FRANKREICH – INFO NR. 4 24. MAI 2005 Carolin Sickinger Französische Familienpolitik – ein Vorbild für Deutschland? Friedrich-Ebert-Stiftung 41 bis, boulevard de La Tour-Maubourg, 75007 Paris Tel.+33.1.45.55.09.96, Fax+33.1.45.55.85.62 E-Mail: fes@fesparis.org , www.fesparis.org Büro Paris:- Frankreichinfo 4/2005 Seite 2 von 5 Die Familienministerin hat es auf den Punkt gebracht:„Bei uns gibt es die schlechtesten Bedingungen, Kinder und Beruf zu vereinbaren.“ sagte Renate Schmidt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Anfang des Jahres. Nicht erst seit Bundespräsident Horst Köhler die Familienpolitik mit der Proklamation der „Renaissance der Familie“ zum Top-Thema erklärt hat, hat die Diskussion um den Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung, Betreuungsangeboten für die Kinder berufstätiger Eltern und Chancengleichheit für Männer und Frauen auf dem Arbeitsmarkt wieder zugenommen. Die deutschen Politiker haben längst erkannt, dass es in diesen Bereichen noch sehr viel zu verbessern und zu verändern gibt, in den alten Bundesländern vielleicht sogar noch mehr als in den neuen. Hilfesuchend schaut man sich bei den europäischen Nachbarn um, die mit verschiedenen Modellen in der Vergangenheit zum Teil sehr erfolgreiche Familienpolitik betrieben haben. Immer öfter wird das französische Modell als großes Vorbild gelobt – und die Zahlen sprechen für sich: die Franzosen können die höchste Geburtenrate innerhalb der EU, einen hohen Anteil der Frauen an der Erwerbsquote und eine relativ große Zahl von Frauen im Topmanagement als Erfolge ihrer Familienpolitik verbuchen. Doch je lauter dieses Modell gelobt wird, umso mehr lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Vorteile, aber auch die eventuell vorhandenen Schwachstellen dieser Familienpolitik zu werfen. DEMOGRAFIE Deutschland hat mit durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau europa- und weltweit eine der niedrigsten Geburtenraten. Da die Kinderlosigkeit in Deutschland das eigentliche demografische Problem ist, muss genau hier angesetzt werden: Familienpolitik muss als„Politik für mehr Kinder“ betrieben werden. In Deutschland muss man sich von der Nachkriegsdefinition des„Kinderkriegens als reine Privatsache“ langsam wieder lösen und Familien gezielter fördern, als das in der Vergangenheit der Fall war. Nicht nur der französische Premierminister Jean-Pierre Raffarin weiß um den Zusammenhang von Demografie und wirtschaftlicher Stabilität und sieht in der Familienförderung auch eine klare„soziale Investition“. Der französische Wirtschaftswissenschaftler und Vorsitzende des Geopolitischen Instituts Yves-Marie Laulan erklärt in einer Sendung des Deutschlandfunks vom 14.02.05:„In Frankreich ist Demografie zu einer intellektuellen Disziplin geworden, die auch in den Medien einen festen Platz einnimmt.“ Im Gegensatz zu Frankreich, wo Demografie als Wissenschaft sehr ernst genommen und viel öffentlich diskutiert wird, habe die politische Klasse in Deutschland das Thema„Bevölkerungspolitik“ aus Angst vor negativen Konnotationen dieses Begriffes mit der Nazi-Zeit bisher systematisch verschwiegen und die Bürger nie vor den(vor allem auch wirtschaftlichen) Gefahren des Schrumpfungsprozesses der Bevölkerung gewarnt. Zwar wird sich das Bild der französischen Bevölkerungspyramide in den nächsten Jahren auch leicht verändern, allerdings werden die Bevölkerungszahlen der jungen Generationen aufgrund der relativ stabilen Geburtenrate nicht so stark rückläufig sein wie im gleichen Zeitraum in Deutschland. Frankreich hat mit durchschnittlich 1,9 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate in der EU. Der Trend weist darauf hin, dass Französinnen sich ihren Kinderwunsch zunehmend später erfüllen: Das Durchschnittsalter der französischen Mutter lag im Jahr 2004 bei 29,6 Jahren (1990 noch bei 28,3). Kamen 1980 nur 3 Geburten auf 100 Französinnen über 40, sind es 2004 schon 6,4. Die unter 25-Jährigen hingegen lassen sich mit dem Mutterwerden immer mehr Zeit, statt 60,8 Geburten im Jahr 1980 kommen 2004 nur 27,5 Geburten auf 100 Frauen dieser Altersgruppe. Das Bevölkerungswachstum hängt dabei nur bedingt mit der Einwanderung zusammen; die Geburtenzahlen bei eingewanderten Französinnen haben heute fast den nationalen Schnitt erreicht. „Der Anstieg der Geburtenrate der vergangenen Jahre lässt sich, im Gegensatz zu den neunziger Jahren, nicht mehr auf die Gebärfreudigkeit junger Einwanderinnen zurückführen, sondern stützt sich nach demographischen Erkenntnissen auf die Geburtenfreudigkeit der Französinnen zwischen dreißig und fünfunddreißig, die soziokulturell gehobenen Gruppen angehören.“(FAZ 22.01.05) Büro Paris:- Frankreichinfo 4/2005 Seite 3 von 5 FRAUEN IM BERUF 80 Prozent der Französinnen mit zwei Kindern gehen ihrem Beruf nach(in Deutschland sind es nur knapp 60 Prozent der Mütter mit zwei Kindern). Von den Französinnen mit zwei Kindern unter sechs Jahren arbeiten mehr als 70 Prozent. Für die französische Familienforscherin Jeanne Fagnani ist das nur logisch:„Bezahlte Arbeit ist konstitutiv für die Identität der französischen Mütter.“ Außerdem fällt auf, dass der Kinderwunsch mit zunehmender Bildung und gehobener Berufsposition nicht, wie vermutet werden könnte(und wie es auch in Deutschland der Fall zu sein scheint wo 40 Prozent der Akademikerinnen keine Kinder haben), sinkt, sondern sogar steigt. Kinder sind in Frankreich kein Karrierehindernis; mit knapp 30 Prozent Frauen im französischen Topmanagement hält das Land den Europarekord. Der Frauenanteil im Management insgesamt beträgt ebenfalls um die 35 Prozent; in Deutschland hingegen sind weniger als 30 Prozent der vergleichbaren Positionen mit Frauen besetzt. Es ist deshalb relativ verwunderlich, dass man in vielen Statistiken liest, der Anteil der arbeitenden Frauen insgesamt in Deutschland läge mit knapp 58 Prozent um die 2 Prozentpunkte über dem der berufstätigen Französinnen(56 Prozent insgesamt). Wie lassen sich solche Zahlen erklären? Zum einen weisen die Einkommensstatistiken und Erwerbsstatistiken der Lebenssituation jüngerer Französinnen auf eine verbreitete Jugendarbeitslosigkeit hin. Auf der anderen Seite gehen viele Französinnen, vor allem die im öffentlichen Sektor beschäftigten, bereits mit Mitte 50 in Pension. Auf die Gesamtzahl der berufstätigen Französinnen zwischen 16 und 64 Jahren bezogen wirken sich diese Realitäten natürlich aus. Außerdem sollte in diesem Zusammenhang auch bedacht werden, dass zu den berufstätigen deutschen Frauen auch diejenigen gezählt werden, die eine Teilzeitstelle besetzen oder sogar nur einen Tag pro Woche arbeiten, wogegen berufstätige Französinnen in der Regel eine volle 35-Stundenwoche haben. FAMILIENPOLITIK Unterstützung für Familien durch den Staat kann durch Geldleistungen wie das Kindergeld oder durch Dienstleistungen wie Betreuungsangebote geleistet werden. Deutschland hat in der Vergangenheit den Schwerpunkt eindeutig auf die Geldleistungen gelegt und die Betreuungsangebote vernachlässigt. Auch die Erhöhung des Kindergeldes unter der Regierung Schröder hat nicht zu einer Erhöhung der Geburtenzahlen beitragen können. Das konservative Familienbild mit berufstätigem Vater und der die Kinder