Erinnern für die Zukunft Formen des Gedenkens Prozess der Aufarbeitung XI. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Leipzig 14. und 15. September 2000 Einweihung der Gedenkkapelle Dokumentation Gefördert durch die Erich-Brost-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung S. 06 Matthias Eisel: Vorbemerkung XI. Bautzen-Forum 14.-15.9.2000 Grußworte S. 08 Hans Corbat S. 10 Christian Schramm S. 12 Constanze Krehl S. 16 Marko Schiemann Referate S. 18 Hans Koschnick: Totalitarismus duldet keinen Widerspruch S. 27 Hermann Schäfer: Zeitgeschichte im Museum Möglichkeiten und Grenzen S. 42 Hans-Jürgen Grasemann: Stellenwert der Opfer und Repressalien der SBZ/SED-Herrschaft in der öffentlichen Wahrnehmung der alten Bundesrepublik Podiumsdiskussion S.48 Authentizität und Inszenierung Mediale Darstellung von politischer Verfolgung mit Jürgen Engert, Benno von Heynitz und Robert Kempowski Moderation: Hermann Weber Referat S. 60 Udo Winkler: Die SBZ/DDR im Lehrplan sächsischer Schulen Statement S. 68 Rahel Krause: Eindrücke einer Schülerin Formen des Gedenkens S. 70 Silke Klewin S. 72 Ehrhart Neubert S. 77 Kornelia Lobmeier S. 82 Friedhelm Boll S. 86 Siegfried Vergin Sonderveranstaltung in der Gedenkstätte Bautzen S.88 Friedhelm Boll: Einführung zu Dieter Riekes Erlebnisbericht „Geliebtes Leben" S. 95 Dieter Rieke: Der Aufstand der Verzweifelten Textauszug aus„Geliebtes Leben" Einweihung der Gedenkkapelle am Karnickelberg, 13.9.2000 S. 104 S. 107 S. 110 Benno von Heynitz Kurt Biedenkopf Horst Schirmer 5.112 S. 114 S. 115 Autorenverzeichnis „Bautzen-Foren" im Überblick Impressum Matthias Eisel Vorbemerkung „Erinnern für die Zukunft" lautete am 14. und 15. September 2000 das Thema des XI. Bautzen-Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig. In den Vorträgen und Diskussionen ging es dabei um zeitgerechtes Erinnern und Aufbereiten, um geeignete Formen des Gedenkens für die Opfer politischer Willkür und Verfolgung in Zeiten der sowjetischen Besatzungszone und in der sich anschließenden DDR. Zu den Referentinnen und Referenten dieses Forums gehörten Zeitzeugen und Opfer, namhafte Politiker, Wissenschaftler und Journalisten. Sie haben mit ihren Vorträgen und Diskussionen den erfolgreichen Verlauf dieses Forums geprägt. Dafür und für die freundliche Unterstützung beim Abdruck ihrer Texte in dieser Dokumentation möchte ich sehr herzlich Dank sagen. In diese Broschüre Eingang gefunden haben auch die Ansprachen zur feierlichen Einweihung der Gedenkkapelle auf dem so genannten Karnickelberg am 13. September 2000 in Bautzen. In Anwesenheit des sächsischen Ministerpräsidenten wurde der Opfer stalinistischer Gewaltherrschaft gedacht. Allein zu Zeiten des sowjetischen Speziallagers Nummer 4 in Bautzen, 1945-1950, wurden Tausende Tote durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD in Massengräbern namenlos im Bereich der heutigen Gedenkkapelle buchstäblich verscharrt. Beide Termine, die Einweihung der Kapelle und das Bautzen-Forum der FriedrichEbert-Stiftung, wurden auf Wunsch des Bautzen-Komitees aufeinander abgestimmt und zusammengeführt. Zu den über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieses XI. Bautzen-Forums gehörten neben ehemaligen Häftlingen und deren Angehörigen, Lehrern und Interessierten auch erfreulich viele junge Leute. In vielen Pausengesprächen oder auch am Rande der bewegenden Filmdiskussion in der Gedenkstätte Bautzen, dem ehemaligen StasiZuchthaus Bautzen II, ergaben sich zudem zahlreiche Gespräche und Kontakte über die Tage hinaus. Diese Begegnungen kann weder das Tagungsprogramm vermerken noch diese Dokumentation beinhalten. Sie sind aber gleichermaßen wichtig für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie für die Bedeutung der Bautzen-Foren überhaupt. Eine Gymnasiastin verwies darauf, als sie gerade die Möglichkeit der persönlichen Begegnung mit ehemals Verfolgten und Inhaftierten hervorhob. An sie gerichtet appellierte sie, sich nicht enttäuschen zu lassen, sondern vielmehr immer wieder das Gespräch zu suchen, auch an den Schulen. Denn es sei wichtig, Zeugnisse von Gewaltherrschaft gerade jungen Menschen vor Augen zu führen, um Gefährdungen unseres demokratischen Gemeinwesens entgegenzuwirken. 6 Die Friedrich-Ebert-Stiftung will daran weiter aktiv mitwirken. Und zu diesem Engagement gehört auch ihr XII. Bautzen-Forum im Frühjahr 2001. Abschließend möchte ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieses Forums sehr herzlich danken. Mein Dank gilt insbesondere auch dem Bautzen-Komitee und der Gedenkstätte Bautzen für die jederzeit konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit bei der Vorbereitung und Durchführung des Forums. Bedanken möchte ich mich auch bei Michael Parak, Historisches Seminar der Universität Leipzig, für die konzeptionelle Mitarbeit. Hans Corbat Grußwort Meine lieben Freunde und Gäste, ständige Besucher und Teilnehmer der BautzenForen, die in diesem Jahr die Zahl elf erreicht haben, normalerweise hätte an dieser Stelle Horst Schirmer stehen sollen, der Ihnen sehr viel über die Gedenkkapelle, die gestern eingeweiht wurde, hätte sagen können. Damit konnte das Ergebnis seiner Lebensarbeit der Öffentlichkeit übergeben werden. Horst Schirmer und Herrn Endler, als ehemaligem Vorstandsmitglied des BautzenKomitees, gilt deshalb unser Applaus. Das Bautzen-Komitee wird immer kleiner. Dies ist ein ganz natürlicher Schwund: Wir sind nicht mehr die Jüngsten, wir werden immer älter und wir haben glücklicherweise keinen Nachwuchs; denn Nachwuchs ist unsere größte Sorge. Zugleich ist unser Nachwuchsmangel auch unsere größte Freude, da dies davon zeugt, dass endlich Demokratie eingezogen ist. Wenn man früher einen politischen Witz erzählte, hieß es„Ab nach Bautzen". Dieses Wort haben einige Firmen und Institutionen in der Stadt Bautzen aufgegriffen und Erfolge damit gehabt, Besucher nach Bautzen zu führen. Ich freue mich, dass dieses Jahr der Saal bis in die hinterste Reihe mit Interessierten gefüllt ist. Den Schulklassen möchte ich den Rat geben, die aktiven Zeitzeugen, die das Leid noch am eigenen Leib erlebt haben, zu befragen. Sie haben noch gesehen, wie Tausende elendig starben und am Karnickelberg verscharrt wurden. Holt euch Zeitzeugen in die Klassen, um das Wissen darüber, was in Bautzen geschah, von Generation zu Generation weiterzugeben. Zur Stadt Bautzen möchte ich noch sagen, dass sich unser Elend genauso gut in Dresden, Görlitz oder Zittau hätte abspielen können, wenn es dort ein entsprechendes Gefängnis gegeben hätte. Die Stadt Bautzen ist völlig unschuldig daran, dass sie Standort des Speziallagers geworden ist. Wir Knastrologen, wie ich uns gerne bezeichne, sind der Stadt Bautzen nicht gram. Wir kommen gerne in diese Stadt, da sie sehr viel- u. a. auch das XI. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung zu bieten hat. Und so wünsche ich auch der heutigen Veranstaltung einen solchen Erfolg, wie er uns schon seit Jahren beschieden ist, und wünsche Ihnen, dass Sie viel davon mit nach Hause nehmen können. Christian schramm Grußwort Sehr geehrte Damen und Herren, i ch freue mich, Sie auch in diesem Jahr wieder in Bautzen zum nunmehr XI. Bautzen-Forum begrüßen zu dürfen. Die meisten von Ihnen waren gestern auf dem Karnickelberg dabei, als im Beisein des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf die neue Kapelle zum Gedenken an die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft eingeweiht wurde. Ich denke, die beeindruckende und bewegende Veranstaltung gestern kann keine sinnvollere Fortsetzung finden als dieses Forum, das unter dem Motto steht„Erinnern für die Zukunft". Von diesem Ort sind im letzten Jahrzehnt Mahnung und Gedenken ausgegangen. Hier wurden die Mechanismen von Diktatur und Gewalt untersucht, die Geschichte vor allem von kommunistischen Gewaltherrschaften aufgearbeitet. Es war nicht nur ein Podium für Politiker und Historiker, es ist und bleibt vor allem ein Forum für die Opfer. Ihre Erzählungen sind gelebtes Leben, sie tragen die Erinnerung an diese Zeit und ihre Folgen noch in ihren Herzen, und für manchen ist noch immer bedrückende Gegenwart, was für uns in der Vergangenheit ruht. Ich habe an nahezu allen Bautzen-Foren teilnehmen dürfen. Sollte ich ein Leitmotiv über die zurückliegenden Veranstaltungen stellen müssen, so wären es eben diese Worte:„Erinnern für die Zukunft". Die wichtigste Botschaft dieser Foren in die Zukunft lautet: Wahrt die Demokratie. Wer heute Oberbürgermeister dieser Stadt ist, in der Menschen in Gefängnissen und Internierungslagern gelitten haben, wird natürlich immer wieder mit diesem Teil deutscher Geschichte konfrontiert. Wir erleben gerade in diesen Wochen und Monaten, dass eine Ideologie, die wir schon„bewältigt und aufgearbeitet" glaubten, ihre brutale Rückkehr in unseren Alltag versucht. Ausländer, Minderheiten oder Obdachlose werden angepöbelt, zusammengeschlagen oder gar getötet. Der Schriftsteller Peter Schneider nennt es einen„Prozess der Verrohung", der in unserem Lande im Gange ist. Und wir stehen ziemlich irritiert da, hatten wir uns doch angewöhnt, Zivilisation und Demokratie für so selbstverständlich zu halten, dass man sich nicht darum sorgen muss. Neben anderen Fakten ist es diese Haltung des Selbstverständlichen, die die Gefährdung der Demokratie erst möglich macht. 10 Gefragt ist jetzt die Stärke des Staates, aber genauso das Widerstehen jedes Einzelnen, die Zivilcourage jedes Demokraten. Und das heißt nichts anderes, als dass wir i mmer und überall den Mut aufbringen müssen, unsere demokratische Überzeugung zu vertreten und zu verteidigen gegen Gewalt, Verharmlosung wie Übertreibung. Deshalb darf man niemals aufhören, die Erinnerung an Diktatur und Verfolgung wach zu halten, damit wir nicht irgendwann aufs Neue die Schwelle überschreiten, an der die Demokratie nicht mehr zu retten ist. Hüten sollten wir uns aber davor, Orte mit geschichtlichen Ereignissen zu stigmatisieren. Bautzen z. B. wird gebraucht als Synonym für DDR-Unrecht schlechthin. Diese Vereinfachung halte ich für kritisch. Heute darf und muss die darüber hinausgehende Botschaft lauten: Bautzen hat sich zu einem Ort des Rechtes und des Gedenkens gewandelt. Wir wollen ein Ort des Erinnerns sein und ein Ort der demokratischen Zukunft. I n diesem Sinne öffnet Bautzen Ihnen und allen anderen Gästen die Tore. Herzlich willkommen in Bautzen-Budysin. Constanze Krehl Grußwort Meine sehr verehrten Damen und Herren, für die Möglichkeit, bei Ihnen sein und zu Ihnen sprechen zu dürfen, möchte ich Ihnen aufrichtig danken. Auch dieses Mal bin ich Ihrer Einladung gern nachgekommen. Zugleich möchte ich Sie im Namen der sächsischen Sozialdemokratie herzlich grüßen. Ich darf Ihnen versichern, dass alle, die sich um das Erinnern an die Willkür in der SBZ und der DDR mühen, insbesondere alle, die sich der Belange der Opfer verschrieben haben, in uns Sozialdemokraten weiter einen verlässlichen Ansprechpartner haben werden. Dazu steht die sächsische SPD und dazu stehen jene von uns, die innerhalb der Bundesregierung Verantwortung tragen. Herzliche Grüße von Staatsminister Rolf Schwanitz, der leider an der Veranstaltung nicht teilnehmen kann. 12 „Erinnern für die Zukunft. Formen des Gedenkens- Prozess der Aufarbeitung", so ist das nunmehr XI. Bautzen-Forum überschrieben. Erinnern tut in der Tat Not. Und dass Erinnern mehr noch als der Rückschau dienen soll, als ethischer Maßstab für die Zukunft, haben Sie mit Ihrem Tagungsmotto bestens beschrieben. Ich meine, für das Erinnern an das, wofür Bautzen Symbol ist, wäre viel gewonnen, wenn es stärker als bisher als Folge und Teil gesamtdeutscher und auch gesamteuropäischer Geschichte wahrgenommen würde. Dass hier 1945 ein Speziallager des NKWD entstand, war Folge der bedingungslosen Niederlage nach dem totalen Krieg, mit dem das Deutschland Hitlers ganz Europa überzogen hatte. Dass SBZ und DDR, wie die anderen ostmitteleuropäischen Staaten auch, in den sowjetischen Herrschaftsbereich eingegliedert wurden, ist Folge dieses Krieges. Das soll nicht die Verantwortlichkeit der jeweiligen Mielkes in den betroffenen Ländern schmälern. Es soll jedoch verdeutlichen: Sich dem vom Herrschaftsanspruch eben doch totalitären Erbe von SBZ und DDR zu stellen geht die Deutschen in Ost und West gleichermaßen an. Dieses Erbe aufarbeiten heißt auch, die Zukunft mit unseren östlichen Nachbarn gemeinsam zu gestalten. Und an die Kausalkette nationalsozialistische Herrschaft- Zweiter Weltkrieg deutsche und europäische Teilung im Kalten Krieg mit allen Ausprägungen stalinistischer Herrschaft östlich des Eisernen Vorhangs wieder deutlich zu erinnern, gebieten die rechtsextremen und rechtsradikalen Umtriebe in unserem Land. Erinnern braucht Orte, braucht Stätten, die Authentizität atmen. Die Peiniger von damals wollten ihre Opfer auch durch räumliche Gestaltung brechen und erniedrigen. Dies lässt sich durch Anschauung vor Ort am eindringlichsten vermitteln. Deshalb ist der Erhalt der Stätten der Willkür von so großer Bedeutung. Hierzu leistet die Stiftung „Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft" eine wichtige und unverzichtbare Arbeit. Dafür meinen Dank. Wichtig ist es zugleich, diesen Orten einen würdevollen Rahmen, eine Möglichkeit stillen Gedenkens zu geben. Ich denke, dass die gestern auf dem Karnickelberg eingeweihte Andachtskapelle hierfür Platz gibt. Meine Damen und Herren, Erinnern braucht Vermittlung des Geschehenen, braucht Vergewisserung über die Zusammenhänge. Die hiesige Gedenkstätte, das Bautzen-Komitee, die Friedrich-EbertStiftung und alle anderen an der Vorbereitung des Bautzen-Forums Beteiligten leisten ein wichtiges Stück Geschichtsarbeit und Demokratiebildung. Erinnern braucht Symbole, die im öffentlichen Bewusstsein verankert sind bzw. verankert werden können. Bautzen ist ein wichtiges, wenn nicht gar das Synonym für den Unterdrückungsapparat von SBZ und DDR. Wie sehr sich der Name dieser Stadt als ebendieses Synonym in das kollektive Bewusstsein der Ostdeutschen eingebrannt hat, wurde in diesem Sommer schlaglichtartig wieder deutlich. Da prangten in Berlin Werbeplakate mit der Aufschrift„Ab nach Bautzen", die zum Besuch dieser in der Tat wunderschönen Stadt und deren reizvoller Umgebung bewegen sollten. „Ab nach Bautzen"- für viele, viele Menschen stand und steht das für die Drohung, bei Unbotmäßigkeit in der SBZ und später in der DDR in diese Stadt, genauer in das hiesige Zuchthaus oder in den späteren Stasi-Knast, verbracht zu werden bzw. verbracht werden zu können. Und wenn es, wie in den Hochzeiten der Repression, nur wegen eines politischen Witzes war. Über die Berechtigung eines solcherart betriebenen Stadtmarketing kann man fürwahr trefflich streiten. Jedoch kann gerade die Nutzung eines solch schwierigen Einfalls mit dazu beitragen, das Bewusstsein für viele Menschen zu öffnen, die vielleicht das Erinnern schon abgeschlossen haben und denken, dass schon alles abgearbeitet und aufgearbeitet ist. Dabei gedenken wir im Bautzen-Forum eines Gegenstandes, der noch nicht historisiert ist, der noch gar nicht historisiert sein kann. Denn die Erlebnisgeneration lebt, wie es in wissenschaftlicher Analyse heißen würde. Zur Erlebnisgeneration gehören neben den Häftlingen aber alle heute erwachsenen Deutschen- in Ost wie West. Auch junge Menschen haben eine Erinnerung an diese Zeit und es besteht eine Verantwortung an künftige Generationen, dieses Erinnern wach zu halten. Wenn man Erinnern als Verankern im kollektiven Bewusstsein versteht, so sollten meines Erachtens drei Dinge im Vordergrund stehen: Erstens: Das Schicksal und die Behandlung der hier Inhaftierten sprachen allen rechtsstaatlichen Kriterien Hohn. Zweitens: Die Haftgründe und die Aburteilung vieler Insassen waren und sind mit rechtsstaatlichen Standards, zum Teil selbst mit DDR-Recht, unvereinbar. Drittens: Die in das Alltagsbewusstsein eingebrannte Drohung mit„Ab nach Bautzen" verdeutlichte vielen Ostdeutschen die Einschränkung wesentlicher Freiheitsrechte. Denn wie wir alle wissen, wirken glaubhafte Drohungen allein schon handlungsleitend, im Klartext: einschüchternd. Es kann heute keiner ernsthaft mehr bestreiten, dass es sich hier in Bautzen um Willkür und um politische Justiz gehandelt hat. Dinge, die hier verfolgt wurden, sind unter rechtsstaatlichen Bedingungen eben nicht strafbewehrt. Seine Meinung frei zu äußern, seine Interessen gemeinsam mit anderen zu artikulieren und zu vertreten, gehört nun einmal zum Wesenskern einer rechtsstaatlichen Ordnung. Zum Wesenskern einer rechtsstaatlichen Ordnung gehört zugleich, dass Nachrichtendienste, Strafverfolgungsbehörden und Rechtsprechung klaren rechtsstaatlichen Regeln und Begrenzungen unterliegen und zudem klar voneinander getrennt sind und von der Politik. 14 Als wäre das„Gelbe Elend" nicht schon schlimm genug, brauchte die Stasi hier noch einen eigenen Knast in eigener Regie: Bautzen II. Eine wichtige Aufgabe dieses Bautzen-Forums ist auch, daran zu erinnern, was Staatssicherheit war und was sie uns gebracht hat. Auf diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig es ist, dass wir in diesem Land Rechtsstaatlichkeit haben, und wie wichtig es ist, sie zu bewahren und jungen Menschen klarzumachen, dass wir sie brauchen. Wir dürfen nicht müde werden, uns dafür zu engagieren, dass Rechtsstaat und Demokratie wichtige Faktoren für gesellschaftliche Entwicklung sind. Meine Damen und Herren, ich möchte keine Hierarchie der Opfer des Zuchthauses Bautzen begründen. Doch als Vorsitzende der sächsischen Sozialdemokratie erlauben Sie mir bitte, daran zu erinnern: Das Zuchthaus Bautzen ist unaufgebbarer Teil der sozialdemokratischen Parteigeschichte. Viele der hier Einsitzenden waren hier, weil sie sich als Sozialdemokraten artikulieren und engagieren wollten. Ganz gleich, ob vor oder nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD. Es muss für sie besonders bitter gewesen sein, politischer Gefangener in der SBZ bzw. DDR zu sein. Schließlich reklamierte die hier herrschende Staatsmacht bzw. Partei es bei Bedarf gern für sich, historische Erbin und Vollstreckerin der Ideale der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu sein. Dass das Erbschleicherei war, steht völlig außer Frage. Meine Damen und Herren, das Gedenken und die weitere Wiedergutmachung verlangen Respekt vor den Opfern der hier vollstreckten Willkür. Ein Erinnern daran tut um unser aller selbst willen, um unserer demokratischen Ordnung willen, weiter Not. Und die Aufarbeitung kann folglich noch nicht beendet sein, sie muss weitergehen. I n diesem Sinne wünsche ich Ihrer Veranstaltung und allen zukünftigen Veranstaltungen viel Erfolg bei dieser Arbeit. Ich wünsche mir, dass dieser Saal immer so voll ist und dass immer mehr auch junge Menschen den Weg hierher finden. Marke Schiemann Grußwort Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Frau Wehner, Frau Europaabgeordnete Krehl, lieber Herr Oberbürgermeister, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kameradinnen und Kameraden, nun sind wir wieder ein Jahr älter geworden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Wort gehalten und zum XI. Bautzen-forum eingeladen. Ich möchte mich recht herzlich für diese Einladung bedanken. Dabei danke ich Ihnen für die Kontinuität und Konsequenz, ein Forum zur Geschichtsschreibung durchzuführen. Damit geben Sie denen, die leiden mussten, die Möglichkeit, Wahrheit in die Geschichtsschreibung einzubringen. Ihr Motto„Erinnern für die Zukunft" kann ein Beitrag dafür werden, kommende Generationen vor den Schrecken von Diktaturen zu bewahren. 16 Dabei rufe ich Sie auf, all denen, die heute die Demokratie anzuzweifeln versuchen, zu sagen, wie ein Leben hinter Gittern ohne Freiheit, Recht und Wahrheit aussieht. I ch fordere Sie auf, Ihre Erinnerung in die Zukunft mitzugeben. Nur so werden wir verhindern, dass die Diktatoren von gestern an die Macht zurückkehren. Demokratie hat nichts Gemeinsames mit Gewalt und Extremismus, die in Diktaturen zu Hause sind. Ich bitte Sie als Opfer dafür einzutreten, dass künftig klare Linien gezogen werden, dass Gewalt und Extremismus- ob von links oder rechts- nichts in unserer Gesellschaft zu suchen haben. Gleichzeitig möchte ich Ihnen sagen, dass es eine Zusammenarbeit mit der SED-PDS nicht geben kann. Das wäre eine Verhöhnung der Leiden der Opfer. Dies ist zugleich auch Mahnung an alle politisch Handelnden. Bitte stärken Sie die politisch Verantwortlichen, fordern Sie ihr konsequentes Handeln ein. Hätte es 1989 nicht konsequentes Handeln und Solidarität gegeben, so würden wir heute nicht hier sitzen. Die friedliche Revolution des Herbstes 1989 hat die Geschichte unseres Vaterlandes verändert, weil es Frauen und Männer gab, die sich mit Mut und Zivilcourage gegen den SED-Staat auflehnten. Diesen Frauen und Männern, die für Freiheit, Recht und Wahrheit gestritten haben, gebührt unser Dank, wir dürfen diese Leistung nicht vergessen. Diese Frauen und Männer haben das getan, wofür viele von I hnen auch eingetreten sind. Sie mussten diesen Wunsch nach Freiheit, Recht und Wahrheit jedoch mit Haft, Demütigung und Schikanen bezahlen. All denen, die der Meinung sind, man solle nicht so viel über die Vergangenheit reden, möchte ich sagen: Die Erinnerung an die Leiden der Opfer, die Arbeit der Opferverbände und jedes Einzelnen, der sich für die Aufarbeitung eingesetzt hat, waren und sind ein Beitrag zur Erhaltung des inneren Friedens in der Gesellschaft und ein wichtiger Beitrag für die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes. Gerade deshalb müssen wir Ihre Erinnerung in die Zukunft tragen. Ich bitte Sie, dass Sie die junge Generation dafür gewinnen, ihr aber auch die Chance geben, es mit dem eigenen Erlebniswert aufzunehmen, so wie Sie es damals gemacht haben, wenn Ihnen Ihr Großvater oder Vater etwas erzählt hat. Dafür müssen wir Verständnis haben und dann haben Sie auch eine Chance, dass Sie der jungen Generation einige Teile Ihres erlebten Lebens weitergeben können. Liebe Kameradinnen und Kameraden, ich bin dankbar, dass ich in den letzten 10 Jahren an Ihrer Seite stehen durfte. Ich bin dankbar, dass sich der Traum meiner Vatergeneration am 3. Oktober 1990 erfüllt hat. Den Erfolg der Einheit des Vaterlandes dürfen wir uns von niemandem zerreden lassen. Damit all das erlittene Leid sich nicht wiederholt, rufen Sie weiter nach Aufarbeitung. Lassen Sie es nicht zu, dass diese Kapitel geschlossen werden. Einen Schlussstrich darf es nicht geben. Hans Koschnick Totalitarismus duldet keinen Widerspruch Meine sehr verehrten Damen und Herren, als ich angesprochen und um einen Vortrag hier vor Ihrem Kreise gebeten wurde, habe ich mir gesagt, dass eigentlich über die Situation in der früheren sowjetischen Besatzungszone und DDR jemand sprechen müsste, der unmittelbar Beteiligter war. Ich war nicht Beteiligter, denn ich hatte das Vergnügen, 22 Jahre lang der Regierungschef eines kleinen Landes zu sein, aber das noch größere Vergnügen, immer alle Begegnungen mit Ost-Berlin abzulehnen. Ich bin also nur in der Lage, das, was hier war, aus den Berichten derer, die damals dem System- manchmal nach langen Haftjahren- entkommen sind, nachzuvollziehen. Wir waren damals Suchende und wollten wissen, was Ios ist. Wir wussten um die Zahl derer, die aus politischen Gründen inhaftiert waren, und wir wussten, dass das kommunistische System sich kaum von den Haftbedingungen, die das braune System vorher gehabt hatte, unterschied. Da ich das andere System kennen gelernt habe, weiß ich ungefähr, was auf die Menschen eingestürmt ist, und weiß noch mehr aus der eigenen Familiengeschichte, wie schwer Einsamkeit und Vereinzelung in einer Zeit sind, in der man plötzlich feststellt, dass viele Freunde von gestern keine Freunde mehr sind. Der psychologische Druck gehört mit dazu, wenn man über diese Jahre der Verfolgung, des Widerstandes, des Widerspruchs sprechen muss. Also bin ich gerne hergekommen, um mit Ihnen zu sprechen, aber auch, um zu sagen, dass es in einigen Fällen mehr das Ergebnis dessen, was wir erfahren haben, i st. Und auch ein Zweites habe ich erfahren. Nach 1945 waren diejenigen, die im Widerstand, in der Verfolgung der Nazi-Zeit gewesen waren, am Anfang sehr angesehen. Und sehr bald wollte man am besten nichts mehr davon hören. Als die ersten Häftlinge freigekauft wurden und in die Bundesrepublik Deutschland kamen, waren sie sehr angesehen. Wir wollten vieles erfahren, doch bald hörte dies auf, denn sie belasteten mit ihren Erzählungen und Erkenntnissen die Ruhe des Bürgers. Insofern ist die Tagung hier auch unter dem richtigen Thema:„Erinnern für die Zukunft". Ich habe zehn Jahre lang in Auschwitz im Internationalen Jugendbegegnungszentrum das Kuratorium geleitet. Der Wunsch der jungen Leute war, nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Zukunft zu sprechen; dies jedoch unter der Grundbedingung, zu wissen und nicht zu vergessen, was war, und weil man nicht vergessen will, alles zu tun, damit es nicht wieder kommt. Auch das, was wir hier machen, ist eine Erinnerung, damit so etwas nie wieder kommen darf. Wir sollten versuchen, dies nicht nur auf deutschem Boden, sondern international zu erreichen. Da ich seit einigen Jahren auf dem Balkan arbeite, weiß ich, dass dies ein Wunsch und leider nicht die Realität ist. Ich habe erfahren, dass viel von dem, was wir uns vorgenommen haben- nie wieder Auschwitz, nie wieder Hiroshima-, zwar nicht als 18 Gleiches, aber doch als Ähnliches jeden Tag wieder möglich ist. Die Verführbarkeit der Menschen zum Negativen und Schlechten ist größer als die Verführung zum Guten. Von daher ist es wichtig, dass wir uns erinnern und dass wir weitertragen; und zwar vor allem solange Menschen als unmittelbare Zeugen der Zeit sprechen können. Nun zum Thema: Totalitarismus duldet keinen Widerspruch! Der Drang des Einzelnen, nicht mehr nur Objekt oder Subjekt staatlicher Machtausübung zu sein, nicht mehr ohne persönliche Mitwirkung gesellschaftspolitische Entscheidungsprozesse hinzunehmen oder auch nur Spielball fremdbestimmter gestaltungsoffener Einwirkungen zu sein, brachte uns auf den Weg demokratischer Mitbestimmung in Staat und Gesellschaft. Es war ein mühseliger Weg. Er verlangte Auseinandersetzung, Standfestigkeit und bedurfte Einsicht, nicht einfach hinzunehmen, was prinzipiell veränderbar war. Und es verlangte Wissen; Kenntnisse über das, mit dem man im Leben konfrontiert war. Alles das kam nicht über Nacht. Nein, philosophische und religiöse Erfahrungswelten mussten hinterfragt werden, eingeübte vermeintliche Gewissheiten problematisiert werden, Lehrgebäude kritisch abgeklopft oder gar zertrümmert werden- und das alles in einer zähen Auseinandersetzung über schützenswertes Überliefertes oder notwendige Neugestaltung eines Lebens, in dem der Einzelne seine Würde nicht als Geschenk irgendwelcher Potentaten oder Institutionen reflektiert, sondern als tragendes Element seiner bürgerlichen Existenz versteht. Im europäischen Maßstab- bald aber die damals„bekannte" Welt beeinflussend- war es die Aufklärung, die diesen Marsch durch Denkgebäude und verkrustete Apparate menschlicher Macht ermöglichte. Selbstbestimmung, Teilhabe an staatlicher und gesellschaftlicher Macht bestimmte den Durchbruch zu neuen Ufern eines religiös geprägten, ansonsten aber von den Machthabern der Zeit erzwungenen Miteinanders. Die mittelalterliche Ordo zerbrach, zerfaserte allmählich im Ringen um ein neues, ein anderes Mitwirken bei der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Gewiss, die Führungskräfte und Monopolisten der Begründungsmacht bisheriger menschlicher Existenz verabschiedeten sich nicht ohne Gegenwehr. Religiös begründete Machtausübung(„von Gottes Gnaden") konnte nicht einfach preisgegeben werden und auch diejenigen, die letzte Wahrheiten vertraten, konnten und können wohl auch heute nicht ihre Deutungsmacht einem demokratischen Prozess von Wahrheitssuche überantworten. Schließlich bestimmen Mehrheiten und nicht Wahrheiten die reale gesellschaftliche Auseinandersetzung. Und etwas für wahr zu halten sollte in einem aufgeklärten Zeitalter nicht angeordnet werden dürfen. Doch damit bin ich bei meinem Thema. Einer der grundsätzlichen Unterschiede zwischen gesellschaftspolitischem Demokratieverständnis und totalitärem Systemverständnis liegt in der vollständigen Einebnung individueller Selbstbestimmung gegenüber der in totalitären Systemen geforderten Preisgabe des eigenen Ichs zugunsten eines ideologisch vorgegebenen, häufig erzwungenen Wir. Totalitarismus ist das Prinzip einer politischen Herrschaft, die einen von keiner Seite einzuschränkenden Verfügungsanspruch über die von ihr Beherrschten erhebt. Sie verlangt diesen Verfügungsanspruch, um alle die Ideologie störenden Elemente im Bewusstsein des Betroffenen von Anfang an zu eliminieren. Ideologie in diesem Sinne ist ein Fundament politischer Herrschaft, mit dessen Hilfe man ein neues von den Machthabern adoptiertes Wertesystem durchzusetzen gewillt ist, um mit dessen Hilfe einen„neuen Menschen" zu schaffen. Totalitarismus wiederum unterscheidet sich von anderen autoritären Regimen, selbst generell von Diktaturen allgemeiner Art, denn Letztere wollen Unterwerfung zur einfacheren Durchsetzung und Umsetzung ihrer Macht, sie brauchen dafür die ideologische Durchdringung des individuellen Bewusstseins zum Erzwingen von freiwillig empfundener Gefolgschaft. Für sie genügt, dass der Beherrschte nicht aufbegehrt gegen ihre Machtausübung; 20 denken darf er, was er will, wenn auch nur in der Stille, und glauben darf er auch, was ihm beliebt. Gehorsam wird erwartet, alles andere ist unwesentlich. Das aber genügt totalitären Machthabern nicht. Sie wollen den Menschen in das Korsett einer allumfassenden Ideologie zwängen. Sie wollen ihn deshalb überzeugen und ihn für ihre Sache gewinnen; Massenbewegungen sind ihr Instrument. Und sie haben umso stärker Anhänger und Zustimmung zu erwarten, je früher es ihnen gelingt, im Volke vorhandene Stimmungen und Vorurteile so zu instrumentalisieren, dass daraus Massenzustimmung wird. Um dieses zu fördern, sind Propaganda, Massenaufmärsche, Appelle an nationale oder Klassensolidarität von wesentlicher Bedeutung. Die Bolschewiki haben so nach 1917 in Russland den Grundstein der dortigen gesellschaftspolitischen und staatlichen kommunistischen Veränderung gelegt wie durch geistige Manipulation die Faschisten in Italien 1921/22 und Hitler 1933. Sie begründeten ihre Macht auf öffentliche Zustimmung der Massen- nicht auf Wahlergebnisse, sondern durch optische Präsenz. Um aber diese Usurpation der Staatsmacht abzusichern, mussten diejenigen aus dem Verkehr gezogen werden, die sich als resistent gegen politische Manipulation bewiesen. Physischer und psychischer Druck, Verfemung, Verfolgung, Inhaftierung bis hin zu geplanter Vernichtung waren die Mittel, eine tatsächliche oder auch nur denkbare Opposition mundtot zu machen. Hannah Arendt hat dies einmal so gekennzeichnet:„Autoritäre Regime schränken die Freiheit ein, totalitäre schaffen sie ab!" Und genau dieser Einsatz der Machtapparate von Partei und Staat zum Erzwingen von parteiamtlich verordneten Solidaritätsaktionen und einer Politisierung des Privatlebens ist das Merkmal von Totalitarismus jedweder Provenienz. Wobei Josef Stalin und Adolf Hitler in einem viel stärkeren Maße als Benito Mussolini dem Zeitalter des 20. Jahrhunderts- besser gesagt den Menschen in Europa- den Stempel der Gewalt aufgeprägt haben, mit Wirkungen, die wir auch heute gelegentlich zu spüren bekommen. Zwar waren das System Gulag und das System nationalsozialistischer Konzentrationslager in ihrer ideologisch begründeten Zielsetzung nicht identisch, für die Betroffenen, die Gefangenen, Geknechteten, Geschundenen, waren sie gleichermaßen unmenschlich. Mit dem Versuch, die Menschenwürde des Einzelnen mit staatlich legitimierter Gewalt auszulöschen, waren sie identisch! Das haben die Verfolgten und Inhaftierten in den frühen Lagern der sowjetischen Militärregierung ebenso wie die Gefangenen in den Haftanstalten des DDR-Justizvollzugs leidvoll erfahren müssen. Ihnen gilt hier mein besonderer Gruß. Sie, die Sie sich nicht dem totalitären Gesinnungsdruck unterworfen haben, sind Zeitzeugen für uns; leider haben Sie, wie die Opfer des NS-Regimes nach 1945, oft genug erlebt, dass Mitbürger, die nicht solchen persönlichen Belastungen ausgesetzt waren, häufig zur Tagesordnung übergehen wollten, um nicht mit der gerade verflossenen Zeit und ihrem Schweigen konfrontiert zu werden. Doch Sie, doch wir, dürfen und wir wollen nicht schweigen. Bautzen ist für uns ein Synonym der männlich belegten Lager und Haftanstalten der kommunistischen Diktaturen in Deutschland, ebenso wie für die Ingewahrsamnahme von Frauen das Pendant Hoheneck. Sie stehen für vieles, allerdings auch dafür, dass es hier einen besonders, den allgemeinen Maßstäben nicht entsprechenden, verschärften Strafvollzug gab. Trotz der Aufnahme der DDR in die Vereinten Nationen und der damals von der DDR-Führung zugesagten europäischen Standards im Strafvollzug ist dieser nicht entscheidend verändert worden. Haftbedingungen, medizinische Versorgung, Verpflegung wurden nicht grundsätzlich verbessert; die Strafgefangenen von Bautzen wurden z. B. nach wie vor als besondere Feinde des Regimes betrachtet und entsprechend behandelt. Hier zeigte sich, dass trotz der Änderungen in der nachstalinistischen Zeit die Vollzugsvorstellungen des kommunistischen Staatsapparates immer noch eher den Vollzugsbedingungen sowjetischer Anstalten angenähert waren als den in weiten Teilen Westeuropas üblichen, die ja auch keinesfalls als Honigschlecken zu bezeichnen sind. Nein, gerade im Strafvollzug der DDR zeigte sich bis 1989 die einstmalige totalitäre Frontstellung der DDR-Führung gegen alle jene, die bewusst nicht mitmachen wollten und der kommunistischen Ideologie und der erzwungenen Staatsautorität widersprachen. Auch hier bestätigte sich das alte Spiel: Nicht allein Taten, sondern auch selbstverständliches freies Denken waren schon gesellschaftsfeindlich und mussten verfolgt werden, mussten aus der Sicht der Kommunisten bestraft werden. Schließlich spricht es ja wohl für sich, dass beim Kollaps der DDR 1989 immer noch 10.000 politische Häftlinge einsaßen. Eine- für eine offene mitteleuropäische Gesellschaft- unglaubliche Zahl. Erinnern wir uns, wie es begann: Schon in der ersten Aufbauphase nach der Kapitulation des Nazi-Reiches vollzog sich mit der Gründung der SED die Transformation einer angeblich gemeinsamen Arbeiterpartei in eine stalinistische Kaderpartei. Deren Massenbasis wurde von denen gestellt, die mit der Erfahrungswelt der Arbeiterparteien in der Weimarer Zeit und ihrer gemeinsamen Leiden in der„braunen" Periode deutscher Geschichte auf eine Partei neuen Zuschnitts hofften. Doch sehr bald wurden die anfangs noch Weimar angenäherten Parteistrukturen aufgegeben. Zug um Zug wurden die alten Funktionäre von stalinistisch ausgebildeten Parteigängern ersetzt; kein eigenständiger Weg, keine Reflexion dessen, was zwischen 1919 und 1933 zur Trennung geführt hatte, und kaum noch Verpflichtung aus gemeinsamer Verfolgungszeit. Doch alle diejenigen, die diesen Weg für in die Irre führend hielten, wurden nach und nach von dem stalinistisch geprägten Partei-Kontrollapparat aus den Führungsebenen auf Regional- und Ortsebene gedrängt und mit den Säuberungsmethoden der stalinistischen KPdSU aus der SED entfernt. Angehörige früherer KPD-Opposition, linksindividualistische Anhänger von zwischen der 2. und 3. Internationale organisierten Parteien ebenso wie Sozialdemokraten, die ihre in Weimar und in der Verfolgung durchgehaltenen Traditionen demokratischer Mitbestimmung nicht aufgeben wollten, waren Zielscheibe der Säuberungen. Zwischen 1946 und 1948 vollzog sich in der SED nachweisbar eine schleichende Stalinisierung. Fast zeitgleich 22 wurden in den neu geformten bürgerlichen Parteien diejenigen aus Funktionen verdrängt, die eine Sowjetisierung der sowjetischen Besatzungszone nicht mitmachen wollten und aufgezwungene Gefolgschaftspflichten nicht akzeptierten, die antidemokratisch waren. Einfluss genommen hatten im Kern weniger das sowjetische Militär in Ostdeutschland als vielmehr die von Moskau direkt entsandten sowjetischen Apparatschiks, die ihrerseits in Pieck und Ulbricht alte in Gehorsam erprobte Wegbegleiter fanden. Jede Kritik an der Sowjetunion wurde so zu einem Tabu, obwohl die Reparationen, die Kriegsgefangenensituation und die Ernährungslage beständiges wenn auch unterdrücktes- Thema in der Bevölkerung waren und Anhänger wie Kader der SED dadurch eine vormalige Glaubwürdigkeit als Antifaschisten einbüßten, da sie zu diesen Fragen nicht Stellung nahmen oder gar die Diskussion unterbanden. Überwachung und Repression waren die Leitlinien für die Umformung der künftigen Staatspartei, sie entsprachen der politischen Wegweisung für den gesamten Ostblock. Die stalinistische Reform der KPdSU war Beispiel für alle kommunistischen Partner in Ost- und Mitteleuropa. Auch hier zeigte sich das prinzipielle Dilemma totalitärer Parteiherrschaft, keine Gleichberechtigung, kein kritisches Mitdenken, sondern unkritische Übernahme aller Weisungen des Politbüros der KPdSU. Die Konsequenz war, dass allein in den Jahren 1950/1951 wegen Linksabweichungen, wegen Rechtsabweichungen oder aus Gründen des Verrates an Parteiprinzipien 20% der Mitglieder der SED ausgeschlossen wurden. Die Diktaturpartei war formiert, als die Umwandlung der sowjetischen Besatzungszone in die DDR vollzogen wurde. Ihre Strukturen wurden zwar nach Stalins Tod und dem Aufstand vom 17. Juni 1953, der zur existenziellen Staatskrise geworden war, modifiziert, jedoch bis 1989 nicht prinzipiell geändert. Ganz im Gegenteil. Aus dem allmächtigen Parteiabwehr- und Kontrollapparat wuchs der Staatssicherheitsdienst hervor, der jetzt in doppelter Aufgabenstellung den „feinden" des staatstotalitären Regimes im Inneren wie im Äußeren Paroli bieten sollte. Hier im Staatssicherheitsdienst verkörperte sich in besonderer Weise die Repressionsmacht der totalitären Staats- und Parteigewalt, hier wurden Gesinnungen erforscht und bekämpft, Widerspruch und Widerstand geahndet und zugleich die Einflussnahmen auswärtiger, nicht totalitärer Staaten minimiert. Über die große Zahl der Verfolgten und Inhaftierten, die demokratischen und rechtsstaatlichen Idealen treu geblieben sind, gibt es heute hinreichende Publikationen, sie müssen in diesem Kreis der Betroffenen nicht noch einmal aufgezählt werden. Werfen wir aber einen Blick auf die Situation nach Ende des Nazi-Reiches, dann müssen wir zunächst vermerken, dass die alliierten Sieger sich alsbald nach der Kapitulation darauf einigten,„nazistische Führer, einflussreiche Nazianhänger und das leitende Personal der nazistischen Einrichtungen und Organisationen sowie alle anderen Personen, die für die Besetzung und ihre Ziele gefährlich sind, zu verhaften und zu internieren". Große Nazis sollten vor das Nürnberger Kriegstribunal gestellt werden. Diese Formulierungen erlaubten Verhaftungen unterschiedlichster Art, sie erfolgten in allen Besatzungszonen, besonders problematisch im Sinne der Wiederherstellung des Rechtsstaatsprinzips aber in der SBZ. In den zehn Lagern der sowjetischen Besatzungszone internierte die Besatzungsmacht 122.671 Deutsche, von denen 42.889 ungekommen sind und weitere 756 hingerichtet wurden. Auch in der amerikanischen Besatzungszone waren über 100.000, in der britischen knapp unter 100.000 Personen interniert. Es gab jedoch einen gravierenden Unterschied: die Zahl der Toten und diejenigen, die in die Internierungslager kamen! Während in der amerikanischen Besatzungszone weitgehend Anhänger der NSDAP oder ihrer Gliederungen verhaftet worden waren, gab es in der sowjetischen Besatzungszone ein anderes Moment. Die Absicht, die Sicherheit der sowjetischen Besatzungstruppen zu gewährleisten- in der Befürchtung, Hitler habe tatsächlich große Werwolfgruppen aufgebaut-, hatte eine besonders schreckliche Wirkung. Von der sowjetischen Militärjustiz wurden mehr jüngere Menschen verurteilt als ältere Angehörige der NSDAP, weil die Jüngeren als mögliche Gefahr zum Widerstand gegen die Besatzungsmacht betrachtet wurden. Dabei war der Werwolf ein ähnlicher Schwindel wie manches andere, was am Ende in der NSDAP da war. Über 30% war die Todesrate in den Lagern der sowjetischen Besatzungsmacht, wobei allerdings 24 auch aus objektiven Gründen zu beachten ist, dass die Lebensmittelversorgung in Ostdeutschland insgesamt wesentlich kärglicher ausgefallen war als bei der Versorgung der Bevölkerung in Westdeutschland. Die Zahlen, die ich genannt habe, sind die Zahlen, die der letzte Innenminister der DDR, Diestel, von der UdSSR offiziell bekommen hatte. Dies sind sicher Zahlen, die nur am untersten Ende richtig sind. Während in der Regel die Amerikaner und Briten ihre Internierten- soweit sie nicht für sie von speziellem Interesse waren, nach einem Jahr häufig schon mit Einzelprüfung- an deutsche Behörden bzw. Gerichte abgaben, mussten die Internierten in der sowjetischen Besatzungszone noch viele Jahre länger warten. In den sowjetischen Lagern wurde nur eine Minderzahl vor ein Gericht gestellt, das Sowjetische MilitärTribunal(SMT). Das war gewiss keine rechtsstaatliche Institution und urteilte zudem nach sowjetischem Recht. Die Lager selbst existierten von 1945 bis März 1950 und wurden im sowjetischen Sprachgebrauch als„Speziallager" bezeichnet. Nachdem es bereits im Jahre 1948 eine Entlassungswelle(„kleine Nazis") gegeben hatte, wurden Anfang 1950 die letzten drei verbliebenen Speziallager(Bautzen, Buchenwald, Sachsenhausen) aufgelöst und die Verurteilten den DDR-Justizbehörden bzw. den DDR-Haftanstalten überstellt, Gerichtsverfahren mit zweifelhaften Prozeduren wurden damals durch die DDR„abgewickelt'. Bautzen behielt dabei seinen„unbeschreiblichen" Ruf! Unabhängig von der Frage„sowjetische Besatzungspolitik und Militärjustiz als Siegerjustiz" ist neuerdings in die politische Debatte dieses Jahres die Forderung eingeführt worden, auch über eine Entschädigung der durch die Besatzungsmacht I nternierten bzw. Verurteilten inhaltlich zu befinden. Anlass war- hier allerdings nicht sachzutreffend- die Entschädigungszahlung an ausländische Zwangsarbeiter des NS-Unrechtssystems. Letzte Antworten sind noch nicht gefunden. Nun mag man ja meinen, dieser letzte Ausflug in die Geschichte der sowjetischen Besatzungsmacht habe eigentlich nichts zu tun mit der Themenstellung des heutigen Vortrages, abgesehen vielleicht von dem Hinweis auf Bautzen. Ich meine, das ist eine verfehlte Sicht. Nichts in der vormaligen DDR mit ihren totalitären Machtstrukturen und Entscheidungselementen ist von selbst gekommen oder gar Ausdruck eigenständiger Politik der früheren Machthaber. Alles lag im Teufelskreis stalinistischer Politik; eine Politik, die Chancen und Gefahren totalitärer Macht zugunsten des Systems voll auskostete und deren Gehilfen zwang, sich den Macht- und Gestaltungsgebräuchen sowjetischer Führung zu unterwerfen. Dass dies von der früheren DDR-Führung jedoch nicht nur als Befehlsempfänger sowjetischer Besatzungspolitik verstanden wurde, sondern auch aus eigenem Willen gerne vollzogen wurde, ist Ausdruck ihrer stets dem Totalitarismus verpflichteten speziellen Gesinnungspolitik. Sie wollte ihre Ideen und Zielvorstellungen absolut, totalitär umsetzen und setzte dabei wie in Moskau auf Ideologie, Massenmanipulation und auf Vernichtung derer, die Widerspruch anzumelden hatten. Weder Recht noch Volkswillen war ihr Maßstab, sie wollte durchsetzen um jeden Preis, was sie für sich als richtig angenommen hatte. Legitime Opposition und abweichende Meinung waren Mittel des Feindes, diesen galt es in die Schranken zu verweisen. Deshalb war ein Widerstreben im totalitären System eine Kampfansage in sich. 26 Hermann Schäfer Zeitgeschichte im Museum- Möglichkeiten und Grenzen „Jagt alle Museen in die Luft!" Das war der Schlachtruf, mit dem Filippo Tommaso Marinetti Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Kreuzzug für Gegenwart und Zukunft begann. Der Futurist setzte mit der ihm eigenen Radikalität auf Technik und Fortschritt, um den Menschen den Weg in das neue Jahrhundert zu weisen. Marinettis Geschichtsvergessenheit, sein Leugnen der Bedeutung von Geschichte für die Entwickl ung der Menschen kann nur verstanden werden vor dem Hintergrund der Geschichtsversessenheit des 19. Jahrhunderts. Er wollte alle historischen Fesseln abstreifen, um völlig neu zu beginnen. Diese Entwurzelung des Individuums war ein Signum des 20. Jahrhunderts, das als Säkulum der Weltkriege, der Vertreibungen und der Völkermorde in die Menschheitsgeschichte eingehen wird. Wiederum an der Schwelle zum nächsten Jahrhundert angekommen, fordert niemand, alle Museen zu zerstören. Das Gegenteil ist der Fall: Allerorten schießen Museen, Ausstellungshäuser und Gedenkstätten aus dem Boden. Wir leben in der Phase eines Geschichtsbooms, der bereits Mitte der 1970er Jahre begonnen hat.(Aus der Perspektive eines Wirtschaftshistorikers, der ich auch bin, eine beeindruckend lange Hausse.) Der mangelnde Zerstörungswille mag auch damit zu tun haben, dass das vergangene Jahrhundert wie ein Menetekel wirkt. Alle Menschen hoffen, dass wir die Fehler des 20. im 21. Jahrhundert vermeiden können. Viele Menschen glauben, dass die Erinnerung an Krieg und Verbrechen unsere Wachsamkeit schärft. Ausstellungen und Museen werden in diesem Zusammenhang immer wieder als besonders geeignete Medien genannt, um sich mit der Vergangenheit aktiv auseinander zu setzen. Zu Beginn meiner weiteren Ausführungen möchte ich eine Bemerkung voranschicken, die sehr ernst gemeint ist. In Deutschland haben wir leidvolle Erfahrungen gemacht und zwar zunächst in einem so genannten„Tausendjährigen Reich" zwischen 1933 und 1945 und dann erneut zwischen 1945 und 1989 in einem Teil unseres Vaterlandes, weil das nationalsozialistische ebenso wie das kommunistische Regime Aufgaben sinnvoller humanistischer Pädagogik in ideologische Volkserziehung im Interesse der Diktatur umwandelten. Wenn ich mich heute auf Möglichkeiten und Grenzen der Museen beziehe, so meine ich damit keineswegs sinnstiftende, von Miseren der Gegenwart ablenkende und indoktrinierende Museen, wie sie unter autoritären und totalitären Regimen verbreitet waren und immer noch sind. Ein überzeugendes literarisches Beispiel der Indienstnahme von Museen für ideologische Ziele verdanken wir Siegfried Lenz in seinem Roman„Heimatmuseum". Dabei kommt- wie Sie wissen - heraus, dass das Heimatmuseum mit all seinen Exponaten und Ausstellungen schließlich von seinem Gründer absichtlich in Brand gesteckt wird. Zu Recht will er verhindern, dass es für ideologische Ziele missbraucht wird. Sie haben mich eingeladen, aus grundsätzlicher Perspektive über„Möglichkeiten und Grenzen" der Darstellung von„Zeitgeschichte im Museum" zu sprechen. Tatsächlich werde ich dabei vor allem auf die konkrete Arbeit der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland abheben, denn kein anderes Museum in Deutschland kann auf so umfangreiche Erfahrungen im Ausstellen von Zeitgeschichte zurückgreifen. Neben dem Aufbau der Dauerausstellungen in Bonn und in Leipzig haben wir mittlerweile über 25 Wechselausstellungen präsentiert zu zeitgeschichtlichen Themen mit größtenteils hoher politisch-historischer Aktualität. Doch damit nicht genug. Wir haben bereits Jahre vor der Eröffnung unserer Bonner Dauerausstellung am 14. Juni 1994 größten Wert auf die Besucherorientierung gelegt, als dieser Begriff in Deutschland noch nicht in aller Munde war und ihm das Odium der Einschaltquote anhaftete. Heute kann ich beruhigt feststellen, dass das Haus der Geschichte in Bonn das am umfangreichsten evaluierte Museum in Deutschland und Europa ist. Entsprechend unserer Philosophie haben wir selbstverständlich bereits damit begonnen, auch im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig unsere Besucher systematisch zu befragen. Wir wollen aus diesen Ergebnissen lernen, um noch besucherorientierter und damit überzeugender arbeiten zu können. Diese Erhebungen profitieren naturgemäß von unseren umfangreichen Erfahrungen in Bonn. Darüber hinaus ist durch die identische Fragestruktur unserer Erhebungsbögen ein sehr hohes Maß an Vergleichbarkeit zwischen unseren Ergebnissen in Bonn und Leipzig zu konstatieren. Wir sind also in der einmaligen Lage, in Ost- und Westdeutschland die Besucher zweier zeitgeschichtlicher Ausstellungen mit identischer „Handschrift' und der Schwerpunktsetzung auf dem„Erlebnis Geschichte" systematisch zu evaluieren. Dass über die Bewertungen der jeweiligen Ausstellungen hinaus durch die Erhebungen wichtige Erkenntnisse zum Verhältnis der Ost- und Westdeutschen zur Geschichte zu Tage gefördert werden, liegt meines Erachtens auf der Hand. Erlauben Sie mir- bevor ich zu unseren konkreten Erkenntnissen komme- einige allgemeine Erläuterungen dazu, wie die moderne Motivationsforschung den Museumsbesuch bewertet, also zu den Möglichkeiten des Museumsbesuches in der Zeitgeschichte im besten Sinne. Schenkt man den gedruckten Erinnerungen vieler„großer Persönlichkeiten" Glauben, so haben Museen in der Geschichte schon oft die Rolle des ersten Lern- oder Denkanstoßes gespielt. Nicht selten erfahren wir von Begebenheiten, in denen aus frühen Museumsbesuchen eine lebenslange Liebe zu den unterschiedlichsten Themen erwuchs, um die ganze Spannweite auszuschöpfen: für ägyptische Hieroglyphen, für Insektenraupen oder Taschentücher von Elvis Presley. Auch wenn es sich bei diesen Hinweisen um eitle Stilisierungen von Memoirenschreibern handeln kann, so eröffnen diese doch den Blick auf die zugrunde liegende Frage: Wie werden Besucher im Museum motiviert? Führt diese Motivation zu Lernerfolgen? Allgemeiner: Wie werden Menschen überhaupt zum Lernen motiviert? 28 Die Verhaltenspsychologen unterscheiden zwei grundsätzlich unterschiedliche Motivationsweisen für menschliches Handeln: zum einen äußere, zum anderen innere Beweggründe. Bei äußerer Motivation bezieht der Motivierte den eigentlichen Antrieb aus Faktoren, die außerhalb seiner Person liegen- zum Beispiel Schulnoten, gesellschaftlichem Druck, Lob oder Vermeidung von Sanktionen. Bei innerer Motivation wird Leistung um der Leistung willen erbracht- zum Beispiel bei Freizeitsportlern oder Hobbymalern. Das Individuum erhält keine Belohnung für seine Aktivitäten, sieht man einmal von der Aktivität selbst und den damit verbundenen Gefühlen ab. I n der Realität sind innere und äußere Motivation jedoch selten voneinander zu trennen, sie überlagern sich, denn menschliches Handeln setzt sich zumeist aus einer Gemengelage beider Motivationsstränge zusammen. Der Schulbesuch ist in allen zivilisierten Ländern dieser Erde Pflicht- Lehrer könnten also theoretisch die innere Motivation der ihnen Anvertrauten zum Teil vernachl ässigen. Ein fein gewobenes Netz aus Anreizen und Sanktionen überspannt den Schulalltag. Anders dagegen die Museen: Sie müssen nahezu ausschließlich auf die innere Motivation ihrer Besucher setzen. Mit dieser Feststellung ist bereits einer der maßgeblichen, geradezu konstituierenden Bestandteile des Lernumfeldes Museum beschrieben: die Freiwilligkeit, die sowohl Stärke als auch Schwäche, Vor- und auch Nachteil sein kann und tatsächlich auch ist. Wie verhält es sich also mit dieser inneren Motivationslage, mit der wir es im Museum zu tun haben? Zunächst ist allgemein festzuhalten, dass die Aufmerksamkeit des Individuums wohl das kostbarste Gut ist. In unserer schnelllebigen Welt ringen zahlreiche Reize um unsere Aufmerksamkeit. Wie vermeiden wir, von dem, was die einen Informationsflut, die anderen Informationsmüll nennen, überrollt zu werden? Die Antwort erscheint nur auf den ersten Blick simpel. Neugier und persönliches I nteresse filtern aus der Unzahl von Angeboten jene Signale heraus, die in uns Gedanken freisetzen. Schon der Entschluss zum Museumsbesuch ist ein erster Schritt. Wer aus einer Vielzahl von Freizeitoptionen den Gang ins Museum wählt, zeigt bereits sein Ausgangsinteresse und dokumentiert, dass der Ort Museum, das Thema einer Ausstellung, die Art der Präsentation oder auch andere vielleicht nicht leicht erkennbare Beweggründe ihn anziehen. Eine solche positive Grundstimmung müssen die Museen erkennen, kultivieren und- wenn irgend möglich- für ihre Lernziele einsetzen. Einer der führenden Köpfe auf dem Gebiet der Motivationsforschung, mit dem leider kaum aussprechbaren Namen Mihaly Csikszentmihäly, lehrt an der University of Chicago in den Vereinigten Staaten Human Development. Er hat den Begriff„flow experience" geprägt, der zwar in erster Linie in der Managementtheorie und-praxis verwendet wird, aber auch in der Beantwortung unserer Ausgangsfrage zu Motivation, zur Begründung von Lernerfolgen weiterhelfen kann. Csikszentmihäly hat diesen Begriff mittlerweile auch selbst auf Arbeit und Erfahrungen im Museum übertragen. Mit„flow experience" beschreibt er einen physischen und psychischen Zustand, der nicht leicht zu übersetzen ist. Es ist eine Mischung von Erfolgsbewusstsein, Zufriedenheit und Euphorie, die in sehr unterschiedlicher Intensität und Ausprägung erlebt werden kann. So zum Beispiel bei einem Marathonläufer, der bei 42 Kilometern den letzten Metern bis zum Ziel entgegeneilt, so bei der Lösung einer wissenschaftlichen Frage, eines naturwissenschaftlichen Laborversuchs nach Tagen oder Wochen des Grübelns, Suchens. Das sofortige Feed-back, das Echo auf eigenes Tun, auch die Chance, Erfolg und Misserfolg selbst sogleich einschätzen zu können, kann wesentlich zum Erleben des„flow" beitragen. Erfolg und Misserfolg sind nicht unabhängig von individueller Leistungsfähigkeit. Die empirische Forschung hat nachgewiesen, dass sich ein„flow"-Zustand nur dann einstellt, wenn das Individuum nicht permanent überfordert wird. Um mit Ross Loomis - einem dem Haus der Geschichte seit langen Jahren verbundenen Evaluationsexperten aus den Vereinigten Staaten- zu sprechen, das Individuum muss das Gefühl besitzen, Herr der Lage zu sein. Objektive Herausforderungen decken sich idealiter mit subjektiv empfundener Leistungsfähigkeit. Sind die Anforderungen zu hoch, entstehen Barrieren; in letzter Konsequenz kann die Angst aufkommen zu versagen. Auch das Gegenteil ist möglich: Wer permanent unterfordert ist, wird sich bald langweilen. Wie lassen sich diese allgemeinen Betrachtungen für historische Museen nutzen? Ist es doch für diese ein besonderes Problem, da das Besucherprofil von Geschichtsmuseen heterogener ist als das aller anderen Museen und schon deswegen kein Allheilmittel oder gar Rezept zur Motivation der Besucher geben kann. Eine erste wichtige Erkenntnis lautet darum, dass die Neugier der Besucher durch die Themen der Ausstellungen angesprochen werden muss. Museums- und Ausstellungsmacher müssen von ihren persönlichen und intellektuellen Vorlieben absehen und die Interessen der Menschen ernst nehmen. Die zweite Erkenntnis heißt, dass wir unsere Besucher nicht überfordern dürfen. Kenneth Hudson- bis zu seinem Tod im Dezember 1999 unbestritten einer der besten Kenner der weltweiten Museumslandschaft beklagte sein Leben lang die Überintellektualisierung der Museumsfachleute. Die dritte Erkenntnis sagt uns, dass wir uns nicht scheuen dürfen, Emotionen zu wecken. Historische Ausstellungen sind umso besser, wenn sie ein narratives Konzept haben und sich verantwortungsbewusst auch an die Emotionen der Besucher wenden. 30 Die Museen müssen den Besuchern einen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit vermitteln. Der direkte Bezug zu den Menschen ist überlebensnotwendig für die Museen. Nur wenn es den Geschichtsmuseen gelingt, ihre Relevanz im Leben der Menschen deutlich zu machen, werden sie auch in Zukunft eine bedeutende Rolle in der Freizeitgestaltung der Menschen einnehmen. Den zeitgeschichtlichen Museen dürfte dies vielfach sogar leichter fallen als allen anderen, denn per definitionem ist Zeitgeschichte die„Epoche der Mitlebenden"(Hans Rothfels). Die Besucher des Hauses der Geschichte und des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig haben große Teile der ausgestellten Geschichte miterlebt. Sie haben persönliche Erinnerungen an die unterschiedlichen Ereignisse und verbinden diese mit Erfahrungen, die sie im privaten Lebensbereich gemacht haben. Schwieriger haben es die Museen, die sich weiter zurückliegenden Epochen widmen. Ihnen muss der Kunstgriff gelingen, ihre Themen und Ausstellungsgegenstände mit aktuellem Lebens- und Realitätsbezug zu versehen. „ Wahrheitsverkündung ex kathedra" ist verboten. Es muss auch Raum für Gegenpositionen oder andere Facetten der Wahrheit geben. Alles andere wirkt geradezu tötend auf die Bereitschaft, sich auf die Themen einzulassen. Historiker wissen, dass für ein und denselben Sachverhalt stets mehrere Interpretationen existieren. Besonders in der Zeitgeschichte ist die wissenschaftliche Durchdringung noch im Fluss. Dem Besucher muss offen erklärt werden, dass oftmals mehrere Interpretationsansätze existieren. Wo die Forschung noch nicht so weit fortgeschritten ist, dass sich zumindest allgemein gültige Interpretationsrahmen finden lassen, darf den Besuchern diese Unsicherheit nicht vorenthalten werden. Lernen ist ein offener Prozess, der mit der Freude an Entdeckungen und Neugier zu tun hat. Der Versuch zur Auseinandersetzung, sozusagen die zarte Blume des ersten eigenständigen Gedankens, muss gehegt und gepflegt werden. Neugier und Motivation sind Vorbedingungen für das Lernen. Hinzutreten muss dann eine Vertiefung, die zu nachhaltigen Lernerfolgen führt. Die Museen müssen ihren Besuchern die Möglichkeit einräumen, das aufgenommene Wissen zu verinnerlichen. Überforderung wäre dabei allerdings nur schädlich. Barrieren und Hemmschwellen müssen aus dem Weg geräumt sein. Die Unsicherheit von Besuchern, die sich zum Beispiel von Monumentalarchitektur mit oder ohne majestätische Aufgänge einschüchtern, wenn nicht abschrecken lassen, darf keine Hürde werden. Wir haben auch dies im Rahmen der gegebenen Architektur versucht. Durch Transparenz, eine Vielzahl von Fenstern, Maueröffnungen etc. kann der Besucher leicht die Orientierung behalten. Foyer und Eingangsbereich sind einfach gehalten, um gar nicht erst Furcht vor einem Eintritt aufkommen zu lassen. Die Museen müssen ihren Besuchern klare Ziele anbieten. Es kommt vor, dass Besucher einen gewissen Druck empfinden, eine Ausstellung gleichsam in„einem Zuge" betrachten zu müssen. Sie können das Gefühl entwickeln, dass sich ihre Investition- das Eintrittsgeld- auszahlen muss, dass sie es sogar„abarbeiten" müssen. Dies verleitet den Besucher nicht selten dazu, durch Ausstellungen zu eilen und sich nicht genug Zeit zur Auseinandersetzung mit dem zu nehmen, was ihn wirklich interessiert. Es ist allgemein bekannt, dass Besucher in einem errechneten Durchschnitt nur etwa drei Sekunden vor den Objekten verweilen. Im Haus der Geschichte und im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird deutsche Nachkriegsgeschichte bis in die Gegenwart ausgestellt. Das Stiftungsgesetz legt den freien Eintritt fest, denn alle Staatsbürger haben mit ihren Steuern diese Museen längst „vorfinanziert". Das Konzept ist bewusst auf Mehrfachbesuche ausgelegt. Der Besucher kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt seinen Rundgang unterbrechen oder beenden, um dann ein andermal seinen Weg durch unser„Erlebnis Geschichte" wieder aufzunehmen. 32' Ausstellungen kommen umso besser an, je mehr sie die Besucher einbeziehen. Das Interesse der Besucher ist umso größer, je eher ihnen erlaubt wird, in einen „Dialog" mit den Exponaten zu treten; das heißt individuell Fragen mit auszuwählen oder thematische Schwerpunkte zu setzen. Wer dies darf, wird auch die Antworten aufmerksamer ansehen und anhören. Computergestützte Medienstationen, FlipCharts, Schubladen und Drehelemente animieren zur Nachfrage. Bis hin zur Einschätzung von demoskopischen Ergebnissen, die stets auch in einem Bezug zur Lebensrealität der Ausstellungsbenutzer stehen. Die Gedanken der Besucher werden auf unterschiedliche Weise aktiviert: Sie können sich mit Themen auseinander setzen, Fragen auswählen, Antworten beurteilen und in einen Zusammenhang zu sich und anderen setzen. Eine solche gedankliche Leistung begründet Assoziationsketten. Besucher wollen nicht mit Informationen überhäuft werden. Die Ausstellung muss darum sowohl dem eiligen Besucher erste Informationen liefern als auch dem Mehrfachbesucher Antworten auf gezielte Nachfragen ermöglichen. Ein wichtiger Aspekt in dieser Ausrichtung ist die Hierarchisierung der Informationsebenen. In allen unseren Ausstellungseinheiten begleiten parallel zum chronologischen Fortgang der Geschichte zwei bis drei Großeindrücke den Weg des Besuchers: die erste Informationsebene. Auf der zweiten Informationsebene befinden sich herausragende Einzelexponate und Objektensembles. Sie konkretisieren die ersten Eindrücke. Die dritte Informationsebene führt den Betrachter über Einzelobjekte, Dokumente und Details zu einer eingehenderen Beschäftigung mit den spezifischen Inhalten. Auch Textstruktur und Medieneinsatz lehnen sich an dieses dreigliedrige System an. Ablenkungen beeinträchtigen Lernerfolge. Wir alle kennen die gewöhnlichen Probleme eines Museumsbesuches und die damit verbundenen Lernhemmnisse: zu großer Besucherandrang, Lärm, indifferente, wenn nicht sogar unfreundliche Aufsichten, schwere Füße und allgemeine Ermüdung. Besonders ein Museum mit hohem Besucherandrang muss Zonen der Ruhe und Konzentration schaffen. Menschen, die sich in ein Thema vertiefen wollen, müssen die Möglichkeit haben, sich ganz dem ausgewählten Bereich zu widmen. Wir tragen diesen Anforderungen auf zweifache Weise Rechnung: Erstens bieten die Dauerausstellungen einen Wechsel zwischen aktiveren und ruhigeren Zonen an, zweitens können interessierte Besucher die jeweiligen Info-Zentren nutzen, die sowohl als Mediathek wie auch als Bibliothek ein zeitgeschichtliches Angebot bereithalten: in den Präsenzbibliotheken über 33.000 beziehungsweise 11.000 Bände, in den Mediatheken die in der Dauerausstellung aus didaktischen Erwägungen gekürzt eingesetzten Medien in der Langversion. Als zusätzliches Angebot zur Vertiefung verkaufen wir in unseren Museumsshops Bücher zu den Dauerausstellungen in Bonn und Leipzig sowie Begleitpublikationen zu den jeweiligen Wechselausstellungen. Diese reich bebilderten Bücher vermitteln vertiefte Informationen auf Höhe des Forschungsstandes. Darüber hinaus hat unsere Museumspädagogin in Bonn zielgruppenspezifische Mitmachprogramme entwickelt, die in regelmäßiger Folge zu bestimmten Themen in der Dauerausstellung für jeweils unterschiedliche Altersgruppen erarbeitet werden. Sie motivieren junge und erwachsene Besucher, sich selbstständig mit Objekten einer Themengruppe zu beschäftigen. Auch in Leipzig bieten wir erste Mitmachprogramme an, die sich bei unseren Besu chern großer Beliebtheit erfreuen. Für Lehrer haben wir im Laufe der Jahre„Materialien zur Vorbereitung von Unterricht' zu unterschiedlichen Themen wie„Gegenwärtige NS-Vergangenheit" und„Alltagsleben 1945 bis heute" erarbeitet. Sie stellen den Lehrern Exponate in Ausstellungsbereichen mit Abbildungen und Texten sowie allen Medien und Vertiefungselementen vor. In einer Synopse werden diesen Objekten Impulse und Fragen zugeordnet, welche die Schüler nur in der Ausstellung beantworten können. Die Aufgabenstellungen entsprechen den tatsächlichen Angeboten der Ausstellung. Auch das Angebot der Museumsshops in Bonn und Leipzig orientiert sich selbstverständlich an zeitgeschichtlichen Themen. Die große Bandbreite des Angebots kann ich hier nur umreißen: zum Beispiel die von uns eigenständig entwickelten Objektbroschüren, die CD-ROM„Erlebnis Geschichte", die mittlerweile eine zweite Auflage erfahren hat, oder die zahlreichen Merchandising-Produkte, die im engen Zusammenhang mit unseren Ausstellungen stehen. Die Bücher, Broschüren und Medien sind sowohl Erinnerung an den Museumsbesuch als auch Instrument zur fortgesetzten Beschäftigung mit der Geschichte. Sie liefern Impulse, sich auch weiterhin mit Geschichte auseinander zu setzen. Lassen Sie mich diesen Teil meiner Ausführungen zusammenfassen: Wo also liegen die Chancen und Grenzen des Lernens im Museum? Als größten Vorteil sehe ich Raumerlebnis und Authentizität der Objekte. In einer Welt, in der sich einerseits die globale Vernetzung mit Computern und Online-Diensten aller Art fast explosionsartig verdichtet, in der das Individuum demnächst mit einem elektronischen Befehl alle relevanten Daten zur deutschen Nachkriegsgeschichte oder zu welchem Thema auch immer abrufen können wird und in der andererseits durch demographische und gesellschaftliche Entwicklungen das Band der Familie immer lockerer wird, kann das Museum Erfahrungen und Erlebnisse von Gemeinsamkeit und von Kommunikation vermitteln, die noch so perfekten elektronischen Scheinwelten verschlossen bleiben. Der Museumsbesuch- allein oder in der Gruppe- ist und bleibt nicht nur ein Erlebnis sui generis, sondern kann auch der Beginn eines übergreifenden Dialogs sein. Ausstellungen und Exponate regen zur Kommunikation zwischen den Besuchern an, und zwar vor allem zwischen den unterschiedlichen Generationen. Diese Kommunikation kann zur Auseinandersetzung mit den Themen werden und schließlich zum Lernen führen. Der im Museum begonnene Kommunikationsprozess wird „nach Hause" mitgenommen und in anderen Umfeldern und Institutionen fortgeführt. Neben individuellen Lernerfolgen bleiben also auch Erinnerungen an gemeinschaftliche Erfahrungen. 34 Das Lernen im Museum kann nicht mit dem formellen Lernen in der Schule oder an der Universität gleichgesetzt werden. Die Besucher erwarten, dass ihnen Informationen angeboten werden, die sie weitgehend nach persönlichen Schwerpunkten auswählen können und wollen. Die lebendige Gestaltung der Ausstellungen, die viele Sinne- mindestens Augen und Ohren- anspricht, ermöglicht den Besuchern ein „Lernen en passant"- wie es der Tübinger Kulturwissenschaftler Gottfried Korff einmal ausgedrückt hat. Das Haus der Geschichte und das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig lassen Raum für unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen, wir argumentieren nicht mit erhobenem Zeigefinger. Diese Offenheit wird von den Besuchern geschätzt. Die Akzeptanz unserer Dauerausstellungen ist außerordentlich hoch. Innerhalb eines Jahres ist unser Zeitgeschichtli ches Forum Leipzig zu einem wichtigen Ort der öffentlichen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte seit 1945 geworden. Das Museum hat Forumcharakter: Dauerausstellung, Wechselausstellungen und Veranstaltungen bieten Diskussionsstoff und mannigfaltige Anregungen. Immer wieder kommt es zu leidenschaftlich geführten Gesprächen über die deutsche Vergangenheit. Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig lässt niemanden kalt, denn es präsentiert die Geschichte von Diktatur und Widerstand in der SBZ/DDR vor dem Hintergrund der deutschen Teilung. Der Philosophie der Stiftung entsprechend haben wir bereits beim Aufbau des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig auf die im Bonner Haus der Geschichte erarbeiteten Maximen der Besucherorientierung und Nutzerfreundlichkeit gesetzt. Gleichzeitig wollten wir unsere intensive Evaluationsarbeit fortsetzen, die uns in Bonn immer wieder wichtige Erkenntnisse geliefert hat. Mittlerweile liegen die ersten Ergebnisse vor, die ohne Ausnahme in eine äußerst positive Richtung deuten: 97 Prozent der Besucher gaben an, dass ihnen der Besuch des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig „sehr gut"(55%) oder„gut"(42%) gefallen habe. Lediglich drei Prozent erklärten, dass es ihnen im Museum„weniger" gefallen habe. Erstaunlich ist, dass die unterste Kategorie zur Bewertung des Besuchs überhaupt nicht gewählt wurde. Dieses herausragende Ergebnis, das die Bonner Resultate noch leicht übertrifft, wird weiter verbessert durch die Erkenntnis, dass sozio-demographische Unterschiede wie Alter, Ausbildung und Berufsstand keinerlei Auswirkungen auf die Gesamtbeurteilung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig haben. Auf einer tieferen Ebene bedeutet dies, dass zum Beispiel Besucher, die in der DDR gelebt haben, das Museum nicht anders bewerten als Besucher, die entweder zu jung waren, um den SED-Staat noch bewusst erlebt zu haben, oder in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen sind. Dieses Ergebnis ist für uns eine herausragende Bestätigung unserer Arbeit, bei der wir in Bonn wie in Leipzig i mmer größtes Augenmerk auf ein festes wissenschaftliches Fundament unserer Ausstellungen gelegt haben. Der wirkliche Lackmus-Test jeder Evaluation ist jedoch die Frage, ob die Besucher die Einrichtung auch gegenüber ihrer Familie, Freunden oder Kollegen weiterempfehlen würden. Enorme 87 Prozent der Befragten erklärten, dass sie das Zeitgeschichtliche Forum„unbedingt" weiterempfehlen werden, während 12,8 Prozent die Empfehlung nur„mit Einschränkung" aussprechen werden. Eine verschwindend geringe Minderheit- 0,2 Prozent unserer Besucher in Leipzig- gaben an, dass sie das Museum „nicht weiterempfehlen" werden. Auch diese Ergebnisse liegen eine Nuance besser als unsere Bonner Werte. Dass diese erstaunlichen Resultate nicht auf Flüchtigkeit oder Nachlässigkeit zurückzuführen sind, belegt eine Reihe von anderen Befragungsergebnissen: Zum Beispiel kommt nahezu ein Viertel der Besucher(23%) allein in das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig, um sich mit der Ausstellung auseinander zu setzen. Ebenfalls in diese Richtung deutet die Tatsache, dass 70 Prozent der Befragten ausschließlich das Museum besuchen, ohne sich weitere Sehenswürdigkeiten in Leipzig oder Umgebung ansehen zu wollen. All dies spricht für die Ernsthaftigkeit, mit der sich unsere Besucher mit der deutschen Geschichte seit 1945 beschäftigen. Selbstverständlich haben wir durch die Besucherbefragung auch Hinweise für die Verbesserung unserer Arbeit erhalten. So fällt es auf, dass nahezu ein Drittel der Besucher (32,5%) Schwierigkeiten bei der Orientierung innerhalb der Dauerausstellung hatte. Angesichts dieses Ergebnisses, das sicher auch auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass der Zentral-Messepalast ursprünglich nicht als Museumsgebäude geplant war, haben wir bereits Verbesserungen im Besucherleitsystem vorgenommen. Ein weiteres Resultat belegt, dass wir im Bereich der Besucherbetreuung und der Public Relations noch viel Arbeit vor uns haben. Während in Bonn knapp ein Drittel unserer Besucher (30,5%) angibt, dass sie in der Schule vom Haus der Geschichte erfahren haben, sind es in Leipzig nur 5,3 Prozent. Auf diesem Feld müssen wir unsere Anstrengungen deutlich erhöhen. Nichtsdestoweniger- dies belegen unsere Befragungen ebenfalls sind wir auch in Leipzig auf einem guten Weg. Denn wie in Bonn(37,8%) ist auch in Leipzig(31,8%) die Mund-zu-Mund-Propaganda die wichtigste Informationsquelle unserer Besucher. In Verknüpfung mit den bereits vorgestellten Empfehlungsabsichten können wir also mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Die Besucherbefragungen im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig haben den von uns eingeschlagenen Kurs eindrucksvoll bestätigt. Auch in Zukunft werden wir besucherfreundlich arbeiten und mit interessanten Projekten in Bonn und Leipzig aufwarten. Die enge Vernetzung beider Standorte der Stiftung garantiert nicht nur Effizienz, sondern auch einen Qualitätsmaßstab, der national und auch international von uns erwartet wird. 36 Sie werden sich allmählich fragen, wann ich denn explizit zu den Grenzen der Ausstellbarkeit von Zeitgeschichte komme. Ich könnte nun tatsächlich die Problematik der Nicht-Besucher analysieren- wir haben dazu eigene Untersuchungen erstellt. Heute will ich das Problem jedoch nur kurz anreißen: Es gibt derzeit etwa 5.000 Museen und Ausstellungshallen in der Bundesrepublik. Pro Jahr zählen diese Einrichtungen etwa 90 Millionen Besuche. Rein statistisch betrachtet könnte man also annehmen, dass jeder Bundesbürger mindestens einmal im Jahr in ein Museum geht. Doch die Realität sieht- wie so oft- anders aus: Die 90 Millionen Besuche entfallen auf lediglich 40 Prozent der Bevölkerung. Das heißt, dass mindestens 60 Prozent der Deutschen äußerst selten oder gar nicht ins Museum gehen. Der hohe Prozentsatz von Nicht-Museumsbesuchern trägt jedoch auch eine positive Botschaft in sich: Das Haus der Geschichte hat 1995 in einer repräsentativen Reichweitenuntersuchung, die sich an mehr als 25.000 bundesdeutsche Haushalte richtete, herausgefunden, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht aus grundsätzlichen Erwägungen Museen und Ausstellungen meidet. Die Ablehnung hängt zusammen mit dem antiquierten Museumsbild der Deutschen, das von vielen Europäern noch immer geteilt wird und den Musentempel als Ort abstrakter Kontemplation vor Augen hat. Das klassische Kunstmuseum prägt noch immer das öffentliche Bild der Museen. Es ist in der Tat auf eine Bevölkerungsschicht ausgerichtet, die, wie empirische Untersuchungen belegen, einen überdurchschnittlichen Bildungsabschluss vorweisen kann und über ein höheres Einkommen als der bundesdeutsche Durchschnitt verfügt. Ich bezeichne diese Minderheit gerne als „ Museumsmenschen". Was aber erwartet die Mehrheit der Bevölkerung, die„Alltagsmenschen", von Museen? Wo liegen die Schwerpunkte des Interesses? In der bereits erwähnten Reichweitenuntersuchung von 1995 fragten wir nach Motiven und Barrieren für einen eventuellen Museumsbesuch. Als erstes Ergebnis lässt sich festhalten, dass offensichtlich Motive für einen Besuch sehr viel höher zu veranschlagen sind als mögliche Barrieren. Das heißt, dass potenzielle Besucher weniger von einem Besuch abgeschreckt werden denn zu einem Besuch motiviert werden müssen. Als wichtigstes Motiv für einen Besuch im Museum wurde das Bedürfnis zur Verbesserung der Allgemeinbildung genannt. An zweiter Position rangierte die Faszination, die von herausragenden Exponaten ausgeht. Offensichtlich hat sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bereits die Voraussagen der Zukunftsforscher zu Eigen gemacht, die uns von ihren Visionen des lebenslangen Lernens überzeugen wollen. Das Museum als Lernort ohne äußeren Druck steht bei den Deutschen hoch im Kurs. Dennoch haben wir noch viel zu tun, um diese Bevölkerungsmehrheit in unsere Museen und Ausstellungen zu locken. Aber Sie werden von einem engagierten Museumsmann hoffentlich weniger erwarten, dass er die Grenzen seiner Möglichkeiten aufzählt, als dass er versucht, diese Grenzen hinauszuschieben. Es ist meine feste Überzeugung: Historische Museen haben allen Grund, sich mit Zukunftsfragen offensiv und selbstbewusst auseinander zu setzen. Es ist nach wie vor meine Ansicht, dass ein zweistündiger Museumsbesuch in einer wohl konzipierten Ausstellung das Lernen zum Beispiel über ein halbes Jahrhundert Geschichte mehr befördert als die ebenso lange Lektüre eines historischen Sachbuches oder eine Doppelstunde Geschichtsunterricht, von zweistündigen Fernsehdokumentationen oder dem Surfen i m Internet ganz zu schweigen. Dass diese These nicht aus der Luft gegriffen ist, belegt eine Untersuchung, die das Haus der Geschichte in Bonn im Sommer 1997 beauftragt hat. Ein unabhängiges Untersuchungsinstitut führte aus einer Zufallsgesamtheit von über 20.000 Haushalten mit 1.170 Personen ausführliche Telefoninterviews. Der regionale Schwerpunkt der Befragung lag im Umkreis von 50 Kilometern um Bonn, um auf diese Weise zeitökonomisch und mit hoher Trefferquote eine möglichst große Zahl von Besuchern des Hauses der Geschichte ausfindig zu machen. In der Tat hatten von den 1.170 näher Befragten bereits 505 das Museum besucht; 353 Personen wussten vom Haus der Geschichte, hatten es jedoch noch nicht besucht, und 312 Personen hatten noch nie davon gehört. 38 Um den bislang noch nicht spezifizierten Stellenwert des Museums als Vermittlungsmedium für zeitgeschichtliches Wissen zu klären, wurde den 505 Personen, die das Haus der Geschichte bereits besucht hatten, eine Reihe von Vergleichsfragen vorgelegt: Ein zweistündiger Besuch im Haus der Geschichte sollte in direkter Gegenüberstellung mit anderen Informationsquellen für historische Themen- Film, Geschichtsunterricht, Buch, Vortrag und jeweils auch zweistündiger Beschäftigung beziehungsweise Gesprächen mit Zeitzeugen sowie Eltern und Großeltern- verglichen werden. Die Ergebnisse bieten ein überwältigendes Votum für das Haus der Geschichte als Vermittlungsmedium. Die Einschätzungen des Wertes eines Besuches des Hauses der Geschichte übertreffen im Vergleich zu anderen Möglichkeiten der Informationsgewinnung zur Zeitgeschichte diese bei weitem. Je etwa 90 Prozent der befragten Besucher schätzten den Ertrag eines Museumsbesuches höher ein als zeitgleichen Geschichtsunterricht, als einen Vortrag oder eine Buchlektüre zum gleichen Thema. Die positive Einschätzung des Ertrages eines Museumsbesuches wird auch gegenüber anderen Geschichtsmedien betont: 80 Prozent der befragten Besucher des Hauses der Geschichte bevorzugten zur Information über historische Themen gegenüber zeitgeschichtlichen Filmen den Rundgang durch unsere Dauerausstellung. Sie zogen den Museumsbesuch Gesprächen mit Zeitzeugen(60 Prozent) und älteren Familienangehörigen(58 Prozent) ebenfalls vor. Deutlich treten aus dieser Untersuchung die Vorteile eines Museumsbesuches gegenüber anderen Informationsquellen hervor: Besucher bewerten visuelles Erleben höher als audielles; authentisches höher als nachgestelltes; konkretes höher als abstrakt vermitteltes. Ein weiterer Faktor, der offensichtlich für den Museumsbesuch spricht, ist das Gefühl der Selbstbestimmung während der Informationsvermittlung im Museum gegenüber den Zwängen vorgegebener Abläufe bei anderen Medien. Diese eindrucksvollen Zahlen belegen, dass das Haus der Geschichte von Menschen, die bereits die Ausstellungen des Museums gesehen haben, als hervorragende Informationsquelle zu zeitgeschichtlichen Fragen eingeschätzt wird. Sie belegen auch, dass Museen in ihrem Informationspotenzial, in ihrer Leistungsfähigkeit in Bezug auf die Vermittlung von komplexen Zusammenhängen unterschätzt werden. Diese vernachlässigten Aspekte machen es umso erforderlicher, dass keine künstlichen Barrieren vordem Museumsbesuch aufgebaut werden. Jedoch sollten auch die Grenzen des Lernens im Museum nicht übersehen werden. Wie die Telefonbefragung ebenfalls erbracht hat, fällt es besonders jenen Besuchern schwer, ihr Wissen im Museum zu erweitern, die nicht in der Lage sind, sich über ihre Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen. Ein auf sich zurückgeworfenes Individuum, das in unserer multimedialen Gegenwart dem Ansturm der Eindrücke etwas entgegensetzen will, benötigt also den Kontakt zu anderen Menschen. So erweist sich das Museum als offener Lernort, der umso stärker wirkt, wenn er Anstöße zur Kommunikation gibt. Die Öffnung der Museen und ihrer Themen hin zu allen Bevölkerungsschichten ist eine der großen Aufgaben. Der Trend in diese Richtung ist weltweit auf dem Vormarsch, ihn gilt es auch in Deutschland zu nutzen. In Zeiten sich verknappender öffentlicher Gelder geraten auch Museen unter verstärkten Legitimationsdruck. Eine Abkoppelung vom„Markt", die Konzentration auf„Museumsmenschen" wäre unter diesen Bedingungen die falsche Weichenstellung. Genau der entgegengesetzte Weg, die Hinwendung zu„Alltagsmenschen", weist in die Zukunft. Es muss gelingen, breite Schichten für Museen und Ausstellungen zu interessieren und zum Besuch zu motivieren. Einer erlebnisorientierten Ausstellung gelingt es am ehesten, die Besucher zu einer Wiederholung ihres- im besten Sinne des Wortes-„kulturellen Windowshopping"(Heiner Treinen) zu motivieren. Die Museen müssen sich auf die Herausforderungen der Kommunikationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts einstellen. Das moderne Museum wird zum Medium. Es übernimmt die Funktion des Vermittlers von in der Wissenschaft erarbeiteten Ergebnissen. Diese Brückenfunktion wird in Zukunft noch stärker in den Vordergrund gestellt werden. In einer scheinbar beschleunigten Zeit suchen viele Menschen nach Orientierung. Der Blick in die Vergangenheit kann Halt geben und helfen, Entwicklungen richtig einzuschätzen. Die Verortung der eigenen Person in der Geschichte, seien es nun die Familiengeschichte oder auch die großen Zeitläufte, unterstützt die Menschen, deren Leben durch immer unpersönlichere Strukturen und Systeme bestimmt wird, ihre Individualität zu finden. Diese Erkenntnis widerspricht nicht der These, dass Museumsbesuche vielen Menschen erst ihre Verbundenheit mit größeren Ordnungseinheiten vermitteln. Der Besucher im Haus der Geschichte geht von seiner persönlichen Lebenserfahrung aus. Er entdeckt je nach Alter und Lebensentwurf mehr oder weniger Bekanntes. Gleichzeitig erkennt er, dass auch andere Menschen Vergleichbares erlebt haben. Diese Kongruenz mag ihn vielleicht überraschen, jedenfalls verweist sie auf größere Zusammenhänge. Die Menschen erleben hautnah, dass sie in größeren Schicksalsgemeinschaften verankert sind, sei es nun in der Bundesrepublik Deutschland oder auch in Europa. Ein Museumsbesuch stiftet nicht Identität, er kann- wohl verstanden - auffordern, Identität zu suchen, vielleicht auch zu finden, schließt aber auch Ablehnung nicht aus. Die Authentizität der Objekte in Verbindung mit narrativer Grundausrichtung spricht viele Besucher emotional an. Diese positive Grunddisposition führt nicht selten zu generationsübergreifenden Gesprächen. Systematische Beobachtungen in der Dauerausstellung haben ergeben, dass zum Beispiel Großeltern mit ihren Enkeln an bestimmten Punkten des Rundgang in besonders intensive Gespräche vertieft sind. Die Dauerausstellung mit ihrer Kommunikationskraft bringt Jung und Alt dazu, sich mit persönlichen Schicksalen auseinander zu setzen. Die Fragen„Wie war das eigentlich?" oder„Was hast du damals gemacht?" eröffnen eine Perspektive, die eingefahrene Rollenverständnisse zwischen den Generationen auflöst. 40 Ebenfalls oft zu beobachten sind Situationen in der Dauerausstellung, bei denen Menschen aus verschiedenen Generationen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Hintergründen, die sich erst im Museum kennen gelernt haben, das Gespräch suchen. Die Dauerausstellung gibt einen thematischen Rahmen vor, die Besucher füllen ihn mit i hren Gesprächen aus. Schwerpunktsetzung und Intensität der Auseinandersetzung bleiben jedoch jedem Besucher individuell überlassen. Historische Museen erfüllen ihre Aufgabe umso eher, wenn sie sich- und zwar mehr als heute- auf die Herausforderung der Besucherorientierung besinnen, sie ernst nehmen einschließlich narrativer Prinzipien und verantwortungsvoller Emotionalisierung. Dass Museen Emotionen, ja Hass wecken können, hat uns Marinettis Schlachtruf drastisch vor Augen geführt. Schließen möchte ich jedoch mit einem Zitat der norwegischen Erziehungsministerin, die vor einigen Jahren feststellte:„Museums are the most promising institutions in the world." Hans-Jürgen Grasemann Stellenwert der Opfer und Repressalien der SBZ/SED-Herrschaft in der öffentlichen Wahrnehmung der alten Bundesrepublik Strafverfahren sind notwendigerweise täterorientiert. Das Ziel des Strafprozesses ist es, die Wahrheit hinsichtlich der Straftat zu ermitteln und den schuldigen Täter der Strafe zuzuführen. Lange Zeit ist dabei das Opfer der Tat aus dem Blickfeld geraten. Es wurde übersehen, dass eine Straftat vielfach einen tiefen Einschnitt i n das Leben des Opfers bedeutet. Jan Philipp Reemtsma hat in seinem Buch ,,Im Keller" die Einsamkeit des Opfers im Strafprozess an seinem eigenen Beispiel beschrieben:„Was die Strafrechtstheorie bis heute immer noch nicht kümmert, i st das Opfer." Reemtsma hat Recht: Opfer brauchen Hilfe, emotionale Zuwendung, soziale Stabilisierung und finanzielle Unterstützung. Die Erkenntnis, dass auch die Strafverfolgungsbehörden gefordert sind, um Schädigungen des Verbrechensopfers zu mildern und weitere Schädigungen durch Ermittlungen und Strafverfahren möglichst zu vermeiden, hat sich inzwischen durchgesetzt. Allgemein wird anerkannt, dass die Fürsorgepflicht i m Strafverfahren nicht nur gegenüber dem Täter besteht, sondern auch gegenüber dem Opfer. Gleichwohl sind wir heute noch weit davon entfernt, dass das Opfer über seine prozessuale Rolle hinaus auch einen menschenrechtlichen Status gleich dem des Beschuldigten hat. Die aktuelle Diskussion über eine angemessene Berücksichtigung von Opferinteressen ist ein Spiegelbild der Defizite bei der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Opfern, unabhängig davon, ob es sich um Opfer einzelner Straftäter oder solche staatlicher Willkürmaßnahmen handelt. Opfer werden gemieden und ins Abseits gedrängt. Man überlässt es den nächsten Angehörigen, sich um sie zu kümmern, unterstützt durch staatliche Ausgleichszahlungen. Denn die Beschäftigung mit Opfern ist stets auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Hilflosigkeit, die wir zu vermeiden suchen, während uns die Beschäftigung mit Tätern leichter fällt, weil Täterschaft auf Durchsetzungsfähigkeit und Überlegenheit hindeutet. Den Opfern wird Hilfe gewährt, auch Mitleid ist ihnen sicher. Geliebt werden sie aber von der zivilisierten Gesellschaft nicht. Den Opferreihen, die die 40 Jahre dauernde SED-Diktatur hinter sich gelassen hat, erging und ergeht es in der gesellschaftlichen Wahrnehmung nicht anders, solange sie nicht aus der Anonymität der einzelnen Opfergruppen, die in das Räderwerk der Verfolgungs- und Unterdrückungsmechanismen des SED-Regimes geraten sind, heraustreten. 42 Ein wichtiges Element des Selbstverständnisses politischer Häftlinge der SBZ/DDRDiktatur, das ihnen Hoffnung und Kraft gibt, mit den Erinnerungen der extremen menschlichen Erniedrigungen, der Entpersönlichung und des Ausgeliefertseins zu l eben, ist die gesellschaftliche und öffentliche Anerkennung. Wer dies fördern und erreichen will, muss sich von der abstrakten Opferpädagogik, die mit„Zahlenfriedhöfen" einhergeht, verabschieden, weil der Terror in der Anonymität des kollektiven Leidens nicht mehr sichtbar wird. Gefordert ist„Personalisierung" von unten, die Hinwendung zu einzelnen biographischen Schicksalen, Alltags- und Lokalgeschichte. Eintausend Tote ist eine Nachricht, ein Toter ist ein Schicksal, lautet ein Mediengrundsatz, der zwar zynisch klingt, aber der Realität entspricht. Welche Verstärkerfunktion Spielfilmen zukommen kann, wenn Opfer und Täter Namen und Biographien haben, haben 1979 die Hollywood-Produktion„Holocaust" und 1994 Steven Spielbergs preisgekrönter Spielfilm„Schindlers Liste" bewiesen. Michael Verhoevens Film„Die weiße Rose", Rolf Schübels erschütternder Dokumentarspielfilm„Das Heimweh des Walerjan Wrobel" und die Fernsehproduktionen von Eberhard Fechner auf der Grundlage der Romane von Walter Kempowski gehören ebenfalls zu dieser Gattung von Medienereignissen, die ein unerwartet hohes Maß an Wirkung bei Zuschauern sowohl im emotionalen als auch im Einstellungs-Bereich gehabt haben. Zeitzeugenauftritte von Opfern politischer Gewaltherrschaft können vor begrenzter Öffentlichkeit eine ähnliche Wirkung entfalten. Ein solcher pädagogischer Diskurs mit lebendigen Geschichtsquellen kann durchaus zu mehr als nur Kurzzeiteffekten führen, wenn bedacht wird, dass„Vergangenheitsbewältigung" aus der Sicht der Opfer eine andere Qualität besitzt als aus der Sicht der heutigen Jugendgeneration. Trotzdem- viele Opfer bzw. politisch Verfolgte der SED-Diktatur fühlen sich auch in der bundesdeutschen Gesellschaft erneut an den Rand gedrängt, wo der DDR-Staat sie bereits hingestellt hatte. Sie, die für ihr widerständiges Verhalten existenzielle Nöte und Risiken für sich und ihre nächsten Angehörigen, mannigfaltige Entbehrungen sowie gesundheitliche Schäden in Kauf nehmen mussten und nach dem Mauerfall neben einer gerechten Bestrafung der Täter eine schnelle Rehabilitierung und Entschädigung erwartet haben, mussten die bittere Erfahrung machen, dass ihr Einstieg in ein neues Berufsleben durch ihre verfolgungsbedingte schlechtere Ausgangsl age behindert wurde. Trotz der Bilanz von 140.000 abgeschlossenen strafrechtlichen Rehabilitierungsverfahren, Entschädigungsleistungen sowie verwaltungsrechtlichen und beruflichen Rehabilitierungsregelungen werden die SED-Unrechtsbereinigungsgesetze als„jämmerlich unzureichend" bezeichnet, weil kaum mehr als eine kleine Ergänzung der Sozialhilfe und eine gewisse Anrechnung der Verfolgungszeit bei der Rentenberechnung stattfindet, eine berufliche Wiedereingliederung aber nicht geleistet wird. Das politische Schlagwort„Vorrang hat die Opferperspektive" wird eher als Placebo empfunden. Nicht zu Unrecht hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1996 getitelt:„Die SED-Opfer leiden nun unter dem Geiz des freien Deutschland". Für nicht wenige der Opfer der SBZ/SED-Herrschaft sind negative Erfahrungen nicht neu. In der alten Bundesrepublik sahen sie sich mit einem verharmlosenden Bild von einer sich positiv entwickelnden, demokratischen sozialistischen Gesellschaft in der DDR konfrontiert. Dem Zeitgeist entsprach es, kritische Analysen der DDR-Realität nicht zuzulassen. Beispiele dafür, dass auf dem Altar der Entspannungspolitik die Benennung der Diktatur als Diktatur dem oftmals nur vorgegebenen Zeitgeist geopfert wurde, gibt es etliche. So behauptete 1988 einer der führenden Berliner DDR-Forscher, dass in den über 15 Jahren der Ära Honecker die DDR an„innerer Stabilität gewonnen" habe. Wenige Monate vor der„Wende" befindet derselbe Autor, dass das DDR-Bild hier zu Lande trotz aller publizistischen, wissenschaftlichen und bildungspolitischen Bemühungen noch immer ein„Zerrbild" sei. Ein Teil der politikwissenschaftlichen DDR-Forschung der alten Bundesrepublik wandte sich vehement gegen eine „Schwarzmalerei der DDR", konfrontierte sie bewusst nur mit ihrem eigenen Selbstverständnis und unterließ es, sie an freiheitlichen Prinzipien zu messen. Die mangelnde Legitimität des politischen Systems der DDR wurde vielfach nur ungenügend zur Sprache gebracht. Dem systemimmanenten Ansatz in der„DDRologie"- auch unter dem Schlagwort „kritischer Rationalismus" bekannt- entsprach es, die DDR„als politisch soziales System sui generis" zu begreifen,„als eine neben anderen möglichen Formen der Organisation hochindustrialisierter Gesellschaften".„Es wird akzeptiert, dass der umfassende Regelungsanspruch dieses Systems nicht totalitärer Willkür entspricht", lautete eine überraschende Bewertung. Folgerichtig kam in den 70er und 80er Jahren bei einem beträchtlichen Teil der Westdeutschen DDR-Forschung das SED-Herrschaftssystem- insbesondere der Unterdrückungsapparat des MfS mit seinen Auswirkungen- zu kurz. Über die„sozialistische Demokratie" wurde mehr referiert, als dass sie der Kritik unterzogen wurde. I n den„Materialien zum Bericht zur Lage der Nation" 1972 wurden dem MfS nur wenige Zeilen gewidmet, die zugleich das Bemühen offenbarten, das SED-Herrschaftssystem zu„entdämonisieren":„Dem Ministerium für Staatssicherheit unterstehen die Dienststellen des Staatssicherheitsdienstes(SSD). Angeleitet wird das Ministerium für Staatssicherheit durch die zuständige ZK-Abteilung der SED. Das Ministerium unterhält Bezirkshauptverwaltungen, Kreisdienststellen, ein weit verzweigtes Netz von Beauftragten in den Betrieben und sonstigen Arbeitsstätten sowie Stellen in den Postämtern zum Zweck der Briefzensur." Die Darstellung des MfS schließt mit folgender Feststellung:„Die Aufgaben des SSD ergeben sich nur teilweise aus Rechtsvorschriften. So ist der SSD formalrechtlich ermächtigt, alle polizeilichen Befugnisse auszuüben. Im strafrechtlichen Ermittlungsverfahren ist der SSD als Untersuchungsorgan legitimiert(§ 88 Abs. 2 StPO). Die Ermittlungen in wichtigen politischen Strafsachen werden von dieser Behörde durchgeführt. Für die Briefzensur gibt es keine rechtliche Grundlage." Kein Wort über das Spitzelwesen, die flächendeckende Überwachung einschließlich der Kontrolle des Post- und Fernsprechverkehrs, Deliktskonstrukte und Geständnisproduktion, Zersetzungsmaßnahmen und Sippenhaftung! Karl Wilhelm Fricke, der seit den 50er Jahren bereits ein zutreffendes Bild von der Entwicklung, den Strukturen und den Aktionsfeldern des MfS entworfen hat, blieb die sarkastische Feststellung vorbehalten, dass das Ministerium für Staatssicherheit für die wissenschaftliche DDR-Forschung als Forschungsgegenstand erst entdeckt worden sei, als es nicht mehr existierte-„und solange es existiert hat, blieb es als Forschungsgegenstand uninteressant!" Auch die Geschichte der 1961 von den Länderjustizministerien gegründeten Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter bietet ein Exempel politischer Fehleinschätzungen. Sozialdemokratisch geführte Landesregierungen, aber auch führende Bundespolitiker von SPD und FDP, plädierten- manche noch im Frühjahr 1989- für die Schließung der kleinen Behörde, der nach dem Mauerbau aufgegeben war, Vorermittlungs46 verfahren zum Zwecke der Beweissicherung über Gewaltakte an der innerdeutschen Grenze und in DDR-Strafanstalten, über den Missbrauch der Justiz zu politischen Zwecken und über Fälle politisch motivierter Denunziation einzuleiten. Als nach der„Wende" und mit der staatlichen Einheit am 03.10.1990 und dem Aufbau einer demokratischen Rechtspflege in den neuen Bundesländern die Dienststelle in Salzgitter an der Überprüfung von Richtern und Staatsanwälten der DDR mitwirkte, ihre Vorermittlungsverfahren an die örtlich zuständigen Staatsanwaltschaften der Tatorte zur Einleitung strafrechtlicher Ermittlungsverfahren abgab und darüber hinaus mit Auskünften in Rehabilitierungs- und Kassationsverfahren befasst war, entdeckten auch jene Politiker, die noch kurz zuvor für die Auflösung der Behörde eingetreten waren, ihre„neue Liebe zu Salzgitter". Freilich haben nur wenige eingeräumt, dass es ein Fehler gewesen sei, die Auflösung der Behörde gefordert zu haben. Aber auch die Medien entdeckten zu jener Zeit den Fundus der Salzgitter-Akten mit den Opferschilderungen, vor allem die Berichte der ehemaligen politischen Häftlinge, denen in der DDR nach einem Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit„wegen Gefährdung der Sicherheit des Staates" per Gerichtsbeschluss die Geheimhaltung aller i n der Verhandlung zur Sprache kommenden Tatsachen und Umstände verordnet war. Nach 10 Jahren deutscher Einheit kann mit Genugtuung festgestellt werden, dass die Geschichte politischer Verfolgung in der SBZ/DDR und die Geschichte von Opposition und Widerstand auf vielfältige Weise und kontinuierlich in Deutschland wach gehalten werden. Zwei Enquete-Kommissionen des Bundestages, Gedenkstätten, Forschungsund Bildungsarbeit auf breiter Front und die Einbeziehung der Opfer als Zeitzeugen sind Beleg für das Bemühen um„demokratische Erinnerungskultur". Dennoch gilt die Erkenntnis von Ernst Bloch:„Nur jene Erinnerung ist fruchtbar, die zugleich daran erinnert, was alles noch zu tun ist." Podiumsdiskussion Authentizität und Inszenierung Mediale Darstellung politischer Verfolgung Als Einstieg in die Podiumsdiskussion wurden Ausschnitte aus dem Fernsehfilm „Ein Kapitel für sich" nach dem gleichnamigen Roman von Walter Kempowski vorgeführt der im Dezember 1979 und Januar 1980 in drei Teilen im ZDF lief. Die Regie führte Eberhard Fechner. Der dritte Teil des Films beschreibt das Leben der Kempowskis im Gefängnis. 1948 befinden sich Robert und Walter in Bautzen und ihre Mutter in Hoheneck. Erst im Frühjahr 1956 kommt es zu dem lang ersehnten Treffen zwischen Mutter Kempowski und Sohn Walter, die beide in den Westen abgeschoben werden. Die für die Podiumsdiskussion ausgewählten Ausschnitte beziehen sich vor allem auf das Leben der beiden Kempowski-Brüder in Bautzen und den Häftlingsaufstand i m Frühjahr 1950. Veranstaltungsort war der Zellentrakt der Gedenkstätte Bautzen 11, des ehemaligen Stasi-Gefängnisses. Im Folgenden werden einige Auszüge aus der Diskussion dokumentiert. 48 Hermann Weber Verehrte Anwesende, meine Damen und Herren, ein solcher Film ist emotional aufwühlend; für diejenigen, die dies als Gefangene miterlebt haben, und das ist eine große Anzahl von uns, aber auch für diejenigen, die an diesem Beispiel erkennen, wie Terror und Unmenschlichkeit in unserem Jahrhundert ausgesehen haben. Die Absicht, den Film zu zeigen und dann in dieser Runde zu diskutieren, ist unser Thema„Authentizität und Inszenierung- Mediale Darstellung politischer Verfolgung". Wir möchten auf dem Hintergrund dieses Filmes diskutieren und vielleicht an diesem Beispiel erkennen, was ein solcher Film leisten und was er bewirken kann. Dies ist auch das Ziel unserer Tagung. Wir haben heute Vormittag schon darüber diskutiert, dass Erinnerung an die Zukunft- Erinnerung für die Zukunft Stärkung der Demokratie bedeutet. Ist eine solche Umsetzung, wie sie hier gezeigt wurde, beispielhaft oder müssen und sollen andere Wege gefunden werden? Ich darf als ersten Diskutanten Herrn Robert Kempowski vorstellen, der eben von einem Schauspieler gespielt worden ist. Wie schätzt er diesen Film ein, wie viel Wahrheitsgehalt ist darin, welche Fehler sieht er? Zur Überlegung, ob man es auch anders machen kann, will dann der nächste Zeitzeuge- Sie kennen ihn alle, es ist der Ehrenvorsitzende des Bautzen-Komitees, Benno von Heynitz- seine Einschätzung geben. Er will an einem Beispiel zeigen, dass man anhand eines Spielfilms, der ja keine Dokumentation ist, einiges lernen und vielleicht auch erreichen kann. Neben unseren beiden Zeitzeugen, die auch in Bautzen eingesperrt waren, begrüße ich Herrn Jürgen Engert. Als Medienmensch ist er einer derjenigen, die bei der Frage, in welchem Verhältnis Authentizität und Inszenierung, etwa in Form eines Films, stehen sollten, Auskunft geben können. Heute früh hat mein Kollege Schäfer bei der Beschreibung der Museen gesagt, dass durch Filme eine Scheinwelt dargestellt würde. Sie hätten nicht die Authentizität, die ein Museum habe, wo Originale zu sehen seien. Ich möchte dazu sagen, dass diese Scheinwelt, die Emotionalität, die er auch gefordert hat, unter Umständen die Probleme stärker ins Spiel bringt als authentische Dinge. Diese Emotionen sind wichtig, um zu begreifen, wie etwas gewesen ist. Ich möchte es auf ein Schlagwort bringen: auf der einen Seite die reine Seifenoper, auf der anderen Seite der reine Dokumentationsfilm. Ist das die Alternative oder brauchen wir beides? Wie schon von Herrn Grasemann gesagt wurde, kommt das Einzelschicksal - gerade in unserer heutigen Welt der Medien- unter Umständen mehr an. Ich will ein einziges Beispiel bringen, das mir immer wieder Kopfzerbrechen macht: Was kann man alles darstellen und was kann man nicht darstellen? Man kann darstellen, wie geprügelt wird, die barbarische Seite eines Gefängnisses in der DDR, wo Leute, nur weil sie ihre Freiheit fordern, durch eine Knüppelgarde laufen müssen und zusammengeprügelt werden. Das kann sich jeder gut vorstellen. Ich frage mich aber, ob sich heute 15- oder 20-Jährige vorstellen können, was Hunger heißt. Kann man dies überhaupt vermitteln, das schreckliche Gefühl, wenn man abmagert und zusammenbricht? Wie kann man dies normalerweise gut genährten jungen Menschen vermitteln? Es gibt Unterschiede in der Darstellung. Dramatische Dinge und das Gefühl von Schmerz kann sich jeder vorstellen. Andere Dinge sind jedoch schwer vermittelbar, wenngleich sie vermittelt werden müssen, wenn die ganze Tragödie und Katastrophe eines Zuchthauses, wie es hier in Bautzen bestanden hat, dargestellt werden sollen. 50 Robert Kempowski Wir haben Szenen aus dem Film„Ein Kapitel für sich" gesehen und ich habe natürlich den Eindruck, dass Fechner eine gute Arbeit geleistet hat. Jedoch sind eine ganze Reihe von denjenigen, die seinerzeit im Gelben Elend gesessen haben, bei uns, die natürlich sagen„Nein, so war es nicht!" Ich habe eben gehört:„Es war schlimmer!" Das, was wir gesehen haben, ist nur ein müder Abklatsch von dem, was tatsächlich passiert ist. Ich denke nur an den Hungermarsch im Mittelgang, der ein ständiges Schlurfen gewesen ist. Wenn natürlich Statisten in einem Film auftreten, die hinterher in der Kantine sitzen, können diese keinen Hungermarsch machen, weil sie ja satt sind. Es ist nicht möglich, so aufzutreten, wie wir geschlichen sind. Beim Baden hat man beispielsweise gesehen, wie Menschen, die früher 180 oder 200 Pfund gewogen haben, letztlich nur noch von ihrem Bauchnabel zusammengehalten wurden. Dies kann man in einem solchen Film nicht zeigen, wobei dies auch nicht die eigentliche Aufgabe ist. Gezeigt werden soll letztlich nur, wie die Situation damals war. Ob es nun stimmt- übertrieben dargestellt, weniger übertrieben dargestellt oder untertrieben dargestellt-, das ist etwas ganz anderes. Die Tatsache, dass sich Herr Fechner überhaupt an diesen Film herangewagt hat, um ein Manuskript von meinem Bruder umzusetzen, will schon allerhand bedeuten. Ich komme zurück auf die Aussage„Das war schlimmer!" Der Geruch kann nicht eingefangen werden. Stellen Sie sich den Gestank vor: Blenden vor den Fenstern, 3 Glühbirnen in einem Saal von 35 Metern Länge und 15 Metern Breite, in dem 400 Leute hausen. Für jeden bleibt ein Raum von 50 Zentimetern in der Breite und 2 Metern in der Länge; Staub, Dreck, Lärm, Gestank, 5 Klos für 400 Leute. Es war widerwärtig, aber wir haben es ja überstanden. Ich hoffe jedenfalls, dass wir es alle richtig und gut überstanden haben. Man muss sich einen Rest von Primitivität bewahren, um solche Situationen zu überstehen. Ich denke an das Milieu Brotausgabe, in dem es 2 Herren gab, die Messer hatten und das Brot zu Brotgemeinschaften vierteilen durften. Es kam immer die Frage auf, ob richtig geschnitten wurde und der eine vielleicht ein Gramm mehr hatte. Dann kam Neid auf und Neid zehrt. Wer sich diesen Dingen hingab, war der erste Kandidat, der vielleicht den Weg antreten musste, den viele gegangen sind, nämlich dass sie umgekommen sind. Bei der Suppenausgabe gab es auch Dinge, die im Film nicht zur Sprache kommen. Aus ehemaligen Konservendosen wurden Schöpfkellen gemacht. Da es aber Mithäftlinge gab, die in diese Dose ein Stück Linoleum hineinlegten, kann man sich ausrechnen, was für sie bei 400 Leuten im Saal übrig blieb. Solche Leute hat man später aber meist enttarnt und diese hatten dann keinen guten Tag gehabt. Wie wir unsere Tage eingeteilt hatten, kommt in diesem Film auch nicht zur Sprache. Wir hatten, solange die Russen da waren, einen Zuckertag, einen Marmeladentag und einen Buttertag. Wenn der Kalfaktor beispielsweise gesagt hatte, dass einem zwar 20 Gramm zustehen, in die kleinen Näpfchen aber nur 18 Gramm hineinpassen, konnte man nichts machen. Also hat man 18 Gramm gekriegt. Bei einer Zelle von 4 Mann kann man sich ausrechnen, wie viel Gramm da schon übrig waren, und bei 1 00 bis 150 Leuten auf dem Zellengang kam schon etwas für die Kalfaktoren zusammen. I ch erinnere mich an den Ruf„Westflügel- Suppe", bei dem wir schon mit der Schüssel an der Zellentür gestanden haben. Dies zum Gefühl Hunger, das man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Damals gab es beispielsweise die„Krümelkacker", die Krümel gesammelt und in Beuteln zum Trocknen aufgehängt haben. Es hat Leute gegeben, die Nudeln zum Trocknen aufgehängt haben, um sich irgendwann einmal einen„Prasdnik" zu machen. Leute haben ihre„Kufen" untereinander getauscht und 2 Tage gehungert, um einmal eine richtige Mahlzeit zu haben. Diese Leute haben sich kaputt gemacht, mit dem Erfolg, dass irgendwann die TBC auf sie gewartet hat. Deshalb habe ich darauf hingewiesen, dass man in dieser Situation einen Rest an Primitivität bewahren muss und nicht alles an sich herankommen lassen darf. Ich hoffe, dass sich die kommenden Fragen nicht nur um den Film und seine Darstellungsform drehen. Wir können die Wahrheit über das Vergangene sagen und die Wahrheit ist unangreifbar. Allerdings hat diese Integrität, wie wir erfahren haben, manchmal den Tod zur Folge. 52 Benno von Heynitz Ich möchte vorausschicken, dass ich mit Walter Kempowski, bevor er mit Eberhard Fechner diesen Film geschaffen hat, 1956/57 in Göttingen zusammen auf der Schulbank gesessen und dort das Abitur gemacht habe. Als dieser Film herauskam, hat er natürlich große Diskussionen in unseren Reihen ausgelöst. Die Reaktion war allgemein negativ. Es wurde klar gesagt, dass das Typische, das Wesentliche in dem Film nicht ausgedrückt worden ist. Es ist viel Aktion gebracht worden, was ein Erfordernis der Regie ist. Nach unserer Erkenntnis fehlte diesem Film die Trübsal, die Resignation, das Leiden, das Tragische, das Schicksalhafte, das Emotionale, das Verzweifelte. Wir fragten uns, ob der Film für uns von Vorteil sei oder ob er uns schaden würde, weil er die Verhältnisse nicht so darstellt, wie wir sie selbst erlebt haben. Wir sagten uns trotzdem, dass es besser sei, so etwas komme in die Kinos oder ins Fernsehen und die Leute beschäftigen sich mit dem Thema, als dass man an der gesamten Misere, die in Bautzen stattfand, vorbeigeht. Es ist ein Grundsatzproblem, ob man solche tragischen Ereignisse in dieser Weise, die den Anspruch erhebt, recht nah an das Dokumentarische heranzukommen, darstellen kann. Hier wurde ein Erlebnisroman filmisch umgesetzt, so dass für den unbefangenen Betrachter der Eindruck entsteht, dass dies dort so abgelaufen ist. Davon möchte ich andere Fiktionen oder Romanverfilmungen abheben. Das klassische Beispiel ist die Serie„Holocaust", die 1978 gelaufen ist und hinsichtlich der Reaktion der Bevölkerung eine Sensation darstellte. Im Rahmen der Reihe„Jahrhundertwerke des Fernsehens" ist dieser Film im Dezember 1999 unter dem Titel „Die Wirkung des Trivialen" nochmals besprochen worden. Mit einer Seifenoper habe man einen riesigen Erfolg geschaffen und die Leute zum Weinen gebracht. „Das Werk, eine amerikanische Seifenoper, die 1978, bei der ersten Ausstrahlung in den Vereinigten Staaten, selbstverständlich von Werbespots unterbrochen wurde von der Gaskammer direkt zu Coca-Cola." Zur Reaktion der Betroffenen können wir lesen: „Unwahr, anstößig, billig",„eine Schmierenkomödie",„eine Beleidigung für alle diejenigen, die umkamen, und für alle, die überlebten": So damals Elie Wiesel. Ästhetisch ernsthaft widersprechen wollte ihm niemand, auch nicht Marc Tanneberg, Direktor des American Jewish Comitee. Tanneberg indes formulierte, was alle ästhetischen und sachlichen Einwände zwar nicht unbedeutend, auf emphatische Weise aber belanglos machte- er formulierte die Wirkung:„Ich habe den Film dreimal gesehen, und jedesmal habe ich geweint. Der Eindruck der Serie ist größer als alles, was ich seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt habe." Ähnlich ist auch die Reaktion in Deutschland gewesen: „Sie hat Barrieren des Verdrängens beseitigt, in bestem Sinn, Betroffenheit erzeugt, hat Gefühle ermöglicht, das Gemüt erreicht. Es gab Szenen, bei denen man nicht nur fast weinte. Und dies galt vor allem für Menschen, die die Nazizeit noch bewusst erlebt und dann das Wirtschaftswunder bewerkstelligt hatten." Allgemein muss zur Wirkung des Trivialen gesagt werden, dass Filme Aktion bringen müssen. Das Statische, das zwischen den Handlungen liegt, die Trübsal, die Resignation, das In-sich-gekehrt-Sein, die täglichen Leiden müssen außen vor bleiben, damit ein Publikum erreicht werden kann. Beim„Holocaust"-Film hat man versucht, über das Tragische die Massen zu erreichen, und dabei macht man das Leiden weitaus spürbarer als beim Kempowski-Film. ' Jahrhundertwerke des Fernsehens. Die Wirkung des Trivialen. 16. Folge: Ein Stück Mentalitätsgeschichte Die„Holocaust"-Serie; FAZ v. 21.11.99, S. 50. 54 Ich möchte noch einige Überlegungen anführen, wie man hier in der Gedenkstätte Bautzen die Besucher erreichen kann. In der Gedenkstätte werden authentische Gegenstände in authentischen Räumen ausgestellt. Unsere Besucher klagen oft darüber, dass sie das Leiden, das hinter den Gegenständen steht, kaum begreifen können. In diesem Zusammenhang äußerten sich auch Abiturienten nach dem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald: „Schwarzes Gestein markiert die einstigen Standorte der Baracken. Es ist schrecklich, dass alles weg ist', sagt Sabine. Man kann sich kein Bild machen, wie es wirklich war.' Sie vermisst etwas Konkretes, einen Zipfel Emotion. Die Zahlen und Fakten verwirren eher, wenn der Schrecken nicht gleichzeitig spürbar wird.` Die Jugendlichen sprechen von einer emotionslosen Darstellung. Deshalb habe ich in die Diskussion gebracht, dass wir das emotionale Element durch grafische und bildliche Darstellung stärker in die Gedenkstätte hineinbringen müssen. Wir dürfen nicht nur die authentischen Gegenstände und Räume präsentieren, sondern die Besucher müssen sich ein Bild machen können- und zwar durch Bilder, die dieses Leiden und Schrecken ausdrücken. Ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte aus und deshalb meine ich, dass die Gedenkstätte einen Bildzyklus unter dem Thema„Die Leiden der politischen Häftlinge in Bautzen" in Auftrag geben sollte. Grundlage für eine in Schwarzweiß gehaltene Darstellung könnten die Aussagen von Zeitzeugen und filmische Aussagen von Kempowski darstellen. Eine direkte Übernahme von Standbildern aus dem Film ist nicht möglich, da diese leicht mit authentischen Aufnahmen verwechselt werden könnten. Das menschliche Leid kann oftmals in grafischen und künstlerischen Darstellungen besser ausgedrückt werden als in Fotos. Es sollte niemand diese Gedenkstätte verlassen müssen mit der Feststellung„Ich konnte mir kein Bild davon machen, wie es wirklich war." Hermann Weber Ich möchte nochmals auf den Kern des Problems, das uns unsere beiden Zeitzeugen anhand ihrer Erfahrungen und ihrer Einschätzungen gegeben haben, kommen, nämlich die Frage nach medialer Darstellung. Ich bin froh, dass wir einen Fachmann unter uns haben, und darf Jürgen Engert bitten, die Überlegung einzubringen, wo die Grenzen solcher Darstellungen sind und welche Möglichkeiten es auf der einen Seite i n Dokumentationen und auf der anderen Seite in gespielter Darstellung gibt. ' Ratlosigkeit am Krematorium. 55 Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald haben Jugendliche Probleme, den Massenmord zu begreifen, SZ 11.4.2000, S. 4. Jürgen Engert Die Diskussion, die wir hier führen, erinnert mich an viele Diskussionen, die ich in der Vergangenheit schon geführt habe. Als Beispiele nenne ich die„Holocaust"-Serie, das Zweite ist die Auseinandersetzung über den Film„Schindlers Liste". Ich wage es, eine provokante These zu formulieren: Wenn diejenigen, die hier sitzen und die die Leidensstrecke Bautzen überstanden haben, die Möglichkeit hätten, einen Film zu drehen, und diese Stücke hier vorgeführt würden, würde die Diskussion nicht anders sein als die, die sich jetzt um den Kempowski-Film rankt. Eine zweite provokante These lautet: Für die Betroffenen werden diese Filme nicht gemacht. Was sie an Subjektivität empfinden, was sie auch nachempfinden, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Hier ist ein Stoff, der dramaturgisch aufbereitet werden muss. Dafür liefert ein Roman die Vorlage. Der Autor und Regisseur unterhält sich mit dem Autor, mit seinem Bruder, und versucht dieses Stück umzusetzen. In dem Augenblick, in dem er daraus einen fiktionalen Stoff macht- keine Dokumentation über die Kempowskis und ihrer Situation in Bautzen-, unterliegt er zwangsläufig der Dramaturgie eines solchen Films. Das ist bei„Schindlers Liste" und der„Holocaust"Serie der Fall gewesen und natürlich auch bei Fechner der Fall. Dies ist ein unauflösbarer Widerspruch, der ausgehalten werden muss. Allerdings muss die Frage nach dem Gewinn gestellt werden. 56 Herr Weber wird sich daran erinnern, dass, als die„Holocaust"-Serie lief, sich der von mir äußerst geschätzte Kollege von ihm, Martin Broszat, ins Zeug legte und die gesamte bundesdeutsche Historikerzunft miteinander im Meinungskampf war. Die Diskussion, die jetzt aufklingt, ist damals von den deutschen Historikern genau so geführt worden. Die Vorwürfe waren„Seifenoper",„zu vergessen",„unerträglich", „der historischen Wahrheit nicht gemäß werdend" etc. Die deutschen Historiker sind mit einem ganz engen Maß an die Frage gegangen, haben den Stand der zeitgeschichtlichen Forschung mit der Serie verglichen und den Daumen nach unten gerichtet. Es hat aber keine Serie im deutschen Fernsehen gegeben, die eine solche Diskussion ausgelöst hat. Die jeweiligen Stücke waren mit Diskussionen danach versehen und im Studio des WDR liefen die Telefone heiß. Die deutsche Historikerzunft hat sich hier manchmal auf eine falsche Konkurrenz eingelassen. Denn noch so eingehende Untersuchungen, noch so minutiöse Darstellungen werden in der Breite das nicht bewirken können, was gut gemachte und nicht den Tatsachen entgegenstehende Stücke im dramaturgischen Bereich können. Wenn ich die heutige Diskussion richtig verfolgt habe, ist zu Recht angemahnt worden, warum die Probleme der politisch Verfolgten in der Öffentlichkeit keine Rolle spielen. Ich rate Ihnen, die Finger von grafischen Darstellungen und Statistiken zu lassen. Lassen Sie, wenn es möglich ist, wenn Schulklassen hierher kommen, ein solches Stück wie von Kempowski laufen. Wir haben damals in der ARD von mir angestoßen ein Serie über Soldaten für Hitler gemacht. Das war deshalb eine ganz besondere Produktion, weil zum ersten Male Menschen in der DDR über ihre Kriegserlebnisse gesprochen haben und sprechen konnten. Da wurde plötzlich etwas aufgemacht und diese Serie, die einen sehr großen Erfolg hatte, ist eben nicht nur von Leuten über 50 gesehen worden, sondern von einem jungen Publikum. Es geht bei Geschichte um kollektives Erinnern und dieses Erinnern werden wir bei einer jüngeren, jungen Generation bewirken müssen. In diesem Fall, der über Bautzen hinausführt, mit einem Publikum auf der westdeutschen Seite, das sich für Jahrzehnte für diesen Teil Deutschlands nicht interessiert hat. Das ist ein Kasus knaxus. Das kollektive Erinnern kann in Gestalt von dramaturgisch aufbereiteten Stoffen und auch in Gestalt von Dokumentationen angestoßen werden. Dabei muss auch zur Dokumentation gesagt werden, dass jeder, der schon mal eine Dokumentation gemacht und hinterher mit den Betroffenen gesprochen hat, eine endlose Liste mit dem, was nicht enthalten war, vorgehalten bekommt. Auch hier gibt es ein subjektives Moment. Das Beste, was auch im Bereich der Dokumentation erreichbar ist: dass sich einer mit der größtmöglichen Sorgfalt einem solchen Thema zu nähern versucht und es mit bestem Wissen und Gewissen erzählt. Hermann Weber Wir sind uns darüber im Klaren, dass es uns an dieser Stelle nicht darauf ankommt, wissenschaftliche Grundlagenforschung zu betreiben.„Erinnern für die Zukunft" muss dies über den engen Kreis der Wissenschaft und der Historiker hinaus vermitteln. Dass etwas in der Wissenschaft dargelegt worden ist, heißt noch nicht, dass es die Wirkung gezeigt hat, die wir für unser Ziel„Erinnern für die Zukunft" und Stärkung der Demokratie brauchen. Denn sonst dürfte es heute keine Glatzköpfe mit Springerstiefeln geben, die so tun, als hätte es die zwölf Jahre des„Tausendjährigen Reichs" nicht gegeben. Hier ist mehr als nur wissenschaftliche Aufarbeitung notwendig. Deshalb muss- und dies ist unser Thema- überlegt werden, wie man dies in den Medien und in unserer Mediengesellschaft vermitteln kann. Wahrscheinlich bleibt aber der Widerspruch zwischen einer rein dokumentarischen Darstellung und dem, was eine große Massenwirkung hat, wie in Form eines Filmes oder einer Erzählung den Menschen das Leid und das Unrecht nahe zu bringen, bestehen. Benno von Heynitz Ich glaube, dass mich Herr Engert missverstanden hat. Ich habe gesagt, dass ich es als positiv ansehe, dass der Film zumindest erreicht, dass sich Menschen mit diesem Thema befassen. Der Film soll vorgeführt werden, damit sich Leute mit diesem Thema befassen, denn sie würden sich nicht mit diesem Thema befassen, wenn man nur dokumentarisch vorgeht. Das beste Beispiel ist natürlich die„Holocaust"-Serie. Jürgen Engert Ich hatte nur die Warnung ausgesprochen, dass in einer Gedenkstätte Statistiken und Aufzählungen nicht ausreichend zur Visualisierung sind. Deshalb war mein Vorschlag, dass das Transportmittel eines Films- auch dieses Films von Walter Kempowski und Eberhard Fechner- ein sehr geeignetes Instrument ist, um ein(junges) Publikum für diese Thematik zu engagieren. Ich möchte noch eine Bemerkung zur Wirkung der zeitgeschichtlichen Forschung machen. Wenn man aus dem Bereich der visuellen Medien herausgeht und den Buchmarkt betrachtet, hat es meiner Meinung nach und die Diskussionen bestätigen dies- kaum ein Buch gegeben wie die Tagebücher von Victor Klemperer, die eine jüngere Generation sich plötzlich mit einem Thema haben beschäftigen lassen, wie es vorher in diesem Maße nicht geschehen ist. Deshalb plädiere ich für die Emotionalität, um über diesen Weg den Anstoß zu bringen. Bestenfalls wird dann zu wissenschaftlichen Untersuchungen gegriffen, weil man sich für das Thema interessiert, weil man ein Deutscher ist, weil man diesem Volk zugehört und sich deshalb mit dem kollektiven Erinnern abgeben muss. 58 Udo Winkler Die SBZ/DDR im Lehrplan sächsischer Schulen Erinnern für die Zukunft: Dabei denke ich an eine Abendveranstaltung im Oktober 1999 in der Gedenkstätte der ehemaligen Haftanstalt Bautzen II zurück, die an den Widerstand von Schülern und Lehrern der Friedrich-Schiller-Schule Bautzen gegen das DDR-Regime vor 50 Jahren erinnerte. Eine sehr gut besuchte und gelungene Veranstaltung, nicht nur mit Zeitzeugen, sondern auch mit jungen Lehrern und Schülern. Die Vergangenheit wurde in Vortrag und Diskussion lebendig und die Forderung stand im Raum, alles zu tun, um Schüler zu freiheitlicher demokratischer Haltung zu erziehen und undemokratischen und totalitären Entwicklungen in der Zukunft vorzubeugen. Die Lehrer nutzten diesen Abend zur Fortbildung und die Schüler erlebten eine Geschichtsstunde außerhalb der Schule, gehalten von damals unmittelbar Beteiligten mit vielen impliziten Lehrplanbezügen im Hinblick auf die Behandlung der SBZ/DDR. 60 Die Schule hat eindringlich dafür einzutreten, dass die schrecklichen Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft und deren Ursachen nicht verdrängt und nicht vergessen werden. Gleichzeitig dürfen wir es aber mit den notwendigen Differenzierungen nicht versäumen, entsprechende Aspekte desjenigen Systems in das Bewusstsein der Heranwachsenden zu bringen, das nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR eine verbrecherische kommunistische Diktatur errichtet hat. Zunächst sollen exemplarisch einige diesbezügliche Lehrplaninhalte in unterschiedlichen Schularten und Fächern genannt werden und anschließend einige grundlegende Prinzipien für die Behandlung dieser Inhalte im Unterricht. Zur Schulart Mittelschule Hier wird im Fach Ethik in Klassenstufe 7 das Entstehen von Konflikten zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen, Konfessionen, Weltanschauungen durch Intoleranz und Fanatismus und im Fach Evangelische Religion der Klassenstufe 10 das Thema Christen in Staat und Gesellschaft behandelt. Exemplarisch werden solche Themen wie Christsein in der NS-Zeit und in der DDR, Position von Christen zum Staat, zur FDJ und zur Jugendweihe angesprochen. Im Fach Geschichte der Klassenstufe 9 stehen die Entwicklung Deutschlands von 1945 bis 1961 sowie der Weg zur Wiedervereinigung und die friedliche Revolution i n der DDR 1989/90 im Mittelpunkt. Es schließen sich in Klassenstufe 10 an der Lernbereich„Alliierte Besatzungspolitik und die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg" mit den Inhalten„Entstehung neuer politischer und gesellschaftli cher Strukturen in den Besatzungszonen: Unterschiede und Gemeinsamkeiten" und den Hinweisen auf Verwaltung, Justiz, Schule sowie die Zwangsvereinigung zur SED i n der SBZ. Der Lernbereich 2 umfasst„Das geteilte Deutschland im Zeichen des Ost-West-Konflikts(die Jahre 1949 bis 1961)" mit Hinweisen auf die Ostintegration der DDR nach 1949 und die Durchsetzung des sowjetischen Modells mit dem Aufbau der SED unter der Herrschaft Ulbrichts. Weiterhin bedeutungsvoll sind die Inhalte„Berlin als Krisenherd" und„Machtanspruch der SED" mit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und dem Mauerbau 1961 sowie den Folgen für die Menschen in beiden deutschen Staaten. Im Fach Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung der Mittelschule lernen die Schüler in Klassenstufe 9 Merkmale eines totalitären bzw. autoritären Staates am Beispiel der DDR kennen und sollen die Gründe für das Scheitern des real existierenden Sozialismus erkennen. Im Lernbereich 3 werden dabei die Rolle der SED, der Staatsaufbau mit Hinweis auf Einheit von Partei und Staat, das Blockwahlsystem und die Rolle der Massenmedien im Vergleich mit der Bundesrepublik ebenso behandelt wie die sozialistische Gesetzlichkeit mit Bemerkungen zu sozialistischem Recht und Staatssicherheit sowie Gesprächen mit Opfern der DDR-Justiz. Mit der Präzisierung des Geschichtslehrplanes der Mittelschule von 1997 erfolgte eine stärkere Hinwendung zur Alltagsgeschichte und zu einer Personalisierung, die Geschichte auch an persönliche Schicksale bindet. So wird konkret in Klassenstufe 10 des Geschichtslehrplanes„Lernen aus der Geschichte- für Gegenwart und Zukunft" der„Zusammenhang zwischen Systemgeschichte und Alltagsgeschichte in demokratischen und totalitären Staatsformen" thematisiert. Der Zugriff totalitärer Strukturen bis hinein in persönliche Bereiche wird mit den Hinweisen auf Lebensgeschichten, Dokumente und Zeitzeugen, die unterdrückt, eingesperrt und drangsaliert wurden, vorstellbar gemacht. Schulart Gymnasium I m Fach Gemeinschaftskunde, Rechtserziehung, Wirtschaft der Klassenstufe 9 ist ein Vergleich der politischen Systeme der Bundesrepublik Deutschland und der DDR mit dem Ziel enthalten, an ausgewählten Beispielen das System der DDR dem heutigen bundesrepublikanischen gegenüberzustellen und die Merkmale eines demokratischen Staates mit denen eines totalitären bzw. autoritären Staates zu vergleichen. Die Schüler erkennen die Gründe für das Scheitern des real existierenden Sozialismus und die Schwierigkeiten, die sich aus dem Erbe der DDR ergeben. In der Klassenstufe 10 werden zum Inhalt„Zentralverwaltungswirtschaft" präzisierende Hinweise auf die Auswertung von Diagrammen und Quellenarbeit und zum Lernbereich„Das Recht und die Rechtsordnung in der Bundesrepublik Deutschland" auf Gespräche mit Opfern der DDR-Justiz gegeben. Im Grundkurs der Jahrgangsstufe 11 werden Leitbilder einer freiheitlichen Demokratie den Auffassungen in der DDR gegenübergestellt. Als Inhalte sind u. a. enthalten: Geschichtsverständnis im real existierenden Sozialismus und Folgen für die politische Willensbildung mit Menschenbild und Werteorientierung in der DDR, mit Rechtsverständnis und Staatssicherheitsdienst bis zur Losung„Die Partei hat immer recht". Im Fach Katholische Religion erfolgt in der Jahrgangsstufe 11/12 eine Behandlung der Konflikte zwischen Staat und Kirche im 20. Jahrhundert auch unter dem Blickwinkel der katholischen Kirche in der DDR. FDJ und katholische Jugendorganisationen werden gegenübergestellt. Der präzisierte Lehrplan im Fach Geschichte von 1996 geht- noch konzentrierter als der von 1992- von Deutschland und seiner Rolle in Europa und in der Welt aus. Er folgt damit dem didaktischen und methodischen Prinzip vom Nahen zum Fernen und berücksichtigt neben regionalen und nationalen Aspekten auch supranationale 62 und globale Gesichtspunkte. Zur Verdeutlichung nur einige Themenbeispiele direkt aus dem Lehrplan als Belege:- Wege zu Parlamentarismus und Demokratie,- Entwicklungen im geteilten Deutschland und die Herstellung der Einheit in ihrer europäischen und weltpolitischen Bedeutung,- Entwicklungen in Deutschland nach 1945 in ihrer europa- und weltpolitischen Bedeutung, insbesondere die Geschichte der DDR und die friedliche Revolution von 1989. Nach Beendigung des chronologischen Durchgangs mit Abschluss der Klasse 9 wird im achtjährigen gymnasialen Bildungsgang auf einen zweiten Durchgang verzichtet. Stattdessen wird in Klasse 10 am Beispiel von ausgewählten historischen Inhalten z. B. totalitäre und demokratische Herrschaftsformen unter Einbeziehung demokratischer Wurzeln in der Antike- auf die historische Entwicklung von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart vorbereitet. Als Ergebnis dieser Anordnung verlangt der präzisierte Lehrplan in der Kursphase des gymnasialen Bildungsgangs historische Stoffe aus der neuen, neueren und neuesten Geschichte in einem angemessenen Verhältnis. Es erfolgt eine vergleichende Betrachtung- von demokratischen und totalitären Staaten,- von freiheitlichen und diktatorischen Systemen,- von Gewaltenteilung und-konzentration,- totalitäre Herrschaftsformen und deren Überwindung, - Fragen der Vergangenheitsbewältigung,- die Entstehung der Demokratie und Formen ihrer Umsetzung. Dies geschieht multiperspektivisch und multikausal, in offener und ideologiefreier, nicht doktrinär und nicht schwarz-weiß angelegter Art und Weise. Dabei werden an unseren Schulen im Umgang mit der Geschichte jene Kenntnisse und Einsichten entwickelt und Wertmaßstäbe vermittelt, welche die junge Generation gegen die totalitäre Versuchung, die nach Hannah Arendt immer existiert, wappnet. Zu einigen grundlegenden Prinzipien für die Behandlung von SBZ und DDR, die den Lehrplänen und dem Unterricht zugrunde liegen: An erster Stelle ist der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule zu nennen, der bestimmt wird durch das Recht eines jungen Menschen auf eine seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Erziehung und Bildung ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage. Der Auftrag umfasst nicht nur die Vermittlung von Wissens- und Lernstoff, sondern versteht sich vor allem auch darin, den einzelnen Schüler zu einem selbstverantwortlichen Mitglied unserer Gesellschaft heranzubilden. Im Art. 101 der Sächsischen Verfassung sind die Erziehungs- und Bildungsziele konkret ausgewiesen: „Die Jugend ist in Ehrfurcht vor allem Lebendigen, zur Nächstenliebe, zum Frieden und zur Erhaltung der Umwelt, zur Heimatliebe, zu sittlichem und politischem Verantwortungsbewusstsein, zu Gerechtigkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, zu beruflichem Können, zu sozialem Handeln und zu freiheitlich-demokratischem Handeln zu erziehen." Darauf aufbauend ist als eine erste Grundlage, die allem Unterricht zum genannten Thema zugrunde liegt, zu nennen: 1. Die Idee der Menschenrechte als grundlegender Maßstab und richtungsweisendes Prinzip: Der Gedanke, dass jeder Mensch unantastbare Rechte habe- dazu gehörte das Recht auf Leben und das auf Freiheit- geht zurück auf die Lehre vom Naturrecht der Vorsokratiker(ca. 600 v. Chr.). Man sprach vom Naturrecht aufgrund der Auffassung, dass der Mensch diese Rechte„von Natur aus" habe, dass sie in seinem Wesen begründet seien und nicht erst erworben werden müssten. Es dauerte bis zum 18. Jahrhundert, bis diese Rechte gegen die Ansprüche des Staates und seiner Machtträger durchgesetzt werden konnten. Die Staatsphilosophie der Aufklärung(v. a. John Locke) verhalf der Idee der Menschenrechte zum Durchbruch. Die Rechte auf Leben und auf Freiheit sind unveräußerliche, von Natur aus gegebene Menschenrechte, d. h., der einzelne Mensch darf sie nicht preisgeben und kein Staat darf sie einschränken. Die Aufgabe des Staates ist es, so Locke, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Einzelne seine Freiheitsrechte(die Menschenrechte, die die private Sphäre gegen staatliche Eingriffe und Eingriffe Dritter schützen) in Anspruch nehmen kann. Das Volk ist der eigentliche Souverän, da es den Auftrag zur Machtausübung erteilt und damit die Regierenden zur Machtausübung legitimiert. Damit die Freiheit im Staat gesichert bleibt, müssen die drei Gewalten, die Legislative, Exekutive und Judikative, getrennt bleiben. Unter der Achtung der Menschenrechte und der-würde verstand man fortan als Minimum z. B. folgende Garantien, die als Ziel von unseren Schülern verinnerlicht werden sollen: Keinem Menschen sollte es erlaubt sein, einen anderen zu diskriminieren, zu demütigen oder zu entrechten. Jeder Mensch sollte die ungehinderte Möglichkeit haben, seine Fähigkeiten zu entfalten; jeder Mensch sollte politische Alternativen abwägen und frei zwischen ihnen entscheiden dürfen. Die Schüler erfahren von der allmählichen Durchsetzung dieser Auffassung in der modernen Gesellschaft, die dazu geführt hat, dass z. B. die Sklaverei abgeschafft, der Menschenhandel verboten sowie die Leibeigenschaft verurteilt wurden. Dies gilt ebenso für rassische, politische und religiöse Diskriminierung. Es konnte jedoch nicht verhindert werden, dass auch und gerade im 20. Jahrhundert die Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen getreten wurden, dass schreckliche Lager und Haftanstalten 64 der NS-Herrschaft nach 1945 als sowjetische Speziallager fortgeführt wurden, in denen unschuldige Menschen unendlich litten und zu Tausenden starben. Um zu verhindern, dass- wie in der Weimarer Republik geschehen- in der Bundesrepublik Deutschland auf verfassungsmäßigem Wege jemals wieder eine Diktatur möglich wird, wurden die Grundrechte zum bindenden Recht erklärt. Sie sind keine unverbindlichen Postulate, sondern sie sind einklagbare Rechte. Der einzelne Bürger wird durch die Grundrechte nicht nur vor dem unrechtmäßigen Zugriff der Staatsmacht geschützt, sondern kannaktiv jede vorhandene Grundrechtsverletzung durch Klage vor dem Bundesverfassungsgericht abstellen. Für die Schüler ist es wichtig, zu erfahren und zu erleben, dass die Grundrechte nicht nur Abwehrrechte sind, die dem Staat und seiner Macht Grenzen setzen, sondern auch demokratische Mitwirkungsrechte. Der einzelne Bürger muss sie ungehindert und ohne Furcht vor negativen Konsequenzen wahrnehmen können. So ist der Freiheitsbegriff der Grundrechte einerseits eine„Freiheit von"(dem Staat), andererseits aber ebenso eine„Freiheit zu"(der Demokratie). Deshalb sind Förderprogramme „Demokratisches Handeln", wie wir sie an unseren Schulen haben, so ungeheuer wichtig. Sie ermöglichen den Schülern, Demokratie mitzugestalten, an ihr mitzuwirken, sie aktiv zu erleben. Als eine weitere Grundlage ist 2. Die Menschenwürde als oberster Verfassungswert schon in der Schule zu verdeutlichen. Die Lehre von der Würde des Menschen und ihrer Unantastbarkeit gehörte dazu und erforderte eine universale Toleranz, die auch eine wichtige Basis für ein internationales Völkerrecht bildet. Die vielleicht deutlichste Konsequenz, die die Verfasser des Grundgesetzes aus der unmenschlichen Vernichtungspolitik der nationalsozialistischen Diktatur gezogen haben, kann darin gesehen werden, dass sie den Grundsatz der Menschenwürde zur Fundamentalnorm, d. h. zum höchsten Wert der Verfassung, erklärt haben: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Damit wird der Mensch als Individuum zum höchsten Zweck allen politischen und staatlichen Handelns erhoben. Der Staat ist um des Menschen willen da. Allerdings geht das Menschenbild des Grundgesetzes nicht von einem isolierten, souveränen Individuum aus. Es beruft sich auf den Grundsatz der Gemeinschaftsbezogenheit und -gebundenheit der Person. Bei einem Aufeinanderprallen von Einzel- und Gemeinschaftsinteressen ist ein Ausgleich, der beiden Seiten gleichermaßen gerecht wird, zu suchen. Darin ist eine klare Absage an jedes kollektive Denken, wie es im SED-Staat angestrebt wurde, zu sehen, womit eine Unterordnung aller Individuen unter einen, gemeinschaftlichen, eben kollektiven Zweck gemeint ist. Eine Einschränkung ist gemacht worden: Im Zweifelsfall soll der Nutzen für viele vor dem Nutzen für einen Einzelnen rangieren. Hier wäre im Unterricht das Gegenbild, nämlich die„sozialistische Persönlichkeit" zu betrachten. 