IMPULS Meike Büscher Rente mit 70? Warum das dänische Renteneintrittsalter nur im Gesamtpaket funktioniert Auf einen Blick In der Debatte um die Alterssicherung wird Dänemark aufgrund des hohen Renteneintrittsalters häufig als Vorbild genannt. Dessen Anhebung auf 70 Jahre ab 2040 muss allerdings im Kontext so wohl des dänischen Rentensystems insgesamt wie auch der dänischen Arbeitsmarktpolitik gesehen werden. Denn einerseits ist die Alterssicherung durch umverteilende Elemente, weitverbreitete Betriebsrenten, ein hohes Rentenniveau und niedrige Altersarmut sowie einen vergleichsweisen geringen GenderPension-Gap gekennzeichnet. Andererseits schafft das dänische Arbeitsmarktmodell zentrale Voraussetzungen für eine stabile Alterssicherung: durch starke Sozialpartnerschaft, einer Tarifabdeckung von mehr als 80 Prozent, gute Arbeitsbedingungen mit einer Normalarbeitszeit von nur 37 Wochenstun den, eine hohe Erwerbsquote von Frauen und angemessene Löhne sowie hohe Investitionen in Bildung und Weiterbildung. 1. Erhöhung des Renteneintrittsalters in Dänemark – Hintergrund und Debatten 1.1 Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung Im Mai 2025 wurde in Dänemark eine Erhöhung des staatli chen Renteneintrittsalters auf 70 Jahre ab 2040 beschlossen. Auch in der deutschen Öffentlichkeit wurde diese(erneute) Anhebung durchaus mit Aufmerksamkeit verfolgt – nicht zu letzt aufgrund der zunehmenden Auseinandersetzungen über die Zukunft des Sozialstaats in Deutschland. Ausgelöst durch demografische Entwicklungen gab es in Dänemark in den 2000er Jahren eine Debatte über die Stabilität des Wohlfahrtsstaats. Die steigende Lebenser wartung führte absehbar zu einer Verschiebung des Ver hältnisses von Beitragszahler:innen bzw. Steuerzahler:in nen zu Rentenempfänger:innen. Lag die allgemeine Le benserwartung in Dänemark 2000 noch bei 76,9 Jahren (zum Vergleich: 78,3 Jahre in Deutschland), ist sie im Jahr 2023 auf 81,8 Jahre gestiegen – und liegt damit in zwischen fast ein Jahr über der durchschnittlichen Le benserwartung in Deutschland(Eurostat 2023). Frauen werden in Dänemark mit durchschnittlich 83,7 Jahren Rente mit 70? 1 fast vier Jahre älter als Männer, deren durchschnittliche Lebenserwartung bei 79,9 Jahren liegt(Deutschland: Frauen: 83,5 Jahre, Männer: 78,7 Jahre)(Eurostat 2023). Dem steht zwar eine im europäischen Vergleich hohe Fer tilitätsrate gegenüber. Sie lag im Jahr 2024 mit 1,47(Eu rostat 2025a; Deutschland: 1,36) aber weiterhin deutlich unter dem Wert von 2,1, der für eine stabile Bevölkerungs zahl erforderlich wäre. Verstärkt durch seine strikte Mig rationspolitik fehlen dem Land damit langfristig nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Beitragszahler:innen bzw. Steuerzahler:innen für die immer größer werdende Grup pe der Rentner:innen. Bereits 2006 wurde deswegen unter der liberal-konservativen Regierung Rasmussen, aber par teienübergreifend in einer sogenannten Wohlfahrtsverein barung(Velfærdsaftale 1 ) beschlossen, das Vorruhestandsund Renteneintrittsalter kontinuierlich anzuheben, um die längere Lebenserwartung auszugleichen. Die Alters grenzen der gesetzlichen Rentenelemente werden seither entsprechend der durchschnittlichen Restlebenserwar tung von 60-Jährigen bei Renteneintritt angehoben. Ziel ist es, die durchschnittliche Dauer der Bezüge damit langfristig auf dem Niveau von 1995 zu halten, also bei durchschnittlich 14,5 Jahren ab Renteneintritt 2 (Finansmi nisteriet 2006: 20). Die Wohlfahrtsvereinbarung verpflich tet das dänische Parlament dazu, in regelmäßigen Ab ständen von fünf Jahren eine Abstimmung darüber durchzuführen, ob eine Erhöhung des Renteneintrittsal ters erforderlich ist. Für die gegenwärtig in Rente gehende Generation(Ge burtsjahrgänge 1955–1962) liegt das Renteneintrittsalter in Dänemark bei 67 Jahren. Im Jahr 2015 wurde bereits über eine Erhöhung abgestimmt und das Renteneintrittsalter zu nächst ab 2030 auf 68 Jahre angehoben(Jahrgänge 1963– 1966). In 2020 folgte eine weitere Erhöhung auf 69 Jahre ab 2035 für die Jahrgänge 1967–1970(Beskæftigelsesminis teriet 2025). Bei der letzten Abstimmung, im Mai 2025, sprach sich die Mehrheit im dänischen Parlament für die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre ab 2040 aus – für die Geburtsjahrgänge ab 1971. Bleibt der beste hende Anpassungsmechanismus unverändert, würde die prognostizierte Lebenserwartung dazu führen, dass künfti ge Generationen im Jahr 2100 erst im Alter von 77 Jahren in die Rente eintreten(Økonomiske Råd 2025a: 141). Auch wenn die amtierende Ministerpräsidentin Mette Fre deriksen die Reform zwar unterstützte, machte sie dennoch deutlich, dass dem Renteneintrittsalter von 70 Jahren keine weitere automatische Erhöhung folgen sollte. Schon im Au gust 2024 äußerte die Sozialdemokratin klare Vorbehalte gegen die automatische Erhöhungspolitik des Rentenein trittsalters und stellte klar, dass sie das System neu justie ren und verhandeln wolle. Allerdings setzte sie die Ankün digung nicht um, und das Parlament(inklusive der Sozial demokraten) stimmte im Mai 2025 schließlich für die genannte Anhebung nach dem bestehenden Mechanismus. Bei den Parlamentswahlen im März 2026 wurden das Ren teneintrittsalter sowie Möglichkeiten für Vorruhestandsre gelungen erneut zu einem wichtigen Thema im Wahl kampf. Die Sozialdemokraten schlugen unter anderem vor, dass der Mechanismus zur Erhöhung des Renteneintrittsal ters ab 2045 deutlich abgeschwächt werden soll: Statt einer weiteren Anhebung um ein ganzes Jahr soll das Rentenein trittsalter ab 2045 im Fünfjahresrhythmus nur noch um ein halbes Jahr erhöht werden können(Cordsen et al. 2026). Darüber hinaus wurde eine Erweiterung der Möglichkeiten für einen Vorruhestand im Rahmen der sogenannten ArneRente(Tidlig Pension, siehe Kasten zu Vorruhestandsrege lungen) mit einem Renteneintritt ab 66 Jahren, unabhängig vom weiteren Anstieg des Renteneintrittsalters, vorgeschla gen. Auch andere Parteien sprachen sich für eine Verlang samung des Mechanismus aus. Die Entscheidung über die angedachten Reformen wird von der neuen Regierungsko alition abhängen. Im Wahlkampf wurde aber deutlich, dass mehrere Parteien einen Reformbedarf im dänischen Ren tensystem und beim Renteneintrittsalter sehen. 