Frauen in Indonesien Nachlese zum Internationalen Frauentag 2005 Dr. Hans-Joachim Esderts, FES Jakarta Erwin Schweisshelm, FES Bonn März 2005 Gewalt gegen Frauen Pünktlich zum Internationalen Frauentag am 8 März legte die Nationale Menschenrechtskommission in Indonesien eine Studie vor, die die Realität des Alltags von vielen Frauen im sechsten Jahr der Demokratisierung der indonesischen Gesellschaft darstellt. Danach gilt häusliche Gewalt gegen Frauen als die häufigste Form der Diskriminierung und Unterdrückung der Persönlichkeitsrechte. Schockierend ist aber vor allem der drastische Anstieg der berichteten Gewalttaten: 2001 gab es nach Angaben der Organisation 3.169 Fälle häuslicher Gewaltanwendung gegenüber Frauen. Diese Zahl erhöhte sich 2002 auf 5.163, in 2003 waren es bereits 7.787 Fälle. Ein Jahr darauf verdoppelte sich diese Zahl nahezu auf 14.020 Fälle. Eine genaue Analyse der Angaben von 2004 ergibt folgende Verteilungen der Gewaltanwendungen: Frauenhandel 562 Fälle, 4,0% Häusliche Gewalt 4.302 Fälle, 30,7% Kommunale Gewalt 2.479 Fälle, 17,6% Staatliche Gewalt 302 Fälle, 2,1% Unspezifizierte 6.634 Fälle, 47,3% EnìÉääÉW= hljk^p= mbobjmr^kI= k~íáçå~ä=`çãJ ãáëëáçå= çå= sáçäÉåÅÉ=~Ö~áåëí= tçãÉåK= bêÜçÄÉå= îçå= QP= cê~ìÉåçêÖ~åáë~íáçåÉå= áå= NQ= mêçîáåòÉåI= áå= TM= aáëíêáâíÖÉêáÅÜíÉå= áå= OM= mêçîáåòÉåI= áå= mçäáòÉáJ Ü~ìéíèì~êíáÉêÉå=ìåÇ=áå=NU=hê~åâÉåÜ®ìëÉêåKF= Diese Zahlen stellen wohl nur die Spitze des Eisbergs dar. Die Realität ist mit großer Wahrscheinlichkeit sehr viel umfassender. Frauen sind nicht nur Opfer unmittelbarer Gewaltanwendung, sie sind auch im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Bereich diskriminiert. Lokale Konflikte religiöser, ethnischer und ökonomischer Art, aber auch Konflikte zwischen Bürgern und der Kommune, dem Militär und der Polizei enden oft mit dem Verlust von Menschenleben, konkret: Frauen werden zu Witwen. Damit verlieren sie vielfach Landrechte und sind nicht mehr in der Lage, ihre Familie zu ernähren, etwa in den am meisten von Konflikten betroffenen Gebieten Poso, Papua, Aceh. Aber viele Familien verlieren ihre Lebensgrundlage auch infolge von Umweltzerstörung, Überschwemmungen, Landrutschen oder Wassermangel. Ein erster Schritt zur Überwindung oder zumindest Reduzierung von häuslicher Gewalt wurde kürzlich durch die Verabschiedung eines Gesetzes getan, das solche Gewalttaten unter Strafe stellt. Leider sind die Polizei und andere Rechtsorgane des Staates und der Justiz nicht darauf vorbereitet, das Gesetz anzuwenden und Täter zu verurteilen. Neue Initiativen werden gegenwärtig von Frauenorganisationen und NGOs unternommen, um Frauenhandel unter Strafe zu stellen. Frauenhäuser werden gegründet und Krisenzentren etabliert, um die Opfer vor weiteren Angriffen zu schützen. Besonders benachteiligt werden junge Frauen, die als Arbeiterinnen aus dem Ausland zurückkehren oder von dort wegen ungültiger Einreise- und Arbeitsgenehmigungen ausgewiesen wurden (Malaysia ca. 400.000 Menschen, darunter 1/3 Frauen). Diese wurden nicht nur in den Gastländern schäbig behandelt und oft misshandelt, sondern werden auch bei Rückkehr in die Heimat von Grenzbeamten, Zöllnern und anderen ihrer bescheidenen Ersparnisse und Waren beraubt. Frauen in der Politik und Wirtschaft Frauen spielen im politischen Leben Indonesiens noch immer keine wichtige Rolle, denn sie sind weder in den Parteien zu einer einflussreichen Gruppe geworden, noch sind sie während der sechsjährigen Demokratiephase politisch wesentlich stärker in den Vordergrund getreten. Eine typische Interpretation der Koransure An-Nisa, 34, lautet:“Men are the leaders of the family and should also be the leaders of society“. Religionsführer und Prediger stellen sehr oft die Rolle der Frau als die Dienende heraus, wobei der Dienst in erster Linie als Dienst gegenüber dem Mann gesehen wird: “...to serve her husband and put the daily needs first. Washing your husband’s clothes is more noble than going outside the house and working.” Eine empirische Studie des„Women Research Institute“(WRI) in acht Regionen des Landes zeigt, dass trotz der Regionalautonomie und erneuerter Parteiengesetze sowie reformierter Wahlgesetze die politische Partizipation der Frauen gering ist. Nur wenige trauen sich, eine Bewerbung für die kommenden Kommunalwahlen abzugeben. Die Wahlen erfolgen erstmals als Direktwahlen. Auf regionaler Ebene findet man derzeit kaum Frauen im Parlament: Regency of Gianyar, Bali weist keine einzige Abgeordnete aus, ebenso Banda Aceh. In Mataram/ Lombok sind von 35 Abgeordneten zwei weiblich. Frauen bilden zwar 30% der Beschäftigten, ihre Löhne, insbesondere in der Landwirtschaft, betragen jedoch vielfach nur 50% der Löhne der männlichen Beschäftigten. Woher kommt diese Diskriminierung? Die Forscher des WRI zeigen, dass dies vielfach an der Interpretation religiöser Vorschriften liegt, die Frauen eine minderwertige Position im gesellschaftlichen Leben zuweist. Dies scheint keineswegs auf den Islam beschränkt zu sein(s.o. Beispiel Bali, Hindukultur). In Lombok werden die Männer als die einzigen Verdiener des Lebensunterhalts der Familie betrachtet, obgleich die Realität eine völlig andere ist: Frauen arbeiten auf den Feldern, verdienen Geld oder Naturprodukte, arbeiten sogar im Straßenbau und investieren das Einkommen in die Familie.„God created man as the leader. There is no verse in the Koran that says women have to earn money too”, ist eine gängige Antwort. Katastrophale Folgen des Tsunami, insbesondere für die Frauen in Aceh Eine Fahrt durch die vom Tsunami und Erdbeben betroffenen Gebiete zeigt neben dem Eindruck der totalen Zerstörung auch erste Anzeichen der Wiederbelebung: Frauen aller Altersklassen wühlen sich durch die Trümmerwüste, identifizieren die Standorte ihrer früheren Behausungen und beginnen Steine zu säubern, ganz ähnlich den Trümmerfrauen nach 1945 in deutschen Städten. Diese Arbeiten verrichten sie ganz ohne Werkzeuge, mit bloßen Händen bei 3035 Grad im Schatten, den es aber in der Wüste der Trümmer nicht gibt. Männer sind hier seltener zu sehen, dafür bevölkern sie die Kaffeehäuser von Banda Aceh zu allen Tageszeiten. Eine Oxfam Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen sehr viel stärker von Erdbeben und Tsunami betroffen sind als Männer. Etwa viermal so viele Frauen sind unter den Opfern in der Provinz Aceh. In manchen Orten Acehs sind 80 % der weiblichen Bewohner tot oder vermisst. Die Erfahrungen in Indien und Sri Lanka sind ähnlich. Ursache dafür ist, dass sich die Frauen in erster Linie bei der Überschwemmung um ihre Kinder kümmerten und versuchten, sie zu retten. Da die Frauen selbst nicht schwimmen gelernt haben(dies setzt eine teil- weise Entkleidung voraus, die die strikte islamische Tradition angeblich verbietet) und über weit geringere Übungen beim Klettern verfügen, sind sie vielfach Opfer der Riesenwelle geworden. In einem Subdistrikt Acehs gab es vor der Katastrophe 1 800 Einwohner, von denen 232 Menschen überlebt haben, nur 40 von ihnen sind Frauen. Die Konsequenzen aus dem sich nun zeigenden Männerüberschuss sind evident: Zunehmende Fälle von Vergewaltigung, erzwungene Heirat mit minderjährigen Mädchen. Vielfach werden die Frauen durch individuellen und gesellschaftlichen Druck gezwungen, sehr viel mehr Kinder zu bekommen, als sie sich selbst wünschen, um die Verluste an Frauen in der Gesellschaft zu ersetzen. Die Kasernierung von Familien und fremden Einzelpersonen in Lager der Regierung zwingt zum Zusammenleben auf engstem Raum. Dabei kommt es vielfach zu sexuellen Übergriffen auf Frauen, aber auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Neues Denken versus Konservatismus in der Anwendung des Islam Viele progressiv orientierte Muslime melden sich zu Wort, um der konservativen Interpretation des Korans eine Gegenposition entgegen zu setzen. Eine Mitarbeiterin des Religionsministerium, Dr. Siti Musdah Mulia ist jüngst mit einem Reformvorschlag in die Öffentlichkeit getreten, der in Indonesien Aufsehen erregte und heftigen Widerspruch hervorrief. Sie betont, dass das Grundprinzip des Islam von Gleichheit und Gerechtigkeit im Verhältnis der Geschlechter zueinander grob verletzt sei, wenn man nicht Ungerechtigkeiten wie Polygamie, halb so großes Erbe für weibliche Nachkommen, wie für männliche, arrangierte Ehen etc. ändern kann. Sie stellt Fragen, engagiert sich in der Debatte um interreligiöse Ehen, Verbot der Polygamie(der frühere Vizepräsident Hamzah Haz war mit mindestens drei Frauen verheiratet) sowie dem Mitbestimmungsrecht von Frauen in den bisher nur von Männern besetzten Gelehrtenräten und den einflussreichen islamischen Organisationen(NU und Muhammadyia). Siti studierte als erste Frau politischen Islam und promovierte. Ihre Stimme wurde jedoch nach kurzer Zeit kontroverser Diskussion nicht mehr gehört. Sowohl das Ministerium als auch die konservativ islamischen Organisationen haben wohl dafür gesorgt, dass sie sich nicht mehr allzu lautstark zu Worte meldet, um der Verbreitung des Reformbazillus entgegen zu wirken. Es ist nicht zu erwarten, dass sich die seit langer Zeit etablierten islamischkonservativen Verhältnisse alsbald ändern. Doch ist der Islam in Indonesien keineswegs tief verwurzelt und hat deshalb sicherlich hier eine weit bessere Chance der Liberalisierung und Reformation als in den Ländern der arabischen Halbinsel, wo feudalistische Herrschaftsstrukturen und ein dogmatisches Islamkonzept einer Modernisierung sehr viel fester entgegenstehen als in Indonesien. Autoren: Dr. Hans Joachim Esderts, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Jakarta Erwin Schweisshelm, Indonesien-Referent in der Zentrale der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn.