AUSSTELLUNG Landesbüro Baden-Württemberg Impressum Herausgeber DGB Baden-Württemberg Willi-Bleicher-Straße 20 70174 Stuttgart ↗ https://bw.dgb.de verantwortlich: Maren Diebel-Ebers und Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Landesbüro Baden-Württemberg Werastraße 24 70182 Stuttgart ↗ www.fes.de/landesbuero-bawue verantwortlich: Nicola Roth erarbeitet von: Nele Hartmann| DGB Baden-Württemberg Layout: Blick heben – Nane Weber Layout Designbüro Petra Bähner Druck und Herstellung Druckerei Brandt, Bonn Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht ­notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. April 2026 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ISBN 978-3-98628-866-2 Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Inhalt Wohnraum als Herausforderung........................................ 2 Neue Lebensabschnitte bedeuten besondere Belastung .................... 7 Keine Chancengleichheit auf dem Wohnungsmarkt....................... 10 Was ist zu tun?..................................................... 14 Wie kann das aussehen?............................................. 20 Fazit ............................................................. 23 Wohnraum als Herausforderung „Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenen Wohnraum“, so ist es festgehalten als Teil des Rechts auf einen angemessenen Lebensstandard in Artikel 11 des Internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Darüber hinaus ist Wohnen ein Grundbedürfnis, das für alle Einkommensschichten bezahlbar und verfügbar sein sollte. Angemessenen Wohnraum zu finden, ist für viele herausfordernd und mündet bereits in sozialen Verteilungsfragen. Eine aktuelle Studie des Pestel Instituts ergab, dass in Baden-Württemberg rund 192 000 Wohnungen fehlen, gleichzeitig ist der Anteil der fertiggestellten Woh nungen um 16% gesunken. In 41 der 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Würt temberg herrscht ein massiver Wohnungsmangel – insbesondere im Segment des bezahlbaren Wohnens(8€–10€ pro m²). Gleichzeitig sinkt die Zahl der Sozialwohnungen im Land weiter: Zuletzt waren es rund 42% weniger als zuvor. 1 Angesichts rückläufiger Baugenehmigungen ist absehbar, dass sich dieser Mangel in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird. 2 Bundesweit sind die Mieten stärker gestiegen als die Löhne. 2022 mussten rund 1,5 Millionen Miethaushalte 50% ihres Nettoeinkommens für Miete aufwenden, weitere 1,6 Millionen zahlen zwischen 40% und 50%. Das liegt weit über der als vertretbar geltenden Belastungsquote von 30%. Diese Entwicklung zeigt sich auch in Stuttgart. Forschungsergebnisse der Hans-Böckler-Stiftung belegen, dass rund 14% der Mieter*innen dort bis zu 30% ihres Nettoeinkommens für die Miete aufbringen(Abbildung 2 3 ). 1  Datenbasis: Bis 2013 Bundesstatistik nach Angaben der Länder, basierend auf den Angaben der Gemeinden. Zeitraum 2006 bis 2022 2  ARD-aktuell/tagesschau.de(2025): In fast allen Landkreisen in BW fehlen Wohnungen. Online verfügbar unter: https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-in-fast-allen-landkreisen-in-bw-fehlen-wohnungen-100.html(zuletzt abgerufen am: 04.11.2025). 3  Holm, Andrej; Regnault, Valentin; Sprengholz, Maximilian; Stephan, Meret(2021). Muster sozialer Ungleichheit der Wohnversorgung in deutschen Großstädten. Nummer 222. Online verfügbar unter: https://www.boeckler.de/de/ faust-detail.htm?sync_id=HBS-008072(zuletzt abgerufen am: 13.10.2025). 2 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Abb. 1 Haushalte nach Lebensform Haushalte nach Lebensform 5% Alleinstehende in Mehrpersonenhaushalten 18% Ehepaare mit Kindern 40% Alleinlebende Alleinstehende 45% Familien mit Kindern 28% 3% Lebensgemeinschaften mit Kindern 7% Alleinerziehende Paargemeinschaften ohne Kinder 27% 5% Lebensgemeinschaften ohne Kinder 22% Ehepaare ohne Kinder Abb. 4| Quelle: Bund-Länder Demografie Portal 2023. Quelle: Bund-Länder Demografie Portal 2023 Wohnen im Umbruch! Ein Zuhause für alle in Baden-Württemberg 3 Um steigenden Mieten entgegenzuwirken, existiert seit 10 Jahren die Mietpreis bremse. In Baden-Württemberg wurde sie bis Ende 2026 verlängert. Die Zahl der betroffenen Kommunen steigt von bisher 89 auf 130. Dennoch sinkt der Anteil der Bevölkerung, der von der Mietpreisbremse geschützt wird von 36% auf 33%. Einige Städte – wie Konstanz und Mannheim – sollen trotz angespannter Wohnungslage künftig nicht mehr unter die Mietpreisbremse fallen. Dies zeigt, dass die Bewertungskriterien eine sozialere Ausrichtung benötigen, sodass sie die Lebensrealität der Mieter*innen widerspiegeln und sie vor explodierenden Mieten schützen. Zudem weist die Mietpreisbremse erhebliche Schlupflöcher auf: Sie greift etwa nicht bei umfassend saniertem Wohnraum oder befristeten Mietverhältnissen. Diese Entwicklungen verschärfen die Lage der Menschen erheblich. Besonders Arbeitnehmer*innen der unteren und mittleren Einkommensgruppen sind zunehmend von hoher Mietbelastung betroffen. In bestimmten Lebensphasen kann die Suche nach passendem Wohnraum zu einer regelrechten Mammutaufgabe werden. 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Abb. 3 Umzugsgründe im Überblick „Auf U gru m nd z we u lc g he s r E g re r ig ü ni n sse d p e lan i e m n Sie Ü ein b en e U r m b z l u i g c ?“ k Die G „A ra u f f ik gr z u ei n g d t d w ie e T lc o h p e -5 r -U E m re z ig ug n s is g s rü e n p d l e a n n a e c n h S A i l e ter e s i g n r e u n pp U en m . zug?“ Die Grafik zeigt die Top-5-Umzugsgründe nach Altersgruppen 18 bis 29 30 bis 39 40 bis 49 50 bis 59 60 bis 69 1 Familiengründung/ -zuwachs Familiengründung/ -zuwachs Auszug Kinder Auszug Kinder Pensionierung 2 Arbeitsortwechsel genügend Vermögen angespart keiner der genannten Pensionierung keiner der genannten 3 genügend Vermögen angespart Eigentumserwerb Mieterhöhung keiner der genannten gesundheitliche Beschwerden 4 Eigentumserwerb Arbeitsortwechsel Einschulung Kinder gesundheitliche Beschwerden Auszug Kinder 5 neue Partnerschaft Einschulung Kinder Eigentumserwerb Mieterhöhung Eigentumserwerb Mehrfachnennungen möglich| Diese Frage wurde allen umzugsbereiten Personen gestellt(n=487; 18–29: n=163; 30–39: n= 118; 40–49: n=85; 50–59: n=68; 60–69: n=53). Je nach Relevanz wurden einzelne Auslöser Mehrf n a i c h h t n a e ll n e nu B n ef g ra e g n te m n ö an g g li e c z h eig | t D | A ie b s b e . 5 F | ra Q g u e ll w e: u L r e d h e ne a r l e l t e . n al u 2 m 02 z 3 u . gsbereiten Personen gestellt(n=487; 18–29: n=163; 30–39: n= 118; 40–49: n=85; 50–59: n=68; 60–69: n=53). Je nach Relevanz wurden einzelne Auslöser nicht allen Befragten angezeigt Quelle: Lehner, Selina; Hohgardt, Holger; Umbricht, Benedikt(2023): Ein Zuhause fürs Leben? Erkenntnisse zum Umzugsverhalten der Schweizer Bevölkerung. Hg. v. Bundesamt für Wohnungswesen(BWO). Bern. S. 19 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Neue Lebensabschnitte bedeuten besondere Belastung Ein neuer Lebensabschnitt ist oft mit der herausfordernden Suche nach bedarfsgerechtem und bezahlbarem Wohnraum verbunden. Das gilt für alle Altersgruppen und alle soziale Schichten. Familiengründung: Mehr Platz, weniger Optionen Wenn aus Paaren Eltern werden, steigt der Bedarf an größerem Wohnraum. Doch genau diese Wohnungen sind in vielen Städten kaum verfügbar oder mit Durchschnittseinkommen unbezahlbar. Viele Familien müssen daher länger in zu kleinen Wohnungen leben oder in periphere Regionen ausweichen, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch zusätzlich lange Wege erschwert. Trennung und Scheidung: Doppelte Haushalte, doppelte Hürden Auch Trennung und Scheidung stellen Betroffene vor erhebliche Probleme. Plötzlich werden zwei Haushalte benötigt – häufig zu einer Zeit emotionaler und finanzieller Belastung. Passender Wohnraum ist aber selbst für Einzelpersonen in vielen Regionen schwer zu finden. Dies führt nicht selten zu prekären Übergangslösungen, langen Pendelwegen oder sogar zum Verbleib in belastenden Wohnsituationen. Wohnen im Umbruch! Ein Zuhause für alle in Baden-Württemberg 7 Junge Menschen: Ausbildung hängt vom Wohnraum ab Auch junge Menschen stehen vor großen Herausforderungen: Im Schnitt sind 64% der Student*innen durch Wohnkosten überlastet, bei Auszubildenden sind es 37%. 4 Ob eine Ausbildung überhaupt begonnen werden kann, hängt daher oft auch davon ab, ob geeigneter und bezahlbarer Wohnraum verfügbar ist. Mit Blick auf den zunehmenden Fachkräftemangel ist diese Entwicklung besonders problematisch, denn fehlender Wohnraum darf nicht darüber entscheiden, ob Menschen sich ausbilden lassen oder ihren Beruf ausüben können. Ältere Menschen: Unangemessener Wohnraum und Barrieren Seniorenhaushalte verfügen hingegen häufig über mehr Wohnraum als benötigt, doch oft ist dieser nicht barrierefrei. Stufenlose Zugänge, breite Türen oder altersgerechte Sanitäreinrichtungen fehlen in vielen Wohnungen. Eine Studie des Pestel Instituts(2023) zeigt, dass 2,2 Millionen altersgerechte Wohnungen fehlen – eine Zahl, die bis 2040 auf 3,3 Millionen steigen könnte. Ältere Menschen wohnen daher oft isoliert oder in Häusern, die den Anforderungen des altersgerechten Wohnens nicht entsprechen. Menschen mit Behinderung: Bedarf an barrierefreiem Wohnraum Für Menschen mit Behinderung ist die Situation besonders kritisch. Barrierefreie oder barrierearme Wohnungen sind kaum verfügbar. Der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Einkaufsmöglichkeiten und medizinischer Versorgung wird dadurch erschwert. Fehlende Anpassungen in bestehenden Wohnungen verhindern nicht nur Selbständigkeit, sondern erhöhen auch das Risiko sozialer Isolation. Gleichzeitig fehlen Unterstützungsangebote, die den Umzug in passende Wohnungen erleichtern könnten. 4 Statistisches Bundesamt(Destatis)(2025). Studierendenhaushalte geben im Schnitt 53% des Einkommens für Wohnkosten aus.(Pressemitteilung Nr. N045). Online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_N045_63.html(zuletzt abgerufen am: 13.10.2025). 