1.2 Ein späteres Renteneintrittsalter als Mittel gegen den Fachkräftemangel? Insgesamt gilt das dänische Rentensystem als nachhaltig und finanziell stabil. Berechnungen prognostizieren, dass sich durch die Erhöhung des Rentenalters von 69 auf 70 Jahre die Steuereinnahmen und damit das Finanzvolumen der öffentlichen Hand ab dem Jahr 2040 um etwa 15 Milli arden DKK(2,01 Milliarden Euro) erhöhen wird(Beskæfti gelsesministeriet 2025). Finanzielle Aspekte dürften aller dings nicht der einzige Grund gewesen sein, warum an der erneuten Anhebung festgehalten wurde. Die Staatskasse ist gut gefüllt, und die Staatsverschuldung weist mit 29,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts eine der niedrigsten Staatsschuldenquoten innerhalb der Europäischen Union auf(Eurostat 2025b). Neben der geringen Staatsverschul dung tragen vor allem die in den vergangenen Jahren ste tig gestiegenen Steuereinnahmen zu der guten Haushalts lage bei. Damit einher geht die positive wirtschaftliche Ent wicklung mit einem Wachstum von immerhin noch 2,0 Prozent für 2025 und 2,1 Prozent für 2026(European Com mission 2025). Ein entscheidender Faktor für das Festhalten an der Re form dürfte daher insbesondere der seit Jahren ausgepräg te Fachkräftemangel in Kombination mit einer – Stand Ok tober 2025 rekordniedrigen – Arbeitslosigkeit von 2,9 Pro zent sein(Danmarks Statistik 2025). Daten aus 2024 zeigen, dass 80,2 Prozent der Dän:innen im Alter von 20 bis 64 Jahren erwerbstätig sind. Das ist eine der höchsten Be 1 Die Vereinbarung über künftigen Wohlstand und Wohlfahrt sowie Investitionen in die Zukunft(Aftale om fremtidens velstand og velfærd og investeringer i fremtiden) wird im öffentlichen Diskurs kurz als Wohlfahrtsvereinbarung(Velfærdsaftale) bezeichnet. 2 Das entspricht einem 1:1-Anpassungmechanismus: Für jedes Jahr, um das sich die durchschnittliche Lebenserwartung erhöht, wird das Renteneintrittsalter ebenfalls um ein Jahr erhöht. Rente mit 70? 2 schäftigungsquoten in der EU(Eurostat 2025c). Trotzdem besteht seit Jahren ein starker Fachkräftemangel sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor(Nordregio 2024: 39). 3 Eine Studie des dänischen Arbeitgeberverbands prognostiziert einen Rückgang von 150.000 Fachkräften bis 2035 – ein erheblicher Engpass für den dänischen Arbeits markt(DA 2025). Auch wenn Migration eine Rolle zur Behebung des Arbeits kräftemangels spielen kann, wird dieser in Dänemark insbe sondere durch Reformen adressiert, die darauf abzielen, das inländische Arbeitskräfteangebot zu erhöhen(Nordregio 2024). Zu diesem Ansatz kann man die Anpassung des Ren teneintrittsalters und den Ausbau von Weiterbildungsange boten für Arbeitslose zählen. Auch die jüngste Bildungsre form mit verkürzten Studiengängen sowie Investitionen in Berufsausbildungen, um die Diskrepanz zwischen Qualifika tionen und Arbeitsmarktbedarf zu verringern, können zu diesen Maßnahmen gezählt werden(Regeringen 2024). 1.3 Kritik in Bezug auf die Erhöhung des Renten­ eintrittsalters Zwar wurde die Erhöhung des Renteneintrittsalters im Jahr 2025 von Kritik begleitet, vor allem von Gewerkschaftssei te, doch eine große Protestwelle gegen die Anhebung blieb aus – nicht zuletzt, weil die Entscheidung zu dieser Reform schon vor langer Zeit gefallen war. Als im Jahr 2006 die Wohlfahrtsvereinbarung beschlossen wurde, fanden lan desweit Demonstrationen statt. Allerdings richteten sich die Proteste damals eher gegen andere Teile der Wohl fahrtsreform, vor allem die darin enthaltenen Einschnitte bei Sozialleistungen wie der staatlichen Unterstützung des Studiums und dem Arbeitslosengeld oder die Verschlechte rung der Vorruhestandsregelungen. Seit Mitte der 2010er Jahre sind jedoch die Auswirkungen der Wohlfahrtsreform auf den Renteneintritt stärker in das öffentliche Bewusst sein gerückt und der Protest hat seither auch von gewerk schaftlicher Seite zugenommen. Während die Wirtschaft auf die positiven Effekte für den Arbeitsmarkt verweist und den Fachkräftebedarf betont und daher die Beibehaltung des Automatismus fordert, sorgen sich die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung um physisch und psychisch be lastete Berufsgruppen(beispielsweise Bauarbeiter:innen, Pfleger:innen, Reinigungskräfte). Sie beanstandeten, dass es für physisch anspruchsvolle Berufe schwieriger ist, bis zum 70. Lebensjahr erwerbstätig zu sein, als beispielsweise für Angestellte, deren Tätigkeit überwiegend im Büro aus geführt wird. Des Weiteren sei zu berücksichtigen, dass Personen mit kürzeren Bildungswegen tendenziell früher dem Arbeitsmarkt beitreten(Lindø Kaslund 2025). Differen zierte Regelungen für Betroffene, das heißt insbesondere flexiblere Vorruhestandsmöglichkeiten, wurden zur zentra len Forderung. Ein erster Schritt diesbezüglich wurde mit der Einführung der Seniorenpension und der Arne-Rente er reicht, die auch die