3. Der Weg zu Freiheit und Menschenrechten ist lang, und für sie zu kämpfen und für sie einzustehen bedeutete Leid, Verfolgung, Folter, oft auch Tod. 1848/49 stritten Deutsche für Freiheit, Einheit und Demokratie; 1918/19 wurde die Weimarer Republik etabliert; später widerstanden mutige Frauen und Männer der „braunen" Diktatur und der kommunistischen Gewaltherrschaft; Gorbatschows Glasnost- und Perestroika-Politik und die Oppositions- und Bürgerbewegungen bei uns und in den östlichen Nachbarländern sind der Freiheit und den Menschenrechten verpflichtet gewesen. Die Sehnsucht nach Freiheit und wahrer Demokratie, das geduldige und mutige Insistieren auf Bürger- und Menschenrechte beseelte auch die Bürgerrechtsbewegung von 1989. 66 Alle diese Grundlagen sind in den sächsischen Lehrplänen verankert. Heute sind Freiheit und Demokratie fast schon wieder selbstverständlich und allzu leicht wird vergessen, wem wir sie zu verdanken haben und welcher geradezu übermenschlichen Anstrengung es bedurfte, um sie zu verwirklichen. Bekannt ist die Feststellung: Wer in Freiheit lebt, hat viele Wünsche, wer sie entbehrt, nur einen, nämlich die Freiheit. Politische Bildung ist weder Sozialpädagogik noch Moralerziehung, auch nicht kalte Institutionslehre oder weltfremde, idealistische und utopische Schwärmerei. Die Notwendigkeit politischer Bildung wird aus einem Mangel heraus deutlich, dem Mangel nämlich an demokratischer Lebensart. Weil dieser Mangel existierte, war Diktatur nur möglich geworden. Das wesentliche Merkmal totalitärer Herrschaft war die Missachtung und Aushöhlung freiheitlicher Institutionen. Richard Schröder sagte einmal, Bezug nehmend auf die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit:„Es stimmt nicht, dass die Folgen einer Diktatur eine Gesellschaftstherapie nötig machen. Die Wiederkehr der Diktatur wird nicht durch eine Reinigung der Herzen verhindert, sondern durch die Anerkennung der Institutionen der Freiheit." Darum geht es in der politischen Bildung hier und jetzt: Um die Anerkennung der I nstitutionen der Freiheit. Pädagogisch, didaktisch, methodisch ist das nur mit äußerster Behutsamkeit anzustreben, moralische Penetranz würde das Gegenteil bewirken und zudem Gefahr laufen, in indoktrinäre Lehr- und Lernmuster zurückzuverfallen. Entwicklung und Praxis historischer und politischer Bildung stellt zunächst an die staatliche Institution Schule mit ihren Vorgaben, den Lehrplänen, freiheitliche Ansprüche; sie anerkennt diese Institution als Rahmen gemeinsamer Freiheit, innerhalb dessen die Orientierung an der gleichen Würde aller Menschen ein grundlegendes Prinzip des Zusammenlebens darstellt. Die Lehrpläne für die einzelnen Fächer, durch die der Bildungsauftrag umgesetzt wird, müssen weltanschaulich und parteipolitisch neutral sein. Sie dürfen sich nicht auf bestimmte Wissenschaftstheorien festlegen und sind an die freiheitlich-demokratische Grundordnung in ihrem Kernbestand gebunden. Die Schule darf aber nicht zu Konformismus erziehen. Konflikte tolerant zu ertragen und demokratisch zu bewältigen sollte in der Schule vermittelt werden. Die junge Generation an unseren Schulen hat ein Recht darauf, vorbehaltlos über die Vergangenheit aufgeklärt zu werden. Im historischen und politischen Unterricht in Sachsen verwirklichen wir das. Man kann davon ausgehen, dass unseren ständigen Bemühungen um einen sinnvollen und vernunftorientierten Geschichts- und Politikunterricht Erfolg beschieden sein wird und dass der Konsens der Demokraten allen Anfechtungen von rechts und links standhalten wird. Rahel Krause Eindrücke einer Schülerin Mein Name ist Rahel Krause, ich komme von einer 12. Klasse eines Gymnasiums in Bautzen. Ich möchte hervorheben, dass ich hier nicht für eine Schule oder irgendeine Institution spreche, ich möchte für mich sprechen und ich möchte besonders zu den Betroffenen sprechen. Nachdem ich mich am gestrigen Vormittag ein wenig an Ihre Veranstaltung gewöhnt hatte, fragte ich mich zugegebenermaßen nach ihrem Sinn. Sie hatte keinen öffentlich-appellativen Charakter, keinen Aufarbeitungssinn. Ich hörte im Hintergrund einige Begegnungen zwischen ihnen, wie„Ich war auch in Bautzen", und da wurde mir klar, wie wichtig Ihnen die Begegnung miteinander ist, die Gespräche und der Austausch mit den Anderen. Als ich gestern Abend auch die Podiumsdiskussion mitverfolgte, bemerkte ich Ihre große Verbitterung, das Leid und die Traurigkeit und den Hass, der noch immer aus Ihren Augen spricht. Es hat mich sehr berührt, einige wenige i hrer schweren Schicksale zu hören, und nachdem ich gerade eine Lektüre über Erpressungsmethoden in der DDR las, habe ich einen winzigen Eindruck von dem bekommen, was Sie durchmachen mussten. Wie schon gesagt, bin ich tief berührt und erschüttert über diese Tatsachen. Und deshalb möchte ich Ihnen an dieser Stelle für die Offenheit und das Vertrauen danken, das Sie uns entgegenbringen. Ich finde es bewundernswert, dass Sie darüber sprechen können, was Sie erlebt haben. 68 Und es tut mir sehr Leid. Wie hoch ist es einzuschätzen, dass ich zu jeder Gelegenheit sagen darf, dass ich zu Jesus gehöre, dass ich Christin bin. Oder dass ich mir ein relativ unvoreingenommenes Bild von der Gesellschaft machen darf, ohne für meine Meinung verfolgt zu werden. Sie haben mich mit Ihren traurigen Geschichten neu dankbar gemacht für die Freiheit, die ich genießen darf, für meine Bildung und meinen Glauben. Sie haben große Chancen, einfach nur durch Ihr Leben Menschen dankbar zu machen für das, was sie haben, und Gefahren einer drohenden Diktatur vorzubeugen. Ich möchte Sie darum bitten, wenn es irgendwie möglich ist, mehr an die Öffentlichkeit, besonders an die Schulen- also nicht nur die Gymnasien, sondern auch die Haupt- und Realschulen- heranzutreten. Bitte lassen Sie sich nicht enttäuschen. Es ist wichtig, dass wir Zeugnisse von Gewaltherrschaften vor Augen haben und dass wir Menschen kennen, die darunter leiden mussten und deren Leben dadurch zerstört wurde. Ich möchte mich noch einmal bei Ihnen bedanken dafür, dass ich an diesem Bautzen-Forum teilnehmen durfte. Und ich wünsche ihnen von Herzen, dass Sie diesen Berg der Vergangenheit bewältigen können und vielleicht sogar Ihren Misshandlern vergeben können. Silke Klewin Formen des Gedenkens Ich begrüße sehr, dass die Formen des Erinnerns heute vielfältiger denn je geworden sind und es nicht mehr die Einschränkung auf das„klassische Gedenken" in Form von Mahnmalen, wie es über Jahrzehnte praktiziert wurde, gibt. Gedenken wird in vielseitigen Formen- angefangen von Gedenkstätten an authentischen Orten, aber auch in Dokumentations- und Informationszentren, durch Lesungen, Diskussionen, Filmvorführungen, auch musikalische Events- praktiziert, von denen alle den Anspruch haben, mit den unterschiedlichsten Methoden die Erinnerung an vergangenes Unrecht wach zu halten. Diese Formenvielfalt ist die einzig mögliche, um den Anforderungen einer pluralistischen Gesellschaft gerecht zu werden. Es gibt nicht nur die eine, die verbindliche Form des Gedenkens. Hier in Bautzen werden zwei sehr unterschiedliche Formen des Gedenkens praktiziert: Zum einen gibt es den Friedhof mit der neuen Andachtskapelle auf dem Karnickelberg - ein Ort des stillen Gedenkens und der Trauer-, eine Friedhofsanlage, die sich vor allem an die Opfer und deren Angehörige richtet. Der Oberbürgermeister der Stadt Bautzen, Herr Schramm, hat bei der Einweihung dieser Kapelle seine Hoffnung geäußert, dass diese Andachtskapelle eine Lernkapelle wird. Diesen Anspruch halte i ch für etwas überzogen, denn ich denke, dass der eigentliche Lernort die Gedenkstätte Bautzen ist, da in dieser Einrichtung am authentischen Ort mit ganz anderen Methoden gearbeitet werden kann. Die Friedhofsanlage hat eher die Funktion eines Mahnmals. Sie bleibt in allererster Linie trotz bzw. gerade wegen der nunmehr neu errichteten Kapelle eine Trauerstätte für die Hinterbliebenen, die hier ihrer Toten in unmittelbarer Nähe des historischen Leidensortes gedenken können. Das in der Kapelle ausliegende Totenbuch gibt den bis dahin oft anonymen Toten des Speziallagers ihren Namen wieder, eine elementare Voraussetzung für ein würdiges Gedenken. Zum anderen ist die Gedenkstätte Bautzen ein Erinnerungsort, an dem die Geschichte politischer Verfolgung in den Bautzener Haftanstalten dokumentiert wird. Hier wird die Dimension der Unmenschlichkeit an konkreten Einzelschicksalen deutlich gemacht. Die Gedenkstätte fühlt sich den Opfern, gleichermaßen aber auch den Nachgeborenen verpflichtet. Wir versuchen in unserer alltäglichen Arbeit mit verschiedensten Formen ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Neben der ständigen Ausstellung gehören dazu regelmäßige Veranstaltungen wie Lesungen, Filmvorführungen, wissenschaftliche Vorträge und Zeitzeugengespräche, aber auch Foto- und Kunstausstellungen unter dem Leitthema„Politische Verfolgung und Haft". Und nicht zuletzt auch spezielle Projekte für Schüler, bei denen Jugendliche aktiv an der Wissensaneignung über die jüngste deutsche Vergangenheit mitarbeiten. Auch zum Tag des 70 offenen Denkmals beteiligen wir uns seit mehreren Jahren mit großem Erfolg. Die Erfahrung zeigt, dass wir mit unterschiedlich gelagerten Veranstaltungsformen jeweils neue Besuchergruppen erreichen und für unser Thema sensibilisieren können. Für die Gestaltung von Gedenkstätten halte ich es heutzutage für sehr wichtig, dass die in zeitgeschichtl ichen Museen inzwischen üblichen Standards in puncto Besucherorientierung und Vermittlung Berücksichtigung finden. Leider werden Gedenkstätten noch immer zu häufig als„begehbare Geschichtsbücher" gestaltet. Die verschiedenen Aspekte zum Erreichen und vor allem Erhalten der Aufmerksamkeit der Besucher, die uns auch Herr Schäfer in seinem Vortrag am Beispiel des Leipziger Zeitgeschichtlichen Forums dargelegt hat, sollten auch für Gedenkstätten verbindlich werden. Gedenkstättenbesuche dürfen keine lästige Pflichtübung sein. Wolfgang Benz formulierte 1993 sehr treffend:„Die Selbstverständlichkeit des Erinnerns, frei von falscher Attitüde, frei vom Gefühl, lästige Pflichtübungen zu absolvieren, Erinnerung aus rationaler Verantwortung ohne die ebenso beflissene wie oberflächlich zur Schau gestellte Betroffenheit, bleibt noch ein anzustrebendes Ziel." Diesem Ziel verpflichtet müssen wir die Besucher neugierig machen, dürfen sie nicht überfordern, aber auch nicht unterfordern und vor allem nicht von oben herab„Wahrheit verkünden". Unsere Arbeit muss sich an der Lebensrealität der nachwachsenden Generation orientieren und Bezüge zu ihrem Alltag herstellen. Wir Gedenkstätten müssen uns den Bedürfnissen der Besucher anpassen, um Lernerfolge zu erzielen. Wir haben in der Gedenkstätte Bautzen angefangen, durch verschiedene Evaluationen die Besucherstruktur, die Interessen und Vorstellungen unserer Besucher zu erfragen und waren sehr erstaunt, wie sehr sich diese manchmal von der eigenen Wahrnehmung unterscheiden. Nur mit dem Wissen um die Erwartungen der Besucher können wir uns in den Formen öffnen und vielfältiger auf ihre Bedürfnisse eingehen. Ehrhart Neubert Formen des Gedenkens Beteiligte im Repressionsapparat, Täter, Menschenrechtsverletzer sagen häufig bei Befragungen und im Gerichtssaal: „Ich kann mich nicht erinnern..." Das mag in ihrer misslichen Lage eine Ausrede sein. Solche Äußerungen können aber auch Folge einer nachhaltigen Verdrängung sein. Überrascht hat ein Mitarbeiter des Bürgerbüros, der jüngst einen Rechtsbeugungsprozess in Potsdam beobachtete, von opfern politischer Prozesse diesen Satz gehört. Es waren Menschen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten und dafür zu Zuchthausstrafen verurteilt worden waren. Als der Potsdamer Richter sie nach dem Ablauf des früheren Prozesses befragte, sagten viele von ihnen:„Ich kann mich nicht erinnern..." Die Erinnerung wäre für sie heute sehr wichtig gewesen. Offenbar hat sie aber die damalige Gerichtsverhandlung derart traumatisiert, dass sie dieses Geschehen vergessen hatten. Vergessen ist offenbar das Symptom einer Beschädigung, das des beschädigten Opfers und auf ganz andere Weise auch das des in seiner Menschlichkeit beschädigten Täters. Erinnern, das Vergangene bedenken, und das Gedenken will und soll diese Beschädigungen nicht auf sich beruhen lassen. Die Vergegenwärtigung des Vergangenen ist eine uralte kulturelle und zivilisatorische Leistung des Menschen. Gedenken hat seine eigenen Formen. Ein Gerichtssaal heute ist gewiss kein Ort des angemessenen Gedenkens. Die Justiz kann die Geschichtsschreibung nicht ersetzen. Und die Geschichtsschreibung kann die Erfahrungen von Menschen als Opfer und Täter nicht vollständig erfassen. Vielleicht, und das kommt nur selten vor, erfahren Opfer bei Verurteilungen ihrer Peiniger in einem Prozess auch Genugtuung. Vielleicht führt das Lesen eines geschichtlichen Werkes zur Bestätigung durch den betroffenen Leser. Es handelt sich dabei aber nur um die Fortsetzung alter Konflikte, die mit einem juristischen oder historiographischen Urteil bedacht, aber nicht in ihren komplexen Folgen gelöst werden können. Ein angemessenes Gedenken hat mehrere Dimensionen, in denen die Formen und die Inhalte des Bedachten sich gegenseitig interpretieren und stützen. Unsere sinnliche Wahrnehmung von ausgewählten Worten und Bildern sowie deren Gestaltung in Ritualen und Kunstwerken verknüpft die Erfahrungen der Menschen in einer Generation und über die Generationen hinweg. In dieser Kommunikation liegt ein humaner Kern. 72 Ein falsches, dem Menschen und seiner Menschlichkeit abträgliches Gedenken verzerrt die Kommunikation zur Agitation, zur Propaganda, zum geistigen Unterdrückungsinstrument. Den Kontrast zwischen einem aus den Formen geratenen Gedenken und einem dem Menschen angemessenen Gedenken will ich an seinen Dimensionen benennen. A) Die historische Dimension des Gedenkens: Gedenken soll vermitteln, was war und was wahr ist. Beschreibungen, Darstellungen und die diesen impliziten Deutungen von politischen Geschehnissen, vor allem wenn sie mit Menschenrechtsverletzungen verbunden waren, stellen immer auch die Frage nach der Wahrheit. Historische Wahrheiten sind nie letzte Wahrheiten. Sie sind getrübt durch Projektionen und Bedeutungszuschreibungen der Interpreten. Im Versuch, sich der Wahrheit zu nähern, kann es hilfreich sein, möglichst viel Authentizität einzufangen. So wissen wir, dass authentische Orte, eine Zelle in Hohenschönhausen, die Markierung des Mauerverlaufes in Berlin oder ein Führungsbunker des MfS historische Wahrheiten vermitteln, die mit Worten nur schwer fassbar sind. Diese Authentizität erweitert das Denken zum Andenken und zum Gedenken. Es gibt einen immer wieder aufflammenden Konflikt in den Geschichtswissenschaften zwischen Historikern und Zeitzeugen. So heißt es manchmal:„Der Zeitzeuge ist der ärgste Feind des Historikers." Gewiss, der Historiker kann möglicherweise Vorgänge besser als der Zeitzeuge in große Zusammenhänge und Entwicklungslinien einordnen. Aber die Glaubwürdigkeit des Zeitzeugen bleibt davon unberührt. Die Authentizität seines Zeugnisses enthält eine Wahrheit, die der Historiker nicht erreichen kann. Ich denke an das neue Denkmal für die Opfer des 17. Juni in Berlin. Manchen mag es allzu karg ausgefallen sein. Aber die dort nur schemenhaft abgebildeten Menschen, ein Ausschnitt eines Fotos von Demonstranten des Aufstandes, stehen in einem tiefen Kontrast zu den glücklichen Erbauern des Sozialismus, die auf dem typischen soziali stischen Jubelbild gegenüber am Haus der Ministerien im Stil des sozialistischen Realismus abgebildet sind. Hier gibt es einen unübersehbaren Kontrast des Gedenkens zwischen geschichtlicher Wahrheit und Lüge. B) Die politische Dimension: Gedenken soll die Vergangenheit in das politische Geschehen einbeziehen. Geschichtsbilder, aufgeschriebene und bildlich dargestellte, überbrücken mühelos große Zeitspannen. Sie fordern in der Regel eine politische Parteinahme heraus. Die totalitären Systeme haben ihre Geschichtsbilder zu diesem Zweck geradezu aufgerüstet. Sie versprachen den historischen„Endsieg" oder die Teilhabe als„Sieger der Geschichte". Politik war bei ihnen geschichtlicher Auftrag, der konkret von den Führungseliten erteilt wurde. Der einzelne Mensch, das Individuum, war damit als eigenständig handelndes Subjekt ausgeschlossen, es war entpolitisiert. Wer sich dennoch in die öffentlichen Angelegenheiten einmischte, wurde zum Opfer der Systeme. Das Gedenken an diese Opfer setzt deren politisches Engagement fort. Es würdigt den Menschen, der seine Individualität behauptet. Politisches Gedenken ist damit den unveräußerlichen Menschen- und Freiheitsrechten verpflichtet und nur auf der Grundlage der Anerkennung einer unverletzbaren und vorgegebenen Menschenwürde möglich. Auch im Nationalsozialismus und im Kommunismus gab es Gedenken. Doch diente dies der ritualisierten systematischen Entmündigung und Selbstentmündigung der Menschen. Im Gegensatz dazu ist politisches Gedenken politische Bildung. Damit ist weniger politische Erziehung, sondern mehr„Bildung" als Befähigung zum selbstständigen politischen Handeln zu verstehen. 74 C) Die ethische Dimension: Gedenken soll zwischen Gut und Böse unterscheiden helfen. Nun ist es wohl wahr, dass für uns absolute Maßstäbe nicht zur Verfügung stehen, die uns zwischen Gut und Böse unterscheiden lassen. Zwar haben wir in der christli chen Tradition Gebote oder die Bergpredigt und in der Neuzeit die Maßstäbe der Menschenrechte. Aber die eigenen Interessen sind uns so hart auf den Fersen, dass wir oft genug diese Maßstäbe verwischen. Und trotzdem kommen wir nicht umhin, das Böse zu benennen. Angesichts von Auschwitz und des Gulag wäre es verhängnisvoll, auf die Unterscheidung von Gut und Böse zu verzichten. Denn selbst wenn wir in ethischen Fragen sehr unsicher sind, wenn der Virus des ethischen Relativismus uns angesteckt hat, hat uns das 20. Jahrhundert vor Augen gehalten, was Menschen einander Böses antun können. Gedenken benennt das Böse und sucht das Gute. Im Gedenken kommt es auf eine absolute Grenzlinie zwischen Gut und Böse auch nicht mehr an, weil der Übergang von Licht und Schatten auch hier fließend ist. Aber schon diese Unterscheidung ermöglicht es uns, die Verantwortung denen aufzuerlegen, die im Namen des angebli ch Guten Böses getan haben. Formen des Gedenkens an die Opfer politischer Verbrechen als Ergebnis von Umständen und Verhältnissen oder Produkt einer abstrakten Geschichte kann es gar nicht geben. Dies wäre nur der zynische Ruf, dass die Opfer selbst schuld seien, weil sie gewusst hätten, wie die Verhältnisse sind. Gedenken an die Opfer politischer Verbrechen unterscheidet und entlässt nicht aus der Verantwortung. Es muss uns nicht wundern, wenn diejenigen, die Mitverantwortung im totalitären System getragen haben, Gedenkstätten nicht mögen. Immerhin, das ist eine Frucht der Freiheit, sind ihnen auch die Siegesfeiern vergällt, in denen sie Gut und Böse verwechselt und vermischt haben. Wer den Mut zur ethischen Entscheidung hat, braucht keine Siegesfeiern. Er wird viel häufiger über das Böse trauern. Diese Trauer ist eine Form des Gedenkens. D) Die ästhetische Dimension: Gedenken braucht menschliche Proportionen. Opfer der Diktaturen, und auch Widerständler, sind keine Heroen und keine Übermenschen. Sie sind Menschen mit Stärken und Schwächen, sie sind mutig und feige, eitel und bescheiden und vieles andere. Sie sind auch keine„neuen" Menschen, wie diejenigen Phantome, die die Diktatur hervorbringen wollte. Die Diktatoren liebten die Denkmale mit jenen monströsen Übermenschen, die sie selbst verkörpern sollten. Hitler und Stalin wollten je ihren eigenen Turm zu Babylon bauen. Stalin ließ eine orthodoxe Kathedrale sprengen, um dort ein Lenindenkmal von Hochhausgröße aufzustellen. Hitler wollte in Berlin eine Riesenhalle errichten, in der Hunderttausende ihm zujubeln sollten. Diese Türme stürzten, weil sie kein menschliches Maß mehr kannten. Sie waren zudem hässlich. Gedenken braucht ein menschliches Maß. Auch eine freie Gesellschaft ist nicht vor der Gefahr sicher, Monströses zu errichten. Wir hier wissen, dass eine schlichte Kerze oft mehr im Gedenken bewirkt als viele Tonnen Beton. E) Die religiöse Dimension: Gedenken überwindet die Erstarrung im Leiden. Gefangene in Lagern und Haftanstalten haben selten- auch bei unwürdigsten Verhältnissen- die Hoffnung ganz aufgegeben. Für manche war es gewiss eine vergebliche Hoffnung. Für andere eine letzte Hoffnung, aus der Kraft im Leiden erwuchs. Leiden ist für religiöse Menschen kein Selbstzweck, sondern weist über sich hinaus. So gibt es Formen des Gedenkens, die eine religiöse Vergegenwärtigung des Leidens darstellen, die auch noch in den tiefsten Verlassenheiten einen Halt und einen sinnhaften Bezug sucht. Bei vielen Menschen bleibt es bei dieser Suche. Andere finden und verstehen ihr Leiden als Martyrium, in dem sie Zeugnis ablegen für das Leben. Menschen, die nicht gelitten haben, weil sie zu jung waren oder weil sie Glück gehabt haben, oder weil sie sich ängstlich zurückhielten, möchten oft nachträglich mitleiden. Orte des Mitleids und Orte der Hoffnung sind häufig religiöse Stätten. Wir haben davon als Orte des Gedenkens noch zu wenige. Die Kapelle in Bautzen oder die neue Kapelle der Versöhnungsgemeinde auf dem Mauerstreifen in Berlin sind ein wichtiger Anfang. 76 Kornelia Lobmeier Formen des Gedenkens Die Entstehung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig geht zurück auf eine Initiative der unabhängigen Föderalismuskommission von Bundestag und Bundesrat vom Mai 1992. Darin schlug sie den Standort Leipzig vor- auch als Hommage an die besondere Rolle der Stadt während der friedlichen Revolution im Herbst 1989. Die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wurde mit dem Aufbau betraut. 1993 begann eine kleine Projektgruppe in enger Abstimmung mit dem Haus der Geschichte in Bonn mit der Arbeit. In der Leipziger Innenstadt entstand ein Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrum, das sich mit Repression und Widerstand in der SBZ und DDR vor dem Hintergrund der deutschen Teilung auseinander setzt. In einer Dauerausstellung auf einer Fläche von rund 1.800 mz werden 2.500 Exponate - Gegenstände, Dokumente, Fotos und Medien- zur deutschen Zeitgeschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gegenwart gezeigt. In einem chronologischen Rundgang durchläuft die Ausstellung solche Themen wie die Nachkriegssituation in Deutschland, die Besatzungspolitik der Siegermächte, den Kalten Krieg und die deutsche Frage, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, die Herrschaftssicherung durch die SED, den Aufstand vom 17. Juni und den Mauerbau 1961. Sie beleuchtet darüber hinaus die deutsch-deutschen Beziehungen nach dem Mauerbau, die Wirtschafts- und Sozialpolitik im„real existierenden Sozialismus" sowie die Kultur- und Jugendpolitik der SED. Eine Ausstellungseinheit widmet sich der Geschichte der Opposition in der DDR seit Mitte der siebziger Jahre. Es folgen der Ausbau des MfS in den achtziger Jahren und die Darstellung der friedlichen Revolution 1989, des Zusammenbruchs des SED-Regimes und der Wiedervereinigung. Die Ausstellung endet mit einem Ausblick auch auf die zehn Jahre nach der Wiedervereinigung. Das Zeitgeschichtliche Forum ist kein„Haus der Geschichte der DDR" und will dies auch nicht sein. Der Fokus der Ausstellung liegt eindeutig auf der Geschichte von Repression und Widerstand. Ziel ist es, die Beispiele von Zivilcourage unter den Bedingungen der Diktatur zu würdigen, denn das ist die Leistung, die die Menschen aus der DDR in die Geschichte des vereinigten Deutschlands einbringen können. Natürlich ist die Darstellung der Zeitgeschichte, noch dazu der Geschichte einer gescheiterten Diktatur, kein unumstrittenes Unterfangen. Kontroversen waren und sind vorprogrammiert. Aber gerade das ist auch Ziel des Hauses: ein Diskussionsangebot zu sein, um ins Gespräch zu kommen zwischen den Generationen und zwischen Ost und West und damit die weit verbreitete Sprachlosigkeit zu überwinden. Ich möchte dafür ein Beispiel anführen: Wenn bei einem Rundgang durch die Ausstell ung ein ehemaliger DDR-Grenzsoldat sinngemäß sagt,„Ach, so schlimm war die Grenze nun auch wieder nicht", dann löst das bei den anderen Besuchern Diskussionen aus, werden doch in der Ausstellung eine Selbstschussanlage oder die abenteuerliche Konstruktion eines Fluchtflugzeugs gezeigt, mit dem Menschen unter Lebensgefahr versuchten, diese Grenze zu überwinden. Ein anderes Beispiel einer Lehrerin aus Grimma belegt dies ebenfalls. Obwohl selbst keine Geschichtslehrerin, schlug sie nach wiederholten Fragen ihrer Schüler zum Leben in der DDR und nachdem sie festgestellt hatte, dass dieses Thema kein Gegenstand im regulären Geschichtsunterricht war, den Besuch der Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum vor. Die Klasse stimmte zu. Und mit den Antworten, die sie in der Ausstellung auf ihre Fragen fanden, sind die Schüler zu ihren Eltern gegangen, die nun ihrerseits begannen, über ihre Erfahrungen in der DDR zu berichten. Die Ergebnisse haben die Schüler in Mappen festgehalten und dem Zeitgeschichtlichen Forum übergeben. Wir wollen sie nun auch anderen Besuchern zugänglich machen, um damit den Gesprächsfaden fortzusetzen. Gestern Nachmittag wurde leidenschaftlich diskutiert, wie man das Leben in der Diktatur- was es heißt, unter diesen Bedingungen Zivilcourage oder manchmal auch „nur" menschlichen Anstand zu zeigen- denen begreifbar machen kann, die dies nicht selbst erlebt haben. Es stellte sich heraus, dass dieses Problem für die nationalsozialistische Diktatur ebenso besteht wie für die SED-Diktatur und dass es einem Fil m eindringlicher gelingt- in diesem Fall dem Film„Holocaust"- als einem anderen, hier„Ein Kapitel für sich" nach dem Roman„Tadellöser& Wolf" von Walter Kempowski. Am Ende der Diskussion war Ratlosigkeit zu spüren. Herr von Heynitz zitierte Schüler, die nach einem Besuch in Buchenwald sagten, dass sie sich selbst hier- am authentischen Ort der Verbrechen- kein Bild davon machen könnten, wie es wirklich gewesen sei. Das Zeitgeschichtliche Forum kann sich nicht auf die Authentizität eines solchen Ortes stützen. Umso wichtiger ist deshalb für uns die Authentizität der Objekte. Ich nannte bereits das Fluchtflugzeug und die Selbstschussanlage. Daneben gibt es zum Beispiel den authentischen Gefangenentransporter, das Schleusenbuch einer Schleuse auf dem Weg nach Berlin, in dem die Eintragungen urplötzlich abbrechen, als die BerlinBlockade begann, oder die mühsam selbst hergestellten persönlichen Utensilien eines Insassen eines Speziallagers und die primitiven Werkzeuge der Häftlinge in den Kohlengruben von Workuta. Aber die Präsentation dieser authentischen Zeugnisse reicht nicht allein. Es müssen die Geschichten deutlich werden, die hinter den Objekten stehen, und das Schicksal der Menschen, die mit diesen Geschichten verwoben sind. Auch hierfür möchte ich einige Beispiele nennen: Der Gefangenentransporter ist ein von außen unscheinbarer, völlig unauffälliger Barkas mit fünf winzigen, fensterlosen und lichtdicht abgetrennten 78 Einzelzellen, in denen„Staatsfeinde" zu den Haftanstalten der Stasi transportiert wurden. Neben diesem Objekt kommen auch diejenigen zu Wort, die in diesem Folterwerkzeug(man muss es so nennen) hin und her gefahren wurden: Sie schildern i hre Gefühle, die Tortur des völlig Orientierungslos-, Eingezwängt- und Ausgeliefertseins, sich längere Zeit nicht rühren zu können. Oder: Neben der Wand mit den Überwachungsmonitoren und-filmen des Ministeriums für Staatssicherheit sind die Berichte von Menschen zu hören, die dieser Überwachung und Zersetzung gezielt ausgesetzt waren, und die berichten, was dies für sie und ihre Familien bedeutete. Natürlich erfahren die Besucher auch Fakten und Zahlen: Sie sehen die Statistik der Flüchtlingszahlen vom Sommer 1989, als immer mehr Menschen die DDR verließen und die Nachrichten der„West-Sender" die Zahlen täglich wie die Wasserstands- meldungen verkündeten. Aber dazu ist auch das Fluchtgepäck von drei Schwestern zu sehen- damals 17, 20 und 21 Jahre alt-, die am 19. August 1989 mit zu den Ersten gehörten, die die österreichisch-ungarische Grenze durchbrachen. Daneben liegt das Telegramm, mit dem sie ihren in Naumburg zurückgelassenen Eltern in verschlüsselter, vorher vereinbarter Botschaft die erfolgreiche Flucht mitteilten. Und man kann in den Briefen der in der DDR gebliebenen Schulkameraden lesen vom Gefühl des Verlassenseins, das sie angesichts der verlorenen Freundinnen überkam. Denn zu diesem Zeitpunkt wussten weder Eltern noch Mitschüler, ob und wann sie ihre Kinder oder Klassenkameradinnen jemals wieder sehen würden. So wird vielleicht auch den Besuchern, die dies nicht oder nicht selbst erlebt haben, begreifbar, was es noch vor wenigen Jahren bedeutete, einen heute recht simplen Vorgang zu durchleben- nämlich den Ortswechsel von Naumburg nach Göttingen. Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Biographische Elemente, das Sichtbarmachen des Einzelschicksals hinter dem großen Ganzen, sind wesentlicher Bestandteil der Dauerausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum. Auf vielfältige Weise versuchen wir, sie für den Besucher abrufbar zu machen: Da gibt es einmal die Objekte, die selbst ihre Geschichte erzählen, Monitore oder Hörstationen, in denen Zeitzeugen über ihr Erlebtes berichten, Informationstafeln, auf denen Besucher über Einzelschicksale informiert werden. Vor knapp einem Jahr, am 9. Oktober 1999, dem 10. Jahrestag der Montagsdemonstration in Leipzig, die den entscheidenden Durchbruch für den Fortgang der friedlichen Revolution brachte, wurde das Zeitgeschichtliche Forum eröffnet. Es ist wohl der spannendste Moment für jeden Ausstellungsmacher, wenn die ersten Besucher durch die Ausstellung strömen. Dann muss sich nämlich erweisen, ob sich die Überlegungen, Pläne und Konzeptionen bewähren, ob das Angebot angenommen wird. Um dies herauszufinden, suchen wir den„Dialog" mit den Besuchern. So bietet die Ausstellung an wichtigen Stellen, zum Beispiel beim Aufstand vom 17. Juni oder beim Thema Wiedervereinigung, die Möglichkeit, persönliche Erfahrungen und Meinungen festzuhalten. Diese Stellungnahmen geben Hinweise und Anregungen an die Ausstellungsmacher weiter, aber auch an die anderen Besucher, die diese Äußerungen ebenfalls lesen können und damit vielleicht zu Widerspruch oder Zustimmung herausgefordert werden. Daneben gibt auch das klassische Besucherbuch einen Eindruck von den Reaktionen der Besucher. Eine erste systematische Besucherbefragung ergänzt und verifiziert inzwischen die individuellen Meinungsäußerungen der Besucher. In einem Zeitraum von drei Wochen im März und April gaben 520 Personen in Fragebögen Auskunft über ihre Meinung zum Zeitgeschichtlichen Forum und über ihre soziodemographischen Daten. Täglich kommen durchschnittlich 300 Besucher in unser Haus. Das ist im Vergleich zu anderen ostdeutschen Museen eine gute Zahl. Doch stellt man dazu die Besucherzahlen des 80 Hauses der Geschichte in Bonn in Relation- auch ein zeitgeschichtliches Museum, in das im Durchschnitt täglich 1.700 Menschen kommen-, dann wird deutlich, dass diese Zahl nicht zufrieden stellen kann. Erfreulich ist jedoch, dass vor allem junge Leute an der Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Zeitgeschichte interessiert sind. 55 Prozent unserer Besucher sind zwischen 20 und 39 Jahre alt. Unterrepräsentiert ist jedoch die Altersgruppe der Schüler. Das zeigt zum einen, dass die Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich deutlich verbessert werden muss, zum anderen ist es auch ein Indiz dafür, dass das Thema„DDR-Geschichte" in den Schulen der neuen Bundesländer noch viel zu oft umgangen wird. Die Besucher, die wir mit unserem Angebot erreichen, geben in ihrer übergroßen Mehrheit einen positiven Gesamteindruck wieder. 55 Prozent erklärten, dass ihnen der Besuch„sehr gut" und 42 Prozent, dass er ihnen„gut" gefallen habe. Nur drei Prozent antworteten mit„weniger". Eine vollständige Ablehnung unter der Rubrik „gar nicht" blieb sogar völlig aus. Ein Jahr nach der Eröffnung lässt eine erste Bilanz der Besucherreaktionen den Schluss zu, dass sich das Zeitgeschichtliche Forum mit seiner Form der Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit auf einem guten Weg befindet. Wir sind gespannt darauf, wie sich die Diskussion um unser Haus weiter entwickelt, und wünschen uns, dass sie zum Diskurs„auf gleicher Augenhöhe" sowohl zwischen den Generationen als auch zwischen Ost und West beiträgt. Und vielleicht erreichen wir damit, dass es vielen so geht wie einem Gast, der im Besucherbuch festhielt:„Unsere Vergangenheit berührt uns mehr, als wir gedacht haben..." Friedhelm Boll Formen des Gedenkens Selbstverständlich besteht eine Spannung zwischen Historikern und Zeitzeugen. Hierzu kann ich ein kurzes Beispiel geben. Wir haben zusammen mit einem Mitarbeiter ein größeres Projekt durchgeführt, bei dem etwa 120 Verfolgte des Nationalsozialismus und Verfolgte des Stalinismus befragt wurden. Zu den etwa 60 Befragten für die Zeit nach 1945 gehörte auch eine ganze Reihe ehemaliger Bautzener Häftlinge. Wir haben uns Lebensgeschichten erzählen lassen. Es war sehr wichtig, dass dies ganz offen geschah. Denn wenn wir Fragen vorgeben, geben wir auch die Antworten und die Richtungen der Antworten vor. In unseren Vorüberlegungen spielte eines, nämlich die Bedeutung des Trauerns keine Rolle. Darüber möchte ich etwas sagen und auch auf die Spannung zwischen Historikern und Zeitzeugen zu sprechen kommen. Wir haben festgestellt, dass sehr viele, die in Bautzen einsaßen, sagten- ich zitiere hier sinngemäß Benno von Heynitz: Als die Mauer fiel, habe ich nichts anderes im Kopf gehabt, als nach Bautzen zu fahren und zu sehen, was auf dem Karnickelberg los ist. Er wolle mit einem Band den Karnickelberg absperren, um deutlich zu machen, dass hier ein Friedhof und eine Stätte des Trauerns sei. Wir haben uns dann als Historiker darüber unterhalten, wie diese Aussage zu werten ist, und haben später in Nachfragen festgestellt, dass den meisten, die wir befragt haben, dieses Trauern und Gedenken wichtiger als das Aufarbeiten historischer Akten war. Es kam ihnen zunächst einmal darauf an, derjenigen zu gedenken, die hier als Kameraden begraben oder verscharrt wurden, um so ein Stück Versprechen, Schuld, z. T. auch Scham abzutragen. Ich möchte dazu eine These formulieren:„Trauern und Gedenken ist eine Form der nachträglichen Wiederherstellung der tief verletzten Menschlichkeit." Wir müssen uns, um die Bedeutung dieses Trauerns begreifen zu können, vergegenwärtigen, was das Verbot, im Lager zu trauern und Trauerfeiern abhalten zu dürfen, bedeutete. Die Kameraden starben hier in Bautzen in der Regel abgetrennt, im TBC-Haus oder an anderen Stellen, sie wurden anfangs tags, später nachts hinausgetragen, man hörte allenfalls das Klappern des Wagens und sie wurden anonym verscharrt. Das war das Symbol dafür, dass auch den Lebenden gesagt werden sollte:„Ihr sollt vergessen werden, niemand will von euch etwas wissen." Man hatte sozusagen jeden Tag das Schweigen und dieses Schweigelager, in der Form, dass man auch in der Gefahr war umzukommen, vor Augen. Wenn also gesagt wird, das Trauern und Gedenken ist für uns so wichtig, heißt dies, dieses Schweigen noch einmal durchbrechen zu können. Das ist für mich auch eine Bestätigung des Satzes„Gedenken überwindet die 82 Erstarrung im Leiden", den Herr Neubert gesagt hat. Ich habe oft die Gedenkveranstaltungen am Karnickelberg miterlebt und weiß, dass zunächst eines das Wichtige ist. Sie kennen vermutlich Benno Prieß, der hier jedes Jahr gestanden und seine Broschüren über ermordete junge Leute, die als Werwölfe bezeichnet wurden, verkauft hat. Er hat mir gesagt:„Ich habe ihnen das auf dem Sterbebett versprochen und dieses Versprechen muss ich jedes Jahr einlösen." Das Gleiche gilt für Dieter Rieke, der wie Benno Prieß Pfleger im TBCHaus war und manchem beim Sterben geholfen hat. Auch hier ist das nachträgliche Gedenken, das Trauern am authentischen Ort eine Form, Menschlichkeit wiederherzustellen, die von den Diktaturen so brutal, wie es nur ging, unterbunden wurde. Aber es spielt noch etwas anderes hinein, das vielleicht subtiler und schwieriger ist, nämlich Empfindungen von Scham und auch von Schuld. Wenn mir Zeitzeugen erzählen, dass sie gar nicht in der Lage waren, dem sterbenden Kameraden zu helfen, weil sie selbst so schwach oder krank waren, ja sogar den Tod des Kameraden erwarteten, weil sie es auf seine Schuhe, seine Decke, seine Unterhose oder auf eine zusätzliche Portion Brot abgesehen hatten, dann ist damit eine Form gefunden zu sagen:„Ich war gar kein Mensch mehr." Und damit ist auch ausgedrückt, warum viele von ihnen- so ist das mir erzählt worden- wieder hierhin kommen, um ihrer Kameraden zu gedenken. Nämlich um damit zu sagen, ich fühle mich verpflichtet, ich bin es meinen Kameraden schuldig, hierher zu kommen und wenigstens zum Karnickelberg zu gehen, um ein Stück Schuld wegen erzwungenen unmenschlichen Verhaltens abzutragen. Nun könnten wir annehmen, dass die Funktion der Gedenkstätten- nämlich Trauern - beendet ist, wenn die direkt Betroffenen und ihre Angehörigen nicht mehr da sein werden. Ich kann Ihnen aber aus meinen Seminaren an der Universität bestätigen, dass es auch in der zweiten und in der dritten Generation, also auch bei Enkeln Trauer gibt. Die Formen des Trauerns sind allerdings unterschiedlich. Dies ist manchmal auch Wut darüber, was die Generation der Großeltern oder Urgroßeltern verbrochen hat, aber auch Trauer darüber, z. B. den Großvater nicht gekannt zu haben, der nach 1945 in Buchenwald oder in Bautzen umgekommen ist. Und deshalb schrieb eine Schülerin in Buchenwald an ein Kreuz: Sie trauere hier, weil sie ihren Großvater nie kennen gelernt habe. Aber sie sei auch traurig darüber, dass er nicht dagegen war, gegen die Nazis. Ich möchte damit daran erinnern, dass es für die jüngere Generation sehr wichtig ist, alles zu wissen. Die jüngere Generation kann nur dann trauern, wenn sie die Zusammenhänge kennt und wenn sie die Sinnfrage beantworten kann. Ich glaube, dass die direkt Betroffenen vieles im Trauern und Gedenken aufnehmen können, weil sie die Personen kannten, die dort umgekommen sind. Die Jüngeren wollen alles wissen und dann können sie auch trauern. Dieter Rieke Empfindungen eines ehemaligen Bautzener Häftlings I h möchte zum Abschluss etwas sagen, was nicht im Gehirn, sondern im Herzen gewachsen ist. Bei jedem Bautzen-Forum hatte ich das Gefühl, dass wir einander brauchen. Wieder und wieder hat sich bestätigt, wie wichtig es ist, dass wir uns hier treffen. Das Gefühl der Gemeinsamkeit wächst bei dieser Veranstaltung, denn wir leben überall in der Bundesrepublik verteilt. Zu Hause ist jeder für sich alleine, da es so wenig Gesprächspartner gibt und die gesamte Verwandtschaft das Wort Bautzen nicht mehr hören kann. Hier können wir uns austauschen und hier wächst das Gefühl der Nestwärme. Diese Nestwärme, die wir untereinander im Gelben Elend oder im Objekt II hatten, reflektiert sich jetzt und bestärkt uns. Ich darf deshalb die Hoffnung aussprechen, dass wir alle gesund bleiben, damit das nächste Wiedersehen ein gesundes Wiedersehen wird. 84 Siegfried Vergin Schlusswort Trauern, gedenken und lernen sind im Grunde genommen die drei Verben, über die wir heute geredet haben und auch noch weiter hätten reden müssen. Wir sind noch nicht beim Lernen angekommen. Deswegen möchte ich einen Hinweis für die weitere Arbeit des Bautzen-Forums geben. Nach meiner Auffassung müssen in den Aufarbeitungsprozess die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung stärker einbezogen werden, als es bisher der Fall war. Dies sind Zentren, die der Staat geschaffen hat, um politisches Lernen zu unterstützen und zu organisieren. Es reicht nicht aus, es anderen zu überlassen und sich auf die Formen des Gedenkens, über die wir heute gesprochen haben, zurückzuziehen. Mir erscheint es daher wichtig, in einem nächsten Schritt die Bundeszentrale für politische Bildung mit in die Pflicht zu nehmen, damit sie sich aktiver in diesen Prozess einschaltet. Ich bedanke mich bei den Teilnehmern des Podiums für ihre grundsätzlichen Anmerkungen zu diesem Thema und allen, die mitdiskutiert haben, und ich hoffe, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung aus ihrer Tradition heraus die Reihe der Bautzen-Foren fortsetzt. Wir hoffen, dass die meisten von Ihnen wieder beim nächsten Bautzen-Forum anwesend sein werden. Es wird um andere Themen gehen, wobei die zugrunde liegenden Ereignisse doch immer dieselben bleiben werden. Es geht darum, diese aufzuarbeiten, aber auch darum, sich wieder zu sehen. Nur dadurch kann aufrechterhalten werden, was Sie gemeinsam erlitten haben und wofür Sie Zeugen sind. Ihre Zusammenkunft soll die Aufarbeitung in die Zukunft und in die Zukunftsgeneration hinübertragen, von der wir hoffen, dass sie nicht einst einem solchen Schicksal unterworfen sein wird, wie es die Geschichte für die jetzige und vorherige Generation bereithatte. 86 Sonderveranstaltung in der Gedenkstätte Bautzen Friedhelm Boll Einführung zu Dieter Riekes Erlebnisbericht: „Geliebtes Leben" Dieter Rieke dürfte vielen aus der Zeit nach der deutschen Vereinigung bekannt sein. Als langjähriger Mentor des Bautzen-Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung und gesuchter Gesprächspartner der Medien wie auch der„Gauckbehörde" hat er seit 1990 einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass die stalinistische Verfolgung, i nsbesondere die von Sozialdemokraten, wach gehalten wurde. Daher hat Karl Wilhelm Fricke Recht mit seiner Einschätzung: Dies ist ein Buch, das geschrieben werden musste. Für diejenigen, die Dieter Rieke nicht so gut kennen, seien kurz einige Stationen seines Lebens in Erinnerung gebracht: • Nach Hitlerjugend und Reichssegelschule kam er in Frankreich und Italien zum Fallschirmspringer-Einsatz, wo er sich mit Malaria infizierte. So hatte er bei Kriegsende das Glück, als Rekonvaleszent in seiner Heimat zu sein und i m Gegensatz zu vielen Spätheimkehrern- den politischen Neuanfang von Anfang an mitzuerleben und mitzugestalten. • Rasch wurde der 21-Jährige von älteren Sozialdemokraten in die Parteiarbeit integriert. Als Leiter der Presseabteilung seines Heimatkreises Gardelegen bekam er einen guten Einblick in die lokalen Vorgänge der sowjetischen Militärregierung, i nsbesondere was Misswirtschaft und kommunistische Machtpolitik angeht. Für Insiderberichte z. B. über die Stimmung in der Bevölkerung und die Herrschaft der Sowjets, die er an das sozialdemokratische Ost-Büro in Hannover sandte, war er daher der richtige Mann. Institutionell zur Zusammenarbeit mit der sowjetischen Kommandantur gezwungen, vermitteln seine Erinnerungen einen lebhaften Eindruck von der Vorgehensweise der russischen Besatzungsmacht z. B. in der Frage der Enteignung von Grundbesitz und der Ausschaltung demokratischer Kräfte. Dass seine Aktivitäten erst 1948 aufflogen, ist verwunderlich, allerdings auch sehr bedrückend: Zwei grobe Fehler des Ostbüros der SPD, das einen seiner Berichte mit voller Namensnennung veröffentlichte und das die in die Zone gesandten Kuriere nicht richtig schulte, führten zu Riekes Festnahme und zur Offenlegung aller seiner gegen das SED-Regime gerichteten Aktivitäten. 88 • Rieke war insgesamt 8 Jahre u. a. in Halle, Hohenschönhausen, Torgau und zumeist in Bautzen inhaftiert, bevor er nicht zuletzt auf massive Intervention von deutschen und britischen Sozialdemokraten Weihnachten 1956 freikam. Nach einigen Jahren journalistischer Tätigkeit für sozialdemokratische Presseorgane in Bonn, für die er auch vom Eichmann-Prozess in Jerusalem berichtete, ging er 1967 als Leiter des Presseamtes der Stadt Rüsselsheim nach Hessen, das eine Art Patenschaft für DDR-Verfolgte übernommen hatte. Zu den Besonderheiten seines Lebensberichts seien drei Punkte hervorgehoben: 1. Rieke hat mehr erlebt, mehr gesehen und auch mehr erlitten als andere Bautzen-Häftlinge. 2. I m Gegensatz zu vielen anderen verzichtet er vollkommen auf die bekannten Geschichten und Anekdoten, wie sie vielfach über Bautzen erzählt werden. Er verbietet sich die Pose desjenigen, der behauptet, das alles ohne Schaden überstanden und mit Verachtung für die kommunistischen Verfolger weggesteckt zu haben. Er sagt offen: Der Preis, den er ganz persönlich zahlen musste, war zu hoch. 3. Herausragende Analysefähigkeit und prägnante Formulierungsgabe versetzten i hn in die Lage, Beobachtungen zu machen und auf den Begriff zu bringen, die andere nicht machten oder so nicht wiedergeben können. Seine Aussagen haben daher auch großen Wert für historische Forschungen. Sie sind daher in hohem Maß als repräsentativ anzusehen. Diese drei Punkte seien etwas genauer ausgeführt. 1) Dieter Rieke hat aufgrund seiner Arbeit und der Kontakte zu den Sowjets zwischen 1945 und 1948 mehr erlebt, als Pfleger auf dem Sterbesaal des TBC-Hauses in Bautzen mehr gesehen und als prominenter politischer Häftling mehr erlitten als viele andere Bautzen-Häftlinge. Er war länger in Haft als viele andere, hat mehrfach lange Perioden extrem entwürdigender, von körperlichem Verfall und gegen sich selbst gerichtetem Ekel begleitete Einzelhaft durchlebt, hat als Pfleger auf der TBC-Station manchen Kameraden beim Sterben beigestanden und viele andere als Tote aus dem Lager tragen müssen.1 Ich bin mir bewusst, dass ein solcher Vergleich problematisch i st, weil er als Herabsetzung des Leidens anderer missverstanden werden könnte. Wenn ich dennoch diesen Vergleich anstelle, so stütze ich mich auf viele Gespräche und Interviews mit ehemaligen Häftlingen, die meine Einschätzung bestätigen. 1Dies und das Folgende nach Dieter Rieke: Geliebtes Leben. Erlebtes und Ertragenes zwischen den Mahlsteinen jüngster deutscher Geschichte. Berlin 1999 Zu erwähnen ist auch, dass Dieter Rieke als Pfleger im TBC-Saal wichtige Informationen sammeln und weitergeben konnte, die für die Vorbereitung und Durchführung des Bautzener Aufstands, gemeint ist der Hungerstreik vom März 1950, eine Rolle spielten. Die entsprechenden Texte in seinem Buch sind wichtige zeitgeschichtliche Dokumente, die im Anschluss an diese Einführung hier nochmals abgedruckt werden. Auch im persönlichen Bereich hat er außerordentliche Schläge aushalten müssen. Gerade jüngere, unverheiratete Häftlinge berichten immer wieder von Mitgefangenen, die sich aufrieben aus Sorge um Ehefrau und Kinder oder um andere Angehörige, die sie der Not der Nachkriegszeit und den Verleumdungen der SED überlassen mussten. Das zielgerichtete Vorgehen der Sowjets, die Angehörigen der Verhafteten monate- und jahrelang im Ungewissen zu lassen, hatte für beide Seite eine zermürbende Wirkung zur Folge. Wie sehr Gefühle der Schuld und der Scham einen Menschen innerlich verzehren können, lässt sich anhand des Berichts von Dieter Rieke nachempfinden. Zwar wusste er, dass sein Einsatz für Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit gefährlich ist. Aber im Gegensatz zu den Widerständlern des Dritten Reiches konnte er seine Frau auf diese Art der Verfolgung nicht vorbereiten, musste sie aus Vorsicht im Unklaren über die Gefährlichkeit seiner Westkontakte lassen. Erst in der Haft erfuhr er, wie sehr sein Leben gefährdet war und wie sehr seine persönliche Aufrichtigkeit in den Schmutz gezogen wurde. Die lokale SED nutzte seine Verhaftung zu einer üblen Kampagne, durch die er als Verbrecher und charakterlicher Schuft dargestellt wurde. Seine Frau hielt diesen Verleumdungen nicht stand und sagte sich von ihm Ios. So ging ihm auch dieser persönlichste Rückhalt verloren und er musste vom Zuchthaus aus einen deprimierenden Scheidungsprozess führen. Auch für die Bedeutung der(Ehe-) Frauen im Leben ehemaliger Verfolgter ist dieses Buch eine außerordentlich wichtige Quelle. Dieter Riekes Ehrlichkeit ist eine besondere Stärke seines Buches, wenn es z. B. darum geht, die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Geborgenheit zu beschreiben, die ihn nach der Haftentlassung mehr als einmal überfiel. Zum Schluss musste er länger als alle anderen die hoffnungsvollen Höhen und deprimierenden Tiefen des Wartens auf die Entlassung durchstehen, bei der man ihn wie er glaubte- fast„vergessen" hätte. Er konnte nicht wissen, dass der Berliner SPD-Vorsitzende Franz Neumann bereits seit Herbst 1955 eine wöchentliche Kampagne für die Freilassung der noch immer grundlos eingekerkerten politischen Häftli nge entfacht hatte. Im Rahmen dieser Woche für Woche veröffentlichten Liste politischer Häftlinge war auch sein Name mehrfach genannt worden. Erst am 21.12.1956, als fast alle anderen politischen Häftlinge aus der Besatzungszeit längst entlassen waren, wurde er, zuletzt noch auf Druck einer Delegation der englischen Labour-Party, auf freien Fuß gesetzt. 90 2) Worin unterscheidet sich Riekes Darstellung von anderen Haftberichten? Wer sich mit der Literaturgattung der Lager- und Gefängnisberichte gerade der frühen Nachkriegszeit befasst hat, wird wissen, dass sie stärker als jede andere biographische Literatur von den Momenten erzählen, in denen die Häftlinge- wenn auch nur punktuell und in seltenen Augenblicken- ein kleines Stück Menschlichkeit wahren und eigenes Handeln realisieren konnten. Viele Erlebnisberichte(übrigens auch von ehemaligen KZ-Häftlingen) sind von einem roten Faden durchzogen, den der Psychotherapeut Hillel Klein„Inseln der Menschlichkeit" genannt hat. Seien dies Augenblicke der Solidarität, der Freundschaft oder auch die Begegnung mit einem Wärter, der sich nicht als Scherge der Unterdrückung, sondern einfach als Mensch erwies. Derartige„Inseln der Menschlichkeit" werden, so Klein, schon allein deshalb bevorzugt erinnert, weil die erniedrigte und gedemütigte Persönlichkeit an diesen Momenten anknüpfen und die Verfolgungszeit überwinden konnte. Dieter Rieke verbietet sich eine derartige Konzentration auf die positiven, die„erzählbaren Geschichten" des Lagers. Bis in die Beschreibung der erniedrigendsten Körperfunktionen hinein schildert er Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Schuldgefühle (z. B. gegenüber seiner nicht eingeweihten Ehefrau), systematische Entmenschlichung durch verweigerte Körperhygiene, ja auch die Versuchung, sich aufzugeben und die eigene Selbstachtung fahren zu lassen. „Meine Gedanken kreisten wild durcheinander. Ich sah alles wie im Traum und konnte die Wirklichkeit nicht begreifen. Verzweiflung stieg in mir auf. Wie ein Tier rannte ich gegen die Gittertür, ich wolle hier raus. Ein Posten auf dem Gang schrie mir etwas entgegen. Ich ließ mich wieder auf den Teppich fallen und trommelte auf den Boden. In dieser Irrsinnigkeit entleerten sich bei mir Blase und Darm. Mein Körper zitterte und ich begann zu frieren. Die Hose war völlig durchnässt, Tränen liefen mir die Wangen hinunter. Ich versank in einen geistigen Dämmerzustand, unfähig zu denken und zu reagieren. Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Boden gelegen habe." 2 „Ich lebte im Untersuchungsgefängnis Halle wie in Trance, nahm die Wirklichkeit nur schemenhaft wahr und fand mich nicht in der Lage, eine Strategie für meine Rechtfertigung der politischen Kontakte mit Westdeutschland zu entwickeln und i n dieser Aussichtslosigkeit noch normal zu reagieren. Ich fühlte mich in Kopf und Körper wie gelähmt und kaum imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. I n der Zelle herrschte fahles Dämmerlicht. Nur an dem schmalen Streifen oberhalb der Blende erkannte ich, ob draußen Tag oder Nacht war. Morgens eine Scheibe feuchtes Brot mit Marmelade, abends eine dünne Suppe. Ich konnte mir ausrechnen, wie lange das durchzuhalten war. 2 Rieke, S. 125 Auf dem Gang vor den Zellen schlichen die Posten in Filzpantoffeln. Leise schoben sie die kleine Klappe am Guckloch der Tür beiseite und schauten nach, was ich mache. Versuchte ich mich auf das Bett zu legen, donnerte es an der Tür. , Aufstehen!', brüllte der Posten. Es war, als ob man ein Tier bewachte." Das, was ihn hinderte alles zuzugeben, was die Verhöroffiziere aus ihm herauszupressen suchten, war seine Selbstachtung, seine immer durchgehaltene Überzeugung, als Sozialdemokrat nicht zum Verräter, zum Schuft werden zu dürfen. Während andere Haftberichte über Bautzen sich vielfach auf die ermutigenden Seiten konzentrieren, auf den Häftlings-Chor, den u. a. die Brüder Kempowski mit aufbauen konnten, die wissenschaftlichen Vorträge der älteren Häftlinge, den illegalen Bibelkreis, zu dem Pfarrer Sinkwitz gehörte, die politischen Diskussionsrunden der Jungsozialisten um Franklin Schultheiß oder die Kriegsgeschichten der ehemaligen Soldaten, verzichtet Rieke bewusst und konsequent auf derartige, die Haft allzu leicht verklärende Schilderungen. Er zwingt sich und den Leser, gerade die Dinge wahrzunehmen, die kaum sonst jemand in Worte fasst. „In der Gittertür befand sich ein Rondell mit einem Mechanismus zum Durchreichen des Essens, ohne dass der Gefangene die Möglichkeit hatte, mit dem Wärter in Berührung zu kommen. Ich musste mich ausziehen und durfte nur die Unterhose anbehalten.- Das war also der berüchtigte Karzer. Ich weiß heute nicht mehr, wie lange ich in diesem Käfig verbracht habe es mögen Tage oder auch Wochen gewesen sein. Es gab kein Tageslicht, ständig brannte die Lampe in dem Kasten über der Tür. Einmal am Tag gab mir der Posten eine Schüssel mit einer undefinierbaren Brühe und ein Stückchen Brot. Der Durst wurde schier unbezwingbar. Barfuß, durchgefroren und nur mit der dünnen Unterhose bekleidet war dies ein Vegetieren, in dem man durchdreht und sich selbst aufgeben möchte. In dem engen Raum lief ich ständig auf und ab. Manchmal schob der Posten einen Hebel zur Seite und konnte so von außen das Bettgestell herablassen. Ich fiel todmüde auf das nackte Eisengestell und schloss die Augen. Kaum war ich in einen Dämmerschlaf gefallen, weckte mich der Posten mit lauten Faustschlägen an der Tür wieder auf. Nach einigen Stunden wurde das Bett wieder hochgeklappt."' 92 s Rieke, S. 129 Rieke, S. 131 Hier tut sich allerdings ein grundsätzliches Problem auf: 3) Wie beschreibt man die schier endlos wirkende Einzelhaft in dunklen Kellern, den völligen Stumpfsinn, der sich bei den zur absoluten Untätigkeit verurteilten Häftlingen einstellt? Welche Worte findet man für Zeiten, in denen nichts geschah, die nur angefüllt waren mit Trauer, Nichtstun, zermürbendem Warten und vergeblichem Hoffen auf Veränderung? Was bleibt von diesen Phasen der Verzweiflung im Gedächtnis haften außer widerlichen Gerüchen von Dreck und Exkrementen, Bildern von grauen Zellen und grellen Verhörlampen, von schummrigen Karzern, erschreckendem Türenschlagen, von Halluzinationen und Wunschphantasien? Gerade diese oft an die menschlichen Sinne gebundenen Erinnerungen lassen sich durch die reine Benennung nicht bannen. Gerade weil sie nicht als Text, nicht als kognitive Erinnerung im Gehirn gespeichert werden, kehren sie als Geruch, als Gestank, als widerlicher Geschmack oder als Alptraum ins Bewusstsein zurück, ohne dass man sich dagegen wehren kann. Dieter Rieke ist einer der wenigen Autoren, der den Leser in diese Welt aus Dreck, Verwahrlosung, Hunger, Entzug aller hygienischen Selbstverständlichkeiten, übelsten Beschimpfungen und Todesdrohungen sowie der dadurch erzeugten Verzweiflung einführt, mit der die NKWD ihre Opfer aussagewillig machte. Auch die durch diese Entmenschlichung entstandenen Persönlichkeitsveränderungen werden von ihm beschrieben. Es heißt: „Ich fühlte mich wie ein heruntergekommener Hund in einem Rudel Gleichaussehender. Die sonst gewohnten Umgangsformen verlieren sich nach und nach, man reagiert wortkarg, abgestumpft und baut eine innere Mauer auf, um die banale Umwelt nicht in sich eindringen zu lassen. Erste Anzeichen eines ungewollten Persönlichkeitswandels werden fühlbar, der nur darauf ausgerichtet ist, in primitiven Bahnen des Denkens zu verharren und physisch nur das Notwendigste zu tun. Es werden Instinkte für die Witterung von Umgebungsveränderungen wach, auf die man sich einstellen und reagieren muss. Die Blicke gehen ständig umher und registrieren geringste Details, die sich anbahnen oder ändern. Man sieht den Holzspan auf der Erde mit dem Gedanken, ob man ihn irgendwie gebrauchen kann, man entdeckt eine Zigarettenkippe und spürt das Wiedererwachen der schon abhanden gekommenen Raucherlust; man merkt sich jeden Flurwinkel und die Entfernung zur nächsten Tür und man reagiert oft ohne aktuellen Grund feindlich und aggressiv gegenüber dem Wachpersonal als dem sichtbaren Verursacher der eigenen Freiheitsberaubung- mit dem Gedanken, i hm im nächsten Augenblick an die Kehle zu springen." 5 5 Rieke, S. 163 War man einmal in Bautzen, so die Erinnerung vieler ehemaliger Häftlinge, so trat eine gewisse Ruhe ein. Dieter Rieke erlebte jedoch mehrfach eine grausame Steigerung seines Haftalltags: Er wurde in den folgenden Jahren noch zweimal der Tortur einer erneuten Untersuchungshaft unterzogen. Außerdem hieß es, dass Leichenträger schon wegen ihres Wissens nicht entlassen, sondern nach Sibirien verschleppt würden. In der Sprache der Psychiater nennt man diese Erneuerung der Angstgefühle eine folgenschwere sequenzielle Traumatisierung. Während der zweiten U-Haft sollte er für einen Schauprozess gegen andere Sozialdemokraten und ihr angeblich verbrecherisches Verhalten vorbereitet werden. Seine dort zu machende Aussage war bereits ausformuliert, dennoch fand er die Kraft, die Unterschrift zu verweigern. I n der dritten U-Haft musste er in einem weiteren Prozess aussagen, weil man Personen verhaftet hatte, die Kontakt zu ihm hatten. Dass die Stasi ihn, der sich auch in der Bundesrepublik u. a. als Sprecher des sozialdemokratischen Arbeitskreises ehemaliger politischer Häftlinge führend betätigte und über 50 Zeitungsartikel zu dieser Thematik schrieb, weiterhin beobachtete, Personen aus seinem Umkreis aushorchte oder gar erpresste, wird aus heutiger Sicht nicht überraschen- es hat Dieter Rieke aber über lange Zeit einen massiven Schock versetzt und die Abfassung seiner Erinnerungen nicht selten zur Qual werden lassen. Alles Weitere soll dem Urteil der Leserinnen und Leser überlassen bleiben. Wer es liest, wird immer wieder auf Passagen stoßen, die die Grenzen des Sagbaren berühren, die die unbeschreibliche Verlassenheit eines jungen Mannes zum Thema haben, der oft nicht mehr wusste, wie er seine Selbstachtung und seine Menschenwürde sowie seine Bindung an die von ihm verteidigte Partei erhalten soll. Lieber Dieter Rieke, bitte gestatte mir zum Schluss eine persönliche Bemerkung, die ich als Kompliment aufzufassen bitte: Du bist in den Jahren nach der Wende manchem, der enger mit dir zu tun hatte, gelegentlich zur Last gefallen mit deinem Engagement für die Sache der politischen Häftlinge. Nicht nur mir, vielen meiner Kollegen in der Friedrich-Ebert-Stiftung ist es so gegangen, dass wir dich jetzt nach der Lektüre deines Buches- erst richtig verstehen. Ich hoffe, dass es vielen Lesern auch so geht. 94 Einweihung der Gedenkkapelle am Karnickelberg Benno von Heynitz Herr Ministerpräsident, Herr Staatsminister Prof. Meyer, meine Damen und Herren Abgeordnete, Herr Oberbürgermeister, liebe ehemalige Mithäftlinge, meine Damen und Herren, als Ehrenvorsitzender des Bautzen-Komitees darf ich Sie zur Einweihung der Gedächtniskapelle auf dem Karnickelberg in Bautzen ganz herzlich begrüßen. Mit dieser Einweihung wird zugleich eine Gesamtanlage eingeweiht, die für die neuen Bundesländer einzigartig ist. Sie ist entstanden durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit der ehemaligen politischen Häftlinge von Bautzen mit dem Freistaat Sachsen, mit der Stadt Bautzen und mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Hier im Bereich des Karnickelbergs in Bautzen wurden von 1945 bis 1950, zur Zeit des sowjetischen Sonderlagers Nr. 4, im Gelben Elend Tausende von Toten nach der NKWD-Methode namenlos wie Tiere verscharrt. Für ihre Angehörigen sollten diese Menschen für immer spurlos verschwinden. Im Sonderlager selbst herrschten damals unerträgliche Zustände. Tausende von Menschen waren jahrelang auf engstem Raum zusammengepfercht und ohne jede Verbindung nach draußen. Bautzen war ein so genanntes Schweigelager. Neben anderen widerrechtlich Verhafteten waren dort vor allem in einer großen Zahl Menschen inhaftiert, die der sowjetischen Expansionspolitik und dem Monopolanspruch der kommunistischen Ideologie im Wege standen. Darunter waren auch viele Vertreter der neu gegründeten demokratischen Parteien, die sich auf der Grundlage des Potsdamer Abkommens für Demokratie und Menschenrechte eingesetzt hatten. Sie führten ihren Kampf um Demokratie und Menschenrechte, zum Teil auch in enger Verbindung mit den neuen demokratischen Parteien im Westen, mit den Ostbüros von SPD, CDU und FDP Ihr politischer Kampf galt zugleich auch immer der Aufrechterhaltung der politischen Einheit Deutschlands auf demokratischer Grundlage. Für diesen frühen politischen Kampf um die Einheit eines demokratischen Deutschlands mussten sie mit ihren Jahren im Gelben Elend einen hohen Preis bezahlen. Bei den jetzt im Oktober anstehenden Gedenkfeiern zum zehnjährigen Bestehen der deutschen Einheit sollte man das Schicksal dieser ersten Vorkämpfer nach 1945 für ein einheitliches Deutschland auf demokratischer Grundlage nicht ganz vergessen. 104 Die ersten Schritte nach der Wende zum Aufbau einer Gedenkanlage auf dem Karnickelberg unter nahmen die ehemaligen politischen Häftlinge von Bautzen in enger Zusammenarbeit mit der Zentrale des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel. In einer ersten Besprechung in Kassel wurden uns die Pläne für die Errichtung eines Gedenksteines zur Verfügung gestellt. Ein solcher Gedenkstein auf dem Karnickelberg war als zentraler Bezugspunkt für die Trauerbekundungen der Hinterbliebenen damals dringend notwendig, weil die Blumengebinde und Kränze von den Hinterbliebenen verstreut im Gelände abgelegt wurden. Eingeweiht wurde der Gedenkstein dann im November 1990 unter der Teilnahme von Spitzenvertretern des gerade wieder gegründeten Freistaates Sachsen. Im Laufe der Jahre haben wiederholt führende Vertreter der Bundesrepublik Deutschland und des Freistaates Sachsen am Gedenkstein der Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft gedacht. Im Juni 1995 übergab das Bautzen-Komitee als bisheriger Sachwalter die Anlage offiziell in die Obhut der Stadt Bautzen. Danach ging es zügig weiter mit der Umbettung der bei den Suchgrabungen aufgefundenen Gebeine und von 61 Urnen aus Görlitz, es ging weiter mit der Ausgestaltung des Gräberfeldes, mit der Einfriedung der Anlage und schließlich mit dem Bau der Gedächtniskapelle, deren Einweihung wir heute feiern. Bedanken möchten wir uns für die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit besonders bei Herrn Ministerpräsidenten Prof. Dr. Kurt Biedenkopf, der sich von Anfang an persönlich für den Bau einer Kapelle an der Gräberstätte eingesetzt hat, bei Herrn Landtagsabgeordneten Marko Schiemann, bei Herrn Oberbürgermeister Christian Schramm und bei Herrn Hans-Joachim Endler, der als früherer langjähriger Leiter des Umbettungsdienstes des Volksbundes hier in Bautzen ehrenamtlich mit großem Einsatz beim Aufbau der Gräberstätte tätig war. Meine Damen und Herren, liebe Freunde, das Bautzen-Komitee hat stets einen großen Wert darauf gelegt, dass die Arbeiten hier auf dem Karnickelberg auch durch die Kirchen, insbesondere durch ökumenische Andachten begleitet werden. Maßgebend für uns war dabei das alte Bibelwort „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein". Mit diesem Bibelwort sehen wir das innere Wesen des Menschen angesprochen, insbesondere die humanitären Grundanliegen der Trauer, des Trostes, des Gedenkens, der Mahnung und des Versöhnens. Versöhnung über Gräbern- wer denkt dabei nicht an die erfolgreiche Aussöhnung mit Frankreich über den Gräbern von Verdun, über Gräbern mit Kreuzen und nicht über Gräbern mit ideologischen Kampfzeichen. Die herausragende Symbolkraft des Kreuzes für Gedenken und Mahnung, für Versöhnung und Frieden ist unbestreitbar und unverzichtbar. An den verschiedensten Orten gibt es deshalb Einrichtungen, die diesen humanitären Grundanliegen dienen. Gleich mehrere kirchliche Einrichtungen dienen in der Gedenkstätte Dachau diesen Grundanliegen. Die dortige evangelische Kirche trägt den Namen„Versöhnungskirche". Seit 1995 gibt es in Dachau auch eine kleine russisch-orthodoxe Kapelle im Blockhausstil. Sie steht für eine Aussöhnung zwischen dem russischen und dem deutschen Volk. Zurzeit werden andererseits durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge vor den Toren von Wolgograd und vor den Toren von St. Petersburg große deutsche Kriegsgräberstätten gebaut. Gedenken an die Opfer, Mahnung vor Wiederholungen und Versöhnung über den Gräbern sind unverzichtbare Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft. Diese humanitären Grundanliegen, Gedenken an die Opfer, Mahnung vor Wiederholungen und Versöhnung über den Gräbern, sollten nach Auffassung der ehemaligen politischen Häftlinge von Bautzen auch die Leitgedanken für diese in den neuen Bundesländern einzigartige Gedenkanlage sein. Ihre Entstehung wurde maßgeblich unterstützt und getragen durch den Freistaat Sachsen und durch die Stadt Bautzen. Dafür sind wir sowohl dem Freistaat Sachsen als auch der Stadt Bautzen aufrichtig dankbar. Ihnen allen nochmals ein herzliches Willkommen zur heutigen Einweihungsfeier, ich danke Ihnen. 106 Kurt Biedenkopf Sehr geehrter Herr von Heynitz, sehr geehrter Herr Schirmer, Herr Oberbürgermeister, Herr Kollege Meyer, Landtagskolleginnen und Landtagskollegen, verehrte Anwesende und Gäste, verehrte ehemalige Häftlinge der Anstalt in Bautzen, wenn ich versuche, meine Gefühle in dieser Stunde zum Ausdruck zu bringen, dann empfinde ich als Erstes Trauer um die Menschen, die hier sterben mussten. Menschen, denen man sogar das verweigert hat, was wir die letzte Ehre nennen: die Möglichkeit, ihre Identität wenigstens im Tod zu wahren. So kommt auch auf diese Weise die menschenverachtende Natur einer Diktatur zum Ausdruck. Es ist aber auch eine Stunde des Mitgefühls für alle diejenigen, die hier als Gefangene haben leiden müssen. Diejenigen, die diese Jahre überlebt haben, aber diesen Teil nie aus ihrem Leben haben löschen können. Sie haben hier aus unterschiedlichsten Gründen leiden müssen, aber niemals aus Gründen, die in einer rechtsstaatlichen Ordnung als eine rechtmäßige Bestrafung anerkannt werden könnten. Zu dem Mitgefühl gesellt sich das Gefühl, dass dies ein Tag der Besinnung ist. Nicht nur ein Tag der Besinnung auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Botschaft, die uns von denen hinterlassen wurde, die hier sterben und leiden mussten. Die Botschaft, dass sich dies nie wiederholen darf. Aber es ist in meinen Augen auch ein Tag der Ermutigung und der Verpflichtung. Ich fand es sehr gut, dass Herr von Heynitz diese Kapelle mit anderen Kapellen in Verbindung gebracht hat. Kapellen, in denen derer gedacht wird, die unter den Unrechtsregimen der Nationalsozialisten und der Kommunisten gelitten haben und gestorben sind. In ihnen wird aber auch derer gedacht, die unter dem Terror der Nationalsozialisten und Kommunisten an anderer Stelle gelitten haben. Ich meine, dass diese Stätten des Gedenkens, des Bedenkens und der Trauer auch Orte sein müssen, an denen wir uns immer wieder der Notwendigkeit vergewissern, dass wir alles tun müssen, um Unfreiheit und Unrechtsstaatlichkeit in unserem Land in Zukunft zu verhindern. Wir müssten alle diejenigen, gerade auch jüngere Leute, die wieder i n Versuchung geraten, den Weg zur Unfreiheit zu beschreiten, hierher führen. Wir müssen ihnen zeigen, was daraus wird. Ich war von dem Besuch zweier Schüler des 12. Schuljahres aus einem Gymnasium in Sachsen sehr beeindruckt. Sie hatten sich um ein Gespräch bei mir bemüht, weil sie mir Vorschläge machen wollten, wie man junge Menschen erreichen kann, die in Gefahr sind, in(rechts-)extreme Entwicklungen abzurutschen. Die beiden sagten mir, dass aus ihrer Sicht das, was von offizieller Seite in Form von Publikationen und Plakaten dazu getan wird, weitgehend an der Lebenswelt der jungen Leute vorbeigeht, weil es eher zu einem passiven als zu einem aktiven Verhalten führt. Sie haben vorgeschlagen, dass man mit der modernen Technik von heute- mit interaktiven Möglichkeiten- die Biographie eines jungen Mannes darstellen solle, der mit Begeisterung extremistischen Ansichten folgt und am Ende des Verlaufes grau und elend in Trümmern steht. Ich fand diese Idee großartig und habe diese jungen Leute ermutigt, auf diesem Wege weiterzugehen. Und deshalb finde ich es auch gut, dass wir einen Ort der Besinnung, der Ermutigung und der Verpflichtung wie diese Kapelle haben. Sie haben der Staatsregierung und dem Freistaat Sachsen dafür gedankt, dass es diese Kapelle gibt. Ich möchte den Dank zurückgeben. Das Land kann nur fördern, was gefördert werden will. Und diejenigen, die gefördert werden wollten, sind die ehemaligen Insassen, die sich mit der Forderung„Wir brauchen einen Gedenkstein" zusammengetan haben. Im Jahre 1992 haben wir mit Bundeskanzler Helmut Kohl diesen Gedenkstein besucht und damals gesagt, dass dies nur ein Anfang sei. Wir waren 1994 mit dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wiederum an diesem Platz. Das Vorhaben, dass hier ein Haus des Gedenkens, eine Kapelle stehen müsse, wurde immer konkreter. Ebenso die Forderung nach einem Umfeld mit Gebäuden, in denen man durch Exponate und auf andere Weise die Geschichte dieses Gefängnisses, die Perversion seiner Verwendung und die Folgen des Unrechtsstaates auch nachkommenden Generationen deutlich machen kann: als Zeitzeugen und als Zeugnis. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie die Kraft für diese Initiative hatten und dass Sie uns so die Gelegenheit gegeben haben, diese Initiative zu unterstützen. 108 Horst Schirmer Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kameradinnen und Kameraden, ich freue mich, dass Sie so zahlreich zu dieser feierlichen Einweihung unserer Gedenkkapelle zum Gräberfeld nach Bautzen gekommen sind, und darf mich dafür bei Ihnen bedanken. Besonders begrüße ich unseren Ministerpräsidenten Herrn Prof. Dr. Kurt Biedenkopf. Sehr geehrter Herr Ministerpräsident! Am 6. Mai 1999 waren einige Mitglieder vom Bautzen-Komitee und ich bei Ihnen in der Staatskanzlei. Wir besprachen den Bau einer Andachtskapelle auf dem Karnickelberg. Heute befinden wir uns nun erstmalig vor dieser wunderschönen Kapelle. Dafür möchte ich Ihnen im Namen der politischen Häftlinge des Stalinismus/Kommunismus unseren aufrichtigen Dank aussprechen. Weiterhin begrüße ich Herrn Staatsminister Prof. Dr. Meyer, Herrn Landtagsabgeordneten Schiemann, Herrn Pfarrer Dr. Kilan, Herrn Superintendenten Pappai, Herrn Oberbürgermeister Schramm und von der FriedrichEbert-Stiftung Herrn Eisel. Auch heiße ich herzlich willkommen die Vertreter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Vergessen darf ich natürlich auch nicht unseren Ehrenvorsitzenden Herrn Benno von Heynitz und den Vorstand von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft sowie die Anwesenden der dazugehörigen Mitgliedsverbände. Selbstverständlich möchte ich auch einen ganz besonderen Dank an den Architekten dieser gut gelungenen Kapelle, Herrn Sauer, richten. Aber auch Frau Müller und Herrn Seibt vom Staatlichen Hochbauamt sowie allen Handwerkern, die den Bau der Gedächtniskapelle in dieser kurzen Zeit hochgezogen haben, möchte ich ein herzliches Dankeschön sagen. Mögen sie alle eine gute berufliche Zukunft haben. 110 Ganz besonders begrüße ich nun noch Herrn Endler und die Vertreter vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Herr Endler, Sie haben angefangen, als die Ausgrabungen der Bundeswehr begannen und anschließend die Gestaltung des Gräberfeldes vorgenommen wurde. Bis zum heutigen Tag haben Sie mir als sehr guter Fachmann und Freund immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Dafür möchte ich mich bei Ihnen ganz herzlich bedanken. Nach der Begrüßung und den Dankesworten darf ich Ihnen sagen, dass es für mich eine Ehre ist, an dieser denkwürdigen Stelle einige Worte an Sie richten zu dürfen. Ich beginne mit einem Spruch von Leo Tolstoi:„Solange die Menschen nicht alle ihre Mitmenschen als Brüder und das Leben als das heiligste aller Güter betrachten, werden sie immer um des persönlichen Vorteils willen das Leben anderer zerstören." Und somit denken wir auch schon an zwei schlimme Diktaturen. Wir nennen sie auch die braune und die rote Diktatur. Heute bei dieser Einweihung sehen wir ein Gräberfeld, welches den Anfang im Jahr 1945 nahm. Aber nicht als Gräberfeld, sondern als Massengräber, wo die Leichen auch noch mit Chlor übergossen wurden. Im Jahr 1992 suchte die Bundeswehr nicht mehr nach den Leichen, sondern nur noch nach Knochen. Nach genauer Untersuchung wurde festgestellt, dass es sich hierbei um 189 Menschen handelte. Nach den letzten Erkenntnissen sind in Bautzen- nachweisbar durch Namen- 3.653 Menschen von der Sowjetmacht bis 1950 auf dem Karnickelberg verscharrt worden. Die Zahl wird weitaus höher sein, aber es fehlen die Totenlisten. Zu erwähnen sei noch, dass nach der Übernahme von der Volkspolizei ab März 1955 noch 26 Tote auf dem Karnickelberg verscharrt wurden, bewiesen durch Unterlagen der Volkspolizei. Insgesamt starben bei der Volkspolizei bis 1956 nachweisbar 289 Menschen. Die Gedächtniskapelle soll aber nicht nur an das Gelbe Elend erinnern, sondern wir wollen aller Opfer gedenken, die unter der sowjetischen/kommunistischen Gewaltherrschaft leiden mussten. Eine gusseiserne Tafel, die vom Verband ehemaliger politischer Häftlinge des Stalinismus e. V Braunschweig gestiftet wurde, erinnert an alle Speziallager, die in der SBZ bestanden haben. Allein in der sowjetischen Besatzungszone wurden von 1945 bis Anfang 1950 etwa 250.000 Deutsche inhaftiert. Davon kamen ca. 71.465 zu Tode. Der Terror endete aber nicht 1950. Sondern die DDR hatte vom Freund gelernt und die Brutalität ging weiter. Die DDR verließ den Boden der zivilisierten Tradition und war eine Bankrotterklärung aller positiven Leistung. Wissen wir heute, wo es wieder gefährlich werden kann? Spielen wir ahnungslos wieder mit dem Feuer? Es gibt in unserer Gesellschaft noch Menschen, die wollen nicht erkennen, was der Kommunismus angerichtet hat. An einem Tag wie diesem muss es unsere Aufgabe für die Zukunft sein, demokratische Staatswesen wie einen Augapfel zu hüten. I Autorenverzeichnis PROF. DR. KURT BIEDENKOPF PROF. DR. FRIEDHELM BOLL HANS CORBAT MATTHIAS EISEL JÜRGEN ENGERT DR. HANS-JÜRGEN GRASEMANN BENNO VON HEYNITZ ROBERT KEMPOWSKI SILKE KLEWIN HANS KOSCHNICK RAHEL KRAUSE CONSTANZE KREHL Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Dresden Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Sozialgeschichte e. V Bonn; apl. Professor, Universität-Gesamthochschule Kassel Bautzen-Komitee, Hannover Leiter, Büro Leipzig der Friedrich-Ebert-Stiftung Gründungsdirektor, ARD-Hauptstadtstudio Berlin Oberstaatsanwalt, ehemaliger Sprecher der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter, Braunschweig Ehrenvorsitzender des Bautzen-Komitees, Weilburg Pensionierter Bankkaufmann, Hamburg Leiterin, Gedenkstätte Bautzen Bremer Senatspräsident und Bürgermeister a. D. Schülerin, Bautzen Mitglied des Europäischen Parlaments, Landesvorsitzende der SPD-Sachsen, Leipzig DR. KORNELIA LOBMEIER Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland DR. EHRHART NEUBERT Abteilungsleiter beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin DIETER RIEKE Journalist, Rüsselsheim PROF. DR. HERMANN SCHÄFER Direktor, Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, mit Zeitgeschichtlichem Forum Leipzig MARKO SCHIEMANN Mitglied des Sächsischen Landtages, CDU-Fraktion, Bautzen HORST SCHIRMER Vorsitzender des Bautzen-Komitees, Bischofswerda CHRISTIAN SCHRAMM Oberbürgermeister der Stadt Bautzen SIEGFRIED VERGIN ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur, Mannheim PROF. DR. HERMANN WEBER Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, Universität Mannheim DR. UDO WINKLER Ministerialdirigent, Abteilungsleiter für Allgemeinbildende Schulen, Sächsisches Staatsministerium für Kultus, Dresden In der Reihe„Bautzen-Forum" sind bisher erschienen: Nr. 1 Stalinismus- Analyse und persönliche Betroffenheit. Leipzig 1990(vergriffen) Nr. 2 Gerechtigkeit den Opfern der kommunistischen Diktatur. Leipzig 1991(vergriffen) Nr. 3 Die kriminelle Herrschaftssicherung des kommunistischen Regimes der Deutschen Demokratischen Republik Probleme der strafrechtlichen Verfolgung der Täter. Konsequenzen für den inneren Frieden des deutschen Volkes. Leipzig 1992(vergriffen) Nr. 4 Der 17. Juni 1953- Der Anfang vom Ende des sowjetischen Imperiums. Deutsche Teil-Vergangenheiten- Aufarbeitung West: Die innerdeutschen Beziehungen und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung der DDR. Leipzig 1993(vergriffen) Nr. 5 Die Akten der kommunistischen Gewaltherrschaft Schlussstrich oder Aufarbeitung? Leipzig 1994(vergriffen) Nr. 6 Wahrheit- Gerechtigkeit- Versöhnung. Menschliches Verhalten unter Gewaltherrschaft. Leipzig 1995(vergriffen) Nr. 7 Erinnern- Aufarbeitung- Gedenken. 1946-1996. 50 Jahre kommunistische Machtergreifung in Ostdeutschland. Widerstand und Verfolgung. Mahnung gegen das Vergessen. Leipzig 1996 Nr. 8 Zivilcourage und Demokratie. Vergangenheitsbewältigung ist Zukunftsgestaltung. Leipzig 1997 Nr. 9 Freiheits- und Widerstandsbewegungen in der deutschen Geschichte. Leipzig 1998 Nr. 10 Eine Zwischenbilanz der Aufarbeitung der SBZ/DDR-Diktatur 1989-1999. Leipzig 1999 Impressum Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Leipzig Burgplatz 3 04109 Leipzig Redaktion Gestaltung Fotos Druck Michael Parak, Leipzig Frank Schletter, Leipzig Rainer Justen-Behling, Leipzig Foto auf S. 26 Bernd Wittich, Rödersheim-Gronau Druckhaus Schütze GmbH, Halle/Saale ISBN 3-86077-451-4