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. S S t ta a n n d d de d r B e a r rr B ie a ref r r r e i i e he r i e t f e r in e z i e h ln e e i r t E e le i m n e z n e te lner Abb. 4 von Wohnungen und Gebäuden Elemente von Wohnungen und Gebäuden Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit an, auf barrierefreien M W i o t h d n e r m aum Al a te n r ge s w te ie ig se t n d z i u e s W ein a . h N rs u c r h 2 e ,4 in % lic d h er k W ei o t h a n n u , n a g u en f b er a fü rr ll i e e n re a f k re tu ie el n l W al o le h w n e ra se u n m tlic a h n e g n e K w ri i t e e s ri e e n n f z ü u r b s a e r i r n ie . r N ef u re r ie 2 n ,4 W P oh ro n z ra e u n m t . der Wohnungen erfüllen aktuell alle wesentlichen Kriterien für barrierefreien Wohnraum. 30,9 % der Wohnungen haben Räume, die stufenlos erreichbar sind. 49 % der Bäder aller Wohnungen sind groß genug. 58,2 % der Zimmertüren aller Wohnungen reichen in der Breite aus. 10,3 % der Zugänge zu den Wohnungen sind barrierefrei. 69,6 % der Haustüren aller Wohnungen sind in der Breite ausreichend. Wohnen im Umbruch! Ein Zuhause für alle in Baden-Württemberg 9 Wohnraumpotenziale bleiben ungenutzt Eine Befragung des BMBF(Bundesministerium für Bildung und Forschung) im Rahmen des Projekts„Lebensräume“ im Kreis Steinfurt zeigt, dass rund die Hälfte der Wohneigentümer*innen ihr Haus als zu groß empfindet und ungenutzte Räume vorhanden sind. Viele wären bereit umzuziehen, entscheiden sich jedoch wegen emotionaler Bindung, hoher Umzugskosten oder steigender Mieten dagegen. 5 Dies betrifft insbesondere ältere Menschen, deren Wohnraum häufig zu groß, nicht barrierefrei oder schwer zu unterhalten ist. Keine Chancengleichheit auf dem Wohnungsmarkt Diskriminierung Ausländer*innen zahlen in Deutschland bei gleicher Wohndauer häufig höhere Mieten, obwohl sie, im Vergleich zu Deutschen, in kleineren Wohnungen leben. Im Durchschnitt stehen Ausländer*innen 85,7 m² zur Verfügung, während Deutsche im Schnitt 109,6 m² bewohnen. Sowohl in Großstädten als auch in kleineren Gemeinden müssen Ausländer*innen höhere Quadratmetermieten zahlen. Mietpreisunterschiede für Ausländer*innen liegen je nach Lage zwischen 6,6% und 10,6%. 6 5  Brischke, Lars-Arvid(2018): EmptyNest. Bedarfsorientierte Anpassung der Wohnflächen. In: Gebäudeenergieatlas(10), S. 14 19. 6  Statistisches Bundesamt(Destatis)(2025a). Ausländerinnen und Ausländer zahlen eine um 9,5% höhere Miete pro Quadratmeter als Deutsche, Pressemitteilung Nr. N026 21.Mai 2025. Online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_N026_12.html(zuletzt abgerufen am: 16.10.2025). 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Was wird aus den Kinderzimmern? Abb. 5 In einer Umfrage unter Hausbesitzer*innen der Altersgruppe der über 55-Jährigen im Landkreis Steinfurt gaben 51% aller befragten Haushalte an, dass es in ihren Häusern Räume gibt, die nicht genutzt werden. Was wird aus den Kinderzimmern? In einer Umfrage unter Hausbesitzer*innen der Altersgruppe der über 55-Jährigen im Landkreis Steinfurt gaben 51% aller befragten Haushalte an, dass es in ihren Häusern Räume gibt, die nicht genutzt werden. 10 % 65 % Lage der ungenutzten Wohnräume 13 % 20 % Quelle: Brischke 2018 4 % Anzahl ungenutzter Wohnräume 1 20% 2 45% 3 23% ≥ 4 12% Wohnen im Umbruch! Ein Zuhause für alle in Baden-Württemberg 11 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Die besondere Belastung der Frau Frauen haben unter bestimmten Umständen schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt – dies zeigt sich besonders bei Familien in Trennung. Alleinerziehende verfügen im Durchschnitt über 25% weniger Haushaltsnettoeinkommen als andere Familien. In 88% der Fälle sind es Frauen, die alleinerziehend sind. Alleinerziehende Frauen arbeiten in Teilzeit oder gar nicht, wodurch ihnen weniger Einkommen zur Verfügung steht. Dies führt zu einer höheren Mietbelastung und erklärt auch, warum alleinerziehende Frauen meist weniger Wohnfläche haben als Männer – obwohl die Kinder häufig bei ihnen leben. Langfristig wirkt sich die geringere oder fehlende Erwerbstätigkeit auch auf andere Bereiche aus, etwa bei der Altersvorsorge. 7 Frauen sind dadurch stärker von Altersarmut bedroht und haben weniger finanzielle Spielräume bei der Wohnungssuche. 7  Holm, Andrej; Regnault, Valentin; Sprengholz, Maximilian; Stephan, Meret(2021). Muster sozialer Ungleichheit der Wohnversorgung in deutschen Großstädten. Nummer 222. Online verfügbar unter: https://www.boeckler.de/de/ faust-detail.htm?sync_id=HBS-008072(zuletzt abgerufen am: 13.10.2025). Wohnen im Umbruch! Ein Zuhause für alle in Baden-Württemberg 13 Was ist zu tun? Vision: Wohnen ist bezahlbar Wohnen ist dann bezahlbar, wenn maximal ein Viertel des Nettoeinkommens für die Miete aufgewendet werden muss. Wie kann das gelingen? → durch die Bereitstellung von Wohnraum mit Sozialbindung und moderaten Mieten → durch das Verschärfen und Entfristen der Mietpreisbremse → durch die Einführung eines zeitlich befristeten Mietenstopps → durch den Ausbau des Förderprogramms„Junges Wohnen“ → durch die Vergabe von Fördermitteln nach sozialen Kriterien und Priorisierung des Geschosswohnungsbaus Was braucht es dazu? Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine deutliche Stärkung öffentlicher Wohnungsbaugesellschaften und gemeinwohlorientierter Akteure am Wohnungsmarkt, wie Wohnungsgenossenschaften. Auch dem stetigen Anstieg der Mieten muss die Politik etwas entgegensetzen. Möglich wären ein temporärer Mietenstopp, eine Kappung der Mieterhöhungen und ein Ausbau der Mietpreisbremse. Zudem muss der Mietspiegel gestärkt werden, indem ein längerer Bemessungszeitraum zugrunde gelegt wird. 14 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Ein richtiger und wichtiger Schritt, um Studierende und Auszubildende zu unterstützen, ist das vom Bundesministerium für Wohnen, Bauwesen und Stadtentwicklung eingesetzte Förderprogramm„Junges Wohnen“. Die Förderung sollte zu gleichen Teilen in Wohnraum für Studierende und Auszubildende investiert werden. Für Arbeitnehmer*innen sollte bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden, indem Unternehmen in Mitarbeiterwohnungen investieren, die im Sinne der Wohnungsgemeinnützigkeit geführt werden. Die soziale Gerechtigkeit bezüglich solcher Wohnungen muss durch Mitbestimmung der Betriebsräte zu Mieterhöhungen, Belegungen oder dem Verkauf von Wohnungsbeständen langfristig gesichert werden. Gemeinnütziger Wohnungsbau muss durch Investitionszulagen unterstützt werden. Der Fördertopf für den sozialen Wohnungsbau muss, zusätzlich zu den Bundesmitteln, vom Land paritätisch aufgestockt und an sozial-ökologische Kriterien gekoppelt werden. Vor allem müssen Haushalte und Familien mit mittleren Einkommen mitbedacht werden. Es braucht bezahlbaren Wohnraum für diejenigen, deren Einkommen unter dem durchschnittlichen Landeswert liegt, aber oberhalb der Grenze für einen Wohnberechtigungsschein. Vision: Wohnen ist zugänglich Alle Menschen haben unabhängig von Einkommen, Alter, Herkunft und besonderen Bedürfnissen Zugang zu Wohnungen. Wie kann das gelingen? → durch