Einschränkungen beim Zugang zum Vorruhestandsgeld,„Efterløn“ genannt, auffangen sollten (siehe Kasten Vorruhestandsregelungen). Darüber hinaus wird in der öffentlichen Debatte kritisiert, dass Teile des Kompromisses der Wohlfahrtsvereinbarung nicht eingehalten wurden(Søndergaard Bak Madsen 2025). Dies betrifft aus gewerkschaftlicher Sicht neben ei ner nachträglichen Verkürzung und Einschränkung der Möglichkeiten zum Vorruhestand auch die ausstehenden Investitionen in den Arbeitsschutz, die langfristige Ge sundheit von Beschäftigten und die Sozialsysteme. Statt dessen, so zeigt eine Studie aus dem Jahr 2023, ist der Wohlfahrtssektor seit 2015 mit 3 Milliarden Euro(23 Milli arden DKK) unterfinanziert. Als Ursache wird auf die weit gehenden Steuersenkungen seit 2015 verwiesen(Dahl/ Nielsen 2023). Zudem wird die direkte Koppelung des Renteneintrittsal ters an die durchschnittliche Lebenserwartung als eine Form der Überregulierung kritisiert(Kærgård 2025). Wenn mit jedem Jahr an längerer Lebenserwartung das Renten eintrittsalter ebenfalls um ein Jahr erhöht wird, verschiebt sich das Verhältnis zwischen einzahlenden Jahren und Rentenjahren. Durch den Mechanismus, der die Rentenbe zugsdauer konstant auf durchschnittlich 14,5 Jahren halten soll, steigt somit die Gesamtanzahl der Arbeitsjahre jünge rer Generationen. Dies führt de facto zu einer Rentenkür zung für diese Generationen und wirft Gerechtigkeitsfragen auf, da künftige Generationen einen proportional deutlich geringeren Anteil ihres Erwachsenenlebens im Ruhestand verbringen werden als jetzigen Generationen. Eine im Jahr 2020 eingesetzte Kommission des Arbeitsministeriums für die Zukunftsfähigkeit des Rentensystems schlug daher 2022 vor, den Mechanismus zu ändern: Statt das Renten eintrittsalter 1:1 an die längere Lebenserwartung anzupas sen, sollte es nur 1:0,8 angepasst werden(Kommissionen 2022: 103). Aufgrund der bereits beschlossenen Anpassun gen müsste das Renteneintrittsalter bei der nächsten An passung ab 2045 voraussichtlich dann nur noch um ein halbes Jahr angehoben werden. Bislang wurde diese Ände rung allerdings nicht umgesetzt. Im Wahlkampf 2026 wur de dieser Vorschlag des Kommissionsberichts von den So zialdemokraten erneut aufgegriffen. Auch eine Mehrheit der dänischen Bevölkerung stellt den Mechanismus des steigenden Renteneintrittsalters inzwi schen infrage. Laut einer Studie aus 2025 sprechen sich zwei von drei Bürger:innen gegen eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters über 70 Jahre nach 2040(F&P 2025a) aus. Und auch in Bezug auf soziale Ungleichheit rückt die Kop pelung an die durchschnittliche Lebenserwartung immer mehr in den Blick. So lebte das reichste Viertel der Männer 3 Der Mangel ist im öffentlichen Sektor besonders akut, vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich. Diese Schieflage verschärft sich durch eine alternde Bevölkerung und betrifft auch andere Bereiche des Sozialwesens, wie beispielsweise der aktuelle Lehrer:innenmangel zeigt. Im privaten Sektor sind der IT- und Dienstleistungssektor am stärksten vom Arbeitskräftemangel betroffen(Nordregio 2024: 39). Rente mit 70? 3 in Dänemark im Jahr 2021 durchschnittlich 84,2 Jahre, der ärmste Viertel der männlichen Bevölkerung hingegen nur 73,9 Jahre(Ernst et al 2024). Dazu zeigen Studien, dass die Unterschiede in der Lebensdauer nach Renteneintritt zwi schen den verschiedenen Bildungsgruppen zugenommen haben und vor allem die Gruppe mit niedrigem Bildungsni veau zurückfällt(De Økonomiske Råd 2025b: 165). Hinzu kommt: In Dänemark ziehen sich gerade wohlhabende Menschen und Akademiker:innen immer häufiger schon vor dem staatlichen Rentenalter aus dem Arbeitsmarkt zu rück – finanziert aus ihrem eigenen Vermögen und privaten Pensionsversicherungen(„Selbstrente“). Auch wenn der An teil bisher gering ist, hat er sich doch innerhalb von fünf Jahren verdoppelt(DA 2024). Diese Möglichkeit bleibt bis lang einer privilegierten Minderheit vorbehalten. Nach ei ner Studie hat etwa jede:r fünfte dänische Akademiker:in die finanzielle Möglichkeit, bis zu fünf Jahre früher in Ren te zu gehen, bei Facharbeiter:innen ist es nur etwa jede:r Zehnte(Caspersen 2023). Trotz des starken Fachkräftemangels und der geringen Ar beitslosigkeit spielt dennoch Altersdiskriminierung auch im dänischen Arbeitsleben eine Rolle(Eurofound 2025: 2). Stu dien zeigen, dass über 60-Jährige im Durchschnitt länger arbeitslos sind(Klarskov/Vilhelmsen 2023) und Arbeitslo sigkeit einer der Hauptgründe für den vorzeitigen Renten eintritt ist(Fagbevægelsens Hovedorganisation 2025). Für die Betroffenen resultiert das in einer geringeren Rente. Dieser Umstand könnte sich durch die erneute Erhöhung des Renteneintrittsalters noch verschärfen. 