Claus Leggewie* Two Nations- One President? Kulturelle Spaltung und religiöser Fundamentalismus in den USA vor den Wahlen Zwei Bestseller Am 1. Mai dieses Jahres saßen in Paris amerikanische und europäische Intellektuelle zusammen, um das transatlantische Verhältnis zu besprechen. Ort und Datum hätten vermuten lassen, hier solle nur das übliche Bush-Bashing stattfinden und erneut das IrakAbenteuer kritisiert werden. Aber die Schlachtordnung ∗ war eine andere: Die anwesenden Osteuropäer standen in Treue fest zu Amerika, die Westeuropäer beharrten auf ihrem Dissens, und die amerikanische Abordnung war uneinig. Nicht in der Ablehnung von George W. Bush, wohl aber in der Beurteilung seiner Zukunftsaussichten. Während die Liberalen von den Ostküsten-Universitäten vorhersagten, Amerika werde zur Vernunft kommen und George W. Bush das Ira kdebakel politisch nicht überleben, sahen andere seinen Sieg ungefährdet. Bob Silvers, der Herausgeber der New York Review of Books , verfolgte das Hin und Her der Argumente eine Zeit und packte schließlich ein Buch auf den Tisch, als wollte er einen Stein in die Wagschale werfen. Glorious Appearing. The End of Days von Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins(2004). Die meisten Anwesenden hatten von diesem Buch nie gehört, aber das bestärkte Silvers nur in seiner Überzeugung. In New Yorker Buchläden geht das genannte Buch und die gesamte Left Behind -Serie 1 , zu der es gehört, sehr gut. Fast jedes der Bücher führte die Bestsellerlis∗ Institut für Politikwissenschaft, Universität Gießen 1 Sie erscheint seit 1995 in bisher 13 Bänden im Tyndale Verlag in Wheaton, Illinois, ein vierzehnter soll die Reihe abschließen. Vgl. die webseite www.leftbehind.com. ten an, LaHaye und sein Kompagnon sind die meistgelesenen Autoren Nordamerikas. Auch in Deutschland werden ihre christlich-fundamentalistischen FantasySchmöker viel gelesen, die vom Endkampf des Guten gegen das Böse künden und den Guerillakampf einer kleinen Gruppe Erleuchteter gegen die Vereinten Nationen und andere unamerikanische Einrichtungen führen. Alles Unsinn? Wer wissen will, wie Amerika jenseits seiner säkularen und weltoffenen Enklaven tickt, war Silvers Argument gegen seine liberalen Autoren, muss diesen Stoff zur Kenntnis nehmen und die Tatsache, dass er Millionen Amerikaner ergriffen hat und ihre Weltanschauung bestimmt. Sie werden, wenn sie zur Wahl gehen, mit Siche rheit Bush wählen, nicht trotz, sondern gerade wegen des von ihm geführten „Kampfes gegen den Terror“. In den Buchläden von New York, Boston und San Francisco liegt derzeit ein anderes bestsellerverdächtiges Buch aus: Die Befehlskette von Seymour M. Hersh mit überarbeiteten Reportagen aus dem New Yorker 2 zum Thema Abu Ghraib und Guantanamo, die für Furore gesorgt und den US-Verteidigungsminister Rumsfeld sowie den Vizepräsidenten Cheney in Schwierigkeiten gebracht und den Neokonservativen Richard Pearle seinen Job gekostet haben. Hershs Buch, ein Meisterstück investigativen Journalismus, könnte den liberalen Pariser Mai-Reisenden Hoffnung machen: Wer es liest und seiner rüttelfesten Argumentation folgt, kann unmöglich noch Bush wählen, der nach den Terrorattacken vom September 2001 katastrophale Fehler begangen, Amerikas Sicherheit zusätzlich ver2 Deutsch im Rowohlt Verlag, Reinbek 2004, vgl. meine Besprechung in taz-literatur, 6.10. 2004. Internationale Politikanalyse Politik Info, Oktober 2004 Claus Leggewie Two Nations – One President? Politik Info (10/2004) 2 ringert und sein Ansehen in der Welt mit den Bildern ckenden Deindustrialisierung in einer tiefen Strukturund Fakten aus Abu Ghraib ruiniert hat. Nicht nur unkrise, andere sind klare Bastionen der christlichen tere Chargen, die Spitzen der Befehlskette, haben Rechten. Entschieden wird der Kampf ums Weiße Haus Kriegsverbrechen zu verantworten, belegt Hersh minuletztlich in wenigen Wahlbezirken dieser Staaten, in tiös. Die älteste Demokratie der Welt, die Arabien und denen es den Parteistrategen nicht gelungen ist, die dem Rest der Welt Demokratie zu bringen verspricht, Grenzen der Bezirke so zu ziehen, dass die eine oder hat sich den Methoden ihrer Todfeinde angepasst, andere Partei mit Sicherheit vorn liegt. Amerika droht, seine Seele zu verlieren. Außer Acht lassen für die Endabrechnung kann man bevölkerungsreiche Staaten wie New York und KaliforWas bisher geschah: US-Wahlkampf 2004 nien; Kerrys wie Bushs Wahlkampfmaschinen machen um sie einen Bogen, ebenso um Staaten im Süden und Mittleren Westen, die ohnehin„rot“ sind, das heißt in Wer mehr Bataillone hat, die apokalyptischen JesusTruppen aus dem Hinterland oder die säkularen Skeptiker – auf diese Frage kann man die These der„Two Nations“, der zwei Lager der USA, und Überlegungen zum Ausgang der Präsidentschafts- und Kongresswahlen zuspitzen. Der religiöse Faktor dürfte jedenfalls die Wahl entscheiden. Lassen wir unter dieser Perspektive Revue pa ssieren, was bisher in 2004 geschehen ist: Der weltpolitisch so bedeutsame Zweikampf um das Weiße Haus beginnt – nach de m alten Grundsatz: all politics is local – in der Provinz, die Vorwahlen bringen eine überraschend schnelle Entscheidung für den zunächst chancenlos wirkenden und als farblos geltenden John F. Kerry, Senator von Massachusetts. Er setzt sich durch gegen Howard Dean, den Gouverneur von Vermont, der mit scharfen Attacken auf den Kriegskurs von George W. Bush die Seele der Demokratischen Partei in Rage gebracht und via Internet wütende, auf Revanche für den gestohlenen Sieg von 2000 erpichte Anhänger mobilisiert und eine enorme Menge von Kleinspenden akquiriert hat. Dass sich doch Kerry durchsetzt, wird der demokratischen Vorwählerbasis als Klugheit besche inigt: Statt dem nur in seinem Lager vermittelbaren Dean wird der wählbare Mainstream-Kandidat Kerry ins Rennen geschickt. Der Senator, gegen den wahlhistorisch die Herkunft als Ostküstenpatrizier und sein Image als flip-flopper(Opportunist) sprechen, holt sich den populären Südsta aten-Mitbewerber John Edwards als running mate , kann die amerikanischen Massen aber nicht fa szinieren. Während der Wahlkampf allmählich nationale Dimensionen annimmt – Höhepunkt der allgemeinen Wählermobilisierung sind die beiden Parteitage und die TV-Duelle – liefert Kerry sich in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Amtsinhaber. Gerade im ersten TV-Duell, wo es um Sicherheitsthemen geht, macht er inhaltlich und im Auftreten den besseren Eindruck. Das ändert wenig an Bushs anhaltender Beliebtheit draußen im Lande. Bis Anfang Oktober hat Kerry keinen entscheidenden Vorsprung geholt, Bushs den USA: Bush Country , und um Illinois und den Nordosten, wo Gore deutlich vorn lag und Kerry laut Umfragen mit einem sicheren Sieg rechnen kann. Nur dort, wo die soziale Mobilität einen schwer kalkulierba3 ren demografischen Wandel bewirkt hat, ist der Wahlausgang offen, und so deutet alles darauf hin, dass es am 2. November wieder knapp wird. Besondere Aufmerksamkeit – die Ballung der TVSpots und häufige Besuche der Kandidaten zeigen es – erhält erstens der„Rostgürtel“ zwischen Minnesota und Ohio, dessen Bevölkerung seit Jahren älter, ärmer und„ungebildeter“ wird und somit letztlich den Republikanern zufallen dürfte. Denn dort bleiben nach dem Wegzug jüngerer, gebildeter und farbiger Amerikaner vor allem drei konservative Wählergruppen: weiße Frauen, weiße Babyboomer, die jetzt ins Pensionsa lter kommen, und Weiße mit geringer formaler Bildung. Der religiöse Faktor spielt hier eine wesentliche Rolle. Bush konnte etwa in Ohio vor allem unter we ißen Katholiken erheblich aufholen, und solche kulturellen Faktoren können die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Krise und der sozialen Ungleichheit übe rschatten und„moral issues“(einschließlich der Charaktereinschätzung der beiden Kandidaten) ins Zentrum rücken. Umgekehrt gilt aber, dass der republikanische Vorsprung in den demografisch rascher wachsenden Staaten wie in Florida und Weststaaten wie Nevada und Arizona gefährdet ist. Diese Regionen sind nicht nur Amerikas Altersheim mit vorwiegend weißen Rentnern. Dorthin zieht es auch soziale und ethnische Gruppen, die in den Augen mancher Demografen und Parteiforscher bald für eine strukturelle Mehrheit der Demokraten sorgen werden: College-Absolventen, junge Familien, Latinos. Auch letztere sind mehrheitlich Katholiken, neigen aber nicht automatisch den Republikanern zu; andererseits wächst auch unter ihnen die Zahl der evangelikalen Protestanten, die mittlerweile die größte geschlossene Wählergruppe in den USA überhaupt bilden – und normalerweise eine„Bank“ für Bush. Wiede rwahl ist aber auch nicht sicher. Der Wahlkampf wird nach den TV-Duellen, wenn die meisten Wahlgänger sich entschieden haben, wieder lokal und konzentriert sich nun auf die swing states , vor allem auf das gute Dutzend battleground states wie Florida, wo Bush vor vier Jahren nach abgegebenen Stimmen verDas religiöse Amerika gibt den Ausschlag Wie ausschlaggebend ist unterm Strich die Rolle der people of faith , wie geteilt und polarisiert sind Nation mutlich verloren hat(USA-weit ohnehin). Einige von diesen Schlachtfeldern stecken wegen der flächende3 Vgl. u.a. William H. Frey/Brookings Institution (http://www.brook.edu/views/op-ed/wfrey/200409.htm). Internationale Politikanalyse International Policy Analysis Unit und Wählerschaft tatsächlich? Was die„zwei Natio- Ausschlag geben dürften als die Wirtschafts- und Sozinen“ betrifft, also eine Teilung der Wählerschaft in alpolitik von Bush, die etwa von Paul Krugman in ähnzwei gleich große Lager und die früher nur in Europa lich deutlicher Weise kritisiert worden ist wie die Sibekannte ideologische Polarisierung, gibt es zwei kont- cherheitspolitik, was aber in den elektronischen Meräre Denkschulen. Die meisten Beobachter des poli- dien und zu„Joe und Jean Sixpack“, dem amerikanitischen Systems der USA teilen den Eindruck, den vor schen Durchschnittspaar, kaum durc hgedrungenen ist. allem eine große empirische Studie des Pew Research Ein wesentlicher Faktor ist das Wahlverhalten der LatiCenter for the People& the Press im Sommer/Herbst 4 2003 vermittelt hat: Selten zuvor lagen Anhänger von nos, die mit zunehmender Aufenthaltsdauer und wachsendem Einkommen konservativer werden und Republikanern und Demokraten in ihrer Sicht auf die für Kerry ebensowenig eine sichere Bank darste llen wie Weltlage im allgemeinen und Amerika im besonderen die schwarze Mittelschicht. Beide Gruppen haben sich so weit auseinander, was tiefe Grundüberzeugungen durchaus beeindrucken lassen, etwa von den Schulgutebenso wie aktuelle Lageeinschätzungen betrifft. Man scheinen, die Kindern aus Minderheitenfamilien den bedenke aber, dass die These von den„zwei Natio- Besuch besserer Privatschulen erlauben- wohl die einnen“ eine Kulturkampfparole der Neokonservativen 5 aus den Clinton-Jahren ist, und so lautete die Gegenzige Großtat George W. Bushs in der Innenpolitik. these einer Minderheit, zerstritten seien weniger die amerikanischen Durchschnittsbürger als vielmehr die Ideologen der Denkfabriken, die„pundits“ und SpinProtestantischer Mainstream und religiöse Rechte Doktoren, die Medien und die Parteiapparate. Eine Nation von moderaten Zentristen, regiert von wütenden Appara tschiks, könnte man überspitzt formulieren. 6 Die Zwei-Nationen-These kann in der Tat auf tiefe weltanschauliche Gräben wie auf sozialstrukturelle Trends rekurrieren: • Selbsterklärte Konservative und häufige Kirchgänger votieren weit überproportional für die Republikaner; • Weiße tendieren nach rechts, Schwarze(zu 91%) und Hispanics(zu 66%, mit abnehmender Tendenz) nach links; • Personen ohne High School-Abschluss und solche mit akademischem Abschluss(post graduates) wä hlen eher demokratisch, die Hauptbildungsgruppen überwiegend republikanisch; • Mit wachsendem Einkommen und BusinessOrientierung wächst die Zustimmung zu den Republikanern(und die Bereitschaft, zur Wahl zu gehen); • Personen mit full-time-Job tendieren nach rechts, Personen in prekären Beschäftigungsverhältnissen und Beschäftigungslose nach links, analog verhält es sich bei Gewerkschaftsmitgliedschaft; • Nicht zuletzt weitet sich der gender gap : Männer wählen eher rechts, Frauen eher links. Trotz der sozialstrukturellen Polarisierung und der unbestreitbaren Notlage vieler Regionen sowie klammer Staatshaushalte wird die soziale Lage vornehmlich nach politisch-ideologischer Präferenz interpretiert, womit andere Faktoren für den Wahlausgang den 4 Evenly Divided and Increasingly Polarized. 2004 P olitical Landscape, Washington D.C. November 2003. 5 Vgl. zuletzt Gertrude Himmelfarb, One Nation, Two Cultures: A Searching Examination of American Society in the Aftermath of Our Cultural Revolution, New York 2000. Dagegen bereits Alan Wolfe, One Nation, After All: What Americans Really Think About God, Country, Family, Racism, Welfare, Immigration, Homosexuality, Work, The Right, The Left and Each Other, New York 1999 und jetzt Morris P. Fiorina et al., Culture War? The Myth of a Polarized America, New York 2004. Vgl. auch Stanley B. Greenberg, The Two Americas: Our Current Political Deadlock and How to Break It, New York 2004. 6 John Tierney, New York Times, 21. Juni 2004. Wichtiger noch ist der religiöse Faktor. Auf die mittlerweile zur protestantischen Mehrheit aufgestiegene Gruppe der Evangelikalen, Born-Again-Christians (Wiedergeborene) und Pfingstler kann sich Bush mehr als sämtliche republikanischen Präsidenten vor ihm verlassen. Der Präsident, der als einstiger Alkoholabhängiger aus seiner Bekehrung zu Jesus(„dem größten politischen Philosophen“) keinen Hehl macht, kann sich auf eine in westlich-säkularen Gesellschaften fast einmalige Entwicklung stützen, wonach die Vereinigten Staaten seit den 1980er Jahren eine noch intensiver religiöse Gesellschaft geworden sind, als sie es im Verhältnis zu Zentraleuropa immer schon waren. 71% der Amerikaner stimmen in Umfragen damit überein, dass Beten ein wesentlicher Teil ihres täglichen Lebens sei, dass sie an das Jüngste Gericht glauben und dass sie niemals an der Existenz Gottes zwe ifeln. Dabei hat sich der Anteil derjenigen, die besonders fest an Gott glauben, in den letzten Jahrzehnten noch erhöht, worin sich das Vordringen der protestantischen (und anderen) Fundamentalisten in der amerikanischen Religionslandschaft spiegelt. Davon haben die konse rvativen Republikaner erheblich profitiert, die liberalen Demokraten hingegen leiden unter dieser protestantischen Verschärfung und ebenso unter dem Abdriften der weißen Katholiken zur Grand Old Party(G.O.P.). Bushs Wahlkampfmanager Karl Rove hat sich ganz besonders um diese Klientel gekümmert, die bei der Präsidentschaftswahl 2000 von Bush keineswegs begeistert war, sondern in einem generellen Ekel vor der Politik und auch in Enttäuschung über viele gebrochene Wa hlversprechen der Republikaner(und Bushs anfängliche Leugnung des Alkoholmissbrauchs) demobilisiert war. Auf vier Millionen Stimmen wird das beim letzten Mal entgangene Wählerpotenzial geschätzt, und ihre Stimmen zählen besonders in swing states wie Missouri, Iowa, Ohio und Pennsylvania, wo ihr Anteil an der Wählerschaft bis zu einem Drittel beträgt. In diesem Jahr beabsichtigen Umfragen zufolge 90% der Evangelikalen für Bush zu stimmen, der religiöse Lobby-Gruppen durch seine Initiative gegen die Homo-Ehe beeindruckt hat(die er für verfassungswidrig erklären 3 Claus Leggewie Two Nations – One President? Politik Info (10/2004) 7 4 lassen will) und Experimente mit menschlichen Stammzellen gegen den medizinisch-technischen Armageddon? Komplex untersagen will. Da der Präsident sich beharrlich für die Berufung ultrakonservativer Richter in höchste Staats- und Bundesgerichte einsetzt und damit ein Ende der liberalen Abtreibungsgesetze absehbar wird, hat Bush sich von allen Präsidenten am stärksten für sozialkonservative Themen eingesetzt. Diese Prinzipienfestigkeit hat in den letzten Monaten vor allem die praktizierenden Katholiken beeindruckt, während der Katholik Kerry mit Glaubensgenossen und Amtskirche über Kreuz liegt. Und dass er mit Teresa Heinz Kerry verheiratet ist, hat ihn in diesem konservativen Milieu auch nicht beliebter gemacht. Von einer evangelikalen Veto-Macht republikanischer Parteitage hat sich die religiöse Rechte zu einer konservative Protestanten, Katholiken, Juden und auch Muslime umfassenden Hauptströmung des politischen Systems gemausert. Fundamentalistische Einpeitscher wie James Dobson und Paul Weyrich, denen vor Jahren noch die Dissoziation vom neokonservativen Lager(als so genannte „theocons“) nachgesagt und geradezu Putschgelüste gegen die amerikanische Republik unterstellt wurden, bilden heute die treueste Anhängerschaft des Weißen Hauses und einen Eckpfe iler der G.O.P. Aber es gibt eben auch weniger fundamentalistisch und streng ausgerichtete Gläubige, die von Kerry gewonnen werden können, weil sie zwar in Fragen der Abtreibung und Alltagsmoral konservativ eingestellt sind, aber bei Krieg und Sozialversicherung, Budgetdisziplin und Bürgerrechten Vorsicht walten lassen und das forsche Vorpreschen des Präsidenten gegen die Homo-Ehe missbilligen. Viele Beobachter haben die Demokraten vor dem Fehler gewarnt, sich allein auf Atheisten, Agnostiker und militante Säkularisten zu stützen, deren Anteil beachtlich gewachsen ist und auf fast 30% der US-Bevölkerung geschätzt wird, und die gemäßigt Religiösen rechts liegen zu lassen. Bemerkenswert ist zusammenfassend die Differenzierung des religiösen Lagers, in dem Traditionalisten aller Konfessionen nach rechts tendieren, die Moderaten hingegen eher demokratisch votieren und die große Gruppe von Zentristen als wichtigste„swing constituency“ gilt. 8 Alles hängt am Schluss davon ab, wie gespalten die amerikanische Nation politisch-kulturell tatsächlich ist, anders gesagt: ob die Wählerschaft genauso ideologisch polarisiert ist, wie es Parteiapparate, Massenmedien und einige wisse nschaftliche Studien unterstellen. Nur wenn das nicht der Fall ist, hat John F. Kerry mit seinen Sowohl-als-auch-Positionen, middle ground genannt, eine echte Chance. Damit noch einmal zurück zur Polarisierung auf den amerikanischen Büchertischen. Außerhalb der multikulturellen und multireligiösen Metropolen hat eine Aufklärungsschrift wie von Seymour M. Hersh kaum eine Chance. Dort dient sie eher als abschreckendes Be ispiel für das Feindbild der„liberal media conspiracy“, die in den meisten Talk Radios des Hinterlands und in einigen großen TV-Sendern unablässig an die Wand gemalt wird. Die indolente Haltung von George W. Bush und Mitgliedern seiner Administration zu Fakten, Einwä nden und Rechtspositionen, die ihrer Politik entgege nstehen, kann man allein aus religiösen Hintergründen verstehen, die ihnen lächelnde Siegesgewissheit geben, egal welche Meldungen aus dem Irak kommen und wie oft Lügen und Manipulationen nachgewiesen werden. Diese Missachtung positiven Wissens und rationaler Argumentation verweist noch einmal auf eine andere Logik, die man in der prämillenarischen Fantasieromanen des Reverend Tom LaHaye studieren kann. LaHayes gläubige Leser sind fest vom nahen Weltende überzeugt, der Elfte September hat sie darin noch bestärkt. Armageddon – die letzte aller Schlachten – wird in ihrer Lebenszeit ausgefochten, deswegen hat der Kampf um Israel und Babylon(= Saddam Husseins Bagdad!) nicht nur symbolische Bedeutung und ist der Kampf gegen die UNO(die bei LaHaye von einem rumänischen Finsterling namens Nicolae Carpathia geführt werden) so vordringlich. Denn die Schlacht im Nahen Osten gilt diesen christlichen Zionisten als Anzeichen der letzten Auseinandersetzung und Möglichkeit zur Bekehrung der Juden. Die UNO ist ihnen eine Inkarnation des Antichrist. Eine marginale und häretische Theologie des 19. Jahrhunderts und die wörtliche Bibel-Lektüre als Fahrplan der zeitgenössischen Politik sind zum Massenphänomen geworden. Es mag noch nicht die Strategie des Weißen Hauses bestimmen, aber durchzieht als Interpretament die amerikanische Gesellschaft und Wählerschaft. Über 60 Millionen Exemplare der LeftBehind-Serie sind verkauft worden(und füllen die Kassen von Random House/Bertelsmann!), dieses Sektierertum ist tief in der populären Massenkultur verwurzelt und bildet einen„masterframe“ der Innenund Außenpolitik. Über CD’s und DVD’s, Videos und Webseiten, Kinderbücher und Comics, interaktive Spiele und message boards, Accessoires und Bildschirmschoner ist die Left Behind-Kampagne millionenfach repliziert und mindestens so einflussreich wie das Disney-Imperium. Talk-Radios und Megakirchen tun ein Übriges, um die Codeworte einzuführen und in Umlauf zu bringen, die aufgeklärte Liberale nicht einmal gehört haben. 9 7 Vgl. Claus Leggewie, Wahlkampf mit der Homoehe, in: Blä tter für deutsche und internationale Politik, H. 5/2004, S. 536-38. 8 Nach einer Studie von John Green, University of Akron, zit. nach New York Times, 31.Januar 2004 und The Economist, 5.Juni 2004 9 Weiterführende deutschsprachige Literatur: Thomas Greven, Die Republikaner. Anatomie einer amerikanischen Partei, München 2004; Rainer Prätorius, In God We Trust. Religion und Politik in den USA, München 2003; Michael Minkenberg/Ulrich Willems(Hg.) Politik und Religion, PVS-Sonderheft 33/2002.