ENERGIEWENDE Miguel Macias Sequeira Oktober 2025 Nach dem Stromausfall in Portugal Wie steht es um das Vertrauen in die Energiewende? Herausgeber Friedrich-Ebert-Stiftung Vertretung in Portugal Av. Sidónio Pais 16 1º Dto 1050-215 Lisboa ↗ portugal.fes.de Kontakt info.portugal@fes.de Autor Miguel Macias Sequeira hat an der Fakultät für Naturwissenschaften und Technik der Neuen Universität Lissabon (NOVA-FCT) im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Energie und Klima am Wissenschaftszentrum für Umwelt- und Nachhaltigkeit(CENSE). Seine Forschung untersucht die Energiewende in ihren vielfältigen Dimensionen, einschließlich der Bürger_innenbeteiligung sowie der Energiegerechtigkeit. Miguel Macias Sequeira engagiert sich ehrenamtlich in der Parceria Local, einem lokales Gemeinschaftsnetzwerk im Lissabonner Stadtteil Telheiras, das unter anderem Nachhaltigkeits- und Energieinitiativen unterstützt. Verantwortung für Inhalt und Herausgabe Fabian Schmiedel, Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung Portugal Kontakt Fabian Schmiedel fabian.schmiedel@fes.de Design/Layout Ricardo Torres, Kardo Atelier ↗ kardo.net Bildnachweis Larisa Stefanuyk, iStock ↗ istockphoto.com/pt Druck und Produktion Gráfica Simões& Gaspar ↗ simoesgaspar.pt Die in der dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-EbertStiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustim mung durch die FES nicht gestattet. Publikationen dürfen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Oktober 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ fes.de/publikationen Inhaltsverzeichnis Kontext und Konzeption der Studie Portugal zwischen Stromausfall und Energiewende 2 28. April 2025 Der Stromausfall und die Energiewende in 5 Von 2023 bis 2025 Wie haben sich die Prioritäten der Portugies_innen 8 Engagement für die Energiewende vor und nach dem 11 Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen 12 Bibliographie 13 Nach dem Stromausfall in Portugal 1 Kontext und Konzeption der Studie – Portugal zwischen Stromausfall und Energiewende Als eine der größten Bedrohungen für die Menschheit erfordert der Klimawandel eine konzertierte Reaktion auf allen Ebenen,- von der globalen bis zur lokalen-, und unter der Einbeziehung alle Akteure, von nationalen Regierungen über Großkonzerne bis hin zum einzelnen Bürger_innen. Die Internationale Energieagentur stellte bereits 2023 fest, dass die Technologien, die für eine drastische Senkung der Treibhausgasemissionen bis 2030 erforderlich sind, schon damals zur Verfügung standen. Gleichzeitig zeigen Szenarien in Anlehnung an das Pariser Abkommens, auf, dass etwa die Hälfte der Emissionsminderungen unmittelbar oder mittelbar vom Verhalten der Verbraucher abhängt. Inzwischen haben sich jedoch die globalen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Rahmenbedingungen deutlich verändert, wodurch das Hauptaugenmerk zunehmend von Klimaschutzmaßnahmen abgelenkt wird. So war 2024 ein Rekordjahr mit dem höchsten Konsum an Kohle, Öl und Erdgas aller Zeiten. Zudem kam es zu einem Anstieg der globalen Durch schnittstemperatur, der erstmals das im Pariser Abkommen festgelegte Ziel von 1,5°C überschritt(Internationale Energieagentur, 2024; Tollefson, 2025). Mit dem Green Deal hat die Europäische Union ihr strategisches Ziel bekräftigt, im globalen Transformationsprozess hin zur Klimaneutralität eine führende Rolle einzunehmen. Dies erfordert eine umfassende strukturelle Transformation des Energiesystems, insbesondere durch den schrittweisen Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energiequellen sowie durch eine Verbesserung der Energieeffizienz. Dieser Prozess beschränkt sich nicht allein auf technologische Aspekte, sondern erfordert auch die