2. Aufbau und Leistungsfähigkeit der dänischen Alterssicherung 2.1 Grundzüge des dänischen Rentensystems In Dänemark beruht das Rentensystem auf drei Säulen, die sich individuell zu einer Gesamtrente zusammensetzen 4 : → Gesetzliche Rente • Staatliche Grundrente(Folkepension) • Gesetzliche Arbeitsmarktzusatzrente (Arbejdsmarkedets Tillægspension – ATP) → Tarifvertraglich bzw. betrieblich vereinbarte Renten → Private Renten Von den zwei Komponenten der gesetzlichen Rente ist als wichtigster Baustein die staatliche Grundrente, die„Fol­ kepension“, zu nennen. Diese universelle Rente ist voll ständig steuerfinanziert, und es müssen keine gesonderten Rentenbeiträge vom Gehalt abgeführt werden. Anspruch haben alle Personen mit rechtmäßigem dauerhaftem Auf enthalt in Dänemark 5 (vgl. Borger 2025a). Sie ist damit ein kommensunabhängig und setzt sich aus einem universel len Grundbetrag(Folkepensionens grundbeløb) und einem möglichen bedarfsabhängigen Rentenzuschlag zusammen (Folkepensionens pensionstillæg). Dieser Zuschlag hängt wiederum von den übrigen persönlichen Einkünften(Ak tieneinkommen, Kapitaleinkommen, Arbeitsmarktzusatz rente ATP, betriebliche Altersrenten, private Altersvorsorge) sowie denen eines Ehe- oder Lebenspartners bzw. einer Ehe- oder Lebenspartnerin ab und kann entweder gekürzt werden oder ab einer bestimmten Grenze komplett entfal len(Borger 2025b). Seit Anfang 2024 besteht die Möglich keit, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen und gleich zeitig die volle Folkepension zu beziehen, unabhängig von der Höhe des Einkommens. In Dänemark existiert also ein grundsätzlicher Anspruch auf eine staatliche Rente, der nicht von Erwerbstätigkeit abhängig ist und dementsprechend sozialpolitisch umver teilend wirkt, aber aufgrund der Deckelung bei hohen wei teren Einkünften den Steuerhaushalt weniger belastet(kein Äquivalenzprinzip). Die Sätze werden jährlich angepasst. 6 Wie Tabelle 1 zeigt, lag 2025 der Auszahlungsbetrag der Folkepension zusammen mit dem maximalen bedarfsab hängigen Rentenzuschlag für Alleinstehende bei 2.079 Euro (15.527 DKK) und für Ehe- bzw. Lebenspartner:innen bei je 1.534 Euro(11.460 DKK)(Borger 2025c). Die Folkepension(einschließlich Zuschlag) kann durch be dürftigkeitsgeprüfte Zusatzleistungen(Tillægsydelser til folkepension) 7 nochmals ergänzt werden. Die gesetzliche Arbeitsmarktzusatzrente ATP(Arbejds­ markedets Tillægspension) wurde in Dänemark bereits 1964 nach dem Vorbild Schwedens und Norwegens als ein obligatorisches, zusätzliches kapitalgedecktes Rentenele ment eingeführt(Stagelund Hvidt 2021:115). Alle Arbeitneh mer:innen Dänemarks sind in diesem System gesetzlich pflichtversichert, wenn sie mindestens neun Stunden pro Woche arbeiten. Die monatlichen Beiträge sind niedrig und bestimmen sich nach dem Arbeitszeitumfang. Aktuell liegt der Wert für Vollzeit bei rund 40 Euro(297 DKK), wobei dieser zu zwei Dritteln von den Arbeitgeber:innen und zu einem Drittel von den Arbeitnehmer:innen getragen wird 4 Die allgemeine, dauerhafte Hinterbliebenenrente wurde in Dänemark abgeschafft – heute existieren nur noch begrenzte Überbrückungs- und Einmalleistungen für Hinter bliebene(Nordic Health& Welfare Statistics 2025). Nichtstaatliche dänischen Pensionsfonds(z. B. berufliche Zusatzpensionen oder private Renten- oder Lebensversiche rungen) können weiterhin Ansprüche für Hinterbliebene vorsehen. 5 Voraussetzung für einen(Teil-)Anspruch auf die Folkepension ist, dass ab dem 15. Lebensjahr mindestens für drei Jahre ein dauerhafter Wohnsitz in Dänemark bestand. Für den vollen Anspruch sind neun von zehn Jahren, beginnend ab dem 15. Lebensjahr mit Wohnsitz in Dänemark erforderlich, ansonsten besteht ein anteiliger Anspruch an der Folkepension. 6 Die Anpassung orientiert sich an der durchschnittlichen Lohnentwicklung der vergangenen zwei Jahre. 7 Zusatzleistungen umfassen u. a. Seniorenchecks(Ældrecheck), Medienzuschuss, Zuschläge zu Heizkosten, Gesundheitskosten, Wohnen, persönliche Bedürfnisse. Rente mit 70? 4 Die Grundbeträge der Folkepension pro Monat in DKK und Euro vor Steuern für 2025 Grundbetrag bedarfsabhängiger Rentenzuschlag (maximal) insgesamt(maximal) alleinstehend 7.198 DKK(964 Euro) 8.329 DKK(1.115 Euro) 15.527 DKK(2.079 Euro) Tab. 1 mit Ehepartner:in/Lebenspartner:in 7.198 DKK(964 Euro) 4.262 DKK(571 Euro) 11.460 DKK(1.534 Euro) Quelle: Borger 2025c. (Borger 2025d). Insbesondere für niedrige Einkommens gruppen, die nur geringe Beiträge für die Altersvorsorge aufwenden können, ist das relevant. Für Selbstständige gibt es keine Pflicht, in die Arbeits marktzusatzrente ATP einzuzahlen. Sie können aber über freiwillige ATP-Einzahlungen vorsorgen sowie über private Rentenversicherungen. Zudem haben sie einen grundsätz lichen Anspruch auf die staatliche Folkepension, sofern sie deren allgemeinen Kriterien entsprechen. Die ATP-Beiträge werden von der Selbstverwaltungseinrich tung ATP 8 verwaltet und zu 80 Prozent mit geringem Risiko und 20 Prozent mit höherem Risiko investiert(ATP 2025a). Im Jahr 2024 belief sich der durchschnittliche Auszahlungs betrag der ATP-Rente auf 2.209 Euro(16.500 DKK) pro Jahr bzw. 184 Euro im Monat(ATP 2025b). Darüber hinaus gibt es seit 2003 für Personen, die eine gesundheitsbedingte Vorruhestandsrente erhalten(dänisches Äquivalent zur deutschen Erwerbsminderungsrente), eine freiwillige Zu satzrente(Supplerende Arbejdsmarkedspension – SUPP), die beitragsabhängig ist und zu einem Drittel von der ver sicherten Personen selbst und zu zwei Dritteln vom däni schen Staat gezahlt wird. Tarifvertraglich bzw. betrieblich vereinbarte Renten(Ar­ bejdsmarkedspensioner) sind von der Erwerbstätigkeit ab hängig und bilden den einkommensabhängigen Teil der dänischen Rente. Noch bis in die 1970er Jahren hinein war die betriebliche Altersversorgung vor allem im öffentlichen Dienst verbreitet(Stagelund Hvidt 2021: 114). Erst eine ge meinsame Erklärung von Regierung und Sozialpartnern im Jahr 1987 öffnete sie für den gesamten Arbeitsmarkt. Das Beamtentum ist in Dänemark seit den 1970er Jahren auf wenige zentrale Bereiche – Polizei, Militär, Justiz und zum Teil staatliche Behörden – beschränkt. Beamte erhal ten als betriebliche Altersversorgung eine Beamtenpension (Tjenestemandspension) und sind darüber hinaus über weitere Bausteine wie die genannte Folkepension, die ATP‑Rente sowie gegebenenfalls private Vorsorge in das dänische Rentensystem integriert. Mittlerweile verfügt die Mehrheit der Arbeitnehmer:innen in Dänemark über eine zusätzliche Absicherung in Form von tarifvertraglich oder betrieblich vereinbarten Renten versicherungen. Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten zahlen in eine betriebliche Altersversorgung ein(OECD 2023a: 57). Im Unterschied zu der gesetzlichen Rente wird dabei ein bestimmter Prozentsatz vom Gehalt eingezahlt (ca. 12 bis 18 Prozent, im öffentlichen Dienst ist der Betrag typischerweise höher), wobei zwei Drittel durch die Arbeit geber:innen und ein Drittel durch die Arbeitnehmer:innen getragen werden. Die Beitragssätze werden tarifvertraglich oder auf Unternehmensebene vereinbart. Die Betriebsren ten sind vollständig kapitalgedeckt. Neben den oben aufgeführten Rentenbestandteilen be steht in Dänemark zudem die Option, individuell private Rentenversicherungen abzuschließen. Diese werden vom Staat steuerlich begünstigt, und etwa 18 Prozent aller Be schäftigten zahlen eine in private Rentenversicherung ein (Andersson 2023: 44). 8 Die Selbstverwaltungseinrichtung ATP, welche die Beiträge der gesetzlichen Arbeitsmarktzusatzrente verwaltet, wurde mit dem entsprechenden Gesetz 1964 vom sozialde mokratisch geführten dänischen Parlament gegründet. Die eingezahlten Beiträge investiert sie mit verschiedener Risikogewichtung, um die lebenslange Auszahlung der Ar beitsmarktzusatzrente zu sichern. Rente mit 70? 5 Vorruhestandsregelungen Mit der Seniorenpension(Seniorpension), der sogenannten Arne-Rente(Tidlig Pension) und dem Vorruhestandsgeld(Efterløn) bestehen mehrere gesetzlich geregelte Möglichkeiten des Renteneintritts vor dem regulären Renteneintrittsalter. Ergänzend dazu bietet die dänische Førtidspension wie die deutsche Erwerbsminderungsrente eine Absicherung bei dauerhaften gesundheitlichen Einschränkungen und Arbeitsunfähigkeit. Die Seniorenpension kann frühestens sechs Jahre vor Er reichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters bezogen werden. Anspruchsberechtigt sind diejenigen, deren Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist und die ein langes Arbeitsleben hinter sich haben. Voraussetzungen sind eine Mindestbeschäftigungsdauer von 25 Jahren in Vollzeit und eine dauerhafte verminderte Arbeitsfähigkeit von nicht mehr als 15 Stunden pro Woche(Borger 2025e). Die dänischen Behörden prüfen individuell anhand von Informationen zur letzten Beschäftigung und ärztlichen Attesten, ob eine Person in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist. Die Arne-Rente 9 wurde in 2022 eingeführt, um Arbeitneh mer:innen mit besonders langen und oft körperlich belastenden Erwerbsbiografien einen früheren Ruhestand zu ermöglichen. Sie kann von Menschen bezogen werden, die mindestens 42 Jahre lang und seit dem 16. Lebens jahr erwerbstätig gewesen sind. Ein Nachweis für die Anwartschaftsjahre ist erforderlich, wobei als Anwartschaftszeiten auch Zeiten angerechnet werden, in denen Arbeitslosengeld bezogen oder Elternzeit genommen wurde. Voraussetzung für den Bezug ist zudem neben einem Wohnsitz in Dänemark auch der Besitz der däni schen Staatsbürgerschaft(oder die aus einem EU/EWRLand). Mit der Arne-Rente ist der Ruhestand ein bis drei Jahre vor Erreichung des gesetzlichen Renteneintrittsal ters möglich. Sie ist dabei lediglich als Übergang bis zum Erreichen des Renteneintrittsalters vorgesehen. Efterløn, das Vorruhestandsgeld, stellt genauso wie die Arne-Rente eine Möglichkeit des frühzeitigen Renteneintritts bzw. des Bezugs von Rentenleistungen dar. Die Berechtigung zum Bezug von Efterløn hängt von der Mitgliedschaft in einer Arbeitslosenversicherung ab und der Einzahlung von Beiträgen über eine bestimme Anzahl an Jahren. Sie ist zudem an den Wohnort in Dänemark oder einem anderen Mitgliedstaat des Europäischen Wirtschaftsraumes(EWR) gebunden. Der Unterschied zur Arne-Rente besteht darin, dass die Höhe der Sätze individuell, je nach Höhe des vorherigen Einkommens und eingezahlten Sätzen berechnet wird. Außerdem werInfo den weitere Rentenzahlungen wie die tarifvertraglich vereinbarte Alterssicherung auf die Höhe der EfterlønSätze angerechnet(STAR 2025). Die Dauer des mögli chen Bezugs von Efterløn ist durch die Anpassung der Wohlfahrtsvereinbarung in 2011 schrittweise von fünf auf nun geltende drei Jahre reduziert worden(Folketinget 2016: 4). Durch diese Reform und Änderungen der Re geln spielt Efterløn mittlerweile allerdings keine große Rolle mehr – diese Lücke war einer der Gründe für die Einführung der Arne-Rente. Die dänische Erwerbsminderungsrente(Førtidspension) bietet einer Person, die aufgrund von Krankheit oder an deren Einschränkungen nicht mehr in der Lage ist, ihren Lebensunterhalt selbst zu finanzieren, die Möglichkeit, eine frühere Verrentung zu beantragen. Eine Auszahlung wird grundsätzlich ab dem 40. Lebensjahr bis zum regu lären Renteneintritt gewährt. Ausnahmen bereits ab dem 18. Lebensjahr(und damit vor dem 40. Lebensjahr) sind nur zulässig, wenn die betroffenen Personen dauerhaft und unheilbar invalide sind und eine berufliche, wenn auch eingeschränkte Eingliederung(z. B. durch Umschulung oder Rehabilitierung) nicht mehr möglich ist. Die Berechtigung muss in einem Verfahren nachgewiesen werden, Berechnung und Zuschüsse erfolgen individuell. Insgesamt bestehen in Dänemark somit zwar Möglichkeiten für den Vorruhestand, Gewerkschaften kritisieren jedoch, dass das Vorruhestandsalter im Takt mit dem Renteneintrittsalter angehoben wird. Insbesondere für Erwerbstätige mit körperlich belastender Arbeit sind die bestehenden Vorruhestandsmöglichkeiten aus Sicht der Gewerkschaften bisher unzureichend. 