IMPULS Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa Frankreich – eine Utopie im Widerstand Sébastien Poulain Zusammenfassung Der französische öffentlich-rechtliche Rundfunk(ÖRR), eine demokratische und kulturelle Säule, steht unter ­erheblichem wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Druck. Trotz rückläufiger finanzieller Mittel, zunehmender Konkurrenz durch digitale Plattformen und einer alternden Zuschauerschaft bleibt er die vertrauenswürdigste Medienquelle des Landes und verzeichnet weiterhin beachtliche digitale Erfolge. Die Fusionsprojekte zur Schaffung von„France Médias“ haben jedoch Spannungen ausgelöst und Befürchtungen genährt, dass der programmliche und redaktionelle Pluralismus geschwächt werden könnte. Trotz eines dichten institutionellen Regulierungsrahmens bleibt die redaktionelle Unabhängigkeit angesichts politischer Eingriffe fragil. Für die Zukunft muss der ÖRR die Informationsfreiheit sichern, sein Medienökosystem und die Multidistribution schützen sowie Vielfalt, Repräsentativität, ­Kreativität und Demokratisierung stärken – und zugleich seine utopische Mission als öffentliches Gut bewahren. 1. Eine Utopie im Widerstand Der französische öffentlich-rechtliche Rundfunk sieht sich von gleich mehreren Seiten unter Druck gesetzt: Konservative Kräfte lehnen seinen progressiven Anspruch ab; neoliberale Akteure beschneiden seine finanziellen Ressourcen; radikale Reformist:innen kritisieren seinen vermeintlichen Neoliberalismus sowie seine Nähe zur Regierung; digitale Imperien etablieren eigene Distributionsnetzwerke; private Wettbewerber versuchen, Werbeeinnahmen und Publikum zurückzugewinnen; gesellschaftliche Eliten verachten seine Inhalte und als überholt geltenden Strukturen; Regionen bemängeln seinen stark auf Paris zentrierten Ansatz; und schließlich stellt auch die Exekutive die Qualität seiner Arbeit infrage. Kurzum: Der ÖRR Frankreichs befindet sich in einer Situation des Widerstands. Erklären lässt sich das möglicherweise mit der utopischen Vision, die sein Handeln leitet. So betonte Delphine Ernotte, Präsidentin von France Télévisions(FTV), während ihrer Anhörung vor der Nationalversammlung am 5.7.2023 zur Darstellung von Frauen im Fernsehen:„Wir versuchen, Frankreich so darzustellen, wie wir es uns wünschen.“ Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 1 Seit dem Gesetz vom 30.9.1986„über die Kommuni kationsfreiheit“ – verabschiedet fünf Jahre nach dem Ende des 1945 eingeführten staatlichen Rundfunkmonopols – sind die Aufgaben des ÖRR Frankreichs im Kern unverändert geblieben: → Im Bereich der Information: Gewährleistung unabhängiger, pluralistischer und unparteiischer Berichterstattung; Unterstützung des Publikums beim Verständnis der Welt in all ihren Dimensionen; Bereitstellung von Orientierungshilfen im Umgang mit der Vielfalt an Informationsquellen. → Im kulturellen Bereich: Schaffung, Förderung und Ausstrahlung hochwertiger französischer Originalwerke sowie die Bereitstellung kultureller Inhalte für alle. → Im Hinblick auf Nähe: Ermöglichung gemeinsamer Erfahrungen, die sowohl die nationale Gemeinschaft als auch die lokale Bevölkerung im Rahmen regionaler Programme zusammenführen, sowie Abbildung der Vielfalt der französischen Gesellschaft. → Im Bereich der Außenwirkung: Förderung demokratischer Werte, von Pluralismus und Pressefreiheit sowie der französischen Kultur und Sprache. 2. Governance: Eine Vielfalt von Akteuren Das System des ÖRR untersteht der Aufsicht zweier ­Ministerien – des Kulturministeriums sowie des Finanzministeriums – und setzt sich aus mehreren Organisationen zusammen: → Drei nationale Programmgesellschaften: France Télévisions(FTV), Radio France(RF) und France Médias Monde(FMM), die für den internationalen Rundfunk zustänAbb. 1 Chronologie der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten 1921 1933 1935 1945 1949 1974 1981 1984 1987 1992 2005 2006 2009 2014 2016 2022 2025 erste Ausstrahlung von Radio Tour Eiffel(Staatsradio) Einführung einer Rundfunkgebühr für 1,5 Millionen Franzosen/Französinnen erste Fernsehsendungen staatliches Monopol auf Rundfunkfrequenzen Gründung der Radiodiffusion-télévision française(RTF), 1964 umbenannt in Office de radiodiffusiontélévision française(ORTF) Aufteilung der ORTF in sieben Organisationen: Radio France, die Fernsehsender TF1, Antenne 2 und FR3, TDF(Rundfunk), SFP(Produktion), Institut national de l’audiovisuel(Archiv) Ende des staatlichen Monopols auf Rundfunkfrequenzen erster privater Fernsehsender: Canal+ Privatisierung von TF1 Gründung des Fernsehsenders Arte(nach La Sept, gegründet 1986) dank einer Zusammenarbeit mit Deutschland Start des digitalen terrestrischen Fernsehens(DTT) mit 13 frei empfangbaren Kanälen und einem Pay-TV-Kanal, gegenüber zuvor nur sechs Kanälen Start des internationalen Nachrichtenfernsehsenders France 24 Ende der Werbung auf France Télévisions nach 20 Uhr Start des digitalen terrestrischen Radios(DTR) Gründung des nationalen Nachrichtenfernsehsenders franceinfo, der sich auf den 1987 gegründeten Radiosender France Info stützt Ende der Rundfunkgebühr Ablehnung des Gesetzentwurfs zur Gründung einer Holdinggesellschaft namens„France Médias“ durch die Nationalversammlung und Verabschiedung durch den Senat Quelle: eigene Darstellung. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 2 dig ist. Es handelt sich um Aktiengesellschaften(sociétés anonymes), die sich vollständig im Eigentum des französischen Staats befinden. Ihre Vorsitzenden und Geschäftsführer:innen(CEOs) werden für eine Amtszeit von fünf Jahren unter der Aufsicht eines Verwaltungsrats ernannt. Innerhalb von FTV bestehen darüber hinaus ein Verwaltungsausschuss, der für die Gesamtstrategie zuständig ist, sowie ein redaktioneller Strategieausschuss. → Arte-France ist eine der beiden Programmproduktionsund Verlagsgesellschaften des Europäischen Kulturkanals Arte(die andere ist Arte Deutschland TV GmbH). Sie wird von einem Vorstand und einem Aufsichtsrat ­geleitet. Das Aktienkapital wird von FTV(45 Prozent), dem französischen Staat(25 Prozent), Radio France (15 Prozent) sowie dem Nationalen Institut für audiovi suelle Medien(Institut national de l’audiovisuel – INA) (15 Prozent) gehalten. Rund 85 Prozent der Programme von Arte werden in Europa produziert. Etwa 70 Prozent der Europäer:innen können Arte in ihrer jeweiligen Muttersprache – Französisch, Deutsch, Englisch, Spanisch, Polnisch oder Italienisch – empfangen; langfristiges Ziel ist die Bereitstellung des Programms in insgesamt 24 Sprachen. → TV5 Monde , dessen Kapital sich im Besitz von Rundfunkanstalten befindet, die Partnerregierungen vertreten, sendet Programme aus Frankreich, der Schweiz, Monaco, der Föderation Wallonie-Brüssel, Kanada und Quebec. → Die Parlamentskanäle: La Chaîne Parlementaire(LCP) der Nationalversammlung sowie Public Sénat des Senats verfügen jeweils über eigene Führungsstrukturen und eine unabhängige Finanzierung. → Die nationale öffentliche Industrie- und Handelsgesellschaft , die für die Verwaltung und Förderung der ­audiovisuellen Archive Frankreichs zuständig ist: das ­Institut national de l’audiovisuel(INA). Seit etwa zehn Jahren wird innerhalb liberaler politischer Strömungen in Frankreich über eine Fusion des ÖRR oder – sofern diese nicht zustande kommt – über die Einrichtung einer Holdinggesellschaft diskutiert. Ziel ist es, jenem Zustand zu entkommen, den die ehemalige Kulturministerin Rachida Dati als eine„Anomalie in Europa“ bezeichnete. Verzögert wurde dieser Reformprozess durch verschiedene Faktoren, darunter die politische Instabilität – fünf Premierminister seit 2022 – sowie den Widerstand der Gewerk schaften, der sich unter anderem in mehreren Streiks im Jahr 2025 manifestierte. 3. Finanzierung: Rückläufig und ohne Stabilität Eine Entscheidung des Verfassungsrats vom 12.12.2024 be kräftigte, dass es dem Gesetzgeber freisteht, die Finanzierungsmethoden für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk festzulegen. Folglich wurde das Organgesetz vom Im Finanzgesetz 2024 den ÖRR zugewiesene Mehrwertsteuerbeträge in Millionen Euro(und Prozentsatz ihrer Ressourcen im Jahr 2023) sowie Anzahl der Mitarbeitenden in 2023 Abb. 2 France Télévisions 2.568,1 Radio France France Médias Arte Monde Institut national de l‘audiovisuel TV5 Monde 85% 8.825 Mitarbeitende, davon 2.748 Journalist:innen 668,0 84% 304,2 95% 293,6 98,7% 4.400 Mitarbeitende, davon 915 Journalist:innen 1.800 Mitarbeitende, davon 1.044 Journalist:innen 278 Mitarbeitende, davon 82 Journalist:innen 107,9 70% 911 Mitarbeitende, davon 25 Journalist:innen 83,4 67% 298 Mitarbeitende, davon 65 Journalist:innen Quelle: Hugonet 2024: 6, 14, ergänzt im Oktober 2025 vom Autor anhand von Daten zur Anzahl der Journalist:innen und Mitarbeiter:innen, die auf den Websites der Medienunternehmen selbst angegeben sind. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 3 13.12.2024 zur Reform der Finanzierung des ÖRR über die Mehrwertsteuer(MwSt.) – eine indirekte, regressive Verbrauchssteuer, die tendenziell die Wohlhabenden begünstigt – als verfassungsgemäß angesehen. Die Fernsehgebühr – die Contribution à l’audiovisuel public(CAP) in Höhe von 138 Euro pro Haushalt, die sich auf zuletzt 3,217 Milliarden Euro(mit zusätzlichen staatlichen Mitteln) belief – wurde 2022 abgeschafft. Seitdem wird der öffent lich-rechtliche Rundfunk vorübergehend durch die Mehrwertsteuer finanziert. Die Verteilung der 4,026 Milliar den Euro im Jahr 2024(gegenüber 3,585 Milliarden Euro im Jahr 2022 und 3,815 Milliarden Euro im Jahr 2023) ist in Ab bildung 2 dargestellt. Auf die Frage nach dem doppelt so hohen deutschen ÖRR-Budget gab ein ehemaliger französischer ÖRR-Manager(FR3, FTV, France 24, Public Sénat) im Rahmen dieser Studie zu bedenken, dass„Deutschland ein föderaler Staat ist“. Allerdings begann die Dezentralisierung in Frankreich bereits 1982, und die geplante Fusion der französischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird von den Führungskräften teilweise als Mittel zur Schaffung eines„lokaler ausgerichteten öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ gerechtfertigt – ein Argument, das angesichts der Tatsache, dass France Bleu und France 3, die bei den lokalen Medienunternehmen, bereits vor ihrer Fusion einen großen Publikumserfolg verzeichneten, verwirrend erscheint(siehe Abbildung 3). Diese öffentlichen Mittel machen zwischen 67 und 98,7 Prozent der Gesamteinnahmen öffentlich-rechtlicher Rundfunk- und Fernsehanstalten aus. Dabei stellen Journalist:innen – mit Ausnahme von France Médias Monde (FMM) – eine Minderheit der Beschäftigten dar, wenn die große Zahl der an der Programmproduktion beteiligten Mitarbeitenden berücksichtigt wird. Seit mehr als 20 Jah ren fordern die zuständigen Behörden Kostensenkungen von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Für den Zeitraum 2018 bis 2022 wurden sie von der Regierung schließlich beschlossen und beliefen sich auf insgesamt 190 Millionen Euro, was einer Kürzung von fünf Prozent entspricht(Hugonet 2021). Begründet wurden diese Einsparungen mit der Staatsverschuldung. Vor diesem Hintergrund wird es schwierig, gegen Haushaltskürzungen in sämtlichen Politikfeldern, einschließlich der Kultur, zu argumentieren. Insgesamt liegt das Budget des ÖRR im Jahr 2025 lediglich um drei Prozent über dem Niveau von 2015, während die Inflation im gleichen Zeitraum mehr als 20 Prozent betrug (Bloch 2025: 13–14). Das am 2.2.2026 verabschiedete ÖRRBudget für das Jahr 2026 sieht schließlich eine weitere Kür zung in Höhe von 86 Millionen Euro vor. 4. Wettbewerb: Strukturelle Krise Die Zuschauerzahlen der großen Fernsehsender(vgl.­ Abbildung 3) deuten auf eine Neugestaltung der Seh­ gewohnheiten hin, die wiederum als Reaktion auf die neue Wettbewerbswelle verstanden werden könnten). Drei  ­wesentliche Beobachtungen lassen sich fest­halten: → Der audiovisuelle Sektor befindet sich in einer Krise: Die Radiohörerschaft ist rückläufig. Auch der Anteil des Fernsehens am gesamten Videokonsum der französiZuschauerzahlen der vier wichtigsten französischen Fernsehsender von 1976 bis 2025 in Prozent TF1 France 2 France 3 M6 Abb. 3 50  45 40 35 30 25 20 15 10 5 0 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025 Quelle: Roblin 2025; Daten: Médiamétrie. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 4 schen Bevölkerung sinkt. Derzeit entfallen 68 Prozent des Videokonsums auf das Fernsehen, gegenüber 81 Pro zent im Jahr 2019. Der Anteil von Onlinevideos ist um 50 Prozent gestiegen – von 14 auf 21 Prozent – und er reicht bei den 15- bis 24-Jährigen einen Wert von 71 Pro zent(Bloch 2025: 5). → Das Publikum des ÖRR altert: Die Fernsehnutzung junger Menschen geht sowohl in der Häufigkeit als auch in der Sehdauer deutlich zurück. Personen im Alter von 15 bis 24 Jahren sehen täglich durchschnittlich 41 Minu ten fern, gegenüber rund zwei Stunden bei den 25- bis 49-Jährigen(Bloch 2025: 4). Das Durchschnittsalter des Publikums von France Télévisions lag 2023 bei 56,1 Jah ren. Das Durchschnittsalter der Hörer:innen von Radio France stieg zwischen 2006 und 2023 von 51,5 auf 55,6 Jahre(Bloch 2025: 6). → Das Publikum des ÖRR rekrutiert sich zunehmend weniger aus der Arbeiterklasse: Die Zahl der Radiohörer:innen ist insbesondere unter Personen ohne formale Qualifikationen gesunken. Während 2008 noch 61 Pro zent dieser Gruppe täglich Radio hörten, waren es 2018 nur noch 47 Prozent(Bloch 2025: 29). Dieser Trend ist bei Radio France besonders ausgeprägt: Der Anteil der unteren sozio-professionellen Kategorien(CSP–) liegt dort bei 13,9 Prozent, verglichen mit 19,7 Prozent bei RTL und 28,2 Prozent bei RMC. Ein ähnliches Muster zeigt sich beim Fernsehen: Bei France Télévisions stammen 16 Prozent der Zuschauer:innen aus CSP–, gegen über 29 Prozent bei der TF1-Gruppe und 35 Prozent bei der M6-Gruppe(Bloch 2025: 3). Die Erklärung hierfür liegt in der digitalen Transformation. 62 Prozent der Französinnen und Franzosen beziehen ihre Nachrichten hauptsächlich über soziale Medien. Im Jahr 2025 nutzten 49 Prozent der Bevölkerung Anwendungen künstlicher Intelligenz(Observatoire Hexagone 2025), ge genüber noch 33 Prozent im Jahr 2024 und 20 Prozent im Jahr 2023(Labo Société Numérique 2025). Künstliche Intel ligenz spielt inzwischen auch in sozialen Netzwerken eine wachsende Rolle bei der Verarbeitung aktueller Ereignisse, etwa durch automatisierte Faktenprüfungen. Im Bereich des Kulturkonsums haben 70 Prozent der Bevölkerung min destens eine Plattform abonniert(darunter Netflix, Spotify, Deezer, Disney+ oder Amazon Prime), wobei ein Drittel dieser Abonnements tatsächlich nicht genutzt wird(Klippel 2025). Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verfügt dennoch weiterhin über mehrere strukturelle Vorteile: → France Télévisions(FTV) bleibt die führende Medienorganisation: Acht von zehn Französinnen und Franzosen sehen wöchentlich FTV-Programme. 82 Prozent vertrau en den Inhalten, und 84 Prozent haben laut einer Anzei ge für FTV im Journal du dimanche vom 12.10.2025 eine positive Meinung von dem Senderverbund. → Die Radiohörerschaft der öffentlich-rechtlichen Sender ist insgesamt gestiegen, mit Ausnahme der lokalen ­Programme. → Der ÖRR dominiert weiterhin die großen französischen Medienkonzerne in einem stark vertikal konzentrierten audiovisuellen Markt, in dem elf Milliardär:innen laut ­einer Untersuchung von Journalist:innen der Zeitung ­Libération(27.2.2022) 47 Prozent der Höreranteile im ­allgemeinen Rundfunk, 57 Prozent der Zuschaueranteile im allgemeinen Fernsehen und 81 Prozent der Auflage der nationalen Tageszeitungen kontrollieren(vgl. Ab­ bildung 4). → Der öffentlich-rechtliche Rundfunk experimentiert mit neuen digitalen Formaten: im Kinderbereich mit Okoo; im Audiobereich mit dem Webradio Mon petit von France Inter, das rund 4.000 Inhalte umfasst und ins­ gesamt mehr als 200 Millionen Abrufe erzielt – etwa 5 Millionen pro Monat(Collet 2025); im Bildungsbereich mit Lumni bei France Télévisions, Educ’Arte sowie Arte ­Campus; im Bereich fiktionaler Inhalte für junge Menschen mit Slash; bei Nachrichtenangeboten für junge Europäer:innen mit ENTR von Arte; sowie mit Salto als – letztlich erfolglosem – Versuch, in Konkurrenz zu Netflix zu treten. 5. Die Digital-First-Revolution „Wir dürfen das lineare Fernsehen nicht opfern, sondern müssen vielmehr die beiden Säulen Produktion und ­Ver­trieb neu ausbalancieren“, erklärt Laurence Bloch, die einen Großteil ihrer Karriere im linearen Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verbracht hat. Sie geht davon aus, dass Digital Natives künftig deutlich weniger Zeit mit linearen Medien verbringen werden, was unmittelbare Auswirkungen auf die sogenannte ATAWAD-Strategie(„Any Time, Anywhere, Any Device“) der Aufmerksamkeitsöko­ nomie hat: → Künstliche Intelligenz(KI): Im Jahr 2025 wurde eine Vereinbarung zwischen Arte und Mistral AI geschlossen, um Nutzer:innen der Plattform MyArte bei der Programmauswahl zu unterstützen. Hintergrund ist, dass im Jahr 2024 insgesamt 2,8 Milliarden Videos auf der Platt form angesehen wurden(Schwyter 2025). FTV hat zu dem mehrere interne KI-Werkzeuge – darunter MedIAGen und Raiponse – für automatische Untertitelung ­sowie zur Bearbeitung von Personal- und IT-Anfragen entwickelt. → Soziale Medien: Mit insgesamt 13,5 Millionen Follo wer:innen, darunter 844.000 auf TikTok, erzielte das ­Institut national de l’audiovisuel im Jahr 2024 mehr als 2 Milliarden Aufrufe über alle Plattformen hinweg, vor allem mit archivbasierten Rückblicken auf aktuelle ­Ereignisse(Goy 2025). Die 20-Uhr-Nachrichten von France 2 erreichen nach Angaben der Digitalabteilung Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 5 des Senders ein Publikum, das zu 65 Prozent unter 35 Jahre alt ist, wobei zugleich 72,2 Prozent der TikTokNutzenden unter 24 Jahre alt sind(Moliner 2025). Der Kulturradiosender France Culture verzeichnet 6,89 Milli onen Follower:innen in sozialen Netzwerken. Die im Jahr 2023 gestarteten WhatsApp-Kanäle von France Médias Monde erreichten bereits 2024 10,8 Millionen Abon nent:innen(France Médias Monde 2025). → Plattformen: France Télévisions verbreitet seine Programme unter anderem über myCanal und Amazon ­Prime. Die Plattform france.tv erreichte 2024 monatlich 35 Millionen Unique Visitors und überholte damit erst mals TF1(32,7 Millionen). Im Mai 2025 stieg diese Zahl auf 39,6 Millionen, gegenüber 35 Millionen bei TF1 und 28,2 Millionen bei M6(Cour des comptes 2025: 8). Laut der Rangliste der ACPM vom Juli 2025 dominiert ­francetvinfo.fr mit über 220 Millionen Besuchen im Juli 2025 den Onlinenachrichtenmarkt und belegt insgesamt den dritten Platz unter den meistgenutzten Websites und Apps – hinter Snapchat und Leboncoin. 6. Staat und Regierung behalten die Kontrolle Ergänzend zu den Europäischen Rechtstexten(CFR, ECHR, TFEU, EMFA) hat der Conseil constitutionnel entschieden, dass die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, einschließlich seiner Haushaltsautonomie, verfassungsrechtlich geschützt werden muss. Damit wird zwar die Bedeutung der Kommunikationsfreiheit bestätigt, ­zugleich bleiben jedoch Umfang und Zielrichtung dieses Schutzes mit Unsicherheiten behaftet. Reguliert wird der Sektor durch die unabhängige Verwaltungsbehörde Abb. 4 Konzerne, die freie Fernseh- und Radiosender besitzen Fernseh- und Radiozuschaueranteil(%)* Konzerne Fernsehen: France 2(13,7)+ France 3(9) + France 4(1)+ France 5(3,6)+ France info(1,1)= 28,4 France Télévisions TV: Arte(2,9) Arte France Radio: France Inter(15,6)+ France info(5) + ICI(5,2)+ France Culture(3,8) + France Musique*(1,9)+ FIP*(2)= 33,5 Radio France Radio: Radio Classique**(1,6) LVMH Fernsehen: TF1(19,4)+ TF1 Séries Films(1,7) + TMC(2,9)+ TFX(1,7)+ LCI(2,2)= 27,9 Bouygues TV: BFM(2,9)+ RMC Découverte(1,8)+ RMC Story(1,5)= 6,2; Radio: RMC(4,2) CMA CGM TV: CNews(3,9)+ CStar(1,1)= 5; Radio: Europe Bolloré 1(4,3), Europe 2**(0,9), RFM**(2,8)= 8 TV: M6(7,8)+ W9(3,1)+ 6ter(1,6)+ Gulli(1) M6 = 13,5; Radio: RTL(10,1)+ RTL 2**(2,2), Fun Radio**(2)= 14,3 Radio: NRJ**(4,5)+ Nostalgie**(5,4)+ Rire et Chansons(1,4)+ Chérie FM**(2)= 13,3 NRJ-Gruppe Radio: Radio Nova**(1,4) Les Nouvelles Éditions indépendantes Radio: Skyrock**(4,2) Vortex SA Radio: M Radio**(0,7) Espace Group Fernsehen: Novo19(0,8) Groupe SIPA Ouest-France TV: T18(0,7) CMI France Sektor Medien Medien Medien Luxus Immobilien, Telekommunikation Transport Öl, Kommunikation, Unterhaltung, Industrie Medien Medien Medien Medien Medien Medien Verlag Umsatz in Mio.€ 3,33 233,54 692,93 84,7 56,8 55,5 3,13 1.311 414 30 23,2 2 302,23 208 Jahr 2024 2024 2024 2024 2024 2024 2024 2024 2024 2019 2024 2024 2023 2020 Quelle: eigene Darstellung; Daten:*Radiohöreranteil, April–Juni 2025, und TV-Zuschaueranteil, September 2025(Médiamétrie);**Musikradio. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 6 ­ARCOM(Autorité de régulation de la communication audiovisuelle et numérique). Die politische Unabhängigkeit gegenüber der Regierung ist jedoch ein normatives Ideal geblieben, das bislang von keiner Regierungspartei tatsächlich garantiert wurde. Vielmehr bestehen zahlreiche institutionelle Eingriffsmöglichkeiten: in der Governance und bei Mandaten(Gesetz von 1986), in der Regulierung(ARCOM), in der Festlegung der Ziele(durch per Regierungsdekret bestimmte Programmrichtlinien), im Haushalt(über strategische und finanzielle Rahmenvereinbarungen – contrats d’objectifs et de moyens –, die seit 2023 nicht mehr bestehen und zuvor gemeinsam mit dem Kultur- und dem Wirtschaftsministerium festgelegt wurden) sowie in der Aufsicht durch Parlament, Rechnungshof und ARCOM mittels Anhörungen, Stellungnahmen und Berichten. Hinzu kommt die Ernennung der Führungskräfte. Die Exekutive übt damit über einen zweistufigen Mechanismus eine faktische Kontrolle über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus. Wie Abbildung 5 zeigt, werden zunächst die Mitglieder des Vor stands