aktive Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger an den sozialen, politischen und kulturellen Veränderungen, die für einen gerechten Übergang notwendig sind (Sequeira et al., 2024a). Portugal kann bereits einen bedeutenden Anteil erneuerbarer Energien in seinem Energiemix aufweisen, der 2024 etwa 71% des Stromverbrauchs ausmachte(REN, 2025). Der Eurobarometer-Umfrage(Europäische Kommission, 2025) zufolge, unterstützen 89% der Portugies_innen das Ziel der Europäi schen Union, bis 2050 die Klimaneutralität zu erreichen. Die jüngste politische Instabilität erschwert jedoch die Verabschiedung umwelt- und energiepoliti scher Maßnahmen. 2 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Nun ereignete sich am 28. April 2025 um 11:33 Uhr auf der Iberischen Halbinsel ein nie dagewesener Blackout – ein flächendeckender Stromausfall, von dem knapp 60 Millionen Menschen betroffen waren und der nicht zuletzt zu schwerwiegenden Störungen der kritischen Infrastruktur führte. So löste in weniger als fünf Sekunden ein plötzlicher Ausfall der Stromerzeugung in Spanien einen Dominoeffekt aus, der sich über das gesamte iberische Netz ausbreitete. Die vollständige Wiederherstellung der Stromversorgung in Portugal ließ fast zwölf Stunden auf sich warten. Der Stromausfall hat die öffentliche Debatte über die Energiewende in Portugal neu entfacht. Dabei wurden sowohl die Ursachen dieses Ereignisses und kurzfristige Maßnahmen zur Vermeidung künftiger Ausfälle als auch langfristige strate gische Weichenstellungen für das Energiesystem kritisch hinterfragt. Im Jahr 2023 führte die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) eine Umfrage in neunzehn Ländern durch, um die Wahrnehmungen, Interessen, Ängste und Erwartungen der Bevölkerung im Hinblick auf den laufenden sozioökologischen Wandel zu erfassen. Für Portugal wurden die wichtigsten Ergebnisse dieser Umfrage von Schmidt et al.(2025) analysiert. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Portugies_innen den Klima- und Umweltschutz durchaus befürworten sowie den Einsatz erneuerbarer Energien unterstützen. Hingegen überlagern oft bedrängende Alltagssorgen, etwa in Bezug auf Gesundheit, Wohnen und Einkommen, ein aktives Engagement für die Energiewende. Angesichts des sich rasch wandelnden nationalen und globalen Kontexts sowie der außergewöhnlichen Umstände des Stromausfalls vom 28. April 2025 beschloss die FES Portugal, eine partielle Wiederholung der Umfrage aus dem Jahr 2023 durchzuführen, um mögliche Veränderungen in den Prioritäten der Portugies_innen im Hinblick auf Klimawandel und erneuerbare Energien zu erfassen. Um einen Vergleich der Ergebnisse zwischen den beiden Erhebungszeiträumen zu ermöglichen, blieben die Fragen und Antwortmöglichkeiten in der wiederholten Umfrage unverändert. Unterdessen wurde die Befragung um weitere Fragen ergänzt, die speziell darauf abzielten, die Wahrnehmung der Bevölkerung hinsichtlich des Stromausfalls und mögliche Auswirkungen auf die öffentliche Meinung zur laufenden Energiewende zu messen. Unter diesen Vorzeichen wurde die Umfrage zwischen dem 9. und 24. Juni 2025 online durchgeführt. Zielgruppe der Umfrage waren Personen im Alter zwischen 18 und 69 Jahren, die in Privathaushalten auf dem portugiesischen Festland sowie in den autonomen Inselregionen leben. Die Stichprobengröße umfasst 1.200 Interviews, die je nach untersuchten Bevölkerungsgruppen nach den Variablen Geschlecht, Alter und Region differenziert wurden, und kann als repräsentativ für die portugiesische Bevölkerung gelten. Ziel des vorliegenden Dokuments ist es, die Ergebnisse der Befragung hinsichtlich der potenziellen Auswirkungen des Stromausfalls vom 28. April 2025 auf die weitere Entwicklung der Energiewende in Portugal vertieft zu analysieren. Darüber hinaus wird eine kurze