1 Gesprächskreis Politik und Geschichte Heft 1 Stephan Malinowski Vom König zum Führer Zum Verhältnis von Adel und Nationalsozialismus Dokumentation einer Veranstaltung am 9. Juli 2004 im Studienzentrum Karl-Marx-Haus in Trier Friedrich-Ebert-Stiftung 2 ISBN 3-89892-329-0 Herausgegeben von Beatrix Bouvier Studienzentrum Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung, Trier Kostenloser Bezug im Studienzentrum Karl-Marx-Haus in Trier der Friedrich-Ebert-Stiftung Johannisstr. 28, 54290 Trier (Tel. 0651-97068-0) E-mail: elke.becker@fes.de © 2004 by Friedrich-Ebert-Stiftung Trier Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck: Toennes Druck+ Medien GmbH, Erkrath Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2004 3 Vorbemerkung der Herausgeberin Die Ereignisse des 20. Juli 1944 lagen in diesem Sommer bereits sechzig Jahre zurück. Auf vielfältige Weise wurde daran erinnert. Wenn Zeitzeugen mit Erinnerungen herangezogen werden, sind es inzwischen Kinder in auch schon höherem Alter, Kindeskinder oder ferne Verwandte. Auffallend bei allen Erinnerungsformen bleibt der hohe Anteil des Adels an der Verschwörung des 20. Juli. Die meisten Namen sind uns inzwischen geläufig. Nicht mehr Beteiligte oder Überlebende, sondern Nachfahren sind es demnach heute, die Sorge dafür tragen, dass wirkmächtige Bilder und Geschichten in unterschiedlichen Versionen nicht in Vergessenheit geraten. Der Berliner Historiker Stephan Malinowski, dessen preisgekröntes Buch unter dem Titel„Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus“ inzwischen als Taschenbuch (Frankfurt a. M. 2004) erschienen ist, griff in seinem Vortrag im Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, dass der 20. Juli quasi als Aufstand des Adels gilt. Der Anteil des Adels an der Verschwörung des 20. Juli war hoch und bleibt beeindruckend. Aber es waren einzelne Personen aus großen Familien, deren Annäherungen an den Nationalsozialismus Malinowski schilderte. Er skizzierte die Heterogenität „des“ deutschen Adels, wies etwa auf die Verhaltensunterschiede zwischen preußischem und süddeutschem Adel hin, aber auch auf die Basis der Affinitäten, auf der sich Adel und NS-Bewegung begegneten und auch missverstanden. Er betonte mehrfach, dass es sich bei den Verschwörern des 20. Juli um einzelne Menschen handelte, deren Engagement hoch zu bewerten sei. Dennoch seien es im kollektiven Gedächtnis liebevoll gepflegte Lichtgestalten, die andere Protagonisten, die in der Mehrzahl gewesen seien, verdrängen und überstrahlen sollen. Beschrieben wird dies als über die Jahrhunderte bewährte adelige Kulturtechnik. In diesem Fall habe sich der Adel bereits kurz nach 1945 wirkungsvoll in die Schlacht um die Deutungshoheit begeben. Vertreter des Adels 4 waren und sind nach Malinowski Meister der Erzählkunst. Der Respekt vor den letztlich isolierten Vertretern des Adels, die sich am 20 Juli beteiligten, bleibt hoch. Doch wäre ihr Handeln charakteristisch für die„Haltung“ im Adel bzw. in den adeligbürgerlichen Oberschichten gewesen, hätte es vermutlich weder den Nationalsozialismus an der Macht noch den Vernichtungskrieg gegeben. Mit der Veröffentlichung dieses Vortrages legt das Karl-MarxHaus der Friedrich-Ebert-Stiftung eine neue Schriftenreihe vor. Trier, im November 2004 Prof. Dr. Beatrix Bouvier Leiterin des Museums/Studienzentrums Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung 5 Stephan Malinowski Vom König zum Führer Zum Verhältnis von Adel und Nationalsozialismus I. Einleitung Aus der Endphase des Dritten Reiches ist ein Bild überliefert, das dem Adel im Kampf von Gut und Böse einen klaren Platz zuzuweisen scheint. Die Szenerie, die sich in der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1944 im Innenhof des Berliner Bendler-Blocks abspielt, gehört zu den eindrucksvollsten Bildern, die mit dem konservativen Widerstand verbunden sind und zu den wirkmächtigsten Bildern, die sich mit dem Adel assoziieren lassen. Sie ist in verschiedenen Versionen überliefert. Die am häufigsten genannte liest sich wie folgt: Um Claus Graf von Stauffenberg hinzurichten musste das Erschießungspeleton zwei Mal anlegen. Im Moment des ersten Feuerbefehls, so heißt es, habe sich Stauffenbergs Adjutant Werner von Haeften in einer dramatischen Geste vor Stauffenberg geworfen und die Geschosse mit seinem Körper abgefangen. Bevor Stauffenberg von der zweiten Salve getötet wurde, habe er in aufrechter Haltung ausgerufen:„Es lebe das geheime Deutschland!“ Die Leichen wurden auf einem Schöneberger Friedhof verscharrt, auf Himmlers Befehl wenig später wieder ausgegraben und verbrannt, die Asche im Süden Berlins in den Wind gestreut. In hoher symbolischer Verdichtung scheint sich in dieser Szene die Unvereinbarkeit von Adel und Nationalsozialismus widerzuspiegeln: Die nationalsozialistische Todesmaschine, hier in Gestalt von Fritz Fromm von einem bürgerlichen General bedient, der ebenso rückgratlos wie feige handelt. Die adligen Opfer dieser Maschine, die den adligen Leitbegriff Haltung in höchster Vollendung prä- 6 sentieren. Die letzte Reminiszenz an Stauffenbergs Meister, den Dichter-Fürsten und selbsternannten Aristokraten Stefan George und die Vorstellung von einem nur wenigen zugänglichen Imaginations-Deutschland. Der ängstliche Hass, mit dem der Kleinbürger und Neuadels-Prophet Heinrich Himmler noch die Toten verfolgen lässt. Der eindrucksvolle Beitrag des Adels zum 20. Juli 1944 ist nicht nur unter Historikern bekannt: Im engeren Kreis der Verschwörer lag der Adelsanteil bei fast 50%. Unter den Opfern der Vergeltungsaktionen waren es ca. 50 von 150 Personen, die eine legendenreiche Überlieferung seit über 50 Jahren„zum Edelsten und Größten“ rechnet,„was die Geschichte aller Völker je hervorgebracht hat.“ Keine andere Gruppe der deutschen Gesellschaft war im Aufstand des 20. Juli präsenter als der Adel. Quer zu diesem Bild steht die zweite Assoziation, die stets auftaucht, wenn nach dem Einfluss des Adels nach 1918 gefragt wird: Von ähnlicher Bekanntheit sind jene 5-10„in der Verfassung nicht vorgesehenen“ Gestalten, die im Januar 1933 zwischen Berlin und Neudeck dem greisen Feldmarschall die Machtübergabe abhandelten. In Bezug auf den Adel lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass zwischen und vor diesen beiden Polen ein Gebiet liegt, das Historiker vielfach überflogen, bislang jedoch kaum betreten haben. Als analytische Kategorie taucht der Adel in den Darstellungen zur Weimarer Republik jedenfalls nicht mehr auf, obwohl er in den Thesen über deren Zerstörung überall präsent ist. Ohne dass der Adel auf seine innere Dynamik nach 1918 genauer untersucht worden wäre, gehört es im Hinblick auf 1933 zu den generell anerkannten Deutungen, dass von der Machtübergabe schweigen 7 müsse, wer von den„Junkern“ nicht reden wolle. Keine der„alten Machteliten“, so das Urteil Heinrich August Winklers, habe„so früh, so aktiv und so erfolgreich an der Zerstörung der Weimarer Demokratie gearbeitet wie das ostelbische Junkertum.“ Die hier gewählte Begrifflichkeit verdeutlicht, dass sich der Blick der Forschung bislang auf eine kleine, auch nach 1918 immens einflussreiche Adelsfraktion konzentrierte, die als„Junker“,„vorindustrielle Machtelite“ bzw. als„Agrarier“ bezeichnet wird.„Der Adel“ ist mit diesen Kategorien allerdings nicht erfasst. Bei der Hindenburg-Kamarilla handelt es sich um zehn bis zwanzig immer wieder genannte Männer, ein Kreis, der sich auf einige Hundert Personen vergrößert, wenn man die Adligen hinzuzählt, die im Reichslandbund, der DNVP, dem Stahlhelm und ähnlichen Organisationen wichtige Rolle spielten. Das ebenso frühe wie„verhängnisvolle“ Bündnis dieser Gruppe mit der NS-Bewegung ist bekannt und unbestritten. Nicht um diese Minderheit und ihre relativ gut erforschten Organisationen soll es in diesem Vortrag gehen. Statt dessen möchte ich versuchen, einen Blick auf die Gesamtgruppe des Adels und seine Verbände zu werfen sowie auf die rapide wachsende Gruppe des„ Adelsproletariates“ hinzuweisen. In Form von Thesen werde ich anschließend zentrale Affinitäten und Differenzen skizzieren, die das Verhältnis des alten Adels zur NS-Bewegung prägten. Der Vortrag schließt mit einigen Anmerkungen zu Ausmaß und Deutung adliger Annäherungen an den Nationalsozialismus. II. Anmerkungen zur Heterogenität„des“ deutschen Adels „Der“ Adel war zur Zeit der Weimarer Republik eine Gruppe, deren Größe und innere Heterogenität längst nicht mehr in einem kleinen Kreis einflussreicher Großgrundbesitzer, Reichswehroffiziere und Landräte aufging. Die Gesamtgruppe des Adels bestand 8 in den 1920er Jahren aus etwa 90.000 Personen, die zwischen 0,1 und 0,2% der deutschen Bevölkerung ausmachten. Es war eine regional, konfessionell, adelsrechtlich, vor allem jedoch sozial überaus heterogene Gruppe, deren Komplexität ich hier nur betonen, nicht aber erläutern kann. Dass sich die Forschung auf die erfolgreichen Teilgruppen konzentriert hat, ist ebenso sinnvoll wie verständlich, verstellt jedoch tendenziell den Blick auf ein Phänomen, von dem jede Arbeit über den Adel nach dem Ersten Weltkrieg auszugehen hat: 1918 markiert für