„Auf Sand gebaut…?“ Die Sahelzone zwischen Demokratie und Hungerkrise – Mali als Vorbild? Dokumentation „Auf Sand gebaut…?“ Die Sahelzone zwischen Demokratie und Hungerkrise – Mali als Vorbild? Dokumentation Veranstaltung am 23. November 2005 in Berlin AUF SAND GEBAUT…? Begrüßung von Christiane Kesper Leiterin des Referats Entwicklungspolitik der FES 4 Ansprache I. E. Fatoumata Siré Diakité Botschafterin der Republik Mali in der Bundesrepublik Deutschland 5 Stellungnahmen von Dr. Sven Grimm Deutsches Institut für Entwicklungspolitik Bonn von Heide Simonis Künftige Vorsitzende von UNICEF-Deutschland von Dr. Bernard Conte Universität Montesquieu, Bordeaux von Sadou Abdoulaye Yattara Präsident des„Maison de la Presse“, Mali Podiumsdiskussion 6 7 8 9 3 10 I N H A LT FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG © Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung Internationale Entwicklungszusammenarbeit Referat Afrika Julia Schartz/ Dr. Michael Bröning 53170 Bonn Redaktionelle Mitarbeit: David Witzki Fotos: Schicke Layout: Pellens Kommunikationsdesign, Bonn BEGRUESSUNG Begrüßung Christiane Kesper Leiterin des Referats Entwicklungspolitik der FES AUF SAND GEBAUT…? Sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir eine groauf fast 15 Jahre erfolgreiche Demokratisierung zuße Freude, Sie hier in der Friedrich-Ebert-Stiftung rück. Und das, trotz schwieriger Rahmenbedingungen. begrüßen zu können. Ganz besonders freue ich mich Obwohl das Land nach wie vor zu den ärmsten der auch, unsere Podiumsteilnehmer und internationalen Erde zählt, gilt die Entwicklung der malischen DemoGäste hier in Berlin begrüßen zu dürfen: Die Botschafkratie als richtungsweisend – grade auch für ein so terin der Republik Mali, ihre Exzellenz Fatoumata Siré stark islamisch geprägtes Land wie Mali. Drei demoDiakité, Frau Ministerpräsidentin a.D. Heide Simonis, kratische Wahlen wurden dort in den letzten Jahren die kürzlich zur neuen Vorsitzenden von UNICEFdurchgeführt–einumfassenderdemokratischerMachtDeutschland gewählt worden ist, Herrn Sadou Yattawechsel inklusive. ra vom„Maison de la Presse“ in Mali, Herrn Bernard Diesen demokratischen Aufbruch hat die FriedConte von der Universität Bordeaux und Herrn Sven rich-Ebert-Stiftung begleitet. Die FES unterhält seit Grimm vom deutschen Institut für Entwicklungspolirund 35 Jahren ein Büro in Mali. Und als politische tik. Gesondert begrüßen möchte ich zudem die im Stiftung bemühen wir uns darum, den demokratischen Publikum vertretenen Botschafter – verehrte ExzelErfolg im Land abzusichern. Etwa durch Zusammenlenzen auch Ihnen ein herzliches Willkommen. arbeit mit unabhängigen Journalisten, mit FrauenverDie Sahelzone sorgt in diesen Tagen für Negativbänden, mit Gewerkschaftlern oder auch mit Parlaschlagzeilen: Im Niger herrscht Hungersnot, Heuschrementsabgeordneten. Über die Arbeit der FES in Mali ckenschwärme vernichten die Ernten, Flüchtlingsströhaben wir im Foyer eine kleine Ausstellung zusammenme ziehen durch die Sahara, in Mauretanien putscht getragen. Hinweisen möchte ich auch auf die Fotoausdas Militär... Eine Region – so hat es zumindest den stellung„Mali Heute“ von Ilsemargret Luttmann, die Anschein – versinkt im Chaos. Doch entspricht dieses im Anschluss an die Diskussion eröffnet wird. 4 Bild wirklich der Realität? Oder zeigt es nur einen Doch wo stehen Mali und die Sahelregion heute? ganz bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit? Sicher: Wie stellt sich die aktuelle humanitäre Lage vor Ort Afrika hat mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpdar? Müssen nun Frühwarnmechanismen aus- oder fen – wer wollte das leugnen? Aber Pauschalurteile umgebaut werden? Oder handelt es sich bei der Hunüber Afrika als„verlorener Kontinent“ sind unangegerkrise nur um ein Medienspektakel? Welche politibracht. Auch bezogen auf die Sahelregion. Langfrisschen und ökonomischen Herausforderungen müssen tige politische und gesellschaftliche Entwicklungen im Sahel angegangen werden? Und: Macht sich Debieten nämlich auch hier immer wieder Anlass zu Zumokratie in der Region bisher bezahlt? Können demoversicht. Nur diese positiven Trends werden in Deutschkratische Systeme auf Dauer bestehen, wenn Armut land und in Europa kaum wahrgenommen. Der Grund nicht endlich ausgeschaltet wird? dafür liegt sicher darin, dass sich Krisen und HiobsSie sehen: Die Liste mit Fragen, Problemen und botschaften in unserer Mediendemokratie immer Schwierigkeiten ist lang, mit denen wir uns heute leichter vermarkten lassen als seriöse Analysen.„Bad beschäftigen wollen! Vor diesem Hintergrund wünsche news are good news“ – nennen das Journalisten im ich uns allen eine spannende und nicht zuletzt eine angelsächsischen Raum. erhellende Diskussion. Vielen Dank an Renate WilkeEines dieser durchaus positiven Beispiele ist die Launer, die sich bereit erklärt hat, die Debatte auf Republik Mali. Das Land in Westafrika blickt heute dem Podium zu moderieren. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG AUF SAND GEBAUT…? I. E. Fatoumata Siré Diakité Botschafterin der Republik Mali in der Bundesrepublik Deutschland ANSPRACHE Afrika bewegt sich und Afrika schreitet voran. Dies Obwohl circa 90% der malischen Bevölkerung gilt auch und gerade für die Republik Mali. Das heutiMuslime sind, ist Mali kein islamischer sondern ein ge Mali ist als Erbe zahlreicher Reiche und Königtümer laizistischer Staat. Der Islam Malis versucht nicht die reich an Kultur, Tradition und Geschichte. Nach der anderen Religionen des Landes zu dominieren, sondern Kolonisation durch Frankreich im 19. Jahrhundert respektiert andere Glaubenformen. Alle Religionen war Mali bis zur Unabhängigkeit ein Teil von Französind in Mali gleichberechtigt – auch dies ein großer sisch-Westafrika. 1960 bildeten Mali und Senegal eine Erfolg der malischen Bevölkerung. Das malische Volk Föderation, aus der Mali im August 1960 unabhängig hat nicht nur die Rechte und den Schutz der Frauen hervorging. 1968 kam es schließlich zur Machtüberund Kinder durch die Verfassung gestärkt, sondern nahme durch das„Comité Militaire de la Libération auch eine Institutionen zur Korruptionsbekämpfung Nationale“ unter Führung von Moussa Traoré. Eine durch eine vollkommen unabhängige Kommissionen Militärdiktatur hatte das Land fest im Griff. Doch die eingerichtet, an die sich jeder Bürger wenden kann. Geschichte endete nicht mit einer Tragödie sondern Transparenz und einen freien öffentlichen Diskurs mit einem Aufbruch. Im Zuge eines umfassenden Degarantiert in Mali darüber hinaus dieumfassende mokratisierungsprozesses, an dem nicht nur StudenPressefreiheit. In Mali senden heute über 100 private ten, sondern auch streikende Richter, GewerkschaftRadiosender und viele Zeitungen berichten täglich ler(UNTM) und Frauengruppen beteiligt waren wurde und unabhängig über politische und gesellschaftliche der Diktator Moussa Traoré 1991 gestürzt. Ein ÜberEntwicklungen. Wichtig für die Entwicklung des Langangsstaatspräsident übernahm die Macht. Für das des ist ebenso eine spezifisch malische Tradition des umfassende Verständnis von Demokratie in Mali spricht Friedens: Bei der Aktion„Flamme des Friedens“ wurnicht nur, dass sofort Gewerkschaften und eine Vielzahl den 1996 in Timbuktu Waffen von 3.000 Kämpfern von zivilgesellschaftlichen Verbänden gegründet wureingesammelt und feierlich verbrannt. den, sondern auch, dass der Übergangspräsident AmaAngesichts dieser Entwicklung möchte ich die 5 dou Toumani Touré seine Macht freiwillig zugunsten europäische Presse einladen, die Demokratie in Mali der im Juni 1992 demokratisch gewählten Regierung zu stützen, indem sie objektiv auch über diese positiabtrat. Zum ersten Mal in der Geschichte Malis erfolgven Entwicklungen berichtet und so Ängste und Vorte ein Machtwechsel dank freier und transparenter urteile abbaut. Es ist unbestritten, dass der afrikaniWahlen. Und zwar friedlich. Die unter Beteiligung aller sche Kontinent mit Problemen zu kämpfen hat. Doch Bevölkerungsschichten zustande gekommene heutige in deutschen und europäischen Medien sieht man Verfassung Malis sieht vor, dass der Präsident nach nahezu ausschließlich Dinge, die schockieren – Dinge zwei Amtsperioden nicht wieder gewählt werden darf. die so nicht der Wahrheit entsprechen. Mali tritt in Diese und andere akzeptierte demokratischen Regeln den internationalen Medien heute nur selten in Erscheizeigen: Mali ist heute eine stabile Republik. Drei mal nung. Bisweilen scheint mir, gerade weil Mali ein wurden die Wähler bisher erfolgreich an die Wahlurdemokratischer Staat ist, ist das Interesse so gering. nen gerufen – weder die Krise 1993 im Norden des Doch ein Problem ist nicht nur fehlendes Interesse, Landes, die durch traditionelle Konfliktbewältigung sondern auch die so weit verbreiteten Vereinfachunmit allen Parteien gelöst wurde, noch die 1997 wegen gen. Europa muss sich darüber bewusst werden, dass organisatorischer Mängel erforderliche Annullierung Afrika ebenso wie Europa aus einer Vielzahl von der Wahlen zur Nationalversammlung haben die EntStaaten besteht und keinen einheitlichen Block darwicklung der Demokratie blockiert. Im Gegenteil: stellt. Afrika besteht aus 53 Staaten und deshalb gibt Gerade diese Krisen haben ein ums andere Mal aufgees 53 verschiedene Afrikas. Um die Entwicklung afrikazeigt, dass demokratische Prinzipien mittlerweile fest nischer Staaten zu unterstützen, sollte in Europa weim Bewusstsein der Bevölkerung verwurzelt sind. niger ein Dialog für Afrika als vielmehr ein Dialog mit Afrika geführt werden, so wie ihn Bundespräsident Horst Köhler jüngst in Bonn initiiert hat. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Heide Simonis Künftige Vorsitzende von UNICEF-Deutschland AUF SAND GEBAUT…? PODIUMSDISKUSSION UNICEF hat es sich zur Aufgabe gemacht, den SchwächsGemeinsam mit UNICEF und anderen Hilfsorganiten der Gesellschaft zu helfen: Kindern, schwangeren sationen haben sich die Regierungen in den einzelnen Frauen, stillenden Müttern und anderen Menschen, Ländern mittlerweile ehrgeizige und zukunftsweisendie dringend auf Unterstützung angewiesen sind. de Ziele gesetzt. So verpflichten sie sich beispielsweise Dabei leistet UNICEF sowohl akute Nothilfe als