Demokratische Transformation und neue Kommunikationstechnologien in Asien: Das Beispiel Südkorea EUN-JEUNG LEE T echnologie, die Kommunikation fördert, ist nicht nur wegen ihres ökonomischen Nutzens, sondern auch wegen ihrer Wirkungen auf die Politik von Bedeutung. Im Prozess der Demokratisierung kann sie eine zentrale Rolle spielen. Staatliche Versuche der Zensur und Kontrolle werden vor allem durch das Internet erschwert, das neue Möglichkeiten der Kommunikation und Informationsverbreitung für breite Schichten der Bevölkerung eröffnet hat. Aus diesem Grund setzen viele in Ost und West ihre Hoffnungen darauf, dass das Internet maßgeblich zur politischen Mobilisierung und Partizipation beitragen wird. Die Erwartungen an das politische Potenzial des Internet sind teilweise so hoch gesteckt, dass bereits das Ende der autoritären Regime und die Entstehung einer»deep democracy« vorhergesagt werden(Banerjee 2004: 32). Solche euphorischen Einschätzungen werden jedoch nicht von allen geteilt. Skeptische Stimmen behaupten, das Internet werde den spezifischen, normativen Kern deliberativer Prozesse auflösen und sei deshalb der Demokratie nicht unbedingt förderlich(Buchstein 1996). Die Wirkungen des Internet können sich besonders dort entfalten, wo die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen einer breiten und intensiven Nutzung gegeben sind. In den meisten südostasiatischen Ländern ist dies nicht der Fall(Tabelle 1). Dies muss aber keineswegs bedeuten, dass die neuen Kommunikationstechnologien in diesen Ländern politisch eine geringe Rolle spielen. Zum einen wird die Nutzungsdichte des Internet oft unterschätzt. Auch wenn ein großer Teil der Bürger noch nicht über Computer verfügt, haben sie über die vielen Internet-Cafés doch Zugang zum Netz. David Hill und Krishna Sen betonen deshalb, dass die»Internet divide«, also die unterschiedliche technische Ausstattung, nicht direkt auf das Ausmaß der Internetnutzung schließen lässt (Hill/Sen 2002: 169). Zum anderen gibt es vielerlei Hinweise auf die Bedeutung neuer Kommunikationstechnologien für die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Das Internet habe bereits 1997 zum Sturz des Suharto-Regimes in Indonesien beigetragen(Hill/Sen ipg 3/2005 Lee, Internet-Revolution in Südkorea 47 Tabelle 1: Technische Kommunikationsmedien in Asien Länder Pro-KopfEinkommen( US Dollar) 2002 China 963 Hong Kong 24 014 Indonesien 860 Japan 31 324 Kambod- 254 scha Korea(Süd) 10 014 Laos 328 Malaysia 3 870 Mongolei 439 Myanmar 148 Philippinen 969 Singapur 20 894 Taiwan 12 471 Thailand 2 004 Vietnam 429 Telefonleitungen je 100 Einwohner 2003 42,32 161,26 9,70 119,49 3,01 Abonnements Mobiltelefone je 100 Einw. 2003 21,40 105,75 5,52 67,96 2,76 PC s je 100 Einwohner 2003 2,76 42,20 1,19 38,22 0,23 116,61 2,12 62,36 14,16 0,85 23,29 125,84 169,83 36,55 8,78 69,37 1,00 44,20 8,89 0,13 19,13 79,56 110,84 26,04 3,37 55,80 0,33 16,69 7,73 0,56 2,77 62,20 47,14 3,96 0,98 Internetnutzer* je 10 000 Einwohner 2003 632,48 4 717,70 375,65 4 826,87 24,75 6 096,99 27,11 3 440,95 581,13 5,26 440,38 5 087,65 3 906,29 430,10 Quelle http://www.itu.int/ itu-d/ ict/statistics/(abgefragt am 14.3.2005) 2002:171). Von den Philippinen, wo die Verbreitung des Internet nur sehr gering ist, wird berichtet, dass das mobile Telefon ein überaus wichtiges Mittel für die politische Mobilisierung ist. Beim Sturz von Präsident Joseph Estrada soll der Einsatz von sms entscheidend gewesen sein. Deshalb sei in den Philippinen von einem»coup d’text« die Rede(Meinardus 2004). 48 Lee, Internet-Revolution in Südkorea ipg 3/2005 Wenn die Bürger in diesen beiden Ländern in der Lage sind, selbst dürftige technische Infrastrukturen so effektiv und erfolgreich für ihre politischen Aktivitäten zu nutzen, wie viel stärker können die Wirkungen dann erst in Korea 1 sein, einem Land mit einer sehr gut ausgebauten Infrastruktur, die weltweit zu den besten zählt, und einer intensiven Nutzung des Internet? Über 60 Prozent der Bevölkerung gehen regelmäßig ins Internet und über 20 Prozent verfügen über einen Breitband-Anschluss. 