BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 28 Volker Berghahn Edzard Reuter als sozialdemokratischer Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus, 1980–2024 Archiv der sozialen Demokratie Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung, Godesberger Allee 149, 53175 Bonn, info@fes.de Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie herausgegeben von Anja Kruke und Stefan Müller, Archiv der sozialen Demokratie Redaktion Stefan Müller| stefan.mueller@fes.de Design/Layout& Umschlaggestaltung Kreativrudel GmbH& Co. KG, Bonn, kreativrudel.de Druck und Herstellung Druckerei Brandt GmbH, Bonn Juli 2026 Kostenloser Bezug beim Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung public.history@fes.de Abbildung Umschlag: Edzard Reuter, 1988(Rechte: J.H. Darchinger/Friedrich-Ebert-Stiftung; AdsD, 6/FOTA178285.) Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). 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Weiterführende Hinweise zu dieser CC-Lizenz und dem ihr zugrunde liegenden Standardlizenzvertrag finden sich unter: https://creativecommons.org/licenses/?lang=de https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/legalcode.de ISBN 978-3-98628-872-3 ISSN 14316080 Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Volker Berghahn Edzard Reuter als sozialdemokratischer Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus, 1980–2024 Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie Heft 28 Friedrich-Ebert-Stiftung Archiv der sozialen Demokratie Inhalt Einleitung.................................................... 7 Edzard Reuters Aufstieg und Sturz bei Daimler-Benz................. 9 Edzard Reuters Reaktion auf den aufsteigenden Neoliberalismus..... 13 Amerikas„Irrational Exuberance“ der 1990er-Jahre und die Krise von 2007/08................................... 19 Edzard Reuter, Marion Dönhoff und Helmut Schmidt als Kritiker des Neoliberalismus in den 1990er-Jahren............. 23 Edzard Reuters Weltsicht in seinen„Erinnerungen“................. 29 Zwischenrufe eines älteren Herrn im frühen 21. Jahrhundert......... 31 Literaturverzeichnis........................................... 35 Über den Autor............................................... 40 Einleitung Edzard Reuter verstarb am 27. Oktober 2024 im Alter von 96 Jahren nach einem ereignis- und einflussreichen Leben in einer Zeit großer politischer, wirtschaftlicher und kultureller Umwälzungen. Seither sind zahlreiche Nachrufe auf ihn vor allem in den deutschen Medien erschienen, die sein Wirken als Unternehmer, sozialdemokratischer Beobachter historischer und politischer Ereignisse und Mitgestalter der Nachkriegszeit in Deutschland, Europa und der Welt gewürdigt haben. Dabei wurde vor allem seine Tätigkeit im Vorstand der Daimler-Benz AG und schließlich als dessen Vorsitzender erwähnt. Es ist zu hoffen, dass eine umfassende Biografie über diesen herausragenden Menschen in absehbarer Zukunft erscheinen wird. Angesichts der zentralen Stellung, die Edzard Reuter in dem Stuttgarter Konzern über viele Jahre innehatte, wird es wohl einige Zeit dauern, bis die einschlägigen Archive ausgewertet sind und diese Biografie erscheinen kann. Dementsprechend wird auch der kritische Vergleich mit den fast 500-seitigen„Erinnerungen“ warten müssen, die er unter dem Titel Schein und Wirklichkeit 1998 publizierte. 1 Darin schrieb er zunächst über seine Jugendjahre in der Türkei als Sohn von Ernst Reuter, dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten und in den Jahren der Weimarer Republik zeitweiligen Oberbürgermeister von Magdeburg, den Nazis schon vor 1933 heftig angegriffen hatten. 2 Nach der Errichtung der Hitler-Diktatur wurde er wie so viele Gegner des Regimes erst in einem Konzentrationslager gepeinigt, ehe er nach seiner Freilassung 1934 mit seiner Familie ins türkische Exil flüchten konnte, wo alle den Krieg überlebten. Aus Ankara kehrten die Reuters im Dezember 1946 schließlich ins kriegszerstörte Berlin zurück, wo Ernst Reuter bald Edzard Reuter, Schein und Wirklichkeit. Erinnerungen, Berlin 1998. Reuter, Schein, 1998, S. 45. Siehe auch Hans-Joachim Reichardt, Ernst Reuter, Hannover 1966; Fehmi Yavuz, Ernst Reuter in der Türkei, 1935–1946, Berlin 1970. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 7 darauf Regierender Bürgermeister in den Westsektoren der Stadt wurde. 3 Diese frühen Erfahrungen haben seinen 1928 noch in Berlin geborenen Sohn ebenso geprägt wie das Vorbild seines Vaters. Wie Edzard Reuter später schrieb, beeinflussten ihn nicht nur dessen Lebenserfahrungen, sondern auch das„unvergleichliche Format seiner Persönlichkeit“. Sei der Vater doch ein Mann gewesen, der„jenseits regierungsamtlicher und parteipolitischer Einbindungen die unmittelbare Ansprache des einfachen Menschen bevorzugte“. 4 Zudem waren ihm „Zähigkeit und Durchsetzungswillen eigen[…], die freilich weniger im parteipolitischen Machtspiel als in Auseinandersetzungen über die richtige Sachpolitik zum Ausdruck“ kamen. Darüber hinaus habe Ernst Reuter „das Gefühl für Anstand, Würde und Moral“ besessen, das er ebenfalls„in so einfachen Worten glaubhaft machen konnte“. Als Beispiele wies Edzard Reuter auf die Worte hin, die sein Vater nicht nur 1953 zum zehnten Jah restag des Warschauer-Ghetto-Aufstands, sondern auch bei einer Gedenkfeier zur Erinnerung des 20. Juli 1944 sprach:„Unter uns sind viele, die im Konzentrationslager genauso wie die hier[als Angehörige des Widerstands gegen das NS-Regime gestorben sind].“ 5 Sie alle hätten„dem Tod ins Antlitz geschaut[…] und in der Stunde, in der sie nicht wussten, ob sie am Leben bleiben würden, ihr Leben an sich selbst vorüberziehen ließen und sich fragten: Habe ich recht gehandelt, habe ich gut gehandelt, habe ich, so schwach ich auch sein mag, das Gute gewollt, und kann ich, wenn ich von dieser Erde scheiden muss, mit gutem Gewissen scheiden?“. Dann setzte er hinzu:„Kann ich meinen Kindern das Erbe hinterlassen,[so] daß sie dem nachstreben mögen, was mir vorschwebt, und kann ich meinem eigenen Volk, für das zu sprechen mir ein gütiges Geschick die Möglichkeit gegeben hat, gegenüber sagen: Ich scheide mit reinen Händen von 3 , Schein, 1998, S. 15 f., 41 ff., 59. Aber auch seine Mutter Hanna scheint eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Indessen waren ihre kulturellen Ansichten radikaler im Vergleich zu denen von Ernst, der 1921 aus der Kommunistischen Partei ausgetreten war und hernach eher dem rechten Flügel der SPD angehörte. Wie ihr Sohn schrieb, war sie„seit ihrer in Hannover verbrachten Jugend von den modernen Künsten, einschließlich Kurt Schwitters und DADA angetan“. Ebd., S. 257, siehe auch ebd., S. 264, zum unterschiedlichen Musikgeschmack von Ernst und Hanna. Sie verstarb 1974. Zur Lage 1945 siehe auch Edzard Reuters Schilderung der schockierenden Zerstörungen der Städte, der Notlage und der Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung, ebd., S. 16. S. 92. 8 Volker Berghahn euch, übernehmt das, was wir gewollt, was wir getan, was wir geschaffen haben, was unvergänglich sein wird im Gange der Geschichte, übernehmt das in eure eigenen Hände?“. 6 Obwohl wie eingangs erwähnt dieser Essay nicht als umfassende Biografie Edzard Reuters konzipiert ist, wird weiter unten zu zeigen sein, wie stark der Sohn sich bemühte, nach den ethischen Werten und sozialdemokratischen Maximen des Vaters zu leben und zu wirken. Von diesem Fundament her sind auch die Kontinuitäten in seinem Denken über Wirtschaft und Politik zu verstehen. Edzard Reuters Aufstieg und Sturz bei Daimler-Benz Doch so erhellend die ebenfalls in den„Erinnerungen“ festgehaltenen Berichte über Edzard Reuters weitere Bildung und Ausbildung, über seine beruflichen Anfänge in der westdeutschen Filmindustrie und im Zweiten Deutschen Fernsehen(ZDF) sind, sie zeigen auch, dass es ihn schon früh nach einer Anstellung bei Daimler-Benz in Stuttgart drängte. 7 Nachdem ihm dies nach einigen Komplikationen zum 1. März 1964 schließlich gelun gen war, stieg er danach schnell in verantwortliche Positionen auf. Reuter arbeitete bei Daimler zunächst als Leiter des Hauptsekretariats, war sodann für fünf Jahre Mitarbeiter für strategische Projekte. Von der Zukunft der digitalen Revolution und auch der fortschreitenden Globalisierung der Wirtschaft überzeugt, unterbreitete er dem Vorstand 1977 eine Vorlage zur Gesamtplanung des Konzerns. Es erfolgte sodann seine Ernennung zum stellvertretenden Vorstandsmitglied für Gesamtplanung, bis er am 1. Sep tember 1987 trotz wiederholter Anfeindungen wegen seines sozialdemo kratischen Hintergrunds Vorstandsvorsitzender des Konzerns wurde. 8 Für die Mentalität größerer Teile der westdeutschen Aktionäre und Manager ist die Feindseligkeit gegen Reuters Familienhintergrund ein Aspekt, der einer Kontextualisierung bedarf, für die hier aber der Platz fehlt. Es ist S. 92 f. S. 125 ff., 134 ff. dazu ebd., S. 125 ff., 134 ff., 146, 155 f. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 9 nicht erstaunlich, dass der erzkonservative Friedrich Flick und sein Majordomus Günther-Max Paefgen die Frage stellten, ob man einen Sozialdemokraten zum Vorstandsvorsitzenden des Nobel-Konzerns machen könne. Reuter erfuhr dazu, dass Wilfried Guth, der damalige Sprecher der Deutschen Bank, von„Krethi und Plethi“ auf diese Frage angesprochen worden sei. Daraufhin habe der Bankier„diese Leute aber regelmäßig davongejagt“. Könne er sich doch nicht„morgens[…] im Spiegel ins Gesicht sehen, wenn der Gesichtspunkt, die Deutsche Bank wolle doch nicht ernsthaft einen ‚Roten‘ zum Chef von Daimler-Benz machen, für ihn irgendeine Relevanz hätte.“ Guth fügte hinzu, dass auch „die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat“ seiner Berufung„anscheinend[…] den Vorzug gebe“. 10 Volker Berghahn Portrait, etwa 1982 (Rechte: J.H. Darchinger/FriedrichEbert-Stiftung, AdsD, 6/ FJHD011127) An technologischem Wandel und Modernisierung interessiert, arbeitete Edzard Reuter schon in den vorherigen Aufstiegsjahren an einem Plan, bei Daimler nicht nur begehrte Personenkraftwagen und Nutzfahrzeuge herzustellen; vielmehr wollte er den Konzern durch Zukäufe und Kooperationen in einen„integrierten Technologiekonzern“ expandieren. Nicht zuletzt auch angesichts des US-amerikanisch-sowjetischen Rüstungswettlaufs gab es in der westlichen Industrie auch andere Konzerne, die eigene Ideen dazu entwickelten. Als Reuter dies bei Daimler aus vielen Gründen, wie dem Zusammenbruch des Sowjetblocks und den Schwierigkeiten während der deutschen Wiedervereinigung 1989/90, nicht gelang, begann in der Presse und un ter den Aktionären die Suche nach einem Sündenbock, und Edzard Reuter wurde für die hohen Verluste verantwortlich gemacht, die die Krise des Konzerns mit sich brachte. Der Druck führte im Mai 1995 dazu, dass Reuter den Vorstandsvorsitz an Jürgen Schrempp abgab. Da die Entwicklung jedoch komplizierter war und er die Erweiterungsstrategie nicht im Alleingang durchgesetzt hatte, sind die zentralen Kapitel in Schein und Wirklichkeit zugleich detaillierte Rechtfertigungen sowie der Versuch, Verantwortlichkeiten auf andere Daimler-Benz-Vorstandsmitglieder, Mitglieder des Aufsichtsrats und auch die Banken zu verteilen, voran auf die Deutsche Bank als der langjährigen Hausbank des Konzerns. Aus diesem Grund stieß das Buch in der inländischen und ausländischen Presse auf mancherlei Kritik. 9 Aber noch ein weiterer Aspekt ist für Reuters„Erinnerungen“ zu bedenken: War er doch nicht ein Manager, der für nichts anderes ein Interesse hatte als das Gedeihen seines Unternehmens; vielmehr war er auch ein Mensch, der sich als Mäzen, als Intellektueller und engagierter erschien ein Artikel von John Schmid in der„International Herald Tribune“ mit dem Titel„Daimler’s Ex-Chairman Settles Scores“. Darin wandte Reuter sich gegen die Ansicht,„that it was his expansion strategy and his‘vision of an integrated technology concern’ that led Daimler into financial disaster“. Schmid ergänzt:„At first hailed as a visionary, Mr. Reuter rapidly recast the luxury sedan-maker into a conglomerate that made heavy cables, refrigerators and washing machines, satellites, type-writers, big and small airplanes, helicopters, microchips, trains, military equipment, turbine engines, automated postal sorting machinery and even household electricity meters.“(IHT v. 22.1.1998) Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 11 Kommentator historischer und aktueller Probleme umfassend Gedanken über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen westlicher Gesellschaften machte. 10 Ebenso setzte er sich für die Gleichberechtigung und berufliche Anerkennung von Frauen ein. Kurzum, es ging ihm nicht nur ums Geldverdienen, sondern auch um die Kultur und Geschichte des Landes sowie um die moralischen und ethischen Werte moderner, demokratischer Industriegesellschaften, vor allem des westlichen Typs. Den Kommunismus und die Sowjetunion lehnte er zeit seines Lebens strikt ab, und in den 1970er-Jahren kam seine aktive Bekämpfung linksradikaler und terroristischer Organisationen wie der Roten Armee Fraktion(RAF) hinzu. 11 Vor dem Hintergrund seiner Schilderungen in Schein und Wirklichkeit wird eine Biografie daher auch zeigen, wie ungewöhnlich dieser in einer sozialdemokratischen Welt aufgewachsene Mann in der Berufswelt war, in der er sich seit 1964 bewegte – gerade auch im Hinblick auf seine vielseitigen an deren Interessen ebenso wie auf seine Ideenwelt und auf die von seinem Vater übernommenen Werthaltungen. Das Spektrum der Einstellungen in der Welt der Unternehmensführer erstreckte sich von Friedrich Flick, der sich fast ausschließlich auf den Erfolg seines Konzerns konzentrierte und dabei zum reichsten Mann in der Bundesrepublik wurde, bis hin zu Otto A. Friedrich, der den sozialstaatlichen Ausbau der Marktwirtschaft befürwortete, sowie Günter Henle, der über seine Unterstützung der paritätischen Mitbestimmung und des Betriebsverfassungsgesetzes hinaus kulturelle Organisationen förderte und einen international anerkannten Musikverlag gründete, in dem klassische Partituren und Noteneditionen wiederveröffentlicht wurden. Doch hatten sie alle keinen so weiten intellektuellen und kulturellen Horizont wie Edzard Reuter. 10 , Schein, 1998, S. 6, 253, 257 ff. Schon vor seiner Heirat 1952 hatte er seine kulturellen, aber auch seine vielseitigen sportlichen Interessen ununterbrochen über die Jahrzehnte hinweg verfolgt, ehe er mit seiner zweiten Frau 2015 die„Helga und Edzard Reuter-Stiftung“ gründete. Laut Website förderten sie„Menschen und Projekte, die sich auf herausragende Weise um die Völkerverständigung und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer, kultureller oder religiöser Herkunft verdient gemacht haben“. Zu seiner schon frühen Förderung des wiederentstehenden Kulturlebens siehe ausführlich ebd., Kapitel IV. S. 21, 24, 214. 12 Volker Berghahn Edzard Reuters Reaktion auf den aufsteigenden Neoliberalismus Indessen gelten die folgenden Ausführungen über Edzard Reuter nicht weiter seiner Biografie, sondern wenden sich spezifisch dieser Ideenwelt zu, die er neben seinem Memoirenband in zwei weiteren Büchern ausgebreitet hat: in seinem Essayband Vom Geist der Wirtschaft. Europa zwischen Technokraten und Mythokraten sowie seinem letzten Buch mit dem Titel Eingemischt! Zwischenrufe eines älteren Herrn. 12 Wenn man sich in diese beiden Bände zusammen mit seinen „Erinnerungen“ gerade in der heutigen Zeit vertieft, wird deutlich, welche Kontinuitäten, aber auch Diskontinuitäten Edzard Reuters Ringen mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschen, europäischen und internationalen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft durchlaufen haben. Obwohl die 1980er-Jahre in seiner leitenden Position im Konzern, der 1983 weltweit 150 000 Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellte beschäf tigte, eine schwierige Periode waren, fand er dennoch die Zeit, Artikel zu schreiben und Vorträge zu halten, in denen er sich als begabter Essayist und Redner erwies. Eine Sammlung seiner damaligen Gedanken zur Zeit, die 1986 erschien, ist vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Verände rung in der Wirtschaftspolitik der USA und des Vereinigten Königreichs zu sehen. Aus Gründen, die mit dem Rückzug Washingtons aus dem Vietnam-Krieg, mit der durch den Konflikt angetriebenen Inflation, aber auch mit der von den arabischen Ländern verfolgten dramatischen Erhöhung der Rohölpreise sowie mit der Watergate-Krise und US-Präsident Richard Nixons Rücktritt zusammenhingen, begann bereits unter USPräsident Jimmy Carter und dann unter der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und Ronald Reagan, Carters Nachfolger, die Abkehr Washingtons und Londons von dem Stakeholder-Kapitalismus der ersten Edzard Reuter, Vom Geist der Wirtschaft. Europa zwischen Technokraten und Mythokraten, Stuttgart 1986. Zu Edzard Reuters Definition des Untertitels siehe ebd., S. 302 ff. Siehe ferner Edzard Reuter, Eingemischt! Zwischenrufe eines älteren Herrn, Tübingen 2016; Edzard Reuter, Der schmale Grat des Lebens. Begegnungen und Begebnisse, Stuttgart 2007; Edzard Reuter, Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten, Berlin 2011; Edzard Reuter, Horizonte der Wirtschaft. Über die Herausforderungen unserer Zeit, Stuttgart 1993, S. 120 ff. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 13 Nachkriegsjahrzehnte. Es setzte der Wandel zu einem Shareholder-Kapitalismus ein. 13 Ersterer beruhte auf den Kompromissen einer Wirtschaftspolitik, die außer den Aktionären und Managern der Unternehmen auch die Arbeitnehmer, die Gewerkschaften sowie die jeweilige Regierung einschlossen. Sie alle verfolgten eine sozialpolitisch verantwortliche Politik, die nicht nur auf Unternehmensgewinne, sondern auch auf eine Verbesserung des Lebensstandards der Gesamtbevölkerung und einen „Wohlstand für alle“ in einer parlamentarisch-demokratisch verfassten Gesellschaft verpflichtet war. 14 Nachdem die Krise der frühen 1970er-Jahre außer einer„Stagflation“ eine erhöhte Streiktätigkeit der Gewerkschaften vor allem im Vereinigten Königreich ausgelöst hatte, gewannen schließlich die Argumente neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler die Oberhand. Angeführt von Milton Friedman an der University of Chicago postulierten sie, dass kapitalistische Unternehmen allein den Eigentümern und Aktionären verpflichtet seien und Gewinne in erster Linie diesen zugutekämen. 