auch in dem Projekt„Schulen für Afrika“ eine Vielzahl von langfristig angelegte Unterstützung. Dies geschieht Lehrern professionell auszubilden und angemessen immer unabhängig vom jeweiligen politischen Hinterzu bezahlen. Mit jeder Schule, die im Rahmen des grund und auch unabhängig von den Ursachen, die Projekts errichtet wird, werden zudem Brunnen gefür Katastrophen wie Bürgerkriege oder Hungersnöte bohrt und sanitäre Einrichtungen errichtet, damit die verantwortlich sind. Angesichts der aktuellen Lage in Frauen nicht mehr so weite Wege zurücklegen müssen den Ländern der Sahelzone, die nach wie vor zu den und sich mit der schulischen Situation auch die hygieärmsten Staaten der Welt gehören, ist auch hier ein nische Lage verbessert. Die Menschen sehen dadurch, Engagement von UNICEF notwendig und sinnvoll. dass mit der Bildung auch der Fortschritt im Dorf Von der jüngsten Nahrungsmittelkrise im Sahel Einzug hält. Auf diese kleinen Hilfen sollte sich die waren allein im Niger circa 3,6 Millionen Menschen Politik rund um die Welt einigen können. betroffen. In Burkina Faso kamen weitere 500.000 Verständlicherweise entspricht es dem Wunsch Menschen und in Mauretanien weitere 600.000 Menvieler Menschen, dass beispielsweise die EU im Falle schen hinzu. Als besonders schwierig hat sich die Lage von Hungersnöten Hilfe in die betroffenen Gebiete im Niger auch deswegen erwiesen, weil die dortige schickt. Daran ist jedoch bisweilen durchaus probleRegierung die um sich greifende Hungersnot nicht offimatisch, dass die geschickten Güter nach einiger Zeit ziell bestätigen wollte und sich infolgedessen auch die auf den dortigen Märkten billiger zu kaufen sind als Presse mit der Berichterstattung zurückhielt. Dies das, was ein einheimischer Landwirt mit seiner tägliwirkte sich nicht nur ganz direkt in der Region negativ chen Arbeit und der Arbeit seiner Familie produzieren 6 aus, sondern hat auch indirekt die Hilfs- und Spendenkann. Dies hat zur Folge, dass sich eigene Arbeit nicht bereitschaft der Menschen hierzulande beeinflusst. mehr lohnt – man zerstört somit die Motivation und Obwohl die Bilder des Hungers uns in den letzten die Fähigkeit der Menschen, für sich selbst zu sorgen. Monaten besonders intensiv beschäftigt haben, ist klar, Vor vorschnellen Pauschalreaktionen müssen interdass die Länder der Sahelzone heute noch mit erhebnationale Geber und Hilfsorganisationen sich daher lichen weiteren Problemen zu kämpfen haben. Die hüten. Ansonsten kann Hilfe mehr schaden als nützen. Analphabetenrate liegt bei rund 70% und stellt damit Sorgfältige Prüfung im Einzelfall ist nötig, um abzuein enormes Hindernis für eine nachhaltige Entwicklung wägen, welche Form von Hilfe nicht nur nötig sondern dar. Die wirtschaftlichen Probleme der Region und die auch sinnvoll ist. ökonomische Situation in Mali lassen sich an einer Afrika war im westlichen Bewusstsein lange Zeit nüchternen Zahl ablesen: Etwa sechs Millionen Mennicht allzu präsent. So wurde die Tatsache, dass die schen leben dort heute von rund einem Dollar am Tag. Tsunami-Katastrophe neben weiten Teilen Asiens eben Angesichts dieser nach wie vor massiven Schwierigauch afrikanische Staaten unmittelbar getroffen hat, keiten in der Sahelzone ist die Versuchung für einzelne in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen. Doch Menschen natürlich groß, sich in Extremsituationen auch in Afrika gab es den Tsunami. Ich bin fest davon auch nicht-friedlicher Mittel zur Lösung der Schwierigüberzeugt, dass Afrikaner und wir Europäer verpflichkeiten und als Ausweg aus einer empfundenen Sacktet sind, auf die durchaus verbreitete Teilnahmslosiggasse zu bedienen. Armut und Not – so viel ist klar – trägt keit gegenüber dem afrikanischen Kontinent hinzuimmer verschärfend und manchmal auch ursächlich weisen und dabei immer auch stärker zu differenzieals Auslöser in Konfliktsituationen auf. Hierin liegt ren, wenn wir über Afrika reden. sicher ein Grund für die auch auf dem afrikanischen Kontinent immer wieder ausbrechenden Konflikte. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG AUF SAND GEBAUT…? Dr. Sven Grimm Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn PODIUMSDISKUSSION In der Sahelregion ist Mali grundsätzlich ein positives Staatbediensteten zu erhalten, die ihrerseits zum Teil Beispiel für eine gelungene Demokratisierung. Zwar auf eben diese Zahlungen angewiesen sind. Unter diehat die Demokratie in Mali verglichen mit Industriesem Vorgehen leidet vor allem die arme Bevölkerung. staaten durchaus Schwächen, doch wenn man sich Erfolgreiche Korruptionsbekämpfung muss daher die Größe der ökonomischen Probleme im Land und prinzipiell durch einen funktionierenden Justizapparat die extrem schwierige Ausgangsposition Malis vor gewährleistet werden – was eine deutliche HerausAugen hält, kann man sagen, dass die malische Demoforderung für die Staaten der Region darstellt. Allerkratie trotz allem funktioniert. dings sollte man in Europa nicht den Fehler machen, Die erwähnten schwierigen Rahmenbedingungen unreflektiert europäische Standards anzulegen und des Landes zeigen sich in den verschiedensten Bereialles sofort erreichen zu wollen; dies würde nicht nur chen: Problematisch sind zunächst die niedrige AlphaMali überfordern. betisierungsrate des Landes und damit häufig auch Grundsätzlich erscheint europäische Hilfe auch verbunden die Unfähigkeit großer Bevölkerungsteile, im Sahel nur dann sinnvoll, wenn die Auswirkungen die offizielle Verwaltungssprache Französisch zu spreder Hilfe auf die Institutionen vor Ort bedacht werden. chen. Dies muss man sich vor Augen führen: Allein Wenn Hilfe nicht gut koordiniert wird, kann sie staatsprachlich ist ein bedeutender Teil der Bevölkerung liches Handeln sogar unterminieren. Die Frage ist also: von der politischen Diskussion weitgehend häufig ausWie geht man vor, um Entwicklungshilfe richtig einzugeschlossen. Man muss sich das in etwa so vorstellen setzen? Dazu möchte ich einige Empfehlungen geben, als wenn in Deutschland die Regierungsgeschäfte in die zwar banal klingen in der Umsetzung aber extrem englischer Sprache geführt würden. Ein Großteil der schwierig sind und bisher so nicht praktiziert werden: Bevölkerung hätte erhebliche Schwierigkeiten, komZunächst müssen die Regierungen der Empfänplizierte politische Fragen im Detail nachzuvollziehen ger-Staaten konsequent darüber informiert werden, oder sich gar an Diskussionsprozessen zu beteiligen. wo Hilfe geleistet wird. In vielen Fällen wissen dies Als problematisch wird natürlich immer wieder mit nicht einmal die Geber selbst voneinander und doppeln 7 Recht darauf hingewiesen, dass Mali als Binnenland ihre Leistungen oder legen unterschiedliche Standards im Sahel für die Erwirtschaftung internationaler Deparallel zueinander an. Es ist allzu häufig völlig