2 Die wöchentliche Nutzung liegt im Durchschnitt bei über 15 Stunden, 3 die vor allem auf Email-Kommunikation und Informationssuche verwendet werden. Und tatsächlich hat die aktive Nutzung des Internet in Korea in den letzten Jahren zur Etablierung der Ende der 1980er hart erkämpften Demokratie wesentlich beigetragen, so dass von einer friedlichen»Internet-Revolution« die Rede ist. Parlamentswahl 2000: Der Beginn der»Internet-Revolution« Den Auftakt bildete die Parlamentswahl 2000. Zum ersten Mal wurden Homepages im Wahlkampf massiv eingesetzt: 1038 Kandidaten, d.h. 57,8 Prozent, hatten eine eigene Homepage(Jo, Seok-jang 2004: 116). Allerdings wurden diese Homepages von den Wählern bei ihrer Wahlentscheidung kaum beachtet. Ihr Einfluss auf das Ergebnis der Parlamentswahlen soll nur etwa zehn Prozent ausgemacht haben(Hyug-baek 2001: 27). Demgegenüber wurden die Homepages der Bürgerorganisationen effektiver im Wahlkampf eingesetzt. Ihre gemeinsame Dachorganisation »Chongseon simin yeondae«(Bürgersolidarität für die Parlamentswahl) identifizierte die eigenen Recherchen zufolge unqualifizierten Kandidaten und machte die Ergebnisse öffentlich. Auf der Homepage der Dach1. Im folgenden wird die Republik Korea vereinfachend als Korea bezeichnet. 2. Damit nimmt Korea weltweit den ersten Platz ein. In Korea hatten im Jahre 2002 von je 100 Einwohnern 21,9 Prozent Breitbandzugang. Auf dem zweiten Platz folgte Hong Kong mit 14,6; danach Kanada(11,9), Taiwan(9,4), Belgien(8,4), Japan(7,1) und die usa (6,9)(International Telecommunication Union 2003). 3. Die Berichte http://www.koreanclick.com/product/product_netsurvey.php abgefragt am 24.11.2004) geben 15,3 Prozent an. Die Ergebnisse des»Korean Netizen Profile Survey« sind ähnlich. So liegt die durchschnittliche wöchentliche Internetnutzung nach dem knp -Survey 2003 bei 15.2 Stunden.(http://www.advertising. co.kr/?prev_loc=http://www.advertising.co.kr/uw-knp/dispatcher/knp/main.html ?user_src= knp ). ipg 3/2005 Lee, Internet-Revolution in Südkorea 49 organisation(http://www.ngokorea.org) liefen alle Informationen zusammen. Diese Aktivitäten im Internet fanden bei den Bürgern große Aufmerksamkeit. Als Chongseon simin yeondae im Januar 2000 eine schwarze Liste mit Wahlkandidaten, die wegen dunkler Machenschaften, Korruption, Opportunismus, Inkompetenz etc. nicht gewählt werden sollten, ins Internet stellte, war die Homepage dieser Dachorganisation so gefragt, dass ihr Server zeitweise zusammenbrach. Auf dieser Homepage konnten die Bürger ausführliche Informationen über die vielfältigen Verfehlungen der Kandidaten finden. Um eine schnelle Vermittlung der Informationen zu gewährleisten, wurde die Homepage wie eine Internetzeitung konzipiert. So konnten neue Informationen einem breiten Publikum ohne große zeitliche Verzögerung zur Verfügung gestellt werden. Chongseon simin yeondae forderte die Bürger darüber hinaus zur aktiven politischen Partizipation auf. Neben Unterschriftenaktionen für die Unterstützung ihrer»rejection-Bewegung« wurden mithilfe von»Mitizen(Mobile Citizen)« gemeinsame Aktionen organisiert. Dafür wurden Bürgerorganisationen im Internet verlinkt und ihre Bulletin Boards Systems( bbs ) aktiv für umfangreiche Diskussionen eingesetzt. Als dann bei der Wahl am 13. April 2000 von 86 auf dieser schwarzen Liste verzeichneten Kandidaten 59 nicht gewählt wurden, im Großraum Seoul sogar kein einziger, schien der Beweis für das politische Potenzial des Internet geliefert. Die rejection-Bewegung wäre ohne das Internet nicht so erfolgreich gewesen. Chongseon simin yeondae war es über das Internet zum ersten Mal in der politischen Geschichte Koreas gelungen, Wahlkampfthemen von der Basis her zu bestimmen und diese dann so wirkungsvoll in die Öffentlichkeit einzubringen, dass dadurch die Wahl entschieden wurde. Präsidentschaftswahl 2002: Gegen-Kandidaten und Gegen-Diskurse Nach dieser ersten gelungenen Erfahrung mit»e-politics«, die im Wesentlichen über eine Dachorganisation organisiert worden war, wurde bei der Präsidentschaftswahl 2002 deutlich, wie stark eine auf reziproker e-Kommunikation beruhende Informationsrevolution eine Gesellschaft politisch verändern kann(Jo, Seok-Jang 2004: 136). Mit der Wahl 2002 erreichte e-politics in Korea einen neuen Höhepunkt. 50 Lee, Internet-Revolution in Südkorea ipg 3/2005 Roh Moo Hyun, der Kandidat der e-community Das Jahr 2002 begann mit einer großen Überraschung. Die parteiinterne Vorwahl des Präsidentschaftskandidaten der Minjudang, der damaligen Regierungspartei, endete entgegen der allgemeinen Erwartung mit dem Sieg von Roh Moo Hyun, einem Politiker, der weder über ausreichende Wahlkampfmittel noch über eine starke Basis innerhalb der Partei verfügte. Als er seine Kandidatur bekannt gab, hatte ihn kaum jemand ernst genommen. Roh Moo Hyun hatte nur einen Fanclub, der sich »Nosamo« nannte, 4 aufzuweisen. Nosamo hatte sich im April 2000 als eine»e-community« gebildet, die diesen ungewöhnlichen und»naiven« Politiker 5 unterstützen wollte. Die Mitglieder von Nosamo wurden bei dieser Vorwahl zu freiwilligen Wahlkämpfern. Sie diskutierten auf den Homepages von Nosamo(www.nosamo.org) und Roh Moo Hyun selbst(www.knowhow.or.kr) und sammelten Meinungen und Ideen für den Wahlkampf. Schließlich traten sie auch offline auf. Sie appellierten an die Delegierten und die»Netizen«, die»Netzbürger«, die ebenfalls wahlberechtigt waren, Roh Moo Hyun zu unterstützen und verwandelten Wahlveranstaltungen in rauschende Feste mit guter Laune, Musik und Tanz. Roh Moo Hyun, der mit Hilfe dieser Netizen-Gruppe bei der Vorwahl gegen Rhee In Je, der über die vermeintlich bessere Organisation und mehr Geld verfügte, gewinnen konnte, setzte auch im Präsidentschaftswahlkampf auf die Wirkungskraft des Internet. Im September 2002 erklärte er beim Auftakt des offiziellen Wahlkampfes, dass er sich nicht wie früher üblich auf die parteinahen Verbände, sondern auf Politikinhalte, die Medien und vor allem das Internet stützen wolle. Seine Wahlkampfreden waren ebenso im Internet aufrufbar wie programmatische Schriften. Damit waren diese Verlautbarungen keine an den Moment gebundenen Aktionen, deren Wirkung sofort wieder verpuffte, sondern sie blieben in den Diskussionsforen der Netizen präsent. Diese Art des Wahlkampfes fand in Internetzeitungen – insbesondere»OhmyNews«(http://www.ohmynews.com),»Presian«(http://www.pressian. com)»Seoprise«(http://www1.seoprise.com) – großen Anklang. 4. Eine Abkürzung von»Nomuhyeon eul saranghaneun saramdeul ui mo-im«: Zusammentreffen von denjenigen, die Roh Moo Hyun mögen. 5. Roh Moo Hyun wurde von seinen Anhängern»Babo«(Dummkopf) genannt, weil sie meinten, er handele nicht aus Machtkalkül heraus, sondern aufgrund seiner Prinzipien. ipg 3/2005 Lee, Internet-Revolution in Südkorea 51 Generationswahl oder politische Richtungsentscheidung? Da bei Untersuchungen der Internetkultur immer wieder festgestellt worden ist, dass das Internet eher von jüngeren Leuten unter vierzig als von den älteren Generationen genutzt wird, war nach dem Sieg Roh Moo Hyuns am 19. Dezember 2002 häufig von einer»Wahlrevolution durch die junge Generation« die Rede. Und in der Tat genoss Roh Moo Hyun bei den jüngeren Generationen große Popularität. Eine Umfrage unmittelbar nach der Wahl zeigte, dass fast 60 Prozent der Zwanzig- bis Vierzigjährigen für Roh Moo Hyun gestimmt hatten. Hingegen hatte eine deutliche Mehrheit der älteren Generation(50+) Lee Hoe Chang gewählt. Die verbreitete Einschätzung der Wahl als einer Internet-induzierten »Generationswahl« muss jedoch relativiert werden. Denn wie die Analyse einer früheren Präsidentschaftswahl zeigt(Tabelle 2), bestehen Unterschiede im Wahlverhalten der älteren und der jüngeren Generationen schon seit längerem. Diese Abweichungen sind in erster Linie auf unterschiedliche politische Erfahrungen zurückzuführen. Die jüngeren Generationen, die nach dem Koreakrieg geboren wurden und sich in der Demokratisierungsbewegung der 1970er und 80er Jahre engagiert hatten, haben eine Präferenz für politische Reformen. Hingegen bevorzugen die älteren Generationen, die Hunger und Not während des Krieges und danach bewusst erlebt haben, Ruhe und Stabilität. Die Unterschiede im Wahlverhalten haben also wenig mit der altersspezifischen Nutzung des Internet zu tun. Es sind vielmehr die ganz normalen Differenzen zwischen »konservativen« und»reformorientierten« Bürgern(Jeong, Dae-hwa 2002: 6) – und diese Unterschiede finden sich sowohl bei den jüngeren als auch bei den älteren Generationen. Dass es bei der letzten Wahl vor allem um eine politische Richtungsentscheidung ging, wird auch daran deutlich, dass über 34 Prozent der unter 40-jährigen Wähler für Lee Hoe Chang und 40,1 bzw. 34,9 Prozent der älteren Wähler für Roh Moo Hyun gestimmt haben. Ohne die Unterstützung der älteren Generationen wäre der Sieg von Roh Moo Hyun nicht möglich gewesen, denn die Wahlbeteiligung der jüngeren Generationen war mit 56,6 Prozent nicht nur sehr niedrig, sondern hatte sogar einen historischen Tiefpunkt erreicht(Präsidentschaftswahl 1997: 68 Prozent). Die Wahlbeteiligung der über Vierzigjährigen lag hingegen bei 78,9 Prozent. Insgesamt lag der Stimmenanteil der unter Vierzigjährigen bei 42,4 Prozent der abgegebenen Stimmen, der der über Vierzigjährigen da52 Lee, Internet-Revolution in Südkorea ipg 3/2005 Tabelle 2: Wahlverhalten nach Altersgruppen(%) Präsidentschaftswahl 1997 Alter 20–25 26–29 30–35 36–39 40–45 46–49 50–59 Über 60 Lee Hoe Chang 30,0 27,8 29,5 38,7 35,1 50,8 49,5 53,0 Kim Dae Jung Rhee In Je 38,6 27,1 48,1 21,3 42,0 26,1 43,0 16,1 44,6 20,3 36,1 13,1 31,3 19,2 38,6 8,4 Gwon Y.G./ Sonstige 4,3 2,8 2,3 2,2 – – – – Quelle: Meinungsumfrage der Tageszeitung Hankyoreh, 22.12.1997. Präsidentschaftswahl 2002 Alter 20–30 30–40 40–50 50–60 Über 60 Gesamt Lee Hoe Chang 34,9 34,2 47,9 57,9 63,5 46,6 Roh Moo Hyun 59,0 59,3 48,1 40,1 34,9 48,9 Gwon Y.G./sonst. 6,1 6,5 4,0 2,0 1,6 3,9 Quelle: Umfrage der mbc-krc unmittelbar nach der Wahl, Donga Ilbo 20.12.2002. ipg 3/2005 Lee, Internet-Revolution in Südkorea 53 gegen bei 48,3 Prozent. In absoluten Zahlen erhielt Roh Moo Hyun von den jüngeren Wählern 6 218 270 und von den älteren Wählern 6 153 870 Stimmen(Bericht der National Election Commission Nr. 93000-3002-570305). Wie soll man da noch von einer Generationswahl sprechen? Wenn im Hinblick auf die Wahl 2002 dennoch die These von der Generationswahl immer wieder vertreten wird, liegt das vielleicht daran, dass kein anderer signifikanter Faktor, wie beispielsweise früher der Regionalismus, für die Erklärung des Wählerverhaltens erkennbar ist. Hinzu kommt, dass sich die jüngeren Generationen zum ersten Mal seit der Demokratisierung 1987 stärker engagierten: bei den Aktivitäten von Nosamo oder auch bei den Kerzendemonstrationen anlässlich des Todes zweier durch ein amerikanisches Militärfahrzeug getöteten Schülerinnen. 6 Die eigentliche Besonderheit der Präsidentschaftswahl 2002 in Korea bestand jedoch darin, dass die Bürger nicht mehr nur passive Wähler waren, sondern aktiv an den Prozessen der politischen Meinungsbildung partizipierten. Dabei kam dem Internet eine wichtige Rolle zu – und damit auch den jüngeren Generationen, die mit diesem modernen Medium vertrauter sind. Das Internet als Forum eines öffentlichen Gegen-Diskurses Im Internet hatte sich schon seit Ende der 1990er Jahre eine Art alternativer Öffentlichkeit gegenüber den drei größten konservativen Tageszeitungen(Chosun Ilbo, Donga Ilbo, Jungang Ilbo), die über einen Marktanteil von 70 Prozent verfügten, gebildet. Internetzeitungen wie Daezabo(www.daezabo.com; gegründet 1998), Ddanzi Ilbo(www.dd anzi.com; gegründet 1999) und OhmyNews(gegründet 2000) waren die Träger dieser alternativen Öffentlichkeit. Der unmittelbare Anlass für die Gründung dieser Internetzeitungen soll die sogenannte»Farbendebatte« gewesen sein: Die größte der drei konservativen Zeitungen, Chosun Ilbo, hatte 1998 versucht, den kritischen Politologen und Vorsitzenden der Präsidialkommission der Regierung Kim Dae Jung, Choe Jang Jib, 6. Die koreanischen Tageszeitungen berichteten kaum über dieses Ereignis, die Internetmedien dagegen ausführlich. Dem Aufruf eines Netizen zu einer Kerzendemonstration auf dem Platz vor dem Rathaus in Seoul folgten fast 100 000 Menschen. Die usa bestritten die Verantwortung für den Tod der beiden Mädchen. Die beiden amerikanischen Soldaten wurden vor einem amerikanischen Militärtribunal freigesprochen. 54 Lee, Internet-Revolution in Südkorea ipg 3/2005 als Verfechter»roter«, pro-kommunistischer Positionen zu diffamieren und abzusetzen. In der Diskussion darüber setzte sich die Erkenntnis durch, dass diese Zeitung eines der größten Hindernisse für die Verwirklichung der Demokratie nach 1987 darstellte. Diese gemeinsam gewonnene Erkenntnis führte dann zur Suche nach einer Alternative zu Chosun Ilbo. Damals war die Infrastruktur für die e-Kommunikation zwar noch nicht gut ausgebaut, dennoch wollte man deren Möglichkeiten effektiv einsetzen. Die Initiatoren und Autoren der ersten Internetzeitungen – Seo Yeong Seok, Jin Jung Gwon, Yu Si Min u.a. – sahen ihre Aufgabe darin, sich mit dem politischen Diskurs in Korea, der durch die monopolistischen Printmedien bestimmt war, kritisch auseinander zu setzen(Lee, Gi-hyeong 2003: 46ff.). Die Internet-Zeitungen übten sich daher von Anfang an in GegenDiskursen zu den dominierenden Druckmedien. Solange die technische Infrastruktur des Internet noch nicht gut ausgebaut war, blieb seine Wirkung begrenzt. Doch nahm die Zahl der Internetnutzer seit 2000 dramatisch zu. Mit der schnellen Verbreitung des Internet fand das»reformorientierte« kritische Lager in Korea ein effektives Medium, um den umfassenden Manipulationsversuchen der konservativen Tageszeitungen etwas entgegenzusetzen. Während des Wahlkampfes 2002 hatten offensichtlich nur wenige die Wirkung dieser alternativen Öffentlichkeit im Internet richtig eingeschätzt, obwohl in den letzten Tagen vor der Wahl die Internetzeitung OhmyNews täglich über zehn Millionen Mal aufgerufen wurde(Sisa Journal, 3.1.2002). Deshalb war die Überraschung über den Wahlausgang so groß und wurde das Geschehen als»Internet-Revolution« bezeichnet. Entscheidend war jedoch nicht das technische Medium Internet, sondern die politischen Diskurse, die durch das Internet jenseits der Printmedien ermöglicht und verbreitet wurden. Im Mittelpunkt dieser Diskurse standen die schon erwähnten Intellektuellen Seo Yeong Seok, Jin Jung Gwon und Yu Si Min, die kein Hehl aus ihrer Unterstützung für Roh Moo Hyun machten und einen»Krieg« gegen die drei großen Tageszeitungen führten(Lee, Gi-hyeong 2003: 61). Die Stärke der entstehenden Diskussionskultur im Internet war die so oft betonte Reziprozität und Schnelligkeit der Kommunikation. Die Artikel aus den Internet-Zeitungen wie auch andere Meinungsäußerungen und Informationen wurden durch unzählige Netizen verbreitet und im Netz diskutiert. Über einen urwüchsigen Auswahlprozess fanden für besonders interessant gehaltene Beiträge mittels e-Mails, sms oder direkt über ipg 3/2005 Lee, Internet-Revolution in Südkorea 55 andere Webseiten schnell eine große Verbreitung. Dabei förderte die Anonymität des Internet die freie Meinungsäußerung(Lee, Eun-Jeung 2004). So spielte das Internet 2002 die Rolle eines digitalen öffentlichen Forums für alternative politische Diskurse. Da die Print- und Fernsehmedien diese online-Öffentlichkeit immer weniger ignorieren konnten, fand sie auch in der offline-Meinungsbildung mehr und mehr Beachtung. Insofern kann man im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl 2002 vom Sieg dieser Internet-basierten alternativen Öffentlichkeit über die zuvor dominierenden Tageszeitungen sprechen(Lee, Eun-Jeung 2004). Der Sieg von Roh Moo Hyun hat zudem die gesellschaftliche Wahrnehmung des Internet als öffentliches Diskussionsforum grundsätzlich verändert(Lee, Gi-hyeong 2003: 85). Das Jahr 2004: Die e-community geht offline Im Jahr 2004 hat sich die online-Öffentlichkeit als ein Forum alternativer politischer Diskurse etabliert und sich qualitativ entwickelt, so dass man hier von der dritten Phase der»Internet-Revolution« sprechen kann. Diese dritte Phase begann mit der Protestbewegung gegen die Amtsenthebung von Präsident Roh Moo Hyun am 12. März 2004. Die Netizen ergriffen unabhängig von politischen Organisationen die Initiative und organisierten sehr schnell auch offline-Aktivitäten. Die Proteste gegen die Amtsenthebung von Roh Moo Huyn Unmittelbarer Anlass der Amtsenthebung war die Behauptung der Oppositionsparteien, dass der Präsident gegen das Gesetz verstoßen habe, indem er seine Sympathie für die neu gegründete Uridang(Unsere Partei) zum Ausdruck gebracht habe. Die tiefere Ursache lag aber darin, dass die Oppositionspartei Hannaradang(Grand National Party) und ihre Anhänger, einschließlich der drei großen Tageszeitungen, die unerwartete Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2002 nicht akzeptiert hatten. Hannaradang hatte während der zwölf Monate seit dem Amtsantritt von Roh Moo Hyun dem Präsidenten im Schnitt alle zwei Tage mit der Amtsenthebung gedroht(insgesamt 147Mal). Sie konnte, solange die Demokratische Partei, Minjudang, mitspielte, ihre Drohung jederzeit wahrmachen, denn die neue Regierungspartei Uridang, die sich erst im November 2003 von Minjudang(der früheren Regierungspartei von 56 Lee, Internet-Revolution in Südkorea ipg 3/2005 Kim Dae Jung) abgespalten hatte, verfügte im Parlament noch nicht einmal über eine Sperrminorität. 7 Im Januar 2004 entschied die Wahlaufsichtsbehörde, dass sich der Präsident im Hinblick auf die Parlamentswahl gegenüber den politischen Parteien neutral zu verhalten habe. Daraufhin forderten die beiden Oppositionsparteien, der Präsident müsse seines Amtes enthoben werden, was am 12. März 2004 nach wochenlangem Hin und Her auch geschah. Schon am selben Tag begannen die Proteste der Bürger gegen diese Entscheidung. Mit der Protestbewegung auf der Straße und im Internet erreichte e-politics in Korea eine erneute Ausweitung. Diesmal entstanden im Mittelpunkt der Protestbewegung unzählige e-communities, sogenannte»Cafés« im Internet, in denen sich Netizen zusammenfanden. Allein auf der Portalseite»Daum« wurden im März 2004 mehr als 100 Cafés, die gegen die Amtsenthebung protestierten, gezählt. Eines der größten Cafés dieser Art war das Café»gukmin eul hyeob-bak haji malra« (Bedrohe das Volk nicht, http://cafe.daum.net/antitanhaek). Ein Student aus Busan, der Hafenstadt im Süden des Landes, hatte dieses Café am 6. März 2004 eröffnet. Innerhalb von zwei Wochen versammelten sich dort virtuell über 95 000 Mitglieder. Am 22. März waren bereits 156 000 Eintragungen in seinem bbs zu finden; pro Tag zählte es mehr als drei Millionen Besucher. Diese tauschten dort nicht nur Meinungen aus, sondern brachten auch ein, wann und wo demonstriert werden könnte. Unmittelbar nach 11.26 Uhr am 12. März, dem Zeitpunkt, zu dem die Entscheidung im Parlament gefallen war, fanden sich zahlreiche wütende Eintragungen im Bulletin Bord dieses Cafés. Um 12.02 Uhr gab ein Teilnehmer mit der id »CraZyBluE« die Losung aus:»Alle Bürger im Raum Seoul nach Yeouido!«. Tatsächlich kamen an diesem Abend 15 000 Bürger vor dem Parlament in Yeouido zusammen, um gegen die Amtsenthebung zu demonstrieren. Am folgenden Tag kam aus diesem Café um 12.25 Uhr der Vorschlag, dass man sich statt in Yeouido in Gwanghwamun, im Zentrum von Seoul, treffen sollte. Dieser Eintrag wurde danach 11 052 Mal angeklickt; am Abend kamen ca. 100 000 Bürger in Gwanghwamun zusammen. Eine Woche später, am 20. März, versammelten sich auf dem7. Die Abspaltung von Uridang kam zustande, weil eine Reihe von Abgeordneten nicht mehr mit Parteikollegen, die in politische Korruptionsskandale verwickelt waren, zusammenarbeiten wollten, bzw. weil einige andere während des Präsidentschaftswahlkampfes alles daran gesetzt hatten, Roh Moo Hyun als Kandidaten ihrer Partei zu stürzen. ipg 3/2005 Lee, Internet-Revolution in Südkorea 57 selben großen Platz vor dem Rathaus in Gwanghwamun über 200 000 Bürger mit Kerzen in der Hand. Gleichzeitig nahmen über 450 000 Netizen an diesem Cyberprotest teil(Hankyoreh 21.3.2004). Vergleicht man die Aktivitäten dieser Cafés mit denen von Nosamo und OhmyNews in 2002, erkennt man, dass die Netizen jetzt selbst politisch viel aktiver geworden waren und, anders als vorher, ohne organisatorischen Überbau zusammenfanden.»Entorganisation« der einzelnen Akteure ist das besondere Merkmal der Aktivitäten der Netizen im März 2004. Sie ließen sich nicht von Organisationen mobilisieren, sondern beschlossen selbst, sich zu mobilisieren. Dabei äußerten sie klar, wofür sie protestierten: die Demokratisierung von 1987 vollständig durchzusetzen. Ein häufig zu lesender Eintrag in den Cafés ist der, dass die Bürger Koreas 1987 zwar eine formale Demokratisierung erkämpft hatten, aber nicht mehr dafür sorgen konnten, die Erbschaft der autoritären Regime zu überwinden. Deshalb sei die Demokratie der 1990er Jahre nur eine halbe Demokratie gewesen. Weder der Regierung von Kim Young Sam(1993– 1998) noch der von Kim Dae Jung(1998–2003) sei es gelungen, autoritäre Strukturen in Wirtschaft, Politik und Bürokratie, die sie als Erbe der Entwicklungsdiktaturen von Park Chung Hee und Chun Doo Hwan übernommen hatten, demokratisch zu reformieren. Aus diesem Demokratiedefizit resultierten auch die großen Schwierigkeiten der Regierung Roh Moo Hyun. Viele schrieben, dieses Mal würden die Bürger nicht auf halbem Weg stehen bleiben, sondern eine echte Überwindung des Erbes der Diktaturen fordern. Parlamentswahlen 2004: Inhalte, nicht Formen entscheiden Für die meisten Netizen ging es bei den online- und offline-Aktivitäten im Zusammenhang mit der Parlamentswahl im April 2004 in erster Linie um den Schutz der jungen koreanischen Demokratie. Sie identifizierten die Oppositionsparteien Hannaradang und Minjudang als»anti-demokratische Kräfte«. Die drei großen Tageszeitungen verbreiteten angesichts der heftigen Protestwelle im Internet und auf der Straße sowie der breiten Ablehnungsfront gegen Hannaradang und der im gleichen Maße zunehmenden Sympathie für Uridang nunmehr die These, dass eine zu starke Regierungspartei schädlich für die Demokratie sei(Park, Dong-jin 2004: 10). Die Parlamentswahl zeigte allerdings auch, dass das Internet ein an sich neutrales technisches Medium ist, dessen Wirkungen im Wesentlichen von den Inhalten und Diskursen und natürlich den politischen Rah58 Lee, Internet-Revolution in Südkorea ipg 3/2005 menbedingungen abhängen. In der Tat hatte Hannaradang nach den schlechten Erfahrungen bei der Präsidentschaftswahl 2002 massiv in die Nutzung des Internet investiert, so dass sie auf den Cyberwahlkampf 2004 ähnlich gut vorbereitet war wie Uridang. Knapp 95 Prozent der Kandidaten von Hannaradang und 100 Prozent von Uridang hatten eine eigene Homepage. 8 Im»traffic ranking« von Webseiten, das von alexa. com erfasst wird, 9 stand die Webseite von Uridang in Korea in der Woche vor dem 14.4.2004 auf Platz 5 721, deutlich hinter Hannaradang(Platz 4 079). In der Liste der zurückliegenden drei Monate lag Uridang auf Platz 6 225 und Hannaradang auf Platz 9 641. Bei Webseiten von Politikern stand die Homepage von Park Geunhye, der Vorsitzenden von Hannaradang, nach dem 25. März 2004 weit vor der von Jeong Dong-yeong, dem Vorsitzenden von Uridang. Nur die Webseite von Yu Si-min, einem Internetjournalisten, der mittlerweile zum Politiker avanciert war, stand im traffic ranking besser da als Park Geunhye. 10 Aber zwischen dem traffic ranking und dem Wahlerfolg bestand keine Korrelation, wie Park Dong-jin auf der Basis der Daten von alexa.com und koreanclick.com für einige umkämpfte Wahlkreise analysiert hat: In 7 von 15 Fällen hatten Kandidaten mit niedrigerem traffic ranking die Wahl gewonnen(Park, Dong-jin 2004: 8–9). Hannaradang hatte in der Gestaltung und Nutzung von Webseiten zwar sehr viel Terrain gutgemacht, aber es gelang ihr nicht, damit für sie günstige politische Diskussionen im Internet zu induzieren. Solche Entwicklungen lassen sich im Internet nur schwerlich steuern. Es ist ja gerade der»demokratische«, ungesteuerte Charakter der politischen Diskurse, der die Stärke der online-Öffentlichkeit in Korea ausmacht. Bei der Wahl von 2004 wurden auf den Webseiten von Nosamo, Seoprise, OhmyNews , 11 Ddanzi Ilbo wie in 2002 kritische politische Diskurse gegen die größten Tageszeitungen, die zu einseitiger Manipulation 8. Bei der Wahl 2004 verfügten von den 1 175 Kandidaten 85,3 Prozent über eine eigene Homepage im Internet(Park, Dong-jin 2004:6). 9. Alexa.com ist eine Firma in usa , die Informationen über die Nutzung von Webseiten anbietet. 10. Am 14.4.2004 standen die Homepages von Yu, Park und Jeong auf den Plätzen 15 129, 31 080 und 112 661. 11. Die Webseiten von Nosamo und Seoprise werden nach wie vor am häufigsten besucht, nach dem traffic ranking stehen sie auf den Plätzen 7 655 und 3 264(erfasst am 14.4.2004). OhmyNews wurde in einer Untersuchung des Sisa Journal auf Platz 6 der einflussreichsten Medien gestellt(30.10.2003). ipg 3/2005 Lee, Internet-Revolution in Südkorea 59 neigten, geführt. Damit wurde die Rolle dieser Internetmedien als Forum der alternativen Diskurse bestätigt. Allerdings waren es nicht mehr bekannte Intellektuelle, die in diesen Diskursen einen prominenten Platz einnahmen. Vielmehr waren es, wie schon bei der Protestbewegung gegen die Amtsenthebung, die unzähligen Netizen selbst, die diese Diskurse führten und strukturierten. Zumal nicht mehr nur die zuvor genannten politischen Web-Magazine als Diskussionsforen fungierten, sondern auch zahlreiche andere Web-Magazine, Cafés, Blogs usw. an diesen Diskussionen beteiligt waren. 12 Alle zusammen bilden eine weniger strukturierte online Öffentlichkeit als vorher. Auch die Diskurse selbst sind in ihren politischen Inhalten vielfältiger geworden, ohne ihren Charakter einer alternativen Öffentlichkeit eingebüßt zu haben. Sie wirken nach wie vor stark auf die offline Meinungsbildung und Mobilisierung. Im Hinblick auf diese Entwicklung spricht Lee Gi-hyeong von der Bildung einer»e-Agora«(2003: 40). Ob diese Entwicklung in Korea eine Annäherung an die»direkte Demokratie« darstellt, wie Seo Yeong Seok, der Gründer von seoprise in einem Interview optimistisch meinte(Lee, Gi-hyeong 2003: 58), bleibt abzuwarten. Eine direkte Demokratie bedeutet wohl mehr, als mit der Unterstützung von Netizen eine Wahl zu gewinnen. Aber immerhin ist unumstritten, dass die erst im November 2003 gegründete Partei Uridang ihren mit 152 Sitzen errungenen Sieg bei der Parlamentswahl 2004 dem engagierten Einsatz der Netizen verdankt. Was ist von e-politics zu erwarten? Bei den drei Wahlen zwischen 2000 und 2004 ist nicht nur die Bedeutung von e-politics deutlich geworden, e-politics hat sich auch selbst verändert. Die Besonderheiten der koreanischen Erfahrung mit e-politics liegt sicherlich in der Reziprozität des Informations- und Meinungsaustausches im Internet. Einträge von Netizen können Hunderte von Reaktionen auslösen. Entscheidend ist dabei, dass die kommunikativen Netze 12. Lee Gi-hyeong meint, dass politische Webmagazine und Webseiten in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen seien(2003: 41). Schon 2003 wurden 18 Internetzeitungen, die keine offline-Ausgaben haben, gezählt. Darüber hinaus wurden 15 Web-Firmen, die sich hauptsächlich mit politischen Fragen auseinandersetzen, und 24 Webseiten von Bürgerorganisationen identifiziert, deren WebSeiten mehr als 10 000 mal an einem Tag angeklickt wurden(Baek, Seon-gi 2003). 60 Lee, Internet-Revolution in Südkorea ipg 3/2005 weitgespannt sind und sehr intensiv genutzt werden. So konnte sich im Internet in Korea eine online-Öffentlichkeit mit alternativen politischen Diskursen etablieren. Sicherlich kann das Internet an sich keine alternative Öffentlichkeit schaffen. Dennoch war festzustellen, dass durch die Ausbreitung von epolitics die früher übliche Form der»Mobilisierung« der Wähler von oben ausgehebelt worden ist. Korrupte Eigentümlichkeiten wie das Austeilen von Geschenken und Einladungen zu üppigen Mahlzeiten gibt es nicht mehr, da sie sogleich von den Netizen im Internet bekannt gemacht werden. Die Wahlaufsichtskommission muss solchen Fällen, sobald sie bekannt werden, nachgehen. In diesem Sinne ist die koreanische Politik dank der Entfaltung von e-politics transparenter geworden. Das bedeutet freilich nicht, dass das Internet als solches für die Demokratie in Korea förderlich ist. Mit dem Internet haben die Bürger aber das entscheidende Hilfsmittel gefunden, um die einseitige Begünstigung des konservativen Lagers durch die von wenigen Familien beherrschten Zeitungen zu durchbrechen. Die Einseitigkeit dieser Printmedien war nach 1987 ein großes Hindernis für die demokratische Entwicklung in Korea. Jetzt können die Bürger als Netizen aktiv an den politischen Diskursen teilhaben, die online-Öffentlichkeit mitgestalten und dadurch auch auf die offline-Öffentlichkeit Einfluss ausüben. Gewiss ist die schnelle Entfaltung von e-politics in Korea durch die besonderen Gegebenheiten der koreanischen Medienlandschaft mitgeprägt. Dennoch könnte die koreanische Erfahrung für andere Länder in Asien, in denen die modernen Medien auch zu politischen Veränderungen beigetragen haben, exemplarischen Charakter gewinnen. Jedenfalls zeigt das koreanische Beispiel, dass signifikante demokratische Potenziale mithilfe des Internet als Geburtshelfer erschlossen werden können. Literaturverzeichnis Baek, Seon-gi(2003): Jeongchidamron gwa inteonet[Politischer Diskurs und Internet] . Seoul: Keomyunikae-isyeonbukseu. 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