FACTSHEET Migrationspolitische Narrative Was wirkt – und warum Humanität versus Kontrolle, so wird in der deutschen Sozialdemokratie oft über Migrationspolitik diskutiert. Viele meiden das Thema gleich ganz, um dem Rechts­ populismus nicht in die Hände zu spielen. Mehr denn je ist ein Narrativ von Nöten, das Politikansätze glaubwürdig mit sozialdemokratischen Werten verbindet und eine Vision von Deutschland als Einwanderungsland ausbuchstabiert. Welche Fak­ toren für eine wirkmächtige Erzählung entscheidend sind, zeigt sich am spanischen und am dänischen Fall. Gelingensbedingungen Das Terrain vermessen Sinnstiftende Narrative müssen in der Geschichte, in der wirtschaftlichen Realität und in den sozialen Kräfteverhältnissen einer Gesellschaft verankert sein. Der erste Schritt ist daher die Hebung dieser Ressourcen. Denn eine Erzählung, die sich glaubwürdig mit Bildern aus dem kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft verbindet, hält politischem Gegenwind eher stand. Zugkraft entwickeln Eine wirkmächtige Erzählung ist mehr als ein Maßnahmenbündel. Sie zeichnet sich durch den Blick nach vorne aus. Sie skizziert, wo es hin geht, benennt die Hindernisse, die dafür aus dem Weg geräumt werden müssen, und macht für jeden und jede spürbar, was dabei zu gewinnen ist und wie man beitragen kann. So entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Allianzen jenseits der Partei suchen Interessenkoalitionen jenseits der Partei und ihrem Umfeld tragen entscheidend dazu bei, den Streit um den richtigen Weg für sich zu entscheiden. Sie validieren das Narrativ gesellschaftlich und ökonomisch und heben es aus der parteipolitischen Sphäre heraus. Politische Erzählungen gewinnen Überzeugungskraft, wenn sie auf mehr Schultern ruhen. Ein sozialdemokratisches Wir Ein klares Wir ermöglicht politische Auseinandersetzung. Eine progressive Solidargemeinschaft formuliert Migrationspolitik als Konsequenz eigener, sozialdemokratischer Werte, nicht als Reaktion auf Forderungen Dritter aus anderen politischen Lagern. Das Narrativ macht deutlich, wer Teil dieser Bewegung sein kann und wo die politischen Gegner stehen. Beispiele aus Dänemark und Spanien Wohlfahrtsstaat als schützenswertes Gut Wenn die dänische Sozialdemokratie Migration als fiskali­ sches Problem rahmt, tut sie das auf Basis eines parteiüber­ greifenden Konsenses zur Verteidigung des Wohlfahrts­ staats. Dieser hat seit Jahren Bestand und basiert auf einer exklusiven Vorstellung von Solidarität. Das zeigt: Wirkmäch­ tige Narrative grundieren die Tagespolitik, und sie wurzeln in Denkmustern, die weit zurückreichen. Wirtschaftliche Notwendigkeit als Argument Die PSOE weiß: Die wirtschaftliche Abhängigkeit Spaniens von Migration kann die Rechte nicht bestreiten. Angriffe auf die Einwanderungspolitik deutet sie daher als Attacken auf den Wohlstand aller. Zentralbank und Arbeitgeberver­ bände liefern argumentative Rückendeckung. Das zeigt: Ein Narrativ wird resilienter, wenn es Angriffe konsequent auf das eigene Terrain zurückholt. Ansatzpunkte für die Sozialdemokratie Migration ist ein konfliktives emotionalisierbares Thema, das politisch jederzeit negativ aufgeladen werden kann. Um diesem Druck standzuhalten, braucht es narrative Ressourcen, überzeugende Protagonist:innen und die Wahl des richtigen Zeitpunkts für die eigenen Botschaften. Diese wirken nicht nur im direkten Austausch mit Wähler:innen, sondern werden medial gefiltert. Dies erfordert eine überzeugende Kommunikationsstrategie. Aus den Gelingensbedingungen für wirkmächtige Narrative lässt sich Folgendes für den deutschen Kontext ableiten: 01 Teil der Lösung Wohlstand schaffen Jeder dritte Arbeitsplatz ist von Fach­ kräftemangel betroffen. Künstliche In­ telligenz wird auch zukünftig nicht alle Lücken schließen. Ob die Bäcke­ rei im Ort oder das Pflegeheim be­ setzt bleiben, hat direkte Folgen für unseren Alltag. Gerade in Zeiten des Strukturwandels braucht es eine Mig­ rationspolitik, die Potenziale hebt, statt zu bremsen. 02 Vor Ort Aus Ankommen wird Teilhabe Deutschland hat eine aktive vielfälti­ ge Zivilgesellschaft. Vereine, Initiati­ ven und Diasporaorganisationen er­ leichtern das Ankommen und profitie­ ren selber, denn vielerorts fehlt der Nachwuchs. Auf kommunaler Ebene werden Teilhabe, Zusammenhalt und Vertrauen gestärkt. Erfolge werden dort sichtbar und aus einer Erzählung wird gelebte Praxis. 03 Gemeinsam stärker Bündnis für Zukunft Mittelstand, Forschung und Sozialver­ sicherungen zeigen, wie sehr Arbeits­ markt, Sozialkassen und Daseinsvor­ sorge auf Einwanderung angewiesen sind. Es gilt, diese Stimmen zu ver­ stärken. Dann sprechen nicht allein rechtliche Bedenken gegen Abschot­ tung, sondern auch die wirtschaft­ liche und gesellschaftliche Realität. Gemeinsam anpacken – Zusammengehören Deutschland ist ein Land vielfältiger Herkünfte. Fast jede dritte Person hat heute eine Migrationsgeschichte— bei Kindern und Jugendlichen ist es fast jede zweite. Migra­ tion ist Teil unserer Erfolgsgeschichte und gehört zwin­ gend zu einer progressiven Zukunftserzählung. Ihr Kern ist Arbeit: nicht nur als Produktionsfaktor, sondern als Quelle von Würde, Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Das gilt für Erwerbsarbeit wie für Care- und Hausarbeit, für Menschen, die sofort einsteigen, wie für jene, die zu­ nächst Unterstützung brauchen. Wer beiträgt, muss Strukturen finden, die das ermöglichen – unabhängig von der Herkunft. In den Fokus gehören Fähigkeiten, nicht Defizite. Deshalb muss die Sozialdemokratie an der Seite arbeitender und sozial verwundbarer Menschen stehen und Versuchen widersprechen, sie gegeneinander auszuspielen. Wohnungsnot, Bildungsmisere und über­ lastete Infrastruktur entstehen durch Investitionsdefizite, die zum Wohle aller beseitigt werden müssen. 16 Millionen Rückgang des Erwerbspersonen­ potenzials bis 2060 ohne Zuwande­ rung(IAB) 54 Prozent der angebotenen Ausbildungs­ plätze in Kleinbetrieben bleiben unbesetzt(IAB) 104 Milliarden jährliche Entlastung öffentlicher Haushalte durch Migration (Werding) Informationen aus der Publikation Migrationspolitische Narrative im Vergleich: Dänemark, Spanien und die Grenzen der Übertragbarkeit , Leon Schaller, Bonn 2026 collections.fes.de/publikationen/content/title­ info/1975599 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Abteilung Analyse, Planung und Beratung Ansprechperson: Annette Schlicht Referentin Migration und Integration annette.schlicht@fes.de, ↗ fes.de/apb +49 30 26935 8304