unklar, visen durch Handel auf die Nachbarländer angewiesen welche Institutionen an welcher Stelle aktiv sind. Dieist. Die aktuelle Lage in der Region erschwert diese se fehlende Koordination führt nicht nur zu ReibungsAusgangsposition Malis zusätzlich. Die Elfenbeinküste verlusten, sondern bisweilen auch zur Anwendung ist eines der Länder gewesen, durch das der Export unterschiedlicher Rezepte zur Behebung erkannter und Import nach Mali in der Vergangenheit hauptProbleme – alles mit suboptimalen Ergebnissen. sächlich stattgefunden hat. Heute ist die Route über Darüber hinaus sollte stärker als bisher erwogen die Elfenbeinküste wegen des dort herrschenden Bürwerden, Hilfe direkt den Staaten in der Region zur Vergerkrieges blockiert und malische Händler weichen fügung zu stellen. Diese müssten die erhaltene Budgetauf andere Nachbarländer aus. Wird jedoch alternativ hilfe dann durch ihre Administration selbstständig das englischsprachige Ghana gewählt, kommt es imverwalten und dabei beispielsweise auch der Kontrolle mer wieder zu Sprach- und Verständigungsproblemen ihrer Parlaments unterstellen. Zwar sollte der Staat aber auch zu Währungsproblemen. Die regionale Infranicht als Allheilmittel betrachtet werden, wie man es struktur – etwa für Exporte über Senegal – ist jedoch in den sechziger Jahren tat. Wenn jedoch die Institunicht so ausgebaut, dass sie starke Umorientierung tionen eines Staates im Kern demokratisch kontrolliert des Warentransits problemlos verkraften könnte. sind, ist es am sinnvollsten, diesen die Hilfe direkt zuEin weiteres, bedeutendes Problem stellt die nicht kommen zu lassen. Schließlich sollen Hilfsmaßnahmen nur in Mali, sondern in der ganzen Region weit verdes Auslands ein besseres Funktionieren der staatlichen breitete„kleine“ Korruption dar. Bestimmte staatliche Institutionen ermöglichen und nicht die vorhandenen Dienstleistungen sind nur durch die Bestechung von Strukturen untergraben FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Dr. Bernard Conte Universität Montesquieu, Bordeaux AUF SAND GEBAUT…? Ganz Afrika – und nicht nur der Sahel – befindet sich Neben diesem neoliberalen Mainstream gibt es seit Ende der 1970er in einer strukturellen Krise. jedoch noch weitere Erklärungsansätze, die auf GrünDiese Krise scheint jedoch immer dann zu enden, de und Auswege aus der krisenhaften Lage im Sahel wenn sich ein gewisses wirtschaftliches Wachstum in und in Afrika insgesamt verweisen. Diese Schule der einzelnen Regionen einstellt und Anlass zu Optimismus heterodoxen Ökonomen verweist vor allem auf exterund Zuversicht gegeben zu sein scheint. Beobachter ne Gründe für die Krise. So z.B. auf die Verschlechtebewerten die Lage dann jeweils vorsichtig positiv. Die rung der Terms of Trade bei Kakao oder Kaffee, auf zeitweilige Verbesserung der Situation ist jedoch jedas Ansteigen von Auslandsschulden oder auf den weils lediglich auf eine – gewissermaßen willkürliche skandalösen Protektionismus der Industriestaaten in – Verbesserung von externen Faktoren der internatiobezug auf Agrarprodukte. Die Lösung sehen diese PODIUMSDISKUSSION nalen Umgebung zurückzuführen. So zum Beispiel Ökonomen in einem Ansatz, den ich mit einer„Zurückauf einen zeitweilig günstigen Dollarkurs, auf gute besinnung auf sich selbst“ umreißen möchte. Meiner Ernten oder kurzfristig hohe Weltmarktpreise für einMeinung nach ist es mehr als fraglich, ob die