Das islamische Argument Warum sich so viele Araber umringt von Feinden sehen JOCHEN MÜLLER N och in den ersten Wochen nach den Anschlägen vom 11. September wurden alle Fragen nach den Ursachen des Wahns als Versuche seiner Rechtfertigung abgefertigt. Inzwischen ist allerdings die Frage nach den Ursachen von Islamismus 1 und Terror durchaus in den Vordergrund des öffentlichen Interesses getreten – nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem»Krieg gegen den Terror« und einer verschärften Politik der inneren Sicherheit. Die in der Folge zu verzeichnenden Positionierungen lassen sich auf zwei Pole zuspitzen: die»Islamthese« und die»Globalisierungsthese«. Die Islamthese geht von einer für die Region des Nahen und Mittleren Ostens spezifischen Bewegung aus, dem Islamismus. Dieser beruhe mit dem Islam auf einer Religion, an der die Aufklärung offenbar vorbei gegangen sei.»Der Islam«, heißt es etwa im»Merkur«,»ist eine unaufgeklärt gebliebene, frühmittelalterliche Religion, die periodisch aggressiv ausbricht … der Terror kommt durchaus aus dem Islam, und die Gewalt hat es nun einmal so an sich, daß sie nur mit Gewalt zu beenden ist.« ( Merkur , 11/2001, S. 955) Diese Position will vom globalen sozio-ökonomischen Kontext, in dem Islam, Islamismus und Terror stehen, nichts wissen. Notfalls eben mit Krieg wollen ihre Vertreter dem radikalen Islam beikommen Die Globalisierungsthese auf der anderen Seite rationalisiert den Terror als mehr oder weniger direktes Resultat einer ungleichen Weltordnung, welche die Menschheit in Gewinner und Verlierer teilt. Gegen den »Terror der Globalisierung« wehren sich nach dieser Lesart die Verlierer mit einem Mittel der Schwachen. Auf Grund ihrer brutalen und arrogan1. Mit Islamismus soll die politische Bewegung des sogenannten»islamischen Fundamentalismus« bezeichnet werden. Der Begriff des»Fundamentalismus« führt in die Irre, weil er suggeriert, dass die»Fundamentalisten« tatsächlich ihre politische Programmatik aus den unveränderlichen religiösen Fundamenten(Koran und Sunna) beziehen. Das entspricht zwar ihrer Ideologie, nicht aber der Wirklichkeit. ipg 2/2002 Müller, Das islamische Argument 43 ten Weltmachtpolitik h ä tten sich die usa die Anschl ä ge im Grunde selber zuzuschreiben. Diese Interpretation, die in Dritte-Welt-L ä ndern ebenso verbreitet ist wie in Teilen der westlichen Ö ffentlichkeit, ignoriert den Islamismus und seine spezifische Ideologie weitgehend. Sie verharmlost die Gefahr, die von ihm ausgeht und ü bersieht, dass es der Islamismus ist und eben nicht irgendeine andere Bewegung der Ä rmsten aus dem S ü den, die hinter dem Terror steht. Die Huntington-Falle Den Vertretern beider Thesen diente der 11. September vor allem als Best ä tigung bisheriger Weltanschauungen. F ü r den tats ä chlichen Zusammenhang von Islam, Islamismus und Terror zeigten sie wenig Interesse. Dennoch sind beide Bewertungen der Anschl ä ge nicht g ä nzlich falsch. In der Tat stehen Terror und Islamismus in engstem Zusammenhang mit der» Globalisierung«, verstanden als kontinuierliche Formierung des kapitalistischen Weltmarkts. Sie stellen eine Reaktion auf die Erfahrungen von(Post-)Kolonialismus und fortgesetzter Armut und Abh ä ngigkeit in der Region des Nahen und Mittleren Ostens dar. Diese Erkenntnis macht nicht den Kolonialismus f ü r alles Leid der Welt verantwortlich und den Islamismus nicht zu einer fortschrittlichen Bewegung. Aber ohne diese Geschichte g ä be es den Terror wahrscheinlich nicht. Zum anderen ist die Gefahr, die von der reaktion ä ren Ideologie des Islamismus und insbesondere seinem Antisemitismus ausgeht, nicht zu leugnen und dr ä ngt durchaus die Frage auf, wie ihr zu begegnen ist. Vor allem die» Islamthese« geht aber von einigen ebenso popul ä ren wie falschen Grundannahmen aus. An erster Stelle steht dabei die fixe Idee vom Islam als Wesenskern der Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens. Von ihr leiten sich auch die Begriffe von der» islamischen« Welt oder den» islamischen« Gesellschaften ab. Sie suggerieren, dass sich s ä mtliche Lebens- und Ordnungsformen von Muslimen vor allem anderen und urs ä chlich auf ihre Religion zur ü ckf ü hren lassen. Wie eine K ä seglocke st ü lpt diese Vorstellung einem riesigen geographischen Raum von der Westsahara bis nach Indonesien, wo die meisten der weltweit etwa 1,3 Milliarden Muslime leben, eine kollektive Identit ä t ü ber. Politische, wirtschaftliche oder kulturelle Fragen – jedes zun ä chst unklare Ph ä nomen bis hin zum Terror wird zun ä chst religi ö s erkl ä rt. Das Paradebeispiel f ü r solche Verirrungen ist die Ableitung der Rolle der Frau in den moder44 M ü ller, Das islamische Argument ipg 2/2002 nen Gesellschaften der Region aus einer Handvoll Koransuren. Es macht indes keinen Sinn, Fragen des 21. Jahrhunderts an den Islam des siebten Jahrhunderts zu stellen. Es gibt auch im Islam keine Wahrheit, wie sie im Buche steht. Vielmehr lie ß sich aus seinen religi ö sen Quellen schon immer alles begr ü nden, was das Herz begehrt: Kommunismus und Kapitalismus, Demokratie und Diktatur, Feminismus und M ä nnerherrschaft, M ä rtyrertum und Sanftm ü tigkeit. Und es finden sich stets Gelehrte, die im Auftrage ihrer politischen Herren religi ö s begr ü nden, was andere als » unislamisch« zu brandmarken versuchen. Im Golfkrieg etwa lie ß sich Saddam Hussein die islamische Gebotenheit seines Kampfes per Fatwa genauso ausstellen, wie die arabischen F ü hrer auf Seiten der Anti-Hussein-Allianz. Es sind vor allem die Islamisten, die behaupten, die absolute und einzige Wahrheit des ein f ü r alle Mal g ü ltigen Koran f ü r sich gepachtet zu haben. Die Annahme von der Religion als Urgrund allen Geschehens in der » islamischen« Welt liegt auch dem Gerede ü ber die unterschiedlichen Zivilisationen oder Kulturen zugrunde, wie es nach dem 11. September wieder in der ö ffentlichen Debatte hervortrat. Dieses basierte auf der Vorstellung von der ganz anderen, weil n ä mlich» islamischen« Kultur – ein Konzept, dem Samuel Huntington Mitte der neunziger Jahre zu neuen Ehren verhalf. Als er behauptete, dass die zuk ü nftigen Weltkonflikte eben auf der Grundlage kollektiver kultureller Zugeh ö rigkeiten ausgetragen w ü rden, hatte er vor allem den Konflikt zwischen» dem« Westen und» dem« Islam vor Augen. Dabei handelt es sich jedoch um eine klassische» selffulfilling prophecy«, die sich auch als Huntington-Falle bezeichnen l ä sst: Es muss nur lange genug die Existenz genuin unterschiedlicher Kulturen behauptet werden, dann k ä mpfen sie auch irgendwann gegeneinander. Indem die Islamthese die Kategorien vom Kulturenkampf noch best ä tigt, tr ä gt sie zum Terror eher bei, als dass sie ihn erkl ä ren k ö nnte. Au ß erdem ist sie Wasser auf die M ü hle der Islamisten, denn sie w ä hnen sich in genau jenem» Kampf der Kulturen«, den Huntington herbeischrieb. Die Gegen ü berstellung der westlichen und der islamischen Kultur hat Huntington indes nicht erfunden. Bei ihm – wie auch in der Islamthese nach dem 11. September – stehen Stereotypen im Mittelpunkt, die schon seit Jahrhunderten die Konzepte von» Orient und Okzident« pr ä gen. Europa und der arabische Raum konstituier(t)en sich in einem langen historischen Prozess – in einem Wechselspiel von gegenseitigen und Selbstzuschreibungen. Und hier liegen auch die Wurzeln eines» islamischen Arguments«, das heute nicht zuletzt im Islamismus zum Ausdruck kommt. ipg 2/2002 M ü ller, Das islamische Argument 45 Projektion und Unterwerfung Die islamische» K ä seglocke« funktioniert bereits im fr ü hen Mittelalter: Das fr ü he Christentum sieht sich mit den Eroberungen im Namen des Islam konfrontiert. Durch die Antithese zum Christentum sch ä rfen sich in der europ ä ischen Wahrnehmung dessen Konturen. Vor allem in der Zeit der Kreuzz ü ge galt die Kultur des Islam als gewaltt ä tig; starr vor Furcht erlebte Europa die zweite Belagerung Wiens durch die Osmanen(1683). Bis heute wirksam ist aber vor allem das Bild, das sich das aufgekl ä rte Europa seit dem 18. Jahrhundert von der anderen Seite des Mittelmeeres machte: Malerei, Literatur und Wissenschaft dokumentieren die exotische Lust am Anderen als dem verdr ä ngten Eigenen. Je tr ä ger, lasziver, irrationaler, woll ü stiger, despotischer, barbarischer und zur ü ckgebliebener der» Orient« aus 1001 Nacht pr ä sentiert wurde, desto fortschrittlicher, vern ü nftiger, gerechter, zivilisierter und machtvoller erlebte sich das Europa der Aufkl ä rung. In diesen Bildern erfindet Europa nicht nur den Orient, sondern auch sich selbst und begr ü ndet daraus seinen Anspruch auf Macht und Ü berlegenheit. Das m ü ndet in das Zeitalter des Kolonialismus, das Napoleon 1798 mit seiner zun ä chst episodenhaft bleibenden Eroberung Ä gyptens einl ä utete. Seither ist der Nahe und Mittlere Osten nicht nur in den kapitalistischen Weltmarkt integriert, sondern steht auch unter dem direkten Einfluss aller westlichen Ideologien, Kulturg ü ter, Denk- und Lebensformen. Die idealisierte Urform des Islam wurde zum Kern der eigenen kollektiven Authentizit ä t und als Gegenentwurf zur europ ä ischen Identit ä t aufgebaut. Der arabische Raum wurde zum Feld der imperialistischen Machtanspr ü che der europ ä ischen Staaten. Deren Ü berlegenheit war eklatant, ihre Fortschrittlichkeit augenscheinlich. Der Fortschritt galt indes als genuin europ ä isch, seine Weitergabe als Gnade und als» white man’ s burden«. Die Kolonisierten galten als Menschen zweiter Klasse. Die» islamische« Welt wurde als zur ü ckgeblieben eingestuft, Land und Leute vermessen, errechnet und erfasst, die Wirtschaft auf die Bed ü rfnisse der jeweiligen Kolonialmacht zugerichtet. Tagt ä glich demonstrierten die Kolonialherren ihre Ü berlegenheit und Geringsch ä tzung. 