Analyse der Prioritätsverschiebung der Portugies_innen zwischen 2023 und 2025 vorgenommen, wobei Themen im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Energiewende im Vordergrund stehen. Abschließend werden Empfehlungen ausgesprochen, um eine sozialgerechte Energiewende in Portugal voranzutreiben. Nach dem Stromausfall in Portugal 3 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 28. April 2025 – Der Stromausfall und die Energiewende in Portugal Der Stromausfall vom 28. April 2025 hat klare Schwach stellen im iberischen Stromnetz offenbart. Während die amtliche Untersuchung des Vorfalls noch andauert, konzentrierte sich die öffentliche Debatte – bedingt durch die Lücke, die der Mangel an offiziellen Antworten hinterließ – auf die Ermittlung möglicher Ursachen des Stromausfalls sowie auf Maßnahmen zur Vorbeugung künftiger Ereignisse. Über mehrere Wochen hinweg wurden in den Medien verschiedene Perspektiven und Narrative zur Transformation des portugiesischen Energiesystems erörtert. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Sichtweisen der Portugies_innen auf diese außergewöhnliche Situation und die Energiepolitik nachzuvollziehen. Abbildung 1 zeigt die Einschätzung der Befragten zu einer Reihe von komplementären und alternativen Wegen für die Energiewende unter Berücksichtigung ihrer Erfahrungen mit dem Stromausfall. Einschätzung zur Energiewende nach dem Stromausfall, Zustimmung zur Aussage in Prozent Unser Land sollte weiterhin auf erneuerbare Energien (z. B. Solar- und Windenergie) setzen Portugal sollte seine laufende Strategie für die Energiewende fortsetzen Es sollten elektrische Batterien ins Stromnetz eingebaut werden, um dessen Stabilität zu erhöhen Der Austausch von Öl- oder Gasgeräten (z. B. Autos, Boiler, Kochherde) gegen effizientere elektrische Lösungen sollte gefördert werden Der Stromausfall wäre nicht passiert, wenn Portugal besser mit dem europäischen Stromnetz verbunden wäre Die Stromnetze müssen modernisiert und ihre Sicherheit erhöht werden, selbst wenn dies zu höheren Energiepreisen für die Verbraucher führt Portugal sollte seine Stromimporte aus Spanien reduzieren, selbst wenn dies zu höheren Energiepreisen für die Verbraucher führt Portugal sollte Kohlekraftwerke wieder in Betrieb nehmen oder in den Bau von Kernkraftwerken investieren Der Stromausfall wäre nicht passiert, wenn wir nicht so stark von erneuerbaren Energien abhängig wären 69 28 31 51 43 52 46 44 81 33 49 15 3 32 40 20 8 28 44 19 9 21 42 25 12 20 34 27 20 16 30 33 22 0 Stimme voll und ganz zu 20 Stimme teilweise zu 40 60 Stimme teilweise nicht zu 80 100 Stimme überhaupt nicht zu Quelle: GfK Metris, 2025. Nach dem Stromausfall in Portugal 5 Hervorzuheben ist, dass trotz vereinzelter unbegründeter Darstellungen, die erneuerbaren Energien die Verantwortung für den Stromausfall zuschrieben, 97% der Befragten der Ansicht sind, dass Portugal weiterhin auf erneuerbare Energien setzen sollte, und 94% die Fortführung der aktuellen Strategie für die Energiewende befürworten. Diese überwältigende Mehrheit zeigt den starken Rückhalt der Bevölkerung für die Umsetzung der aktuellen Politik, insbesondere des Nationalen Energieund Klimaplans für 2030. Darüber hinaus befürwortet die Mehrheit der Befragten die Installation von Batteriespeichern, eine verstärkte Anbindung an das europäische Stromnetz sowie die Generalmodernisierung der Stromnetze. Einige dieser Maßnahmen sind bereits im Gange bzw. geplant und scheinen Unterstützung zu finden, selbst wenn sie für die Stromabnehmer mit höheren Kosten verbunden sein können. Obwohl der großflächige Stromausfall Schwachstellen in der Stromversorgung aufgezeigt hat, befürworten 82% der Befragten weiterhin Anreize für eine Elektrifizierung anstelle der Nutzung von Öl oder Gas. Die Integration Portugals und Spaniens in den gemein samen Strommarkt MIBEL(MIBEL ist die Abkürzung für Mercado Ibérico de Eletricidade, zu Deutsch: Iberischer Strommarkt) hat sich für beide Länder hinsichtlich der wirtschaftlichen Effizienz des Stromsystems als vorteilhaft erwiesen. In der Praxis bedeutet dies, dass der Stromverbrauch von Erzeugern aus beiden Ländern gedeckt werden kann, wobei denjenigen Vorrang gegeben wird, die den niedrigsten Preis bieten. Angesichts dessen, dass die Ursache des Stromausfalls nachweislich im spanischen System lag, sind etwa 63% der Befragten der Meinung, dass Portugal seine Stromeinfuhren aus Spanien reduzieren sollte. Vielmehr wird eine größere nationale Autonomie als wichtig erachtet, selbst wenn dies mit einer Kostensteigerung für die Verbraucher einhergeht. Angesichts des Stromausfalls vom 28. April 2025 gibt etwa die Hälfte der Befragten an, dass Portugal alternative Strategien für die Energiewende in Betracht ziehen sollte, darunter die Wiederinbetriebnahme von Kohlekraftwerken oder Investitionen in den Bau von KernkraftVertrauen, Kommunikation und Wahrnehmung des Stromausfalls, Zustimmung zur Aussage in Prozent Abbildung 2 Während des Stromausfalls kursierten viele Falschmeldungen(z. B. in sozialen Netzwerken, WhatsApp) Ich befürchte, dass der Stromausfall in den nächsten Jahren wiederauftreten könnte Die Betreiber der Stromnetze haben gute Arbeit geleistet, um die Stromversorgung wiederherzustellen Ausfälle in anderen kritischen Diensten (z. B. Kommunikation, Flughäfen) waren unvermeidlich Ich befürchte, dass die Debatte über den Stromausfall und die Energieversorgungssicherheit in Portugal die portugiesische Gesellschaft weiter polarisiert Die Behörden verschweigen Informationen über die wahren Ursachen des Stromausfalls Die Behörden haben die durch den Stromausfall ausgelöste Krise gut bewältigt Die Medien(z. B. Fernsehen, Zeitungen, Radios) haben klare Informationen vermittelt Im Allgemeinen konnten die Menschen während des Stromausfalls ruhig bleiben Alle Ursachen des Stromausfalls wurden bereits klar erklärt Die Menschen waren gut auf einen Stromausfall vorbereitet 51 39 33 23 48 19 50 27 40 19 47 16 48 13 40 5 21 32 3 11 36 34 11 4 43 14 4 47 15 6 23 7 26 5 24 10 20 13 24 12 28 20 42 51 0 Stimme voll und ganz zu 20 Stimme teilweise zu 40 60 Stimme teilweise nicht zu 80 100 Stimme überhaupt nicht zu Quelle: GfK Metris, 2025. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. werken. Ein erheblicher Teil der Befragten scheint widersprüchliche Ansichten zur Energiewende mitein ander in Einklang zu bringen: So besteht einerseits eine starke Unterstützung für den aktuellen Einsatz erneuerbarer Energien, gleichzeitig aber auch eine gewisse Offenheit gegenüber alternativen Technologien. Neben den Auswirkungen auf das Stromnetz war der Stromausfall nicht zuletzt ein Moment der Krise und des Einschnitts im Alltag der portugiesischen Gesellschaft. Abbildung 2 zeigt die Antworten auf Fragen, mit der die Wahrnehmung der Portugies_innen zum Stromausfall eruiert wurde. In Bezug auf die Kommunikation geben 86% der Befragten an, dass Falschmeldungen in sozialen Netzwerken verbreitet wurden, während 64% der Ansicht sind, dass die traditionellen Medien bei der Informations vermittlung gute Arbeit geleistet haben. Allerdings geben sich weniger als ein Drittel mit den offiziellen Erklärungen zufrieden, und zwei Drittel glauben, dass die Behörden immer noch Informationen zurückhalten. Die Debatte über den Stromausfall könnte die Polarisierung der portugiesischen Gesellschaft verschärfen, was 67% der Befragten beunruhigt. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Bevölkerung die außergewöhnlichen Umstände des Stromausfalls nachvollzog und den unmittelbaren Maßnahmen zur Krisenbewältigung positiv gegenüberstand. Trotz langer Stunden ohne jegliche Stromversorgung sind 79% der Befragten der Meinung, dass die Stromnetzbetreiber bei der Wiederherstellung der Stromversorgung gute Arbeit geleistet haben, 71% nahmen hin, dass Ausfälle anderer kritischer Dienste unvermeidlich waren, und 67% der Befragten bewerten die Krisenbewältigung durch die Behörden als erfolgreich. Die Vorbereitung/Vorkehrungen und Reaktionen der Bevölkerung auf einen Stromausfall jedoch werden weniger positiv eingeschätzt: Fast die Hälfte der Befragten gab an, dass die Menschen nicht in der Lage waren, ruhig zu bleiben, und nur eine Minderheit von 13% hält die Bürger_innen für ausrei chend vorbereitet. Nur jeder fünfte Portugiese gibt an, keine Befürchtung zu haben, dass sich ein Stromausfall in den kommenden Jahren wiederholen könnte. Nach dem Stromausfall in Portugal 7 Von 2023 bis 2025 – Wie haben sich die Prioritäten der Portugies_innen verschoben? Ein Vergleich der Umfrageergebnisse von 2023 und 2025 zeigt eine Verstetigung der wichtigsten Prioritäten, die von der portugiesischen Bevölkerung damals genannt wurden, namentlich Gesundheit, Wohnen, Beschäftigung und Bildung(Abbildung 3). Dabei handelt es sich um strukturelle Fragen, die die Mehrheit der Bevölkerung unmittelbar im Alltag betreffen und nach Ansicht der Befragten von den aufeinanderfolgenden Regierungen nicht angemessen adressiert wurden. Demgegenüber zeigt sich deutlich, dass der Kaufkraftverlust infolge der rückläufigen Inflation von der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr als akutes Problem wahrgenommen wird. Ebenso deutet alles darauf hin, dass die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit zwischen 2023 und 2025 in der Priorisierung durch die Bevölkerung zurückgefallen ist. Demgegenüber haben Kriminalität und innere Sicherheit sowie Migration und die Integration von Zuwanderern in den letzten zwei Jahren an Dringlichkeit gewonnen, wodurch sich die Themen, die den Menschen in Portugal am meisten Sorge bereiten: 2023 und 2025, Zustimmung zu den Themen in Prozent Abbildung 3 Gesundheit und Pflege 62,3 85 Bezahlbarer Wohnraum 49,6 64 Beschäftigungsmöglichkeiten und faire Löhne 46,7 46 Inflation und Kaufkraftverlust 45,8 20 Bildung und Chancengleichheit 42,5 41 Armut und soziale Ungleichheit 41 28 Umweltschutz und Klimawandel 33,4 26 Renten und Altersvorsorge 31,4 38 Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung 30,4 25 Kriminalität und innere Sicherheit 29 41 Wirtschaftliche Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit 19,7 18 Energieversorgung zu fairen Preisen 14,1 8 Migration und Integration von Migrant_innen 10,9 20 Friedenspolitik 5,3 5 Digitalisierung 1,1 2 0 20 40 60 80 2023 2025 Quelle: eigene Darstellung auf der Grundlage von Schmidt et al., 2025, und GfK Metris, 2025 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Prioritäten der portugiesischen Bevölkerung an den globalen Entwicklungen in diesen Bereichen orientieren. Der Schutz von Umwelt, Natur und Klima ging von 33,4% auf 26,0% der Gesamtantworten leicht zurück und fiel damit vom siebten auf den achten Rang in der Prioritätenliste der Befragten. Offenkundig wurden Umweltund Klimafragen insbesondere durch die wachsende Besorgnis über Kriminalität, innere Sicherheit sowie Renten und Pensionen in der Priorisierung verdrängt. Auch die Versorgung mit erschwinglicher Energie ist trotz des Stromausfalls vom 28. April 2025 in der Prioritäten liste der Bevölkerung um einen Rang zurückgefallen, wobei der Anteil der Nennungen von 14,1% auf lediglich 8,0% sank. Die wiederholte Umfrage scheint die starke Unterstützung der portugiesischen Bevölkerung für Maßnahmen zu bestätigen, die einen konsequenten Übergang zu erneuerbaren Energien fördern, wenn