Waffenimporte und Raubökonomien als konfliktverschärfende Faktoren im kongolesischen Bürgerkrieg Wolf-Christian Paes Mai 2004 Die Demokratische Republik Kongo(ehemals Zaire) kommt nicht zur Ruhe, seit dem Sturz des Regimes von Joseph-Desiré Mobuto vor fast einem Jahrzehnt wird das Land von der Größe Westeuropas von einem blutigen Bürgerkrieg erschüttert. International gilt der Kongokrieg als das Paradebeispiel für das Abgleiten eines gescheiterten Staates in eine bewaffnete Auseinandersetzung, die von Außenstehenden kaum verstanden und daher gerne als irrationaler ethnischer Konflikt gewertet wird. Dieser Faktor(und seit dem 11.09.2001 auch der Feldzug gegen den internationalen Terrorismus) erklärt auch die Zurückhaltung der internationalen Gemeinschaft bei der Suche nach einer tragfähigen Friedenslösung für den Kongo. Seit dem Ende des Kalten Krieges und angesichts der geostrategischen Marginalisierung Zentralafrikas ist die Bereitschaft in den Industrienationen zu einem„afrikanischen Abenteuer“ gering, worüber auch die regional-begrenzte und wenig nachhaltige französische Intervention im Ostkongo im Sommer des vergangenen Jahres nicht hinwegtäuschen kann. Der aktuelle, unter südafrikanischer Vermittlung zu Stande gekommene Friedensprozess, leidet daher auch unter der zahnlosen UN-Friedenstruppe MONUC, deren geringe Truppenstärke es kaum erlaubt, die bewaffneten Gruppen zu entwaffnen. 1. Gewaltökonomie und Weltmarkt Dabei ist der kongolesische Bürgerkrieg keinesfalls so irrational, wie manche Beobachter meinen. So vermischen sich bei den vielen kongolesischen und internationalen Akteuren machtpolitische und wirtschaftliche Interessen. So waren etwa die Inte rvention Ugandas und Ruandas auf Rebellenseite ursprünglich durch das nachvollziehbare Interesse motiviert, die erneute Entstehung von Unsiche rheitszonen im Ostkongo zu verhindern und auch die Entsendung angolanischer Truppen zur Stärkung der Regierungsseite diente dazu, Rückzugsräume der UNITA auf kongolesischem Territorium zu eliminieren. Mit zunehmender Kriegsdauer dominiert ej doch das Profitstreben, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen zur Refinanzierung der Kriegskosten wird zur lukrativen Einkommensquelle der militärischen Eliten. Friedenslösungen we rden dadurch erschwert, das die„Gewaltunterne hmer“ auf allen Seiten ihre Einkommensquellen nicht verlieren wollen. Auf das Kriegsgeschehen hat diese ökonomische Dimension des Konflikts einen direkten Einfluss – die Parteien scheuen die direkte Auseinandersetzung mit dem Gegner und setzen auf die Kontrolle von Bergwe rken, Produktionsstätten und Handelswegen. Im Gegensatz zum ersten Kongokrieg(1996-97) gibt es kaum substantielle Geländegewinne, es dominieren Überfälle und kleinere Scha rmützel. Unter dieser„low-intensity“ Kriegsführung leidet besonders die Zivilbevölkerung, Hilfsorganisationen schätzen, das mehr als drei Millionen Menschen zum Opfer der direkten und indirekten Kriegsfolgen geworden sind. Die Menschen im Kongo wurden zum Spielball der bewaffneten Gruppen. Wo kein Staat mehr die öffentliche Ordnung gewährleistet, wird persönliche Sicherheit zum handelbaren Gut. Der Staat ist in weiten Teilen des Kongos kaum noch funktionsfähig, öffentliche Dienstleistungen wie Schulen und Krankenhäuser existieren nur noch auf Privatinitiative und sind überwiegend auf ausländische Hilfsgelder angewiesen. Dabei findet der kongolesische Bürgerkrieg keinesfalls isoliert von der Weltwirtschaft statt. Die kriegsführenden Gruppen kaufen weltweit Waffen und Munition, wobei das notwendige Kapital aus dem Erlös der im eigenen Herrschaftsgebiet erbeuteten Rohsto ffe finanziert wird. Ohne die weltweite Nachfrage nach Edelhölzern, Diamanten und anderen seltenen Rohsto ffen wäre ein lange anhaltender Konflikt im Kongo ebenso wenig denkbar, wie ohne den Nachschub an Kriegsgerät. Diese Schnittstelle zwischen Gewaltökonomie und Weltmarkt bietet andererseits auch Kontrollmöglichkeiten zur Eindämmung des Kriegs. 2. Kleinwaffen – die„Massenvernichtungswaffen“ des kleinen Mannes 1 Bei der Diskussion von Konflikten in den Ländern des Südens ist in den vergangenen Jahren das Kleinwaffe nproblem immer stärker in den Vordergrund getreten. Ta tsächlich gehört die unkontrollierte Verbreitung von Kleinwaffen zu den wichtigsten Herausfo rderungen für die internationale Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Definition von kleinen und leichten Waffen umfasst Schusswaffen, die von einer bzw. maximal zwei Personen transportiert und eingesetzt werden können(Pistolen, Gewehre, Mörser). Kleinwaffen sind ideal für die nichtstaatlichen Konflikte und sind die bevorzugte Waffe sowohl von Krimine llen, als auch von politisch motivierten Gruppen. Auch wenn sie in der Vergangenheit im Hintergrund standen, da sie – im Gegensatz etwa zu atomaren, biologischen und chemischen(“ABC“-) Waffen – nicht das Potenzial haben, Tausende von Menschen in wenigen Minuten umzubringen, so sind Kleinwaffen trotzdem die„Massenvernichtungswaffen des Kleinen Mannes”. Die in Genf herausgegebene Publikation Small Arms Survey schätzt, dass Jahr für Jahr mindestens eine halbe Million Menschen durch Kleinwaffen zu Tode kommt, die Anzahl der Verletzten und der mittelbar zu Schaden gekommenen Menschen(etwa Waisen) dürfte noch um ein Vielfaches höher liegen. Etwa 90 Prozent aller Kriegsopfer gehen auf das Konto von Kleinwaffen, dazu kommen noch Hunderttausende, die alljährlich Opfer von Verbrechen oder von staatlicher Verfolgung unter Einsatz von Kleinwaffen werden. Auch das Internationale Komitee des Roten 1 Vgl. auch Paes, W. Ch.,"Kleinwaffen- Eine Be drohung für die"dritte" Welt", Aachen 2002(Mis ereor). 2 Kreuzes verweist auf die verheerende Wirkung von Kleinwaffen auf die Zivilbevölkerung – während etwa zehn Prozent der zivilen Opfer auf Landminen und„nur“ fünf Prozent auf Großwaffensysteme entfallen, sind Kleinwaffen für den Großteil der Toten und Verletzten verantwortlich. Keine andere Waffe nart, weder Panzer, Geschü tze noch Flugzeuge – und sicher nicht die zuvor genannten ABC-Waffen, die insbesondere durch ihre apokalyptische Wirkung die Öffentlichkeit beschäftigen – bringt es weltweit auf eine ähnlich schreckliche Bilanz. Tote und verletzte Zivilisten bezogen auf Waffentypen: Schätzungen für 41 Konfliktgebiete der neunziger Jahre Waffentypen Prozentualer Anteil Gewehre 63 Artillerie, Mörser 10 Handfeuerwaffen(Pistolen, Revolver) 10 Landminen 10 Großwaffensysteme(Panzer, Flugzeuge etc.) 5 Handgranaten 2 Quelle: Internationales Komitee vom Roten Kreuz Treibstoff einzusetzen. Kleinwaffen Kleinwaffen sind perfekt für bewaffnete hingegen, wie etwa das populäre Konflikte in den Ländern des Südens, die selten von regulären Armeen nach Sturmgewehr Kalaschnikow(AK-47), den Regeln des Völkerrechtes entlang sind auch unter primitiven Einsatzbevon klar definierten Frontlinien ausge- dingungen wirkungsvoll nutzbar. Der fochten we rden. In aller Regel handelt amerikanische Wissenschaftler Michaes sich heute um kleine bewaffnete el Klare nannte den“männlichen JuHaufen ohne Zugang zu Transportmit- gendlichen, ausgestattet mit einem teln und ohne ausgefeilte Logistik, die Kalaschnikow Sturmgewehr“ das„gezu ihrer Versorgung auf die Ausbeu- fährlichste Waffensystem der heutigen tung der von ihnen kontrollierten Ge- Epoche”. Tatsächlich genügt schon ein biete angewiesen sind. In vielen Bür- wenig Training, um mit Kleinwaffen gerkriegen in Afrika gibt es kaum noch umzugehen, und es gibt eine Reihe eine zentrale Kontrolle und Koordinati- von Fällen, in denen selbst zehnjährige on von Kampfhandlungen, die Grenzen Kinder an Sturmgewe hren geschult zwischen Regierungstruppen, Guerille- und später als„Kindersoldaten” missros und gemeinen Banditen ve r- braucht wurden. Die Wirkung von auschwimmen zunehmend. Hier wird tomatischen Waffen ist dabei ausgeWaffenbesitz zu einer Frage des Über- sprochen einschüchternd und verheelebens, die Kalaschnikow wird zum rend: es ist durchaus möglich die BeProduktionsmittel in der privatisierten völkerung eines ganzen Dorfes durch Kriegsführung. eine Gruppe von mit Kleinwaffen ausgerüsteten Kämpfern auszulöschen. Diese neue Form der Kriegsführung bleibt nicht ohne Einfluss auf die ve r- Kleinwaffen haben eine Reihe von Eiwendeten Waffensysteme. Komplexe genschaften, die sie zur ersten Wahl Waffensysteme, wie etwa Panzer, Arti l- für bewaffnete Gruppen weltweit malerie oder Luftfahrzeuge, sind unter chen: diesen Bedingungen weder zu beza hlen noch ohne qualifiziertes Personal Kleinwaffen sind in den meisten sowie Zugang zu Ersatzteilen und Regionen der Welt leicht verfügbar. 3 Schätzungen gehen davon aus, dass es mehr als 640 Millionen Kleinwaffen weltweit gibt, davon etwa 125 Millionen Sturmgewehre. Von dieser Zahl sind ungefähr 40 Prozent im Besitz von Streitkräften und ca. 56 Prozent im legalen Besitz von Privatleuten. Die große Mehrzahl der Waffen in privater Hand befindet sich in den Vereinigten Staaten von Amerika, die ein ausgesprochen freizügiges Waffenrecht als Bürgerrecht verstehen. Nur ein relativ kleiner Teil der we ltweiten Waffen ist Eigentum von bewaffneten Gruppen oder Kriminellen, doch die hohe Gesamtzahl führt dazu, dass es ihnen nicht an Nachschub mangelt. Kleinwaffen sind günstig zu erwerben und damit auch für“ärmere” Rebellenbewegungen erschwinglich. Die Kosten für ein Sturmgewehr vom Typ AK-47 Kalaschnikow variieren dabei je nach Region und Angebotssituation sehr stark. In Äthiopien kostete eine Kalaschnikow im Mai 1999 etwa den Gegenwert von 25 Euro, in Uganda entsprach der Waffenwert angeblich dem Marktpreis einer Ziege. Kleinwaffen sind stabil und leicht zu pflegen. Es ist durchaus nicht unüblich, dass in Konfliktregionen Waffen aus vergangenen Kriegen auftauchen. So sind etwa chinesische und russische AK-47 sowie amerikanische M16 Sturmgewehre aus der Zeit des Vietnamkrieges immer noch in Südostasien im Umlauf, während in den Balkankriegen Infanteriegewehre aus dem zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden. Kleinwaffen sind leicht und können relativ einfach transportiert we rden. Dieser Aspekt ist insbesondere für Guerillakämpfer von großer Bedeutung, die abseits von Straßen und ohne Transportmittel operieren. Gleichzeitig erlaubt das relativ geringe Gewicht von Kleinwaffen den Schmuggel über nationale Grenzen. Diese Kombination von Eigenschaften macht Kleinwaffen einerseits zur bevorzugten Waffen von bewaffneten Gruppen weltweit und gleichzeitig zu einer ernsten Herausforderung für die internationale Politik. 3. Händler des Todes – der internationale Waffenhandel Die Mehrzahl der in den Entwicklungsländern zirkulierenden Waffen stammt aus der Zeit des Kalten Krieges. Vor dem Hintergrund des ideologischen Wettstreites zwischen den Systemen bemühten sich beide Seiten, Regierungen und Rebellenbewegungen in den Ländern des Südens aufzurüsten. So gaben die Vereinigten Staaten allein im Zeitraum zwischen 1950 und 1975 mehr als zwei Millionen Gewehre an Bündnispartner ab. Neben der„offiziellen“ Rüstungshilfe für befreundete Regierungen wurden Waffen auch an Guerillaorganisationen abgegeben – etwa an die nicaraguanischen Contras oder die afghanischen Mujahedin. Ähnliche Entwicklungen gab es auch im Einflussbereich des Warschauer Paktes, wo das russische Schnellfeuergewehr vom Typ Kalaschnikow im Zeita lter der anti-kolonialen Befreiungskriege seinen Siegeszug antrat – noch heute “schmückt” eine Kalaschnikow die Fahne Mosambiks und die Staatswappen von sechs weiteren Staaten. Nach dem Ende des Kalten Krieges veränderte sich die geostrategische Situation grundlegend und die Großmächte zogen sich weitgehend aus der militärischen Unterstützung für Kriegsparteien in den Ländern des Südens zurück. Dies führte in einigen Fällen, etwa in Mittelamerika, in Kambodscha, aber auch in Mosambik, zu einem Abflauen der Konflikte. Der internationale Waffenhandel wurde zunehmend privatisiert: waren es zuvor meist staatliche Stellen, die Waffen an Regierungen oder Befreiungsbewegungen lieferten, wuchs nun die Rolle privater 4 Waffenhändler. Während des Kalten Krieges existierte diese Gruppe von Individuen ebenfalls, aber sie wickelten den Großteil ihrer Transaktionen nicht auf eigene Rechnung, sondern für Regierungen und deren Geheimdienste ab, die nicht direkt mit dem“schmutzigen Geschäft” des Waffenha ndels in Verbindung gebracht werden wollten. Nach dem Ende der Ost-WestKonfrontation blieben viele Zwische nhändler ihrer Profession treu und nutzten ihre bestehenden Beziehungen zu Produzenten, Geheimdiensten und Transportgesellschaften, um ihre Geschäfte nun selbstständig abzuwickeln. Die Rolle dieser Zwische nhändler, die ihre Büros häufig in den Industriestaaten und ihre Konten in“Steueroasen” unterhalten, kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Sie nutzen ihre vielfältigen Kontakte, um sensible Geschäfte möglich zu machen. Paradoxerweise funktionieren ihre Geschäfte am besten in Konflikten, bei denen ein Waffenembargo gegen eine oder mehrere Kriegsparteien verhängt wurde. Sobald sich eine Regierung oder Befreiungsbewegung nicht mehr selbst auf dem internationalen Waffenmarkt eindecken kann, benötigt sie die Unterstützung eines Waffe nhändlers, der geeignete Waffen auf dem“grauen” Markt identifiziert, die Verhandlungen mit dem Verkäufer führt, möglicherweise für gefälschte Endverbrauche rnachweise sorgt sowie sich um den Transport der Ware in die Krisenregion und um die Abwicklung der Bezahlung kümmert. Eine Reihe von Faktoren begünstigt dieses Geschäft: § Seit dem Ende des Kalten Krieges sind Millionen von Waffen auf beiden Seiten überflüssig geworden. Während die Regierungen Westeuropas nur in Ausnahmefällen Waffen an private Händler verkauft haben, lag die Hemmschwelle in den Übergangsgesellschaften Mittel- und Osteuropas deutlich niedriger. Folgerichtig kamen in den neunziger Jahren sehr viele gebrauchte Kleinwaffen aus Staaten wie Russland, der Ukraine, Moldawien, Bulgarien und Rumänien auf den Markt. Die Erweiterung der NATO nach Osten führte dabei zu einem weiteren Verkaufsdruck, da sich die neuen Mitgliedsstaaten um eine Anpassung ihrer Waffe nsysteme an die NATOStandards bemühen. § Das nachlassende Interesse der Großmächte an Konflikten in den Entwicklungsländern war mit einem Abbau der militärischen und nachrichte ndienstlichen Präsenz in diesen Regionen verbunden. Dadurch ist es kaum noch möglich, Waffenembargos inte rnational effektiv zu überwachen, zumal die direkten Nachbarstaaten häufig weder die notwendigen Ressourcen noch den politischen Willen haben, Sanktionen gegen die Konfliktparteien durchzusetzen. § Die Deregulierung und Privatisierung der zivilen Luftfahrt ermöglicht es auch Privatleuten ein Transportflugzeug mit Crew zu chartern und zum Transport von Waffen und Munition zu verwenden. Häufig stammen Flugze uge und Piloten ebenso wie die transportierten Waffen aus den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes, wo der wirtschaftliche Zusammenbruch in den neunziger Jahren viele Piloten und Flugzeuge arbeitslos gemacht hat. § Moderne Kommunikationstechnologien und die Globalisierung der Weltwirtschaft begünstigen den Waffenhandel ebenso wie andere Wirtschaftsbereiche. Heute ist es für Waffenhändler, aber auch für Rebellenfü hrer in Afrika möglich, große Geldbeträge und Warenlieferungen per Satellitentelefon weltweit zu dirigieren. Waffenhändler nutzen die Lücken in der nationalen und internationalen Gesetzgebung geschickt aus. So sind in den meisten Staaten – die Europäische Union bildet hier seit wenigen 5 Jahre eine Ausnahme – Waffengeschäfte nicht illegal, wenn die Waren nicht das Staatsgebiet berühren. Das bedeutet in der Praxis, dass es völlig legal sein kann, ein Geschäft zwischen einer bulgarischen Rüstungsfirma und einer kongolesischen Rebellenbewegung zu vermitteln und den Transport der Waffen zu organisieren, so lange die Waffen nicht über das Heimatland des Waffenhändler transportiert we rden. Auch die lückenhafte Luftraumüberwachung in weiten Teilen Afrikas und Asiens ermöglicht es den Transportflugzeugen der Waffenhändler“ungeplante” Zwischenstopps in den Konfliktregionen einzulegen. So ist es etwa möglich, einen Flugplan für die Strecke Südafrika – Sambia abzugeben und eine Zwischenlandung im Süden Angolas zur Versorgung der UNITA Rebellen einzulegen, ohne dass dies den Behörden bekannt wird, da es weder eine Radarüberwachung des angolanischen Luftraumes noch einen regelmäßigen Datenaustausch zwischen den Luftfahrtbehörden der beteiligten Länder gibt. Auch die Kriegsparteien im Kongo haben sich der Dienste von Zwische nhändlern bedient, um die Versorgung mit Waffen und Munition sicherzuste llen. So wurde in Südafrika ein belgischer Waffe nhändler verhaftet, der 8000 alte M-16 Sturmgewehre aus amerikanischer Produktion an die kongolesische Regierung verkaufen wollte. Eine weitere wichtige Quelle für Nachschubgüter ist die Firma Zimbabwe Defence Industries, die bereits wä hrend des ersten Kongokriegs Munition, Uniformen und andere Ausrüstungsgüter an den damaligen Rebellenführer (und späteren Präsidenten) LaurentDesiré Kabila lieferten. Während die kongolesische Regierung heute keinem Waffenembargo unterliegt und daher, ebenso wie die verbündeten Mächte Angola, Namibia und Simbabwe relativ ungehindert auf den regionalen Märkten einkaufen kann, sind die Rebellenbewegungen auf verschlungenere Wege für ihren Nachschub angewiesen. Diese verliefen im Regelfall über die jeweiligen„Schutzmächte“ Uganda bzw. Ruanda. So bezog die ugandische Regierung in den neunziger Jahren Waffen unter anderem aus Nordkorea, Weißrussland, Israel und Südafrika und man darf davon ausgehen, das ein Teil dieser Waffen seinen Weg in den Kongo gefunden hat. Im Fall des Kongos wird der internationale Waffenhandel auch dadurch begünstigt, das zu keinem Zeitpunkt ein internationales Waffenembargo bestand. Zwar existierten UN-Sanktionen gegen die(auch im Kongo involvierten) angolanischen UNITA-Rebellen sowie gegen die ruandischen HutuExtremisten der Interahamwe, aber weder gegen die Regierung in Kinshasa, noch gegen die Rebellen und ihre Unterstützer in Uganda und Ruanda. Lediglich gegen Simbabwe wurde im Jahr 2000 ein Waffenembargo durch die Europäische Union verhängt und dieses war wahrscheinlich eher eine Folge der repressiven Innenpolitik der simbabwischen Regierung und nicht so sehr ein Ergebnis des Kongokriegs. Aber selbst wo internationale Sanktionen bestehen, können diese relativ leicht umgangen werden. Internationale Waffe nhändler benötigen in diesen Fällen lediglich ein„Endnutzerzertifikat“ aus einem unverdächtigen Drittstaat, in dem jener erklärt, die bestellten Waffen seien für die eigenen Streitkräfte bestimmt. Diese Zertifikate werden entweder gefälscht oder aber von korrupten Beamten der betreffe nden Staaten ausgestellt. Finanzierung des Waffenhandels Die Finanzierung von Waffen- und Munitionslieferungen erfolgt dabei zumeist durch die Ausplünderung von Ressourcen, die in der Konfliktregion auch unter Kriegsbedingungen abgebaut 6 werden können. Im Fall des kongolesischen Bürgerkriegs wurde diese Dimension des Konflikts durch eine UNKommission beleuchtet und dokumentiert. Zu den wichtigsten Einkommensquellen der Kriegsparteien gehören: § Der Export von mineralischen Rohstoffen, darunter Diamanten, Coltan und Kupfer. Diese werden im Fall der Rebellenbewegungen im Regelfall über befreundete Staaten auf den Weltmarkt gebracht. So vervielfachte sich das Exportvolumen von Ruanda und Uganda, obwohl keine neuen Fördergebiete erschlossen wurden gegen Ende der neunziger Jahre. Auch weiter entfernte Staaten, wie etwa die Vereinigten Arabischen Emirate, die eine wichtige Drehscheibe für Transporte von und nach Ostafrika darstellen, exportierten vermehrt Diamanten nach Europa. § Die Nutzung von agrarischen und forstwirtschaftlichen Produkten, darunter Edelhölzer und Kaffee. Im Gegensatz zu mineralischen Rohsto ffen sind hier die Gewinnmargen niedriger, aber trotzdem spielen diese Güter eine wichtige Rolle bei der Kriegsfinanzierung. Auch hier exportieren die Rebellenbewegungen zumeist über Ruanda und Uganda. § Die Kontrolle von regionalen Märkten und Transportwegen bildet eine weitere Einkommensquelle. Während die bewaffneten Gruppen eine rseits Handel und Produktion„beste uern“, verschaffen sie sich andererseits selbst Monopole auf bestimmte Güter. So kontrollierten etwa ruandische und ugandische Militärs die Versorgung mit elektrischen Gütern, wie Fernsehern und Kühlschränken im Ostkongo. § Eine weitere Einkommensquelle ist die Abzweigung bzw. Besteuerung von humanitärer Hilfe. Keine Hilfsorganisation ist in der Lage in einem Gebiet ohne die Einwilligung der örtlichen Kriegsherren zu arbeiten, wofür sich diese oftmals bezahlen lassen. Bei diesen Geschäften unterscheiden sich Rebellenbewegungen kaum von den Soldaten der Regierung – reguläre, wie auch irreguläre Truppen sind darauf angewiesen, durch wirtschaftliche Aktivitäten ihr Überleben zu sichern. Im Fall der simbabwischen Truppen geschah dies etwa durch gemeinsame Unternehmen mit der kongolesischen Regierung mit dem Ziel Diamanten- und Kupferminen im rohstoffreichen Süden des Landes auszubeuten. Dies geschieht mit der Billigung der Regierungen in Kinshasa und in Harare, die in der Ausbeutung von Rohstoffen eine Möglichkeit sehen, die enormen Kosten der Intervention wieder einzuspielen. Weniger offe nkundig ist das wirtschaftliche Interesse Rua ndas und Burundis – der Bericht der UN-Kommission nennt eine Reihe von Unternehmen und Individuen mit Verbindungen bis in die höchsten Regierungskreise. Eine Reihe von Unternehmern kassieren dabei gleich mehrfach, so transportieren private Fluggesellschaften aus Ostafrika Soldaten, Waffen, aber auch Konsumgüter in den Ostkongo. Auf dem Rückweg werden dann Gold, Diamanten oder Coltan mitgenommen, die über Kigali und Entebbe dann als ihren Weg auf die Weltmärkte finden. Diese Gemengelage aus vielschichtigen, teils illegalen Finanzierungsque llen und ebenfalls schwer durchscha ubaren Marktstrukturen macht eine Kontrolle des Waffenhandels und die Abrüstung dieses tödlichen Geschäftsfe ldes äußerst schwierig. Waffen sind ein weltweit vagabundierendes Handelsgut, das unkontrolliert von einem Markt zum nächsten strömt. Dieser Handel kennt weder Landesgrenzen noch Statistiken. 7 Ausblick Auch nach dem formellen Ende der Kriegshandlungen und dem Abzug der meisten ausländischen Truppen vom kongolesischen Staatsgebiet bleibt abzuwarten, ob der Kongokonflikt ta tsächlich sein Ende gefunden hat. Bislang sind umfassende Entwaffnungen der verschiedenen Parteien ausgeblieben und die UN-Friedenstruppe MONUC ist aufgrund ihrer geringen Personalstärke kaum in der Lage, den Friedensprozess flächendeckend zu überwachen. Es bleibt abzuwarten, ob die Zentralregierung tatsächlich stark genug ist, die lokalen Kriegsherren zu entwaffnen und zur Aufgabe ihrer lukrativen Einnahmequellen zu zwingen. Zum Autor: Wolf Christin Paes arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu den Themen Kleinwaffenproliferation und Ökonomie von Konflikten am Internationalen Konversionszentrum Bonn(BICC). Ansprechpartner: Axel Schmidt, Tel.: 0228-883 592 Axel.Schmidt@fes.de Julia Schartz, Tel: 0228-883 591 Julia.Schartz@fes.de Friedrich-Ebert-Stiftung Referat Afrika Godesberger Allee 149 53170 Bonn Fax: 0228-883 623 8