neolibezelne Exportgüter. Sobald sich diese externen Faktorale Entwicklungsstrategie tatsächlich die beste Mögren abschwächen oder verschlechtern, kehrt auch die lichkeit für Staaten der Sahelregion ist, ihre struktuKrise zurück – wird aber aus diesen konjunkturellen relle Krise zu überwinden. Gründen nur selten als wirklich strukturell erkannt. Die aktuelle Diskussion um die Frage, ob man die Doch genau dies ist ein wichtiger Punkt: Man muss Ernährung der Bevölkerung angesichts der jüngsten sich fragen, welche tieferliegenden internen und exterHungerkrise in Niger und anderen Sahelstaaten wirknen Ursachen diese strukturelle Krise zahlreicher lich dem Markt überlassen sollte, ist letztlich eine Staaten im Sahel und in ganz Afrika hat. Debatte„Markt gegen Staat“. Ich habe den Eindruck, Neoliberale Beobachter suchen die Gründe für dass sich auch die – übrigens weitgehend gescheiterte die wahrgenommene Krise in der Regel in den Staaten – NEPAD-Initiative mittlerweile im Prinzip auf die 10 selbst. Für sie ist der Staat der Ursprung aller ProbleSeite des Marktes gestellt hat. Nur um mich klar auszume. Neben diesem engeren etatistischen Ansatz machen drücken: Ich habe keine prinzipiellen Einwände gegen neoliberale Akteure auch im endogenen Klientelismus den Markt. Wenigstens nicht solange er seine Aufgabe, eine Hauptursache für anhaltende Entwicklungsschwienämlich die Allokation von Ressourcen, zufriedenstelrigkeiten im Sahel aus. Das Problem ist dabei einfach lend erfüllt. Es ist nur so, dass der Markt in Afrika umrissen: Die jeweiligen nationalen Entscheidungsträund in der Sahelregion enorme Funktionsstörungen ger orientieren sich nicht am Wohl des Landes, sondern hat und man sich deshalb nicht auf die unsichtbare unterstützen in erster Linie ihre politische Anhänger Hand, die die Kräfte des Marktes zähmt, verlassen – etwa mit Geld oder sozialen Diensten. Dies hat langkann und darf. Dies gilt aber nicht nur für den Nahfristig zu einem enormen Ungleichgewicht zwischen rungsmittelsektor: Der Post Washington Consensus Stadt und Land geführt, da die politischen Anhänger, tritt wie gesagt u.a. dafür ein, Staatsunternehmen zu die bedient werden müssen, normalerweise aus dem privatisieren. In vielen Ländern des Sahel sind daher städtischen Umfeld stammen. Die Landbevölkerung staatliche Monopole aufgebrochen worden und werden erhält kaum materielle Zuwendungen und wird auf in naher Zukunft beseitigt werden. Das Resultat dieser diese Weise strukturell vernachlässigt. Eine Lösung Politik ist jedoch äußerst schädlich. Denn letztlich sind dieser Krise sehen Neoliberale in der Anwendung des staatliche Monopole bislang nur durch privatwirtschaftWashington Consensus, der grundsätzlich eine Libeliche Monopole von multinationalen Unternehmen erralisierung des Handels, die Privatisierung von Staatssetzt worden. Sicher, dies ist eine Politik, von der auch unternehmen sowie allgemein eine umfassende Reviele französische Firmen profitieren. Aber ist es wirkduzierung der staatlichen Aufgaben vorsieht. lich ein Vorteil, statt staatlichen nun privatwirtschaftliche Monopole in den Regionen Afrikas zu fördern? FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG AUF SAND GEBAUT…? Sadou Abdoulaye Yattara Präsident des„Maison de la Presse“, Mali PODIUMSDISKUSSION Die Erfahrung zeigt, dass es Nicht-Afrikanern normatergrund möchte ich betonen, dass die bisher vorgelerweise