auch mit einem leichten Rückgang der Zustimmungswerte von 95% im Jahr 2023 auf 92% im Jahr 2025. Auch die soziale Komponente der Energiewende findet mit 89% 2023 bzw. 84% zustimmenden Antworten 2025 weiterhin breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Abbildung 4 zeigt die Einschätzung einer Reihe von Umweltschutzmaßnahmen im Vergleich der Ergebnisse der Umfragen von 2023 und 2025. Trotz der weitgehend positiven Bewertung aller Maßnahmen in beiden Umfragen – mit Ausnahme der Ausweitung der Pkw-Maut-, ist ein allgemeiner Rückgang der Unter stützung zu beobachten. Der Durchschnittswert aller Maßnahmen zeigt, dass die Zustimmung der Bevöl kerung von 93% im Jahr 2023 auf 88% im Jahr 2025 zurückging, was einem durchschnittlichen Rückgang von fünf Prozentpunkten entspricht. Maßnahmen, die in den letzten Jahren einen Rückgang der Zustimmung um mehr als 10% verzeichneten, umfassen die Ausweitung der PKW-Mautgebühren, die Ökosteuer auf Flugtickets, Kaufprämien für Elektrofahr zeuge und die Reduzierung klimaschädlicher Subventionen. Desgleichen ging die Unterstützung für den Bau weiterer Windkraftanlagen sowie die Installation von Sonnenkollektoren auf Gebäuden von 95% auf 86% bzw. von 92% auf 86% zurück. Auf der anderen Seite verzeichneten Maßnahmen zur Verbraucherunterstützung, darunter die Finanzierung von Gebäudesanierungen, der Austausch von Heizungsanlagen und die Nutzung erneuerbarer Energien, einen geringeren Rückgang. Sowohl die rückläufige Zustimmung zu Umweltschutz maßnahmen als auch das niedrigere Prioritätsniveau von Umwelt-, Klima-, Natur- und Energiethemen könnten auf die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der unzureichenden politischen Kommunikation und den von den verschiedenen Regierungen implementierten Maßnahmen zurückzuführen sein. Im Jahr 2023 gaben 73% der Befragten an, dass die Maßnahmen für eine umweltfreundlichere Wirtschaft unklar seien. Im Jahr 2025 stieg dieser Wert auf 78%, d.h. fast nur jede_r fünfte Befragte ist noch der Meinung, dass die Maßnahmen hinreichend vorgestellt und erklärt werden. Nach dem Stromausfall in Portugal 9 Einschätzung der Umweltschutzmaßnahmen: 2023 und 2025, Zustimmung zu den Maßnahmen in Prozent Abbildung 4 Ausbau des Verkehrsnetzes und Erhöhung der Frequenz des öffentlichen Nahverkehrs Aktivere Förderung der Entwicklung ökologischer Produkte und Technologien Verbesserung der schulischen Bildung im Bereich Umwelt- und Klimaschutz Gesetzliche Bestimmungen zur Energieeffizienz von Haushaltsgeräten Kennzeichnung ökologischer Produkte(z. B. Produktlabel) Senkung der Preise für den öffentlichen Nahverkehr Bau weiterer Windkraftanlagen Staatliche Förderung zur Sanierung von Gebäuden mit Wärmedämmung Staatliche Unterstützung für Haushalte, die erneuerbare Energien nutzen Bildungs-, Ausbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten für Arbeitnehmer_innen Beitritt zu einer Energie-/Genossenschaftsgemeinschaft Finanzielle Unterstützung für kostengünstige Heizsysteme Mehr Ladestationen für Elektro- oder Hybridfahrzeuge Pflicht zur Installation von Solarpanels in öffentlichen Gebäuden und Neubauten privater Gebäude Anreize für den Kauf von Elektrofahrzeugen Abbau von klimaschädlichen Subventionen Erhöhung der Preise für klimaschädliche Produkte Ökosteuer auf Flugtickets Einführung von Mautgebühren für Personenkraftwagen 96 97 96 94 96 96 96 95 96 94 96 96 95 86 94 92 93 87 93 93 93 88 93 89 92 84 92 86 89 77 84 73 76 67 73 58 49 32 0 20 40 60 80 100 2023 2025 Quelle: eigene Darstellung auf Basis von Schmidt et al., 2025, und GfK Metris, 2025 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Engagement für die Energiewende vor und nach dem Stromausfall Die FES-Umfrage von 2023 zeigte eine ausgeprägte Bereitschaft der Bevölkerung zur