umsorgenden Hausfrau und Mutter hat zudem über lange Zeit dazu beigetragen, dass der Ausbau von Betreuungsangeboten und Krippenplätzen sehr langsam vonstatten ging und von staatlicher Seite nur wenig gefördert wurde. In Frankreich wurden schon unter Präsident de Gaulle staatliche Vorkehrungen personeller und finanzieller Art für die Kinderbetreuung getroffen und bis heute weiter ausgebaut: Kindergeld Kindergeld( allocations familiales ) wird in Frankreich erst ab dem zweiten Kind bezahlt – ein deutlicher Hinweis dafür, dass die französische Familienpolitik direkt auf die Zwei- oder sogar DreiKind-Familie ausgerichtet ist. Im Vergleich mit Deutschland erscheint der Betrag relativ gering: für zwei Kinder bekommt man insgesamt 115,07€/ Monat, für drei Kinder 262,49€/ Monat, für jedes weitere Kind zusätzlich 147,42€/ Monat. Betreuungsangebote 450.000 Frauen arbeiten als staatlich anerkannte assistantes maternelles (Tagesmütter); der Betreuungsbereich soll noch weiter ausgebaut werden, für die unter Dreijährigen soll die Zahl der Krippenplätze in den crèches weiter erhöht werden. Ganztägige Kinderbetreuung ist ab dem dritten Lebensjahr zu 99 Prozent durch die écoles maternelles (Kindergärten) garantiert. Sie unterstehen dem Bildungsministerium, ihr Besuch ist freiwillig und kostenlos. Büro Paris:- Frankreichinfo 4/2005 Seite 4 von 5 Staatliche Zuschüsse zur Kinderbetreuung Stellt ein Elternteil die Arbeit vorübergehend ein oder arbeitet halbtags, werden neben dem Kindergeld zusätzlich 512,64€(bei Einstellung der Arbeit), 338,96€ bzw. 256,34€(abhängig von der Teilzeitarbeit) an die Familien ausbezahlt – allerdings nur bei mehr als zwei Kindern im Haushalt, von denen eines unter drei Jahren ist. Die Kinderbetreuung soll ein Angebot für alle sozialen Schichten sein, weshalb Eltern als Arbeitgeber für die private Betreuung ihrer Kinder Zuschüsse für Gehalt und Sozialversicherung der Kinderfrauen bekommen. Auch diese Zuschüsse sind einkommensabhängig und können je nach Alter der zu betreuenden Kinder zwischen 1.604€ und 535€/ Trimester variieren. Eltern können außerdem unabhängig vom Alter ihrer Kinder Steuererleichterungen von bis zu 5.000€ im Jahr bekommen, wenn sie eine Kinderfrau im eigenen Heim engagieren. Diese Steuererleichterungen gelten nicht nur für die Kinderbetreuung zu Hause, sondern für die Einstellung von Personal in Privathaushalten allgemein und sollen dazu beitragen, Arbeitsplätze zu schaffen und Schwarzarbeit zu bekämpfen. Kinderfreibeträge Auch für französische Familien gibt es Kinderfreibeträge zur Steuerentlastung, die sich vor allem für höhere Einkommen auswirken. Die Berechnung des Steuersatzes erfolgt durch die Einbeziehung eines Familienquotienten, der abhängig von der Anzahl der unter 18jährigen Kinder ist. Zusätzlich zu den allocations familiales werden in Frankreich mit dem dritten Kind einkommensabhängig Unterstützungszahlungen geleistet( complément familial ). Bei mehreren Kindern liegt der Betrag durch die einkommensabhängige complément familial für einkommensschwache Familien höher als der für einkommensstarke Familien. Familienfreundliche Betriebe Außerdem werden die Unternehmen mit Steuererleichterungen dazu ermutigt, sich um unternehmensinterne Kinderbetreuung zu kümmern. Die Beteiligung der Unternehmen an der Kinderbetreuung ihrer Mitarbeiter wurde in letzter Zeit auch in Deutschland vermehrt gefordert. Rentensituation französischer Frauen In Frankreich wird berücksichtigt, dass die Kindererziehung und damit verbundene Arbeitspausen den Rentenbetrag von Frauen nachteilig beeinflussen. So müssen französische Mütter erhebliche Minderungen ihrer Rente hinnehmen, wenn sie nicht die geforderten vollen 40 Versicherungsjahre die Kasse einbezahlt haben(nur 5 fehlende Versicherungsjahre lassen die Basisrente bereits um die Hälfte sinken). Dem wird versucht, Rechnung zu tragen, indem eine Französin, die drei oder mehr Kinder groß gezogen hat, 10 Prozent mehr Rente ausbezahlt bekommt. Allerdings bekommen auch Väter eine automatische Rentenaufstockung von 10 Prozent, obwohl sie viel seltener oder gar keinen Erziehungsurlaub nehmen. Eltern mit weniger als drei Kindern bekommen jedoch keine Rentenvorteile. NACHBAR FRANKREICH – DOCH KEIN VORBILD? Seit das Thema Familienpolitik in Deutschland mehr Aufmerksamkeit bekommt, wird von Journalisten und Politikern gerne das„Modell Frankreich“ als Vorbild angeführt. Dabei kommt es jedoch oft zu Verallgemeinerungen und einer oberflächlichen Darstellung der„paradiesischen französischen Zustände“, die so nicht der Wirklichkeit entsprechen. Auch in Frankreich gibt es noch Probleme, für die Lösungen gefunden werden müssen: Das Kindergeld fällt im Vergleich zu Deutschland sehr gering aus. Engpässe gibt es auch weiterhin bei der Betreuung der unter Dreijährigen. Trotzdem muss man feststellen, dass die Familienpolitik insgesamt einen hohen Stellenwert innerhalb der Gesellschaft einnimmt. Was Deutschland von seinen französischen Nachbarn lernen könnte wäre die Einsicht, dass ein hohes Kindergeld allein nicht genügend Anreiz für Eltern darstellt, mehr oder überhaupt Kinder zu bekommen. Zum einen spielt der Faktor Kinderbetreuung eine wesentliche Rolle für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Während die Frage„Kinder oder Büro Paris:- Frankreichinfo 4/2005 Seite 5 von 5 Karriere“ für viele deutsche Frauen ein ungelöstes Problem darstellt, ist sie für französische Mütter noch nicht einmal eine Frage, sondern eine Selbstverständlichkeit. Aber selbst wenn die Voraussetzungen für eine verbesserte Kinderbetreuung gewährleistet wären, bleibt die Frage, ob die deutschen Mütter es ihren französischen Kolleginnen nachmachen würden: Die Soziologin Jeanne Fagnani hat in ihren Studien herausgefunden, dass das unterschiedliche Angebot an Kinderbetreuung in Deutschland und Frankreich zwar eine Rolle bei der Entscheidung junger Frauen mit Kinderwunsch spielt, jedoch nicht die entscheidende. Ist es in Frankreich üblich, bereits nach einer dreimonatigen Babypause wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren, sind in Deutschland fast immer noch drei Jahre Erziehungsurlaub pro Kind Standard. Bei den deutschen Frauen stellte sie ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber jeglicher Versorgung der Kinder außerhalb des eigenen Hauses fest. Auch einzelne deutsche Unternehmen, die eigene(zum Teil kostenlose) Krippenplätze eingerichtet haben, stellen fest, dass viele Frauen sich gegen das Angebot der Kinderbetreuung und für die in Anspruchnahme ihrer vollen Elternzeit entscheiden. Solange in unserem Wortschatz das Wort„Rabenmutter“ existiert(ein Wort übrigens, das es im Französischen überhaupt nicht gibt), solange deutsche Frauen keine Rollenmodelle haben, die ihnen vorleben, wie man Kinder und Karriere unter einen Hut bringen kann, solange wird sich in unserer Gesellschaft trotz aller Anstrengungen wahrscheinlich nichts Grundlegendes ändern. Das Idealbild der„guten Mutter“ ist bei uns noch ein anderes als jenseits des Rheins. Carolin Sickinger ist Studentin der Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Augsburg. Der Inhalt dieses Beitrags gibt nicht unbedingt die Meinung der Friedrich-Ebert-Stiftung wieder.