UMFRAGE Guadalupe González, Monica Hirst, Carlos Luján, Carlos A. Romero und Juan Gabriel Tokatlian AMLAT Radar 2026 Die Unsicherheit navigieren: lateinamerikanische Perspektiven auf Europa und die Welt April 2026 Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn Alemania info@fes.de Autor_innen Guadalupe González, Monica Hirst, Carlos Luján, Carlos A. Romero und Juan Gabriel Tokatlian Inhaltliche Verantwortung Sebastian Sperling, Landvertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Argentinien und Leiter der Zeitschrift Nueva Sociedad Statistikkoordination Luis Martín Sosa Grafikassistentz Carlos Eduardo Molina Berumen Übersetzung Dieter Schonebohm Übersetzungskoordination Silvina Cucchi Lektorat Christian Jerger Drucklayout Anto Fraccaro& Juliana Marengo Umschlaggestaltung Anto Fraccaro Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. April 2026 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ISBN 978-631-6900-02-9 Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier: ↗ amlatradar.org Guadalupe González, Monica Hirst, Carlos Luján, Carlos A. Romero und Juan Gabriel Tokatlian AMLAT Radar 2026 Die Unsicherheit navigieren: lateinamerikanische Perspektiven auf Europa und die Welt April 2026 Inhalt Vorwort ..........................................................................  4 Einleitung ........................................................................  5 Kurze Anleitung ...................................................................  9 Methodik ........................................................................  10 1. Emotionen und Subjektivitäten: das Ausmaß der Ungewissheit .........................  13 Gefühlslagen. Erwartungen an die Welt, das Land und den Einzelnen. Sorgen aufgrund globaler Probleme. .....................................................  13 2. Weltbild: Kriegsnebel und Konsensverfall ...........................................  21 Kriegsnebel. Eine Welt ohne Regeln. Gewalt in Gaza. Machtkrise der Vereinigten Staaten und die Auswirkungen von Trump. Misstrauen gegenüber international führenden Mächten. ............................................................  21 3. Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung ....................................  27 Meinungen über einzelne Länder. Entwicklungsmodelle. Wirtschaftlicher Einfluss. Beurteilung der Demokratie in aller Welt. Vergleiche zwischen der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und China: Führung, Einfluss, Gefühlslagen, thematisch-strategische Partnerschaften und bilaterale Beziehungen unter der Lupe. .......  27 4. Europa und die Europäische Union auf dem Radar: diffuse Nähe und abnehmende Präsenz ....  39 Das Europabild. Die führenden Mächte der Europäischen Union. Bewertung der Außenpolitik der Europäischen Union und ihres Integrationsmodells. Bedeutung Lateinamerikas für Europa. Präferenzen für die Kooperation mit der Europäischen Union.....  39 5. Lateinamerika: fragmentierte Agenda und gestreute Prioritäten .........................  47 Bedeutung Lateinamerikas in der Welt. Wirtschaftlicher Einfluss und Führungsrollen in der Region. Herausforderungen und Präferenzen bei der internationalen Einbindung. Konsens über die Nichtverbreitung von Atomwaffen. Rechte, Werte und Wahrnehmung der Demokratie im Land. ........................................................  47 Auf einen Blick ...................................................................  56 6. Abschließende Überlegungen: die Dilemmata jenseits der Daten .......................  59 Vorwort Angesichts der turbulenten Weltlage und des Zusammenbruchs der bisherigen globalen Ordnung neigen verschiedene Akteure – von Regierungen bis hin zu weiten Teilen der Bevölkerung – dazu, sich abzukapseln und zurückzuziehen. AMLAT Radar liefert Gründe dafür, dieser Versuchung zu widerstehen. Dabei stützt er sich auf eine doppelte Überzeugung: dass es heute mehr denn je notwendig ist, globale Allianzen auszubauen, und dass diese Aufgabe nicht allein den Staaten obliegt. Die globalen Machtverhältnisse sind derzeit wenig vorteilhaft für diejenigen, die für eine solidarischere, friedlichere und gerechtere Welt kämpfen. Gerade deshalb bleibt ein Satz relevant, den Willy Brandts Nord-Süd-Kommission vor einem halben Jahrhundert formulierte:„Die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft ist zu wichtig, um sie allein den Regierungen zu überlassen.“ AMLAT Radar beleuchtet daher bewusst die öffentliche Meinung zu internationalen Themen – einem Bereich, der sich allzu oft der politischen Auseinandersetzung entzieht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung internationale Entwicklungen aufmerksam verfolgt, und lassen in einigen Fällen Diskrepanzen zwischen der öffentlichen Meinung und den Regierungspositionen erkennen. Die Ergebnisse liefern nicht nur ein aufschlussreiches aktuelles Bild, sondern zeigen vor allem auch Veränderungen im Zeitverlauf auf. Schließlich ist dies bereits die zweite Erhebung nach derjenigen aus den Jahren 2021–2022. Besonderer Dank gilt Svenja Blanke, die als damalige Direktorin der Zeitschrift Nueva Sociedad die erste Ausgabe initiierte und koordinierte, sowie ihrer Nachfolgerin Ingrid Ross, die Anfang 2025 die zweite Ausgabe auf den Weg brachte. Die Realisierung dieses Projekts war und ist der umfangreichen Expertise sowie dem außerordentlichen Engagement der Gruppe Diálogo y Paz und ihrer Mitglieder Guadalupe González, Monica Hirst, Carlos Luján, Carlos A. Romero und Juan Gabriel Tokatlian sowie der Unterstützung von Luis Martín Sosa zu verdanken. Die methodische Umsetzung und die Datenerhebung ermöglichte Latinobarómetro unter Leitung von Marta Lagos. Ebenso wichtig war die Arbeit des großartigen Teams der Zeitschrift Nueva Sociedad sowie der Kolleg_innen aus mehr als einem Dutzend Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) in Lateinamerika und Europa. Sie sind es, die heute Räume schaffen, in denen über die Ergebnisse diskutiert und die politischen Implikationen nachgedacht werden kann. Schon in seiner Konzeption und Umsetzung ist AMLAT Radar ein Beispiel für das, was es fördern möchte: eine internationale Zusammenarbeit, die im Dialog verschiedener Akteure und Fachleute beider Kontinente Gestalt annimmt Dieser Bericht bietet eine umfassende und detaillierte Auswertung der Ergebnisse der von der Gruppe Diálogo y Paz durchgeführten Umfrage, soll diese aber keineswegs abschließen. Vielmehr soll er auch neue Fragen aufwerfen und zu einer eingehenderen Untersuchung der erhobenen Daten anregen, die auf der Website frei zugänglich sind. Für Lateinamerika bieten die Ergebnisse Anlass zur Diskussion darüber, wie die Region inmitten der Turbulenzen der Weltpolitik eigene Handlungsspielräume eröffnen kann. In Europa hingegen geben sie Anlass, sich des großen Potenzials vielfältiger Partnerschaften mit Lateinamerika bewusst zu werden und darüber nachzudenken, wie man es heben und dem eigenen Ansehensverlust entgegenwirken kann. Der vorliegende Bericht zeigt, dass selbst in einem von Ungewissheit geprägten Umfeld die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zur Vernetzung zwischen den Regionen fortbesteht. Weite Teile der lateinamerikanischen Bevölkerung legen weiterhin Wert auf Kooperation, Vernetzung, aber auch Autonomie in einer Welt im Umbruch. Es gibt nach wie vor soziale und politische Grundlagen, um neue Formen der internationalen Zusammenarbeit zu entwickeln, die den konkreten Bedürfnissen unserer Gesellschaften besser Rechnung tragen und eine gemeinsame Vision von Gerechtigkeit, Gleichheit, Frieden und Solidarität aufrechterhalten. Sebastian Sperling Landesvertreter der FES in Argentinien Direktor der Zeitschrift Nueva Sociedad 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Einleitung Der 3. Januar 2026 wurde für Lateinamerika zur Feuertaufe in einer gewalttätigen, unsicheren und von Angst geprägten Welt. Der militärische Angriff der Vereinigten Staaten auf Venezuela zwang die Region, sich mit ein Terrain gewaltsamer geopolitischen Aktionen auseinanderzusetzen, mit denen in der Praxis die Abkehr von globalen Werten wie Souveränität, Völkerrecht und Frieden verbunden war. Zweifellos ruft die von außen kommende Machtlogik, die vom demonstrativen Einsatz von Gewalt geprägt ist, Verunsicherung bei der lateinamerikanischen Bevölkerung hervor, auch wenn sie davon nicht überrascht wird. Vielmehr zeigen die Gesellschaften der Region ein beträchtliches Maß an Aufmerksamkeit für die Dynamiken, die sich sowohl auf globaler Ebene als auch in ihrem eigenen regionalen Umfeld entfalten. Ihre Wahrnehmungen offenbaren Werte und Präferenzen für die Gegenwart und die Zukunft. Bei der Interpretation der Ergebnisse von AMLAT Radar 2026 gehen wir von dieser Prämisse aus. Hiermit legen wir den Auswertungsbericht zur Umfrage AMLAT Radar 2026: Lateinamerikanische Perspektiven auf Europa und die Welt vor, der eine lateinamerikanische Sicht auf ein sich rasch wandelndes globales Szenario bietet, in dem sich die Anzeichen für einen Bruch der internationalen Ordnung mehren. Es handelt sich um die zweite Ausgabe einer Meinungsumfrage, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung und Nueva Sociedad bei Latinobarómetro in Auftrag gegeben und von der Gruppe Diálogo y Paz 1 konzipiert und durchgeführt wurde. Der Umfrage liegt eine Erhebung mit 12.000 Interviews aus zehn Ländern zugrunde: Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Costa Rica, Guatemala, Mexiko, Uruguay und Venezuela. Durch die Einbeziehung von Ländern unterschiedlicher Größe und geografischer Lage soll ein repräsentatives Bild der Meinungsvielfalt Lateinamerikas entstehen. Warum ist es wichtig, in Zeiten internationaler Umbrüche auf die Stimmen der lateinamerikanischen Gesellschaften zu hören? Es ist heutzutage unerlässlich zu verstehen, wie die lateinamerikanischen Gesellschaften die aktuellen Umbrüche in der internationalen Ordnung wahrnehmen, und zu erfahren, welche Erwartungen sie an die Zukunft ihrer Region und ihrer eigenen Länder knüpfen. Ebenso entscheidend ist es zu verstehen, welchen Stellenwert sie externen Akteuren – darunter Europa – in einem Kontext zunehmender globaler Auseinandersetzungen und Widerstände beimessen. In Demokratien, die ihre Führung und ihre innen- und außenpolitische Ausrichtung erneuern oder bekräftigen, ist diese Information von strategischem Wert. Wir sind uns bewusst, dass ein Produkt dieser Art mit einer Flut von Quellen konkurriert, die die Bürger_innen mit Desinformation, Hass und Unwahrheiten versorgen, was der Qualität der öffentlichen Debatte schadet. Dieser Bericht richtet sich in erster Linie an ein Publikum in aller Welt, vor allem aber in Europa und Lateinamerika, das Interesse an der Gestaltung der Außenpolitik und der transatlantischen Agenda hat und darauf Einfluss nehmen kann. Konkret zielt er darauf ab, Entscheidungsträger_innen aus Regierung und Politik, Akteure aus der Wirtschaft, Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen, akademische Kreise, Medien, internationale Organisationen und spezialisierte Agenturen zu informieren und die Debatte unter ihnen anzuregen. Auch für neue Generationen von Analyst_innen, wissenschaftliche Communitys und Forschungsnetzwerke, die die intellektuellen und strategischen Agenden der kommenden Jahrzehnte prägen werden, bieten diese Ergebnisse eine empirische Grundlage für neue Überlegungen. Mit Erkenntnissen zur Debatte beitragen Im aktuellen Kontext liegt der Mehrwert dieser Umfrage darin, den Mangel an umfassenden, fundierten und spezialisierten Untersuchungen zu internationalen Themen in Lateinamerika zu reduzieren. Die verfügbaren Erkenntnisse sind oft fragmentarisch und verstreut, oder sie konzentrieren sich auf einzelne Situationen und Ereignisse, was das Verständnis struktureller Tendenzen in der regionalen öffentlichen Meinung einschränkt. Die Studie versucht, einen Schritt weiter zu gehen, um diese Lücken zu schließen, und erkennt an, dass es wertvolle Meinungsumfragen zu internationalen Themen gibt, die unseren Fragenkatalog bereichern. In diesem 1  Zu den Veröffentlichungen der Gruppe Diálogo y Paz gehören unter anderem:„Coyuntura crítica, transición de poder y vaciamiento latinoamericano“, in: Nueva Sociedad Nr. 291, 1-2/2021;„Afganistán y América Latina frente a la primacía desafiada de Estados Unidos“, in: Nueva Sociedad Nr. 295, 9-10/2021;„El humanismo desarmado de América Latina“, in: Nueva Sociedad Online-Ausgabe, 11/2023; und„Trump y América Latina y el Caribe: ¿un laboratorio de control?“, Analyse, 2025. Alle Veröffentlichungen sind verfügbar unter. Einleitung 5 Zusammenhang ist der Security Radar der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) zu erwähnen, der Vergleiche mit der europäischen öffentlichen Meinung ermöglicht. Die vorliegende Untersuchung ist umfassend und ganzheitlich; sie bietet einen systematischen, vergleichenden Zugang und befasst sich schwerpunktmäßig damit, wie Lateinamerika Europa wahrnimmt, bewertet und mit ihm in Beziehung tritt. Ziel ist es, einen Beitrag zu einem Beobachtungsbereich zu leisten, in dem der Fokus bisher häufig auf den Vereinigten Staaten und China lag. Damit möchte die Umfrage dazu beitragen, die internationale Einbindung der Region aus einer Perspektive des globalen Südens zu verstehen. 