der ARCOM von der jeweiligen politischen Mehrheit ernannt(François Hollande erwog einmal, sich aus diesem Verfahren zurückzuziehen). Abbildung 6 gibt eine Übersicht der Institutionen so wie jeweiligen Anzahl von Berater:innen, die bei der Ernennung der ÖRR-Präsident:innen mitbestimmen. Präsident Nicolas Sarkozy reformierte im Jahr 2009 das entsprechende Gesetz, um sich selbst die Möglichkeit einzuräumen, die Präsident:innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks direkt zu ernennen. Damit wich er von der Abb. 5 Geschichte der Ernennungen von Mitgliedern der Unabhängigen Verwaltungsbehörde für audiovisuelle Medien Chronologische Liste der unabhängigen Verwaltungsbehörden Haute Autorité de la communication audiovisuelle(HACA) Commission nationale de la ­communication et des libertés (CNCL) im Jahr 1986 Conseil supérieur de l’audiovisuel (CSA) im Jahr 1989 Conseil supérieur de l’audiovisuel (CSA) im Jahr 2017 Autorité de régulation de la communication audiovisuelle et numérique (ARCOM) im Jahr 2022 Präsident:in der Republik 3 2 3 1 1 Nationalversammlung 3 2 3 3 3 Senat 3 2 3 3 3 Conseil d’État 1 1** Cour de cassation 1 1*** Sonstige 5* Gesamt 9 13 9 7 9 Quelle: eigene Darstellung;*Rechnungshof, Académie française, Kommunikationsfachkraft, Telekommunikationsfachkraft, Fachkraft für Printmedien.**Vizepräsident:in des Conseil d’État, der/die per Dekret im Ministerrat an die Spitze des obersten Verwaltungsgerichts berufen wird.***Der/die Erste Präsident:in der Cour de cassation wird vom Präsidenten/von der Präsidentin der Republik an die Spitze des obersten Zivilgerichts berufen. Institutionen, die die Mitglieder der Verwaltungsräte der Abb. 6 ÖRR-Organisationen ernennen France Télévisions Radio France France Médias Monde Nationales Institut für audiovisuelle Medien Nationalversammlung* 1 1 1 1 Senat* 2 2 2 2 Staat 5 4 5 3 Angestellte 2 2 2 2 ARCOM 5+ Präsident:in 4+ Präsident:in 5+ Präsident:in 4+ Präsident:in Quelle: eigene Darstellung;*der/die Präsident:in der Nationalversammlung und der/die Präsident:in des Senats ernennen jeweils eine Person. Gesamt 15 13 15 12 Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 7 seit 1982 geltenden Praxis ab, die er selbst als„völlige Heuchelei“ bezeichnete. Diese Ernennungen erforderten jedoch die Zustimmung der damaligen Regulierungs­ behörde CSA sowie das Ausbleiben einer ablehnenden Mehrheit von drei Fünfteln aller Mitglieder der beiden für Kulturfragen zuständigen Parlamentsausschüsse. Präsident François Hollande hob diese Regelung im Jahr 2013 wieder auf. Seither ist es schwierig, Führungskräfte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu identifizieren, die ohne die Zustimmung – oder zumindest den impliziten Segen – der jeweils amtierenden politischen Autoritäten ernannt wurden. So absolvierte etwa die Präsidentin von Radio France, Sibyle Veil, ihr Studium gemeinsam mit Emmanuel Macron. Entsprechend widersetzen sich diese Führungskräfte der Regierungspolitik nur selten und verlieren ihre Positionen in der Regel nicht aufgrund politischer Differenzen, sondern infolge persönlichen Fehlverhaltens: wegen Reisekostenabrechnungen(Agnès Saal, INA, 2015), Ausgaben für Bürorenovierungen(Mathieu Gallet, INA und Radio France, 2018) oder Kokainkäufen(Laurent Vallet, INA, 2025). Die neue Interimspräsidentin des INA, Agnès Chauveau, war ­ihrerseits 2014 wegen Plagiatsvorwürfen von der Sciences Po entlassen worden. Der Zivilgesellschaft wird in diesem System nur ein begrenzter Raum eingeräumt. Sie ist weder am Ernennungsverfahren noch an der Festlegung der institutionellen Zielsetzungen beteiligt. Die Anhörungen der Präsidentschaftskandidat:innen durch die Regulierungsbehörde ­ARCOM sowie deren programmatische Vorschläge werden nicht veröffentlicht. Bereits die Ernennung der Präsident:innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks reicht jedoch aus, um die Kontrolle über die Nachrichtenproduktion sicherzustellen, da diese ihrerseits die Leiter:innen der Informations- und Nachrichtenredaktionen bestimmen. Trotz bestehender Möglichkeiten zu Kritik, Widerstand oder Verhandlungen durch Gewerkschaften und Journalistenverbände sind diese Strukturen stark hierarchisch organisiert. Redaktionelle Auswirkungen ergeben sich somit zwangsläufig aus Per­ sonalentscheidungen, Karrieresteuerung und hierarchischem Einfluss. Gleichwohl existieren mehrere Organisationen, die zum Schutz von Journalist:innen beitragen(vgl. Abbildung 7). Diese Organisationen waren weder in der Lage zu verhindern, dass der FTV-Präsident im Juli 2025 den Tarif vertrag aus dem Jahr 2013 kündigte, noch dass er im Okto ber 2025 die Nachrichtenredaktion unter die Aufsicht der Abteilungen für Rundfunk und Programmgestaltung stellte. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Frankreich fungiert damit als Instrument der Kommunikation und Mobilisierung zur Unterstützung öffentlicher Politik und der Agenda der jeweiligen Regierung(Poulain 2025) – ein Ins­ trument, das auch Oppositionsparteien für sich zu nutzen anstreben, sobald sie an die Macht gelangen. Zugleich bleibt ungewiss, ob jene Akteure, die derzeit eine Privati­ sierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fordern(Poulain 2022), diese im Falle eines Regierungswechsels tat sächlich umsetzen würden. Eine solche Maßnahme hätte in jedem Fall erhebliche negative Auswirkungen auf den bestehenden privaten Rundfunksektor: Neue private Anbieter würden einen Teil der Werbeeinnahmen der derzeitigen Abb. 7 Organisationen zum Schutz von Journalist:innen bei FTV Organisationen CSE(Sozial- und Wirtschaftsausschuss) Hauptsitz und Zentrale Lokale Instanz (Instance de proximité) Ethik-Überwachungsausschuss (Commission de suivi de la déontologie) Ethikausschuss (Comité d’éthique) Journalistenverbände (Sociétés de journalistes) Gewerkschaften(Syndicats) Rolle Datum Personalvertretungsgremien auf Hauptsitz- und Zentralebene(einschließlich Regionen) für Unternehmen mit mehr als elf Beschäftigten, die die Geschäftstätigkeit des Unternehmens betreffen interne Vereinbarung vom 9.3.2018* Personalvertretungsorgan für Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten, betreffend die Geschäftstätigkeit des Unternehmens interne Vereinbarung vom 9.3.2018* zwei Sitzungen pro Jahr unter Beteiligung von Gewerkschafts­ vertreter:innen und der Geschäftsleitung, um ethische Erklärungen einzuholen gegründet 2013 unabhängige externe Persönlichkeiten, die für drei Jahre ernannt gemäß einem Gesetz werden und eine beratende, informierende und bewertende Funktion aus dem Jahr haben 2016** Vertreter:innen der Redaktion für redaktionelle Angelegenheiten: ICI National Newsroom(ehemals France 3 National Newsroom), France 2, franceinfo TV, franceinfo.fr CGT, FO, SNJ, CFDT, CGC, UNSA Quelle: eigene Darstellung. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 8 Netzwerke abschöpfen; die audiovisuelle Produktion – die seit 2021 von FTV mit 440 Millionen Euro finanziert wird (Rechnungshof 2025: 73) – würde massiv geschwächt; und die Gesamtattraktivität des französischen Rundfunks würde deutlich sinken. Davon würden letztlich vor allem auslän­dische Plattformen profitieren. 7. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Kulturkampf Vor dem Hintergrund eines dreigeteilten politischen Spek­ trums – links, Mitte und rechts – befindet sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einem ausgeprägten ideolo­ gischen Konflikt. Während die Linke der Mitte und der Rechten wirtschaftlichen Liberalismus und sozialen Konservatismus vorwirft, beschuldigt die Rechte die Mitte und die Linke eines übermäßigen sozialen Liberalismus; die Mitte wiederum denunziert sowohl die Rechte als auch die Linke wegen ihres vermeintlichen„ideologischen Extremismus“. Diese Spannungen werden durch die Fragmentierung der öffentlichen Meinung weiter verschärft, die sich zunehmend in ebenso viele öffentliche Sphären aufspaltet, wie es Medienplattformen gibt. In diesem Kontext steht ein neofaschistisches, re­ aktionäres, ultraliberales, populistisches, umweltfeindliches und nationalistisches politisches Projekt – in der Tradition von Donald Trump, Javier Milei, Viktor Orbán oder Giorgia Meloni – kurz vor der Machtübernahme. Dem ÖRR wird in diesem Rahmen vorgeworfen, politische Korrektheit, ­„Wokismus“, Moralismus, Linksextremismus, Zensur, Voreingenommenheit und Elitismus zu verkörpern sowie Teil eines„Mediensystems“ zu sein, das der gesellschaftlichen Realität ein„Gesetz des Schweigens“ auferlege. Tatsächlich ist bekannt, dass zahlreiche Moderator:innen reformistische, progressive oder liberale Positionen vertreten. Zudem identifizieren sich rund 70 Prozent der Hörer:innen von France Inter – dem reichweitenstärksten Radiosender des Landes – mit der politischen Linken. Die Vertretung der Gäste ist jedoch ausgewogen, und linke Gäste erhielten in den Morgensendungen von France Inter im September 2025 sogar weniger Sendezeit, wie Abbildung 8 dokumentiert. Abb.8 Prozentuale Aufschlüsselung der 158 Gäste in den wichtigsten französischen Radio- und Fernsehsendungen im September 2025 nach ideologischen Strömungen ideologische Strömungen% links Mitte rechts unbekannt France Inter(öffentlich-rechtlicher Rundfunk) Gäste 31 28 31 10 Redezeit 19 31 37 13 France 2(öffentlich-rechtliches Fernsehen) Gäste 36 32 32 0 Redezeit 35 33 32 0 RTL(privater Rundfunk) Gäste 20 35 40 5 Redezeit 18 43 36 3 RMC/BFM(privater Informationssender für Sport in Radio/TV) Gäste 24 33 38 5 Redezeit 23 35 37 5 Europa 1/CNews(privater konservativer Radio-/Fernsehsender) Gäste 5 23 72 0 Redezeit 4 21 75 0 Sud Radio(privater Talkradiosender) Gäste 36 32 27 5 Redezeit 38 31 27 4 TF1(privater Vollprogrammsender) Gäste 32 41 27 0 Redezeit 32 42 26 0 Gesamt Gäste 27 32 38 3 Redezeit 22 33 41 4 Quelle:*Studie durchgeführt im September 2025 von François Pierrard und Paul Cébille vom Observatoire Hexagone für das Wochenmagazin Marianne im Oktober 2025. Die ideologische Ausrichtung der 158 Gäste(links, Mitte, rechts) wurde anhand des Tons ihrer Äußerungen während des Interviews oder ihrer bisherigen Engagements zugeordnet. Die tatsächliche Redezeit wurde anhand der Dauer des Auftritts des Gastes in der Sendung berechnet. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 9 Ein weiterer zentraler Kritikpunkt betrifft die ­Kos­tenstruktur des ÖRR. Ein Bericht des französischen Rechnungs­hofs vom September 2025 zeigt, dass das ­durchschnittliche Bruttojahresgehalt im Jahr 2024 bei 73.690 Euro lag – deutlich über dem Durchschnitt im ­Kultursektor(48.900 Euro) und auch über dem des au diovisuellen Sektors insgesamt(66.700 Euro). Zudem er zielten 558 Beschäftigte ein Jahreseinkommen von über 100.000 Euro, darunter 31 Personen mehr als 200.000 Euro – also mehr als das Gehalt des Präsidenten der Republik – sowie fünf Personen mehr als 300.000 Euro(Cour des comptes 2025: 98–99). Demgegenüber stellte das INSEE für das Jahr 2023 fest, dass weniger als zehn Prozent der Erwerbstätigen in der Region Île-de-France ein Einkommen von über 70.000 Euro erzielten. Vor diesem Hintergrund schlug die Vorsitzende der führenden rechtsnationalen Partei, Marine Le Pen, eine„nahezu vollständige Privatisierung“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor, mit wenigen Ausnahmen: dem Erhalt einer internationalen Stimme, eines Notfallkanals für Krisensituationen sowie einer Verbindung zu den Übersee­gebieten. Zur Begründung erklärte sie, eine große Demokratie wie Frankreich habe„keinen Grund, 4 Milliarden Euro für einen par teiischen Mediengiganten auszugeben“. Im September 2025 initiierte ihre Partei eine entsprechende Petition. Diese Position erfährt zusätzliche Unterstützung durch das umfangreiche Medien- und Kommunikationsimperium von Vincent Bolloré, das die Diskursverschiebung zugunsten einer Schwächung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks maßgeblich verstärkt. Der mit 11,5 Milliarden Euro 14. reichste Mensch des Landes erklärte 2022, dass er seine„Medienkanäle nutzt, um [seinen] Kampf für die Zivilisation zu führen“. Diese Haltung spiegelt sich in seinen Medienplattformen wider, auf denen Gäste, Berater:innen und zum Teil auch Mode­rator:innen Minderheiten, Arme, Einwanderer/Einwan­de­rinnen, Muslime/Muslima, junge Menschen, Bewohner:innen von Arbeitervororten, Progressive, Umweltschützer:innen, LGBTQIA+Personen,„Wokes“, Menschenrechts­akti­vist:innen und Steuern stigmatisieren, während Handwerker:innen, Kleinunternehmer:innen, Immobilien­besitze­r:in­nen und JudäoChrist:innen verteidigt werden. Jede Schwäche des ÖRR wird zum Gegenstand stundenlanger Diskus­sionen. Ein im September 2025 mit versteckter Kamera auf genommenes Video zeigte beispielsweise eine kollusive ­Beziehung zwischen zwei Star-Kommentator:innen – ­Thomas Legrand und Patrick Cohen – und Vertreter:innen der Sozialistischen Partei. CNews – Bollorés von Fox News inspirierter Sender, der ganztägige Talkshows mit geringer tatsächlicher Debatte anbietet und sich stark auf Kriminalberichterstattung und Social-Media-Hype stützt – war zwischen dem 5. und 19.9.2025 für 95,6 Prozent der Medien­ berichterstattung über diesen Fall in allen Nachrichten­ sendern verantwortlich(Pettineo 2025). Aufgrund regelmäßig ausgestrahlter hetzerischer Kommentare erhielten C8 und CNews zwischen 2012 und 2024 insgesamt 52 Verwarnungen; C8 musste zudem mehr als 7,6 Millionen Euro an Geldstrafen zahlen, bevor die ­ARCOM im Jahr 2025 die Sendelizenz entzog(Durand et Miliani 2024). Die Präsident:innen der ÖRR-Sender brachen daraufhin ihr übliches Schweigen und prangerten in einem öffentlichen Brief an ARCOM im September 2025 eine ­„systematische Verleumdungskampagne“ an. Im November 2025 reichten sie zudem getrennte Klagen beim Handels gericht Paris gegen die Medienunternehmen der Gruppe – CNews, Europe 1 und Le JDD – wegen„Verleumdung“ ein, die sie als„eine Form des unlauteren Wettbewerbs“ bezeichneten. Delphine Ernotte sprach in einem Interview mit Le Monde vom 18.9.2025 von einem„meinungsbasierten Medienkanal“ und einem„rechtsextremen Sender“. Gleichwohl holten die Führungskräfte im Herbst 2025 zwei regel mäßige Mitarbeiter von CNews – Paul Melun, zugleich bei France 2 tätig, sowie Nathan Devers, zugleich bei France 5 und France Culture – zu France Info, dem daraufhin vorgeworfen wurde, CNews in der Auswahl seiner Gäste und der behandelten Themen zu imitieren. Die Affäre Legrand–Cohen hatte eine weitere Kon­ sequenz: Am 28.10.2025 wurde auf Initiative der Fraktion Union de la droite pour la République(UDR) eine ­Unter­-­ suchungs­kommission der Nationalversammlung zur„Neu­ tralität, Funktionsweise und Finanzierung des öffentlichrechtlichen Rundfunks“ eingesetzt. Die UDR ist eine von Éric Ciotti gegründete Partei, die dem Rassemblement national(rechtsextreme Partei) unter dem Vorsitz von J­ ordan Bardella nahesteht und sich ebenfalls für eine Privatisierung des ÖRR(British Broadcasting Corporation) ­einsetzt. Den Vorsitz der Kommission übernahm Jérémie Patrier-­ Leitus, Abgeordneter der Partei Horizons, einer mitte-rechts orientierten Partei, die von Édouard Philippe, dem ehema­ ligen Premierminister unter Emmanuel Macron, ­gegründet wurde. Zum Berichterstatter wurde der UDR-­Abgeordnete Charles Alloncle ernannt. Aufgabe der Kommission ist es, mögliche Absprachen, Interessenkonflikte, politische Agenden, Entscheidungsprozesse sowie die Haushaltsführung des ÖRR zu ­untersuchen. Sie stützt sich dabei auf Anhörungen mit ­Minister:innen, Gewerkschaften, Journalistenverbänden, Rundfunkverantwortlichen, Journalist:innen sowie weiteren ­Organisationen. Zwar ermöglicht diese Kommission ein vertieftes Verständnis der politischen und wirtschaftlichen Dimensionen der Arbeit des ÖRR, sie wurde jedoch zugleich von Mitgliedern der Kommission selbst kritisiert. Am 2.2.2026 richteten mehrere von ihnen einen Brief an die Präsidentin der Nationalversammlung, Yaël Braun-­ Pivet, in dem sie forderten, den Berichterstatter der Kommission Charles Alloncle wegen dessen aus ihrer Sicht ­betriebener„Hexenjagd“ zu rügen. Die Präsidentin hatte einen solchen Schritt bereits im Dezember 2025 unternommen, indem sie Alloncle auf forderte,„sich in seinen öffentlichen Äußerungen und Verlautbarungen zurückzuhalten“, und zugleich„Vorfälle von beispielloser Häufigkeit und Tragweite“ kritisierte. Dazu zählten wiederholte Rügen der Präsidentin gegenüber dem Berichterstatter, das Eindringen sozialer Medien in die Arbeit der Kommission sowie gegenseitige Beleidigungen. Der Berichterstatter führte regelmäßig umfangreiche Recherchen – insbesondere in sozialen Medien – über die Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 10 ­angehörten Personen und deren Mitarbeitende durch, um die seiner Ansicht nach linksgerichtete politische Ausrichtung von ÖRR-Mitgliedern aufzuzeigen. So befragte er am 18.12.2025 Stéphane Sitbon, Direk tor bei France Télévisions, nahezu ausschließlich zu dessen Vergangenheit als Aktivist und Mitarbeiter innerhalb der Grünen Partei Europe Écologie Les Verts, bevor dieser 2015 im Alter von 28 Jahren zu FTV wechselte. Am 21.1.2026 be fragte er Pierre Haski, Präsident von Reporter ohne Grenzen und geopolitischer Kommentator beim Radiosender France Inter, zu dessen maoistischem Engagement im Alter von 16 Jahren, obwohl dieser zum Zeitpunkt der Anhörung 73 Jahre alt war. Am 2.2.2026 schließlich befragte er Léa Salamé, die Star-Moderatorin der 20-Uhr-Nachrichten auf France 2, zu ihrem Partner Raphaël Glucksmann, einem Mitglied des Europäischen Parlaments der mitte-links positionierten Partei Place Publique, der als wahrscheinlicher Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2027 gilt. Am 11.2.2026 befragte der Berichterstatter wiederum Arnaud Ngatcha zur Vereinbarkeit seiner Doppelfunktion als Direktor der Programmabteilung von FTV mit einem Jahresgehalt von rund 100.000 Euro und seiner Funk tion als stellvertretendem Bürgermeister von Paris mit Zuständigkeit für Europa, internationale Beziehungen und die Frankophonie, wofür er eine Aufwandsentschädigung von etwa 60.000 Euro erhält. Bereits am 4.2.2026 hatte er darü ber hinaus angedeutet, dass der Präsident der Kommission, Jérémie Patrier-Leitus, potenziellen Interessenkonflikten mit Anteilseigner:innen der Produktionsfirma Mediawan ausgesetzt sei. Mediawan war im Jahr 2024 mit einem Um satz von 111 Millionen Euro der Hauptnutznießer der Ver tragsbeziehungen mit FTV. Diese Anschuldigung veranlasste den Vorsitzenden, die Anhörung umgehend abzubrechen und am folgenden Tag in der Einleitung weiterer Sitzungen zu fordern,„dass die Verleumdungen, der Druck und die Einmischung von außen aufhören“. In diesem Zusammenhang bezog sich der Vorsitzende auch auf den Anwalt ­Gilles-William Goldnadel, einen Kommentator beim Nachrichtensender CNews, der wiederum zur Gruppe Bolloré zählt, und dessen Ankündigung, im Namen der Gewerkschaft CGC Audiovisuel„rechtliche Schritte einzuleiten“, da diese nach eigenen Angaben nicht von der Kommission vorgeladen worden sei. Der Vorsitzende der Kommission wies diese Anschuldigung ausdrücklich zurück. Auf der linken Seite des politischen Spektrums veröffentlichte der Abgeordnete Aymeric Caron, Gründer der Partei Ecological Revolution for Life(REV) und Verbündeter der von Jean-Luc Mélenchon geführten Partei La France Insoumise, in den Jahren 2024 und 2025 mehrere„Stellung nahmen“ zum Entwurf des ÖRR-Haushaltsgesetzes im Namen des Ausschusses für kulturelle Angelegenheiten und Bildung der Nationalversammlung. In diesen Stellungnahmen kritisierte er die Unterfinanzierung und fehlende langfristige Tragfähigkeit des ÖRR, dessen aus seiner Sicht proisraelische Berichterstattung über den Krieg in Gaza sowie die von ihm diagnostizierte„Cnews-ifizierung“ des 24-Stun den-Nachrichtensenders France Info. Die Stigmatisierung des ÖRR ist jedoch keineswegs auf die Opposition beschränkt. Präsident Emmanuel Macron eröffnete seine Amtszeit mit einer scharfen Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den er aufgrund„schlechter Verwaltung, Verschwendung, mittelmäßiger Programme und Inhalte sowie ungesunder Beziehungen zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seinen externen Partnern(Moderator:innen, Produzent:innen usw.)“ als„Schande für die Republik“ bezeichnete. Bereits 2017 wurden die damaligen Führungskräfte von FTV, Patrick de Carolis und Bastien Millot, wegen ­Begünstigung im Zusammenhang mit Verträgen mit dem Unternehmen Bygmalion zu jeweils fünf Monaten Haft verurteilt. Bygmalion war zuvor wegen überhöhter Abrechnungen im Rahmen des Präsidentschaftswahlkampfs 2012 von Nicolas Sarkozy verurteilt worden; Sarkozy selbst erhielt 2021 eine Haftstrafe von einem Jahr. Auch die amtierende Kulturministerin und Kandidatin für das Amt der Bürgermeisterin von Paris im März 2026, Rachida Dati, übte wiederholt scharfe Kritik am ÖRR. Sie bezeichnete ihn als„Club für die obere Mittelschicht und ältere Menschen“ und warf im Jahr 2025 bestimmten Leitartikler:innen und investigativen Redaktionen Voreingenommenheit vor, nachdem diese über mehrere sie betreffende Affären berichtet hatten(GDF-Suez, Aserbaidschan, Renault-Nissan, Katar sowie nicht deklarierte Schmuckstücke). Am 5.2.2026 beschuldigte sie vor dem Untersuchungs ausschuss Journalist:innen der Investigativsendung„Complément d’enquête“, ihren Verwandten Geld für belastende Informationen angeboten zu haben, um diese in der am 5.6.2025 ausgestrahlten Dokumentation„Rachida Dati, la conquête à tout prix“(„Rachida Dati – Eroberung um jeden Preis“) zu verwenden. Die betroffenen Journalist:innen wiesen diese Vorwürfe in einer öffentlichen Erklärung zurück und wurden am 11.2.2026 von der Kommission angehört. Darüber hinaus sprach Rachida Dati von„inzestuösen Beziehungen“„in bestimmten Kreisen“ wie dem ÖRR, als sie zu Fällen von Führungskräften Stellung nahm, die France Télévisions verlassen hatten, um für Produktionsfirmen ­tätig zu werden, die weiterhin für FTV arbeiteten, während sie zugleich Abfindungszahlungen erhielten. Genannt wurden insbesondere Nathalie Darrigrand(Together Media) ­sowie Takis Kandilis(Banijay). 8. Schlussfolgerung und Perspektiven Es gibt keine endgültige Lösung, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Frankreich nachhaltig zu sichern, da selbst robuste rechtlich-ökonomische Schutzmechanismen innerhalb kürzester Zeit außer Kraft gesetzt werden können – wie das Vorgehen von Donald Trump gegenüber dem ÖRR in den Vereinigten Staaten gezeigt hat. Die größten Gefahren lassen sich wie folgt zusammenfassen. 1) Unzureichende Finanzierung Die Forscherin Asma Mhalla warnt vor dem Modell des„totalen Minimalstaats“ – hyposozial, unterversorgend, hyperliberal, hyperüberwachend, hypersicherheitsorientiert und Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 11 hypertechnologisch(Mhalla 2025: 139–148, 184). Der Rück gang der ÖRR-Budgets zählt zu den zentralen Warnsignalen, die den Übergang von einer liberal-progressiven zu ­einer national-populistischen Regierungsform begünstigen können. Eine Mischfinanzierung aus öffentlichen und privaten Mitteln kann dazu beitragen, Abhängigkeiten auszugleichen, sofern sie die Wirtschaftsmodelle der direkten privaten Wettbewerber nicht untergräbt. Öffentliche Mittel müssen dabei wieder stabil, planbar und mehrjährig angelegt sein; private Mittel können aus kommerzieller Werbung, Sponsoring oder Mäzenatentum stammen. Darüber hinaus sollten auch Suchmaschinen, KI-Produzenten und soziale Netzwerke einen finanziellen Beitrag leisten. Für den Zeitraum 2019 bis 2024 erhielt France Télévisions von Meta und Google insgesamt rund 4 bis 5 Millionen Euro aus verwandten Schutzrechten. Nach Angaben der Gewerkschaft Force Ouvrière(2025) wurden davon 25 Prozent ­netto bzw. 28 Prozent brutto an Journalist:innen ausge zahlt, was rechnerisch 388,05 Euro pro Journalist:in ent spricht, während ein befragter Journalist einen Betrag von 358,55 Euro angab. Eine von PMP Strategy im Auftrag von ARCOM und des Kulturministeriums durchgeführte Studie pro­ gnostiziert, dass im Jahr 2030 rund 65 Prozent der insge samt 18,5 Milliarden Euro an Werbeeinnahmen von digita len Plattformen absorbiert werden, gegenüber 52 Prozent von den 15,3 Milliarden Euro im Jahr 2022 und lediglich 25 P­ ro­zent von 11,3 Milliarden Euro im Jahr 2012(Curt et al. 2024: 10). Ergänzend besteht die Möglichkeit, die Obergrenzen für Onlinewerbung bei Video-on-Demand-Angeboten und Podcasts zu senken. Schließlich erscheint auch die Wiedereinführung einer Rundfunk- und Digitalabgabe legitim, wie sie die sozialistische Senatorin Sylvie Robert in ihrem Gesetzentwurf vom 23.7.2024(„Fonds pour la contribution à l’audiovisuel public“) vorgeschlagen hat: progressiv ausgestaltet, universell entsprechend dem Einkommensteuersatz (mit Ausnahmeregelungen) und verwaltet durch eine unabhängige Behörde. 2) Mangelnde Diversität Voraussichtlich würde die Fusion oder Einrichtung einer Holdinggesellschaft zwar langfristig Skaleneffekte erzeugen – von der Generalinspektion für Finanzen im Jahr 2024 auf rund 10 Millionen Euro jährlich geschätzt(Ohier et al. 2024: 40) –, die Verwaltung vereinfachen(Personal wesen, Kommunikation, Recht, Finanzen, Archivierung sowie Forschung und Entwicklung) und den digitalen sowie internationalen Einfluss stärken. Ihre Nachteile wären jedoch erheblich: eine Einschränkung der Meinungs- und ­redaktionellen Vielfalt, eine Homogenisierung und Ver­ armung der Inhalte, hohe Übergangskosten(30 Millio nen Euro für eine Holdinggesellschaft laut General­inspek­ tion für Finanzen, vgl. Ohier et al. 2024: 40), gegenüber 150 Millionen Euro für eine vollständige Fusion nach Anga ben der Präsidentin von Radio France, Sibyle Veil(2025), sowie Konflikte, Streiks, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz und soziale Gewalt. Erste Integrationsversuche – etwa France Info oder ICI – blieben erfolglos. Die Zusammenlegung der nationalen Nachrichtenredaktionen von France 2 und France 3 stellte sich einer Analyse der Beratungsfirma Cedaet zufolge als menschliches Scheitern dar. Trotz erheblicher Hindernisse beim Zugang zu Räumlichkeiten, Personal und Dokumenten beschrieb der Bericht ein Arbeitsklima, in dem„Gewalt oder Brutalität toleriert“(Bouhdjar et al. 2025: 119), teils sogar„belohnt“ werde, geprägt von einer„autori tären, hierarchischen und elitären“ Organisationsstruktur, einem„kontinuierlichen Rückgang“ von Personalbestand und Autonomie sowie von Ungleichbehandlungen bei der „Lohnanerkennung“ und der„Arbeitsverteilung“(Bouhdjar et al. 2025: 2, 3) nach Geschlecht, Alter, Vertragsstatus und Herkunftsredaktion. Die im Bericht zitierte Soziologin Danièle Linhart weist auf Parallelen in der„Brutalität“(Bouhdjar et al. 2025: 7) des Managements zu der Zeit hin, als Delphine ­Ernotte bei France Télécom(später Orange) tätig war. Damals, im Kontext der Marktöffnung für den Wettbewerb, sollte der Personalbestand innerhalb von drei Jahren um 22.000 der 120.000 Beschäftigten reduziert werden; in den Jahren 2008 bis 2009 wurden in diesem Unternehmen 35 Suizide verzeichnet. Der Expertenbericht, der im Oktober 2025 unter er heblichen Kontroversen veröffentlicht wurde, insbesondere auch aufgrund eines gravierenden sachlichen Fehlers, der beiden Nachrichtensendungen von France 2 am gleichen Tag unterlief, zwang die Präsidentin von France Télévisions, eine Umstrukturierung der Führungsstruktur anzukündigen – die bereits Teil ihres Programms für die dritte Amtszeit war, die im August 2025 begann – und führte zum ­Abgang der wichtigsten Verantwortlichen für den Informationsbereich im Januar 2026. Mehrere Journalist:innen er wägen ­infolge des Berichts zudem rechtliche Schritte gegen ihren Arbeitgeber. Angesichts der Forderungen der Regierung und zahlreicher politischer Parteien nach Kostensenkungen und strukturellen Reformen ist jedoch mit einer Neuauflage vergleichbarer Entwicklungen zu rechnen. Nach Angaben der Gewerkschaften wurde der neue Direktor für Personal und Organisation, Olivier Guigner, der sein Amt im Januar 2026 antrat, damit beauftragt, den Personalbestand um 1.000 Stellen zu reduzieren und im Rahmen eines neuen Tarifvertrags eine polyvalente Ausbildung für Journalist:innen (Schreiben, Redaktion, Video, Digital u. a.) einzuführen. 3) Fehlen eines ausgewogenen Ökosystems In Bezug auf die Wahrung der Pressefreiheit rangiert Frankreich laut Reporter ohne Grenzen lediglich auf Platz 25, bei Transparency International ebenfalls auf Platz 25 und im Demokratieindex auf Platz 26. Diese Platzierungen unter graben die Glaubwürdigkeit des nationalen Medienökosystems. Die zunehmende Robotisierung der Inhaltsverbreitung begünstigt Formen der Manipulation und schränkt die Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 12 Autonomie der Nutzer:innen bei Dokumentation, Interpretation und Kontrolle der Medienagenda in einer„GAFAMisierten“ 1 Welt ein: Astroturfing in sozialen Netzwerken, Black-Hat-Praktiken in Suchmaschinen sowie GroomingStrategien in GPT-Systemen 2 . Diese Entwicklungen rechtfertigen eine Europäische Regulierung(e-Privacy-Verordnung, DSGVO, DMA, DSA, AMS, KI-Regulierung). Dazu zählt insbesondere das Gesetz über die Freiheit der Europäischen Medien(European Media Freedom Act – EMFA), das finanzielle Sanktionen vorsieht und drei Akteurskategorien unterscheidet: erstens ­traditionelle,„etablierte“ Medien(ehemalige Gatekeeper der Information, darunter öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und ihre privaten Konkurrenten); zweitens andere Medienakteure, die„Inhalte erstellen und verbreiten“ und „eine bedeutende Rolle in der Medienlandschaft spielen“ (Blogger:innen, NGOs, Whistleblower:innen, Podcaster:innen, Journalist:innen, Bürger:innen, Influencer:innen, Community-Radios); sowie drittens Internetvermittler(Suchmaschinen, Plattformen, große Tech- und KI-Produzenten) (Brogi 2023: 14–15). Vor diesem Hintergrund steht auch der gemeinsame Aufruf der European Broadcasting Union(EBU) und des globalen Presseverbands WAN-IFRA vom Mai 2025, in dem KI-Entwickler dazu aufgefordert werden, ihre Systeme sicherer, verlässlicher und insgesamt förderlicher für das Informationsökosystem zu gestalten(Steward 2025). 4) Mangelnde Bürgerbeteiligung Da ein Teil der Legitimität öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten auf ihrer demokratischen Repräsentativität beruht, müssten politische Gegner:innen, Beschäftigte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten(Gewerkschaften, Journalisten- und Produzentenverbände) sowie die Zivilgesellschaft stärker in ihren Leitungsgremien vertreten sein: in den Beratungsstrukturen der ARCOM, bei Präsidien, Verwaltungsräten und Ausschüssen. Politisch könnte Frankreich dem Vorbild des Finanzausschusses der Nationalversammlung folgen, dessen Vorsitz traditionell einem/einer Oppositionsabgeordneten übertragen wird(ebenso wie mehrere Vizepräsidentschaften). Eine stärkere Einbindung der Zivilgesellschaft könnte insbesondere Hörer- und Zuschauerverbände sowie den Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat(CESE) umfassen – die „dritte Kammer“ des Parlaments –, der bereits mit partizipativer Demokratie experimentiert hat, etwa 2023 im Rah men der„Generalversammlung zur Information“, die auf ­Initiative von Emmanuel Macron einberufen wurde, um „die freie Information vor Einmischung zu schützen“ und „eine nachhaltige Finanzierung für unabhängigen Journalismus und Dokumentarfilmproduktion sicherzustellen“. ­Allerdings wurden im September 2024 lediglich 15 von über 500 Vorschlägen vom Lenkungsausschuss aufgegriffen, und nur ein Teil davon dürfte Eingang in die Gesetzgebung finden. Eine Ausweitung partizipativer Demokratie könnte dazu beitragen, sowohl das Legitimitätsdefizit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als auch das strukturelle Dilemma zwischen einem links- oder rechtsgerichteten ÖRR zu überwinden. 5) Mangelnde Unabhängigkeit Es ist erforderlich, die Rechtspersönlichkeit der Redaktionen, ein Zustimmungs- bzw. Vetorecht sowie die Möglichkeit von Misstrauensanträgen gegenüber dem Nachrichtenmanagement institutionell zu verankern. Diese redaktionelle Unabhängigkeit darf weder die Stärkung von Ethikkommissionen noch die Eingriffsmöglichkeiten von Ombuds­ stellen in Nachrichtensendungen infrage stellen oder diskreditieren. Im Gegenteil: Gerade diese Mechanismen sind Voraussetzungen für glaubwürdige Autonomie. 6) Mangelnde Repräsentativität Seit dem 13.2.2024 verlangt der Staatsrat, dass die Vielfalt der vertretenen Denkrichtungen und Meinungen aller Programmteilnehmenden – einschließlich Kommentator:innen und Moderator:innen – berücksichtigt wird. Nach einer ­Entscheidung vom Juli 2024 überprüft ARCOM nun in drei Bereichen, ob„kein offensichtliches und dauerhaftes Ungleichgewicht“ vorliegt: bei der Vielfalt der Teilnehmenden, der Themenvielfalt und der Pluralität der Standpunkte. ­Radio France automatisiert diese Überprüfung mithilfe von KI. Demokratisierung muss jedoch auf allen Ebenen voranschreiten – in Governance, Management, Rundfunk, Information und Programmgestaltung(Poulain 2022). Die Be schäftigten insbesondere die On-Air-Mitarbeitenden, ebenso wie Gäste und Themen müssen die Bevölkerung in ihrer sozialen und geografischen Herkunft, Hautfarbe, ihrem Geschlecht, Alter, Beruf, Gesundheitsstatus, ihrer Sprache sowie ihrer ideologischen, politischen und gewerkschaftlichen Zugehörigkeit widerspiegeln. 7) Mangelnde Utopie Bei jeder Maßnahme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stellt sich die Frage, was anders und auf andere Weise getan werden kann als das, was GAFAM, KI – die bald in der Lage sein wird, ganze Filme zu produzieren –, Influencer:innen oder private Rundfunkanstalten leisten. Öffentlichrechtliche Medien können es sich erlauben, Risiken einzugehen und komplexe, nicht rentable Projekte durch wissen1  GAFAM bezeichnet die dominierenden Technologieunternehmen: Google(Alphabet), Apple, Facebook(Meta), Amazon und Microsoft. 2  Astroturfing bezeichnet das Vortäuschen einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung durch koordinierte, künstlich erzeugte Beiträge(z. B. Fake-Accounts). Black-HatPraktiken sind manipulative Methoden zur Suchmaschinenoptimierung, die gegen Richtlinien verstoßen. Grooming-Strategien in GPT-Systemen beschreiben Versuche, KIModelle durch gezielte Interaktionen schrittweise zu beeinflussen oder Schutzmechanismen zu umgehen. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 13 schaftliche, medizinische, kulturelle und kulturhistorische Programme zu tragen. Sie müssen als künstlerisches, ethisches, informatives, digitales, metamediales, pädagogisches, kritisches und demokratisches Laboratorium fungieren. Sie müssen beständig ihre Unverzichtbarkeit, Einzigartigkeit und Unersetzlichkeit unter Beweis stellen – selbst um den Preis sinkender Zuschauerzahlen. Weil sie es allen ermöglichen, sich repräsentiert zu sehen; weil sie komplex, vielfältig, pluralistisch, reichhaltig und transparent sind; weil sie wirtschaftlich, professionell und demokratisch tragfähig bleiben; weil sie Utopie, Gemeinwohl, öffentliches Interesse und sozialen Zusammenhalt fortwährend neu erfinden, können sie jenen widerstehen, die sie kontrollieren, schwächen oder gar abschaffen wollen. Die öffentlichrechtlichen Medien entsprechen so verstanden genau dem, was der Philosoph Frédéric Worms(2024) als„vitale Demo kratie“ bezeichnet, in der sich die Sozialdemokratie durch einen„kritischen vitalen Humanismus“ erneuert, der Gerechtigkeit, Empathie und Gleichheit miteinander verbindet und zugleich Impulse zerstörerischer Feindschaft und der Objektifizierung anderer reguliert. 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Über den Autor Dr. Sébastien Poulain ist assoziierter Forscher am MICA-Labor der Université Bordeaux Montaigne. Er ist Mitglied von GRER und RadioMorphoses sowie Lehrbeauftragter an der Sorbonne Nouvelle, der Université Paris VIII Saint-Denis und der UCO. Er ist Autor mehrerer Publikationen, darunter„Les radios scolaires: une éducation par les médias?“(Les Soleils Bleus Éditions, 2025), das er gemeinsam mit Raphaël Dapzol verfasst hat. Seine weiteren Veröffentlichungen sind hier verfügbar: http://fr.slideshare.net/SebastienPoulain/ Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Abteilung Analyse, Planung und Beratung Kontakt Dr. Johannes Crückeberg medienpolitik@fes.de Bildnachweis Titelillustration: Till Lukat Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­ gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Mai 2026 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Frankreich 15