den Adel als Gesamtgruppe einen Sturz, der tiefer als für jede andere gesellschaftliche Gruppe war. Von den 10.000 adligen Offizieren der kaiserlichen Armee fanden nicht mehr als 900 einen Platz in der Reichswehr. Für die abgestürzten Seilschaften des Adels im höheren Staatsdienst, die verschwundenen Fürstenhöfe und Kadettenschulen gab es keinen professionellen Ersatz, auf den der Adel vorbereitet gewesen wäre. Nach 1918 waren die Güter des berüchtigten ostelbischen Landadels zwar noch immer groß genug, um als Waffenlager ausrangierter Freikorpsbestände, Versammlungsorte antidemokratischer Diskussionszirkel und karge Heimstätten für ledige Damen im„Tantenflügel“ zu dienen. Für eine Versorgung der orientierungslosen jüngeren Söhne und Töchter mit„Lebenschancen“ war ein Großteil der Güter jedoch längst nicht mehr profitabel genug. Die in den 1920er Jahren sprunghaft wachsende, einige Tausend Adlige umfassende Gruppe des verarmten und sozial deklassierten Kleinadels erschütterte das„Standesbewusstsein“ des ganzen Adels. Auf unterschiedlichen Ebenen beschäftigte die soziale Dynamik dieser Gruppe nach 1918 adlige Familien, Familienverbände und die großen Adelsverbände. Eine politische Sozialgeschichte„des“ Adels nach 1918, die sich auf die numerisch kleinen Teilgruppen konzentriert, die sich in diversen Funktionseliten 9 (insbesondere Reichswehr, höhere Beamtenschaft, Großgrundbesitz) behaupten konnten, verfehlt deshalb ihr Sujet.(5.000 Männer, 10.000 Proletariat, Rest Mittelschicht). Es spricht viel dafür, dass sich der Prozess der politischen Radikalisierung des Adels erst dann angemessen beschreiben lässt, wenn die dynamischen Verlierergruppen ins Blickfeld geraten. Selbst innerhalb des Hochadels, der in den Händen seiner(männlichen) Familienchefs zumeist noch erhebliche Reichtümer konzentrierte, verliefen die sozialen Flugbahnen einzelner nachgeborener Söhne steil nach unten. Negativkarrieren junger Prinzen, die nach Kriegsende in KfzWerkstätten und Versicherungsbüros, schließlich in SA und NSDAP mündeten, bezeichnen in den 1920er und 1930er Jahren nicht länger skurrile Einzelfälle, sondern bereits einen Typus. Ein Blick ins Innere der Adelsorganisationen zeugt von einem erstaunlich hohen Ausmaß sozialen Elends, das die Hilfsorganisationen mit kläglichen Unterstützungsgeldern, Kartoffel- und Wäschespenden meist nur symbolisch lindern konnten. Die Geschichte der Deutschen Adelsgenossenschaft macht deutlich, dass es vornehmlich das nach 1918 stark expandierende Adelsproletariat war, das die frühe Radikalisierung des größten deutschen Adelsverbandes bewirkt und gesteuert hat: Es waren besonders Gruppen aus dem norddeutschen, protestantischen Kleinadel, die den größten Adelsverband bereits in den 1880er Jahren auf einen scharf antisemitischen Kurs hatten festlegen können. In der Konsequenz dieses Kurses führte die DAG, in der wenig später ca. 30% des volljährigen Adels organisiert waren, bereits 1920 einen„Arierparagraphen“ ein, der Adlige als Mitglieder ausschloss, deren Stammbaum nach 1800 jüdische Vorfahren aufwies. Parallel dazu gründete die DAG mit dem sogenannten„Eisernen Buch des Deutschen Adels Deutscher Art“(„Edda“) eine völkische Adelsmatrikel, welche die nicht„rassereinen“ Standesgenossen ausschloss und damit die traditionelle Definition des Adelsbegriffes zerstörte. 10 Die DAG, 1874 in Berlin als Gründung ostelbischer Gutsbesitzer entstanden, vereinte von Anfang an Mitglieder des alten Adels, welche die Umwälzungen der Moderne bereits aus der Perspektive der Verlierer wahrnahmen. Der massive Antisemitismus, die Annäherung des Verbandes an die Stöcker-Bewegung und die Forderung an den Kleinadel, innerhalb der antisemitischen Bewegung die„Führerfahne zu ergreifen“, trug eine scharfe Spitze gegen Wilhelm II. und den Hochadel. Erfolgreich torpedierte die DAG alle Tendenzen einer Elitensynthese aus reichen, gebildeten Teilgruppen von Adel und Großbürgertum. Der aggressive Kampfkurs gegen das liberale,„verjudete“ Bürgertum und dessen„byzantinische“ Lebenswelten war vor 1918 eines der wichtigsten Merkmale des Verbandes und wurde nach 1918 eine der wichtigsten kommunikativen Brücken zum Nationalsozialismus. Auch die Formierung eines kleinadligen antibürgerlichen Kargheits- und Härteideals war nach 1918 erst an den soldatischen Nationalismus, dann an die NSBewegung anschlussfähig. Der Rassen-Antisemitismus des Verbandes barg die Tendenz einer sukzessiven Selbstzerstörung des Adelsbegriffes in sich. Als der im Adel viel gelesene Schriftsteller Börries Freiherr von Münchhausen 1924 