9 Die Arne-Rente trägt ihren Namen, weil„Arne“ als symbolische Figur und als Teil einer Kampagne für einen typischen hart arbeitenden Dänen steht, der nach einem langen, körperlich belastenden Arbeitsleben früher in Rente gehen können soll. Rente mit 70? 6 2.2 Leistungsfähigkeit der dänischen Alterssicherung im Kontext des dänischen Arbeitsmarktmodells Ein im internationalen Vergleich hohes Rentenniveau Dänemark hat insgesamt ein hohes Rentenniveau. Durch die Kombination aus einer staatlichen universellen Grund rente(Folkepension), die sich nach der Wohnsitzzeit anstel le des Arbeitslohnes bemisst, der verpflichtenden ATP-Ar beitsmarktzusatzrente auf Basis von Arbeitszeit und den fast flächendeckend vorhandenen tarifvertraglichen Be triebsrenten ergeben sich relativ hohe Nettoeinkommen (vgl. Tabelle 2). Davon profitieren vor allem Gering- und Durchschnittsverdiener:innen. Laut der OECD ist die Netto ersatzquote für Durchschnittsverdiener:innen in Dänemark mit 77,1 Prozent eine der höchsten innerhalb der OECD und liegt deutlich über dem Wert für Deutschland von 53,3 Pro zent(OECD-Durchschnitt 63,2; EU 68,3)(OECD 2025a: 171). Darüber hinaus zahlen Rentner:innen in Dänemark keine Sozialversicherungsbeiträge für die Kranken- und Pflegever sicherung. Diese sind vollständig steuerfinanziert. Studien zufolge ist der Anteil der von Altersarmut bedrohten Perso nen in Dänemark mit 11,1 Prozent deutlich geringer als in Deutschland, wo fast jede:r Fünfte von Armut bedroht ist (19,4 Prozent)(IAB 2024). Allerdings ergeben sich auch im dänischen System spezielle Herausforderungen. So zeigen Studien, dass insbesondere Migrant:innen deutlich häufiger von Altersarmut betroffen sind(Gustafsson et al. 2022). Die durchschnittliche Rente in Dänemark setzt sich unge fähr zu 50 bis 60 Prozent aus der staatlichen Folkepension, zu weniger als zehn Prozent aus der Arbeitsmarktzusatzren te ATP und zu 30 bis 40 Prozent aus der betrieblichen bzw. privaten Altersversorge zusammen(Andersson 2023: 15). Dabei erhalten Männer insgesamt eine höhere Rente, die auch einen deutlich höheren Anteil an betrieblicher bzw. privater Altersversorge aufweist. Bei Frauen macht im Durchschnitt die staatliche Folkepension einen höheren Anteil aus, da deren umverteilenden Elemente hier stärker greifen – auch wenn Teilzeitarbeit und Gender-Pay-Gap 10 natürlich nicht komplett ausgeglichen werden können. Trotz der relativ hohen Renten liegen die Rentenausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt in Dänemark mit 10,9 Prozent unter den 11,6 Prozent in Deutschland(2022). Beide Länder bleiben damit unter dem EU-Durchschnitt von 12,2 Prozent(Eurostat 2022, zitiert nach BMAS 2024). Starke Sozialpartnerschaft und gute Arbeit Die hohen durchschnittlichen Renten in Dänemark sind auch durch die weite Verbreitung von Betriebsrenten be gründet. Bei einem Organisationsgrad von 60,4 Prozent (2024) und einer Tarifabdeckung von 81,6 Prozent(2023) spielen die Gewerkschaften eine wichtige gesellschaftliche Rolle(OECD 2025b). Das sogenannte dänische Modell zeichnet sich durch seine starke Sozialpartnerschaft aus. Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen werden de zentral durch Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgeberver bänden und Gewerkschaften geregelt. Das dänische Modell verbindet zudem Flexibilität mit Sicherheit durch starke so ziale Sicherheitsnetze und aktive Arbeitsmarktpolitik(AE 2025). Die aktive Arbeitsmarktpolitik zielt darauf ab, die Beschäftigungsmöglichkeiten zu erhöhen und mit vielfälti gen Maßnahmen Arbeitslosigkeit zu verringern. Dazu zäh len Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, arbeitsplatzer haltende Anreize und öffentlich geförderte Beschäftigungssowie Gründungsförderprogramme. Tab. 2 Monatliches durchschnittliches Nettoeinkommen* ab 65 Jahren in Deutschland, ab 70 Jahren in Dänemark, in Euro, 2023 Männer Frauen Dänemark** 3.184 2.482 Deutschland*** 2.390 1.618 * Aufgrund der vielen Elemente des dänischen Systems sind Zahlen zur durchschnittlichen Rentenhöhe methodisch unsicher und internationale Vergleiche nur näherungs weise möglich. Zur Orientierung wurde daher das Nettogesamteinkommen herangezogen. Da in Dänemark das Renteneintrittsalter im Jahr 2023 ab 67 Jahren gilt und ein Teil der Renter:innen auch nach Renteneintritt weiter berufstätig ist, wurde für Dänemark die Altersgrenze ab 70 Jahren gewählt. Zudem sind die generell höheren Lebens haltungskosten in Dänemark zu berücksichtigen, die hier allerdings nicht entsprechend reflektiert sind. ** Monatliches persönliches durchschnittliches Nettoeinkommen von Personen ab 70 Jahren in Euro, 2023, eigene Berechnung(Statistics Denmark 2023). *** Monatliches persönliches durchschnittliches Nettoeinkommen ab 65 Jahren in Euro, 2023(BMAS 2025: 68). Quelle: eigene Darstellung basierend auf Statistics Denmark 2023 und BMAS 2025: 68. 10 Der Gender-Pay-Gap beschreibt die geschlechterspezifische Lohnlücke. Rente mit 70? 7 Obwohl die Ausgaben in den vergangenen zehn Jahren rückläufig sind, verzeichnet Dänemark nach wie vor eine der höchsten öffentlichen Aufwendungen für seine aktive Arbeitsmarktpolitik(ca. 1,5 Prozent des BNP, Deutschland ca. 0,5 Prozent des BNP; vgl. TUAC 2025). Dazu setzen Po litik und Gewerkschaften auf eine hohe Produktivität und Investitionen in Bildung. Dänemark hat im Vergleich zu an deren Staaten der EU(wie auch die übrigen nordischen Länder) eine der höchsten Arbeitsproduktivitäten je Be schäftigte:r(Eurostat 2025d). Ähnlich wie in den anderen nordischen Ländern wurde in den 1970ern das Tarifverhandlungsmodell aus dem priva ten Sektor in den öffentlichen Sektor importiert und das Beamtentum weitgehend durch tarifvertraglich geregelte Beschäftigungsverhältnisse ersetzt. Dies sorgte für eine breite Finanzierungsgrundlage im Rentensystem und einen hohen Organisationsgrad in Dänemark. Dank der hohen Produktivität fallen Löhne und Gehälter in weiten Bevölkerungsschichten sehr hoch aus(OECD 2025c). Auch das Lohngefälle zwischen Niedriglohn- und Hochverdiener:innen ist in Dänemark relativ gering, da selbst die niedrigen Löhne auf einem vergleichsweise ho hen Niveau liegen(AE 2025). Das hat weitreichende Fol gen für die Gesellschaft. So generieren hohe Löhne nicht nur entsprechend höhere Altersbezüge bei den lohnabhän gen Elementen wie den Betriebsrenten, sondern auch der dänische Wohlfahrtsstaat erhält finanzielle Spielräume dank der höheren Steuereinnahmen. Dadurch lassen sich die hohen Investitionen in Bildung und in die soziale Infra struktur(wie die weit ausgebaute Kinderbetreuung) finan zieren(OECD 2025d, OECD 2023b: 17), die wiederum zu höherer Arbeitsmarktbeteiligung, besseren Qualifikationen und hoher Produktivität führen. Dies unterstützt die hohen Beschäftigungsquoten, besonders bei Frauen und älteren Menschen, und führt zu einer insgesamt geringen Einkom mensungleichheit. Durch die aktive Arbeitsmarktpolitik, Investitionen in Weiterbildung und gute Arbeitsbedingun gen bleiben Menschen zudem länger beschäftigungsfähig, was das System entlastet und die Beitragsjahre verlängert. Entsprechend liegt Dänemark bei zentralen Indikatoren für ein nachhaltiges Arbeitsleben im europäischen Vergleich über dem Durchschnitt(Eurofound 2025: 8). Darüber hi­ naus hat das Land einen vergleichsweise geringeren Anteil an Beschäftigten im Niedriglohnsektor, was ebenfalls zur Stabilität und Nachhaltigkeit des Systems beiträgt(Däne mark: 9,7 Prozent, Deutschland 19 Prozent, Destatis 2025). Kürzere Normalarbeitszeit und längere Lebenserwerbstätigkeitsdauer Im Kontext der guten Arbeitsbedingungen führt insbeson dere die verkürzte dänische Normalarbeitszeit zu einem nachhaltigeren Arbeitsleben und ermöglicht eine längere Lebenserwerbstätigkeitsdauer. Die Erhöhung des Renten eintrittsalters muss daher auch im Kontext der Normalar beitszeit in Dänemark betrachtet werden. Dabei beträgt die allgemeine tarifliche und übliche Arbeitszeit für Vollzeit in Dänemark 37 Stunden, wobei im öffentlichen sowie teilwei se auch im privaten Sektor eine 30-minütige Mittagspause als Arbeitszeit gilt und damit die wöchentliche Arbeitszeit auf 34,5 Stunden verkürzt(Kommunal 2024: 34). Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände haben erfolgreich im Laufe des 20. Jahrhunderts eine schrittweise Verkürzung der Wochenarbeitszeit ausgehandelt, von 60 Stunden im Jahr 1900 auf 37 Stunden im Jahr 1990. Seitdem liegt der Schwerpunkt der Sozialpartner in Tarifverträgen auf der Aushandlung flexibler Arbeitszeiten, Urlaub und Zusatzur laub(Ilsøe 2024: 2). Die kürzere Normalarbeitszeit sowie die weit­verbreiteten flexiblen Arbeitszeiten unterstützen die Ver einbarkeit von Familie und Beruf und führen zu einer hohen Frauenerwerbsquote, die im Vergleich zu anderen Ländern die(kürzere) Vollzeit beider Elternteile ermöglicht. Eine Stu die konnte zeigen, dass sich die Gesamtarbeitszeit junger Erwachsener in Dänemark, sowohl mit als auch ohne Kin der, im Wesentlichen wenig verändert. Das steht im Gegen satz zu den meisten anderen EU-Ländern, in denen Frauen mit Kindern überwiegend in Teilzeit arbeiten oder nicht am Arbeitsmarkt beteiligt sind(Holme Andersen 2023). Zudem bestehen Möglichkeiten für ältere Beschäftigte, zu sätzliche freie Tage als Entlastung zu erhalten(Seniorenta ge). Die dänischen Seniorentage(senior‑dage oder senior fridage) sind bezahlte, zusätzliche freie Tage, die Arbeit nehmer:innen ab einem bestimmten Alter(meist ab 55 Jahren) im Rahmen von branchenspezifischen Abkom men der Sozialpartner erhalten, um den Verbleib im Be rufsleben zu erleichtern(Andersen 2022). Geringerer Gender-Pension-Gap Im Jahr 1970 war fast die Hälfte der weiblichen Bevölke rung in Dänemark nicht erwerbstätig. Im Jahr 2023 lag die Beschäftigungsquote von Frauen bei 74,2 Prozent(Männer 78,9 Prozent), wobei 34,1 Prozent der Frauen in Teilzeit ar beiten(EURES 2025a, Eurostat 2025e). In Deutschland sind 73,6 Prozent der Frauen und 80,8 Prozent der Männer be schäftigt, allerdings arbeiten 47,1 Prozent der Frauen in Teilzeit(EURES 2025b, Eurostat 2025e). Die relativ hohe Vollzeitquote der Frauen führt zu geringe rer Altersarmut und wirkt sich positiv auf den Gender-Pen sion-Gap 11 aus. Dieser ist im europäischen und auch im nordischen Vergleich niedrig. Er beträgt in Dänemark„nur“ 7,4 Prozent, während er in Deutschland bei 36,3 Prozent liegt(Eurostat 2021). Ein Grund für diesen deutlichen Un terschied ist auch, dass die gesetzlichen Renten in Däne mark für Frauen insgesamt höher ausfallen als für Männer 11 Der Gender‑Pension‑Gap bezeichnet die prozentuale Rentenlücke zwischen Frauen und Männern. Sie entsteht vor allem durch den geringeren Verdienst von Frauen im Ver gleich zu Männern im Verlauf ihres Erwerbslebens. Rente mit 70? 8 Durchschnittliches Renteneintrittsalter der dänischen Arbeitnehmer:innen Abb. 1 Alter in Jahren 68 66 64 62 60 58 2000 Quelle: F&P 2025b. 