2 Der Fragebogen legte den Schwerpunkt auf die lateinamerikanischen Wahrnehmungen Europas und des internationalen Umfelds insgesamt. Folglich sind relevante Themen – wie die Beziehungen Lateinamerikas zum globalen Süden oder die Krise des Multilateralismus – in dieser Ausgabe nicht enthalten. Wir laden die Leserschaft ein, Vorschläge zu machen, die zukünftige Erhebungen bereichern könnten. Die Datenbank der Studie enthält mehr Fragen als in diesem Bericht aufgeführt, ebenso wie das soziodemografische Profil der Befragten. In den letzten vier Jahren gab es eine Flut einschneidender Ereignisse, die mit Veränderungen in den Formen des Zusammenlebens und der Kommunikation einhergingen – Veränderungen, die auf technologische Errungenschaften wie die künstliche Intelligenz zurückzuführen sind. Wir haben in den Fragenkatalog bestimmte Aussagen oder Fragen aufgenommen, die einige dieser Veränderungen widerspiegeln sollen. Es erscheint uns wichtig, die Sichtweise der Region auf eine Agenda zu kennen, auf der der Krieg in der Ukraine, der Konflikt im Gazastreifen, die Zukunft der Vereinigten Staaten als Weltmacht sowie die zukünftige Rolle Europas und der Europäischen Union ganz oben stehen – Themen, die dieser Umfrage sowohl Aktualität als auch Zukunftsorientierung verleihen. Vor dem Hintergrund einer international und regional zunehmenden Aushöhlung der Demokratie stellt die Entkopplung von Politik, Bürgerschaft und externen Einflussfaktoren ein wachsendes Risiko dar, das eine solide Grundlage für fundierte Entscheidungen erfordert. Die zunehmende Sichtbarkeit und Verflechtung internationaler Themen mit innenpolitischen Agenden, befördert durch die Intensität der globalen Ereignisse und die technologische Revolution, die ihre Verfolgung in Echtzeit ermöglicht, unterstreicht die Bedeutung systematischer Messungen der öffentlichen Meinung. In diesem Rahmen trägt die Umfrage dazu bei, den Wahrnehmungen der Bürger_innen Gehör zu verschaffen und eventuelle Diskrepanzen zwischen gesellschaftlichen Präferenzen und Regierungspositionen aufzudecken. Ebenso soll sie demokratische Defizite und blinde Flecken der Außenpolitik aufzeigen, die in den Medien und sozialen Netzwerken nicht thematisiert werden. Der Kontext ist wesentlich Die vorliegende Umfrage ist die zweite Auflage einer Initiative, deren Ziel es ist, ein öffentliches Gut in Form fundierter Informationen zu schaffen, um anhand von zehn nationalen Realitäten ein Bild der regionalen Perspektiven zu zeichnen. Die erste Auflage wurde im zweiten Halbjahr 2021 erstellt und Anfang 2022 veröffentlicht. 3 Die vorliegende zweite Umfrage fand Ende 2025 statt, einem Jahr, das von einer Reihe dramatischer Veränderungen mit globalen und regionalen Auswirkungen geprägt war. Beide Erhebungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Puls der lateinamerikanischen Öffentlichkeit in entscheidenden Momenten der Entwicklung der internationalen Ordnung messen: Sie wurden im Vorfeld kriegerischer Ereignisse durchgeführt, die den Kurs neu definieren. 2021, kurz vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine, und 2025, vor den Ereignissen vom 3. Januar in Venezuela, nach einem Jahr, das geprägt war von der Rückkehr Donald Trumps an die Macht und seinen Androhungen territorialer Aneignungen, der Verschärfung der Tragödie im Gazastreifen, der Zunahme der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine, der Eskalation des Handelskriegs und der Massenabschiebungen aus den USA, den militärischen Spannungen in der Karibik und den Wahlerfolgen der radikalen Rechten in Lateinamerika. Der Kontrast zwischen den äußeren Rahmenbedingungen der beiden Erhebungen ist jedoch nicht zu unterschätzen, was sich sowohl auf die Gestaltung der Umfrage als auch auf die Systematisierung und Interpretation ihrer Ergebnisse ausgewirkt hat. In den letzten vier Jahren haben alle Dimensionen der internationalen Ordnung tiefgreifende Veränderungen erfahren, die sowohl Europa als auch Lateinamerika beeinflusst und neue Herausforderungen und Realitäten hervorgebracht haben. Die in der Erhebung vom zweiten Halbjahr 2021 vorhergesagte Wende in der Weltordnung ist in einen Prozess beschleunigter Brüche gemündet, in dem Dialog und Annäherung zunehmend von militärischen Optionen verdrängt werden. In dieser zweiten Erhebung wurde die thematische Bandbreite erweitert mit dem Ziel, mehr Tiefe zu gewinnen, Schlussfolgerungen zu ziehen und politische Prioritäten zu identifizieren. Die aktuelle Untersuchung ist 2  Unser Ansatz greift Amitav Acharyas Konzept einer inklusiven Multipolarität mit Autonomien auf, das er auch als„Multiplex-Welt“ bezeichnet. Diese Perspektive, die im globalen Süden formuliert wurde, steht im Gegensatz zum klassischen Begriff der Multipolarität, der in der westlichen Tradition steht und in den Ländern des globalen Nordens entwickelt wurde. Vgl. A. Acharya: The End of American World Order, 2. Auflage, Cambridge, 2018. 3  Für eine Analyse der Ergebnisse der ersten Umfrage siehe C. A. Romero, J. G. Tokatlian, C. Luján, G. González und M. Hirst:„Wie Lateinamerika Europa sieht. Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung/ Nueva Sociedad /Latinobarómetro“, in: Nueva Sociedad, Online-Ausgabe, 4/2022, abrufbar unter:. Die Datenbanken und Grafiken von 2022 können unter eingesehen werden. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. daher umfangreicher als die vorherige. Bei der Festlegung des Fragenkatalogs, auf dem das Design basiert, standen zwei Aspekte im Vordergrund. Einerseits ging es darum, durch die Wiederholung einiger zentraler Fragen zum internationalen Kontext sowie durch den Vergleich von Einfluss, Erwartungen und Interessen der wichtigsten internationalen Machtakteure Tendenzen und Schwankungen aufzuzeigen. Andererseits wurden neue Themen hinzugefügt und die Anzahl der überregionalen Akteure im Fokus erweitert. Außerdem – eine Besonderheit dieser zweiten Erhebung – wurde eine subjektive Komponente hinzugefügt, um die lateinamerikanischen Gefühlslagen angesichts neuer Realitäten, prominenter politischer Akteure und der Dramatik bestimmter Geschehnisse zu erfassen. Diese Einbeziehung trägt der Bedeutung Rechnung, die emotionsgeladener Sprachgebrauch in der nationalen und internationalen Politik inzwischen einnimmt, und welche neuen Mechanismen der sozialen Kontrolle und der Medienkommunikation dieser schafft. In diesem Sinne wurde auch der Amtsantritt neuer Regierender berücksichtigt, die den Status quo infrage stellen, gewaltsames Vorgehen normalisieren, demokratische Institutionen erschüttern und Übereinkünfte in aller Welt gefährden. Einige Ergebnisse der vorliegenden Umfrage sprechen Bände, wenn sie verdeutlichen, wie sich die unvorteilhafte Position der Vereinigten Staaten in Lateinamerika – die sich bereits 2021 in verschiedenen Bereichen abzeichnete – weiter verschlechtert hat. Nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus verwandelte Donald Trump Lateinamerika und die Karibik umgehend in ein Versuchslabor für die internationale Durchsetzung der MAGA-Politik(„Make America Great Again“). Seit 2025 versucht Washington, unter Beweis zu stellen, dass die USA imstande sind, ihren Willen durchzusetzen, andere Länder zu unterwerfen und zu erpressen, und zwar anhand spezifischer Themenfelder wie Migration, Sicherheit, Grenzkontrollen, Verteidigung, Handel und Investitionen. Ausgeklammert werden dabei Themen wie Umwelt, Energiewende, internationale Kooperation und Technologien. Eine Möglichkeit, die Wirksamkeit eines solchen„Experiments“ in der Region zu messen, besteht darin, die Sicht der dortigen Gesellschaften auf die führende Rolle der Vereinigten Staaten mit derjenigen auf andere internationale Mächte, insbesondere die Europäische Union und China, zu vergleichen. Struktur und thematische Bandbreite Der vorliegende Bericht gliedert sich in fünf Themenbereiche:(1) Emotionen und Subjektivitäten,(2) Weltanschauung,(3) globale Ordnung und Macht,(4) Europa und die Europäische Union sowie(5) Lateinamerika. Diese Anordnung folgt einer Logik, die von der subjektiven Ebene zur geopolitischen Ebene und zur Außenpolitik führt: Sie beginnt mit den Wahrnehmungen und emotionalen Dispositionen der Gesellschaften, folgt dann ihren Weltanschauungen und Interpretationen der internationalen Ordnung und schließt mit der Bewertung spezifischer geopolitischer Akteure und Räume ab, zunächst Europa und die Europäische Union und schließlich Lateinamerika. Die aktuellen Veränderungen auf der internationalen Agenda werden stark vom Stellenwert geprägt, den Konflikte, innenpolitische Polarisierung und die Instrumentalisierung wirtschaftlicher und handelspolitischer Beziehungen im Sinne einer Bedrohung neuerdings einnehmen. Im ersten Kapitel wird der Versuch unternommen, die subjektiven Auswirkungen dieses neuen Kontexts zu verstehen. Die exzessive„Versicherheitlichung“ (hyper-securitization) unter dem Eindruck von Narrativen, die die Vorstellung von Bedrohungen verstärken, ist die Kehrseite der Krise eines regelbasierten Systems, das sich auf multilaterale, auf breitem Konsens beruhende Organisationen und Strukturen stützt. Das Ausmaß des Gefühls der Ungewissheit stellt lediglich einen Reflex auf ein von Ungewissheit geprägtes Umfeld dar. Die Kapitel 2 und 3 enthalten neben Fragen aus der Studie von 2022 eine Reihe neuer Antwortmöglichkeiten, die einen longitudinalen, umfassenderen Vergleich des Gewichts der Mächte, ihrer neuen Formen der Einflussnahme im internationalen System und der Agenden, die das globale Szenario prägen, ermöglichen sollen. Auffällig ist die hohe Ablehnung gegenüber Donald Trump, gefolgt von Wladimir Putin – zwei Staatschefs, die sich entschieden haben, Regeln und Prinzipien des internationalen Zusammenlebens zugunsten ihrer politischen und territorialen Ambitionen zu missachten. Es überrascht daher nicht, dass die Umfrageergebnisse eine Verschlechterung der Bewertung der von ihnen geführten Länder verzeichnen. Bei einer weiter gehenden Betrachtung der Entwicklungsmodelle fällt auf, dass einige asiatische Länder positiver bewertet werden als mehrere westliche Nationen. Im vierten Kapitel, das den Schwerpunkt auf Europa und die Europäische Union legt, sind die Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Umfrage am bedeutendsten. Der wichtigste Unterschied ist die Schwächung des allgemeinen Ansehens der Europäischen Union in der lateinamerikanischen Öffentlichkeit, auch wenn dieses weiterhin positiv ist. Ihre Führungsposition verliert an Kontur und ihr Einfluss als normgebende Macht nimmt ab. Die Bedeutung der europäischen Integration als Vorbild für Lateinamerika verliert an Kraft. In diesem Abschnitt wird beschrieben, wie die Lateinamerikaner_innen die Europäische Union als Förderin des Weltfriedens einschätzen und ihr Handeln angesichts der humanitären Krise im Gazastreifen und des Konflikts in der Ukraine beurteilen. Bemerkenswert ist, wie sich die Wahrnehmung der strategischen Autonomie der Europäischen Union gegenüber den Vereinigten Staaten in den letzten vier Jahren verändert hat. Einleitung 7 Das fünfte und zugleich letzte Kapitel des Berichts richtet sein Augenmerk auf Lateinamerika. Das bereits in der ersten Ausgabe erkennbare Fehlen eines Regionalismus kommt hier noch deutlicher zum Ausdruck, wenn die Lateinamerikaner_innen kompromissorientierte Ansätze bevorzugen, die eine regionale Integration ausschließen, und stattdessen auf den Aufbau bilateraler Beziehungen setzen, um Ergebnisse zu erzielen. Handelsbeziehungen und der Schutz der Souveränität gewinnen an Bedeutung, während die Sorge um die militärische Stärke und die Verteidigung des eigenen Landes an Relevanz verlieren. Lateinamerika ist zudem eine Region, die sich international für Demokratie und Menschenrechte einsetzt und in der sowohl Rückschritte als auch Fortschritte auf diesem Gebiet zu beobachten sind. In einem internationalen Kontext, der Angst und Ungewissheit schürt, sprechen sich die lateinamerikanischen Länder weiterhin für die Nichtverbreitung von Atomwaffen aus. 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Kurze Anleitung Die Datenbank von AMLAT Radar 2026 umfasst ein breiteres Fragenspektrum(43 thematische und 11 soziodemografische Fragen) als die Erhebung von 2022 mit 39 beziehungsweise neun Fragen. Alle Informationen sind unter< amlatradar.org > uneingeschränkt abrufbar. Im Folgenden finden Sie einige Hinweise, um sich mit dem Fragebogen und den Antworten vertraut zu machen. Wie denken die Menschen in Lateinamerika heute? Unsere Umfrage zeigt, dass sich die Bürger_innen Lateinamerikas der aktuellen Lage sehr wohl bewusst sind. Sie nehmen wahr, wie die Militarisierung auf beunruhigende Weise voranschreitet, in einer Welt, in der Regeln nicht eingehalten oder infrage gestellt werden. Sie verstehen, dass in einem von Krieg und wirtschaftlicher Instabilität geprägten Kontext ihr eigenes Wohlergehen und der Wohlstand ihrer Länder auf dem Spiel stehen. Gleichzeitig ist ihnen daran gelegen, dass die internationale Einbindung Lateinamerikas dem Leitmotiv der Bewahrung und Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums für mehr Autonomie folgt und sich daraus konkrete Vorteile für ihr tägliches Leben ergeben. Angesichts der zunehmenden Repressionen in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten nehmen die lateinamerikanischen Gesellschaften mit einer gewissen Dringlichkeit zur Kenntnis, dass sie keine Insel am Rand der Weltpolitik bilden. Sie haben erkannt, dass sie es mit einem System zu tun haben, in dem die Macht sich breiter verteilt und es weniger dominierende Führungspersönlichkeiten gibt. Gleichzeitig bekräftigen sie den Wert der Demokratie und fordern Frieden. Wo hat die Beziehung zwischen Lateinamerika und Europa ihren Ursprung und wie steht es heute um sie? In kritischen Zeiten wie heute liefert die Geschichte Anhaltspunkte für die Interpretation und Gestaltung der Zukunft. Seit Jahrzehnten bemühen sich Europa und Lateinamerika darum, Brücken zwischen den Kontinenten zu schlagen, die beide Seiten stärken. In den 1980er Jahren erfolgte eine Annäherung, die auf der europäischen Unterstützung für die demokratischen Übergangsprozesse in Lateinamerika und der lateinamerikanischen Wahrnehmung Europas als Vorbild für Integrationsprozesse beruhte. In den 1990er Jahren, als Lateinamerika die Empfehlungen des Washington-Konsenses konsequent umsetzte, entstanden konkrete Erwartungen an vermehrte Investitionen und Handel. Soziale Unruhen und wirtschaftliche Probleme zu Beginn der 2000er Jahre führten zu neuen Bemühungen um eine transkontinentale Annäherung. Der politische Dialog und die Kooperation, vorangetrieben durch die CELAC-EU-Gipfel, erweiterten die Agenda, ihre Umsetzung blieb jedoch begrenzt. Gleichzeitig wurden eine bilaterale Wirtschaftsdiplomatie – beispielsweise mit Mexiko und Chile – sowie eine biregionale Diplomatie – wie die Verhandlungen über ein EU-Mercosur-Abkommen – eingeleitet. Insgesamt haben sich jedoch auf beiden Seiten mit der Auseinanderentwicklung der jeweiligen Prioritäten in jüngster Zeit Frustration und eine gewisse Entfremdung breitgemacht. Wir blicken auf eine Geschichte zurück, die von unvollendeten Brücken, unerfüllten Erwartungen und ausstehenden Versprechen geprägt ist. Wenn man die Beziehung auf Autopilot oder im Trägheitsmodus laufen lässt, könnte sich die gegenseitige Entfremdung vergrößern und beiden Regionen zahlreiche Chancen entgehen. Sowohl Europa als auch Lateinamerika haben in der Vergangenheit eine wichtige Rolle bei der Schaffung multilateraler Regeln und Institutionen gespielt, die heute von mehreren Schlüsselakteuren infrage gestellt oder aufgegeben werden. An diesem Schnittpunkt unterschiedlicher Entwicklungen und Herausforderungen stellt sich unweigerlich die Frage: Gibt es Räume für einen intensiveren Dialog der beiden Regionen und konkretere gegenseitige Verpflichtungen? Kurze Anleitung 9 Methodik Es wurden 12.000 Befragungen durchgeführt: jeweils 1.200 in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Costa Rica, Guatemala, Mexiko, Uruguay und Venezuela zwischen dem 3. Oktober und dem 18. November 2025. Befragt wurde in jedem Land eine repräsentative Auswahl der Bevölkerung ab 18 Jahren mit mindestens acht Jahren Schulbildung. Die Stichprobe wurde anhand von Quoten für Alter, Geschlecht und Bildungsstand auf der Grundlage des Zensus jedes Landes über ein digitales Panel nach der WAPI-Methode(web-assisted personal interview) vorgenommen. Solche Panels weisen keine Fehlerquoten auf; aufgrund ihres großen Umfangs lägen diese bei 3% pro Land. Land Zielgruppe Argentinien Bevölkerung ab 18 Jahren mit mittlerer oder höherer Bildung Bolivien Bevölkerung ab 18 Jahren mit mittlerer oder höherer Bildung Brasilien Chile Bevölkerung ab 16 Jahren mit Internetzugang und abgeschlossener Grundschulbildung Bevölkerung ab 18 Jahren mit mittlerer oder höherer Bildung Kolumbien Bevölkerung ab 18 Jahren Costa Rica Bevölkerung ab 18 Jahren Stichprobenumfang 1.200 Methode Repräsentativität Gewichtung WAPI 60% Geschlecht, Alter, Region und Bildung Sprache Spanisch 1.200 WAPI 52% Geschlecht, Alter, Region und Bildung Spanisch 1.200 WAPI 70% 1.200 WAPI 70% Region x Geschlecht, Region x Alter, Region x Bildung und Region x wirtschaftliche Lage Portugiesisch Geschlecht, Alter, Region und Bildung Spanisch 1.200 1.200 WAPI 72% WAPI 100% Geschlecht, Alter, Region und Bildung Spanisch Geschlecht, Alter, Region und Bildung Spanisch Guatemala Bevölkerung ab 18 Jahren 1.200 WAPI 100% Geschlecht, Alter, Region und Bildung Spanisch Mexiko Uruguay Venezuela Bevölkerung ab 18 Jahren mit mittlerer oder höherer Bildung Bevölkerung ab 18 Jahren mit mittlerer oder höherer Bildung Bevölkerung ab 18 Jahren mit mittlerer oder höherer Bildung 1.200 1.200 1.200 WAPI 100% WAPI 66% WAPI NA Nicht gewichtet Spanisch Geschlecht, Alter, Region und Bildung Spanisch Geschlecht, Alter, Region und Bildung Spanisch 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 1. Emotionen und Subjektivitäten: das Ausmaß der Ungewissheit 1. Emotionen und Subjektivitäten: das Ausmaß der Ungewissheit Gefühlslagen. Erwartungen an die Welt, das Land und den Einzelnen. Sorgen aufgrund globaler Probleme. In einem so turbulenten internationalen Kontext wie dem heutigen ist es ebenso wichtig zu verstehen, wie sich die Bürger_innen fühlen, wie zu wissen, was sie denken. Die Weltpolitik spielt sich zunehmend auch auf emotionaler Ebene ab: Politische Reden, soziale Netzwerke und Desinformation wecken und verstärken Gefühle wie Angst, Wut oder Ungewissheit, die die Art und Weise, Ereignisse und internationale Akteure zu deuten, prägen. Daher berücksichtigt die Umfrage die emotionale Dimension der öffentlichen Meinung und untersucht die der Lateinamerikaner_innen angesichts der internationalen Lage.(1.1 Lateinamerikanische Gefühlslagen angesichts der aktuellen Lage der Welt). In der Region sind negative Einstellungen angesichts der internationalen Lage doppelt so häufig wie positive. In allen Ländern der Stichprobe ist Ungewissheit mit großem Abstand das vorherrschende Gefühl. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Lateinamerikaner_innen dem Zustand der Welt nicht gleichgültig gegenüberstehen, wobei Venezuela beim Thema Hoffnung den höchsten Wert erzielt(1.2 Lateinamerikanische Gefühlslagen angesichts der aktuellen Lage der Welt[%]). Insgesamt lässt das Spektrum der Emotionen eine Region erkennen, die das globale Geschehen eher mit Sorge und Fragen als mit Begeisterung oder Gleichgültigkeit beobachtet. Da negative und neutrale Gefühle die positiven überwiegen, tendiert die Region eher zu einer mäßig pessimistischen Einschätzung der globalen Lage(1.3 Lateinamerikanische Gefühlslagen angesichts der aktuellen Lage der Welt[%]). Obwohl sich dieses Muster in den meisten Ländern wiederholt, zeigen sich zwischen einigen von ihnen deutliche Unterschiede, die unterschiedliche politische Kontexte und Erwartungen an das internationale Umfeld widerspiegeln. Während Chile und Brasilien die höchsten Nettowerte bei den negativen Emotionen verzeichnen und das internationale Umfeld kritischer betrachten, weist Venezuela als einziges untersuchtes Land einen positiven Nettowert auf. Lateinamerikanische Gefühlslagen angesichts der aktuellen Lage der Welt F: Wie ist Ihr vorherrschendes Gefühl angesichts der heutigen Lage der Welt? Grafik 1.1 Emotionen und Subjektivitäten: das Ausmaß der Ungewissheit 13 Lateinamerikanische Gefühlslagen angesichts der aktuellen Lage der Welt(%) F: Was ist Ihr vorherrschendes Gefühl angesichts der heutigen Lage der Welt? Grafik 1.2 Lateinamerikanische Gefühlslagen angesichts der aktuellen Lage der Welt(%) F: Wie ist Ihr vorherrschendes Gefühl angesichts der heutigen Lage der Welt? Grafik 1.3 14 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. In der subjektiven Dimension treten die Generationenbrüche sehr deutlich hervor.(1.4 Lateinamerikanische Gefühlslagen angesichts der aktuellen Lage der Welt, nach Altersgruppen [%]). Ungewissheit als vorherrschendes Gefühl angesichts der internationalen Lage tritt bei jungen Menschen seltener auf als bei Erwachsenen, unter denen sie vor allem bei älteren Menschen stetig zunimmt, deren Werte fast doppelt so hoch sind wie die der jüngeren Generationen. Im Gegensatz dazu weisen die jüngeren Generationen ein vielfältigeres Spektrum an Emotionen auf, in dem Misstrauen, Angst und Neugierde an Bedeutung gewinnen, was auf eine eher explorative – wenn auch kritischere – Beziehung zur globalen Umgebung hindeutet. Die negative Einstellung, gepaart mit einem Gefühl der Ungewissheit, schlägt sich in unterschiedlichen Erwartungen an die Zukunft nieder(1.5 Wahrnehmungen hinsichtlich der Zukunft: Welt, Land und Familie[%]). Dabei lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den jeweiligen Einschätzungen der internationalen, nationalen und familiären Ebene beobachten. Was die Welt und das eigene Land angeht, besteht großer Pessimismus. Dagegen überwiegt hinsichtlich der familiären und persönlichen Situation der Optimismus. Eine solche Diskrepanz könnte auf eine Abwehrhaltung gegenüber Situationen hindeuten, die Anlass zur Sorge geben, aber nicht individuell kontrollierbar sind. Das familiäre Umfeld ist in allen Ländern der wichtigste Ansporn und Anker für den Einzelnen. Einige Unterschiede zwischen den Ländern sollen besonders hervorgehoben werden(1.6 Zustimmung(netto): Mein Umfeld ist auf dem richtigen Weg[%]). Kolumbien, Mexiko, Costa Rica und Brasilien beurteilen die Weltlage am pessimistischsten, während Argentinien und Uruguay zuversichtlich in die Zukunft ihrer Länder schauen. Schließlich zeichnen sich Uruguay und Chile durch eine positivere Einschätzung ihrer persönlichen und familiären Zukunft aus; sie sehen die globale Lage allerdings als besonders risikobehaftet an. Lateinamerikanische Gefühlslagen angesichts der aktuellen Lage der Welt, nach Altersgruppen(%) F: Wie ist Ihr vorherrschendes Gefühl angesichts der heutigen Lage der Welt? Grafik 1.4 Emotionen und Subjektivitäten: das Ausmaß der Ungewissheit 15 Wahrnehmungen hinsichtlich der Zukunft: Welt, Land und Familie(%) Grafik 1.5 F: Wenn Sie die Zukunft der Welt und Ihres Landes betrachten, sind Sie mit den folgenden Aussagen vollkommen einverstanden(1), einverstanden(2), nicht einverstanden(3) oder überhaupt nicht einverstanden(4)? Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und nicht einverstanden) Zustimmung(netto): Mein Umfeld ist auf dem richtigen Weg(%) Grafik 1.6 F: Wenn Sie die Zukunft der Welt und Ihres Landes betrachten, sind Sie mit den folgenden Aussagen vollkommen einverstanden(1), einverstanden(2), nicht einverstanden(3) oder überhaupt nicht einverstanden(4)? „Die Welt“/„Mein Land“/„Ich und meine Familie“ ist/ sind auf dem richtigen Weg. Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und nicht einverstanden) 16 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Lenkt man das Augenmerk auf 16 konkrete globale Probleme unterschiedlichster Art, so rücken vielfältige Sorgen ins Blickfeld. Dafür wurden Themen aus den Bereichen Sicherheit, Soziales, Wirtschaft, Politik und Klima ausgewählt(1.7 Sorgen aufgrund globaler Probleme in Lateinamerika). Auf regionaler Ebene stechen sechs große Probleme hervor: Kriege und Konflikte, Armut, Drogenhandel, Klimawandel und Hunger. Allerdings gibt es große Unterschiede in der Rangfolge, die jedes Land diesen Themen beimisst. Hier spiegelt sich das Fehlen eines grundlegenden Konsenses über die Prioritäten der globalen Agenda wider. Krieg ist die Hauptsorge in Kolumbien, Uruguay, Venezuela und Brasilien, während Armut in Guatemala und Argentinien an erster Stelle steht, Drogenhandel in Costa Rica und Chile, Klimawandel in Mexiko, und in Bolivien sind wirtschaftliche Probleme vorrangig.(1.8 Sorgen aufgrund globaler Probleme in Lateinamerika[%]). In einigen Ländern stehen ganz bestimmte Themen im Vordergrund. In Chile etwa ist die Migration ein Thema von größerer gesellschaftlicher Bedeutung als in den anderen Ländern; in Venezuela gilt dies für die Menschenrechte, in Bolivien für die Krise der Demokratie und in Guatemala für Naturkatastrophen. Bei all diesen Fragen deutet der geringe Anteil an Antworten mit„Weiß nicht/keine Antwort“(k. A.) darauf hin, dass die Region aufmerksam ist und sich für das Weltgeschehen interessiert. Die Besonderheit Lateinamerikas liegt jedoch darin, dass dieses Interesse in den einzelnen Ländern unterschiedlich groß ist und auch die Intensität der Sorgen variiert. Zu dieser Heterogenität zwischen den Ländern kommen ebenso bedeutende Generationsunterschiede hinzu (1.9 Sorgen aufgrund globaler Probleme in Lateinamerika, nach Altersgruppen[%]). In den vier untersuchten Altersgruppen(16 bis 29 Jahre, 30 bis 49 Jahre, 50 bis 64 Jahre, ab 65 Jahren) zeigt sich ein klares Muster: Je älter die Befragten sind, desto größer ist ihre Sorge angesichts der wichtigsten globalen Herausforderungen. Die Sorge über die Krise der Demokratien, Migration und Flüchtlinge, Krieg und bewaffnete Konflikte sowie den Drogenhandel ist bei den jüngsten Befragten deutlich geringer als bei den ä lteren, mit einem maximalen Unterschied von 23 Punkten. Weit entfernt vom Bild einer in sich gekehrten Region zeigen die in der Umfrage erfassten Emotionen und Wahrnehmungen, dass die Lateinamerikaner_innen dem Geschehen jenseits ihrer Grenzen nicht gleichgültig gegenüberstehen und erkennen, dass globale Entwicklungen ihr eigenes Schicksal beeinflussen. Sorgen aufgrund globaler Probleme in Lateinamerika Grafik 1.7 F: Um bei der Liste der globalen Probleme zu bleiben: Welche der folgenden Probleme bereiten Ihnen die größten Sorgen? Emotionen und Subjektivitäten: das Ausmaß der Ungewissheit 17 Sorgen aufgrund globaler Probleme in Lateinamerika(%) Grafik 1.8 F: Um bei der Liste der globalen Probleme zu bleiben: Welche der folgenden Probleme bereiten Ihnen die größten Sorgen? Sorgen aufgrund globaler Probleme in Lateinamerika, nach Altersgruppen(%) Grafik 1.9 F: Um bei der Liste der globalen Probleme zu bleiben: Welche der folgenden Probleme bereiten Ihnen die größten Sorgen? 18 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 2. Weltbild: Kriegsnebel und Konsensverfall 2. Weltbild: Kriegsnebel und Konsensverfall Kriegsnebel. Eine Welt ohne Regeln. Gewalt in Gaza. Machtkrise der Vereinigten Staaten und die Auswirkungen von Trump. Misstrauen gegenüber international führenden Mächten. In der lateinamerikanischen Öffentlichkeit herrscht mehrheitlich die Überzeugung, dass die Welt in eine konfliktreichere Phase eingetreten ist, was zu der hier gewonnenen Erkenntnis passt, dass Krieg und bewaffnete Konflikte der wichtigste Grund zur Sorge in der Region sind (2.1 Zustimmung(netto):„Weltweit hat ein Zeitalter der Kriege und Konflikte begonnen“[%]). Es herrscht daher die weitverbreitete Auffassung, dass wir uns in einem kriegerischen internationalen Kontext befinden – eine Einschätzung, die angesichts der Vielzahl bewaffneter Konflikte in aller Welt nicht überrascht. Entscheidend ist jedoch nicht nur das Ausmaß der Zustimmung zur Aussage „Weltweit hat ein Zeitalter der Kriege und Konflikte begonnen“, sondern auch ihre Intensität: Der Anteil der Personen, die„eher“ zustimmen, ist größer als der Anteil derjenigen, die„vollkommen“ zustimmen. Dies deutet auf eine weitverbreitete Wahrnehmung einer Verschlechterung des internationalen Umfelds hin, die sich eher in einem Klima der Sorge als in Alarmiertheit niederschlägt. Um die Gefühlslagen in der lateinamerikanischen und in der europäischen Öffentlichkeit zu vergleichen, wurden in der Umfrage drei Fragen zur Wahrnehmung der Weltlage aus dem Security Radar 2025, 4 einem langjährigen Projekt der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES), das regelmäßig auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorgestellt wird, wiederholt. Die Aussage„Weltweit hat ein Zeitalter der Kriege und Konflikte begonnen“ ist eine davon. Aus dem Vergleich geht hervor, dass der Anteil der Befragten in Lateinamerika, die die Einschätzung eines von Krieg und Konflikten geprägten Weltgeschehens teilen, etwas höher ist(70% stimmen voll und teilweise zu) als in Europa(67%). Das heißt: Obwohl Lateinamerika weit entfernt von bewaffneten Konflikten liegt, nehmen die Lateinamerikaner_innen die aktuellen Spannungen ebenso wahr wie die Europäer_innen. Zustimmung(netto):„Weltweit hat ein Zeitalter der Kriege und Konflikte begonnen“(%) Grafik 2.1 F: Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen über die Lage der Welt zu? Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und eher einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und eher nicht einverstanden) 4  Die Fragen aus dem letzten Security Radar, die auch AMLAT Radar 2026 aufgegriffen hat, messen den Grad der Zustimmung zu drei Aussagen über die internationale Lage:„In aller Welt hat ein Zeitalter der Kriege und Konflikte begonnen“,„Internationale Gesetze und Normen sind nicht mehr relevant“ und„Die Macht der Vereinigten Staaten als Weltmacht neigt sich dem Ende zu“. Für eine Analyse der Ergebnisse siehe. Weltbild: Kriegsnebel und Konsensverfall 21 Bemerkenswert ist auch die Feststellung, dass die Unterschiede zwischen den 14 vom Security Radar befragten Ländern in Europa 5 bei bis zu 37 Prozentpunkten liegen, während der maximale Abstand in Lateinamerika bei zehn Punkten liegt. Der Vergleich zwischen Lateinamerika und Europa zeigt, dass die Wahrnehmung einer konfliktbeladenen Entwicklung des internationalen Systems auf beiden Seiten des Atlantiks weitverbreitet und nicht ausschließlich eine Sorge der europäischen Gesellschaften ist, die unmittelbarer von Kriegen betroffen sind. In einer Region wie Lateinamerika, in der sich die Regierungen seit jeher dem Multilateralismus und der Wahrung des Völkerrechts verpflichtet fühlen, fällt auf, dass die Öffentlichkeit mehrheitlich der Ansicht ist, dass die Regeln und Normen, die die internationale Ordnung prägen, an Bedeutung verlieren(2.2 Zustimmung(netto):„Internationale Gesetze und Standards sind nicht mehr relevant“[%]). Diese Einschätzung muss jedoch differenziert betrachtet werden: Die Zahl derjenigen, die der Aussage, dass dieses Regelwerk an Bedeutung verloren hat,„eher“ zustimmen, ist doppelt so hoch wie die derjenigen, die„vollkommen“ zustimmen; dies deutet eher auf die Wahrnehmung einer allmählichen Aushöhlung als auf eine kategorische Feststellung der Bedeutungslosigkeit hin. Im Gegensatz zu den übrigen Ländern ist die öffentliche Meinung in Brasilien klar gespalten, was darauf hindeutet, dass die dortigen Bürger_innen die Schwächung dieses normativen Rahmens weniger wahrnehmen. Vergleicht man diese Daten mit den vom Security Radar erhobenen Ergebnissen zur öffentlichen Meinung in Europa, so zeigt sich, dass die Skepsis gegenüber der Gültigkeit internationaler Regeln in Lateinamerika(53% Zustimmung) etwas größer ist als in Europa(47%). Gleichzeitig wiederholt sich das Muster, das bereits beim Vergleich der Bewertungen der aktuellen Konfliktlage zu beobachten war: Europa weist eine breitere Streuung zwischen den Ländern auf als Lateinamerika. Dies deutet darauf hin, dass zwar die durchschnittliche Skepsis in Lateinamerika etwas größer ist, die europäischen Wahrnehmungen der Aushöhlung des Völkerrechts jedoch stärker fragmentiert sind. Was die Gewalt in Gaza betrifft, sind die meisten Befragten in Lateinamerika der Meinung, dass Israel einen Völkermord begeht(2.3 Zustimmung(netto):„Israel begeht im Gazastreifen einen Völkermord“[%]). Dabei handelt es sich um einen robusten Standpunkt, da der Anteil derer, die „vollkommen“ zustimmen, größer ist als der Anteil derjenigen, die„eher“ zustimmen. Mexiko, Kolumbien und Costa Rica liegen über dem regionalen Durchschnitt. Brasilien ist bei der Bezeichnung des israelischen Vorgehens als Völkermord am zurückhaltendsten. Zustimmung(netto):„Internationale Gesetze und Standards sind nicht mehr relevant“(%) Grafik 2.2 F: Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen über die Lage der Welt zu? Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und eher einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und eher nicht einverstanden) 5  Zur Länderauswahl des Security Radar gehören allerdings auch die Vereinigten Staaten. 22 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Zustimmung(netto):„Israel begeht im Gazastreifen einen Völkermord“(%) Grafik 2.3 F: Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen über die Lage der Welt zu? Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und eher einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und eher nicht einverstanden) Vor dem Hintergrund zunehmender bewaffneter Konflikte, der Aushöhlung des Völkerrechts und eines symbolträchtigen Falls wie der Gewalt in Gaza scheint die Region in ihrer Einschätzung der Macht der Vereinigten Staaten gespalten zu sein(2.4 Zustimmung(netto):„Die Macht der Vereinigten Staaten als Weltmacht neigt sich dem Ende zu“[%]). In vier Ländern überwiegt die Wahrnehmung, dass die Vereinigten Staaten im Niedergang begriffen sind, in sechs Ländern wird dies jedoch mehrheitlich nicht so gesehen. Am größten ist der Unterschied zwischen Chile und Argentinien einerseits und Mexiko und Guatemala andererseits. Der durchschnittliche Nettozustimmungswert spiegelt ein nahezu perfektes Gleichgewicht zwischen denjenigen wider, die eine Schwächung wahrnehmen, und denjenigen, die dies nicht tun. Interessanterweise gibt es laut dem Security Radar auch in Europa keine klare Mehrheitsmeinung zum Niedergang der Vereinigten Staaten. Die Lateinamerikaner_innen beurteilen die Auswirkungen von Trumps Politik auf die Welt sehr kritisch: Die Einschätzungen sind überwiegend negativ(2.5 Wahrnehmung der Auswirkungen von Trumps Politik für die Welt: Auswirkung (netto)[%]). Die negativsten Einschätzungen stammen aus Mexiko und dem übrigen Mittelamerika, die zurückhaltendsten aus Argentinien, Bolivien und Chile. Hervorzuheben ist der Kontrast zwischen Mexiko und Venezuela, wo gegensätzliche Reaktionen auf den Druck der Vereinigten Staaten zu beobachten sind: eine entschiedene Ablehnung unter den Mexikaner_innen und eine gespaltene Haltung unter den Venezolaner_innen. Im Falle Mexikos ist anzumerken, dass dieses Land mit US-amerikanischen Drohungen in den Bereichen Handel, Migration und Sicherheit konfrontiert war. Hervorzuheben ist auch, dass diese Umfrage während der US-Bombardements in der Karibik zur Einschüchterung Venezuelas vor der militärischen Operation zur Absetzung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durchgeführt wurde. Das Misstrauen gegenüber Präsident Trump ist überwältigend und auch gegenüber Wladimir Putin erheblich; zusammen übertreffen diese beiden Präsidenten die übrigen der sieben am häufigsten genannten Staats- und Regierungschefs auf einer Liste von 16 Persönlichkeiten, die Gegenstand der Befragung waren(2.6 Misstrauen Lateinamerikas gegenüber internationalen Führungspersönlichkeiten[%]). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Lateinamerika die Reputationskosten, die aus der MAGA-Außenpolitik und dem persönlichen Führungsstil im Falle Trumps sowie aus den vier Jahren Krieg in der Ukraine im Falle Putins resultieren, erheblich sind. Gleichzeitig ist festzustellen, dass die chinafeindliche Rhetorik aus Washington nur geringe Auswirkungen auf die Region hat, wenn das Image des chinesischen Staatschefs bewertet wird. Weltbild: Kriegsnebel und Konsensverfall 23 Zustimmung(netto):„Die Macht der Vereinigten Staaten als Weltmacht neigt sich dem Ende zu“(%) Grafik 2.4 F: Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen über die Lage der Welt zu? Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und eher einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und eher nicht einverstanden) Wahrnehmung der Auswirkungen von Trumps Politik für die Welt: Auswirkung(netto)(%) Grafik 2.5 F: Wie schätzen Sie auf der Grundlage dessen, was Sie wissen oder gehört haben, die weltweiten Auswirkungen der Politik des US-Präsidenten Donald Trump ein? Wahrgenommene Auswirkung(netto)=(sehr positive und positive Auswirkungen) –(sehr negative und negative Auswirkungen) 24 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Misstrauen Lateinamerikas gegenüber internationalen Führungspersönlichkeiten(%) F: Welcher internationalen Führungspersönlichkeit vertrauen Sie am wenigsten? Grafik 2.6 Weltbild: Kriegsnebel und Konsensverfall 25 3. Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung 3. Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung Meinungen über einzelne Länder. Entwicklungsmodelle. Wirtschaftlicher Einfluss. Beurteilung der Demokratie in aller Welt. Vergleiche zwischen der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und China: Führung, Einfluss, Gefühlslagen, thematisch-strategische Partnerschaften und bilaterale Beziehungen unter der Lupe. Die geopolitische Konkurrenz steht wieder im Mittelpunkt der globalen Agenda, wobei sich die Machtverhältnisse zunehmend verschieben und eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure auf dem Spielfeld agiert. Aus diesem Grund enthielt die Umfrage eine Reihe von Fragen, um die Wahrnehmung von Ländern, die international präsent sind und weltweit Anerkennung genießen, zu erfassen und festzustellen, wie sie sich zwischen der ersten und zweiten Erhebung(2022 und 2026) verändert hat. Es wurde nach der allgemeinen Meinung zu zehn Ländern gefragt(3.1 Meinung Lateinamerikas über andere Länder der Welt: 2022–2026[%]). Von den sieben am besten bewerteten Ländern konnte nur China sein Image zwischen der ersten und der zweiten Umfrage verbessern. Bei den übrigen Ländern ist generell eine Verschlechterung der Meinungen zu beobachten, wobei die Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland besonders herausragen. Die führenden Länder der westlichen Welt sind folglich mit einem Problem sinkenden Ansehens in der Region konfrontiert, obwohl sie weiterhin die Liste anführen. Besonders hervorzuheben ist, dass keines der befragten Länder eine positive Bewertung von mindestens einem Drittel erreicht, was auf ein schwindendes Ansehen hindeutet – selbst bei den Spitzenreitern Spanien und Vereinigte Staaten(3.2 Meinung Lateinamerikas über andere Länder der Welt[%]). Auffällig ist die geringe Wertschätzung der Vereinigten Staaten in Mexiko, die fast dreimal geringer ist als die Chinas. In Brasilien ist es genau umgekehrt. In der Gruppe der europäischen Länder schneidet Spanien auf regionaler Ebene am besten ab, wenngleich es nationale Unterschiede gibt, da Deutschland für Argentinien, Chile, Kolumbien und Mexiko an erster Stelle steht(3.3 Meinung Lateinamerikas über europäische Länder[%]). Meinung Lateinamerikas über andere Länder der Welt: 2022–2026(%) F: Von welchem der folgenden Länder haben Sie die beste Meinung? Variation=(2026 – 2022) Grafik 3.1 Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung 27 Meinung Lateinamerikas über andere Länder der Welt(%) F: Von welchem der folgenden Länder haben Sie die beste Meinung? Grafik 3.2 Meinung Lateinamerikas über europäische Länder(%) F: Von welchem der folgenden Länder haben Sie die beste Meinung? Grafik 3.3 In der Umfrage von 2022 standen die Vereinigten Staaten als Modell für die Entwicklung Lateinamerikas an erster Stelle, gefolgt von Deutschland auf Platz 2 und Kanada auf Platz 3. Im Jahr 2026 hat sich die Rangfolge ge ändert: Die Lateinamerikaner_innen richten ihr Augenmerk auf Asien, wobei China den ersten und Japan den zweiten Platz einnimmt. Der Rückgang und der Verlust der Vorbildrolle westlicher Modelle für die Entwicklung sind besonders aussagekräftig(3.4 Modelle für die Entwicklung Lateinamerikas: 2022–2026[%]). 28 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Modelle für die Entwicklung Lateinamerikas: 2022–2026(%) F: Welche Länder halten Sie mit Blick auf die Zukunft für das beste Modell für die Entwicklung Ihres Landes? Variation=(2026 – 2022) Grafik 3.4 Die Rangliste der Entwicklungsmodelle weist erhebliche Unterschiede zwischen den lateinamerikanischen Ländern auf (3.5 Modelle für die Entwicklung Lateinamerikas[%]). Während in Mexiko eine deutliche Kluft zwischen China und den Vereinigten Staaten zu beobachten ist, verzeichnen westliche und asiatische Modelle in den Ländern des Cono Sur(Argentinien, Chile, Uruguay) ähnliche Präferenzwerte. Bemerkenswert ist Venezuela, wo das chinesische und das US-amerikanische Modell praktisch gleichauf liegen. In Brasilien übertreffen die Vereinigten Staaten zwar weiterhin China als bevorzugtes Modell, doch entscheidet sich jede_r fünfte Befragte für„Weiß nicht“ oder„Keine Antwort“(k. A), Modelle für die Entwicklung Lateinamerikas(%) F: Welche Länder halten Sie mit Blick auf die Zukunft für das beste Modell für die Entwicklung Ihres Landes? Grafik 3.5 Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung 29 was auf eine erhebliche Unentschlossenheit oder das Fehlen einer eindeutigen Referenz hindeutet. Diese nationalen Unterschiede zeigen, dass zwar ein allgemeiner Trend zur Diversifizierung der Entwicklungsvorbilder besteht, dieser Prozess jedoch nicht in der gesamten Region einheitlich verläuft. Neben der Frage nach den bevorzugten Modellen für die Entwicklung untersuchte die Umfrage auch die wirtschaftliche Ausstrahlungskraft der wichtigsten Akteure des internationalen Systems. Das Ausmaß des wahrgenommenen wirtschaftlichen Einflusses in der Region spiegelt die konkrete Dimension ihrer internationalen Präsenz wider (3.6 Länder mit dem größten wirtschaftlichen Einfluss in Lateinamerika[%]). Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor das Land mit der größten wirtschaftlichen Präsenz, gefolgt von China: Auf beide entfallen drei Viertel der von den Befragten wahrgenommenen wirtschaftlichen Präsenz. Im Gegensatz dazu ist die wirtschaftliche Ausstrahlung Europas gering und disparat, was es Europa erschwert, als einheitlicher Bezugspunkt zu fungieren. Hervorzuheben ist, dass Brasilien das einzige lateinamerikanische Land mit einem in der Region deutlich spürbaren wirtschaftlichen Einfluss ist. Länder mit dem größten wirtschaftlichen Einfluss in Lateinamerika(%) F: Welches Land hat Ihrer Meinung nach den größten Einfluss in Ihrem Land? Grafik 3.6 Die Auffassung, dass die Qualität der Demokratie international abnimmt, ist weitverbreitet. Ausgehend von einem relativ hohen Ausgangsniveau, sind die Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland von der Verschlechterung der Demokratiebewertung am stärksten betroffen. Auch die Bewertung des politischen Systems in Russland verschlechert sich, allerdings ausgehend von einem mittleren Niveau im Jahr 2022, also vor dem Einmarsch in die Ukraine. Im Jahr 2026 schneidet China besser ab als Russland(3.7 Bewertung der Demokratie in aller Welt: 2022–2026[Durchschnitt]). Es ist daher bemerkenswert, dass die Akteure mit dem größten wirtschaftlichen Einfluss heute mit Zweifeln an der Stabilität und Legitimität ihrer politischen Systeme konfrontiert sind. In der Frage der geopolitischen Konkurrenz spiegelt die lateinamerikanische Sichtweise eine fragmentierte Weltordnung wider, in der jedoch zwei Akteure aufgrund ihrer Kapazitäten eine herausragende Rolle spielen: die Vereinigten Staaten und China(3.8 Internationale Führungsrollen der Europäischen Union, der Vereinigten Staaten und Chinas[%]). Die Europäische Union wird als globaler Vorreiter in Bezug auf Werte, Normen und öffentliche Güter wie Frieden und Umwelt wahrgenommen. Die Vereinigten Staaten behalten ihre Führungsrolle bei militärischer Stärke, Sicherheitsfragen und Durchsetzungskraft und teilen sich mit China die wirtschaftliche Vorrangstellung. China hingegen zeichnet sich als führende Kraft auf den Gebieten Technologie, künstliche Intelligenz sowie wissenschaftliche und bildungspolitische Entwicklung aus. Während China also in den strategischen Zukunftsbereichen vorn liegt, spielt die Europäische Union weiterhin eine zentrale Rolle bei der Festlegung globaler Normen und Standards. Eine weitere Erkenntnis betrifft den Rückgang der europäischen Soft Power auf der internationalen Bühne im Vergleich zu 2022(3.9 Internationale Führungsrollen der Europäischen Union, der Vereinigten Staaten und Chinas: 2022–2026[%]). Zwar behält die Europäische Union ihre normative Führungsrolle bei, doch ist im Jahr 2026 ein 30 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Bewertung der Demokratie in aller Welt: 2022–2026(Durchschnitt) Grafik 3.7 F: Wo ordnen Sie auf einer Skala von 1 bis 10, auf der 1„keine Demokratie“ bedeutet und 10„volle Demokratie“, jedes der folgenden Länder ein? Variation= Durchschnitt 2026 – Durchschnitt 2022 Internationale Führungsrollen der Europäischen Union, der Vereinigten Staaten und Chinas(%) Grafik 3.8 F: Wenn Sie China, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union vergleichen, welche Macht ist Ihrer Meinung nach auf den folgenden Gebieten weltweit führend? Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung 31 Internationale Führungsrollen der Europäischen Union, der Vereinigten Staaten und Chinas: 2022–2026(%) Grafik 3.9 F: Wenn Sie China, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union vergleichen, welche Macht ist Ihrer Meinung nach auf den folgenden Gebieten weltweit führend? Variation= Durchschnitt 2026 – Durchschnitt 2022 deutlicher Rückgang um bis zu 20 Prozentpunkte bei allen Komponenten ihrer Führungsrolle zu beobachten. Darüber hinaus wird ihr bei den harten Attributen der globalen Führungsrolle und in den strategischen Zukunftsbereichen nur eine geringe Bedeutung zugestanden. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist die Wahrnehmung der Aufteilung der internationalen Macht. Vergleicht man die Bewertung der Machtmerkmale der Europäischen Union, der Vereinigten Staaten und Chinas in den Umfragen von 2022 und 2026, so sind in allen drei Fällen deutliche Rückgänge zu beobachten. In einigen Bereichen, darunter die Verteidigung der Menschenrechte, die Förderung des Weltfriedens und die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit, sind zudem mögliche Defizite zu beobachten. Ein Indikator dafür ist, dass die Summe der Befragten, die bei diesen Themen „Keine“,„Weiß nicht“ oder„Keine Antwort“ wählten, zwischen einem Drittel und zwei Fünfteln der Stichprobe ausmacht. Offen bleibt die Frage, inwieweit sich die Region als Teil des Entstehungsprozesses des globalen Südens versteht – ein Thema, das noch untersucht werden muss. Bei der Prognose des internationalen Einflusses in den nächsten fünf Jahren steht China aus lateinamerikanischer Sicht an erster Stelle, gefolgt von den Vereinigten Staaten; beide Länder liegen in etwa gleichauf, wobei die Einschätzungen für die Vereinigten Staaten je nach Land unterschiedlich ausfallen. Die Europäische Union hingegen wird auf den dritten Platz verwiesen, wobei ihr jedoch nur bestimmte Länder eine hohe Bedeutung attestieren (3.10 Einfluss der globalen Führungsmächte in den nächsten fünf Jahren[Durchschnitt]). Auffällig ist, dass Argentinien und Brasilien die USA vor China sehen, während in Mexiko die Europäische Union den zweiten Platz einnimmt und die USA übertrifft, was auf erhebliche Unterschiede bei der Wahrnehmung globaler Führungsrollen hindeutet. Im Jahr 2022 gingen die Lateinamerikaner_innen davon aus, dass die Europäische Union international fünf Jahre später mehr Einfluss haben würde(7,5 auf einer Skala von 1 bis 10), als sie ihr heute, im Jahr 2026, tatsächlich zuschreiben (6,8)(3.11 Internationaler Einfluss der Europäischen Union 2022–2026). Sie erwarten auch nicht, dass dieser Einfluss in den nächsten fünf Jahren zunehmen wird(Prognose 6,9). Insgesamt sind diese Daten ein aussagekräftiger Indikator für das allmähliche Verschwinden Europas aus dem lateinamerikanischen Bewusstsein im Laufe der letzten vier Jahre. Um einen umfassenden Überblick über die Meinungen in Lateinamerika zu den führenden Akteuren zu erhalten, wurde eine emotionale Dimension einbezogen. Insgesamt sind in Lateinamerika die positiven Gefühle gegenüber der Europäischen Union stärker als die negativen. In Bolivien, Guatemala, Kolumbien, Uruguay und Venezuela ist die Hoffnung am größten. Dagegen ist in Argentinien, Uruguay, Chile und Venezuela das Misstrauen besonders ausgeprägt(3.12 Lateinamerikanische Gefühle gegenüber der Europäischen Union[%]). Im Einklang mit den im ersten Kapitel des Berichts dargestellten Ergebnissen ist die 32 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Einfluss der globalen Führungsmächte in den nächsten fünf Jahren(Durchschnitt) Grafik 3.10 F: Wenn Sie an die nächsten fünf Jahre denken und eine Bewertung auf einer Skala von 1(„kein Einfluss“) bis 10(„großer Einfluss“) vornehmen, wie groß wird Ihrer Meinung nach der weltweite Einfluss Chinas/der Vereinigten Staaten/der Europäischen Union sein? Wie würden Sie ihn einstufen? Internationaler Einfluss der Europäischen Union: 2022–2026(%) Grafik 3.11 F(2022): Wie groß wird der weltweite Einfluss der Europäischen Union in den nächsten fünf Jahren sein? F(2026): Für wie groß halten Sie den weltweiten Einfluss der Europäischen Union heute? Wie würden Sie ihn auf einer Skala von 1(„kein Einfluss“) bis 10(„großer Einfluss“) einstufen? Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung 33 Lateinamerikanische Gefühle gegenüber der Europäischen Union(%) F: Welcher der folgenden Begriffe drückt Ihre Gefühle gegenüber der Europäischen Union am besten aus? Grafik 3.12 emotionale Dimension diffuser als bei konkreten Themen. Diese Beobachtung beruht darauf, dass die Antworten „Weiß nicht“ oder„Keine Antwort“ bei einstellungsbezogenen Fragen häufiger gewählt werden. Die Vereinigten Staaten vermitteln ein emotionales Bild, das dem der Europäischen Union entgegengesetzt ist: Negative Gefühle überwiegen die positiven, wobei Misstrauen beziehungsweise Hoffnung im Vordergrund stehen. In Mexiko besteht das größte Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten und ein geringes Maß an Hoffnung, während Venezuela den höchsten Hoffnungswert in der Region aufweist, wenn auch mit einem ausgewogeneren Verhältnis zwischen Hoffnung und Misstrauen (3.13 Lateinamerikanische Gefühle gegenüber den Vereinigten Staaten[%]). Gegenüber China überwiegen die positiven Gefühle die negativen, wobei Erstere sich auf Bewunderung und Hoffnung konzentrieren. Unter den negativen überwiegt Lateinamerikanische Gefühle gegenüber den Vereinigten Staaten(%) F: Welcher der folgenden Begriffe drückt Ihre Gefühle gegenüber den Vereinigten Staaten am besten aus? Grafik 3.13 34 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Lateinamerikanische Gefühle gegenüber China(%) F: Welcher der folgenden Begriffe drückt Ihre Gefühle gegenüber China am besten aus? Grafik 3.14 das Misstrauen. Die Angst vor China ist vernachlässigbar, was die Narrative infrage stellt, wonach die chinesische Präsenz eine Bedrohung für die Region darstellt. In Guatemala und Kolumbien steht die Bewunderung im Vordergrund. Die Länder mit dem größten Misstrauen gegenüber China sind Argentinien, Costa Rica, Venezuela und Uruguay (3.14 Lateinamerikanische Gefühle gegenüber China[%]). Aus dem Vergleich der Gefühle gegenüber der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und China ergeben sich einige Unterschiede(3.15 Lateinamerikanische Gefühle gegenüber der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und China[%]). Während bei der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten vor allem Hoffnung im Vordergrund steht, kommt im Falle Chinas, nicht aber gegenüber den westlichen Mächten, die Bewunderung deutlicher zum Ausdruck. Von den negativen Gefühlen ist Misstrauen am weitesten verbreitet: Die Vereinigten Staaten verzeichnen einen doppelt so hohen Prozentsatz wie die Europäische Union, während China dazwischenliegt. Lateinamerikanische Gefühle gegenüber der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und China(%) Grafik 3.15 F: Welcher der folgenden Begriffe drückt Ihre Gefühle gegenüber der Europäischen Union/den Vereinigten Staaten/China am besten aus? Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung 35 Wie attraktiv sind diese Mächte als Partner Lateinamerikas in strategischen Fragen?(3.16 Die Europäische Union, die Vereinigten Staaten und China als Partner Lateinamerikas[%]). Die Europäische Union wird vor allem in den Bereichen Umweltschutz sowie Bekämpfung von Armut und Ungleichheit als bevorzugter Partner angesehen. Die Vereinigten Staaten werden als bevorzugter Partner bei der Stärkung der Demokratie wahrgenommen und liegen damit vor der Europäischen Union. Sie gelten zudem als wichtigster Partner im Kampf gegen den Drogenhandel, während China eine Schlüsselrolle in den Bereichen digitale Technologie, Handel und Infrastruktur einnimmt. In den Bereichen Kultur und Bildung besteht eine interessante Parität zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten auf der einen Seite und China auf der anderen. Bei den Einschätzungen der bilateralen Beziehungen zu diesen drei Akteuren überwiegt in allen Fällen eine positive Bewertung(3.17 Beurteilung(netto) der Beziehungen zwischen Ihrem Land und den Großmächten[%]). Im Falle Chinas ist diese Bewertung sehr positiv, im Falle der Europäischen Union etwas weniger positiv und im Falle der Vereinigten Staaten noch weniger positiv. Dies spiegelt eine stärkere Präferenz für die Europäische Union im westlichen Kontext wider. Die extrem kritischen Meinungen über die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zeigen sich in diesem Maße weder bezüglich der Europäischen Union noch im Falle Chinas. Die Europäische Union, die Vereinigten Staaten und China als Partner Lateinamerikas(%) Grafik 3.16 F: Wer wäre der beste Partner Ihres Landes auf jedem der folgenden Gebiete: die Europäische Union, die Vereinigten Staaten oder China? 36 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Beurteilung(netto) der Beziehungen zwischen Ihrem Land und den Großmächten(%) Grafik 3.17 F: Wie würden Sie die Beziehungen zwischen Ihrem Land und der Europäischen Union/den Vereinigten Staaten/China/ Russland beurteilen? Würden Sie sie als sehr gut, eher gut, eher schlecht oder sehr schlecht bezeichnen? Beurteilung(netto)=(sehr gut und eher gut) –(sehr schlecht und eher schlecht) Ordnung, Macht und internationale Ausstrahlung 37 4. Europa und die Europäische Union auf dem Radar: diffuse Nähe und abnehmende Präsenz 4. Europa und die Europäische Union auf dem Radar: diffuse Nähe und abnehmende Präsenz Das Europabild. Die führenden Mächte der Europäischen Union. Bewertung der Außenpolitik der Europäischen Union und ihres Integrationsmodells. Bedeutung Lateinamerikas für Europa. Präferenzen für die Kooperation mit der Europäischen Union. Zu wissen, wie Lateinamerikaner_innen Europa und die Europäische Union wahrnehmen, kann als Orientierung für strategische Entscheidungen der Europäer_innen über ihre internationale Präsenz dienen. Der aktuelle Kontext stellt Europa vor vielfältige Herausforderungen: strategische Differenzen mit den Vereinigten Staaten und die Distanzierung von Russland, unterschiedliche Einstellungen zu den Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten, der Aufstieg radikaler politischer Kräfte und deren Wahlerfolge, die wachsenden Migrationsströme, die Dynamik der europäischen Institutionen sowie die Wirtschafts- und Finanzkrise, von der die Mitgliedstaaten der Union betroffen sind. Diese Faktoren spiegeln nicht nur interne und externe Spannungen in Europa wider, sondern beeinflussen auch die Wahrnehmung seiner strategischen Relevanz und Autonomie unter Lateinamerikaner_innen und bieten einen wichtigen Rahmen für die Interpretation der Umfrageergebnisse. In der Umfrage ergibt sich das Europabild in Lateinamerika (4.1 Europabild in Lateinamerika[%]) aus den Assoziationen, die die Befragten mit Europa verbinden. Zur Wahl standen 12 Wörter beziehungsweise Sätze. Anhand dieser Zuordnungen lassen sich die vorherrschenden Merkmale identifizieren, die die Lateinamerikaner_innen Europa zuschreiben. Dabei lassen sich drei Ebenen unterscheiden. Auf der ersten Ebene überwiegen(1) kulturelle Aspekte im Zusammenhang mit dem historischen Erbe und der Gastronomie;(2) sportliche Aspekte, insbesondere der Fußball, der, wie man sich erinnern sollte, in England entstanden ist, und(3) eine bestimmte Regierungsform: die Monarchie und ihre Vertreter_innen, deren Macht heute durch Verfassungen beschränkt ist. Diese Ebene spiegelt somit das Gewicht historischer Traditionen und die Europabild in Lateinamerika(%) F: Welche der folgenden Wörter assoziieren Sie am meisten mit Europa? Grafik 4.1 Europa und die Europäische Union auf dem Radar: diffuse Nähe und abnehmende Präsenz 39 Auswirkungen der Migration aus dem alten Kontinent wider. Auf einer zweiten Ebene tritt ein stärker auf wirtschaftliche, politische und soziale Aspekte ausgerichtetes Profil hervor, das mit den Beiträgen der demokratischen Gesellschaften Europas verbunden ist. Zudem entsteht ein drittes, kontrastreiches Bild von Kriegen und bewaffneten Konflikten einerseits und dem Umweltschutz andererseits. Schließlich ist hervorzuheben, dass Europa nicht in nennenswertem Maße mit künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht wird, einer der wichtigsten wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen. Was die führenden Länder der Europäischen Union betrifft (4.2 Führende Länder der Europäischen Union: 2022–2026[%]), lässt sich feststellen, dass diese nicht mehr so eindeutig wahrgenommen werden wie noch vor vier Jahren. Trotz eines Rückgangs in der Bewertung behält Deutschland für zwei Drittel der Befragten seine Führungsposition, gefolgt von Frankreich und Spanien. Bemerkenswert ist, dass Spanien und Italien weniger drastische Einbußen bei der Wahrnehmung ihrer Führungsrolle verzeichnen. Aus lateinamerikanischer Sicht behält Europa seine Rolle als normgebende Macht auf globaler Ebene bei(4.3 Meinung über die Außenpolitik der Europäischen Union[%]). Wie aus der Bewertung unterschiedlicher Themen der europäischen Außenpolitik hervorgeht, wird die Europäische Union weiterhin als Förderin des Weltfriedens wahrgenommen. Bei der Bewertung des Verhaltens angesichts bestimmter Konflikte(Gaza und Ukraine) ist der Anteil der Antworten „Weiß nicht/keine Antwort“(k. A.) höher als bei allgemeinen Themen. Die Fortsetzung der militärischen Unterstützung der Europäischen Union für die Ukraine wird positiv bewertet; hinsichtlich Gaza herrscht dagegen eine differenzierte Sichtweise vor, wobei die Überzeugung vorherrscht, dass sich die Europäische Union diesem Konflikt gegenüber gleichgültig verhält. Wie aus der Grafik(4.4 Strategische Autonomie der Europäischen Union[%]) hervorgeht, sprach sich im Jahr 2022 die absolute Mehrheit der lateinamerikanischen Befragten dagegen aus, dass die strategische Präferenz der Europäischen Union in einer Annäherung an die Vereinigten Staaten bestehe. Dagegen lässt sich 2026 ein Gleichgewicht feststellen: Der Anteil der Befragten, die Europa als autonom wahrnehmen, entspricht dem Anteil derer, die dies nicht tun. Zwei Fünftel der Befragten stimmen dem Bild eines an den Vereinigten Staaten ausgerichteten Europas zu, zwei Fünftel sind damit nicht einverstanden und ein Fünftel weiß es nicht oder gibt keine Antwort. Dies deutet darauf hin, dass die Wahrnehmung einer strategischen Autonomie Europas nachgelassen hat. Führende Länder der Europäischen Union: 2022–2026(%) F: Welche Länder üben Ihrer Meinung nach die stärkste Führung in der Europäischen Union aus? Variation=(2026 – 2022) Grafik 4.2 40 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Meinung über die Außenpolitik der Europäischen Union(%) Grafik 4.3 F: Geben Sie bitte zu jeder der folgenden Aussagen an, ob Sie vollkommen einverstanden, einverstanden, nicht einverstanden oder überhaupt nicht einverstanden sind. Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und nicht einverstanden) Strategische Autonomie der Europäischen Union(%) Grafik 4.4 F: Geben Sie bitte zu jeder der folgenden Aussagen an, ob Sie vollkommen einverstanden, einverstanden, nicht einverstanden oder überhaupt nicht einverstanden sind. Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und nicht einverstanden) Europa und die Europäische Union auf dem Radar: diffuse Nähe und abnehmende Präsenz 41 Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass die Europäische Union nach Ansicht der Hälfte der lateinamerikanischen Befragten eine Weltmacht ist, auch wenn ein Drittel keinen eindeutigen Unterschied zu China und den Vereinigten Staaten erkennen kann. Mit anderen Worten: Die Europäische Union ist für die Mehrheit der Lateinamerikaner_innen, aber nicht für alle, ein globaler Akteur. Das europäische Integrationsmodell hat in der lateinamerikanischen Öffentlichkeit an Bedeutung verloren (4.5 Europa als Integrationsmodell für Lateinamerika: 2022– 2026[%]), der durchschnittliche Zustimmungswert in der Region ist gesunken. Im Jahr 2022 sahen die Befragten in Lateinamerika die Europäische Union als das Integrationsmodell schlechthin an: Fast ein Viertel gab der EU die volle Punktzahl(10), während sie von rund 22% eine sehr hohe Bewertung(7 bis 9) erhielt. Auch 2026 gilt die Europäische Union noch als nachahmenswertes Integrationsmodell: Jede_r siebte Befragte vergibt die Bestnote, und drei von zehn vergeben zwischen sieben und neun Punkten. In den letzten vier Jahren hat die Zustimmung zur Europäischen Union als Integrationsmodell jedoch abgenommen: um acht Punkte bei denjenigen, die das Modell als optimal einstuften, und um zehn Punkte bei denjenigen, die eher differenzierte positive Urteile abgaben. Dagegen stieg der Anteil der neutralen Meinungen von einem Fünftel auf ein Viertel aller Äußerungen, während sich die skeptischeren Urteile von sechs auf zwölf Punkte verdoppelten. Ebenso nahmen sowohl die Zahl der Befragten zu, die das Modell der Europäischen Union nicht für nützlich halten, als auch die Zahl derer, die keine Meinung äußerten oder angaben, nichts über das Thema zu wissen. Wie aus Abbildung(4.6 Bedeutung Lateinamerikas für die Europäische Union[Durchschnitt]) hervorgeht, hat sich in Lateinamerika die Ansicht durchgesetzt, dass die Europäische Union der Region eine mäßige Bedeutung beimisst, mit einem regionalen Durchschnitt von 6,2 auf einer Skala von 1 bis 10. Die geringe Streuung der Ergebnisse – zwischen 5,5 und 6,6 – spiegelt einen breiten Konsens wider: Man geht davon aus, dass die Europäische Union Lateinamerika zwar berücksichtigt, die Region jedoch für die Europäische Union keine strategische Priorität hat. Länder wie Brasilien, Kolumbien und Mexiko zeigen etwas positivere Wahrnehmungen, was möglicherweise mit ihrem wirtschaftlichen Gewicht und ihren engeren Verbindungen zu Europa zusammenhängt, während andere, wie Argentinien, eine etwas skeptischere Sichtweise erkennen lassen. Insgesamt spiegelt das Muster eine konsistente und zugleich begrenzte Einschätzung wider, was auf einen als unzureichend wahrgenommenen Stellenwert der biregionalen Beziehungen hindeutet. Angesichts eines Durchschnittswerts von knapp über sechs Punkten lässt sich feststellen, dass die Lateinamerikaner_innen den Eindruck haben, ihre Region stehe kurz davor, von Europa ignoriert zu werden. Sollte die Europäische Union keine konkreten Maßnahmen zugunsten Lateinamerikas ergreifen, könnte die wachsende Bedeutung, die die Vereinigten Staaten der westlichen Hemisphäre beimessen, zusammen mit dem Vordringen Chinas in die Region dazu führen, dass Europa für Lateinamerika eine zweitrangige Rolle einnimmt, sodass andere Akteure außerhalb der Region zu den wichtigsten Bezugspunkten bei der Betrachtung der Welt werden. Europa als Integrationsmodell für Lateinamerika: 2022–2026(%) F: Inwieweit dient Ihrer Meinung nach die europäische Integration als Modell für Lateinamerika? Grafik 4.5 42 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Bedeutung Lateinamerikas für die Europäische Union(Durchschnitt) Grafik 4.6 F: Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach Lateinamerika für die Europäische Union? Verwenden Sie eine Skala von 1 bis 10, auf der 1„überhaupt nicht wichtig“ und 10„sehr wichtig“ bedeutet. Die Analyse der Kooperation zwischen der Europäischen Union und Lateinamerika zeigt, dass die Prioritäten je nach Thema variieren. Die Befragten erkennen an, dass die Europäische Union in erster Linie in den Bereichen Finanzierung, Investitionen und Schutz der Menschenrechte sowie in zweiter Linie bei der humanitären Hilfe ein sehr wichtiger Partner ist(4.7 Kooperation zwischen der Europäischen Union und Lateinamerika, nach Bereichen[%]). Anders sieht es bei der lateinamerikanischen Integration aus, die offenbar keinen zentralen Kooperationsbereich darstellt, ebenso wenig wie die Wahlbeobachtung. Bemerkenswert ist, dass ein Drittel der Befragten keinen Kooperationsbereich als vorrangig identifiziert, sei es, weil sie ihn nicht wahrnehmen oder weil sie nicht wissen, ob Europa in diesem Bereich kooperiert. Das deutet darauf hin, dass die Beziehung zu Europa für einen Teil der Bevölkerung nicht als strategisch oder greifbar wahrgenommen wird. Parallel dazu ist auch der Anteil der Personen bemerkenswert, die keine Antwort geben oder die Bedeutung der Kooperation nicht kennen, was auf eine gewisse Entfremdung oder einen Mangel an Informationen über die Aktivitäten der Europäischen Union in der Region hindeutet. Betrachtet man die Ergebnisse nach Ländern, zeigen sich wichtige Unterschiede(4.8 Kooperation zwischen der Europäischen Union und Lateinamerika, nach Bereichen [%]): Costa Rica, Uruguay, Bolivien, Argentinien, Guatemala, Brasilien, Chile und Mexiko setzen vorrangig auf Finanzinvestitionen als Schwerpunkt der Kooperation; Kolumbien, Brasilien, Mexiko, Venezuela und Guatemala legen den Schwerpunkt auf die Menschenrechte; Guatemala betont die humanitäre Hilfe und Brasilien den Kampf gegen Ungleichheit. Auffällig ist, dass nur etwas mehr als die Hälfte der argentinischen Befragten einen Bereich der Kooperation mit der Europäischen Union sieht. Diese Unterschiede zeigen, dass die Europäische Union ihre Herangehensweise an die Prioritäten jedes Landes anpassen und die Sichtbarkeit ihrer Kooperation erhöhen muss, wenn sie ihre strategische Partnerschaft mit Lateinamerika festigen möchte. Was die Entwicklung der Präferenzen für die Kooperation mit der Europäischen Union zwischen 2022 und 2026 betrifft (4.9 Kooperation zwischen der Europäischen Union und Lateinamerika, nach Bereichen: 2022–2026[%]), ist festzustellen, dass der Anteil der wirtschaftlichen und sozialen Agenda an den lateinamerikanischen Prioritäten zunimmt. An Bedeutung gewinnen Themen, die mit greifbaren Vorteilen verbunden sind, insbesondere Finanzierung und Investitionen, die Reduzierung von Ungleichheit und die Unterstützung der regionalen Integration, was eine zunehmende Betonung materieller Aspekte im Zusammenhang mit wirtschaftlichen und sozialen Defiziten widerspiegelt. Dass auch das Interesse an Wahlbeobachtungen zunimmt, ist ein Zeichen dafür, dass institutionelle Begleitung weiterhin geschätzt wird. Gleichzeitig zählen Menschenrechte und humanitäre Hilfen weiterhin zu den wichtigsten Bereichen, wenn auch mit geringerem relativem Gewicht. Europa und die Europäische Union auf dem Radar: diffuse Nähe und abnehmende Präsenz 43 Kooperation zwischen der Europäischen Union und Lateinamerika, nach Bereichen(%) Grafik 4.7 F: Die Europäische Union kooperiert mit Lateinamerika auf mehreren Gebieten, die ich Ihnen nennen werde. Welche davon sind Ihrer Meinung nach für die Kooperation mit Ihrem Land am wichtigsten? Kooperation zwischen der Europäischen Union und Lateinamerika, nach Bereichen(%) Grafik 4.8 F: Die Europäische Union kooperiert mit Lateinamerika auf mehreren Gebieten, die ich Ihnen nennen werde. Welche davon sind Ihrer Meinung nach für die Kooperation mit Ihrem Land am wichtigsten? 44 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Kooperation zwischen der Europäischen Union und Lateinamerika, nach Bereichen: 2022–2026(%) Grafik 4.9 F: Die Europäische Union kooperiert mit Lateinamerika auf mehreren Gebieten, die ich Ihnen nennen werde. Welche davon sind Ihrer Meinung nach für die Kooperation mit Ihrem Land am wichtigsten? Variation=(2026 – 2022) Schließlich zeigt sich beim Vergleich der Bewertung der Europäischen Union als bevorzugter Partner 2022 und 2026 (4.10 Die Europäische Union als Partner Lateinamerikas: 2022–2026[%]) ein allgemeiner Rückgang in allen Bereichen, der in einigen Fällen bis zu 25 Prozentpunkte beträgt. Besonders ausgeprägt ist der Rückgang in Bereichen wie Umweltschutz, Bekämpfung von Armut und Ungleichheit sowie Kultur und Bildung; auch bei der Stärkung der Demokratie ist er spürbar. Insgesamt handelt es sich um erhebliche Rückschritte, die einen allgemeinen Ansehensverlust der Europäischen Union in der Region widerspiegeln. Insgesamt zeigt die Analyse in diesem Abschnitt, dass sich die Wahrnehmung Europas in Lateinamerika in den letzten vier Jahren schrittweise, aber beständig gewandelt hat. Dies deutet auf einen langsamen Prozess der Entfremdung hin, der zu einer Abkehr Lateinamerikas von der Europäischen Union führen könnte. Die Europäische Union als Partner Lateinamerikas: 2022–2026(%) Grafik 4.10 F: Welches Land ist der beste Partner für Ihr Land in jedem der folgenden Bereiche: China, Vereinigte Staaten oder Europa? Teildatensatz: Die Grafik bildet nur die Antworten ab, in denen die Europäische Union als bester Partner angegeben wird. Variation=(2026 – 2022) Europa und die Europäische Union auf dem Radar: diffuse Nähe und abnehmende Präsenz 45 5. Lateinamerika: fragmentierte Agenda und gestreute Prioritäten 5. Lateinamerika: fragmentierte Agenda und gestreute Prioritäten Bedeutung Lateinamerikas in der Welt. Wirtschaftlicher Einfluss und Führungsrollen in der Region. Herausforderungen und Präferenzen bei der internationalen Einbindung. Konsens über die Nichtverbreitung von Atomwaffen. Rechte, Werte und Wahrnehmung der Demokratie im Land. Das internationale Gewicht Lateinamerikas, seine aktuelle Bedeutung und sein Zukunftspotenzial werden positiv beurteilt(5.1 Aktuelle und zukünftige Bedeutung Lateinamerikas in der Welt[Durchschnitt]). Im regionalen Durchschnitt liegt die Bewertung bei 6,6 und steigt bei einem zugrunde gelegten Fünfjahreshorizont auf 7,0. Der Unterschied ist signifikant: Die Öffentlichkeit sieht die Region heute nicht als irrelevant an, erwartet aber nur ein allmähliches Bedeutungswachstum. Die zukünftige Bedeutung der Region entspricht praktisch der im vorigen Abschnitt besprochenen Einschätzung des europäischen Einflusses in fünf Jahren(6,9). Dabei sind auf nationaler Ebene Unterschiede festzustellen. Mexiko und Venezuela stehen in der Wahrnehmung der aktuellen Bedeutung Lateinamerikas an der Spitze, gefolgt von Kolumbien und Brasilien, während die Einschätzungen in Argentinien und Chile eher verhalten sind. Dies deutet darauf hin, dass Länder mit größerem demografischem, wirtschaftlichem oder geopolitischem Gewicht tendenziell die weltweite Bedeutung ihrer Region höher einschätzen. Aktuelle und zukünftige Bedeutung Lateinamerikas in der Welt(Durchschnitt) Grafik 5.1 F(1): Und was Lateinamerika angeht, welche weltweite Bedeutung hat Lateinamerika Ihrer Meinung nach heute? Verwenden Sie eine Skala von 1 bis 10, auf der 1 für„keine Bedeutung“ und 10 für„große Bedeutung“ steht. F(2): Und wenn Sie fünf Jahre vorausschauen, welche weltweite Bedeutung wird Lateinamerika Ihrer Meinung nach dann auf einer Skala von 1 bis 10 haben? Wahrnehmung der derzeitigen Bedeutung Lateinamerikas Erwartete Bedeutung Lateinamerikas in fünf Jahren Lateinamerika: fragmentierte Agenda und gestreute Prioritäten 47 Inwieweit lässt die positive Einschätzung der internationalen Bedeutung Lateinamerikas auf das Vorhandensein regionaler Führungsrollen schließen?