Mitwirkung an der Energiewende auf lokaler Ebene. Im Jahr 2025 bleibt diese Grundbereitschaft erhalten, verzeichnet jedoch einen leichten Rückgang, der dem Trend der allgemeinen abnehmenden Unterstützung für Umweltmaßnahmen folgt. Waren 2023 noch 80% der Befragten bereit, sich aktiv an kommunalen Energieprojekten zu beteiligen, und 81% offen dafür, ihre eigene Energie erzeugen, so sank dieser Anteil 2025 auf 64% bzw. 73%. Der Stromausfall scheint ungleiche Auswirkungen auf die Bereitschaft verschiedener Bevölkerungsgruppen in Portugal gehabt zu haben, aktiv an der Energiewende mitzuwirken(Abbildung 5). So gab etwas mehr als die Hälfte der Befragten an, dass der Stromausfall ihr Interesse an der Erzeugung eigener Energie, der Speicherung von Strom in Batterien und der Teilnahme an kommunalen Energieprojekten erhöht habe. Auf die restliche Bevölkerungshälfte scheint der Stromausfall keinen wesentlichen Einfluss auf ihr Interesse an diesen Themen gehabt zu haben. Gestiegenes Interesse an der Energieerzeugung und-speicherung nach dem Stromausfall, Zustimmung in Prozent Abbildung 5 Eigene Energie erzeugen (z. B. durch Installation von Solarpanels auf dem Dach des eigenen Hauses oder Gebäudes) 100 7 80 23 Anschaffung von Batteriespeichern, die es ermöglichen, Strom zu speichern und auch bei einem Stromausfall zu Hause Licht zu haben 2 27 Teilnahme an Energieprojekten (z. B. Erzeugung und gemeinschaftliche Nutzung von Solarenergie in der eigenen Gemeinde/Nachbarschaft/Stadt) 1 20 33 60 29 31 40 27 34 28 20 14 12 0 Produziere/Besitze/ Nehme bereits teil Ja, auf jeden Fall Ich glaube ja Ich glaube nein 12 Nein, auf keinen Fall Quelle: GfK Metris, 2025. Nach dem Stromausfall in Portugal 11 Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen Die von der FES Portugal initiierte Umfrage hatte zwei zentrale Ziele: Erstens die Analyse der Auswirkungen des landesweiten Stromausfalls vom 28. April 2025 sowie seiner potenziellen Konsequenzen für die Energiewende; zweitens die Erfassung der Wahrnehmung der portugiesi schen Bevölkerung in Bezug auf Umwelt- und Klimaschutz unter Berücksichtigung der Entwicklungen zwischen 2023 und 2025. Bei der Analyse der Ergebnisse der Umfrage von 2023 kamen Schmidt(2025) zu dem Schluss, dass die Portugies_innen zwar Themen wie Gesundheit, Wohnen, Einkommen und Beschäftigung den Vorzug geben, sich aber auch sehr positiv gegenüber der Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz der Umwelt und des Klimas zeigen. Die partielle Wiederholung der Umfrage im Jahr 2025 bestätigte diese Prioritätenhierarchie, wobei die Belange Umwelt- und Klimaschutz und Förderung erneuerbarer Energien in den letzten zwei Jahren offenbar leicht an Bedeutung verloren haben. Im Gegensatz dazu haben Themenbereiche wie Gesundheit, Wohnen, Kriminalität und Migration für die Portugies_innen an Bedeutung gewonnen. Die Unterstützung für Umweltschutzmaßnahmen ist nach wie vor recht hoch, werden doch mehrere Maßnahmen von gut 80% der Befragten positiv eingeschätzt, obschon diese zwischen 2023 und 2025 insgesamt deutlich zurückgegangen sind. Es wird daher empfohlen, die Kommunikation über die Vorteile solcher Maßnahmen zu verstärken und dabei deren Zusam menhang mit Themen wie Gesundheit, Wohnen und Beschäftigung herauszustellen. Obgleich diese Erhebung keine endgültigen Schlussfolgerungen zulässt, könnten wir vor einem besorgniserregenden Trend hin zu einer wachsenden Ablehnung von Umwelt- und Klimapolitik stehen, analog zu international und national wachsenden Bewegungen, die diese Themen abqualifizieren. Im Gegensatz dazu warnen uns wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Maßnahmen in diesem Bereich immer dringlicher werden, um noch die schlimmsten Auswirkungen der Umweltkrisen zu mindern und die Einhaltung internationaler Verpflich tungen zu gewährleisten. Der Stromausfall vom 28. April hat die Debatte über die Energiepolitik in Portugal neu entfacht. Die Ergeb nisse der Umfrage zeigen jedoch, dass die Bevölkerung den Regierenden ein starkes Mandat für die Fortsetzung der Investitionen in erneuerbare Energien in Verbindung mit der Modernisierung des Stromnetzes und der Instal lation von Speichersystemen erteilt. Die Ausfälle in Bereichen der kritischen Infrastruktur, darunter Kommunikation und Verkehr, haben die Bevölkerung verunsichert und das Fehlen offizieller Erklärungen hat die Verbreitung von Falschinformationen begünstigt. Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, die Ursachen des Stromausfalls vollständig aufzuklären und das Stromnetz so zu gestalten, dass die Versorgungssicherheit im Einklang mit den Vorgaben des Nationalen Energie- und Klimaplans für 2030 gewährleistet wird. Trotz des negativen Trends zwischen 2023 und 2025 zeigen die Portugies_innen weiterhin großes Interesse an Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Vor diesem Hintergrund wäre es ratsam, verstärkt Maßnahmen umzusetzen, die eine direkte Mitwirkung der Bürger an der Energiewende fördern, etwa durch die energetische Sanierung von Gebäuden, den Austausch ineffizienter Geräte, die Förderung von Energiekompetenz, die Bereitstellung individueller Unterstützungsangebote sowie die Weiterentwicklung von Eigenverbrauchslösungen für Solarenergie und von Zusammenschlüssen für erneuerbare Energien. Eine direkte Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen kann dazu beitragen, die Bevölkerung für Initiativen zum Umwelt- und Klimawandel zu mobilisieren(Sequeira et al., 2024b). Eine sozial gerechte und inklusive Energiewende, die sämtliche Bevölkerungsgruppen berücksichtigt, fördert nicht nur die gesellschaft liche Akzeptanz, sondern trägt auch zu einer beschleunigten und effektiveren Umsetzung der Klimaziele bei. 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Bibliographie Internationale Energieagentur(2023). Net Zero roadmap: A global pathway to keep the 1.5°C goal in reach— 2023 update. ↗ www.iea.org Internationale Energieagentur(2024). World Energy Outlook 2024. ↗ www.iea.org Europäische Kommission(2025). Special Eurobarometer report 565 – climate change. ↗ https://doi.org/10.2834/3928510 GfK Metris(2025). Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung – Atitudes dos portugueses face às alterações climáticas e à transição energética.[Einstellungen der Portugies_innen zum Klimawandel und zur Energiewende]. Juli 2025. REN(2025). Recorde de produção de renováveis abastece 71% do consumo de eletricidade em 2024[Rekordproduktion erneuerbarer Energien deckt 71% des Stromverbrauchs im Jahr 2024] 6. Januar 2025. ↗ https://www.ren.pt/pt-pt/media/noticias/recorde-de-producao-de-renovaveis-abastece-71-do-consumo-de-eletrici dade-em-2024 Schmidt, L., Horta, A.,& Guerra, J.(2025). Inquérito sobre transição ecológica e climática[Umfrage zum ökologischen und klimatischen Wandel]. Friedrich-Ebert-Stiftung – FES. Sequeira, M. M., Gouveia, J. P.,& Melo, J. J.(2024a).(Dis)comfortably numb in energy transitions: Gauging residential hard-to-reach energy users in the European Union. Energy Research& Social Science, 115. ↗ https://doi.org/10.1016/j.erss.2024.103612 Sequeira, M. M., Gouveia, J. P.& Melo, J. J.(2024b). Can local organizations act as middle actors in energy support? Exploring their functions, motivations, challenges, and needs. Energy Efficiency, 17. ↗ https://doi.org/10.1007/s12053-024-10262-5 Tollefson, J.(2025) Earth shattered heat records in 2023 and 2024: is global warming speeding up? Nature, News Explainer, 06. Januar 2025. ↗ https://doi.org/10.1038/d41586-024-04242-z Nach dem Stromausfall in Portugal 13