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 (Andersson 2023: 14). Da die Anrechnung anderer Einkom mensquellen auf die Rentenzulagen der Folkepension bei Frauen häufig nur teilweise anfällt oder sogar ganz entfällt, ist die Folkepension für Frauen anteilig insgesamt höher. Einkommensunterschiede werden so zum Teil ausgeglichen und damit verhindert, dass sich der Gender-Pay-Gap noch weiter in dem Pension-Gap manifestiert. Diese umvertei lende Wirkung kommt nicht nur Frauen, sondern insgesamt Geringverdiener:innen zu Gute. Auch die Tatsache, dass sich die ATP-Arbeitsmarkt-Zusatzrente nach der Arbeits zeit – nicht nach der Einkommenshöhe – richtet, hat eben falls eine umverteilende Wirkung. Der Gender-Pension-Gap in Dänemark ergibt sich somit aus den einkommensabhän gigen Elementen der Alterssicherung wie der betrieblichen und privaten Vorsorge. Anreize für einen späteren Rentenbeginn und Erwerbstätigkeit im Ruhestand Insgesamt steigt das Renteneintrittsalter in Dänemark und lag 2024(viertes Quartal) bei durchschnittlich 67,1 Jahren. Ein Grund ist neben der Erhöhung des Eintrittsalters auch, dass immer mehr Rentner:innen den Renteneintritt auf schieben(siehe Abbildung 1). Im Juni 2024 waren 24,3 Pro zent der 67-Jährigen Rentner:innen erwerbstätig, mit stei gender Tendenz(Danmark Statistik 2024). Dies liegt, wie bereits erwähnt, an einer Politik, die auf Anreize für einen freiwilligen, späteren und flexiblen Rentenbeginn und Er werbstätigkeit im Ruhestand setzt, um dem Fachkräfte mangel entgegenzuwirken. Im Jahr 2017 beschloss die dänische Regierung eine Reform (Udskudt pension), die Arbeitnehmer:innen, die nach Errei chen des Renteneintrittsalters weiterarbeiten(mindestens 750 Stunden im Jahr), einen Anspruch auf höhere lebens lange Rentenzahlungen ermöglicht. Diese können wahlwei se über zehn Jahre oder als sofortige steuerfreie Einmal zahlung zusätzlich zu einer(dann niedrigeren) zehnjährigen Rentenerhöhung beantragt werden(Eurofound 2025: 7). Darüber hinaus gibt es seit 2019 eine steuerfreie Senioren prämie(Seniorpræmie) für das erste und zweite Jahr nach dem regulären Renteneintrittsalter. 12 Im Jahr 2024 wurde zudem beschlossen, Einkünfte aus einer Erwerbstätigkeit nicht mehr auf die Höhe der Folkepension anzurechnen, so dass diese dadurch nicht mehr gemindert wird. Seit 2025 gilt dies auch für Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit (Borger 2025f). 3. Das dänische Alterssicherungssystem als Vorbild? Im internationalen Kontext wird Dänemarks Alterssiche rung oft als Vorbild genannt – wegen dessen langfristiger finanzieller Stabilität, aber auch aufgrund der geringen Al tersarmut, der im internationalen Vergleich hohen durch schnittlichen Rentenhöhe und dem vergleichsweise niedri gen Gender-Pension-Gap. Um die Gelingensbedingungen zu verstehen und daraus Lehren für Deutschland zu ziehen, reicht es jedoch nicht aus, einzelne Aspekte isoliert zu be trachten. Das Herausgreifen eines Elements des Rentensys tems, wie das Renteneintrittsalter, ist nicht einfach über tragbar, sondern muss im Gesamtkontext gesehen werden. 12 Bedingung für die Prämie ist, dass man durchschnittlich mindestens 30 Stunden pro Woche gearbeitet und den für das jeweilige Jahr bestimmten Mindest(stunden)lohn verdient hat. Ausgezahlt werden steuerfrei nach dem ersten Jahr 6.500 Euro(48.555 DKK) und nach dem zweiten Jahr 3.870 Euro(28.902 DKK)(Zahlen für 2025, Ældre Sagen 2025). Rente mit 70? 9 Während das deutsche Rentensystem stark umlagefinan ziert ist und hauptsächlich der Logik des Leistungsäquiva lenzprinzips 13 folgt, basiert das dänische System wie darge legt auf einer Kombination aus steuerfinanzierter Grundsi cherung und weitverbreiteten Zusatz- und Betriebsrenten. Das dänische System ist damit stärker umverteilungsorien tiert und weniger auf einkommensbezogene Ersatzraten ausgelegt. Durch die weitgehende Abschaffung des Beam tentums und das Fehlen von berufsständischen Versor gungswerken besteht in Dänemark zudem eine breitere Beitragsbasis für die gesetzlichen Rente(Folke­pension und Arbeitsmarktzusatzrente ATP) sowie für die tarifvertragli che bzw. betriebliche Altersversorgung. Das System sichert eine gute und auskömmliche Alterssicherung und bietet über die Betriebsrenten wiederum genügend Anreize für eine hohe ­Erwerbsbeteiligung. Die Erfahrungen aus Dänemark zeigen auch, dass das Zu sammenspiel des Alterssicherungssystems und verschiede ner Elemente der Arbeitsmarktpolitik eine entscheidende Voraussetzung für die stabile Alterssicherung sind. Insbe sondere die starken umverteilenden Elemente, die im Ver gleich kurze Normalarbeitszeit und die hohe Tarifabde ckung sind wichtige Bestandteile. Die bedeutende Rolle der Sozialpartner auch in Zusammenhang mit hohen Investiti onen in Qualifikationen, einem hohen Lohnniveau und ho her Produktivität muss ebenfalls gesehen werden. Gleichzeitig bestehen auch in Dänemark Herausforderun gen, insbesondere hinsichtlich der in der Kritik stehenden di rekten Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung. Literaturverzeichnis AE(2025): Den danske arbejdsmarkedsmodel: 10 figurer, der viser styrkerne ved den danske model, https://www.ae.dk/10figurer (24.11.2025). 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Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Abteilung Analyse, Planung und Beratung www.fes.de/apb Kontakt Iva Figenwald Iva.Figenwald@fes.de Bildnachweis Seite 1 oben: picture alliance/ fStop| Amr Bo Shanab Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­ gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Juni 2026 © Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Rente mit 70? 12