(5.2 Führende Rollen in Lateinamerika: regionale Anerkennung und nationale Selbstwahrnehmung[%]) Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Kluft zwischen der wahrgenommenen führenden Rolle auf regionaler Ebene und der nationalen Selbstwahrnehmung und offenbaren sowohl klare Hierarchien als auch Verzerrungen in Lateinamerika. Wie aus der linken Karte hervorgeht, wird die führende Rolle Brasiliens in der Region am meisten anerkannt, gefolgt von Mexiko, das mit 11 Punkten Abstand folgt. Zwar konzentriert sich die wahrgenommene Führungsrolle auf die beiden Länder mit dem größten wirtschaftlichen und demografischen Gewicht, doch liegt Argentinien nur knapp dahinter auf dem dritten Platz. Chile und Kolumbien rangieren in der Mitte, sind aber weit von den drei Spitzenreitern entfernt. Interessant ist die neue Sichtbarkeit El Salvadors. Die übrigen Länder, sowohl die Andenstaaten als auch die mittelamerikanischen und karibischen Länder, weisen eine geringe regionale Präsenz auf. Die rechte Karte offenbart ein systematisches Muster: Die Länder neigen dazu, sich selbst als einflussreicher wahrzunehmen, als sie vom Rest der Region eingeschätzt werden. In Mexiko, Brasilien, Argentinien, Kolumbien und Chile ist eine Diskrepanz zwischen der eigenen und der fremden Bewertung festzustellen, die jedoch mehr oder weniger stark ausgeprägt ist. Dies bestätigt eine Selbstbewertungsverzerrung, deren Intensität von Land zu Land variiert. Die größte Diskrepanz ist in Chile zu beobachten, was auf eine besonderes ausgeprägte Selbstbewertungsverzerrung hinweist. Zwischen 2022 und 2026 sind nur geringe Schwankungen in der Wahrnehmung der führenden Rollen auf regionaler Ebene zu beobachten, auch wenn einige Länder leicht an Boden verlieren und andere leicht zulegen. Die Anerkennung Brasiliens und Mexikos als führende Mächte auf regionaler Ebene hat abgenommen, während Chile einen deutlichen Rückgang verzeichnet. Im Gegensatz dazu verbessern Guatemala und Kolumbien ihre Positionen, während El Salvador mit dem größten Fortschritt von allen hervorsticht(5.3 Regionale Anerkennung von Führungsrollen in Lateinamerika: 2022–2026[%]). Der Vergleich zwischen der Anerkennung einer regionalen Rolle und der Selbstwahrnehmung dieser Rolle lässt interessante Schlüsse zu(5.4 Selbstwahrnehmung einer führenden Rolle in Lateinamerika: 2022–2026[%]). Im Falle Argentiniens nimmt die regionale Anerkennung als Führungsmacht ab, während die Selbstwahrnehmung dieser Rolle deutlich steigt. Diese Diskrepanz tritt im Falle Chiles nicht auf, wo sowohl bei der Fremdwahrnehmung als auch bei der Selbstwahrnehmung der führenden Rolle die Tendenz negativ ist. Im Falle Brasiliens sind die Rückgänge bei der Fremd- und der Selbstwahrnehmung der führenden Rolle identisch. Führende Rollen in Lateinamerika: regionale Anerkennung und nationale Selbstwahrnehmung(%) F: Welche Länder aus der folgenden Liste nehmen in Lateinamerika eine führende Rolle ein? Grafik 5.2 Wahrnehmung der führenden Rolle in Lateinamerika Selbstwahrnehmung einer führenden Rolle in jedem Land 48 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Regionale Anerkennung von Führungsrollen in Lateinamerika: 2022–2026(%) F: Welche Länder auf der folgenden Liste üben die stärkste Führung in Lateinamerika aus? Variation=(2026 – 2022) Grafik 5.3 Selbstwahrnehmung einer führenden Rolle in Lateinamerika: 2022–2026(%) F: Welche Länder auf der folgenden Liste üben die stärkste Führung in Lateinamerika aus? Variation=(2026 – 2022) Grafik 5.4 Lateinamerika: fragmentierte Agenda und gestreute Prioritäten 49 In Lateinamerika ist eine Streuung der regionalen Sorgen zu beobachten, die das Zusammenspiel dreier Schlüsselprozesse widerspiegelt: die Krise des Regionalismus, die intraregionale politische Polarisierung und die unterschiedlichen Auswirkungen internationaler Faktoren (5.5 Die größten Herausforderungen Lateinamerikas[%]). Aus lateinamerikanischer Sicht existiert eine starke Überschneidung zwischen sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen, wobei die Hierarchie der Sorgen auf miteinander verknüpften Logiken beruht. Es handelt sich um eine gemischte Agenda mit vier Wichtigkeitsstufen(maximal, hoch, mittel und gering) und spezifischen nationalen Nuancen. Auf regionaler Ebene steht die Armut – gefolgt von Drogenhandel und organisierter Kriminalität – an der Spitze der Liste der 12 untersuchten Themen. Dies deutet auf eine von allen empfundene Unzufriedenheit hin, in der sich materielle Not mit öffentlicher Ungewissheit vermischt. Geringes Wachstum, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Ungleichheit geben ebenfalls Anlass zu großer Sorge und bilden einen harten Kern kombinierter Bedenken. Die Inflation rangiert auf einem mittleren Niveau der Sorgen in der Region, gefolgt von der Migration. Im Gegensatz dazu wird der Terrorismus auf der Sicherheitsagenda in den Hintergrund gedrängt, während Fragen der internationalen Einbindung als marginal wahrgenommen werden. Zu dieser vielfältigen Agenda kommen Unterschiede im relativen Gewicht der Herausforderungen in den zehn befragten Ländern hinzu(5.6 Die größten Herausforderungen Lateinamerikas[%]). Armut ist eine weitverbreitete Herausforderung, die besonders in Argentinien und Guatemala ausgeprägt ist und in acht der zehn Länder an erster Stelle steht. Drogenhandel und organisierte Kriminalität bereiten in Ländern, die erst seit Kurzem davon betroffen sind(Chile, Costa Rica und Uruguay), größere Sorgen als in Ländern, die schon seit Langem unter deren Folgen leiden, wie Kolumbien und Mexiko. Chile und Brasilien unterscheiden sich vom Gesamtbild in ihrer Einschätzung der Migration: im ersten Fall durch große Sorge, im zweiten durch Gleichgültigkeit. Die Inflation bereitet Venezuela und Argentinien größere Sorgen als dem Rest der Region. Kolumbien ist das Land, in dem Gewalt und Terrorismus am stärksten als Herausforderungen wahrgenommen werden. Entsprechend ist in Mexiko, dem Nachbarland der USA, die Sorge am ausgeprägtesten, „Hinterhof“ der Vereinigten Staaten zu sein. Die Liste der wahrgenommenen Herausforderungen spiegelt weitgehend die Sorgen wider, die den Alltag in der Region prägen. Lateinamerika blickt auf fünf Jahre schwacher Wirtschaftsleistung zurück, die durch eine Stagnation des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf gekennzeichnet sind und zu der noch anhaltende strukturelle Probleme wie Ungleichheit sowie die nach wie vor spürbaren Auswirkungen der Pandemie hinzukommen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Wahrnehmung der wichtigsten Herausforderungen eng mit diesen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen verknüpft ist. Die größten Herausforderungen Lateinamerikas(%) F: Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung, vor der Lateinamerika steht? Grafik 5.5 50 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Die größten Herausforderungen Lateinamerikas(%) F: Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung, vor der Lateinamerika steht? Grafik 5.6 Die Liste der Herausforderungen fügt sich in einen größeren Rahmen von Möglichkeiten der internationalen Einbindung entsprechend dem Handlungsspielraum ein, den die Befragten für ihre Länder wahrnehmen(5.7 Strategische Dilemmata in Lateinamerika[%]). Es zeigt sich eine ausgeprägte Neigung zu konkreten Lösungen, wie sie für restriktive und/oder volatile Kontexte typisch ist. Dieses Muster drückt sich in drei sich nicht gegenseitig ausschließenden Optionen aus: dem Bekenntnis zum Handel, der Wahrnehmung von Anpassungsdruck und dem geringen Bekenntnis zu demokratischen Werten als Bedingung für die Außenbeziehungen. Trotz der hohen Priorität, die die Befragten in Lateinamerika dem internationalen Handel einräumen, nehmen sie das protektionistische globale Umfeld deutlich wahr: In acht der zehn befragten Länder ist zwischen 2022 und 2026 eine Enttäuschung über den Rückgang des Nettokonsenses Strategische Dilemmata in Lateinamerika(%) Grafik 5.7 F: Inwieweit sind Sie mit den folgenden Aussagen zur Lage der Welt einverstanden? Zustimmung(netto)=(vollkommen einverstanden und eher einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und eher nicht einverstanden) Lateinamerika: fragmentierte Agenda und gestreute Prioritäten 51 Konsens(netto) über den Nutzen des Welthandels: 2022–2026(%) Grafik 5.8 F: Inwieweit sind Sie mit der folgenden Aussage zur Lage der Welt einverstanden: Der Handel mit anderen Ländern ist für mein Land immer von Vorteil? Konsens(netto)=(vollkommen einverstanden und einverstanden) –(überhaupt nicht einverstanden und nicht einverstanden) über die Vorteile des globalen Handels zu verzeichnen (5.8 Konsens(netto) über den Nutzen des Welthandels: 2022–2026[%]). Es gibt zwei Ausnahmen von diesem Trend: Die Wertschätzung des Handels steigt leicht in Chile und deutlich in Kolumbien. Ein identitätsstiftendes Merkmal der sozial verankerten internationalen Einbindung Lateinamerikas ist die Ablehnung von Atomwaffen(5.9 Nichtverbreitung von Atomwaffen in Lateinamerika[%]). In allen Ländern lehnen die Menschen die Verbreitung von Atomwaffen in Lateinamerika mehrheitlich ab und sind sich im Klaren, dass deren Kosten jeden möglichen Nutzen bei Weitem übersteigen. Dennoch ist dieser Konsens nicht überall gleich stark ausgeprägt. Besonders deutlich ist die Ablehnung in Costa Rica und Uruguay; in Kolumbien und Nichtverbreitung von Atomwaffen in Lateinamerika(%) Grafik 5.9 F: Sind Sie der Meinung, dass der Besitz von Atomwaffen für Lateinamerika sehr gut, gut, schlecht oder sehr schlecht wäre? Beurteilung(netto)=(sehr gut und gut) –(sehr schlecht und schlecht) 52 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Chile ist sie ebenfalls hoch, in Argentinien, Venezuela und Mexiko erreicht sie ein mittleres Niveau und ist in Guatemala, Brasilien und Bolivien am geringsten. Laut der öffentlichen Meinung wird die lateinamerikanische Außenpolitik vor allem von Überlegungen hinsichtlich wirtschaftlichen Wohlstands, Sicherheit und Autonomie bestimmt(5.10 Prioritäten der lateinamerikanischen Außenpolitik[%]). Lateinamerika erscheint als eine Region, die mehr Handel treiben, ihre Souveränität wahren und normative Verpflichtungen zu Demokratie und zur Achtung von Menschenrechten eingehen will, ohne diese Präferenzen jedoch in eine starke Unterstützung für regionale Integration, militärische Stärkung oder eine Annäherung an Großmächte umzusetzen. Die von den Befragten aufgestellte Prioritätenliste für die Außenpolitik spiegelt eine neue Kohärenz wider, die auf den aktuellen Kontext abgestimmt ist. Die Liste der zehn Prioritäten lässt sich in drei Ebenen einteilen: Die erste Ebene mit hoher Priorität umfasst die Themen Handel und Souveränität; auf einer zweiten(mittleren) Ebene lassen sich fünf Themen identifizieren: Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten, Migrationskontrolle, Beziehungen zu Europa, Schutz der Landsleute im Ausland und regionale Integration; auf einer dritten und letzten Ebene erscheinen drei Präferenzen, die aus der Perspektive eines zweiten „Kalten Krieges“ miteinander verknüpft wären: die Vertiefung der Beziehungen zu China, eine Stärkung des nationalen Militärs und die Annäherung an die Vereinigten Staaten. Auch wenn die nationale Souveränität ein hochgeschätzter Wert ist, wird sie nicht mit einer Stärkung des Militärs und territorialer Verteidigung in Verbindung gebracht, zwei Attributen, die in der lateinamerikanischen Vergangenheit einen hohen Stellenwert hatten. Die höhere Wertschätzung der Beziehungen zu Europa als derjenigen zu China und den Vereinigten Staaten eröffnet Wege der Annäherung, insbesondere beim Handel. Es sind jedoch gewisse Nuancen und Spannungen zu beobachten. Eine vertiefte Beziehung zu Europa geht Hand in Hand mit dem Schutz der Diaspora, während die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit im Land den Einsatz für die Kontrolle der Migration nicht ausschließt. Hervorzuheben ist der Kontrast zwischen der Bedeutung, die dem Handel beigemessen wird, und dem auffälligen Desinteresse an der regionalen Integration. Bei der Analyse der Daten nach Ländern lassen sich einige interessante Unterschiede feststellen(5.11 Prioritäten der lateinamerikanischen Außenpolitik[%]). Zwei Fälle stechen besonders hervor: Venezuela und Chile. Venezuela unterscheidet sich von den übrigen Ländern durch die Bedeutung, die den im Ausland lebenden Staatsangehörigen Prioritäten der lateinamerikanischen Außenpolitik(%) F: Wenn Sie von der folgenden Liste ausgehen, was sollten die außenpolitischen Prioritäten Ihres Landes sein? Grafik 5.10 Lateinamerika: fragmentierte Agenda und gestreute Prioritäten 53 Prioritäten der lateinamerikanischen Außenpolitik(%) F: Wenn Sie von der folgenden Liste ausgehen, was sollten die außenpolitischen Prioritäten Ihres Landes sein? Grafik 5.11 beigemessen wird – ähnlich wie beim Handel. Im Falle Chiles steht die Migrationskontrolle an erster Stelle, weit vor allen anderen Themen. Hervorzuheben ist die Bedeutung, die Costa Rica der Verteidigung der Demokratie und Uruguay der regionalen Integration beimisst. Im Falle Guatemalas nimmt der Schutz der Diaspora einen prominenteren Platz ein als in anderen Ländern. Die Einstufung der Beziehungen zu Europa sticht insofern hervor, als sie in Bolivien, Costa Rica und Uruguay deutlich höher als die der Beziehungen zu China und den Vereinigten Staaten ist. Tatsächlich fällt auf, dass die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten auf der Prioritätenliste der Region den letzten Platz einnehmen. Auffällig ist auch, dass hierbei Venezuela und Brasilien unter allen Ländern am besten abschneiden. Im Falle Brasiliens fällt angesichts der Bedeutung der Außenpolitik auf der politischen Agenda des Landes der Anteil der Personen auf, die mit„Weiß nicht“ oder„Keine Antwort“(k. A.) geantwortet haben. Ist dies ein Indikator für die Gleichgültigkeit der Bürger_innen gegenüber der Diplomatie ihres Landes? Die Frage ist umso bedeutsamer, wenn man das Thema der Verbindung zwischen Außenpolitik und Demokratie berücksichtigt, erst recht im Kontext der lateinamerikanischen Wahlen im Jahr 2026. Im Gegensatz zur Wahrnehmung eines weltweiten Rückschritts der Demokratie zwischen 2022 und 2026 ergibt sich aus der Umfrage auf regionaler Ebene ein Bild der Kontinuität der Demokratiebewertung, wenn auch mit punktuellen Rückschritten oder Fortschritten in einigen Ländern(5.12 Bewertung der Demokratie im Land: 2022– 2026[%]). Im regionalen Durchschnitt verschlechtert sich die Bewertung leicht, was eher auf Stabilität als auf Erosion hindeutet. Das erste relevante Merkmal bei diesem Vergleich ist die anhaltende Kluft zwischen den Ländern. An der Spitze der Tabelle bleiben Uruguay und Costa Rica, Länder, die offensichtlich an ihrem Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit festgehalten haben. In der Gruppe der Demokratien mit mittleren Bewertungen sind gemischte Entwicklungen zu beobachten. Chile festigt seine Position als eines der am besten bewerteten Systeme. Argentinien bleibt stabil, was auf eine wahrgenommene Belastbarkeit in einem polarisierten politischen Kontext hindeutet. Im Gegensatz dazu fallen Brasilien und Mexiko zurück, was auf eine wahrgenommene Verschlechterung hindeutet. Auffällig ist die verbesserte Bewertung der Demokratie in Kolumbien. Dieser Sprung könnte auf positivere Erwartungen oder eine Veränderung des nationalen politischen Klimas hindeuten. Im Gegensatz dazu ist Venezuela in dieser wie auch in der vorherigen Umfrage das von den eigenen Bürger_innen am schlechtesten bewertete Land. Schließlich bleiben Guatemala und Bolivien mit leichten Rückschritten im unteren Bereich, was eine Wahrnehmung institutioneller Fragilität widerspiegelt. 54 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Bewertung der Demokratie im Land: 2022–2026(%) Grafik 5.12 F: Wie würden Sie ihr Land auf einer Skala von 1 bis 10 einstufen, auf der 1„keine Demokratie“ und 10„vollkommene Demokratie“ bedeutet? Variation=(2026 – 2022) Lateinamerika: fragmentierte Agenda und gestreute Prioritäten 55 Auf einen Blick Für die Lateinamerikaner_innen ist die Welt nichts Fremdes, sondern sie nehmen sie als komplexes Szenario wahr: • ein Vakuum ohne Hegemonie und eine zunehmende Anomie, die große Ungewissheit über die Zukunft schüren; • unsicher und geprägt von vernachlässigten globalen Problemen, die sich unmittelbar auf ihr Wohlergehen auswirken und Empathie wecken; • allmähliche Verlagerung der Machtzentren nach Osten; • Risiken durch den Ausbruch von Kriegen und Bekräftigung ihres Engagements für ein Lateinamerika ohne Atomwaffen; • Misstrauen gegenüber„starken Männern“ wie Trump und Putin; • Ablehnung der Vorstellung eines neuen„Kalten Krieges“ zwischen den Vereinigten Staaten und China. Die Lateinamerikaner_innen betrachten Europa und die Europäische Union • mit einer Mischung aus Nostalgie und Erwartung, die in relativ großer Hoffnung, hoher Sicherheit und viel Bewunderung zum Ausdruck kommt; • mit Betonung auf Handel, Finanzen und Investitionen sowie auf Menschenrechten und humanitärer Hilfe; • mit Verständnis für die europäische Position gegenüber der Ukraine. Aber sie betrachten Europa und die Europäische Union auch • mit Missbehagen wegen der wahrgenommenen Gleichgültigkeit gegenüber Gaza; • mit der Erwartung eines stärkeren europäischen Engagements gegen Ungleichheit und Armut; • mit Enttäuschung angesichts ihres Entwicklungs- und Integrationsprozesses; • als nur begrenzt normsetzende Macht mit geschwächten Führungsrollen. Die Lateinamerikaner_innen sehen ihre Region • mit größerem Selbstvertrauen und Entschlossenheit, ihre Souveränität zu verteidigen; • mit einem Gewicht, das mit dem Europas vergleichbar ist; • mit Sorge wegen ihrer Armut, der stagnierenden Wirtschaft, der Arbeitslosigkeit und der durch Drogenhandel und organisiertes Verbrechen bedingten Ungewissheit; • unter äußerem Druck, sich zwischen den Vereinigten Staaten und China zu entscheiden; • mit einer positiven Einstellung zu den Beziehungen zu Europa und China. Aber sie sehen ihre Region auch • mit geringem Interesse an einer Stärkung ihrer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten; • mit einer von breiter Streuung gekennzeichneten internationalen und regionalen Agenda, die die Abstimmung von Innen- und Außenpolitik erschwert; • mit einer Reihe ähnlicher Sorgen in mehreren Ländern, die sich nicht immer in einer konvergierenden Außenpolitik niederschlagen. 6. Abschließende Überlegungen: die Dilemmata jenseits der Daten 6. Abschließende Überlegungen: die Dilemmata jenseits der Daten Daten sprechen nicht für sich. Sie bedürfen des Kontextes und der Interpretation, vor allem in Zeiten internationaler Turbulenzen und Veränderungen. Die lateinamerikanischen Perspektiven spiegeln die Veränderungen im globalen Umfeld recht getreu wider. Diese abschließenden Überlegungen betrachten die Ergebnisse aus einem anderen Blickwinkel und versuchen, die Bedeutung der Wahrnehmungen der Bürger_innen im aktuellen Kontext sowie die Dilemmata zu ergründen, mit denen die Gesellschaften und Regierungen Lateinamerikas und Europas konfrontiert sind – sowohl in ihren gegenseitigen Beziehungen als auch in der Frage, wie sie belastbar mit der globalen Ungewissheit umgehen können. Eine der wichtigsten Neuheiten in den Ergebnissen von AMLAT Radar 2026 ist das Ausmaß der gesellschaftlichen Ablehnung von Donald Trump, und zwar gerade zu einem Zeitpunkt, zu dem mehrere Regierungen der Region sich bewusst an Washington ausgerichtet haben. Der Reputationsschaden der Vereinigten Staaten in Lateinamerika in allen Bereichen eröffnet Scheidewege und Chancen, die bevorzugten Bindungsoptionen zu überdenken. Wir glauben, dass dieser Imageverlust die Kosten widerspiegelt, die durch den unüberlegten und aggressiven Kurswechsel der Trump-Regierung zur Durchsetzung des amerikanischen Einflusses entstanden sind. In der lateinamerikanischen Öffentlichkeit gibt es jedoch keine Anzeichen von Unterwürfigkeit oder Servilismus gegenüber Washington. Hinter einem souveränistischen Konsens verbirgt sich eine belastbare Grundhaltung, die ein Signal an zahlreiche Akteure sendet. Dies wird die Regierungen zweifellos vor Dilemmata stellen, wenn es darum geht, welche Strategien sie verfolgen sollen. Tatsächlich zeichnet sich ab, dass sich Räume für andere globale Akteure, insbesondere aus Europa, Asien und dem globalen Süden, eröffnen können, die in einigen Fällen als stabiler wahrgenommen werden und ein positiveres Image haben. Es ist wichtig zu betonen, dass die Lateinamerikaner_innen China nicht als Bedrohung wahrnehmen, sondern als pragmatische Option, die mit dem Wert verbunden ist, den sie Bildung, Wissenschaft und Technologie beimessen. Für Europa bietet dieses Szenario die Gelegenheit, sich als Partner zu positionieren, der sich auf politischen Dialog, wirtschaftliche und soziale Kooperation, Technologietransfer und die Verteidigung des Völkerrechts stützt. Die lateinamerikanischen Gesellschaften schätzen die Möglichkeit, Strategien zu verfolgen, die die Souveränität wahren, Beziehungen diversifizieren und ausgleichen, ohne bevorzugte Bindungen einzugehen. 6 Dies könnte für die europäische Paradiplomatie von Bedeutung sein, die in Lateinamerika auf eine Zivilgesellschaft und örtliche Akteure trifft, die offen und daran interessiert sind, ihre internationalen Horizonte zu erweitern. Wir betrachten die zunehmende Zersplitterung der lateinamerikanischen Agenda und den Rückgang des gesellschaftlichen Interesses an regionaler Kooperation als beunruhigenden Befund, der die Entwicklungen auf Regierungsebene widerspiegelt und verstärkt. Es handelt sich um ein Spannungsfeld mit vielfältigen Konflikten: zwischen dem Bekenntnis zum Handel und der Gleichgültigkeit gegenüber der Integration mit den Nachbarländern; zwischen dem Schutz von Landsleuten im Ausland und der Kontrolle der regionalen Einwanderung; zwischen der vorrangigen Sorge über Drogenhandel, organisierte Kriminalität und Gewalt und der untergeordneten Bedeutung, die dem Terrorismus beigemessen wird, und anderen mehr. Diese Spannungen zeugen von einem wechselnden oder ambivalenten Umgang der Gesellschaft mit Schlüsselthemen, was sich wiederum darauf auswirkt, welche Prioritäten die Politik der Regierungen festlegt, und die Möglichkeiten des regionalen Dialogs beeinträchtigt. Diese Zersplitterung kann zu einer mangelhaften Zielbestimmung und zu Desinteresse an bestimmten Themen führen. Am deutlichsten wird dies in außenpolitischen Fragen. Ein kollektives Beispiel ist die Diskrepanz zwischen der hohen Priorität, die Lateinamerikaner_innen dem Klimawandel als globalem Problem beimessen, und dessen Nachrangigkeit in den Prioritäten der außenpolitischen Agenda ihres jeweiligen Landes. Vier exemplarische Fälle in dieser Umfrage sind Brasilien, Chile, Mexiko und Kolumbien. In Brasilien steht die sehr hohe Sichtbarkeit der Diplomatie im Widerspruch zu einer Gesellschaft, die gegenüber der Außenpolitik ihres Landes eher skeptisch ist. Die chilenische Bevölkerung zeichnet sich durch eine Ablehnung der Migration aus, die vielleicht den Sieg der aktuellen Regierungskoalition erklärt. Und schließlich lehnen die mexikanische und die kolumbianische Gesellschaft ihrerseits ab, der„Hinterhof“ der Vereinigten Staaten zu 6  Für eine detaillierte Analyse des Wandels in der Wahrnehmung der Vereinigten Staaten siehe G. González und J. G. Tokatlian:„El desconcierto latinoamericano frente al (previsible) acoso de Donald Trump“, in: Nueva Sociedad Nr. 321, 1-2/2026, verfügbar unter. Abschließende Überlegungen: die Dilemmata jenseits der Daten 59 sein, was wahrscheinlich die Zustimmungswerte der Staatschefs dieser Länder stützt. Die wichtigste Botschaft, die die lateinamerikanische Gesellschaft Europa und der Welt in dieser Umfrage vermittelt, ist die Bekräftigung ihres unerschütterlichen Engagements für die innere Demokratie und den internationalen Frieden. Doch diese Botschaft wirft Fragen auf. Ist Europa wirklich daran interessiert, sich für dieses Lateinamerika der Bürger_innen zu engagieren? Ist Europa in der Lage, den gemeinsamen Platz zu erkennen, den es mit Lateinamerika angesichts der von Washington verursachten Umwälzungen in der Weltpolitik einnimmt? Können die demokratischen Stimmen Europas aus der lateinamerikanischen Verteidigung rechtsstaatlicher Werte politisches Kapital schlagen, um einflussreiche und konstruktive Akteure in einer entstehenden internationalen Ordnung zu sein? Den Menschen in Lateinamerika, die sich für die vielfältigen Aktivitäten interessieren, die ihre Länder mit der Welt verbinden, und/oder daran mitwirken, hinterlassen wir weniger Fragen als vielmehr Besorgnis. Wir machen auf ein Problem aufmerksam, das von entscheidender Bedeutung für eine über die internationale Realität informierte öffentliche Sphäre ist. Unsere Daten lassen eine besorgniserregende Kluft zwischen der öffentlichen Meinung und den vorherrschenden Narrativen in Regierungskreisen, Medien und sozialen Netzwerken erkennen. Indem sie eine Gesellschaft zeigen, die sich für Themen der internationalen Agenda interessiert und sich damit beschäftigt, weisen die Ergebnisse dieser Umfrage auf die Notwendigkeit hin, die Diskrepanz zwischen den Narrativen über internationale Themen, die in verschiedenen Kommunikationskanälen zirkulieren, und den tatsächlichen Gegebenheiten zu verringern. In unserer Region leben interessierte Gesellschaften, die qualitativ hochwertige Informationen verdienen, um eine authentische öffentliche Debatte zu gewährleisten. Lateinamerika verfügt unserer Ansicht nach über eine Zivilgesellschaft, die mit der Welt im Einklang steht und weiß, dass globale Ereignisse einen immer größeren Einfluss auf ihr Leben haben. In demokratischen Kontexten ist dies ein kollektiver Vorteil, keine Belastung. 60 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Über die Autor_innen, Mitglieder der Gruppe Diálogo y Paz Guadalupe González. Sie ist Internationalistin und Politikwissenschaftlerin und hat ihr Studium am Colegio de México(COLMEX), an der London School of Economics and Political Science(LSE) sowie an der University of California in San Diego(UCSD) abgeschlossen. Derzeit ist sie assoziierte Professorin und Forscherin am Zentrum für Internationale Studien am COLMEX, Gründungsdirektorin des Projekts für öffentliche Meinung und Außenpolitik „Las Américas y el Mundo“ der Abteilung für Internationale Studien des Centro de Investigación y Docencia Económicas(CIDE) sowie Mitglied des Conversatorio Latinoamericano(CONLAT). Monica Hirst. Sie ist Historikerin mit einem Doktortitel in Strategischen Studien der Bundesuniversität von Rio Grande do Sul(UFRGS). Sie war Gastdozentin an der Stanford University, der Universität von São Paulo, der Harvard University und der Bundesuniversität von Santa Catarina. Als unabhängige Beraterin ist sie Spezialistin für Themen der brasilianischen Außenpolitik, internationale Zusammenarbeit, Integration und regionale Sicherheit. Sie ist außerdem Forschungsmitarbeiterin am IESP-UERJ(CONLAT). Carlos Luján. Er ist Politikwissenschaftler und Dozent für Theorie der internationalen Beziehungen, Verhandlungsführung und Forschungsmethodik an der Fakultät für Sozialwissenschaften und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universidad de la República(UdelaR), Uruguay. Außerdem forscht er in internationaler Politik am Institut für Politikwissenschaften der UdelaR. Er ist Berater des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen(UNDP) und Spezialist für Themen der internationalen Politik und der Außenpolitik Uruguays Carlos A. Romero. Er ist Politikwissenschaftler, Doktor der Politikwissenschaften und emeritierter ordentlicher Professor am Institut für Politikwissenschaften der Zentraluniversität von Venezuela(UCV). Von 1991 bis 1992 und 1999 beriet er das venezolanische Außenministerium. Er war Gastprofessor an der Universität Salamanca(1999), der Universität von São Paulo(1999, 2011, 2012 und 2013), der Universität Sorbonne Nouvelle Paris 3(2007), der Universidad del Rosario in Bogotá(2016) sowie an der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften in Quito, FLACSO-Andes (2010). Derzeit lehrt er an der UCV und ist als Berater in Fragen der Innen- und Außenpolitik seines Landes tätig. Juan Gabriel Tokatlian. Er ist Soziologe und hat an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University in Washington, D. C., in Internationalen Beziehungen promoviert. Er ist Professor am Institut für Politikwissenschaften und Internationale Studien der Universidad Di Tella(Argentinien), deren Vizerektor er von 2019 bis 2023 war. Über den Koordinator für Statistik Luis Martín Sosa. Er ist Politikwissenschaftler und Internationalist am Centro de Investigación y Docencia Económicas(CIDE). Derzeit ist er geschäftsführender Gesellschafter bei Data OPM(Mexiko-Stadt), wo er nationale und internationale Meinungsumfragen koordiniert. 61 AMLAT Radar 2026. Die Unsicherheit navigieren: lateinamerikanische Perspektiven auf Europa und die Welt Es handelt sich um die zweite Ausgabe einer gemeinsamen Initiative der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES), der Zeitschrift Nueva Sociedad, der Gruppe Diálogo y Paz und von Latinobarómetro, deren Ziel es ist, fundierte Informationen über Wahrnehmungen in Lateinamerika bereitzustellen. Ausgehend von zehn nationalen Realitäten erstellt die Umfrage einen regionalen Überblick, aufbauend auf der ersten Ausgabe, die 2021 durchgeführt und 2022 veröffentlicht wurde. Diese neue Ausgabe von AMLAT Radar erfasst Meinungen, die zwischen Oktober und November 2025 in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Costa Rica, Guatemala, Mexiko, Uruguay und Venezuela erhoben wurden. In einem globalen Kontext, der von rasanten Veränderungen geprägt ist, bietet dieser Bericht einen aktuellen Überblick darüber, wie die Region ihren Platz in der Welt wahrnimmt, sowie über die lateinamerikanische Sicht auf globale Spannungen und Umbrüche, die Bewertung globaler Akteure und die Erwartungen an Führung und Zusammenarbeit auf der internationalen Bühne. Datenvisualisierung und weitere Informationen zu diesem Projekt unter: ↗ amlatradar.org