46 M ü ller, Das islamische Argument ipg 2/2002 Von Beginn an steht somit die Begegnung zweier Welten – die sich in ihr erst konstituieren – im Zeichen einseitiger Macht- und Herrschaftsverh ä ltnisse. Und vor allem kamen die Werte der Zivilisation und Aufkl ä rung in Verbindung mit Unterdr ü ckung, Mord und Totschlag ü ber die Kolonisierten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts stehen Nordafrika, der Mittlere Osten, Mittelasien und Ostasien unter der Herrschaft der europ ä ischen Kolonialstaaten. Als Epoche der Unterwerfung und Dem ü tigung ist diese Zeit fest im kollektiven Ged ä chtnis der Menschen im arabischen Raum verankert – eine naheliegende Konsequenz, deren Existenz und Bedeutung aber in Europa und den usa weitgehend ignoriert wird. Und dies, obwohl etwa der Krieg des faschistischen Italien in Libyen eine Million Menschen das Leben kostete und obwohl zum Beispiel bis zum Ende des algerischen Befreiungskrieges ein Zehntel der Gesamtbev ö lkerung umgekommen waren – und das war vor nicht einmal vierzig Jahren. Koloniale Integration … Konfrontiert mit der Macht der Moderne, standen den Kolonisierten – idealtypisch betrachtet – zwei Wege offen: Integration oder Abgrenzung. In diesen beiden Formen verl ä uft die Auseinandersetzung zwischen » dem« Islam und» dem« Westen bis heute. Ein Beispiel: Als Frankreich im Zuge der Kolonisierung Algeriens die gesetzliche Gleichberechtigung der Frauen durchsetzen will, nahmen viele AlgerierInnen diese Gelegenheit wahr, sich von traditionellen Zw ä ngen zu befreien. Sie integrierten sich, soweit es ihnen gestattet wurde, in die koloniale Gesellschaft. Andere – vor allem die l ä ndliche Bev ö lkerung – erkannten das franz ö sische Anliegen als blo ß es Herrschaftsinstrument eines Kolonialregimes, welches ü ber Frau und Familie den Kampf um die Macht f ü hrte. Das zog eine konservative Gegenreaktion nach sich, die nun erst recht auf der traditionellen Rolle der Frau als Symbol von Eigenst ä ndigkeit und kultureller Identit ä t beharrte. Ä hnlich verlief die Entwicklung im Iran nach der vom Modernisierungsregime des Schahs verf ü gten Zwangsentschleierung bis zur Revolution 1979. Und wenn Laura Bush zu Kriegsbeginn eine Initiative startet, die den» Krieg gegen den Terror« zu einem» Kampf gegen Gewalt gegen Frauen« stilisiert, so steckt darin die historisch erprobte Legitimation von Machtpolitik im Namen westlicher Ideale, die auf der Seite der» Beipg 2/2002 M ü ller, Das islamische Argument 47 gl ü ckten« in tiefstem Misstrauen bis hin zur Abwendung von diesen Werten und ihren Ü berbringern m ü nden kann. Es war diese Janusk ö pfigkeit der Kolonisation, die zur Entstehung des » islamischen Arguments« als kollektiver Identit ä t des Mittleren Ostens und zur Entstehung des Islamismus f ü hren sollte. Schnell wurde n ä mlich deutlich, dass alle Bem ü hungen der Kolonisierten seit Beginn des 19. Jahrhunderts, die Moderne in die eigene Lebenswelt zu integrieren, von der anhaltenden Erfahrung der Unterlegenheit begleitet waren. Ende des 19. Jahrhunderts gaben die Islamischen Neuerungsbewegungen ihre Antwort darauf: Integration und Abgrenzung. Sie passten den Islam den Erfordernissen der kolonialen Moderne an und erkl ä rten ihn zu einer Religion der Vernunft. Der Islam stehe Technik und Fortschritt nicht im Wege – im Gegenteil, er f ö rdere sie. Parallel zur Aneignung des hegemonialen europ ä ischen Vokabulars der Weltbeherrschung und-beschreibung versuchen sie aber, eine eigene Identit ä t gegen die Dominanzkultur zu behaupten. Dazu bot sich die Religion an: Schlie ß lich konnte mit dem Islam eine Epoche der eigenen St ä rke, ja sogar einer Hochkultur verbunden werden, die derjenigen der sp ä teren christlichen Unterdr ü cker meilenweit voraus gewesen war. … und islamische Abgrenzung Daraus entstand ein Leitmotiv, das sp ä ter auch f ü r den Islamismus zentral werden sollte:» Wenn wir jahrhundertelang eine auf unserer Religion basierende Hochkultur besa ß en, jetzt aber in allen Belangen zur ü ckgeblieben sind, kann das nur daran liegen, dass wir vom rechten islamischen Weg abgekommen sind. Zu diesem m ü ssen wir zur ü ckkehren.« Als Antwort auf den europ ä ischen Diskurs entstand so im Kontext der Moderne ein islamischer Diskurs: das islamische Argument. In ihm wurde die europ ä ische Projektion von der islamischen Identit ä t von den Kolonisierten selbst aufgegriffen. Sie sollte nun jedoch von einem Symbol der Schw ä che zur Quelle neuer St ä rke werden. Die idealisierte Urform des Islam wurde zum Kern der eigenen kollektiven Authentizit ä t und als Gegenentwurf zur europ ä ischen Identit ä t aufgebaut. Das Motiv der Abgrenzung von der kolonialen Gesellschaft ü berwog aber erst bei den islamistischen Bewegungen, die in den drei ß iger Jahren ü berall im Mittleren Osten entstanden. Auch sie waren Modernisierungsbewegungen, allerdings setzten sie keine Hoffnungen mehr auf Integra48 M ü ller, Das islamische Argument ipg 2/2002 tion in die kolonialen Sektoren. Das ging nicht zuletzt auf die politische und ö konomische Entwicklung Anfang des 20. Jahrhunderts zur ü ck. Zu Beginn des Jahrhunderts waren die Regionen des Nahen und Mittleren Ostens fest in der europ ä ischen Ordnung verankert. Sie sp ü rten die wirtschaftliche Krise in den Vorkriegsjahren, waren direkt in den Ersten Weltkrieg verwickelt und wurden in ihren Hoffnungen auf Unabh ä ngigkeit, die sich stark an die usa und Wilsons Vierzehn Punkte gekn ü pft hatten, entt ä uscht. Das propagierte Recht auf nationale Selbstbestimmung blieb ihnen vorenthalten. Im Sykes-Picot-Abkommen teilten Frankreich und England die eroberten Gebiete des Osmanischen Reiches in Einflusszonen auf. Entt ä uscht dar ü ber waren insbesondere Angeh ö rige der st ä dtischen Ober- und Mittelschichten sowie Intellektuelle, die zun ä chst auf Kooperation und Partizipation und dann auf die Unabh ä ngigkeit gehofft hatten. Mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre zeigte sich erneut der mangelnde Willen und die Unf ä higkeit des kolonialen Sektors, die arabischen Eliten aufzunehmen. Bis heute gewinnt die Projektion der(Glaubens)Gemeinschaft ihre St ä rke aus dem Bewusstsein, als Muslime von einer Welt von Feinden eingekreist zu sein. 1928 gr ü ndete sich daraufhin in Ä gypten die Muslimbr ü derschaft, deren Entwicklung bis heute charakteristisch und ma ß gebend f ü r viele islamistische Organisationen ist. Die Gr ü ndung war Ausdruck einer Identit ä tssuche und ihr Hauptanliegen dabei die Losl ö sung aus der Kontrolle des Westens. In ihr vereinigten sich viele l ä ndliche Neuank ö mmlinge, die in der st ä dtischen kolonialen Gesellschaft nicht Fu ß fassen konnten. Ihnen ging es nicht mehr um die islamisch formulierte Integration. Die Gesellschaft wurde vielmehr als unislamisch wahrgenommen und anders als die Neuerungsbewegungen sahen sie in ihr keinen Platz f ü r sich. Die Muslimbr ü der verlegten sich zun ä chst auf karitative und soziale Aktivit ä ten: Krankenh ä user und Apotheken wurden gegr ü ndet, Bildungseinrichtungen und Kredite an Bed ü rftige vergeben. Au ß erdem propagierten sie einen» reinen«, fortschrittlichen Islam, der von seinen l ä ndlichen Ü berformungen, von Volksglauben und starren Traditionen befreit w ü rde. Der politische Islam war somit Teil einer b ü rgerlichen Emanzipations- und Modernisierungsbewegung. ipg 2/2002 M ü ller, Das islamische Argument 49 Renaissance in den siebziger Jahren Im nationalen Kampf gegen die auch nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzte koloniale Fremdbestimmung politisierten sich die islamistischen Gruppen und gingen in den republikanischen Bewegungen auf. Nationalismus, Entwicklungsstaat und soziale Gerechtigkeit sind ihre Anliegen. Mustafa Shibai, F ü hrer der syrischen Muslimbr ü der, feierte den Propheten Mohammad als ersten Gr ü nder eines sozialistischen Staates. Nicht zuletzt, weil auch die anderen politischen Str ö mungen im Befreiungskampf ihre Positionen mehr oder weniger in eine islamische Terminologie kleideten und somit» islamisierten«, konnten die Muslimbr ü der sich innerhalb der nationalen Bewegungen nicht besonders profilieren. Der Kampf des gem äß igten Islamismus ist der Kampf eines Teils der st ä dtischen Elite. Er wird nicht um soziale Fragen, sondern um die Macht gef ü hrt. Auch unter den nationalistischen Regimen nach der Unabh ä ngigkeit – sei es der Nasserismus in Ä gypten, die fln in Algerien, die Baath in Syrien und Irak oder die K ö nigt ü mer etwa in Marokko oder Jordanien – hatten sie keine Chance auf eine Massenbasis. Vielmehr wurden sie vielerorts von den totalit ä ren Regimen unterdr ü ckt – weniger wegen ihrer Positionen, sondern im Kampf um die Macht. Erst in den siebziger Jahre erschienen Islamisten wieder auf dem politischen Parkett. Es hatte sich gezeigt, dass die nationalen Entwicklungsregime sozialistischer oder royalistischer Couleur gescheitert waren. Sie konnten ihre Entwicklungs- und Modernisierungsversprechen nicht einhalten und blieben ü berdies abh ä ngig von den Weltm ä chten. Insbesondere der Krieg, den die arabischen Armeen 1967 gegen das kleine Israel so vernichtend verloren hatten, kratzte an der Autorit ä t. Ihre Massenbasis, ihr Charisma war dahin und ihr repressiver Charakter trat immer deutlicher zu Tage. Islamistische Bewegungen gewinnen in den siebziger und achtziger Jahren nun ü berall an Boden. Ihre Positionen klingen bekannt, es ist das » islamische Argument«: Die westlichen Importideologien, sagen sie, haben versagt. Nationalismus, Sozialismus, Kapitalismus(vor allem in Form von Sadats West ö ffnungspolitik) entsprechen nicht unserem Wesen. Wir m ü ssen einen neuen, d.h. einen alten, authentischen islamischen 50 M ü ller, Das islamische Argument ipg 2/2002 Weg einschlagen.» Der Islam ist die L ö sung« wird zu ihrer Parole und zur Antwort auf alle gesellschaftlichen Krisenerscheinungen: wachsende Armut, krasse soziale Ungleichheit, Aufl ö sung traditioneller Systeme und repressive Regime. Hauptmotiv und Quelle der Attraktivit ä t islamistischer Bewegungen ist ihre Abwendung und Abgrenzung vom Westen und seinen Entwicklungsmodellen. Ihre Opposition gilt dabei bis heute jedoch in allererster Linie den F ü hrungen der eigenen Gesellschaften, denen sie vorwerfen,» unislamisch« zu sein und deshalb zu versagen. Moderate Islamdemokraten Zwar grenzen sich die moderaten Muslimbr ü der Ä gyptens in ihrer Propaganda entschieden von der bestehenden Ordnung ab – ihre Programmatik und soziale Herkunft sprechen aber heute mehr und mehr die Sprache der Integration: 95 Prozent der bestehenden Verfassung, sagen die ä gyptischen Br ü der bereits Anfang der Neunziger, entspr ä chen schon den islamischen Vorgaben. Die moderaten(Mainstream-)Islamisten beteiligen sich, so sie zugelassen werden, in ihren jeweiligen L ä ndern an Wahlen, sitzen in Parlamenten(u.a. in Jordanien, Libanon, Ä gypten), integrieren sich in das politische Tagesgesch ä ft und beteiligen sich an Regierungen – wie in der T ü rkei in den siebziger und noch einmal in den neunziger Jahren. Ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen sind – wenn auch islamisch legitimiert – in der Regel auf Privatisierung und auf Marktwirtschaft orientiert. Das gilt f ü r das Konzept einer unter saudischer Federf ü hrung entwickelten Islamischen Wirtschaftsordnung ebenso wie f ü r das Programm des algerischen fis (Front Islamique du Salut) zu den Wahlen 1992 oder die aktuelle iranische Wirtschaftspolitik. Die soziale Frage stellen sie nur noch am Rande. Bei den sozial Deklassierten sind sie vor allem durch ihre karitativen Leistungen popul ä r, mit denen sie in Form eines patriarchalen Klientelsystems an die Stelle des versagenden Staates treten. Die heutigen moderaten Islamisten sind in L ä ndern wie Ä gypten oder der T ü rkei zu einem gro ß en Teil pragmatische Technokraten. Dem entspricht auch ihre soziale Herkunft: Viele Muslimbr ü der beispielsweise geh ö ren heute den Oberschichten an, sind studiert, Anw ä lte, Ä rzte, Naturwissenschaftler und laden in vollklimatisierten B ü ros in Schlips und Kragen zum Interview. Sie haben sich mit der herrschenden Weltordnung arrangiert und in weltweit hegemoniale Diskurse eingeklinkt: Deipg 2/2002 M ü ller, Das islamische Argument 51 mokratie, Pluralismus, Zivilgesellschaft und Menschenrechte geh ö ren zu ihrem Repertoire. Tats ä chlich stellen sie vor dem Hintergrund der beinahe ausnahmslos totalit ä ren und repressiven Regime der Region oft die st ä rkste Demokratie- und Menschenrechtsbewegung dar. Ist doch der Islam vielerorts die einzige M ö glichkeit, das einzige Vehikel, um ü berhaupt politische Opposition formulieren zu k ö nnen. Entsprechend werden sie von den Regimen auch immer wieder verfolgt und unterdr ü ckt. Die Attraktivit ä t des politischen Islam f ü r die Massen verblasst, wenn er nicht mehr Fundamental-Opposition spielen kann, sondern in die Tagespolitik eingebunden wird. Der moderate Islamismus greift Krisenerscheinungen auf, die der Weltmarkt an seiner Peripherie hervorbringt und hat damit die Linke als Protestbewegung der f ü nfziger und sechziger Jahre abgel ö st. Seine » Wir«-Konstruktion, die kollektive Identit ä t der Muslime, stellt jedoch einen extrem konservativen und patriarchalen(in seiner Agitation gegen Andersdenkende oft repressiven und totalit ä ren) und darin vielen Menschen vertrauten Gegenentwurf zur Integration in den Weltmarkt und dessen sozialen Folgen dar. Er richtet sich darin dennoch nicht gegen den Kapitalismus, sondern soll die bestehende Ordnung der Gesellschaft lediglich ertr ä glich erscheinen lassen. Ziel des gem äß igten Islamismus ist seine politische Partizipation und eine ausschlie ß lich wirtschaftsliberale Ordnung. Sein Kampf ist der Kampf eines Teils der st ä dtischen Elite. Er wird nicht um soziale Fragen, sondern um die Macht gef ü hrt. Radikale Str ö mungen Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung des gem äß igten Islamismus stellt sich die Frage, ob das von ihm strapazierte Motiv der entschiedenen Abgrenzung vom Westen und dessen Gesellschaftsmodellen nur noch populistischen Zwecken dient. Tats ä chlich zeigen die Erfahrungen etwa in Jordanien, dass die Attraktivit ä t des politischen Islam f ü r die Massen schnell verblasst, wenn er nicht mehr Fundamental-Opposition spielen kann, sondern in die Tagespolitik eingebunden wird. Gr öß eren Einfluss auf die Bev ö lkerung haben deshalb oft nicht die den Ober- und Mittelschichten angeh ö rigen, machtpolitisch orientierten Technokraten, son52 M ü ller, Das islamische Argument ipg 2/2002 dern die Ideologen innerhalb der islamistischen Str ö mungen. Wie etwa der ä gyptische Prediger Scheich Scharawi, dessen Weltsichten auf Bildund Tontr ä gern die gesamte arabisch-sprachige Region begl ü cken, sind sie h ä ufig religi ö se W ü rdentr ä ger. Sie entsprechen auch ä u ß erlich eher dem Bild vom» Fundamentalisten« als die Schlips-und-Kragen-Fraktion. Bei ihnen – nicht zu verwechseln mit dem staatlich bestellten Gelehrtenislam – dominiert nicht die islamisch dekorierte und legitimierte Integration ins tagespolitische Geschehen, sondern das Motiv der Abgrenzung. Sie bestehen unvers ö hnlich auf ihrer radikal konservativen Interpretation des Koran. Abweichungen davon grenzen sie sch ä rfer noch als ihre moderaten Kollegen aus und konstruieren die Wir-Gruppe der» guten« gegen die» schlechten« Muslime. Die Masse der Bev ö lkerung steht ihrer Perspektiv- und Einflusslosigkeit ohnm ä chtig gegen ü ber. Ohne Hoffnung auf Ver ä nderung in ihrer Gesellschaft verschieben viele die Quelle ihrer Frustrationen auf imagin ä re ä u ß ere M ä chte. Diese Prediger sind auch Verfechter historischer Verschw ö rungstheorien: In den Kreuzz ü gen, im Kolonialismus, im Pal ä stinakonflikt und dem Golfkrieg habe sich der Westen ein ums andere Mal als Feind des Islam erwiesen. Ihrer Auffassung nach sind die islamischen L ä nder lediglich Schachfiguren der imperialen Staaten. Diese haben nichts anderes im Sinn, als den Islam zu vernichten und tagt ä glich die Muslime zu dem ü tigen. Gleichberechtigung der Geschlechter, Kriminalit ä t, Prostitution, Aids, Pornographie, Dekadenz und Drogen sind f ü r sie Ausdruck des moralischen Verfalls infolge westlicher Unterwanderung. In Pakistan beispielsweise wollten Islamisten Madonna und Michael Jackson als» kulturelle Terroristen« vor Gericht stellen, weil sie zur Sittenlosigkeit animierten: All das diene der Schw ä chung des muslimischen Kollektivs. Als» paranoiden Islam« bezeichnete Salman Rushdie diese seiner Ansicht nach derzeit st ä rkste Form des politischen Islam. Die Ideologen liefern einfache Interpretationen der Weltlage und der erb ä rmlichen Situation vieler Menschen in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Die Ver ä nderung der Gesellschaft soll durch die L ä uterung der Individuen stattfinden. Sie appellieren an eine Art von» gesundem Volksempfinden«, das dem» richtigen« Muslim sagt, was akzeptables und was verwerfliches Verhalten ist. Letzteres wird dann dem ipg 2/2002 M ü ller, Das islamische Argument 53 Volkszorn ausgesetzt, wie etwa S ä kularisten oder Homosexuelle. Diese Weltsicht beh ä lt – wie die der westlichen Kulturalisten à la Huntington – den Glauben an einen essenziellen Unterschied zwischen Ost und West bei. Auf die sozialen Widerspr ü che antworten die islamistischen Ideologen reaktion ä r. Sie mobilisieren Hass und geben diesem ein Ziel: » schlechte« Muslime, der Westen und die Juden. Popul ä r sind dabei vor allem die patriarchalen Grund ü berzeugungen der Scharfmacher sowie ihr antiwestliches bzw. antiamerikanisches(hier haben die usa die alten Kolonialm ä chte als Hauptfeindbild beerbt) und antisemitisches Ressentiment. Hier treffen Scharawi und Co. den Ton der Stra ß e h ä ufiger als die islamistischen Technokraten. Stereotypes Alltagswissen M ö glich ist ihnen dies, weil sie an ein» Alltagswissen« appellieren, das zwischen Dakar und Peshawar Millionen Muslime auch unabh ä ngig vom politischen Islam teilen: Die politische und kulturelle Authentizit ä t der islamischen Welt, so lassen es Taxifahrer wie Leitartikler verlauten, m ü sse gegen die fortgesetzte westliche Durchdringung behauptet werden. Vor dem Hintergrund des in kolonialen Zeiten konstruierten 1,3-MilliardenMuslime-Kollektivs f ü hlen sich viele Syrer oder Marokkaner» gedem ü tigt« durch den Krieg im fernen Afghanistan. Deshalb spricht der ä gyptische Autor Sonallah Ibrahim von» Backpfeifen«, welche die Menschen in Kairo t ä glich durch den Pal ä stinakonflikt erhielten. Und so kann der Tod eines irakischen Kindes – betrachtet als Folge der un -Sanktionen – oder eines Hamas-Aktivisten – interpretiert als Mord durch die( us -gest ü tzte) israelische Regierung – den Dem ü tigungsreflex eines ä gyptischen Bankangestellten abrufen. Bis heute gewinnt die Projektion der(Glaubens)Gemeinschaft ihre St ä rke aus dem Bewusstsein, als Muslime von einer Welt von Feinden eingekreist zu sein. Das kommt in kruden Verschw ö rungsfantasien zum Ausdruck: Bev ö lkerungsprogramme, die westliche Entwicklungstechnokraten auch im Nahen und Mittleren Ostens durchsetzen wollen, stehen unter dem Verdacht, die Anzahl der Muslime klein halten zu wollen. Und es wurden Vermutungen laut, die usa h ä tten in Zusammenarbeit mit » j ü dischen Kreisen« die Anschl ä ge vom 11. September selbst inszeniert, um eine Legitimation f ü r ihr Vorgehen gegen islamische Staaten in der Hand zu haben. 54 M ü ller, Das islamische Argument ipg 2/2002 Eine der in vielen arabischen Staaten popul ä rsten Verschw ö rungstheorien ist der Antisemitismus. Die Religion der Juden sei das Geld, hei ß t es, die Juden wollen die Welt beherrschen, sie dominierten in den usa die Medien und eine Politik, die Israel als Br ü ckenkopf in der arabischen Welt bedingungslos unterst ü tze. Als ohnm ä chtige Objekte des Weltgeschehens inszenieren sich die Vertreter solcher Theorien – ein Weltgeschehen, von dem sie glauben, dass es sie als Muslime direkt betrifft. Direkt und am eigenen Leibe erh ä lt der Bankangestellte aus Kairo seine» Backpfeifen« jedoch nicht im fernen Afghanistan oder in Tschetschenien, sondern vor und hinter der eigenen Haust ü r. Als Sohn einer Gro ß familie muss er sich vielleicht wie Millionen andere in den arabischen Metropolen mit ein paar Quadratmetern begn ü gen. Sein Universit ä tsabschluss garantiert ihm noch lange keinen Job, der eine Wohnung erschwinglich machen w ü rde. Ohne Wohnung aber gibt’ s keine Hochzeit, damit auch keine Sexualit ä t und die Erf ü llung eigener(Familien)W ü nsche. So oder ä hnlich steht die Masse der Bev ö lkerung in den Staaten Nordafrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens ihrer Perspektiv- und gesellschaftlichen Einflusslosigkeit ohnm ä chtig gegen ü ber. Die Gl ü cksversprechen der von ihnen gleicherma ß en gehassten wie geliebten Moderne blieben auch nach der Kolonialzeit den nationalen Eliten vorbehalten. Eigenheime, Limousinen oder ein Urlaub mit der Familie sind dem Gros der Menschen zwar zum Greifen nah gekommen, aber doch unerreichbar fern geblieben. Die ö ffentlich ge ä u ß erte Kritik des» kleinen Mannes« richtet sich aber weniger gegen die allt ä glichen Ungerechtigkeiten, selten gegen die so bornierten wie machtversessenen wirtschaftlichen und politischen Eliten und noch seltener gegen die Weltwirtschaftsordnung. Ohne Hoffnung auf Ver ä nderung in ihren Gesellschaften und gef ö rdert durch entsprechende Propaganda von Regierungen und Islamisten, die beide kein Interesse an einer systemkritischen und emanzipatorischen Opposition haben, verschieben viele Menschen die Quelle ihrer Frustrationen auf ü berm ä chtige, imagin ä re ä u ß ere M ä chte und verharren in einer Opferhaltung, die leicht in aggressive Ressentiments m ü ndet. Abwendung und Kampf Dieser Dem ü tigungsideologie bedient sich auch der radikale Islam. Als » Kostprobe davon, was wir Muslime erlebt haben«, legitimierte etwa ipg 2/2002 M ü ller, Das islamische Argument 55 Ussama bin Laden 1998 den Anschlag auf die us -Botschaft in Kenia. Damit kann er an ein politisches Koordinatensystem ankn ü pfen, das im Nahen und Mittleren Osten weitaus verbreiteter ist, als die Sympathie f ü r den radikalen Islamismus. Bin Laden wird hier allein deshalb von vielen gesch ä tzt, weil er Macht und Arroganz der usa mutig entgegen trete. F ü r alle radikalen Gruppen gilt, dass sie sich weniger in ihrer Ideologie vom gem äß igten politischen Islam oder den Predigern unterscheiden, als vielmehr in der Wahl der Waffen. Sie stellen insofern eine Gegenreaktion auf den in den vergangenen Jahrzehnten immer deutlicher dominierenden Kurs des moderaten Islamismus dar. Auch dieser lehnt zwar(zumindest ä u ß erlich) die bestehenden Ordnungen ab, erkl ä rt aber, diese durch Integration von innen her ver ä ndern zu wollen. Deutlich wird dies in den Stellungnahmen, mit denen sich Muslimbr ü der von politischer Gewalt abgrenzen(www.ummah.uk/ikhwan). Die Abwendung der Radikalen von der» falschen« Ordnung ist dagegen total. Gewalt betrachten sie als legitimes Mittel zu ihrer Bek ä mpfung. Ihre Feinde sind zuallererst die Vertreter der eigenen politischen Elite, die vom wahren Islam abgewichen und sich dem Westen angedient h ä tten. Der M ö rder des ä gyptischen Pr ä sidenten Sadat bezeichnete diesen als» Gottesl ä sterer des Islam, der an den Tischen des Zionismus und des Imperialismus speist«. Meist geht diese Ideologie der radikalen Gruppen auf den Muslimbruder Sayyid Qutb zur ü ck, von dem auch Bin Laden ma ß geblich beeinflusst worden sein soll. Trotz ihrer ideologischen Gemeinsamkeiten und trotz des Umstands, dass keine der radikalen Gruppen eine mehr als rudiment ä re politische Programmatik vorzuweisen hat, gilt es zwischen ihnen zu unterscheiden. Stets ist n ä mlich ihr jeweiliger lokaler Kontext ausschlaggebend f ü r ihre Erscheinungsformen. Oft stehen nationalistische Interessen hinter dem religi ö s legitimierten bewaffneten Kampf. Das Ziel der auf den Philippinen oder Indonesien – teils eher als Banden operierenden – Gruppen wie z.B. Abu Sayyaf ist die Unabh ä ngigkeit einzelner Regionen. Dies gilt in ä hnlicher Weise f ü r den bewaffneten Islamismus in Kaschmir, Tschetschenien oder Bosnien. Auch bei der pal ä stinensischen Hamas, einem radikalen Ableger der Muslimbr ü derschaft, spielt ein religi ö s verbr ä mter Nationalismus die Hauptrolle in ihrem Jihad gegen Israel. Den Nationalismus pr ä sentiert Hamas als Teil des islamischen Glaubens. W ä hrend dabei der religi ö se Fl ü gel vom heiligen Boden Pal ä stinas schwadroniert, konzentriert sich der politische auf die nationale Frage. Beiden ist aber ein Ziel gemein: 56 M ü ller, Das islamische Argument ipg 2/2002 » ending Israel«. Einen internationalen Kampf lehnt Hamas hingegen entschieden ab – ihr geht es allein um Pal ä stina(www.cdn-friends-icej.ca/ isreport/hamas; www.palestine-info.com/hamas). Neben der kompromisslosen Bek ä mpfung Israels ist es vor allem der Aufbau sozialer Netzwerke, der f ü r die Popularit ä t der von Saudi-Arabien finanziell gest ü tzten Hamas sorgt. Das gilt auch f ü r die libanesische Hizbullah. Feind der ä gyptischen radikalen Gruppen wie Al Gihad ist die» unislamische« Regierung in Kairo. Attentate gegen Touristen zielten hier weniger auf die Bek ä mpfung westlichen Einflusses als auf die Destabilisierung des Landes, das von den touristischen Deviseneinnahmen abh ä ngig ist. Solche Attentate waren in Ä gypten extrem unpopul ä r. Seitdem haben hier kaum noch terroristische Aktionen stattgefunden. Viel mehr noch als in Ä gypten fungiert der Islamismus in Algerien wie auch auf den Philippinen, in Indonesien oder den zentralasiatischen Staaten vor dem Hintergrund des Zerfalls von Staatlichkeit als Gemeinschaftsideologie. In solchen Regionen, die vom Weltmarkt abgeh ä ngt werden, hat er wie andere Ideologien kollektiver Identit ä t Hochkonjunktur. Das trifft auch auf Afghanistan und die Mudjaheddin-Gruppen, insbesondere die erz-traditionalistischen paschtunischen Taliban zu. Raubö konomie und repressive Gemeinschaftsideologie sind ihre Hauptmerkmale. Der Kopf der Schlange Nicht nur die Angriffe auf wtc und Pentagon verdeutlichen vor diesem Hintergrund die Ausnahmestellung von Al Qaida innerhalb des radikalen Spektrums. Deren Existenz ist zudem ein Ausdruck der Schw ä che der regionalen radikalen Bewegungen. Diese werden in den meisten L ä ndern scharf verfolgt und genie ß en nicht zuletzt wegen ihrer ideologischen und praktizierten Radikalit ä t kaum noch Unterst ü tzung in der Bev ö lkerung. Viele Glaubenskrieger haben sich daher abgesetzt und begr ü ndeten in Afghanistan, Pakistan, Tschetschenien oder Bosnien den internationalen Gihad-Islam. Im Unterschied zu allen anderen Gruppen ist dieser» heimatlos«. Ihn zu vernetzen, war» die Idee« von Bin Laden. Heute laufen, glaubt man den internationalen Geheimdiensten, die meisten F ä den des internationalen Gihad-Islams bei Al Qaida zusammen, das in ca. f ü nfzig Staaten agieren soll. Bin Laden gab den Gihadisten die materiellen Ressourcen, um ihren Kampf auf internationaler Ebene fortzusetzen. Im ipg 2/2002 M ü ller, Das islamische Argument 57 Vergleich dazu erscheinen die lokalen Gruppen, mit denen Al Qaida teilweise in Verbindung steht, archaisch. Allein Al Qaida ist sowohl willens als auch in der Lage, ihre gemeinsame Ideologie – und das ist vor allem Hass auf den Westen – in Taten umzusetzen. Ihre Anschl ä ge betrafen im Unterschied zum Terror aller anderen Gruppen, der sich gegen eigene nationale Regime, gegen» Besatzungsm ä chte« oder schlicht gegen die Bev ö lkerung richtete, ausnahmslos us -Einrichtungen(in Somalia, SaudiArabien, Tansania, Kenia und den usa ). Al Qaida ist die extremste Form des» islamischen Arguments«, das in seinen verschiedenen Facetten in engstem Zusammenhang mit der Geschichte der westlichen Interventionen steht. Der Hass auf die usa und das saudische K ö nigshaus sind die treibenden Momente im Denken von Bin Laden. Die Pr ä senz von us -Truppen in Saudi-Arabien seit dem Golfkrieg spielt dabei eine zentrale Rolle. Und mit dieser Einsch ä tzung steht er nicht allein. So schrieb die liberale libanesische Zeitung As Safir, dass Saddam Hussein wohl ein Verbrechen an Kuwait ver ü bt habe, die saudische K ö nigsfamilie allerdings ein viel gr ö ß eres an der arabischen Welt, als sie die Imperialisten eingeladen habe. In seiner Agitation gegen» Juden« oder» Zionisten und Kreuzfahrer« appelliert Bin Laden an diesen anti-kolonialen Dem ü tigungsreflex. Sein proklamiertes Hauptziel ist die» Befreiung« der» islamischen Welt« von den usa . Konkret bezieht er sich vor allem auf Saudi-Arabien, die Sanktionen gegen den Irak und den Pal ä stinakonflikt: Israel m ü sse als» Kopf der Schlange Amerika abgeschlagen werden«. R ä cher des Kollektivs Die Al-Qaida-K ä mpfer fantasieren sich als R ä cher f ü r das an den Muslimen insgesamt begangene Unrecht. Als solche sind sie die extremste Form des» islamischen Arguments«, das in seinen verschiedenen Facetten – im Alltagswissen, im Islam der Gelehrten und Prediger, in der Instrumentalisierung durch die Regierungen sowie im Islamismus der Integration und des Terrors – in engstem Zusammenhang mit der Geschichte der westlichen Interventionen steht. Orientalismus und Kolonialismus sollten daher nicht aus dem historischen Ged ä chtnis und aus 58 M ü ller, Das islamische Argument ipg 2/2002 der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Islamismus entfallen – sie sind pr ä gend f ü r jeglichen islamischen Diskurs und die islamistische Ideologie. Diese wird zudem immer wieder bef ö rdert durch milit ä rische Interventionen, die in schlechtester kolonialer Tradition im Namen von Zivilisation, Demokratie und Menschenrechten gef ü hrt werden, sich aber allzu offensichtlich am wirtschafts- und machtpolitischen Kalk ü l ausrichten. Welchen Grund, so fragen sich viele in der arabischen Welt, gebe es sonst daf ü r, die von ihnen verachtete saudische Despotie zu hofieren, die Bev ö lkerung des Irak aber mit Krieg und todbringenden Sanktionen zu ü berziehen? Und warum wurden die Rechte der afghanischen Frauen erst entdeckt, als der Krieg gegen die Taliban gerechtfertigt werden musste? Die interessengeleitete Anwendung der zivilisatorischen Ideale tr ä gt wesentlich dazu bei, dass diesen nebst ihren Vertretern mit anhaltendem Misstrauen begegnet wird. Ein ums andere Mal dient das Agieren des Westens zur ideologischen Rechtfertigung der» islamischen Antwort« – vom allt ä glichen Dem ü tigungsreflex ü ber islamische Identit ä tspolitik bis hin zum Terrorismus. Die Ideologie des wie gesehen ü beraus wirkungsm ä chtigen» islamischen Arguments« ist indes durch koloniale und postkoloniale Unterdr ü ckung nicht» objektiv«, also durch ä u ß ere Umst ä nde, legitimierbar. Zum einen sind es selten die Verdammten dieser Erde, die sich aus den Slums von Kairo, Algier oder den pal ä stinensischen Fl ü chtlingslagern mit Terror und Vernichtungsdrohung zu Wort melden. Und zum anderen gibt es f ü r Verschw ö rungstheorien, Gemeinschaftsideologie, M ä rtyrerkult und Antisemitismus keine» Begr ü ndung«, auch keine historische. Sie alle stellen zutiefst reaktion ä re und bedrohliche Antworten auf vergangene wie gegenw ä rtige, eingebildete wie reale Leidenserfahrungen dar. ipg 2/2002 M ü ller, Das islamische Argument 59