Barrierearmut:„Design für alle“ mit einer Umgebung, die für möglichst alle Menschen ohne Anpassungen bewohnbar ist → durch soziale Wohnraumförderung, die möglichst vielen Haushalten mit geringem Einkommen zugutekommt. Was braucht es dazu? Auch hier können Großunternehmen motiviert werden, Wohnraum zu schaffen. Wenn Unternehmen ihren Angestellten bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen, kann sich das positiv auf deren Fachkräftegewinnung und-bindung auswirken. Außerdem muss sich die Wohnungsbaupolitik ändern. Wohnungsgemeinnützigkeit und öffentliche Wohnungsbaugesellschaften müssen gestärkt werden. Zudem wird mehr Sozialwohnraum benötigt. Das kann mit Hilfe kontinuierlicher Bindung erreicht werden, aber auch mit der Schaffung eines Sonderfonds„Sozialer Wohnungsbau“, sodass der Bedarf an sozialem Wohnraum langfristig gedeckt werden kann. Um die Bedarfslücke für barrierefreies Wohnen zu schließen, müssen jährlich rund 170 000 altersgerechte Wohnungen neu gebaut oder saniert werden. 16 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Vision: Wohnen ist anpassbar und bedarfsgerecht Bei Veränderung der Lebenssituation sollte ein Wohnungswechsel möglich sein. Das schließt auch den Wechsel zwischen Miete und Eigentum mit ein und denkt vorrausschauendes Bauen mit. Wie kann das gelingen? → durch Wohnungstauschbörsen, mit der Möglichkeit in bestehende Mietverhältnisse einzusteigen → durch das Berücksichtigen von vielfältigen Wohnformen (von der Einzimmerwohnung bis hin zum Mehrgenerationenwohnen) Was braucht es dazu? Baugrundstücke müssen vorrangig im Erbbaurecht und entsprechend sozialen und ökologischen Konzeptverfahren vergeben werden. Dazu braucht es ein kommunales Vorkaufsrecht. Vision: Wohnen ist umweltschonend Wohnen ist besonders umwelt- und ressourcenschonend, wenn Umbau und Nachverdichtung umgesetzt werden. Daher ist beides in Betracht zu ziehen. Um energetisch sanieren zu können, müssen Fördergelder bereitgestellt werden, die vor allem für Mehrfamilienhäuser und Menschen mit geringsten Einkommen zur Verfügung stehen. Es gilt allerdings zu betonen, dass Umbau und Nachverdichtung andere Vorhaben für den Neubau von bezahlbarem Wohnraum nicht beeinflussen dürfen. Wie kann das gelingen? → durch bessere staatliche Förderung für nachhaltige Neu- und Umbauprojekte, die nachhaltige und recyclebare Baustoffe sowie klimafreundliche Energieversorgung vorsehen → durch vereinfachte und damit effiziente Bauweisen(Gebäudetyp E), sodass Wohnraum schneller, kostengünstiger aber auch ressourcenschonender entsteht. Weniger Vorschriften ermöglichen gleichzeitig schnellere Genehmigungen und niedrigere Baukosten → durch Förderprogramme, die sich an ESG Kriterien orientieren 8 Was braucht es dazu? Damit vermehrt die Motivation entsteht, nachhaltig und ressourcenschonend zu bauen, muss die Bundesförderung für effiziente Gebäude(BEG) gestärkt werden. Außerdem müssen die Umlagen von Modernisierungskosten auf Mieter*innen reduziert werden. Nur 3%(statt der aktuell möglichen 8%) der Modernisierungskosten sollten pro Jahr auf Mieter*innen umgelegt werden können. 8  ESG-Kriterien, sind Kriterien, die als Nachhaltigkeitsstandard zu Grunde gelegt werden können. Sie beziehen sich auf Aspekte aus Umwelt, Soziales und Aufsichtsstrukturen.(siehe auch: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/ definition/esg-kriterien-120056.) 