1 Gesprächskreis Geschichte Heft 57 Boris Zabarko unter Mitwirkung von Margret und Werner Müller Überleben im Schatten des Todes Holocaust in der Ukraine wÉìÖåáëëÉ=ìåÇ=açâìãÉåíÉ = Friedrich-Ebert-Stiftung Historisches Forschungszentrum 2 ISSN 0941-6862 ISBN 3-89892-339-8 Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn Tel.: 0228 – 883-473 E-mail: Doris.Fabritius@fes.de © 2004 by Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn(-Bad Godesberg) Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck: Toennes Druck und Medien GmbH, Erkrath Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2004 3 Inhalt Vorbemerkung Margret und Werner Müller » O dass doch meine Worte aufgeschrieben würden! Dass sie in ein Buch kämen... « (Hiob 19,2) 5 Boris Zabarko Überleben im Schatten des Todes 9 Verspätete Zeugnisse von Überlebenden des Holocaust in der Ukraine 17 Ruwim Schtein: » In Babi Jar wurde ich für immer von meiner Mutter und Schwester getrennt... « 17 Arkadi Chassin: » Durch eine wahre Hölle... « 27 Golda Wasserman: Aus dem Ghetto – zu den Partisanen 44 Bronislawa Gruschko: » Um 9 Uhr morgens geschah das Wunder... « 47 Auswahlbibliographie 57 4 5 Margret und Werner Müller » O dass doch meine Worte aufgeschrieben würden! Dass sie in ein Buch kämen... « Hiob 19,23 Boris Zabarko nennt seine Sammlung der Zeitzeugenberichte » verspätete Zeugnisse « . Diese Bezeichnung trifft auch auf die deutsche Ausgabe des Buches 1 zu. Es ist ein » verspätetes Buch « . Erst 60 Jahre nach der Befreiung der Ukraine von der deutschen Besatzung werden diese Berichte endlich in Deutschland zugänglich. Aus zahlreichen Gesprächen wissen wir, wie wichtig es einerseits für die Überlebenden der Schoa ist, nach Jahrzehnten des erzwungenen Schweigens endlich eine » Stimme « zu bekommen, und zwar nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in Deutschland. Ein Zeuge fasst es in die Worte: » Der schreckliche Krieg ist seit langer Zeit vorbei. Aber der letzte Tag des Ghettos von Priluki steht mir bis jetzt vor Augen. Erst an meinem Lebensabend ist der lang erwartete Moment gekommen, den Menschen von dieser Tragödie zu erzählen. « Alle Überlebenden waren Kinder oder Jugendliche, von denen viele bis an ihr Lebensende traumatisiert bleiben. Das wird deutlich in der beispielhaften Aussage: » Ich habe meine Kindheit verloren, keine Jugend gehabt, und alles, was ich erlebt habe, ist mir für immer im Gedächtnis geblieben. Es hatte nicht nur Auswirkungen für mich selbst und meine 1 Boris Zabarko, Herausgeber, » Nur wir haben überlebt « . Holocaust in der Ukraine. Deutsche Ausgabe herausgegeben von Margret und Werner Müller, Dittrich Verlag, Köln 2004. 6 Frau, sondern auch für unsere Kinder. Was ich hier erzählt habe, ist nur ein winziger Ausschnitt dessen, was ich durchgemacht habe. Aber diese einzelnen Momentaufnahmen reichen bereits aus, um das Grauen in mir zu wecken. « Nur ganz selten kann man beim Lesen für einen kurzen Moment durchatmen, wenn davon berichtet wird, dass es hin und wieder auch einen Deutschen gab, der sich diesen Verbrechen widersetzt hat, so gut er es in seiner Position und Lage konnte. Aber das sind leider die ganz großen Ausnahmen. Tröstlich an allen diesen Berichten ist einzig und allein, dass es unter der einheimischen Bevölkerung eine nicht geringe Zahl von Menschen gab, die den Juden bei ihrem Kampf ums Überleben halfen, und sei es auch nur für eine Nacht. Sie riskierten dabei ihr Leben, wo es einfacher gewesen wäre, sich abzuwenden und die eigene Familie zu schützen. Das Buch eröffnet auch eine für Deutsche ungewöhnliche Sicht auf die Rote Armee. Unser Bild von ihr ist geprägt von den Erzählungen der Vätergeneration, die im Zweiten Weltkrieg am » Russlandfeldzug « teilgenommen hat. Wir kennen die Schilderungen der Flüchtlinge und Vertriebenen, die von Vergewaltigung und Mord berichten. Diese von Angehörigen der Roten Armee begangenen Verbrechen sollen nicht geleugnet werden. Bedingt durch den Kalten Krieg, wurde dieses unvollständige und einseitige Bild unverändert aufrecht erhalten. In den vorliegenden Zeugnissen wird aber eine von uns bisher weitgehend nicht wahrgenommene Seite sichtbar: die Rote Armee als der lang und sehnlich herbeigewünschte 7 Retter und Befreier vor der endgültigen Vernichtung. Es ist bewegend zu lesen, welche Gefühle das Erscheinen der Soldaten auslöste. Gefühle des Glücks und des Dankes, die ungebrochen fortdauern. Die meist jugendlichen Zeitzeugen, die hier ihre Schicksale und Lebensgeschichten schildern, konnten nicht erkennen, dass die Mordtaten, die sie erlebt haben, Teil eines systematischen Vernichtungsprogramms waren. Prof. Wolfram Wette hat das damalige Kriegsgeschehen in groben Zügen auch von der Täterseite her beleuchtet, also aus der Sicht des deutschen Aggressors. In seinem Beitrag » Judenmorde in der Ukraine « 2 schildert er die Rolle der deutschen Wehrmacht an den Verbrechen. So unterschiedlich die Zeitzeugenberichte in der Form der Darstellung auch sind, haben sie doch vieles gemeinsam: - die Ermordung der Familie, - den starken Überlebenswillen der Kinder und Jugendlichen, - die Verlassenheit, Trostlosigkeit und Einsamkeit, - die Qualen und Ängste auf der Flucht und im Versteck, - aber auch die große Dankbarkeit für die Hilfe und Rettung durch Nachbarn und die Landbevölkerung, die ihr Leben riskierten, um sie aufzunehmen, und sei es nur für eine Nacht. 2 Ebd., S. 11-15. 8 9 Boris Zabarko Überleben im Schatten des Todes Im Jahr 1999, als das ukrainische Volk den 55. Jahrestag der Befreiung seines Landes von den nationalsozialistischen Eroberern feierte, erschien in russischer Sprache in der Ukraine mein Buch mit dem Titel » Nur wir haben überlebt « , das Erinnerungen von Überlebenden des Holocaust enthält. 3 Für die jüdische Bevölkerung Europas bedeuteten die Befreiung von der Okkupation und der anschließende Sieg über den Nationalsozialismus die Rettung vor der totalen Vernichtung. Die Wirklichkeit jener Tage der Befreiung lässt sich jedoch nicht allein in Szenen des Jubels und des Triumphes einfangen. Das Bild, das sich den Soldaten der Roten Armee bot, als sie die besetzten Gebiete der Ukraine betraten und die Todeslager und die Ghettos befreiten, übersteigt jegliches menschliche Vorstellungsvermögen. Der Schriftsteller Wassili Grossman schrieb unter dem Eindruck des Gesehenen in einem mit » Ukraine ohne Juden « betitelten Essay: » Es gibt keine Juden mehr in der Ukraine... Schweigen. Stille. Ein ganzes Volk wurde ausgerottet... Viele Hunderttausende, eine Million Juden in der Ukraine sind tot. Ihr Tod war kein Tod in einem Krieg, mit der Waffe in der Hand. Es war Mord. Es war die Ermordung eines Volkes, seines Hauses, seiner Familie, seines Buches und seines Glaubens... Es war die Vernichtung eines Volkes, das über 3 Boris Zabarko, Herausgeber, » Nur wir haben überlebt « . Holocaust in der Ukraine. Zeugnisse und Dokumente. Herausgeber der deutschen Ausgabe Margret und Werner Müller, Dittrich Verlag, Köln 2004. 10 Jahrhunderte hinweg mit dem ukrainischen Volk in guter Nachbarschaft gelebt, mit ihm zusammen gearbeitet und auf dem Stück Erde, das man gemeinsam bewohnte, Freude und Leid geteilt hatte... In jeder großen und kleinen Stadt, in jeder Ortschaft, überall hatte es Gemetzel gegeben. Wenn in einem Ort hundert Juden gelebt hatten, dann waren auch hundert ermordet worden, alle hundert und nicht einer weniger. Und wenn in einer Großstadt 55 000 Juden gelebt hatten, dann waren auch 55 000 und nicht ein einziger weniger ermordet worden... Die Todeslisten enthielten die Namen jedes einzelnen Juden, der den Deutschen in der Ukraine in die Hände gefallen war- alle ohne Ausnahme. « 4 Die deutschen SS- und Polizeiverbände haben mit ihren Helfershelfern an über 600 Vernichtungsorten in der Ukraine 1,5 Millionen Juden umgebracht. Alte, Frauen, Kinder, allesamt Juden, die deswegen gestorben sind, weil sie als Juden geboren worden waren. Sie wurden ermordet oder starben an Hunger, Entkräftung und Krankheit. Alle im besetzten Europa lebenden Völker hatten Furchtbares erlitten. Aber noch weitaus schlimmer war die Katastrophe, die über die Juden hereingebrochen war. Das jüdische Volk war zum Untergang verurteilt worden. Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Elie Wiesel beschrieb das Ausmaß dieser Tragödie mit folgenden Worten: » Nicht alle Opfer des Nationalsozialismus waren Juden, aber alle Juden waren Opfer des Nationalsozialismus. « Genau hierin besteht der fun4 Wassili Grossman, Das Schicksal des jüdischen Volkes in Einzeldarstellungen. Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bibliothek Alija 1990, Band 2, S. 335-338. 