den„Sinn und Zweck“ des Adels kurzerhand als„Menschenzüchtung“ definierte und sich dabei drastischer Vergleiche mit der Zucht von„Vollblutpferden“,„Dackeln“ und „Möpsen“ bediente, war ein intellektueller Tiefpunkt erreicht und der traditionelle Adelsbegriff nachhaltig beschädigt. Münchhausens auf jüdisch-versippte Adelsfamilien gezielter Satz über„Dackelmöpse“, die vom Züchter aus gutem Grund ersäuft wurden, zeigte an, wohin die Reise gehen sollte. Je stärker die„Reinblütigkeit“ zur Grundvoraussetzung einer modernen„Führerschicht“ erklärt wurde, schaffte sich der Adel selbst ab; denn so„reinblütig“ wie der Adel waren andere Gruppen auch, wenn nicht sogar, 11 wie ein einflussreicher Teil der NS-Bewegung bald behaupten sollte,„reinblütiger“. Da es weder sozial, noch kulturell noch politisch einen homogenen deutschen Adel gab, lassen sich generelle Aussagen über „die“ Haltung„des“ deutschen Adels zum Nationalsozialismus nur sehr schwer treffen. Möglich ist es hingegen, bestimmte Grundkonstellationen zu beschreiben, die prinzipiell für den ganzen Adel gültig waren. In Form von Thesen möchte ich die wichtigsten Affinitäten und Differenzen skizzieren, die das Verhältnis von Adel und NSBewegung meines Erachtens geprägt haben. III. Affinitäten Erstens: Die kompromisslose, sprachlich in aggressive Formeln gegossene Ablehnung von Demokratie, Parlamentarismus, Liberalismus und„Parteienstaat“ bildete eine Basis, auf der sich alter Adel und NS-Bewegung gemeinsam bewegten und eine gemeinsame Feinderkennung hervorbrachten. Zur Zerschlagung der politischen Linken stellte die NS-Bewegung spätestens seit 1932 das überzeugendste Potential bereit, was im Adel zunächst als Herausforderung, immer stärker jedoch als begrüßenswerte Chance bewertet wurde. In einem Brief, den Friedrich Graf von der Schulenburg 1933 an den letzten Präsidenten des preußischen Herrenhauses, Dietlof Graf von Arnim, schickte, ließ der General a.D. seine zuvor erheblichen Zweifel fahren:„Hitlers Erfolg im Reichstag war erstaunlich und es war eine Freude, wie er aus dem Stegreif die Socialdemokraten zusammenschlug. Auf jeden Fall hat sich der ein geschichtliches Verdienst erworben, der dem alten Hindenburg Hitler als Kanzler abgerungen hat.“ Zweitens: Die Blut- und Boden-Ideologie, die negative Konnotation der Großstädte und der 12 „Asphaltkultur“, verbunden mit dem Lob der„Scholle“. Drittens: Die fortlaufenden Invektiven gegen„Materialismus“ und„Mammonismus“, verbunden mit einer scharfen antikapitalistischen Rhetorik, bei faktischer Anerkennung der bürgerlichen,(nichtjüdischen) Eigentumsverhältnisse. Die im Kleinadel stilisierte Kultur der Kargheit erinnert stark an die Denk- und Sprachgewohnheiten der sogenannten„Konservativen Revolution“, mit welcher der deutsche Adel eine Vielzahl von personellen, intellektuellen und organisatorischen Verbindungen pflegte. Der großen antikapitalistischen Sehnsucht, die Gregor Strasser 1932 in einer aufsehenerregenden Reichstagsrede ausrufen sollte, bot die adlige Kultur der Kargheit eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten. Viertens: Der kämpferische, an soldatisch-männerbündischen Idealen orientierte Stil der NS-Bewegung, namentlich in der SA, den zuletzt Sven Reichardt eindrucksvoll als antibürgerliche Praxis beschrieben hat. Alle Spielarten der Antibürgerlichkeit, die von der gesamten Neuen Rechten gepflegt wurden, entwarfen als Gegenbild zum schwächlich-demokratischen„Philister“ das Ideal einer auratischen Führergestalt. Diese Suche musste früher oder später auf den Adel stoßen. Eng damit verbunden war fünftens: die Geringschätzung der professionellen Kernbereiche bürgerlicher Eliten, z. B. Handel, Banken, Börsen, Industrie oder Universitäten. Bis 1945 ergriffen nicht mehr als 10% des Adels Berufe in diesen Bereichen. Sechstens: Die Bedeutung der Kategorie„Blut“, die im Adel eine jahrhundertealte Tradition besaß und sich bereits im Kaiserreich erstaunlich reibungsfrei mit der Kategorie„Rasse“ verbinden ließ. Eng damit verbunden war ein überaus aggressiver Antisemitismus, der in allen Teilgruppen des Adels, auch den katholischen, handlungsrelevant wurde. 13 Neben ideologischen Affinitäten dieser Art gab es schließlich die klare Einsicht in die Karrierechancen, welche das rapide expandierende Offizierkorps und der vorauszusehende„Ritt nach Osten“ für den Adel bringen würden. Der aus der Literatur als unbeugsamer NS-Gegner bekannte Ewald von Kleist-Schmenzin hatte diese Perspektive 1926 so formuliert:„Welch ein Jungbrunnen östlich unserer Grenze erworbenes Kolonialland bei unbeschränkten Siedlungsmöglichkeiten wäre, bedarf keiner Ausführung.” Was Kleist hier als vage Hoffnung formulierte, wurde spätestens seit Kriegsbeginn in handfeste Versuche einer Gewinnbeteiligung umgesetzt. Mitglieder des hohen und niederen, des reichen und des armen Adels bemühten sich bereits 1939 in Anfragen an die SS um Optionen auf größere Landgüter in den Beutegebieten. IV. Differenzen Dennoch war das Verhältnis des Adels zur NS-Bewegung erheblich komplizierter, als z.B. die orthodox-marxistische Faschismusanalyse unterstellt. Ich möchte auf die meines Erachtens wichtigsten Differenzen hinweisen: Erstens: Das Führer-Gefolgschafts-Ideal des NS passt nur auf den ersten Blick wie angegossen in die Denkwelten des Adels. Die bedingungslose Unterordnung unter die Befehle eines Parteiführers war in einer Gruppe, die seit 1000 Jahren Herrschaft ausgeübt hatte, schwerer zu haben als in anderen Gruppen. Hindenburgs berühmtes Ressentiment gegen den„böhmischen Gefreiten“ hat dieser Haltung zumindest rhetorisch ein Denkmal gesetzt. Zweitens: Die Sorge, der zweite Teil im Namen der national sozialistischen Bewegung könne ernst gemeint sein, blieb weit über 1933 hinaus eine Quelle erheblicher Skepsis gegenüber der 14 NSDAP, vor allem beim landbesitzenden Adel. Die Skepsis gegenüber der unscharf definierten Stellung zur Eigentumsfrage, zur Sozialisierung und zum NS-Agrarprogramm blieb auch nach der Ausschaltung des Strasser-Flügels die vermutlich wichtigste Barriere zwischen dem besitzenden Adel und der NS-Bewegung. Nicht wenig Adlige warnten vor den angeblich„bolschewistischen Experimenten“ im NSDAP-Programm. Nach diversen Aussprachen, zu denen Hitler und wichtige NS-Führer auf Schlösser und Herrensitze eingeladen wurden, verblasste diese Skepsis jedoch hinter der allgemeinen Hoffnung auf einen Ersatz für die verlorenen Fideikommisse. Drittens: Ein ebenso einflussreicher wie lautstarker Teil der NS-Bewegung verfolgte vor und nach 1933 eine scharf anti-adlige Linie, die in der Öffentlichkeit z. B. durch Walter Darré repräsentiert wurde. Dieser hatte 1930 einen„Neuadel aus Blut und Boden“ gefordert und behauptet, der alte Adel habe nicht mehr genügend„reines Blut“ in sich, um einem„nordrassischen“ Bauernjungen das Wasser reichen zu können. Der primitive Adelshass, mit dem der ostmärkische Gauleiter adlige Großgrundbesitzer 1931 als „eine vielfach von Judenblut durchsetzte Saubande” bezeichnete, war u.a. innerhalb der SA stark verbreitet. Dieser Konflikt verschärfte sich nach 1933, als adlige„Maiveilchen“ und Trittbrettfahrer die plötzlich eröffneten Karrierechancen besser zu nutzen wussten als manch kleinbürgerlicher„alter Kämpfer“. Viertens: Die Führungskonkurrenz durch neugeschaffene Eliteorganisationen, besonders die SS, wurde im Adel nachweislich als Herausforderung verstanden. Während das Darrésche Konzept vom„Neuadel aus Blut und Boden“ eine eindeutig gegen den alten Adel konzipierte„Führungsschicht“ war, wurden die Führerideale der SS als Konkurrenzunternehmen begriffen, an dem sich der Adel beteiligen konnte und musste. Kuno Graf von Dürckheim 15 forderte den Adel 1935 auf, den“edlen Fehdehandschuh” der SS aufzunehmen und mit dieser in einen Wettstreit um die Zusammenstellung der künftigen Elite zu treten. Mit dem Hinweis auf eine SS, die als reiner Männerbund zwar eine Führungsschicht bilden könne, fortpflanzungstechnisch jedoch an gewisse Grenzen stieß, sah die Adelsgenossenschaft 1938 die Aufgabe des Adels darin,„in Gemeinschaft mit den erbgesunden wertvollen nichtadligen Familien den Born zu bilden, aus dem Staat und Partei ihre besten Kräfte schöpfen.” Fünftens: In Preußen nur selten, im katholischen Adel Süddeutschlands jedoch sehr häufig und intensiv, war der Widerspruch gegen das anti-christliche Moment des Nationalsozialismus. Immer wieder hatten sich die katholischen Verbände gegen völkischantichristliche Beiträge im Adelsblatt gewandt und mit diesen Protesten scharfe Kontroversen hervorgerufen. Im katholischen Süden blieb diese Trennungslinie bis 1945 deutlich konturiert. Sechstens: Ressentiments aus monarchistischer Treue werden in der Literatur über Preußen weit überschätzt und wurden nur im bayerischen Adel wirklich handlungsrelevant. Der vom Adel erwartete Heldentod an der Front, dem sich Wilhelm II. durch seine Flucht nach Holland entzog, wurde selbst innerhalb des alten inner circle um den Kaiser als schändlicher Verrat, der Kronprinz vielfach als ungeeigneter„Waschlappen“ angesehen. Die politischen Chefberater des Exil-Kaisers setzten spätestens seit 1932 auf die NSDAP. Gestützt auf vage Aussagen Hitlers verbreitete sich in den Beraterstäben um den im Exil lebenden Kaiser und um den Kronprinzen die Vorstellung, man könne die NS-Bewegung als trojanisches Pferd der Restauration verwenden. Mitglieder aus der alten kaiserlichen Entourage entwarfen noch 1934 Denkschriften mit der grotesken Vorstellung, Hitler solle anlässlich des 75. Geburtstages Wilhelms II. im Januar 1934 dessen Wiedereinsetzung 16 als Kaiser arrangieren. Als wenige Wochen nach diesen Denkschriften die Feierlichkeiten zum kaiserlichen Geburtstag von marodierenden SA-Trupps gestürmt wurden, versandten Adlige empörte Berichte an Hindenburg.„Mit lautem Knall“ habe der „eingedrungene Pöbel“ Feuerwerkskörper gezündet,„die die Kleider der Damen verdarben“ und mit den Stahlhelmen älterer Herren Fußball gespielt. Das überlieferte Entsetzen der anwesenden Adligen belegt allerdings weniger politische Differenzen als das drastische Fehlurteil adliger Fossile, die weder die nationalsozialistischen Ziele noch die Brutalität des ‚faschistischen Stils‘ richtig einordnen konnten. Der bayerische Adel ging auch in dieser Hinsicht einen Sonderweg. In Bayern steuerte der Adel die stärkste monarchistische Bewegung der Weimarer Zeit und verfügte über einen anerkannten Thronprätendenten. Erwein Freiherr von Aretin, einer der weitsichtigsten Köpfe des bayerischen Adels, wurde nicht müde, seinen König vor dem Weg in die Terreur zu warnen: In einem Brief an Kronprinz Rupprecht heißt es im Dezember 1930:„[Wir würden] verschwinden wie Spreu im Wind und bleiben würde ein fanatisiertes Proletariat, das Generäle erschießt, wenn sie Niederlagen erleiden und jeden Besitzenden unter dem Motto[terrorisiert], er sei‘Judengenosse’”. Siebtens: Schließlich war ein dünkelhafter Reflex gegen den „Trommler“ Adolf Hitler von Bedeutung. Hundertfach taucht Hitler in den Adels-Autobiographien nach 1945 als schlechtgekleideter, suppeschlürfender Parvenu ohne Manieren auf, der die willfährigen Massen, nicht jedoch das unbestechliche adlige„Herrentum“ verführen konnte. Ohne große Mühe lassen sich solche Darstellungen als eine post festum gewonnene Distanz entzaubern. Dennoch dürfte der in Jahrhunderten geprägte Herrschafts-Habitus tatsächlich eine wichtige Quelle für einen adelsspezifischen Dis- 17 sens gewesen sein. Bis in Stauffenbergs im Juli 1944 redigierten „Schwur“ gehörten die Ablehnung der„Gleichheitslüge“ und der Glaube an die eigene Berufung zum„Führertum“ zum unzerstörbaren Kern des adligen Selbstverständnis. Adlige Versuche, innerhalb der rechtsradikalen Verbände ein neuartiges„Führertum“ in den„Massen“ aufzubauen, führten in Organisationen, die vom „Stahlhelm“ bis zur SA reichten, zu Situationen, in denen Adlige neben, nicht selten sogar hinter„ihren“ Gutsverwaltern oder Landarbeitern zu marschieren hatten. Die hier verlangte vollkommene Aufgabe traditioneller adliger Vorstellungen von Herrschaft blieb eine Quelle ständiger Konflikte. Der während eines 1000-jährigen „Obenbleibens“ entstandene Herrschaftshabitus ließ sich nur schwer in die Baupläne der„Volksgemeinschaft“ einfügen. Tendenziell blieb der Adel ein ständiger Störfall im Gehäuse der Volksgemeinschaft. V. Anmerkungen zu Ausmaß und Deutung der Annäherung Das Ausmaß adliger Annäherungen an den Nationalsozialismus lässt sich kaum exakt vermessen. Tendenziell dürften sie für den preußischen Adel größer, für den katholischen Adel in Süddeutschland eher kleiner gewesen sein, als bislang angenommen. Die systematische Auswertung der Mitgliederkarteien der NSDAP fördert Erstaunliches zu Tage: Dass etwa Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg Anfang 1932 Mitglied der NSDAP wurde, ist bekannt. Dass sein berühmter Vater, der letzte Generalstabschef der Heeresgruppe Kronprinz, und zwei seiner Brüder bereits vorher der Partei angehörten, wird nur selten beachtet. Dass die Gesamtfamilie von der Schulenburg 1933 bereits 24, bis Kriegsende 41 Parteigenossen stellte, findet sich in der Literatur nicht. Nun ist die Familie Schulenburg nicht etwa ein Einzelfall, sondern spiegelt die politische Orientierung des ostelbischen Adels durchaus charakteristisch wider: Die NSDAP-Mitgliederkarteien im ehemaligen 18 Berlin-Document-Center verzeichnen 30 Tresckows, 52 Schwerins, 10 Gersdorffs, 36 Maltzahns, 67 Arnims 23 Dohnas, 37 Goltz, 13 Stülpnagel, 27 Hardenbergs, 43 Kleists, 20 Bernstorffs, 34 Bismarcks, 43 Bredows, 40 Bülows, 78 Wedels, 48 Winterfelds und 34 Zitzewitz.(Sample: 312 Familien, 3.592 Personen, katholisch, südwestdeutsch: Dies ergäbe ganz andere Zahlen). Zweifellos wurde ein Großteil des Adels zum integralen Bestandteil der nationalsozialistischen Herrschafts-, Kriegs- und Mordmaschine – „ côute que côute“ – wie es in der vielzitierten Sentenz des Widerstandskämpfers Henning von Tresckow heißt. Hier und nicht bei den liebevoll herauspräparierten Lichtgestalten des 20. Juli handelt es sich, um einen Bestseller-Titel der Gräfin Dönhoff aufzugreifen, um„ Namen, die keiner mehr nennt.“ Dass im kollektiven Gedächtnis ein Schulenburg die oben genannten anderen 40 Schulenburgs verdrängen und überstrahlen kann, lässt sich nicht zuletzt auf eine alte adlige Kulturtechnik zurückführen, die Georg Simmel scharfsichtig beschrieben hat: Der erstaunlich erfolgreiche Anspruch des Adels, nach„seinen Besten“, nicht nach seinem Durchschnitt bewertet zu werden. Doch selbst aus der reichsten, kleinsten und distinguiertesten Teilgruppe des deutschen Adels, dem deutschen Hochadel, fanden bis 1933 ca. 80, bis Kriegsende über 270 Fürsten, Prinzen und Grafen den Weg in die Partei. Der vierte Sohn des Kaisers, Prinz August Wilhelm, der 1931 in Partei und SA eintrat und als„Prinz Auwi“ der NSBewegung jahrelang als Propaganda-Zugpferd diente, kann somit ebenso wenig als Ausnahmefall gelten, wie Hermine Prinzessin von Reuß, die zweite Ehefrau des exilierten Kaisers, die mit ihren Söhnen aus erster Ehe bereits Mitte der 1920er Jahre intensiv für die NS-Bewegung warb. Um die Annäherung des Kleinadels an die NS-Bewegung zu erklären, scheint mir die„Allianz aus Ressentiment und Verzweif- 19 lung“, die Hannah Arendt am Beispiel der Dreyfus-Affäre als „Mob“ beschrieben hat, wertvoll zu sein. Arendts Modell einer neuartigen Koalition der„Deklassierten aller Klassen“ dürfte diese Koalition angemessener erklären als die paradigmatische Vorstellung vom„Bündnis der Eliten“, die seit Hans Rosenberg und Fritz Fischer die Deutung der antidemokratischen Allianzen bestimmt hat. Allerdings geht die Annäherung großer Teile des Adels an die NS- Bewegung auch in diesem Modell nicht auf. Das eigentliche Explanandum bleibt die Tatsache, dass auch sozial unverändert etablierte Adelsgruppen den völkischen Amoklauf des Kleinadels unterstützten bzw. stirnrunzelnd in Kauf nahmen. Eine Erklärung dieses Phänomens muss sich auf die kulturellen Besonderheiten des Adels, seiner Traditionen und seines Familienbegriffes einlassen. In einer engen Welt, in der jeder jeden kannte, war die in Jahrhunderten geschmiedete Solidarität der adligen Gesamt„Familie“ und die damit verbundene Tendenz ideologischer Homogenisierung von größter Bedeutung. Vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hatte der in Preußen dominierende Kleinadel standhaft alle Modelle einer Adelsreform abgewehrt, welche die ruinierten „Standesgenossen“ ausgeschlossen und neuartige Koalitionen mit dem reichen, gebildeten Bürgertum ermöglicht hätten. In der hier zementierten Adels-Solidarität sperrte sich der Adel gegen zentrale Anforderungen der bürgerlichen Zivilgesellschaft ab. Einem ähnlichen Muster folgte die soziale und politische Solidarität der Grandseigneurs mit den ruinierten und radikalisierten Standesgenossen. Die Geschichte der Annäherung des Adels an den Nationalsozialismus lässt sich als die Geschichte eines doppelten Miss- 20 verständnisses deuten: Als wichtigster Erbe der völkischen Bewegung hatte der Nationalsozialismus den Adel durchaus nicht aufgegeben. Was blieb, war allerdings nur der Begriff und einzelne Elemente adliger Tradition, die sich verbiegen und missbrauchen ließen.„Adel“ blieb eine vom Nationalsozialismus geschätzte und benötigte Institution – allerdings nur in Gestalt der Mutationen, die Hitler, Günther, Darré, die SA- und schließlich vor allem die SSFührung als„Adel“ wünschten und hervorbrachten. Umgekehrt glaubte ein Großteil des Adels, in den Leitbegriffen und Zielen der NS-Bewegung eine moderne Fassung seiner eigenen Traditionen wiederzuerkennen. Doch die vermeintliche Nähe über die gemeinsame Rede von„Boden“,„Blut“ und„Rasse“ erwies sich als fatale Fehlinterpretation. Die absurde Wahrnehmung der NS-Bewegung als zeitgemäßer Fortführung der„besten“ adligen Traditionen fand sich im Adel erstaunlich häufig. Ihre Basis war die gemeinsame Benutzung von Leitbegriffen, die phonetisch, nicht aber semantisch identisch waren. Der überall gebrauchte Begriff„konservative Eliten“ führt in die Irre. Wenn politik- und sozialgeschichtliche Begriffe ihren Sinn behalten sollen, ist die Mehrheit des Adels zumindest nach 1918 mit dem Adjektiv konservativ ebenso fehlbezeichnet wie mit dem Begriff Elite. Bekanntlich stand im Januar 1933 keine„konservative“ Alternative zur Verfügung, die diesen Namen verdient hätte. Dies nicht zuletzt deshalb, weil ein Großteil des Adels – einer der potentiell wichtigsten Träger einer solchen Alternative – mit den„konservativen“ Traditionen gründlich gebrochen hatte. Alle adligen Versuche, sich selbst als die eigentliche Avantgarde des Nationalsozialismus zu entdecken, zeugen von einer jahrhundertealten Tradition, die sich ebenso vergessen wie verraten hatte. 21 Ich zitiere aus einer Tischrede, die Friedrich von Bülow, Vorsitzender des größten deutschen Familienverbandes, 1935 auf dem Familientag hielt:„Auf Blut und Boden baut der Führer sein Drittes Reich. Wir haben seit 7 Jahrhunderten um die Blutauslese gewusst und haben auf altbewährter Rasse und Kultur unseren Blutstrom aufgebaut.[...] Alle die großen Ideale, die der Führer dem deutschen Volke gesetzt hat, sie stammen nicht zuletzt aus den tiefsten Schatzkammern des deutschen Adels. So ist der deutsche Adel dem Nationalsozialismus von Grund auf wesens- und stammverwandt.[...] Eines wissen wir: Unser altes Geschlecht ist kein Fremdkörper im Dritten Reich, der morscht und zerfällt, es ist eine tragende Quader im Bau, gehärtet in Jahrhunderten.[...]“ Formvollendet zeigt diese Rede, wie sehr auch der Adel zu jenen Gruppen gehörte, die den Nationalsozialismus„mit ihren eigenen unartikulierten Vorstellungen und Sehnsüchten verwechselten“, wie es in einer auch hier treffenden Formulierung von Martin Broszat heißt. Die Gruppen, die sich im Adel nach 1918 durchsetzen und alle Friedensangebote der Republik verweigerten, gehörten zu den sozial schwächsten Teilen des Adels. Den sozialen Kern dieser Formation bildeten die in Jahrhunderten entstandenen„MilitärClans“: Eine in Preußen sehr zahlreiche Adelsfraktion, deren Söhne sozusagen in den militärischen Dienst hineingeboren wurden. Unter den vielfältigen Adelstraditionen und-Typen war nicht etwa eher seltene Typus des weltläufigen, ungebrochen mächtigen Grandseigneurs problematisch. Als unverdaulich für den Adel und die gesamte Gesellschaft erwies sich vielmehr der Typus des pommerschen Oberstleutnants, der als Sohn eines pommerschen Oberstleutnants, aufgewachsen im Kreis pommerscher Oberstleutnantssöhne, eine märkische Oberstleutnantstochter heiratete, um aus dieser Verbindung mindestens zwei pommersche Oberstleut- 22 nante hervorgehen zu lassen. Nicht erst, als nach 1918 die Oberstleutnantstellen knapp wurden, erwies sich dieser, im ostelbischen Adel äußerst einflussreiche Typus als eine schwere Hypothek. Stetig besungen von der Minne bürgerlicher Neuadelspropheten bildeten die Verlierergruppen dieses Sozialtypus nach 1918 einen wichtigen Baustein für ein neuartiges adlig-bürgerliches Amalgam, dessen Wirkung auf den Adel selbst ebenso verhängnisvoll war wie seine Beteiligung an der Zerstörung der Republik, der Machtübergabe, dem Raubkrieg und dem Völkermord. VI. Ich komme zum Schluss: Am Ende seiner politischen Geschichte wurde der deutsche Adel am stärksten von Gruppen beeinflusst, die faktisch nur noch wenig mit der adligen Lebensweise verband. Neben den Restbastionen in Landwirtschaft, Bürokratie und Militär war die auratische Wirkung der Adelsidee als letzte Machtressource geblieben. Der Adel war und blieb ein Meister der Selbstdarstellung, der Erinnerung und der Produktion von Bildern, die von anderen begierig aufgenommen wurden. Die eingangs erwähnte Version über die Erschießung Stauffenbergs liefert dafür ein Beispiel. Die apokryphe, bezeichnenderweise auf eine adlige Sekretärin im Bendlerblock zurückgehende Darstellung ist von Peter Hofmann und Joachim Fest aus dem Kreis der adligen Erzählgemeinschaft in die wissenschaftliche Literatur transportiert worden, wo sie seither Gastrecht genießt. Die Aussagen eines anderen, nichtadligen Augenzeugen liefern eine prosaischere Darstellung der Szene: Niemand habe sich vor einen anderen geworfen, und Stauffenberg habe auch nichts gerufen, bevor er zusammenbrach. Der bürgerliche Traum, schreibt Ernst Jünger 1929 im Abenteuerlichen Herz, sei der langweiligste Traum, auf den die Menschheit jemals verfallen ist. Weil der Satz nicht ganz unzutreffend sein 23 mag, stößt insbesondere das Bildungsbürgertum bei der Suche nach Gegenbildern immer wieder auf die Schatztruhe adliger Mythen. Während diese Suche in der Gegenwart zweifelhafte Anekdoten produziert, aber keinen Schaden anrichtet, war sie in der Zwischenkriegszeit, als um die Herstellung einer bürgerlichen Zivilgesellschaft gerungen wurde, überaus kostenreich.