18 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Vision: Wohnen ist kein Preistreiber Boden muss bezahlbar bleiben. Dafür muss Bodenspekulation verhindert werden. Ansonsten bleibt Boden weiterhin ein Preistreiber. Dafür brauchen Kommunen starke Instrumente, mit denen sie Flächen erwerben können. Wie kann das gelingen? → durch aktive Bodenpolitik → Bodenbevorratung → Weiterentwicklung des Grundstücksfonds Was braucht es dazu? Ein Weg, um dies zu erreichen, ist die Einrichtung von Bodenfonds. So können kommunale Flächen von Grundstücksfonds aufgekauft, bevorratet und zu einem späteren Zeitpunkt von der Kommune entwickelt werden. Der Grundstücksfonds könnte den Boden gemeinnützigen kommunalen Wohnungsbaugesellschaften aber auch per Erbpacht zur Verfügung stellen. So könnte Bodenspekulationen und damit einher gehenden explodierenden Preisen entgegengewirkt werden. Wohnen im Umbruch! Ein Zuhause für alle in Baden-Württemberg 19 Wie kann das aussehen? Azubiwerk München Seit Oktober 2022 stellt das Azubi-Werk München bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende zur Verfügung. In den Wohnheimen ist Mitbestimmung vorgesehen und die Wohnheimplatzvergabe findet über ein Losverfahren mit sozialen Kriterien statt. ↗ https://www.azubiwerk-muenchen.de/ FRIEDA Im vbw(Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V.) als Fach- und Interessenverband der Wohnungswirtschaft, sind ca. 300 gemeinwohlorientierte Wohnungs- und Immobilienunternehmen organisiert. Sie bauen modern, innovativ und ökologisch und vermieten für jeden Geldbeutel. Beispielsweise baute die„Wohnbau, Weil am Rhein“ gezielt Wohn- und Lebensraum für ältere Menschen. Das FRIEDA Seniorenwohnen bietet neben Gemeinschaft und Versorgungssicherheit auch altersgerechtes, schwellenloses Wohnen, mit Aufzug und breiten Türen. ↗ https://www.wohnbau-weil.de/?content=detail&eid=174&gid=20 20 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. gemeinsam27 Für bedarfsorientiertes Wohnen setzt sich auch die Genossenschaft„gemeinsam27“ ein. Eine Initiative, die nicht nur bezahl baren Wohnraum schaffen will, sondern durch ihre Wohnkonzepte auch sozialen Mehrwert in der Stadt Stuttgart schafft. ↗ https://gemeinsam27.de/ MehrGenerationenWohnen Zollberg Ein gutes Beispiel für Mehrgenerationenwohnen ist das„GenerationenWohnen Zollberg“(MGW) in Esslingen. Die Belegung wird bewusst nach unterschiedlichen Altersgruppen vorgenommen, die sich wechselseitig im Alltag unterstützen. ↗ https://www.mgw-zollberg.de/ Wohnungstauschbörse Freiburg Bezüglich Wohnungstauschbörsen lohnt sich ein Blick nach Freiburg. Die Stadt hat eine Plattform eingerichtet, auf der man Tauschangebote oder Gesuche einstellen kann. Wer bereit ist, von einer größeren in eine kleinere Wohnung umzuziehen, erhält von der Stadt eine Umzugskostenpauschale in Höhe von 2000€. ↗ https://www.wohnungstausch.freiburg.de/ Wohnen im Umbruch! Ein Zuhause für alle in Baden-Württemberg 21 Mieter und Bauverein Karlsruhe eG Die Mieter- und Bauverein Karlsruhe eG beispielsweise führt energetische Modernisierungen durch und stattet ihre Wohngebäude mit Photovoltaikanlagen auf den Dächern aus. ↗ https://www.mbv-ka.de/ Quartier Metzgergrün Das Quartier Metzgergrün ist Teil der Wohnbauoffensive, mit der die Freiburger Stadtbau GmbH bis 2030 rund 2.500 neue Wohnungen für Freiburg errichten wird. Die Gesamtentwicklung folgt einem ganzheitlichen nachhaltigen Konzept. Die Gebäude werden in monolithischer Massiv- und Holzbauweise im Energieeffizienzstandard 55 erstellt und sind an das Fern wärmenetz angeschlossen. Photovoltaikanlagen auf den begrünten Dachflächen ermöglichen Mieterstrommodelle. Außerdem kommt ein Mobilitätskonzept zur Anwendung. ↗ https://www.wohneninfreiburg.de/bauensanieren/aktuelleprojekte/metzgergruen Bodenpolitik Ulm Ulm geht hier mit ihrer aktiven Bodenpolitik beispielhaft voran. Die Stadt kauft Grundstücke auf Vorrat. Im Außenbereich gibt es nur Baurecht, wenn sämtliche Flächen im städtischen Besitz sind, was Spekulation und Preissteigerung verhindert. Wenn Grundstücke nicht wie vorgesehen bebaut werden, behält sich die Stadt ein Rückkaufrecht vor. ↗ https://www.ulm.de/leben-in-ulm/bauen-und-wohnen/rundums-grundst%C3%BCck/grundst%C3%BCckspolitik 22 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Fazit Wohnen ist ein Menschenrecht, eine soziale Frage, eine Verteilungsfrage und eine große Herausforderung. Es wird für Menschen immer schwieriger, geeigneten Wohnraum zu finden. Dieses Phänomen begleitet Menschen in allen Lebenslagen. Egal ob Arbeitnehmer*innen, Auszubildende oder Rentner*innen, alle stehen vor der Frage, ob sie geeigneten Wohnraum finden und ob sie diesen zahlen können. Besonders belastend kann die Situation für junge Familien, Alleinerziehende, ältere Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigung sein. Um die eigene Miete zu zahlen, müssen Menschen immer tiefer in die Tasche greifen. Vor allem der Mittelstand und Menschen mit niedrigsten Einkommen brauchen bezahlbaren Wohnraum. Dafür braucht es geeignete Instrumente. Unbedingt notwendig ist der Neubau von erschwinglichem Wohnraum, der sozial-ökologische Gesichtspunkte nicht außer Acht lässt. Außerdem braucht es Maßnahmen, um die immer weiter steigenden Mietpreise einzudämmen. Ohne diese Schritte kann das Wohnraumproblem nicht gelöst werden. Es muss bezahlbarer Wohnraum geschaffen und den steigenden Mieten entgegengewirkt werden. Das sind die mit Abstand wichtigsten Stellschrauben. Darüber hinaus gibt es einige kreative und wirkungsvolle Ideen. Wohnungstauschbörsen, Mehrgenerationenwohnen oder gemeinnützige Wohngenossenschaften können eine ergänzende Antwort auf die Wohnungsfrage sein. Es braucht bedarfsorientierte Politik, die die Ursachen des Wohnraummangels angeht, sodass Wohnen nicht zum Privileg wird. Wohnen im Umbruch! Ein Zuhause für alle in Baden-Württemberg 23 Bodenpolitik → Grundstücksfonds ausweiten und weiterentwickeln → Vorkaufsrecht für Kommunen → Vergabe von öffentlichen Baugrundstücken im Erbbaurecht Mietenpolitik → Mietpreisbremse verschärfen und entfristen → Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen einschränken → Möglichkeit zur Eigenbedarfskündigung begrenzen → Zeitlich befristeter Mietenstopp Wohnungsbaupolitik → Eine Baden-Württemberg-Milliarde für bezahlbares Wohnen → Neubau von 15 000 Sozialwohnungen jährlich → Ausbau des Förderprogramms JungesWohnen 24 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Wohnen im Umbruch Die Ausstellung finden Sie auch online unter: ↗ www.fes.de/kommunalakademie/wohnen-im-umbruch Die Wanderausstellung kann an verschiedenen Ausstellungsorten gezeigt werden. Fragen Sie den Verleih der Ausstellung an bei der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. Landesbüro Baden-Württemberg Werastraße 24 70182 Stuttgart 0711-248394-40 ↗ bawue@fes.de Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: ↗ https://bw.dgb.de In Kooperation mit: