lastenteilung(„Burden Sharing“), aber auch darin, dass die Militärstrategie der NATO seit jeher den Präferenzen der USA folgt. Um sich verteidigen zu können, müssen die Europäer_innen wieder lernen, Strategien zu entwickeln, die den Realitäten in Europa entsprechen. Dazu ist eine öffentliche Debatte erforderlich. → Zurzeit ist das militärische Denken über die Verteidigung Europas stark vom allgegenwärtigen Einfluss der Manövertheorie geprägt, beispielhaft zu sehen am Konzept der„Multi-Domain-Operations“(MDO). Diese übermäßige Dominanz des Manöverdenkens befördert erhebliche politische, strategische und geografische Blindstellen. → Im Gegensatz dazu passen Konzepte einer auf dynamischen Positionskampf(„positional defense“) ausgerichteten Verteidigung besser zur politischen, strategischen und geografischen Lage Europas. Die klassische Literatur zur„Nicht-Offensiven Verteidigung“(„Non-Offensive Defence“, NOD) bietet zwar keine perfekten Blaupausen, gibt aber wichtige konzeptionelle Impulse zur(Neu-)Reflexion der dynamischen Positionsverteidigung im Nuklearzeitalter. 16 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Literaturverzeichnis Adamsky, D.(2010) The Culture of Military Innovation: The Impact of Cultural Factors on the Revolution in Military Affairs in Russia, the US, and Israe l. Stanford: Stanford University Press. Afheldt, H.(1976) Verteidigung und Frieden, Politik mit militärischen Mitteln. München: Carl Hanser Verlag. 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Wir danken allen Befragten, dass sie sich ausführlich Zeit genommen haben, um unsere Fragen ausführlich zu beantworten. Interessenskonflikte Die Autoren erklären, dass keine Interessenkonflikte bestehen. Erklärung zur Datenverfügbarkeit Die Forschungsdaten werden nicht freigegeben. Europäische Verteidigung: Jenseits der Manövertheorie → Dieser Artikel trägt zur Debatte über europäische Verteidigung vor dem Hintergrund des Russisch-Ukrainischen Krieges und wachsender Zweifel am Engagement der USA in Europa bei. Wir argumentieren, dass die Europäer die Fähigkeit, militärische Strategien aus europäischer Sicht zu entwickeln, grundsätzlich neu erlernen müssen. → In einem ersten Schritt untersuchen wir den Einfluss der Manövertheorie auf das Denken der NATO. In einem zweiten Schritt setzen wir uns mit der wachsenden manöverkritischen Literatur auseinander und kommen zu dem Schluss, dass die Manövertheorie keine Antwort auf die strategischen Herausforderungen Europas durch Russland bietet. In einem dritten Schritt betrachten wir alternative Verteidigungskonzepte, die hauptsächlich in Westdeutschland in den 1980er Jahren entwickelt wurden. → Wir identifizieren damit eine wichtige Quelle für ein Umdenken hinsichtlich konventioneller Verteidigung und Abschreckung Europas im Nuklearzeitalter. Zwar bieten Konzepte wie„Spinne-im-Netz“ keine fertigen Blaupausen, liefern aber dennoch wichtige konzeptionelle Impulse, um die dynamische Positionsverteidigung(„positional defence“) im Nuklearzeitalter(neu) zu denken. Abschließend zeigen wir Wege für die zukünftige Forschung auf. xxxxx Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter: ↗ www.fes.de/themenportal-die-welt-gerecht-gestalten/frieden-und-sicherheit xxxxx