15 Um einen solchen Shareholder-Kapitalismus abzusichern, forderten die neoliberalen Wirtschaftsexperten ein Zurückdrängen des Staates und seiner Bürokratien, die Privatisierung öffentlicher Unternehmen wie beispielsweise der Eisenbahnen und Kürzungen in den öffentlichen Haushalten. Der Finanzsektor wurde dereguliert, sodass die Londoner City sowie die US z. B. Judith Stein, The Pivotal Decade. How the United States Traded Factories for Finance in the 1970s, New Haven 2010; Martin Holmes, Thatcherism. Scope and Limits, Basingstoke 1987; Shirley Letwin, Anatomy of Thatcherism, London 2017; John K. Galbraith, Reaganomics. Meaning, Means and Ends, New York 1983; Michael Schaller, Ronald Reagan, New York 2011; John Itty, Neoliberalism. Perspectives and Its Impact, New York 2019. 14 , Geist der Wirtschaft, 1986, S. 12. Zur u. a. von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard entwickelten Sozialen Marktwirtschaft gibt es umfangreiche Literatur. Siehe z. B. Werner Abelshauser, Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 1983; Volker Berghahn, Unternehmer und Politik in der Bundesrepublik, Frankfurt 1985; Ludwig Erhard/Alfred Müller-Armack(Hrsg.), Soziale Marktwirtschaft, Frankfurt 1972. Allerdings wird häufig übersehen, dass die USA unter den Nachwirkungen Roosevelts New Deal der 1930er-Jahre nach 1945 ebenfalls im Dreieck von Arbeitgebern, Gewerkschaften und Staat eine wohlfahrtstaatliche Politik verfolgten, die US-Präsident Lyndon Johnson Mitte der 1960er-Jahre schließlich zu einer„Great Society“ ausbauen wollte, die wie in Westeuropa auch eine universale Krankenversicherung einschloss. Unter dem Kostendruck des Vietnam-Kriegs blieb davon dann allerdings nur die Medicare-Versicherung für Senioren und die Medicaid-Versicherung für die Armen ohne jegliche Krankenversicherung übrig. Milton Friedman, Capitalism and Freedom, Chicago 1962; Kurt A. Leube(Hrsg.), The Essence of Friedman, Stanford, 1987. 14 Volker Berghahn amerikanischen Finanzzentren, voran die Wall Street in New York, ihre Expertise den Reichen in der ganzen Welt zur Mehrung ihrer Vermögen einsetzen konnten. Dies hatte zur Folge, dass Investitionen zur Modernisierung der heimischen Industrie vernachlässigt wurden. Die neoliberalen Volks- und Betriebswirte befürworteten obendrein Steuerermäßigungen, vor allem für die wohlhabenden Schichten, mit dem Argument, dass diese dann erst recht in den begünstigten Privatsektor investieren würden. Aus dieser Annahme entwickelte der Chicagoer Professor Arthur Laffer sodann die Theorie, dass die neue Investitionsfreudigkeit der Reichen einen„trickle-down“-Effekt und damit die Wirkung haben würde, dass alle profitierten. 16 Die langfristigen Folgen dieser Politik brachten dann im Gegenteil allerdings das immer weitere Auseinandergehen der Schere zwischen Arm und Reich. Es kam zu einer Abwärtsmobilität der unteren Mittelklassen und einer wachsenden Zahl der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Familien. Auf die politischen Folgen wird unter Bezug auf Edzard Reuters spätere Auseinandersetzungen mit diesem Thema weiter unten einzugehen sein. Für den Siegeszug der neoliberalen Theorien war es sodann entscheidend, dass sie zuerst 1979 von Thatcher im Vereinigten Königreich und erst recht ab 1981 von US-Präsident Ronald Reagan in die Praxis umge setzt wurden. Die ersten Reaktionen Edzard Reuters auf die neoliberale Praxis finden sich in seinem Essayband von 1986. Er räumte ein, dass sich dem Titel entsprechend der„Geist der Wirtschaft“ während der 1980erJahre in einem Umbruch befinde. Die bisher akzeptierte Verantwortung des Unternehmers werde vor allem in den USA und im Vereinigten Königreich neu definiert. Anders als in der Sozialen Marktwirtschaft, an der die Arbeitnehmer und Gewerkschaften beteiligt wurden, waren die Manager von Unternehmen jetzt nur noch den Kapitalgebern verantwortlich. Reuter sah hier eine Entwicklung, die allein auf einen alles bestimmenden „Markt“ mit Angebot und Nachfrage und auf die an die Aktionäre auszu z. B. Brian Domitrovic, The Emergence of Arthur Laffer, The Foundation of Supply-Side Economics in Chicago and Washington, 1966–1976, Cham 2021; Thomas Sowell, Trickle-Down Theory and Tax Cuts for the Rich, Stanford 2012. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 15 schüttenden Gewinne ausgerichtet war. Das war für ihn – wie er diese Entwicklung kurz und bündig definierte – ein„Texas-Kapitalismus“. 17 Allerdings hatte er den Beitrag nicht vergessen, den die USA erst zur Niederlage des Nationalsozialismus und nach 1945 zum Wiederaufbau Westdeutschlands und Westeuropas sowie zur Sicherung West-Berlins und der Bundesrepublik geleistet hatten. So wandte er sich gegen den Vorwurf, seine Kritik reihe sich in den Antiamerikanismus ein, der damals und auch später in ganz Westeuropa verbreitet war. 18 Denn berechtigte Kritik am Neoliberalismus musste seiner Meinung nach sein, wobei er auch auf den ihm gut bekannten ehemaligen westdeutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt hinwies. Dieser, so meinte er, habe„so unrecht nicht“ gehabt,„die weltwirtschaftlichen Konsequenzen der Reaganomics auch denjenigen frühzeitig im Klartext vor Augen zu halten, die dies als anmaßende Besserwisserei empfanden“. 19 Für Reuters Einstellungen in den 1980er-Jahren ist es auch bezeichnend, dass der Staat seine Rolle, die er unter dem Stakeholder-Kapitalismus eingenommen hatte, keineswegs verloren hatte. Als Beispiel wies er auf dessen Aufgaben in der Forschungsförderung hin. Aber auch andere öffentliche Investitionen waren seiner Meinung nach weiterhin notwendig, um Wachstum zu ermöglichen. Ohne eine solche Politik seien die seither erbrachten sozialen Leistungen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Allerdings war dies für Reuter kein Dogma. Vielmehr ging es ihm darum, eine pragmatische Industriepolitik zu betreiben, die nicht lediglich krisenbekämpfende, keynesianische, sondern langfristig ausgerichtete und gezielte strukturpolitische Impulse gab. Im Gegensatz zum Thatcherismus und Reaganismus plädierte er für die weitere Einbindung der Arbeitnehmerorganisationen in die wirtschaftspolitische und gesellschaftliche Willensbildung. Er dachte dabei auch an den täglichen Ablauf in der Politik, bei dem die Beachtung der Regeln parlamentarisch-demokratischen Geistes ebenso selbstver17 , Geist der Wirtschaft, 1986, S. 44. dazu z. B. Volker Berghahn, America and the Intellectual Cold Wars in Europe, Princeton 2001. 19 , Geist der Wirtschaft, 1986, S. 117. 16 Volker Berghahn ständlich sei. Mit anderen Worten, er blickte sehr viel weiter als nur auf die Erhaltung der bisherigen Ziele größerer sozialpolitischer Gerechtigkeit. Die Breite der Überlegungen Reuters zeigte sich auch unter dem steigenden Druck des Neoliberalismus an seiner unveränderten Befürwortung der Mitbestimmung von 1951 und dem reformierten Betriebsverfassungs gesetz von 1972, nachdem die Erstere 1976 gesetzlich über die Schwerin dustrie hinaus erweitert worden war. 20 Zwar setzte sich die in Kohle und Stahl eingeführte paritätische Mitbestimmung nicht für alle Unternehmen durch, wurde dann aber in ihrer nicht paritätischen Fassung vom Bundesverfassungsgericht bestätigt. Während solche Neugestaltungen der Arbeitsbeziehungen von Thatcher und Reagan strikt abgelehnt und bekämpft wurden, plädierte Edzard Reuter in den 1980er-Jahren für die weitere Einbindung der Arbeitnehmerorganisationen und ihrer gewählten Vertreter in die Unternehmen. Mochten einige konservative Manager und Aktionäre auch auf eine Abschaffung der Mitbestimmung hoffen, dieses Rad der Geschichte ließ sich nicht zurückdrehen. 21 Diese Kritik an manchen seiner Kollegen bedeutete allerdings nicht, dass er – der Sozialdemokrat unter lauter konservativen Kollegen – den in mitbestimmten Firmen tätigen Gewerkschaftlern und Betriebsräten gegenüber unkritisch war. Auch sie – so meinte er – müssten sich an die Regeln halten, die sie mit der Gründung des westdeutschen Staates seit den 1950er-Jahren ge setzlich und informell gewonnen und befürwortet hatten. Dabei dachte er offenbar nicht nur an die paritätische Mitbestimmung, die weiterhin in der Schwerindustrie galt, sondern auch an die Rechte und die Stimmen, die ihre gewählten Arbeitnehmervertreter mit dem Betriebsverfassungsgesetz von 1952/72 errungen hatten. Seine Unterstützung einer fortlaufenden und vorausschauenden Modernisierung der westdeutschen Industrie reflektiert ebenfalls diese Strategie Reuters. Indem er den Druck sich verändernder Marktbedingungen und des beschleunigten technischen Wandels hervorkehrte, wollte er die Daimler-Benz AG in einen breit ope dazu detailliert Volker Berghahn, Hans-Günther Sohl als Stahlunternehmer und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, 1906–1989, Göttingen 2020, S. 210 ff., 223 ff., 229 ff., 420 ff. 21 , Geist der Wirtschaft, 1986, S. 50. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 17 rierenden Technologiekonzern erweitern. In seiner Sicht durften sich die Arbeitnehmer und Gewerkschaften nicht einfach gegen eine modernisierende Industriepolitik querstellen. Kein Unternehmen, so meinte Reuter, könne auf Rationalisierungsmaßnahmen verzichten, schon weil deren Vernachlässigung am Ende nur zu einer Arbeitsplatzvernichtung führe. Aus diesem Grund seien auch Aus- und Weiterbildung nicht nur in der Industrie, sondern auch im Dienstleistungssektor unerlässlich. Die Berufsschulen, Fachschulen und Fachhochschulen, wie sie seit Langem in Deutschland bestanden, müssten unbedingt fortbestehen. All dies erforderte Reuter zufolge seitens der Unternehmer den Mut zur offenen und ständigen Kommunikation, sodass die Arbeitnehmer auch auf diesem Wege in die Entscheidungsprozesse einbezogen waren. Was alle Parteien verbinde, sei die sachliche Diskussion innerhalb des Kräftedreiecks von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und öffentlichen Institutionen zur Ausarbeitung von Kompromissen. Dem Untertitel seiner Essaysammlung folgend dürften die Ideen der Aufklärung nicht einfach durch„Technokraten und Mythokraten“ ersetzt werden. Reuters wirtschaftliche und politische Vorstellungen zur Aufrechterhaltung eines„Stakeholder-Kapitalismus“ gegenüber dem neoliberalen Thatcherismus und Reaganismus schlossen auch die weitere Integration der Europäischen Gemeinschaft ein. Ebenso sprach er sich für die ständige Vertiefung der transatlantischen Beziehungen aus, und zwar nicht nur wegen des andauernden Kalten Kriegs gegen den Sowjetblock, sondern auch weil in seinen Augen die USA weiterhin den technischen Fortschritt und Wandel förderten, so kritisch er inzwischen auch der aktuellen USamerikanischen Wirtschafts- und Sozialpolitik gegenüberstand. Zugleich beschäftigten ihn auch die zunehmenden Umweltprobleme und die Gefahr militärischer Konflikte, noch dazu im Zeitalter des atomaren Wettrüstens zwischen Ost und West. Für ihn war„niemals in der Geschichte der Menschheit die Pflicht so dringlich[geworden], innerhalb der Gesellschaften und zwischen ihnen Frieden zu organisieren, wenn wir einem Umkippen in gewaltsame Bestrebungen zuvorkommen wollen“. 22 S. 22; Reuter, Schein, 1998, S. 215, sowie die folgenden Zitate. 18 Volker Berghahn Er hielt es daher für unabdingbar, dass die Menschen„Kinder der Aufklärung bleiben“ müssten, anstatt wie zeitweise in früheren Jahrzehnten hinter einer irrationalen Politik und deren Rattenfängern herzulaufen. Die„Melodie“ seiner Essays war nicht die von Thatcher und Reagan angestimmte des Neoliberalismus mit seinen Ungerechtigkeiten, sondern die einer„mixed economy“ und eines sozial verantwortlichen Stakeholder-Kapitalismus, der die„Chancen neuer Techniken“ nutzte, sich zugleich aber auch der von jeher drohenden Gefahr für die marktwirtschaftliche Wirtschaftsform bewusst blieb. Amerikas„Irrational Exuberance“ der 1990er-Jahre und die Krise von 2007/08 Was Reuter Mitte der 1980er-Jahre an ökonomischen und politischen Ideen vertrat, wurde am Ende des Jahrzehnts durch zwei Ereignisse durchgerüttelt: durch den Zusammenbruch des Ostblocks und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Zentrum Europas. Die große Frage war, wie die europäischen Nachbarn und die USA, aber auch Reuter selbst auf diese Umwälzungen reagieren und welche Antworten sie darauf in den 1990er-Jahren finden würden. Soweit es die deutsche Wiedervereinigung betraf, drängte die Administration von US-Präsident George H. W. Bush damals sehr nachdrücklich auf eine Wiedervereinigung als Lösung der„deutschen Frage“, der Gorbatschow nach diversen mündlichen, aber vertraglich nicht fixierten Zusagen zustimmte. 23 Auch François Mitterrand gab namens Frankreichs vor allem Helmut Kohl, dem westdeutschen Bundeskanzler, sein Plazet, während sich die britische Premierministerin Margaret Thatcher länger sträubte. Aber was auch ihr damals am Ende klar wurde, war, dass die USA jetzt definitiv die Nummer 1 in der Weltpoli tik waren und ein Widerstand gegen die Konzeptionen und Strategien diesem Komplex siehe vor allem Mary Sarotte, 1989. The Struggle to Create a Post-Cold-War Europe, Princeton 2014; Mary Sarotte, The Collapse. The Accidental Opening of the Berlin Wall, New York 2014; Mary Sarotte, Not One Inch. America, Russia and the Making of the Post-Cold-War Stalemate, New Haven 2022. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 19 Washingtons keinen Zweck hatte. War doch der Optimismus der USAmerikaner nicht zu bändigen, nachdem man jetzt mehr oder weniger unilateralistisch die Entwicklung des internationalen Systems angesichts des endlichen„Siegs“ über den sowjetischen Gegner bestimmen zu können glaubte. Nicht nur in England und Frankreich, sondern auch in der Bundesrepublik gab es Stimmen, die sich bei der Wiederherstellung eines gesamtdeutschen territorialen Blocks mitten in Europa an Hitler-Deutschland und den Zweiten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten erinnerten und stattdessen der Fortdauer von zwei deutschen Staaten den Vorzug gaben; 24 doch diese Erwägungen wurden nicht nur in Westdeutschland nach dem Einreißen der Berliner Mauer und dem Ende der DDR, sondern auch in Washington bald beiseitegeschoben. Stattdessen wurde in den USA Francis Fukuyamas Buch über das Ende der Geschichte zu einem Bestseller, 25 der mit viel Zustimmung argumentierte, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus werde fortan das liberal-westliche Modell von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft den Lauf der Weltgeschichte gestalten. So kam es, dass sich Jeffrey Sachs, Volkswirt an der Harvard University, nach Moskau begab, um dort mit einem radikalen Shock-and-Awe-Reformprogramm quasi über Nacht das US-amerikanische KapitalismusModell einzuführen. 26 Dann wurde der konservativ-republikanische USPräsident Bush in den Wahlen von 1992 von dem jugendlichen Demokra ten William Jefferson Clinton abgelöst. Er umgab sich mit Wirtschaftsberatern wie Lawrence Summers und Robert Rubin, die eine neoliberale Wirtschaftspolitik fest verkündeten. Was sie nach dem Zu in- und ausländischen Stimmen, die den Status quo einer Wiedervereinigung vorzogen, siehe Sarotte, 1989, 2024, S. 27 ff. Jürgen Habermas gehörte zu den prominenten Kritikern der Wiedervereinigung. Siehe z. B. sein Buch A Berlin Republic, Lincoln/NE 1997. Edzard Reuter stimmte der Wiedervereinigung voll zu. Siehe Reuter, Schein, 1998, S. 38 ff. Francis Fukuyama, The End of History and the Last Man, New York 1993. Siehe auch seine späteren Selbstzweifel in: Mathilde Fasting(Hrsg.), After the End of History, Conversations with Francis Fukuyama, Washington, D.C., 2021. z. B. Jeffrey Sachs, Understanding‘Shock Therapy’, London 1994; Jeffrey Sachs, Poland’s Jump to the Market Economy, Cambridge, MA, 1995. 20 Volker Berghahn sammenbruch des Sowjetblocks so selbstsicher machte, war, dass die US-amerikanische Wirtschaft damals einen Boom erlebte. 27 Die Aktien stiegen rasant an und viele Investoren, teils von Fukuyamas Buch und anderen Zukunftsvisionen mitgerissen, nahmen an, dass es von nun an immer nur Wachstum und Expansion geben würde. Rezessionen und gar Depressionen gehörten angeblich der Vergangenheit an, auch weil die Wirtschaftswissenschaften glaubten, mit ihren Modellen zukünftige Rückschläge vermeiden zu können. Vor diesem rosigen Hintergrund entfaltete sich in den 1990er-Jahren eine Hausse auf dem Aktienmarkt. Die Kurse stiegen so stark an, dass Alan Greenspan, der Vorsitzende der mächtigen Federal Reserve Bank in Washington, sich um eine Überhitzung des Markts sorgte. Er sprach unter anderen mit dem Volkswirt Robert Shiller von der Yale University, der an einem Buch saß, das bald darauf mit dem Titel Irrational Exuberance(Irrationale Überschwänglichkeit) viele Leser fand. 28 Die beiden kamen offenbar überein, dass die Überschwänglichkeit in der deregulierten Wall Street und anderen Finanzzentren der westlichen Welt gefährlich war. So geschah es, dass Greenspan am 5. Dezember 1996 den Begriff einer„irrational exuberance“ öffentlich als warnenden Hinweis für seine Einschätzung der damaligen Lage in die Diskussion warf. 29 Doch tat er – selbst seit Langem dem Neoliberalismus verpflichtet – 30 bezeichnenderweise nichts, um den grenzenlosen Optimismus etwa durch eine Erhöhung der Zinssätze zu dämpfen. Seine Zurückhaltung war wohl von der Sorge bestimmt, dass eine solche Maßnahme daraufhin erst recht die befürchtete Panik auslösen würde. dazu z. B. Nelson Lichtenstein, A Fabulous Failure. The Clinton Presidency and the Transformation of American Capitalism, Princeton 2023; Martin White, The Presidency of Bill Clinton. The Legacy of American Domestic and Foreign Policy, New York 2012; John Ganz, When the Clock Broke, New York 2024. Robert Shiller, Irrational Exuberance, Princeton 2000. David M. Jones, The Politics of Money. The Fed under Alan Greenspan, New York 1991. Alan Greenspan, The Age of Turbulence, New York 2007, insbes. S. 176; Alan Greenspan/Adrian Wooldridge, Capitalism in America, New York 2018; Alan Greenspan, Statements and Speeches of Alan Greenspan, o. O., o. D. Siehe kritisch auch E. Ray Canterbery, Alan Greenspan. The Oracle behind the Curtain, New Jersey 2006; Jerome Tuccille, Alan Shrugged. Alan Greenspan, the World’s Most Powerful Banker, Hoboken, NJ, 2002. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 21 Doch dann endete der Boom der Clinton-Jahre auch ohne Greenspans Zutun. Als Erstes kam es schon 2001 zu einem Platzen der„Tech Bub ble“; das heißt, die stürmischen Entwicklungen auf dem digitalen Sektor gerieten in eine Krise, was aber noch immer keine prophylaktische Dämpfungspolitik Greenspans auslöste. Als er dann 2005 pensioniert und durch Ben Bernanke abgelöst wurde, sah dieser sich 2007/08 mit dem vielleicht unvermeidlichen großen Wirtschaftsabschwung konfrontiert, den kapitalistische Wirtschaften in vorherigen Jahrzehnten und Jahrhunderten wiederholt erlebt hatten. Doch glücklicherweise hatte Bernanke als Volkswirt an der Princeton University zuvor genauer studiert, was 1929 in der großen Depression und ihren nachfolgenden ka tastrophalen Auswirkungen falsch gelaufen war und was hätte geschehen müssen, um diese Krise zu bewältigen. 31 Er schloss aus seinen Studien, dass in dieser Situation Washington den Banken öffentliche Mittel hätte zur Verfügung stellen müssen, um deren Liquidität sicherzustellen. Bernankes Reaktion auf die Krise von 2007/08 und die Sicherung von Liquidität verhinderte in Zusammenarbeit mit den Zentralbanken in Europa und Asien dann 2008 in der Tat eine viel schlimmere„Große Rezession“ – wie sie damals euphemistisch genannt wurde. 32 Die Banken konnten mit ein oder zwei Ausnahmen ihre Einleger auszahlen. Zudem wurde der Betrag erhöht, durch den die Sparer anders als 1929/30 durch die Errichtung der Federal Deposit Insurance Corporation(FDIC) bis zu einer bestimmten Gesamtsumme gegen Verluste auf ihren Sparkonten abgesichert waren, was den Ausbruch einer Panik dämpfte. Bernanke und seine Kollegen in Europa erhöhten zur Beruhigung der Sparer sogar den durch die FDIC und deren inzwischen ebenfalls eingerichtete europäische Versicherungen abgedeckten Betrag. breiteren Kontext der Depression von 1929 siehe z. B. Harold James, The German Slump, 1924–1929, Oxford 1980. Siehe auch Robert Shiller, Lessons of a Decade that Roared, then Gasped, in: New York Times, Business Section, v. 18.4.2021, S. 14. Ben Bernanke, Essays on the Great Depression, Princeton 2000. 22 Volker Berghahn Edzard Reuter, Marion Dönhoff und Helmut Schmidt als Kritiker des Neoliberalismus in den 1990er-Jahren So sehr Bernanke daher das Verdienst zukommt, die Krise von 2007/08 für die USA und die westliche Weltwirtschaft gestoppt zu haben, war sein Vorgänger, der sich um die„irrational exuberance“ auf den Aktienmärkten und den Ausbruch dieser Krise schon Mitte der 1990er-Jahre große Sorgen machte, damals nicht der einzige Warner. Auch in Europa wurden gegen die unbesorgte Wirtschaftspolitik Clintons und seiner Berater kritische Stimmen laut. Zu ihnen gehörten in der Bundesrepublik drei Prominente: die bekannte Journalistin Marion Gräfin Dönhoff, 33 der Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt sowie Edzard Reuter, dessen Vertrag bei Daimler inzwischen ausgelaufen war. Dönhoff und Reuter waren befreundet und sprachen – obwohl in Hamburg und Stuttgart lebend – häufig über aktuelle Probleme miteinander. Wohl eher noch den Standards ihrer adeligen, preußischen Herkunft verhaftet 34 warnte Dönhoff schon im Mai 1989 vor der sich ausbreitenden Korruption, den Skandalen und den Bankrotten in Europa, Japan und den USA. Sie kritisierte, dass jetzt das Geld an erster Stelle stehe und die Moral erst an zweiter. 35 Nicht das„Sein“ zähle, sondern allein das„Haben“. In der Vergangenheit hätte es staatliche Aufsicht und Restriktionen gegen diese Einstellungen und Praktiken gegeben. Auch hätten Konventionen bestanden, die zur Geltung gekommen wären, wenn ethische Standards nicht beachtet worden seien. Doch jetzt herrsche allein die „grenzenlose Freiheit, als ob dies der Kern der Demokratie“ sei. Es gebe kein höheres Ziel mehr als einen höchstmöglichen Lebensstandard zu erreichen. Das Einkommen sei allein der Maßstab für die Leistung, das Ansehen und das Wohl der Menschen. Ben Bernanke, The Courage to Act. A Memoir of a Crisis and its Aftermath, Princeton 2013; Ben Bernanke, The Federal Reserve and the Financial Crisis, Princeton 2013; Ben Bernanke, Firefighting. The Financial Crisis and its Lessons, New York 2019. Siehe auch Paul Krugman, How Did Economists Get It So Wrong?, in: New York Times Magazine v. 6.9.2009, S. 36–41. ihre früheren Artikel: Preußens Erben, in: Die Zeit v. 26.1.1962; Vorbild Preußen, in: Die Zeit v. 17.2.1967. Zu Marion Dönhoffs Biografie und Aufstieg zu einer der einflussreichsten Journalistinnen in der Bundesrepublik siehe z. B. Haug von Kuenheim, Marion Dönhoff, Reinbek 1999; Alice Schwarzer, Marion Dönhoff. Ein widerständiges Leben, Köln 1996. Marion Dönhoff, Erst kommt das Geld – dann die Moral, in: Die Zeit v. 3.5.1989. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 23 Eine weitere Kritik Dönhoffs erschien am 2. März 1993 in der von ihr mitherausgegebenen Wochenzeitschrift Die Zeit. 36 Darin mahnte sie, dass „eine Gesellschaft ohne moralische Maßstäbe[…] in Gefahr“ gerate. Bis 1996 verschärfte sich ihre Kritik an den vorherrschenden, neolibera len Wirtschaftstheorien. Jetzt rief sie in einer Rede gar dazu auf,„den Kapitalismus zu zivilisieren“. 37 In einer weiteren Rede legte sie sodann „Zwölf Thesen gegen die Maßlosigkeit“ vor. 38 Auch ein längerer Artikel, den Dönhoffs Wochenzeitung am 14. November 1997 mit dem Titel „Kasino-Kapitalismus“ veröffentlichte, ist wohl in diesem Zusammenhang zu sehen. 39 Noch deutlicher war das 2007 unabhängig erschiene ne Buch von Dieter Balkhausen mit dem Titel Raubtierkapitalismus. Wie Superspekulanten, Finanzjongleure und Firmenjaeger eine Finanzkrise provozieren, 40 das zeigte, wie viel Unruhe das neoliberale Modell in Deutschland inzwischen gestiftet hatte. Die 1990er-Jahre waren auch eine Zeit, in der Dönhoff in ständigem Kontakt mit Helmut Schmidt stand, der nach dem Verlust der Bundeskanzlerschaft in Bonn im Mai 1983 als ihr Mitherausgeber bei der Zeit eingestiegen war. Er analysierte und kritisierte den Neoliberalismus nicht aus„altpreußischer“, sondern sozialdemokratischer Perspektive. 41 Dazu äußerte er sich wiederholt als scharfer Beobachter des sich ausbreitenden Reaganismus. Von ihm stammt auch ein Brief, den er am 30. Juli 1999 an Dönhoff schrieb, nachdem sie ihm einen Aufsatz von Peter Ulrich mit dem Titel„Weltethos und Weltwirtschaft“ geschickt Marion Dönhoff, Eine Gesellschaft ohne Moral kommt in Gefahr, in: Die Zeit v. 2.3.1993. Marion Dönhoff, Zivilisiert den Kapitalismus, in: Irene Brauer/Friedrich Dönhoff(Hrsg.), Marion Gräfin Dönhoff. Ein Leben in Briefen, Hamburg 2009, S. 478–484. Marion Dönhoff, Zwölf Thesen gegen Maßlosigkeit, in: Brauer/Dönhoff(Hrsg.), Dönhoff, 2009, S. 472–477. Claus Noe, Der Kasino-Kapitalismus. Ein Crash an den Börsen der Welt – und schon rufen die ewigen Deregulierer nach mehr Staat. Zu Recht, in: Die Zeit v. 14.11.1997, S. 4. Dieter Balkhausen, Raubtier-Kapitalismus, Köln 2007. dazu Helmut Schmidt, Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral. Deutschland vor dem neuen Jahrhundert, Stuttgart 1998; Helmut Schmidt, Konflikt zwischen Vernunft und Religion, Hamburg 2016; Helmut Schmidt, Die Selbstbehauptung Europas. Perspektiven für das 21. Jahrhundert, Stuttgart 2000; Helmut Schmidt, Außer Dienst. Eine Bilanz, München 2008. 24 Volker Berghahn hatte. 42 Nach der Lektüre des Artikels meinte Schmidt, dass„die Kritik am Marktfundamentalismus[der Neoliberalen] voll gerechtfertigt“ sei. Ulrichs„Wunschvorstellungen von einer ‚gerechten Weltbürgergemeinschaft‘ und von ‚Wirtschaftsbürgerrechten auf Arbeit und Existenzsicherung‘“ seien„inhaltlich sehr stark von westlichen Konzepten geprägt“. Er fügte als Beobachter globaler Entwicklungen deshalb kritisch hinzu, es seien„chinesische, indische oder schwarzafrikanische Vorstellungen[…] nicht ausreichend eingeflossen“. Zudem meinte er, dass Ulrichs„Korrekturvorstellungen“ nur„sehr vage“ seien, woraufhin Schmidt noch einen Hinweis auf einen Vortrag gab, den Edzard Reuter, der Dritte in diesem Freundeskreis, jüngst in der von Dönhoff und anderen Hamburgern ins Leben gerufenen„Mittwochsgesellschaft“ gehalten habe. Dieser sei zwar auch nur„vage“, aber dennoch„schon etwas konkreter“ gewesen. Insgesamt waren die persönlichen Beziehungen zwischen Schmidt und Reuter wohl eher distanziert. In den späten 1970er- und in den 1980erJahren sahen sie sich häufiger auf Empfängen und Konferenzen, aber sprachen vor allem offiziell miteinander, wenn Reuter den Bundeskanzler Schmidt mit wirtschaftlichen und politischen Fragen in Bonn besuchte. Solche Gespräche waren – wie Reuter es später formulierte – präzise, diszipliniert und„schnörkellos“, 43 so wie es Schmidt, aber wohl auch Reuter bevorzugte. Das Verhältnis war daher ein anderes als das anlässlich der späteren, ausschweifenderen Konferenzen mit Schmidts Nachfolger Helmut Kohl. 44 Erst als Schmidt 1982 als Bundeskanzler abgewählt und zusammen mit Dönhoff als Herausgeber der Zeit tätig wurde, sahen sich die beiden Männer häufiger auf gesellschaftlicher Ebene, so auch auf den erwähnten„Mittwochsgesellschaften“, einem Kreis von prominenten, eher liberalen Politikern, Geschäftsleuten, Akademikern und Intellektuellen aus Hamburg und Norddeutschland. Helmut-Schmidt-Stiftung Hamburg, NL Schmidt, 1648, Hausmitteilung Helmut Schmidts an Marion Gräfin Dönhoff, 30. Juli 1999. Ich danke der Helmut-Schmidt-Stiftung, dass sie mir dieses Dokument zugänglich gemacht hat. Reuter, Schein, 1998, S. 206 ff. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 25 Edzard Reuter begleitet Helmut Schmidt bei seinen Staatsbesuchen in Japan und Singapur, 10.10.1978(Rechte: J.H. Darchinger/Friedrich-Ebert-Stiftung; AdsD, 6/FOTA077794) Anhand seines Essaybands Vom Geist der Wirtschaft habe ich bereits die Positionen vorgestellt, die Edzard Reuter zur Zeit des aufsteigenden Neoliberalismus in den 1980er-Jahren über die Weltwirtschaft und Welt gesellschaft entwickelte. Doch dann erschienen 1998 seine schon er wähnten„Erinnerungen“, die über weite Teile eine Rechtfertigung der von ihm schon vor seinem Aufstieg zum Vorstandsvorsitzenden des DaimlerBenz-Konzerns verfolgten Ziele enthalten. Zugleich war das fast 500-sei tige Buch aber auch eine Abrechnung mit seinen Kollegen, die ihn mit seinen Expansionsplänen zuerst unterstützt hatten, sich dann aber kühl distanzierten, als angesichts diverser Rückschläge die verärgerten Aktionäre und die Wirtschaftspresse ihn zum alleinigen Sündenbock für das Scheitern der ehrgeizigen Pläne machten. Was damals geschah, muss weiteren Forschungen zur Entwicklung des Konzerns und zu Edzard Reuters Biografie überlassen bleiben, deren Erkenntnisse mit Reuters„Erin26 Volker Berghahn nerungen“ zu vergleichen wären. Indessen enthalten sein Schein und Wirklichkeit auch seine späteren, hier interessierenden Gedanken zur weiteren Entwicklung des Neoliberalismus sowie zur deutschen und globalen Wirtschaft und Politik. Während die Neoliberalen mit Thatcher und Reagan den Staat zurückdrängen wollten, hatte dieser für Reuter seine bisherige Rolle in Wirtschaft und Politik keineswegs verloren. 45 So waren öffentliche Investitionen seiner Meinung nach weiterhin notwendig, um Wachstum zu produzieren und damit auch soziale Leistungen erbringen zu können. Allerdings war dies für Reuter kein Dogma. Es ging ihm darum, in diesem den Neoliberalismus ablehnenden Rahmen eine pragmatische Industriepolitik zu betreiben, die längerfristig gezielte strukturpolitische Impulse gab. 46 Erneut plädierte er zudem für eine Einbindung der Arbeitnehmerorganisationen in die gesellschaftliche Willensbildung, wobei er nicht nur an die Politik dachte, in der die Mindestforderungen demokratischen Geistes nicht missachtet werden dürften. Sein Blick reichte sehr viel weiter ins internationale System hinein. Ausdrücklich betonte er die Bedeutung der Mitbestimmung und des Betriebsverfassungsgesetzes von 1951/52 für die Sicherung des inneren Frie dens, nachdem die Erstere 1976 gesetzlich erweitert und anschließend vom Bundesverfassungsgericht im Prinzip verankert worden war. Folglich hielt er auch„wenig davon, sich Illusionen über eine Einschränkung der Mitbestimmung zu machen“, wie sie unter den Konservativen in der Unternehmerschaft weiterhin bestanden. 47 Das hieß allerdings nicht, dass er, der Sozialdemokrat, den in mitbestimmten Firmen tätigen Gewerkschaftlern und Betriebsräten gegenüber unkritisch war. Auch sie müssten sich – so meinte er – vor einem Missbrauch ihres Einflusses hüten. Dabei dachte er offenbar nicht nur an die paritätische Mitbestimmung, die weiterhin in der Kohle- und Stahlindustrie galt, sondern auch an die Reuter, Geist der Wirtschaft, 1986, S. 12. S. 15, S. 32. S. 50. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 27 Rechte, die Arbeitnehmer und ihre Vertreter mit dem Betriebsverfassungsgesetz von 1952 gewonnen hatten. 48 Das bedeutete für Reuter auch, dass die Aus- und Weiterbildung, einschließlich des Dienstleistungssektors, wie sie seit Langem in Deutschland bestanden, fortbestehen müssen. All dies erfordere seitens der Unternehmer den Mut zur offenen und ständigen Kommunikation, wobei die Einbeziehung der Arbeitnehmer in Entscheidungsprozesse für Reuter weiterhin vorrangig war. Was alle Parteien verbinde, sei die sachliche und rationale Diskussion innerhalb des Kräftedreiecks von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Staat zur Ausarbeitung von Kompromissen. 49 Reuters wirtschaftliche und politische Modernisierungsvorstellungen schlossen zudem auch die stärkere Integration der Europäischen Gemeinschaft ein und deren ständige Erneuerung zusammen mit der gleichzeitigen Vertiefung der transatlantischen Beziehungen. Daran lag ihm nicht nur wegen des Kalten Kriegs gegen den Sowjetblock, sondern auch weil die US-Amerikaner die Bedeutung des Wandels und Fortschritts bejahten. 50 Er dachte auch an die zunehmenden Umweltprobleme und mahnte, die Gefahr eines erneuten Weltkriegs nie zu vergessen. Nichts sei dringlicher, als den Frieden zu organisieren und zu sichern. 51 Kurzum, die Menschen müssten unabdinglich„Kinder der Aufklärung bleiben“, was gerade auch für die Großunternehmer gelte, zu denen er infolge seines Aufstiegs in den Daimler-Benz-Vorstand nun selbst gehörte. Die„Melodie“, die er vor diesem Hintergrund den Leserinnen und Lesern seiner Essays immer wieder vorspielte, war nicht die von Thatcher und Reagan angestimmte eines Neoliberalismus, sondern die einer Mixed Economy und eines sozial verantwortlichen Stakeholder-Kapitalismus, der die„Chancen neuer Techniken“ nutzte, sich allerdings der Gefahren der kapitalistischen Wirtschaftsform immer bewusst blieb. 52 dazu Berghahn, Hans-Günther Sohl, 2020. der Untertitel von Reuter, Geist der Wirtschaft, 1986. S. 240, 252, 257 S. 274. S. 174. 28 Volker Berghahn Edzard Reuters Weltsicht in seinen„Erinnerungen“ Waren dies die Grundpositionen, die Reuter in den 1980er-Jahren der aufkommenden anglo-amerikanischen Wirtschaftspolitik in seinen Essays entgegenhielt, so war er in seinem 1998 veröffentlichten Buch über Schein und Wirklichkeit mit seiner Kritik nicht weniger deutlich. 53 So wandte er sich nach verschiedenen Exkursionen in die sich nach 1945 zu erst entfaltende bundesrepublikanische Politik, Wirtschaft und das nach der Zerstörung durch das NS-Regime wiedererstehende Kulturleben erneut der doppelten Verantwortung des Unternehmers zu. 54 Dem damals vor allem in den USA und im Vereinigten Königreich ausufernden Shareholder-Kapitalismus stellte er die Werte einer Stakeholder-Gesellschaft gegenüber, die die Belange aller in der nunmehr wiedervereinten Bundesrepublik vertrat. Reuter geißelte ein„stupides Vertrauen“ in den angeblich alles Wirtschaftliche bestimmenden Markt. Reagan habe zwar eine Politik der hohen Ansprüche verkündet, aber die Ergebnisse seien eher„fragwürdige“ gewesen. 55 Gehe es doch nicht einfach um die Mehrung der Unternehmensgewinne und um ein Schrumpfen aller sozialen Werte und Institutionen, die ein besseres Leben allein für die Wohlhabenden verhießen, sondern für alle. Ethos und Handeln durften daher für Edzard Reuter„nicht allzu weit auseinanderklaffen“. 56 Soweit es die Rolle des Staates betraf, berief er sich auf eine Bemerkung des Hamburger Professors für Volkswirtschaft Karl Schiller, eines sozialdemokratischen Keynesianers, der als Leitprinzip postuliert hatte:„So viel Markt wie möglich – so viel Staat wie nötig“. . 57 Vor allem in der Wirtschaftskrise von 1966/67, als die Arbeitslosigkeit stark anstieg, war Schiller als Wirtschaftsminister in der damals gebildeten Großen Koalition von SPD und CDU/CSU für eine Politik der„Kon53 , Schein, 1998. S. 216 ff. S. 223, 453 ff. S. 9. in: Reuter, Schein, 1998, S. 224. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 29 zertierten Aktion“ und der„sozialen Symmetrie“ eingetreten. 58 In Erinnerung an die Massenarbeitslosigkeit und Armut der 1930er-Jahre wandte Reuter sich auch in seinen„Erinnerungen“ scharf gegen„die Geißel der Arbeitslosigkeit“. 59 Seiner Meinung nach bedrohte sie das Land und Europa erneut in einer Zeit der„irrational exuberance“, vor der Greenspan 1996 gewarnt hatte,„um sich am Ende[gar] zu einer tödlichen Gefahr für das Gesellschaftssystem auszuwachsen“. Sollte doch nie vergessen werden, dass moderne Industriewirtschaften und-gesellschaften in der Vergangenheit immer wieder schwere Depressionen erlebt hatten. Für Edzard Reuter war es eine gefährliche Naivität zu glauben, die Volksund Betriebswirte hätten diese Probleme nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks mit ihren Modellen gelöst. Ebenso lehnte er – wohl wie auch Helmut Schmidt von dem Philosophen Sir Karl Popper beeinflusst – es ab, den Boden der Rationalität zu verlassen und ideologische Scheuklappen anzulegen. 60 Vor allem ging es ihm wie zuvor nicht nur um Wettbewerb, sondern ebenso auch um Chancengleichheit. Zwar wollte er von der Idee des alten Fürsorgestaats Abschied nehmen; doch eine zügellose Marktwirtschaft dürfe nicht an dessen Stelle treten. 61 Er befürwortete eine Globalisierung von Wirtschaft und Politik, wobei er offenbar auch an den Ausbau des Automobilbauers Daimler-Benz zu einem„integrierten Technologiekonzern“ zurückdachte. 62 S. 226. S. 223. S. 459 ff., 465. S. 452 ff. oben S. 11. 30 Volker Berghahn Zwischenrufe eines älteren Herrn im frühen 21. Jahrhundert Bezog Reuters Schein und Wirklichkeit in den 1990er-Jahren deutlich gegen Clintons Neoliberalismus und auch gegen Greenspans Passivität im Angesicht des Booms auf den Aktienmärkten Stellung, so gibt Eingemischt! seine Gedanken wieder, nachdem die befürchtete„Große Rezession“ 2007/08 doch eingetreten war, die Ben Bernanke dann allerdings erfolgreich eingrenzen konnte. 63 An diesem schmalen Band ist bemerkenswert, dass Reuters Zwischenrufe eines älteren Herrn mit einer optimistischen Note begannen, soweit es die Entwicklung der Bundesrepublik im Jahr 2015 betraf. 64 Obwohl – wie Reuter schrieb – der Gegensatz zwischen extremem Reichtum und privater wie öffentlicher Armut nicht mehr allein im neoliberalen Amerika und Vereinigten Königreich, sondern nun auch in Europa zu beobachten sei, hätten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften in der Bundesrepublik während der Krise vernünftig verhalten. 65 Für die Innenpolitik lobte Reuter zudem die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die 2015 nicht weniger als eine Million Einwanderer aus dem Nahen Osten be ziehungsweise Westasien und Afrika willkommen hieß und ihnen relativ schnell Arbeitsplätze vermittelte. Das waren Entscheidungen, die mit Edzard Reuters seit den 1940er-Jahren auch durch seinen Vater mitgeformten ethischen Vorstellungen harmonierten. Und auch seinen aus jener frühen Zeit stammenden moralischen Prinzipien blieb er zeit seines Lebens treu. Während sich nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks in den 1990er-Jahren manche Unterneh mer – voran Flick – dagegen sträubten, dass die Industrie einen Milliarden-Fonds einrichtete, aus dem die noch lebenden, einstigen unter der NS-Diktatur verschleppten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen wenigstens eine kleine Wiedergutmachungszahlung empfangen konnten, sprach sich Edzard Reuter ohne langes Zögern für eine solche Initiative aus. Dabei war er sich auch bewusst, dass der Konzern in den 63 Siehe oben S. 22. 64 , Eingemischt, 2016. S. 10. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 31 Kriegsjahren wie viele andere Unternehmen Arbeiter:innen ausgebeutet hatte, die aus dem besetzten Ost-, Süd-, und Westeuropa zu Millionen in die deutsche Industrie und Landwirtschaft zuerst angeworben, dann aber gezwungen worden waren. 66 Da Merkels mutiges politisches und humanitäres Unternehmen indessen nicht so glatt wie erhofft ablief, fügte Reuter hinzu, dass man in der Einwanderungsfrage wach bleiben müsse. Er dachte dabei kritisch nicht nur an die fortdauernde„besinnungslose Geldgier“ der Investoren, 67 sondern auch an den sich damals verstärkenden Rechtsdrall in der Politik, wobei er zunächst die ostdeutsche PEGIDA im Visier hatte sowie die britische UK Independent Party(UKIP) und den französischen Front National. Er sah hinter diesen populistischen Bewegungen eine Sehnsucht nach Gemeinschaft und die Hoffnung auf charismatische Führer. Was Reuter so skeptisch machte, war die Irrationalität dieser Bewegungen, die sich über das Internet gegen die Parteienapparate mobilisierten – daher schon der Untertitel seines ersten Buchs: Technokraten und Mythokraten. 68 Wohl in Erinnerung an den Verlauf der Volksabstimmungen in der Weimarer Republik wandte Reuter sich gegen die von den sozialen Medien geförderte, rechtsradikale Art von politischer Willensbildung, wobei er an deren Folgen in den Jahren nach 1933 dachte. Erneut zitierte er Helmut Schmidt, der gelegentlich„gegenüber einem vorlauten Journalisten[…], der versuchte, ihm einen Mangel an visionärem Handeln vorzuwerfen“, das Wort fallen ließ:„‚Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.‘“ 69 dazu z. B. Kai Herrmann, Das mörderische Geschäft, in: Der Stern v. 1.9.1998, S. 18–22. Siehe auch Esslinger Zeitung v. 27.8.1998 mit der Nachricht, Daimler habe bereits 1988 zwanzig Millionen Mark für Zwangsarbeiter an jüdische Organisationen und das Rote Kreuz gezahlt, mit dem Zusatz,„die Aufarbeitung der Vergangenheit von Daimler-Benz in der Zeit des Nationalsozialismus ist vor allem das Verdienst des früheren Daimler-Vorstandschefs Edzard Reuter“. Daimler-Benz unterstützte seit Anfang der 1980er-Jahre„finanziell die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas Zwangsarbeiter“. Auch, so fügte er hinzu, stehe vor der Hauptverwaltung in Stuttgart „ein Mahnmal aus Stahl“ zur Erinnerung an das Zwangsarbeiter-Programm. Siehe dazu auch: Barbara Hopmann, Zwangsarbeiter bei Daimler-Benz, Stuttgart 1994; Helmut Bauer, Innere Bilder wird man nicht los, 1919–1936. Die Frauen im KZ-Außenlager Daimler-Benz Genshagen, Berlin 2011. Umfassender: Neil Gregor, Stern und Hakenkreuz. Daimler-Benz im Dritten Reich, Berlin 1997; Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (Hrsg.)., Das Daimler-Benz-Buch. Ein Rüstungskonzern im Tausendjährigen Reich, Nördlingen 1987; Carsten Thieme, Daimler-Benz zwischen Anpassungskrise, Verdrängungswettbewerb und Rüstungskonjunktur, Vaihingen 2004. 67 , Eingemischt, 2016, S. 180. S. 51, 149 ff. 69 , Schein, 1998, S. 318. 32 Volker Berghahn Vor diesem Hintergrund ist nicht verwunderlich, dass Edzard Reuter angesichts des Aufstiegs und der Wahlerfolge der„Alternative für Deutschland“(AfD), die er noch miterlebte, wieder pessimistischer wurde. 70 Obwohl er den Wahlsieg von Donald Trump und der Republikanischen Partei in den USA und die bundesrepublikanischen Neuwahlen vom Februar 2025 nicht mehr erlebte, sei gleichwohl der Schluss gewagt, dass diese Entwicklungen wirtschaftliche, politische und geistige Lösungen mit sich bringen können und wahrscheinlich auch mit sich bringen werden, gegen die Edzard Reuter über viele Jahrzehnte hinweg als Sozialdemokrat, sozial verantwortlicher Industrieller, Intellektueller und Autor von Büchern und zahlreichen Zeitungsartikeln seine kritische Stimme erhoben hat. 71 Dieser Beurteilung möchte ich noch einige abschließende Bemerkungen anfügen, die den breiteren Rahmen betreffen, in dem Reuters Leben und Tätigkeiten zu sehen wären, nachdem ich einleitend die Hoffnung ausgedrückt hatte, dass bald eine umfassende Biografie über diesen eindrucksvollen Menschen erscheinen möge. Darin wird es gewiss zuerst darum gehen, seinen Familienhintergrund, seine Jugend- und frühen Berufsjahre genauer zu analysieren. Ein größerer Teil dieses Buchs wird dann zweifellos seiner Tätigkeit bei Daimler gewidmet sein. Sein Aufstieg in dem Konzern wird vielleicht leichter zu erklären sein als sein Abschied als Vorstandsvorsitzender. Sicherlich wird der Biograf sich nicht nur mit Reuters eigenen Erklärungen in seinen„Erinnerungen“ auseinandersetzen und dabei die Rolle sowohl seiner Kollegen als auch der Banken prüfen, sondern auch den breiteren Kontext der risikofreudigeren 1980er-Jahre mit ihren neuen technologischen Potenzialen, die dann aber 1989/90 durch revolutionäre weltpolitische und weltwirtschaftliche Umwälzungen die Expansionsprojekte Reuters und seiner Daimler-Kollegen über den Haufen warfen. Was trotz dieser Veränderungen an Reuters Reaktionen darauf bemerkenswert ist, sind die Kontinuitäten in seinem Denken. Das betraf auch seine Auseinandersetzungen mit dem aus den USA in die Bundesrepublik hineinschwappenden Neoliberalismus, wobei Reuter, Eingemischt, 2016, S. 168. mehrere Telefongespräche des Autors mit Edzard Reuter während des Jahres 2023 bis zum Sommer 2024. Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 33 sich die Frage erhebt, wie tief dieser die Bundesrepublik mit ihren langen Wurzeln in sozialstaatlichen und partnerschaftlichen Traditionen tatsächlich beeinflusst hat. Da gab es damals etwas erstaunlich Festgefügtes in Reuters Einstellungen, das seine Fundamente wohl in seinem Familienhintergrund hatte sowie in seinen Erfahrungen, die er aus dem türkischen Exil heraus über die deutsche Geschichte vor und nach 1945 zog. Diese lassen sich nicht einfach mit einem Generationsmodell erklären, da er innerhalb seiner Generation von Deutschen einer Minorität zuzuzählen ist. Indessen gehörte er auf eine andere Weise dann doch zu einem damals keineswegs versunkenen Deutschland, das seine Fundamente im reformistischen Flügel der Sozialdemokratie fand. Nach diesem Vorbild lebte und wirkte Reuter bis zu seinem Tod. In einer Zeit, in der die heutige Sozialdemokratie sich ihrer Traditionen und Werthaltungen nicht mehr so ganz sicher zu sein scheint, bietet Reuters Biografie etwas Richtungsweisendes für die europäische Zukunft, die verwirrend ist und für die sie Orientierungen zu bieten vermag. 