11 damentale Unterschied zwischen dem Holocaust und Kriegsopfern. Nicht menschliche Leiden, sondern die Absichten der Mörder machen diesen Unterschied aus. Der Holocaust war die gezielte und in den Rang einer Staatspolitik erhobene Vernichtung der Juden in Europa, deren Endziel darin bestand, die Welt von den Juden zu » befreien « . Es ging nicht darum, das jüdische Volk zu verändern oder auch nur zu assimilieren, wie verschiedene naive Träumer aus dem Zeitalter der Aufklärung glaubten, sondern darum, es vollständig und endgültig auszurotten. Aber zum Glück sind doch nicht alle in dieser schrecklichen Tragödie getötet worden. Von denen, die am Leben geblieben sind, erzählen 86 in dem genannten Buch über ihr Schicksal in der Zeit des Holocaust. Die Trauer und die Leiden, die die Nazis und ihre Verbündeten in den langen 1 200 Tagen und Nächten der Besetzung der Ukraine über die Menschen gebracht haben, sind ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Ein Teil der ukrainischen, der jüdischen und ebenso der deutschen Geschichte. Die Erinnerungen, das Gedenken an die Erlebnisse sind schrecklich und schmerzlich. Es ist unmöglich, das Buch in einem Atemzug zu lesen. Es ist kein Vergnügen, in diesen Ozean des Bösen einzutauchen. Man ist versucht, sich abzuwenden und das Bewusstsein über das Leiden wegzuschieben. Man muss aber dieser Versuchung widerstehen. Der Zweck meines Buches besteht nicht darin, historische Tatsachen wiederzugeben, sondern darin, über das unmenschliche Schicksal von Menschen zu berichten, die zum Untergang verurteilt waren, jedoch den Tod besiegt haben. Das 12 sind Erinnerungen und Zeugnisse von einfachen Menschen. Das sind Zeugnisse derer, die die Katastrophe, den Holocaust, in Ghettos, Arbeitslagern, Konzentrationslagern und Vernichtungslagern überlebt haben. Das sind Zeugnisse derer, die unter fremdem Namen und mit gefälschten Dokumenten überlebt haben, die in den Reihen der Partisanen gekämpft haben. Das sind Zeugnisse von allen, die die Okkupation erlebt haben, die das alles gesehen haben, alles durchgemacht haben, die ganze Wahrheit über jene schrecklichen Jahre der Okkupation und des Genozids genau kannten. Das sind menschliche Dokumente, das ist ein Teil des Gedenkens einer Nation. Das sind lebendige Stimmen, das sind Seiten, die mit Herzblut geschrieben wurden. Die Bedeutung und der Wert dieser Berichte werden von Tag zu Tag größer. Schon bald wird uns die Möglichkeit zur persönlichen Kontaktaufnahme zu noch lebenden Zeugen jener Zeit genommen sein, deren Wissen für uns von großem Nutzen ist, um die nach wie vor vorhandenen Lücken in unserer jüngsten Geschichte zu füllen. Als ich mit den Autoren der Erinnerungen die Interviews geführt habe, waren wir immer wieder gezwungen, den Notarzt zu rufen. Auf den Seiten, auf denen die Erinnerungen an das Vergangene niedergeschrieben worden sind, sieht man Tränenspuren. Manche dieser Menschen können bis heute nicht die Kraft finden, in ihre tragische Vergangenheit zurückzukehren. Ich mache kein Hehl daraus, dass die Arbeit an diesem Buch auch mir selbst ein gehöriges Maß an seelischer Kraft abverlangt hat. Jede Zeugenaussage hat bei mir schreckliche 13 Erinnerungen hervorgerufen, an die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich muss gestehen, ich empfand dabei das Gefühl der Schuld, dass wir, Wissenschaftler, Historiker, Politiker, ehemalige KZ-Häftlinge und Ghettoüberlebende, mit dieser Arbeit so spät angefangen haben. Wir haben viel Zeit vergeudet. Wir haben selbst unsere eigene Geschichte bestohlen, denn jedes menschliche Leben ist unwiederholbar und einzigartig. Jedes Leben, das von uns gegangen ist, ruft in uns das Vergangene zurück. Es klopft an unsere Herzen und lässt uns keine Ruhe. Und dennoch kann sich alles wiederholen, wenn wir vergessen und nicht die ganze Wahrheit aussprechen. Über das, was war, die Wahrheit über jeden einzelnen Menschen, über den Henker, das Opfer, einen gleichgültigen Beobachter, über Kollaborateure, einen Retter und einen » Gerechten unter den Völkern « . Und jeder hatte seinen Namen. Das brauchen wir, damit wir nirgends mehr Opfer, Henker, Gleichgültige und Verräter vorfinden. Als im Jahre 1993 in Wien die von Wissenschaftlern aus den USA, aus Deutschland und aus Israel verfasste dreibändige » Enzyklopädie des Holocaust « vorgestellt wurde, wandte ich mich an Professor Julius Schoeps, einen der Redakteure, mit der Frage, warum in der Enzyklopädie nur so wenige Informationen über den Holocaust in der Ukraine enthalten seien. » Ihr habt sehr wenig oder fast nichts darüber geschrieben « , lautete die vollkommen zutreffende Antwort des Professors. Außerdem hatte niemand die Möglichkeit gehabt, in die Dokumente, die in den Archiven lagern, Einsicht zu neh- 14 men. Hinzu kam, dass der Antisemitismus der Sowjetzeit eine Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust über lange Jahre hinweg verhindert hatte. In der UdSSR hat eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust bis vor kurzem überhaupt noch nicht stattgefunden. Das Thema wurde konsequent totgeschwiegen und weder in einem einzigen Schulbuch noch in der mehrbändigen Geschichte der UdSSR und der Ukraine, den wissenschaftlichen Werken und Dokumentensammlungen wird über den Untergang der sowjetischen jüdischen Bevölkerung, die sich unfreiwillig auf besetztem Gebiet befand, auch nur das Geringste berichtet. Die Geschichte und die Geschichtsschreibung wurden dazu benutzt, einen ununterbrochenen Prozess, nicht des Gedenkens, sondern des Vergessens in Gang zu halten. Jewgeni Jewtuschenko schrieb einmal:»Babi Jar war ein Verbrechen des Faschismus. Aber unser jahrelanges Verschweigen eines fremden Verbrechens wurde zu unserem eigenen Vergehen. Eine Sache totzuschweigen ist ebenfalls Mord. Es ist die Ermordung des Gedächtnisses. « Die Zeugnisse und Erinnerungen der Überlebenden waren nie gesammelt worden. Selbst das unter Redaktion von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg herausgegebene » Schwarzbuch « konnte erst rund ein halbes Jahrhundert nach der Niederschrift der ersten Seiten erstmals in russischer bzw. ukrainischer Sprache gelesen werden. 5 5 Wassili Grossman, Ilja Ehrenberg, Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden, Hamburg 1994. 15 Erst in den letzten Jahren, also mit einer nicht wieder gutzumachenden Verzögerung, konnten auch wir uns den Bemühungen, die Zeugnisse dieser Menschen für die Nachwelt zu erhalten, anschließen und auf diese Weise ein Stück humanitärer Arbeit leisten. Der Gedanke, die Erinnerungen ehemaliger Lager- und Ghettohäftlinge in einem Buch zusammenzutragen, kam mir bereits im Jahre 1994, als ich an einem vom Dokumentationszentrum der Universität Yale, dem Holocaustmuseum in Washington, USA, und dem israelischen Gedenkmuseum Beit Lochamei Hagetaot(Yitzhak Katzenelson- Haus der Ghettokämpfer) gemeinsam durchgeführten Projekt teilnahm, bei dem es darum ging, auf Ton- und Bildmaterial festgehaltene Berichte von Juden, die den Holocaust in der Ukraine überlebt hatten, zu sammeln. Es war traurig und auch beschämend, dass die Berichte unserer Landsleute, die jene furchtbaren Ereignisse überlebt hatten, nicht von uns, die wir selbst Augenzeugen waren, und nicht von unseren Wissenschaftlern gesammelt und veröffentlicht wurden, sondern von Personen aus dem Ausland, denen an dieser Stelle unser herzlichster Dank dafür ausgesprochen werden soll, dass dank ihrer Hilfe ein Teil des kollektiven Gedächtnisses des ukrainischen Volkes gerettet werden konnte. Während einer Begegnung zwischen ukrainischen und polnischen ehemaligen KZ- und Ghettohäftlingen mit dem deutschen Ehepaar Margret und Werner Müller in Warschau, der Stadt, die symbolisch für die Tragik und Größe des jüdischen Widerstands und Heldentums steht, fasste das Ehepaar seine Empfindungen in folgende Worte: 16 »Zwischen uns stehen 6 Millionen ermordete Juden. Wir tragen an diesen Morden keine persönliche Schuld, da wir damals noch Kinder waren, aber dieses für uns unfassbare Verbrechen erfüllt uns mit tiefem Schmerz und tiefer Scham. Obwohl es uns alles andere als leicht fällt, mit diesen von Deutschen begangenen Verbrechen konfrontiert zu werden, halten wir es für unsere Pflicht, das, was geschehen ist, nicht zu vergessen. Es ist ein Teil unserer Geschichte und somit haben wir auch die Pflicht, uns zu ihr zu bekennen, denn mit dem Haus unserer Eltern erben wir auch die Geschichte dieses Hauses.« Diese Worte sind mir sehr zu Herzen gegangen, sie riefen bei mir eine tiefe Erschütterung hervor. Danach habe ich angefangen, meine Idee zu verwirklichen, ein Buch mit Erinnerungen herauszugeben. Es ist 1999/2000 auf russisch und jetzt auf deutsch erschienen. Ich danke dem Ehepaar Müller ganz herzlich für die Hilfe, Zusammenarbeit und die Herausgabe dieses Buches in Deutschland. Der deutsche Botschafter in Kiew, Herr Dietmar Stüdemann, hat in seinem Geleitwort zur deutschen Ausgabe des Buches zutreffend ausgeführt:»Das Buch ist ein Denkmal für die Toten, eine Würdigung der Geretteten und ihrer Retter aber vor allem auch eine Mahnung an uns Lebende, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.« Vier ausgewählte Zeugnisse von Überlebenden werden im Folgenden abgedruckt. 17 Verspätete Zeugnisse von Überlebenden des Holocaust in der Ukraine Babi Jar, wo innerhalb von zwei Tagen am 29. und 30. September 1941 über 30.000 Menschen umgebracht worden sind, ist ein Symbol für die Leiden der Juden in der Ukraine . Ruwim Schtein(geb. 1926) » In Babi Jar wurde ich für immer von meiner Mutter und meiner Schwester getrennt... « Ich wurde im Januar 1926 in der Stadt Kasatin, im Bezirk Winniza, in einer großen jüdischen Familie geboren. Großvater war im Bürgerkrieg gestorben und hatte 9 Kinder(5 Söhne und 4 Töchter) hinterlassen. Mein Vater, Israil Ruwimowitsch, und meine Mutter, Rachil Michailowna, waren nach Kiew umgezogen. Während der Hungerzeit in der Ukraine im Jahre 1933 zog unsere Familie nach Aserbaidschan, Vater kaufte Vieh auf und ließ es nach Kiew überführen. Als wir 1935 in die Ukraine zurückkehrten, wurde Vater krank.(Die schweren Arbeiten während des Bürgerkrieges machten sich bemerkbar: Vater hatte im tiefsten Herbst Gräben ausgehoben, wobei er bis zum Gürtel im Wasser gestanden hatte.) Im April 1938 starb er. Meine dreijährige Schwester Marija und ich wurden Halbwaisen. Mutter arbeitete als Arbeiterin in der Schuhfabrik, ich ging in die 4. Klasse der Schule Nr. 122. Vom Faschismus hörte ich zum ersten Mal im Pionierlager in Worsel, in dem spanische Kinder Ferien machten. Ich 18 freundete mich mit dem Spanier Pedro Gonzales an. Mit Tränen in den Augen erzählte er mir vom Kampf des spanischen Volkes gegen den Faschismus. Er hob den Arm mit geballter Faust nach oben und rief » No passaran! « ( » Sie kommen nicht durch « ). Später, als ich Filme über Deutschland sah( » Die Moorsoldaten « , » Professor Mamlok « , » Familie Oppenheim « und andere), überzeugte ich mich selbst davon, dass der Faschismus der schlimmste Feind der Menschheit ist, und besonders der Feind der Juden. In meiner Jugend verschwendete ich keine Zeit: Ich trieb Sportgymnastik im Pionierpalast und in den Sommerferien arbeitete ich in der Baumschule » Grüne Vereinigung « - ich kümmerte mich um die Setzlinge. Nach Beginn des Krieges, im Sommer 1941, arbeitete ich in der Stanzerei im Promgalkombinat(ich stanzte metallene Knöpfe, Sterne und Anker für Militäruniformen), half Mutter dabei, Geld zu verdienen. Ich war gut in der Schule, ich hatte viele Freunde und Kameraden und wurde auch von den Erwachsenen respektiert. Im Juni 1941 schloss ich die 7. Klasse ab, eine Woche später begann der Krieg. Im Juli 1941 sprangen deutsche Luftlandetruppen über dem Golossejewski-Wald ab und die Gegend, in der wir wohnten, wurde zur Frontzone. Am 19. September marschierten die Faschisten in Kiew ein. Am 25. September 1941, nach den Sprengungen der Gebäude auf dem Kreschtschatik und in den umliegenden Straßen, wurde der Ausnahmezustand über die Stadt verhängt, die Sperrstunde verlängert und es kam zu Verhaftungen und 19 anderen repressiven Maßnahmen. Zwei Tage später hängten die Hitler-Männer Bekanntmachungen über die Evakuierung der Juden am 29. September 1941 und über den Sammelplatz im Bezirk des Lukjanowski-Friedhofes aus. Hier ist der Text der Anordnung: » Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September 1941 bis 8 Uhr Ecke Melnikund Dokteriwskij-Strasse(neben den Friedhöfen) einzufinden. Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen, sowie warme Bekleidung, Wäsche usw. Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschossen. Wer in verlassene Wohnungen von Juden eindringt oder sich Gegenstände daraus aneignet, wird erschossen. « Ich erinnere mich sehr gut an diesen warmen und sonnigen Herbsttag des Jahres 1941. Wohin man auch sah, überall war Grün, Sonne und frische Luft. All das gab es auch an diesem Tag, der für die Juden der Stadt der letzte Tag wurde. Die meisten von ihnen waren Familien mit vielen Kindern, die keine Mittel hatten, die Stadt vor der Okkupation zu verlassen. Außerdem gab es viele allein gelassene Frauen und Kinder derjenigen, die an der Front waren. Es gab so viele hochbetagte, ältere, verehrungswürdige Leute(jüdische Familien waren immer groß) und besonders viele Kinder, Kinder, Kinder! Der Menschenstrom zog sich vom frühen Morgen an durch 20 die Artemastraße, die Glubotschizki-Straße, die MelnikowStraße und andere. Wie Bäche strömten die jüdischen Familien zu einem großen Fluss zusammen, der sich bis zum Lwower Platz hinzog. Wohin gingen sie alle?! Die einen sagten, dass sie fürs Ghetto bestimmt seien, die anderen, dass sie auf Militärzüge geladen und nach Palästina geschickt werden würden. Dass man sie erschießen würde, das glaubte fast niemand. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt! Niemand glaubte daran, dass er den letzten Tag lebte, die letzte Stunde, die letzte Minute. Sie würden es nicht fertig bringen, Frauen zu töten, Kinder, Alte!!! Meine Familie machte sich, wie alle Juden der Stadt Kiew, auf den Weg. Bevor wir das Haus verließen, konnte ich noch von einigen Leuten in Erfahrung bringen, dass alle Juden erschossen werden sollten. Ich erzählte auch Mama davon, aber sie wollte es weder hören, noch daran glauben, dass sie so viele unschuldige Menschen erschießen könnten – Alte, Kinder, Frauen. Meine Familie- Mutter, 38 Jahre alt, meine Schwester, 6 Jahre alt und ich, 15 Jahre alt- glaubte an das Leben, und wir verhielten uns so, wie alle Juden der Stadt. Wir gingen in den sicheren Tod. Mit unseren alten Habseligkeiten, unseren Dokumenten und Familienfotos mündeten wir buchstäblich in diesen endlosen Menschenstrom ein, der in den Tod marschierte. Ungefähr 200 oder 300 Meter vor dem Friedhof hielt der Menschenstrom an. Die Braunhemden mit den Hakenkreuzen und die Feldgendarmerie bildeten Kolonnen und führten die Leute gruppenweise um die eine Straßenecke, dann um die 21 nächste bis hinter den Friedhof. Die Wartenden konnten nichts sehen. Die Juden, die an diesem Endpunkt ankamen, wurden nach und nach unbarmherzig gedemütigt: Zuerst nahm man ihnen die Dokumente, die Kleider und die Wertsachen ab. Die Pässe, Dokumente und Fotografien wurden sofort ins Feuer geworfen. Den Frauen wurden die Kleider heruntergerissen und auf einen riesigen Haufen geworfen. Die nackten Frauen, Kinder und Alten wurden in geschlossene Autos getrieben und nach Babi Jar gebracht. Es ist unmöglich zu beschreiben, was an diesem Ort vor sich ging- Hysterie und Terror, Weinen und Verzweiflung, Betteln von Müttern um Gnade für ihre Kinder. Viele verloren das Bewusstsein. An diesem Ort wurde ich für immer von meiner Mama und meiner Schwester getrennt. Sie wurden in Vergasungswagen weggebracht, und ich wurde am Kragen gepackt und in die Reihe gesteckt, wo die Männer, Jugendlichen und die Alten standen, die noch gehen konnten. Sie stellten Gruppen von 100 bis 150 Leuten zusammen und führten sie kolonnenweise, zu Fuß, unter Bewachung von Soldaten nach Babi Jar zur Erschießung. Von den ersten Schritten unseres Weges an begann ich nach irgendeiner Möglichkeit zu suchen, um aus der Kolonne zu flüchten. Aber wie und auf welche Weise? Die Kolonne wurde von bewaffneten Hitlermännern geführt und als es nur noch 250 oder 300 Meter bis Babi Jar waren(man konnte schon Schreie und Schüsse hören), sprang ich unauffällig aus der Kolonne in den Straßengraben, kroch in ein Wasserabflussrohr unter der Straße und saß dort bis zum Einbruch der 22 Dunkelheit. Als die Kolonnen nicht mehr so häufig vorbeikamen, kletterte ich auf der anderen Straßenseite heraus und ging über den alten Friedhof und durch die Gemüsegärten zum Stadtrand. In der Nacht schlug ich mich dann zu uns nach Hause durch. Eine ganze Woche lang saß ich in der Wohnung ohne hinauszugehen, und erst als ich hörte, dass jemand von außen versuchte, die Tür zu öffnen, ließ ich mich vom Balkon der ersten Etage an der Regenrinne herunter und lief weg. Ich kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Noch war es warm, ich übernachtete, wo ich gerade war (in Ruinen, Scheunen, auf Dachböden). Wohin sollte ich gehen, was sollte ich tun? Der kalte Herbst brach herein, ich musste einen warmen Platz und etwas zu essen suchen. Ich beschloss, zu meinen Freunden zu gehen, mit denen ich zur Schule gegangen war, das war die Familie Bobrowski: die Mutter, Marija Grigorjewna, ihre Söhne Nikolai, 16 Jahre alt, Michail, 14 Jahre alt, der älteste Sohn Georgi, der an der Front war, und die Tochter Olga, 6 Jahre alt. Sie nahmen mich bei sich auf und versteckten mich in einer Höhle, die sie in der Nähe in einen Hügel gegraben hatten und die ihnen als Luftschutzraum diente. Ich war bis November 1941 bei ihnen. Um die Familie Bobrowski jedoch nicht länger zu gefährden, beschloss ich, von ihnen fortzugehen und mich durch die Frontlinien zu schlagen oder eine Partisanengruppe zu finden. Aber ich hatte keinerlei Papiere und ringsherum kontrollierten die Gendarmen und Polizisten. Zufällig begegnete ich in der Stadt meinem Mitschüler Juri Lukitsch Tanski(sein Vater war der Direktor unserer Schule). Er entnahm im Schulbüro aus einer Personalakte eine Geburtsurkunde auf 23 den Namen Medwedjenko, Wladimir Sergejewitsch, geboren 1926 in Kiew, und gab mir das Dokument. Aber um an die Front zu gelangen, musste man über die Brücke auf die andere Seite des Flusses Dnjepr gehen und dort auf der Brücke war ein Kontrollpunkt. Um einen Passierschein zu bekommen, musste man arbeiten. Ich fand Arbeit auf der Güterstation, bei der Müllentsorgung. Nachdem ich zwei Wochen gearbeitet hatte und das Dokument»Ausweis« mit einem deutschen Stempel bekommen hatte, konnte ich den Dnjepr zu Fuß überqueren. Fernab von den befestigten Straßen bewegte ich mich durch unwegsames Gelände von Dorf zu Dorf meinem Ziel entgegen. Von November 1941 bis März 1942 wanderte ich durch die Bezirke Kiew, Tschernigow, Orlow und Brjansk- über 600 Kilometer. Ich übernachtete in einer warmen Hütte, wenn die Leute mich hereinließen, oder in einem Heuschober oder in einem kalten Stall(nicht alle nahmen einen die Nacht über auf: Es war von der Kommandantur verboten). Wenn man in einem Dorf übernachtete, musste man seine Papiere dem Dorfältesten und der Polizei vorzeigen. Wenn sie mich nach einem religiös-medizinischen Merkmal untersucht hätten, dann wäre ich erschossen oder gehängt worden. Die einheimische Bevölkerung hatte Erbarmen mit mir und half mir, so gut sie nur konnte- der eine gab mir Brot, der andere alte Schuhe. Viele luden mich ein, den Winter über im Dorf zu bleiben, aber es war gefährlich, denn die Front und die Partisanen waren nicht weit entfernt. Einmal während eines grimmigen Schneesturms schlief ich, halbangezogen und kraftlos wie ich war, in einer tiefen 24 Schneewehe ein. Ich wachte in der Hütte eines KolchosenBrigadiers auf, der mich in dem Schneesturm aufgelesen hatte, er taute mich auf, gab mir zu essen und heilte meine Erfrierungen. Eine Woche später arbeitete ich schon als Heizer in der Kolchose des Dorfes Asarowka im Kreis Ponurowski, im Bezirk Brjansk. Im März 1942 nahm mich Agafija Jewdokimowna Martinez auf, eine Mutter von vier Mädchen im Alter von zwei bis elf Jahren. Ihr Mann war an der Front. Sie brachte mir landwirtschaftliche Arbeiten bei: das Pflügen und Säen, Mähen und Zimmern. Sie brachte mir bei, das Dach zu decken, Bastschuhe zu flechten, Schaffelle zu bearbeiten, Pferde zu weiden... Fast zwei Jahre auf besetztem Gebiet leben- das bedeutete ununterbrochene Angst und Gefahr, Sorge nicht nur um mich, sondern auch um meine Tante Agafija und ihre Kinder. Ich glaube, sie hat gewusst, dass ich ein Jude bin und mich unter falschem Namen vor den Verfolgungen der Polizei und den deutschen Soldaten versteckte, die regelmäßig die Dörfer nach entflohenen Kriegsgefangenen durchsuchten. Im August 1943 befreiten Truppenteile der Sowjetischen Armee das Dorf Asarowka. Ich meldete mich freiwillig an die Front. Aber ich hatte kein Glück. Die Sondereinheit »SMERSCH« schickte mich bis zur regulären Einberufung der siebzehnjährigen Jungen ins Dorf zurück. Im Oktober 1943 wurde ich von der Kriegskommandantur zum Dienst einberufen und zum Brjansker Reserveregiment geschickt und dann zum 5. selbstständigen Übungsregiment. Im Sommer 1944 nahm ich an den Kämpfen um die Befreiung des Baltikums teil. In einer Schlacht bei der Stadt Tukumsa 25 wurde ich schwer verletzt. Man brachte mich in den Unterstand der Sanitäter, ich wachte im Feldlazarett auf, wo die Ärzte die Splitter aus meinem Kopf entfernten. Das geschah am 25. Februar 1945. Im Mai 1945 wurde ich in den Fernen Osten geschickt, wo in der Stadt Wladiwostok eine Zweigbahn über einen Gebirgspass zum Sowjetischen Hafen gebaut wurde. 1947 wurde ich aus der Armee entlassen. Ich fuhr in die Stadt Baku, wo Verwandte meiner Eltern lebten. Ich arbeitete in einer Fabrik als Gießer und Schmelzer der vierten Lohnstufe und lernte in der Abendschule der Arbeiterjugend. 1950 trat ich in das Aserbaidschaner Institut für Körperkultur ein, ich beschloss, mich der Erziehungsarbeit mit Kindern zu widmen. Dann wechselte ich zum Kiewer Institut über und arbeitete von 1952 bis April 1996 als Sportlehrer. Ich arbeitete 38 Jahre lang an derselben Schule, auf die ich vor dem Krieg gegangen war. Für meine Kriegs- und Arbeitsdienste wurde ich mit Orden, Medaillen und Ehrenurkunden ausgezeichnet. 53 Jahre Berufstätigkeit- das ist nicht einfach eine Zahl, das ist ein schwerer Lebensweg, den man mit Würde gehen muss, indem man sich in der Familie und bei seinen Zöglingen einen guten Namen erhält. Mein ganzes Arbeitsleben hindurch habe ich unermüdlich»für zwei« gearbeitet. Seit dem Tag der schrecklichen Tragödie in Babi Jar ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, und in all diesen Jahren haben mich immer wieder schreckliche Träume heimgesucht, von denen ich in Schweiß gebadet aufgewacht bin. Aber»niemand ist vergessen und nichts ist vergessen«. Michail Dmitrijewitsch Bobrowski, dessen Familie mich im 26 Krieg gerettet hat, wurde der Titel»Gerechter unter den Völkern« verliehen. Ich verneige mich tief vor Agafija Jewdokimowna Martinez und ihren Kindern aus dem Dorf Asarowka und danke ihnen. Ich stehe in der nicht zu begleichenden Schuld all jener Leute, die mich gerettet und mir geholfen haben, in den schweren Kriegsjahren zu überleben. *** Transnistrien, die Region in der südlichen Ukraine, zwischen dem südlichen Bug im Osten und dem Dnjestr im Westen, dem Schwarzen Meer im Süden und jenseits von MogiljowPodolski im Norden, wurde am 19. August 1941 zum Einflussgebiet der rumänischen Armee erklärt. Diesen Teil der Ukraine überließ Hitler Rumänien zur Belohnung für dessen Teilnahme am Krieg gegen die Sowjetunion. In dieses Gebiet wurden Juden aus Bessarabien, der Bukowina und der nördlichen Moldauregion deportiert. Die Absicht der Rumänen war, die Juden zur Zwangsarbeit einzusetzen und sie später weiter nach Osten und Norden zu treiben. Für die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen- Unterkunft, Nahrung, medizinische Betreuung- waren keine Vorkehrungen getroffen worden. Im Winter 1941/42 kamen Zehntausende Deportierte durch Hunger, Kälte, Typhus und Ruhr um. 27 Arkadi Chassin(geb. 1930) » Durch eine wahre Hölle « Diese Erinnerungen habe ich vor langer Zeit aufgeschrieben, kurz nach dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges. Ich war damals fünfzehn Jahre alt. Unsere Familie war in dem von den Faschisten okkupierten Odessa geblieben, und wir mussten alle Kreise der Hölle durchleben, die den Juden von den Eindringlingen bereitet wurden. Nachdem ich wie durch ein Wunder am Leben geblieben war, schrieb ich diese Erinnerungen auf. Das Schriftstück hat lange Zeit mal in der einen Redaktion in Odessa gelegen, dann in einer anderen, bis es ohne jede Erklärung wieder zu mir zurück kam. Die Erklärung fand ich in den Zeitungen: Der»Kampf mit den heimatlosen Kosmopoliten« hatte begonnen, die heute bekannte maßlose stalinistische Antisemitismus-Kampagne. Auf sie folgten die Ärzte-Prozesse... Aber auch nach Stalins Tod ermutigten die Regierungen von Chruschtschow und Breschnew nicht zum Publizieren von »jüdischen Themen« in der Presse. Heutzutage gibt es viele solcher Publikationen. Aber von uns, den Augenzeugen der Massenvernichtung der Juden in den Konzentrationslagern der Faschisten und den Ghettos, bleiben mit jedem Jahr immer weniger übrig. Und als ich kürzlich in meinen Unterlagen diese Erinnerungen fand, nahm ich nur eine stilistische Korrektur vor und biete sie dem heutigen Leser an. Der Faschismus lebt, und man darf seine Verbrechen niemals vergessen! In der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1941 wurden die 28 letzten Truppen der Roten Armee, die Odessa verteidigt hatten, auf Schiffe verladen und nach Sewastopol gebracht. Laut Befehl aus Moskau wurde Odessa, im Zusammenhang mit dem Durchbruch der Deutschen auf der Krim, geräumt und dem Feind überlassen. Aber die Streitkräfte der Faschisten, die die Stadt belagerten, erschienen erst gegen Abend des 16. Oktober auf den Straßen. Beim Einmarsch sahen sie sich nach allen Seiten um wie Diebe, sie konnten nicht glauben, dass die von der Feuersbrunst geschwärzte, erbittert umkämpfte und bis gestern für sie noch unbezwingbare Festung von ihren Verteidigern verlassen sein sollte. Der erste Okkupant kam am selben Abend des 16. Oktober zu uns in den Hof. Es war ein rumänischer Soldat. Er gab den erschrockenen Frauen, die im Hof standen, mit Gesten zu verstehen, dass er essen wollte. Eine Frau lief ins Haus und brachte ihm trockenes Brot heraus. Eine andere brachte in einem kleinen Topf Suppe. Und die Hausmeisterin stellte einen Hocker vor ihn hin. Der Soldat setzte sich hin, legte sein Gewehr neben seine Füße und machte sich über das Essen her. Noch mehr Nachbarn gingen in den Hof hinaus. Ich drängelte mich nach vorn, um den ersten feindlichen Soldaten besser sehen zu können. Er kratzte den Topf aus, leckte den Löffel ab und sagte plötzlich:»Shidan kaputt.« Wir sahen uns alle gegenseitig an. Die Hausmeisterin fragte nach: - Shidan? Soll das in unserer Sprache vielleicht Juden heißen? So begann die Bekanntschaft mit den Okkupanten... 29 Noch in der gleichen Nacht brachte der Hausmeister »Gäste« zu uns. In Erwartung des Schlimmsten legten wir uns nicht schlafen, sondern blieben angezogen sitzen. Aber die Rumänen durchwühlten nur den Schrank, nahmen sich warme Sachen heraus und gingen wieder. Wir wohnten in der Roten Gasse, im Haus Nr. 5. Mein Vater ging auf Krücken. Vor dem Krieg hatte er einen Autounfall gehabt und ein Bein verloren. Aus diesem Grund beschloss er, die Stadt nicht zu verlassen. So blieben wir im belagerten Odessa. In den ersten Tagen der Okkupation tat man den Juden noch nichts. Mein Vater ging mit meiner älteren Schwester Rosa auf den»Priwos«(großer Markt in der Innenstadt von Odessa), um Haushaltsgegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. Am 22. Oktober sprengten Partisanen das rumänische Hauptquartier in der Engels-Straße in die Luft. Als Rache für die Toten begannen die Rumänen auf den Straßen Geiseln zu nehmen. Mein Vater und meine Schwester gerieten ebenfalls in die Treibjagd. Aber bevor man sie in irgendeinen Keller brachte, steckte Vater dem rumänischen Korporal seine Uhr zu, und das half ihm und meiner Schwester, heil wieder nach Hause zu kommen. Und am 23. Oktober sah ich in der Nähe unseres Hauses, auf der Rosa-Luxemburg-Straße, die Erhängten... Es vergingen weitere zwei Tage und die Reihe kam an uns. Als Vater vom Markt wiederkam, sagte er, dass in der ganzen Stadt folgende Anordnung ausgehängt worden sei: Die Juden 30 von Odessa haben im Gefängnis zu erscheinen. Wer dieser Anordnung nicht folgt, wird mit dem Tode bestraft. Die ganze Nacht lang buk Vater Fladengebäck. Mutter nähte Rucksäcke. Am Morgen kamen die Nachbarn, um sich zu verabschieden. Weinen und Wehklagen erfüllten die Wohnung. Es wurde Zeit zu gehen. Mutter zog uns die Rucksäcke auf die Rücken, nahm ihren hoch. Vater rauchte seine Zigarette zu Ende und nahm seine Krücken. Wir waren noch in der Wohnung, als die Hausmeisterin damit anfing, unser Geschirr hinaus zu tragen. Und der Hausmeister schickte sich an, nachdem er das Fenster geöffnet hatte, den Tisch hinauszuheben(wir wohnten im Erdgeschoss). Zum ersten Mal sah ich Tränen in den Augen meines Vaters. Die Krücken fest packend ging er zum Tor. Unter dem Gewicht der Rucksäcke den Rücken krümmend, schleppten wir uns hinter ihm her. Das Gefängnis war überfüllt. In den Zellen war kein Platz mehr. Wir wurden in die Gefängnis-Werkstatt gesteckt. Zum Schlafen legten wir uns auf die eiserne Werkbank. Durch die kaputten Fenster blies ein kalter Wind. Meine Nase fing sofort an zu laufen. Und plötzlich putzten sich alle um uns herum die Nase und husteten. In der Nacht wurde ich von lauten Stimmen geweckt. Ich öffnete die Augen. Deutsche! Sie standen neben unserer Werkbank und zupften an Vater herum. Er setzte sich auf und nahm die Krücken in die Hände. Als sie sahen, dass sie einen Invaliden vor sich hatten, gingen die Deutschen weiter. Kurz darauf erscholl ein durchdringender Schrei. Jemand wurde an uns vorbei geschleift und auf den Hof hinaus gestoßen. 31 Am Morgen erfuhren wir, dass sie fast alle Männer aus dem Gefängnis getrieben hatten. Sie wurden von irgendeiner deutschen Truppe für Erdarbeiten gebraucht. Eine Woche später ging das Gerücht um, dass alle Männer, die in jener Nacht geholt worden waren, nach Beendigung der Arbeit in einem ehemaligen Pulverlager eingeschlossen und lebendig verbrannt worden seien. Heute steht an der Stelle, in der Nähe des Tolbuchiner-Platzes, eine Gedenktafel... Die Tage im Gefängnis verliefen relativ ruhig. Morgens liefen ich oder meine Schwester auf den Gefängnishof und stellten uns in die Schlange zu dem einzigen Wasserhahn, aus dem ein wenig Wasser lief. Meine Mutter hatte den Teekessel von zu Hause mitgenommen, und während wir damit Wasser holten, machte Vater am Zaun ein Feuer. Die kläglichen Suppen oder Breie von dem, was wir an Lebensmitteln von zu Hause mitgenommen hatten, kochte Mutter in demselben Teekessel. Aber viele hatten noch nicht mal so einen Behälter und sie bereiteten ihre Speisen in Helmen der Roten Armee zu, die sie auf dem Müllhaufen gefunden hatten. Aber die Nächte waren grausam!... Betrunkene Rumänen streiften mit Taschenlampen durch die Werkstatt, auf der Suche nach Mädchen. Diese versteckten sich unter der Werkbank, doch die Rumänen zogen sie darunter hervor. Weinen und Schreien, manchmal auch Schüsse erfüllten mit ihrem Echo das Gebäude während der ganzen Nacht. Mitte November entließ man uns unerwartet aus dem Gefängnis. Die finsteren Tore öffneten sich und die Rumänen begannen uns mit den Schreien»La kassa!«(»Nach Hause!«) in die Freiheit hinauszujagen. Offensichtlich wurde das Ge- 32 fängnis von der rumänischen Obrigkeit für schlimmere Verbrecher gebraucht... Wir kehrten in die Rote Gasse zurück, aber auf unserer Wohnungstür sahen wir ein Kreuz und die Aufschrift:»Hier wohnt die russische, rechtgläubige Christin Olga Nechljudowa.« Das war die Tochter des Hausmeisters. Bei unserem Anblick fragte sie verwirrt: »Hat man Sie nicht umgebracht?« »Wie Sie sehen«, antwortete Vater und trat über die Schwelle. Olga gab die Wohnung frei. Aber wir blieben nicht lange zu Hause. Im Dezember wurde eine neue Anordnung in der Stadt ausgehängt. Alle Juden von Odessa wurden angewiesen, sich in Slobodka einzufinden, im Ghetto... Und wieder begannen die Vorbereitungen... Am Rand von Slobodka, direkt hinter der Eisenbahnbrücke, stand ein riesiges Gebäude. Vor dem Krieg war darin das Wohnheim des Seefahrtinstitutes. Nach dem Krieg und bis heute ist es das Stabs- und Verwaltungsgebäude der Höheren Seefahrtsschule. Aber von Dezember 1941 bis Mai 1942 war es das jüdische Ghetto. Das Gebäude ist auch heute noch mit demselben Zaun umgeben, und an demselben Tor steht ein wachhabender Offizierschüler. Aber damals wurde dieses Tor von rumänischen Soldaten bewacht. Gegen Bezahlung ließen sie Bewohner von Slobodka auf das Ghettogelände, und von morgens bis abends lärmte ein echter Markt auf dem Hof unseres neuen Gefängnisses. Für Besatzungsgeld oder im Tausch gegen Kleidung konnte man eine Schale Suppe, Pasteten oder ein paar Piroggen haben. All das brachten Bewohner von Slo- 33 bodka auf Schlitten in das Ghetto, in mit Lappen umwickelten Töpfen. Unsere Familie kam in einem Zimmer unter, in dem sich ungefähr zwanzig Menschen angesammelt hatten. Vater gelang es, einen Tisch, der beim Fenster stand, zu besetzen. Darauf schliefen ich und meine Schwester. Vater schlief mit Mutter auf dem Boden. Später schliefen meine Schwester und ich auch auf dem Boden, nachdem wir auf die Bitte unserer Mutter hin den Tisch an eine schwangere Frau abgetreten hatten. Eines Nachts floss etwas auf uns herunter. Ich hörte ein unterdrücktes Stöhnen und dann ein erbärmliches Quäken. Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass auf unserem Tisch ein Junge geboren worden war... Der Winter in dem Jahr war sehr streng. Der Frost erreichte bis zu dreißig Grad unter Null. Bei diesen schrecklichen Temperaturen begann man die Leute zur Arbeit hinaus zu jagen. Bald machte im Ghetto das Gerücht die Runde, dass man die Juden, die man aus Slobodka wegführt, zum Bahnhof Beresowka bringt, wo die örtlichen Polizisten sie nehmen und erschießen. Als Massenvernichtungsorte wurden Dörfer im Bezirk Odessa genannt: Mostowoje, Bogdanowka, Domanewka. An den Tagen, an denen Juden weggebracht wurden, ließ man keine Bewohner von Slobodka in das Ghetto hinein. Wenn Fuhrwerke in den Hof einfuhren, erschollen Weinen und Schreie aus allen Zimmern. Die alten Frauen rissen sich die Haare aus, die alten Männer riefen Gott um Hilfe an und die außer Rand und Band geratenen Mütter rannten über die Etagen und versuchten ihre Kinder zu verstecken. 34 Aber es half alles nichts. Wer von der rumänischen Verwaltung zum Abtransport bestimmt worden war, den fanden die Soldaten auf dem Dachboden, den jagten sie aus der Toilette, den zogen sie aus Kellerräumen und setzten ihn mit Gewalt auf die Fuhrwerke. Im Januar brach im Ghetto eine Flecktyphus-Epidemie aus. Die Fuhrwerke holten jetzt nicht nur Lebende ab, sondern auch Tote. Fast jeden Tag wurden Berge von Leichen aus dem Ghetto abtransportiert. Auch ich bekam Typhus. Dann meine Schwester und meine Mutter. Vater kümmerte sich um uns, so gut er es mit seinen Krücken konnte. Die Rumänen rührten die Typhuskranken nicht an: Sie hatten Angst, sich anzustecken. Den Kranken wurde die oberste Etage zugewiesen, wo die im Ghetto eingesperrten Ärzte schalteten und walteten. Ich erinnere mich an Professor Sribner, an Doktor Suschon und an Doktor Turner. Und noch an»Olja mit dem Thermometer«. So wurde eine energische Frau genannt, die das einzige Thermometer im ganzen Ghetto besaß. Da sie es niemandem anvertraute, maß sie selbst den Kranken die Temperatur und hängte für die Ärzte Fieberkurven auf. Als wir begannen gesund zu werden, wurde Vater krank. Das war im März, im April starb er. Das Datum seines Todestages ist der 17. April 1942. Wir wurden mit der letzten Gruppe aus Slobodka weggebracht. Es war ein heller Sonnentag. Hinter uns schlossen sich die hohen Tore, und das Ghetto von Odessa hörte auf zu existieren. Jungen liefen hinter den Fuhrwerken her, sie pfiffen und 35 warfen mit Steinen nach uns. Die Leute auf den Trottoirs blieben stehen und sahen uns nach. Wir aber waren auf einem neuen traurigen Weg und ließen die jüdischen Massengräber zurück, in einem davon lag mein Vater... In schmutzigen Güterwaggons brachten sie uns nach Beresowka. Die Räder polterten laut, die hungrigen Kinder weinten, die alten Frauen klagten. Wir saßen in leeren Kohlenwaggons. Als die Polizisten in Beresowka die Waggons öffneten, hörten wir, wie sie lachten:»Jungs, sollen das etwa Juden sein? Das sind doch Neger!« Nachdem wir uns den Kohlenstaub abgeklopft hatten, sahen wir uns mit Grauen diese Leute an. Über ihren Schultern hingen Gewehre, in den Händen hielten sie Peitschen. Offensichtlich waren das dieselben Polizisten, die im Winter die Gruppen empfangen und zur Erschießung geführt hatten. Nachdem die»Jungs« unsere Bündel durchsucht hatten, nahmen sie sich die Sachen, die ihnen gefielen, heraus und trieben uns nach Mostowoje. Je näher wir dem Ort kamen, desto größer wurde meine Angst. Neben mir zog eine junge Frau ihre kleine Tochter hinter sich her. Das Mädchen weinte, wollte auf den Arm genommen werden, aber die ausgezehrte Mutter hatte keine Kraft sie zu tragen. Und da sagte das Mädchen durch die Tränen hindurch:»Nun trag mich doch wenigstens ein kleines Stück, Mama, sie bringen uns doch sowieso gleich um.« Die Frau drückte das Kind verzweifelt an sich. Aber da wurde eine Pause angekündigt. Die Polizisten gingen»essen« und wir setzten uns am Dorfrand nieder und schauten wie in die Enge getriebene Tiere nach allen Seiten. 36 Als Wächter hatten sie uns einige Jungen hingestellt. Das waren wahrscheinlich die Söhne der Polizisten: Als die Polizisten ins Dorf gegangen waren, hatten sie ihnen ihre Peitschen dagelassen. Mit den Peitschen knallend, schauten die Jungs uns finster an- so als wollten sie sagen, versucht nur wegzulaufen! Aber wohin konnten die unglücklichen Frauen, Kinder und Alten, die außerhalb des Gesetzes standen, schon laufen? Nach ungefähr zwei Stunden kamen die Polizisten zurück und trieben uns weiter. Als wir an dem Dorf vorbei waren, schleppten wir uns nur noch mühsam über den staubigen Weg, in der Erwartung, dass jeden Moment ein tiefer Graben auftauchen würde, an dessen Rand wir stehen bleiben müssten, und die Erschießung würde beginnen. Aber Mostowoje lag weit hinter uns, und wir gingen und gingen immer noch. Sogar die Polizisten wurden es müde, uns mit den Peitschen und mit Schreien anzutreiben. Erst später erfuhren wir: Entweder durch einen Erlass des Gouverneurs von Transnistrien Doktor Alexjanu oder durch einen Erlass des rumänischen Königs Michai selbst wurden die Massenerschießungen von Juden im Sommer 1942 auf dem von Rumänien okkupierten Territorium eingestellt. Man beschloss, die noch Lebenden in Konzentrationslager zu bringen und für verschiedene Arbeiten einzusetzen. Aufgrund dieses Befehls marschierten auch wir unter der Polizeibewachung, ohne zu ahnen, dass viele von uns anstelle der Kugeln ein anderer Tod erwartete: durch Hunger, Krankheit und Prügel... Der lange Weg von Mostowoje führte an Domanewka vor- 37 bei, über das Gut Semichatka. Von hier aus eskortierte uns der Chef der örtlichen Polizei namens Doroschenko, ein hünenhafter, stämmiger Bursche in durchgeschwitztem Militärhemd und Militärmütze, auf der noch der Abdruck eines Sterns der Roten Armee zu erkennen war. Offensichtlich war Doroschenko beim Rückzug unserer Truppen aus seiner Einheit desertiert. In der Hand trug er eine Reitpeitsche. Als er sich unseren niedergeschlagenen Zug angeschaut hatte, fluchte er und verkündete:»Juden, ich bin euer Gott!« Auf dem Gut wurden wir in kleinen Feldwaggons untergebracht. Vom Morgengrauen an wurden wir aufs Feld gejagt, um Unkraut aus dem Maisfeld zu reißen. Das Jäten des Maises war eine Prüfung: Wer arbeiten konnte, wurde später nach Domanewka oder in das benachbarte Karlowka geschickt. Wer nicht arbeiten konnte, kam nach Achmetschetka. Das war das schlimmste Konzentrationslager. Während man in den anderen Lagern im Bezirk Odessa den Arbeitern wenigstens eine bescheidene Ration gab, starben die Leute in Achmetschetka vor Hunger. Dorthin wurden Frauen mit Säuglingen, Invaliden und allein stehende alte Menschen geschickt. Meine Mutter, meine Schwester und mich schickten sie nach Karlowka. Aber es gab einen anderen Grund, warum ich mich an das Gut mit den kleinen Feldwaggons so gut erinnere. Noch in Slobodka hatte mir Mutter zwei Eheringe in mein Jäckchen eingenäht. Auf der Innenseite des einen Ringes war eingraviert»Für Sofotschka von Iossif«, in dem anderen»Für Iossif von Sofotschka«. Und in beiden ihr Hochzeitsdatum. 38 Bei der Durchsuchung in Beresowka hatten die Polizisten die Ringe nicht gefunden. Aber in Semichatka wurden wir nach ein paar Tagen plötzlich früh vom Feld geholt. Üblicherweise kehrten wir in der Dunkelheit vom Feld zurück. Bei den Waggons wartete Doroschenko, umgeben von einigen Polizisten. Nachdem er uns befohlen hatte, uns auf die Erde zu setzen, stellte er eine Aluminiumschüssel zu seinen Füßen und forderte:»Gold abgeben. Bei wem ich welches finde, den hänge ich auf!« Die Drohung wirkte. Die Leute begannen aufzustehen, zu der Schüssel zu gehen und einen Ring oder ein paar Ohrringe hineinzuwerfen, alles, was nach den vorangegangenen Plünderungen noch übrig war. Aber ich wollte den Banditen nicht das letzte Erinnerungsstück an meinen Vater ausliefern. Ich saß hinter allen anderen und niemand nahm Notiz von mir. Nachdem ich vorsichtig das Futter der Jacke aufgetrennt hatte, nahm ich die Ringe heraus und vergrub sie unter mir. Zum Glück war die Erde locker, es hatte seit dem Morgen geregnet. Nach der Durchsuchung beruhigte ich Mutter, wartete ab, bis es gerade dunkel geworden war und lief zu meinem Versteck. Doch kaum hatte ich die Ringe ausgegraben, da hörte ich eine bedrohliche Stimme:»Zeig her!« Das war Doroschenko. In der Dunkelheit hatte er sich hinter einem Trinkwasserfass versteckt, das bei den Waggons stand, und uns beobachtet. Nachdem er die Ringe an sich genommen hatte, schlug er mich mit der Reitpeitsche nieder und schleifte mich zu einer Scheune, wobei er mein Urteil verkündete:»Morgen hänge ich dich auf! Morgen hänge ich dich auf!« 39 Ich schrie vor Schmerzen und Angst auf. Durch meinen Schrei kam meine Mutter herbeigelaufen. Als sie mich in Doroschenkos Händen sah, warf sie sich ihm zu Füßen, küsste seine Stiefel und begann ihn anzuflehen, mich laufen zu lassen. Doroschenko wurde auch von anderen Frauen umringt, die versuchten, ihn durch Bitten davon abzubringen, mir gegenüber so grausam zu sein. Nach Tränen und Flehen, nachdem Mutter ihm das ganze Geld gegeben hatte, das wir noch in Slobodka für die verkauften Sachen bekommen hatten, wurde der Polizist gnädig. Er schubste mich zu meiner Mutter, schlug mich noch einmal mit der Peitsche und sagte: »Da, nimm deinen kleinen Juden!« So entkam ich dem Galgen. Und dann kam Karlowka. Während wir über die vom Regen aufgeweichten Straßen zogen, schauten die Dorfbewohner, die bei ihren Katen standen, uns schweigend an. Schon hinter dem Dorf trafen wir auf ein Mädchen, das eine Kuh mit einem Stock vor sich her trieb. Als sie neben uns war, sagte sie plötzlich:»Sie treiben und treiben sie, und wofür? Das sind doch genau solche Leute wie wir!« Ich blieb stehen und schaute das Mädchen verdutzt an. Aber der uns begleitende Polizist schubste mich mit dem Gewehr und sagte:»Geh!« Das Konzentrationslager lag auf dem Gelände einer ehemaligen Schweinefarm, drei Kilometer von Karlowka entfernt. Vor dem Schweinestall, in dem wir nun leben sollten, stand ein Sportgerät, ein»Turnpferd«. Wie uns die alteingesessenen Lagerbewohner erklärten, hatten die Polizisten es aus der Dorfschule herbeigeschleppt, um darauf die Ge- 40 fangenen zu bestrafen. Für das kleinste Vergehen wurde man auf das»Pferd« gebunden und fürchterlich ausgepeitscht. Schon am ersten Tag hielt uns der Vorsteher des Lagers, der bessarabische Jude Herr Abramowitsch, einen Vortrag, der darauf hinauslief, dass man uns mit dem»Pferd« bekannt machen würde, wenn wir schlecht arbeiten würden. Die Gefangenen des Lagers Karlowka bauten eine Straße. Wir wurden auch auf die Baustelle gejagt. Mutter gaben sie eine Schubkarre, mir und meiner Schwester Schaufeln. Wir schaufelten die Schubkarre mit Erde voll, und Mutter schob sie über Holzstege, die über das sumpfige Gelände gelegt worden waren, zu dem Damm, über den die Chaussee verlaufen sollte. Auf der Baustelle arbeiteten hauptsächlich Frauen und Kinder. Wir bekamen einmal am Tag etwas zu essen, eine Suppe aus faulen Kartoffeln. Und wenn die Köchin, Madam Wanschtein, die Suppe auf einem Fuhrwerk brachte, saß neben ihr auf dem Kutschbock Herr Abramowitsch. Während der Essensausgabe sorgte er für Ordnung. Wenn eins der Kinder versuchte sich vorzudrängeln oder noch schlimmer, um einen Zuschlag bat, setzte Herr Abramowitsch einen Stock ein. Am Ende des Monats erhielten wir unsere Ration: zwei Dosen schmutzige Hirse und ebenso viel Maismehl. Für Ordnung auf der Baustelle sorgte der stotternde Polizist Stefan. Sein Lieblingsausdruck war»Hast du einen Hintern? Fünfundzwanzig!« Das bedeutete, dass Stefan jederzeit bereit war, jemanden, der sich etwas zuschulden kommen ließ, mit fünfundzwanzig Peitschenhieben zu bestrafen. Wenn 41 die Gefangenen nicht schnell genug die Schubkarre schoben, schlug Stefan gnadenlos ihre Rücken in Streifen. Er war es auch, der die Exekutionen auf dem»Pferd« durchführte. Bei Regenwetter wurde nicht auf der Baustelle gearbeitet. Und dem Beispiel anderer Kinder folgend, stahlen meine Schwester und ich uns aus dem Lager, um zu betteln. Wir bettelten in den umliegenden Dörfern: Iwanowka, Wiktorowka, Nowosselowka. Das war gefährlich. Wenn die Polizisten uns erwischt hätten, hätte Stefan uns auf dem»Pferd« tot gepeitscht. Aber der Hunger trieb uns nicht nur zu der Erniedrigung, sondern auch zu dem tödlichen Risiko... Im Konzentrationslager Karlowka gab es eine Baracke, die das»Zimmer der Nackten« genannt wurde. Die sich bei der Zwangsarbeit aufgerieben hatten, kamen hier her. Diese Unglücklichen lagen auf Pritschen, waren mit schmutzigen Lumpen zugedeckt und starben vor Hunger. Sie arbeiteten nicht, ihnen stand keine Ration zu, manche wurden von ihren Verwandten, die arbeiteten, mit ernährt. Aber die Alleinstehenden waren verdammt. Jeden Morgen fuhr ein knarrendes Ochsengespann zu dem»Zimmer der Nackten«. Der alte einäugige Gerschman stieg herunter und ging mit seinen nackten Füßen schlurfend in die Baracke. Bald schleifte er mehrere Leichen dort heraus, legte sie auf das Fuhrwerk und fuhr weg. Im Lager sagte man nicht:»Er ist gestorben«, sondern»Gerschman hat ihn geholt.« In diesem»Zimmer der Nackten« war eine Frau. Sie wurde Musa genannt. Abends las sie den»Nackten« Puschkin, Lermontow, Nekrassow, Erzählungen von Tschechow und Soschtschenko vor. Sie rezitierte aus dem Gedächtnis und so, 42 dass die Bewohner der Baracke, die ihr zuhörten, ihre Leiden vergaßen. Es kamen auch Leute aus den anderen Baracken, um Musa zuzuhören. Und dabei brachte der eine ihr eine Kartoffel mit, der andere ein bisschen Maisbrei. Davon lebte sie. Und sie teilte sogar noch mit ihren Pritschennachbarn. Ich weiß nicht, was diese Frau vor dem Krieg gewesen war, aber durch ihr Rezitieren hat sie Vielen das Leben gerettet. Im Winter 1943 wurden Zigeuner ins Konzentrationslager Karlowka getrieben. Und bis zur Befreiung waren wir durch das Leid und den Tod mit ihnen verbunden... Anfang März 1944 konnte man im Lager ein entferntes Getöse hören. Das war die Front, die näher rückte. Die Polizisten verschwanden plötzlich. Herr Abramowitsch ließ sich seltener blicken. Bald zogen die abziehenden deutschen Truppen durch Karlowka. Sie marschierten über die von uns gebaute Straße. Und wir versteckten uns in den Büschen und beobachteten sie. Das waren schon nicht mehr die Deutschen, die ich in den ersten Tagen der Okkupation von Odessa gesehen hatte. Jene hatten sogar auf die Rumänen mit Geringschätzung herabgesehen. Und diese hier marschierten mit gesenkten Köpfen, und viele gingen, genau wie wir, in Lumpen. Eines Abends kam eine benachbarte Zigeunerin in unsere Baracke gelaufen und schrie:»Versteckt euch! Die WlassowLeute sind in Karlowka. Wenn sie erfahren, dass ihr Juden seid, erschießen sie euch alle!« Über die Angehörigen der Wlassow-Armee ging ein übles Gerücht um. Man sagte, dass sie auf ihrem Rückzug ganze Dörfer niederbrennen würden... Einige Tage lang verbrachten wir hinter dem Lager in ei- 43 ner tiefen Schlucht. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und sagte zu Mutter:»Ich werde gehen und nachsehen. Vielleicht sind unsere Leute ja schon in Karlowka.« »Sei bloß vorsichtig«, bat Mutter. Meine Schwester ging mit mir. Wir waren noch nicht ganz aus der Schlucht heraus geklettert, als wir zwei Reiter erblickten. Sie trugen Schulterklappen. Wir liefen schnell zurück, aber die Reiter hatten uns bemerkt und riefen: »He, Kinder! Sind Deutsche im Dorf?« Wir blieben stehen. Die Reiter kamen näher. Auf ihren Mützen mit Ohrenklappen waren rote Sterne... Die Unsrigen! Das war am 28. März 1944. *** Die Überlebenden des Holocaust leiden unter dem Vorwurf, sie hätten sich»wie Schafe zur Schlachtbank« führen lassen und keinen Widerstand geleistet. Als die Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung begannen, zogen junge Juden in die Wälder zu den Partisanen. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Aber aus den Berichten zahlreicher jüdischer Partisanen und aus den Namenslisten der Partisanen, die in verschiedenen Archiven aufbewahrt werden und seit kurzem eingesehen werden können, geht klar hervor, dass die Zahl 44 der Juden unter den Partisanenkämpfern wesentlich größer war, als dies in den offiziellen sowjetischen Dokumenten angegeben wurde. 6 Golda Wasserman Aus dem Ghetto- zu den Partisanen Im Herbst 1942 befanden sich im Ghetto von Tultschin mehr als 3 000 jüdische Familien aus der Ukraine, der Bukowina und aus Bessarabien. Jeden Morgen beim ersten Hahnenschrei wurde alles, was sich noch auf den Beinen halten konnte, zur Arbeit getrieben. Für diese Arbeit wurde nichts bezahlt, und es wurde auch kein Essen ausgegeben. Wir mussten selber dafür sorgen, dass wir etwas zu essen bekamen. Dabei war es den Juden streng verboten, das Ghetto zu verlassen. Wenn die rumänischen Polizisten im Ghetto einmal einen Bauern antrafen, nahmen sie ihm seine Lebensmittel weg, nachdem sie ihn vorher fürchterlich verprügelt hatten. Nur auf dem Weg von und zur Arbeit gelang es den Juden, etwas bei den Bauern zu erwerben oder das letzte Kleidungsstück heimlich gegen Lebensmittel einzutauschen und diese dann ins Ghetto zu schmuggeln. Jeden Tag tauchten neue Gruppen von Juden auf. Es handelte sich um Personen, die sich über längere Zeit hinweg in Wäldern versteckt gehalten und versucht hatten, zu den Parti6 Ausführlichere Informationen hierzu bei S. Jelissawetski: Ein halbes Jahrhundert Vergessenheit- Juden in der Widerstandsbewegung und im Partisanenkampf in der Ukraine in den Jahren 1941-1944, Kiew 1998. 45 sanen zu gelangen, und um Juden aus verschiedenen, von Nazis besetzten Ländern Europas. Jeden Tag starben im Ghetto fünfzehn bis zwanzig Menschen an Hunger, Typhus oder anderen Krankheiten. Die rumänischen Polizisten erschossen jeden, der schwach aussah oder beim Gehen Zeichen von Erschöpfung zeigte. Die Leichen blieben einfach liegen. Manchmal wochenlang. Das Schikanieren und Verprügeln von Erwachsenen und sogar Kindern stand auf der Tagesordnung. Etwa fünfzehn Kilometer vom Ghetto entfernt befanden sich italienische und ungarische Reservedivisionen. Wenn die Kommandanten dieser Verbände es verlangten, suchte der Kommandant der rumänischen Polizei von Tultschin im Ghetto gesunde junge Mädchen aus und schickte sie, wie es offiziell hieß, zur Arbeit in die Küche und in die Bäckerei dieser Divisionen. Wenn die Mädchen zurückkehrten, waren sie gewöhnlich vergewaltigt und mit Geschlechtskrankheiten angesteckt worden. Viele Mädchen begingen Selbstmord, wenn sie in die Baracken zurückkamen, andere wurden erschossen, weil sie versucht hatten, sich zu wehren oder zu fliehen. Dann wählte der Kommandant neue Mädchen aus, damit auch sie zur»Arbeit« gingen. Derartige Aussonderungen fanden alle fünfzehn bis zwanzig Tage statt. Was sich dabei im Ghetto abspielte, lässt sich nicht beschreiben- verzweifeltes Schreien der Mädchen, flehentliche Bitten der Eltern. Unterwegs versuchten einige Mädchen, sich durch Flucht zu retten. Die Faschisten schossen hinter ihnen her. Nur einigen wenigen gelang es, sich als einheimische Mädchen verkleidet 46 auf den Dörfern zu verstecken oder nach langem Herumirren in den Wäldern bei den Partisanen Unterschlupf zu finden. Zu letzteren gehörte auch ich. Ich war eines von 25 Mädchen, die zu der oben genannten »Arbeit« abkommandiert wurden. Geführt wurden wir von zwei Soldaten, einem Ungarn und einem Italiener. Der Weg führte durch einen Sumpf über schmale Stege. Schweigend und ohne ein Zeichen verabredet zu haben, beschlossen Sonja Fux, Sore Wital, Klara Meidler und ich, die beiden Soldaten in den Sumpf zu stoßen und wegzurennen. Einen der Soldaten verschluckte das Moor sofort, dem anderen gelang es, sich herauszuarbeiten. An einen Baumstumpf geklammert, begann er auf uns zu schießen. Eines der Mädchen, Bljume Kriger, wurde getroffen, fiel in den Sumpf und ging unter. Der Soldat verschoss alle Kugeln, die er hatte. Während er seine Waffe nachlud, bewarfen wir ihn mit Steinen und Erdklumpen. Da verlor er das Gleichgewicht, fiel und versank im Sumpf. Zwei Wochen lang irrten wir durch die um Tultschin liegenden Wälder, ernährten uns von Beeren und von Wildpflanzen. Dann erreichten wir ein kleines Dorf, beschlossen aber, uns lieber fernzuhalten, da wir Geräusche von Fahrzeugen und Panzern gehört hatten. Auf den Feldern, die an den Wald grenzten, sammelten wir Kartoffeln und Mais und gingen immer tiefer in den Wald hinein. Als schon kaum noch Leben in uns war, wurden wir von den Aufklärern eines Partisanentrupps gefunden und vor dem sicheren Hungertod gerettet. Von den verwundeten Mädchen blieb nur Berta Ki- 47 melman am Leben. Sonja Fux und Regina Salkind verbluteten. Wir wurden Partisaninnen. In den Reihen der Kämpfenden fanden Sima Chabad aus Sikurny, Rosa Grinberg aus Czernowitz und Leja Kuperman aus Kischinjow den Heldentod. Alle drei wurden zweimal ausgezeichnet. Auch Regina Kotesman, Chana Beker, Lili Schechter, Sonja Kurz und ich, Golda Wasserman, wurden ebenfalls ausgezeichnet. *** Boris Zabarko, selbst Überlebender des Ghettos von Schargorod, spricht von»guten Deutschen«, die den Juden nicht feindlich und zuweilen sogar freundlich gesinnt waren. Nicht alle Deutschen beteiligten sich also an den Grausamkeiten. Es gibt eine Reihe von Fällen, in denen sie zeigten, dass sie den Idealen der Menschlichkeit treu geblieben waren und Juden retteten. Bronislawa Gruschko(geb. 1921) » Um 9 Uhr morgens geschah ein Wunder... « Ich wurde am 15. Oktober 1921 in Wolodarsk-Wolschskoje, einem ruhigen, anheimelnden Städtchen im Bezirk Shitomir geboren. Da wir einen wunderschönen Park und einen Fluss hatten, waren wir im Sommer Anziehungspunkt für die Men- 48 schen aus den umliegenden größeren Orten. Wir nannten diese Besucher»Sommerfrischler«. Die Bewohner von Wolodarsk-Wolschskoje waren zum überwiegenden Teil Juden. Bis zum Jahre 1936 hatten wir sogar eine siebenklassige jüdische Schule. Natürlich wohnten in der Stadt auch Ukrainer und Angehörige anderer Nationalitäten, zu denen die Juden immer ein sehr gutes Verhältnis hatten. Die meisten Menschen waren arm. Das Gerede über das angeblich gute Leben vor dem Krieg ist, gelinde ausgedrückt, stark übertrieben. Es mangelte immer an allem, man sprach von vorübergehenden Nöten und versprach uns ständig eine glänzende Zukunft. Im Jahre 1937 begannen dann die politischen Repressionen, von denen natürlich auch unsere kleine Stadt nicht verschont blieb. Im Jahre 1938 schloss ich mit Auszeichnung die Schule ab und schrieb mich an der Kiewer Schewtschenko-Universität ein, um Chemie zu studieren. Das Leben in der Hauptstadt mit seinem breiten kulturellen Angebot erschien mir äußerst verlockend und auch das Studium fesselte mich. Dieses friedliche Dasein fand am 22. Juni 1941 ein jähes Ende. Kiew wurde fürchterlich bombardiert. Dass dies der Anfang eines Krieges war, erfuhren wir jedoch erst um 12 Uhr aus der Rundfunkansprache von Minister Molotow. Die Sommerprüfungen an der Universität gingen jedoch weiter, so dass ich das dritte Ausbildungsjahr noch abschließen konnte, und die Prüfungen an der Fakultät für deutsche Sprache wurden vorverlegt. Die Leiterin dieser Fakultät war eine hervorragende Dozentin mit Namen Sinaida Nikolajewna Bojarskaja. Ihre Veranstaltungen, die zwei Mal in der Woche 49 stattfanden, besuchten wir mit großem Interesse und Vergnügen. Ich sollte sehr bald und unter sehr tragischen Umständen Gelegenheit haben, meine dort erworbenen Kenntnisse anzuwenden. Als Kiew noch nicht evakuiert worden war, erhielt ich aus Wolodarsk einen Brief von meiner Stiefmutter mit der Bitte, ich möge kommen, damit wir gemeinsam evakuiert würden. Bei meiner Stiefmutter lebte mein 1929 geborener Bruder. Seit ich in Kiew studierte, hatte ich nur selten Gelegenheit gehabt, in meine Heimat zu fahren, und als ich am 23. Juli dort ankam, fand ich viele mir unbekannte Menschen vor. Meine Altersgenossinnen dienten bei der Armee, studierten irgendwo oder waren ganz einfach weggezogen, um ihr Glück woanders zu suchen. Eine Evakuierung war für uns jedoch nicht mehr möglich. Nach dem Abzug unserer Truppen brach im Städtchen das Chaos aus. Man begann Geschäfte und Privathäuser auszurauben. Sehr viele Menschen benahmen sich äußerst unwürdig. Dann wurden per Anschlag sämtliche Bewohner des Städtchens und der umliegenden Dörfer zu einer allgemeinen Versammlung ins Theater eingeladen. Nur die Juden waren davon ausgeschlossen. Worum es dort ging, konnte man an Hand des veränderten Verhaltens der Theaterbesucher mit Leichtigkeit erraten. Das Schlimmste begann jedoch, als am 2. August gegen Mittag, nach einem kurzen Schusswechsel, ein deutscher Verband in unser Städtchen einmarschierte. Bis zum 21. August, das heißt bis zum Tag unserer Befreiung, hausten bei 50 uns die Deutschen. Das waren drei Wochen, in denen jede Stunde unsere letzte hätte sein können. Zu jenem Zeitpunkt befanden sich im Städtchen außer den einheimischen noch sehr viele Juden aus anderen Ortschaften, deren Flucht in Richtung Osten bei uns ein unfreiwilliges Ende gefunden hatte. Die Deutschen ließen sich in unmittelbarer Nachbarschaft unseres Hauses nieder. Sie schlugen ihr Hauptquartier im Gebäude des örtlichen Kommunistischen Parteikomitees und der Redaktion der Zeitung»Für den bolschewistischen Fortschritt« auf. Wir hatten ein großes Haus mit einem geräumigen Keller, der von der Küche aus über eine Treppe zu begehen war und einen Ausgang auf den Hof hatte. In diesem Keller drängten sich während einer Schießerei sehr viele Menschen zusammen und durch das Kellerfenster hindurch sahen wir die ersten deutschen Soldaten. Unser Haus hatte zwei Eingänge, einen von der RosaLuxemburg-Straße aus und einen vom Hof aus. Als an die Straßentür laut und gebieterisch geklopft wurde, stiegen mein Onkel und ich aus dem Keller nach oben und öffneten. Herein kamen ein Offizier und drei Soldaten, die alle bewaffnet waren. Wahrscheinlich war es das Wissen um die Aussichtslosigkeit unserer Situation und der Gedanke daran, dass wir auf das Schlimmste gefasst sein mussten, die mir den Mut gaben, den Offizier anzusprechen und ihn in meinem besten Deutsch zu fragen, was wir für ihn tun könnten. Da geschah etwas Unerwartetes. Der Offizier war sehr überrascht, dass ich Deutsch sprach, entschuldigte sich, stellte sich vor und erklärte, er sei dienstlich dazu verpflichtet, unser Haus in Au- 51 genschein zu nehmen und zu überprüfen, wer dort lebe und ob wir Waffen versteckt hätten. Ich stellte ihm meinen Onkel vor, bat ihn, ins Zimmer zu kommen, überzeugte ihn davon, dass wir keine Waffen im Haus hatten, zeigte ihm die übrigen Zimmer und öffnete Türen und Schubladen. Nach Juden oder Kommunisten fragte er nicht. Ich musste ihm jedoch von den im Keller versteckten Personen berichten. Er befahl ihnen, einzeln herauszukommen und anschließend den Soldaten, den Keller zu überprüfen. Die Deutschen blickten kühn und siegessicher drein, die Schnallen ihrer Gürtel trugen die Aufschrift»Gott mit uns«, was sie jedoch nicht daran hinderte, Dinge zu tun, die alles andere als edel waren. Bis heute denke ich mit Schrecken an jene Ausweglosigkeit, das Getrenntsein von der übrigen Welt, Ungewissheit und Unmöglichkeit, irgend etwas zu bewirken. Ich war damals erst 19 Jahre alt. In dem Sprachlabor, in dem unsere Deutschstunden stattfanden, hing ein Spruch von Karl Marx:»Eine Fremdsprache ist eine Waffe im Kampf um das Leben«. Wie recht er damit hatte, durfte ich oftmals in meinem Leben erfahren, besonders in der Zeit der deutschen Besatzung. Kurze Zeit später betraten der Ortsvorsteher sowie einheimische Polizisten die Bildfläche, und es begannen die Repressionen. Ungefähr 70 Männer wurden sofort erschossen, darunter alle Händler, die sich wegen des schlechten Warenangebots den Zorn der Bevölkerung zugezogen hatten. Juden wurden mitgenommen, damit sie Gräben aushoben, die Straßen säuberten und ähnliche Arbeiten verrichteten. Verpflegung hatten wir keine, und so ernährten wir uns haupt- 52 sächlich von Kartoffelresten, die wir nachts in der Nähe einer Fabrik aufklaubten, wo Stärkemehl hergestellt wurde. Der Gerechtigkeit halber sei gesagt, dass die zu dem militärischen Verband gehörenden Deutschen uns nichts taten und sich sogar bemühten, uns mit Lebensmitteln zu versorgen. Ich glaube, dass dies auf den Kommandeur zurückzuführen war, der einen guten Charakter besaß, wie folgende Ereignisse zeigen: Der Deutsche erwies sich bei der von ihm selbst die ganze Zeit über angestrebten, näheren Bekanntschaft als ein gebildeter und kultivierter Mensch. Mir gegenüber verhielt er sich nicht nur höflich und respektvoll, sondern war geradezu galant. Ja, auch unter den Deutschen gab es anständige Menschen. Als ich ihn auf Deutsch mit»Herr Hauptmann« anredete, sagte er, ich solle ihn mit seinem Vornamen Waldemar anreden, weil ihn das an friedliche Zeiten erinnere. Mit Nachnamen hieß er, glaube ich, Krepe. Er studierte im fünften Semester Jura und war auch in Literatur bewandert. Ich konnte jedoch nicht begreifen, was ihn dazu veranlasste, sich für unsere Rettung stark zu machen, da er dafür weder eine Belohnung noch irgendwelche Worte des Dankes zu erwarten hatte. Die Wahrheit wird wohl die sein, dass er sich seine Menschlichkeit bewahrt hatte und die grausame Ideologie der Faschisten ablehnte. Er hat uns nicht wie Schindler oder Wallenberg unmittelbar gerettet. Dass wir gerettet wurden, haben wir und unser Volk den sowjetischen Soldaten zu verdanken. Aber wenn jener Deutsche uns nicht geholfen hätte, im richtigen Augen- 53 blick das Richtige zu tun, hätte es keine Rettung für uns gegeben und unser Weg hätte unausweichlich in den Tod geführt. Am Abend des 20. August kam er zu mir, um sich zu verabschieden. Er sagte, dass er und seine Leute am nächsten Morgen die Stadt verlassen würden, und zum ersten Mal sprach er von den Juden. Er sagte ohne Umschweife, dass nach dem Abzug seines Verbandes ein Tötungskommando kommen würde, das hauptsächlich aus Ukrainern bestünde, und dann würde die»Endlösung der Judenfrage« beginnen. Er aber könne allein schon den Gedanken an meinen Tod und den der anderen unschuldigen Menschen nicht ertragen. Er habe einen Plan, der uns möglicherweise retten könne. Er nannte eine Ortschaft mit Namen Kropiwnja – von der ich nicht einmal wusste, dass es sie gab, aber einige Einheimische kannten diesen Ort –, wo, wie er aus zuverlässiger Quelle wusste, sich noch ein sowjetischer Militärverband aufhielt. Nun sollten ein paar Männer im Schutz der Dunkelheit sich dorthin begeben und berichten, dass nach dem Abzug der Deutschen nur ein kleiner Trupp Polizisten im Städtchen zurückbleiben würde und es praktisch keinen Widerstand gebe. Die sowjetische militärische Führung sollte gebeten werden, den verbliebenen Juden die nötige Hilfe zu gewähren, ohne die sie unausweichlich dem Untergang preisgegeben wären. Dieser Plan war jedoch sehr schwer auszuführen. Als ich sagte, woher ich meine Informationen hatte, glaubte mir niemand. Ich musste alle Überredungskunst aufbieten, an das männliche Ehrgefühl appellieren und sagen, dass es keine andere Möglichkeit gebe, dass wir hier alle umkommen wür- 54 den, und zwar sehr bald, und dass selbst die kleinste Chance genutzt werden müsse, wenn wir gerettet werden wollten. Endlich ließen sich drei Männer umstimmen und machten sich in der Nacht auf den Weg nach Kropiwnja. Ich weiß nicht, wie wir die nun folgenden Stunden überstanden. Niemand konnte schlafen. Im Morgengrauen sahen wir, dass die Deutschen tatsächlich abzogen, und um 9 Uhr morgens geschah dann das Wunder. Wir erblickten einen riesigen Lastwagen, auf dem sowjetische Soldaten sowie die drei von mir gesandten Boten saßen. Die Freude und die Begeisterung, die mich erfüllte, lässt sich nicht beschreiben. Ich weiß nur noch, dass ich mich dem erstbesten Soldaten an seinen unrasierten Hals warf. Man gab uns 30 Minuten Zeit. Mitnehmen konnte jeder nur so viel, wie er tragen konnte. Die kleinen Kinder, die Kranken und die alten Menschen sollten im Fahrzeug mitgenommen werden. Ein Teil der Männer rannte los, um alle, die mitgehen wollten, zu benachrichtigen, und ein paar machten sich auf die Suche nach dem Ortsvorsteher und den Polizisten. Sie hatten sich verstecken können, aber drei von ihnen, die als besonders grausam galten, wurden herbeigeschleppt und erschossen. So kam es, dass wir am 21. August dem Tod den Rücken kehrten und dem Leben entgegengingen. Wir waren sehr viele. Man sagt, es seien Tausende gewesen. Geleitet von unseren Soldaten gingen wir in mehreren Kolonnen auf verschiedenen Straßen. Es war ein Weg, der uns nicht schwerfiel, denn im militärischen Verband hatte man uns herzlich aufgenommen, man hatte uns zu essen gegeben und wir hatten sogar Verpflegung für unterwegs mitbekommen. Ich 55 sprach unseren Rettern im Namen aller übrigen unseren Dank aus. Am Morgen des folgenden Tages machten wir uns auf den Weg nach Korosten, von wo aus wir evakuiert werden sollten. Als wir durch die Kleinstadt Uschomir kamen, sagten wir den Juden, die uns dort begegneten, sie sollten sich uns anschließen, aber keiner von ihnen kam dieser Aufforderung nach. Weshalb haben zahlreiche, wenn nicht sogar die meisten Juden darauf verzichtet, sich evakuieren zu lassen? Ich glaube, es gibt dafür mehrere Gründe. Erstens gab es keine organisierte Massenevakuierung. Man nahm sich, sofern man dazu die Möglichkeit hatte, ganz einfach ein Fuhrwerk und fuhr los, wobei man oft irgendwo steckenblieb, wie es den Juden in Wolodarsk ergangen war. Zweitens ließen sich viele von ihren Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg leiten, wo sie von den Deutschen gut behandelt und vor Pogromen gerettet worden waren. Deswegen schenkten sie den Berichten über die Bestialität der Deutschen keinen Glauben. Alle in Wolodarsk zurückgebliebenen Juden sind umgekommen. Die Überlebenden, die an Gott glaubten, sagten: Gott habe ihr Gebet erhört und ihnen rettende Engel gesandt. Es gab sogar einige wenige, die waren der Meinung, man müsse auch für jenen Deutschen beten. Leider sind von denen, die Augenzeugen jener Ereignisse waren, nur noch sehr wenige am Leben. Nicht nur die älteren von ihnen, sondern auch viele meiner Altersgenossen sind schon lange tot oder vom Schicksal in alle Welt hinaus verschlagen worden. Mein Bruder lebt in Orenburg, Lejbson in Deutschland und Bunis 56 und Farber sind in Israel. Sie alle haben nichts vergessen, obwohl sie damals noch Kinder waren. In Korosten wurden wir in Güterwaggons verladen, und es begann unsere Evakuierung. Ich landete in der Stadt Rudnja im Bezirk Stalingrad, dem heutigen Wolgograd, wo ich bis zu meiner Rückkehr in die Ukraine im Juni 1944 lebte. Von den guten Menschen, die uns aufnahmen, ihre Habe mit uns teilten und uns Wärme und Herzlichkeit entgegenbrachten, möchte ich zumindest einige erwähnen. Großvater Falolei und Großmutter Dunja, bei denen ich wohnte und um die ich mich später bis zu ihrem Tod gekümmert habe, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Auch unter den Ukrainern gab es Menschen, die unter Gefahr für ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Angehörigen Juden retteten. Was sie getan haben, soll jetzt gewürdigt werden. Sie sind echte Botschafter des Friedens, in der Tat»Gerechte unter den Völkern«. In der Zeit meiner Evakuierung arbeitete ich als Lehrerin an einer Schule, und als 1942 nach der Niederlage der von Paulus geführten 6. Armee bei Stalingrad ein provisorisches Kriegsgefangenenlager errichtet wurde, war ich nebenbei als Dolmetscherin in diesem Lager tätig. Wie sehr unterschieden sich diese verhungerten, abgerissenen und erfrorenen Menschen von den Siegern im August 1941. Mit brennenden Augen suchte ich jede Gruppe Kriegsgefangener ab, wohl wissend, dass wundersame Begegnungen nur in Märchen möglich sind. Es waren viele Waldemars unter ihnen, aber nicht der, den ich suchte, der uns gerettet hatte... 57 Auswahlbibliografie Agmon, Pinchas, Zabarko, Boris, Wiprobuwannja Katastrofoju. –»Sutschasnist«. Kiew 1996, Nr. 2. Agmon, Pinchas, Sochranenije pamjati. Nekatoryje osobennosti audio- i wideosapisi swidetelei SCHOA/ Katastrofy/ na Ukraine.- Informazionny bjulleten Doma-Muzeja borzow getto Izchaka Kazenelsona. Spex. Wypusk. Kiew 1996. Aly, Götz,»Endlösung«. 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Alle Hefte sind im Volltext im Internet abrufbar unter http://library.fes.de/history/index.html Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Doris Fabritius Godesberger Allee 149 D-53175 Bonn Tel.: 0228- 883 473, Fax.: 0228 – 3779606, E-mail: Doris.Fabritius@fes.de