34 Volker Berghahn Literaturverzeichnis Abelshauser, Werner, Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 1983. Balkhausen, Dieter, Raubtier-Kapitalismus, Köln 2007. Bauer, Helmut, Innere Bilder wird man nicht los, 1919–1936. Die Frauen im KZ-Außenlager Daimler-Benz Genshagen, Berlin 2011. Berghahn, Volker., Unternehmer und Politik in der Bundesrepublik, Frankfurt 1985. Berghahn, Volker., America and the Intellectual Cold Wars in Europe, Princeton 2001. Berghahn, Volker, Hans-Günther Sohl als Stahlunternehmer und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, 1906–1989, Göttin gen 2020. Bernanke, Ben, Essays on the Great Depression, Princeton 2000. Bernanke, Ben, The Courage to Act. A Memoir of a Crisis and its Aftermath, Princeton 2013. Bernanke, Ben, The Federal Reserve and the Financial Crisis, Princeton 2013. Bernanke, Ben, Firefighting. The Financial Crisis and its Lessons, New York 2019. Canterbery, E. Ray, Alan Greenspan. The Oracle behind the Curtain, New Jersey 2006. Dönhoff, Marion, Preußens Erben, in: Die Zeit v. 26.1.1962. Dönhoff, Marion; Vorbild Preußen, in: Die Zeit v. 17.2.1967. Dönhoff, Marion, Erst kommt das Geld – dann die Moral, in: Die Zeit v. 3.5.1989. Dönhoff, Marion, Eine Gesellschaft ohne Moral kommt in Gefahr, in: Die Zeit v. 2.3.1993. 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Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 39 Über den Autor Volker Berghahn, geboren 1938 in Berlin, ist seit 1998 Seth-Low-Pro fessor für Geschichte an der Columbia University in New York City. Seine Interessen und Forschungsschwerpunkte liegen in der modernen deutschen Geschichte, den europäisch-amerikanischen Beziehungen sowie der Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte. Zu seinen zahlreichen Publikationen zählt unter anderem die als Standardwerk geltende Geschichte des wilhelminischen Deutschland Das Kaiserreich 1871-1914(Stuttgart 1995). Zu seinen wichtigen wirtschaftsgeschichtlichen Veröffentlichungen zählen Unternehmer und Politik in der Bundesrepublik(1985), The Americanization of West German Industry (1986) und Hans-Günther Sohl als Stahlunternehmer und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, 1906–1989(Göttingen 2020). Für seine Publikationen und seine Verdienste um die transatlantischen Beziehungen wurde Volker Berghahn mit dem Helmut-Schmidt-Preis der ZEIT-Stiftung und dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse geehrt. 40 Volker Berghahn Reuter, Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus 41 Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie Martin Schulz: 200 Jahre Wilhelm Liebknecht. Wegbereiter für Freiheit und Solidarität(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 27), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2026| https://collections.fes.de/ publikationen/download/pdf/1985449 Bastian Matteo Scianna: Madame Europe: Katharina Focke, die SPD und die europäische Einigung(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 26), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2026| https://collections. fes.de/publikationen/download/pdf/1981333 Anja Kruke/Ewald Grothe(Hrsg.): Fragile Akten? Herausforderungen digitaler Überlieferungsbildung und Faktizität(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 25), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2026| https://collections.fes.de/publikationen/content/ titleinfo/1968938 Meik Woyke(Hrsg.): Georg Flatow(1889–1944). Sozialdemokratischer Jurist und Vordenker der betrieblichen Mitbestimmung(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 24), Bonn: Friedrich-EbertStiftung 2026| https://collections.fes.de/publikationen/ download/pdf/1962896 Rainer Hering/Meik Woyke(Hrsg.): Perspektiven auf Helmut Schmidt(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 23), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2024| https://collections.fes.de/publikationen/ download/pdf/1572409 Marc Buggeln: Ohne Steuern keine Demokratie? Vergangenheit und Zukunft eines engen Verhältnisses (Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 22), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2023| https:// collections.fes.de/publikationen/download/ pdf/450030 Peter Beule(Hrsg.): Krisenwahrnehmung und Krisenhandeln im 20. Jahrhundert(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 21), Bonn: FriedrichEbert-Stiftung 2023| https://collections.fes.de/publikationen/download/pdf/450293 Stefan Müller(Hrsg.): Konservativer und gewerkschaftlicher Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Neue Forschungen zu Carl F. Goerdeler und Wilhelm Leuschner(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 20), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2023| https:// collections.fes.de/publikationen/download/pdf/451244 Michael Schwartz: Wenzel Jaksch(1896–1966). Biografische Schlaglichter auf einen Sozialdemokraten aus Mitteleuropa(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 19), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2023| https://collections.fes.de/publikationen/ download/pdf/450945 Jacob Hirsch(Hrsg.): Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung. Porträts – Debatten – Motive(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 18), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2023| https://collections. fes.de/publikationen/download/pdf/451082 Annabel Walz/Andreas Marquet(Hrsg.): Sicher sichern? Social Media-Archivierung aus rechtlicher Perspektive im Archiv der sozialen Demokratie(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 17), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2022| https://collections. fes.de/publikationen/download/pdf/461199 Peter Beule/Stefan Müller(Hrsg.): Kohäsionskräfte in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 16), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2022| https://collections. fes.de/publikationen/download/pdf/461271 Peter Beule(Hrsg.): Demokratie erlebbar machen – aber wie? Die Frankfurter Paulskirche und das„Haus der Demokratie“ als Herausforderung und Chance (Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 14), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2022| https:// collections.fes.de/publikationen/download/pdf/460585 Udo Achten(Hrsg.): Wer kämpft, kann verlieren – Trotzdem! Geschäftsbericht des Deutschen Werkmeister-Verbands 1931(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 13), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020 | https://collections.fes.de/publikationen/download/ pdf/452275 Stefan Müller: Die Spanische Grippe. Wahrnehmung und Deutung einer Jahrhundertpandemie im Spiegel der sozialdemokratischen Presse(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 12), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020| https://collections.fes.de/ publikationen/download/pdf/453092 42 Weitere Publikationen Peter Beule(Hrsg.): Gutes Klima – gute Gesellschaft! Die ökologische Frage in der Sozialen Demokratie(geschichte.macht.zukunft), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020| https://collections.fes.de/publikationen/ download/pdf/453176 Peter Beule(Hrsg.): Smart work!? Mitbestimmung im digitalen Zeitalter(geschichte.macht.zukunft), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020| https://collections.fes. de/publikationen/download/pdf/452584 Peter Beule(Hrsg.): Friedrich Eberts Wahl zum Reichspräsidenten- Mut zur Demokratie!(Gesprächskreis Geschichte, Heft 108), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020 | https://collections.fes.de/publikationen/download/ pdf/453924 Anja Kruke/Ann Kathrine Maier(Hrsg.): Das Archiv der sozialen Demokratie in 50 Objekten, Bonn: FriedrichEbert-Stiftung 2022. Michael Schneider: Der Generalstreik gegen den KappLüttwitz-Putsch im März 1920, Bonn: Friedrich-EbertStiftung 2021| https://collections.fes.de/publikationen/ download/pdf/452404 Nora Thorade: Vernetzte Produktion. Computer Integrated Manufacturing(CIM) als Vorgeschichte von Industrie 4.0, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020| https://collections.fes.de/publikationen/download/ pdf/453093 Gedruckte Exemplare können Sie, soweit vorrätig, kostenlos bei uns bestellen: Friedrich-Ebert-Stiftung Archiv der sozialen Demokratie Godesberger Allee 149 52175 Bonn Tel.:+49 228 883 8026 E-Mail: public.history@fes.de 43 Edzard Reuter als sozialdemokratischer Daimler-Benz-Chef und Kritiker des neoliberalen Kapitalismus, 1980–2024 Edzard Reuter(1928–2024) prägte in den 1980er- und frühen 1990er-Jah ren als Vorstandsvorsitzender der Daimler Benz AG maßgeblich die deutsche Wirtschaftsentwicklung. Der Sozialdemokrat Reuter war jedoch nicht nur Unternehmer, sondern auch Beobachter historischer und politischer Ereignisse und Mitgestalter der Nachkriegszeit in Deutschland. In dem biografischen Essay geht der Historiker Volker Berghahn dem Kritiker des Neoliberalismus Edzard Reuter nach. Als Publizist wie auch als Vorstandsvorsitzender verteidigte Reuter vehement den Kompromiss zwischen Unternehmern und Gewerkschaften als gesellschaftlichen Fortschritt gegenüber dem aufkommenden Shareholder-Kapitalismus. Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: ↗ f es.de/themenportal-geschichte-kultur-medien-netz/ geschichte