schwer fällt, die Krise im Sahel zu verstehen. nommene interne Liberalisierung der Wirtschaft Trockenheit und andere Komplikationen stellen immer Malis angesichts der gemachten historischen Erfahwieder eine schwere Belastung für die gesamte Region rungen insgesamt eine Chance für das Land darstellt. dar. Dennoch ist das Ausmaß der einzelnen Krisen Dies nicht nur für die Menschen in der Hauptstadt nicht unabänderlich. Ich bin zum Beispiel davon Bamako, sondern auch für die Landbevölkerung. Insüberzeugt, dass die aktuelle schwere Nahrungsmitgesamt brachte die Liberalisierung einen deutlichen telkrise in einigen Ländern der Sahelregion durchaus wirtschaftlichen Aufbruch mit sich. Beispielsweise hätte abgemildert werden können. Unter anderem beginnen jetzt allmählich auch gut ausgebildete Leute, deshalb, weil ein massives Auftreten der Wanderverarbeitende Unternehmen zu gründen, die zur heuschrecken absolut voraussehbar war. In einigen Wertschöpfung in Mali beitragen können. Ländern der Sahelzone hat man die sich abzeichnenWas die Medienberichterstattung in Mali und in de Entwicklung denn auch früher erkannt als in anEuropa betrifft, so habe ich den Eindruck, dass es deren. Diese Länder – unter anderem auch Mali – verbisher nur wenige Journalisten in Europa gibt, die fügen mittlerweile über durchaus funktionierende auch auf positive Entwicklungen in Mali und der SahelFrühwarnsysteme. In Mali waren die Folgen der Krise zone eingehen. Dabei gibt es solche positiven Trends aber auch deswegen weniger gravierend, weil die durchaus. Nehmen Sie als Beispiel die Entwicklung Presse des Landes die Rolle eines öffentlichen Verder malischen Medienlandschaft. Vor 15 Jahren gab mittlers übernahm und die Bevölkerung und Entscheies in ganz Mali nicht mehr als zwei bis drei unabhändungsträger rechtzeitig über die anstehenden Entgige Tageszeitungen und keine einzige private Radiowicklungen informierte. Während sich die Menschen station. Heute, nach 15 Jahren der Liberalisierung in Mali daher auf die Situation ausreichend vorbereides Mediensektors, hat sich die Situation grundlegend ten konnten, gelang dies etwa im Niger nur wenig gewandelt. Die Presselandschaft allein in der Haupt11 effektiv. Die Presse in Mali sah ihre Aufgabe jedoch stadt Bamako ist sehr ausdifferenziert und vielseitig nicht nur darin, auf künftige Entwicklungen hinzuweiund besteht heute aus mindestens 50 regelmäßig ersen, sondern bemühte sich auch darum, die notleidenscheinenden Zeitungen. Auf dem Radiosektor hat sich de Bevölkerung durch eine gezielte Berichterstattung die Situation noch stärker verändert: In den verganzu unterstützen. Beispielsweise wurde die Allgemeingenen 15 Jahren sind in Mali rund 150 freie Radioheit immer wieder auch darüber informiert, dass es stationen entstanden – das ist eine eindrucksvolle trotz sehr teurer Nahrungsmittelbestände auch viele Bilanz, über die ausländische Medien auch einmal Beispiele der Solidarität unter der Bevölkerung gab. anerkennend berichten könnten. Die demokratische Öffnung der Politik Malis Das malische„Maison de la Presse“ hat mit all war zugleich auch eine Liberalisierung der Wirtschaft. diesen Medieneinrichtungen täglich zu tun, denn es In der Zeit bis 1968, als Mali einer sozialistischen fungiert als Dachorganisation von Medienverbänden Entwicklungslinie folgte, unterlagen wirtschaftliche in Mali. In dieser Funktion ist es zugleich Mittler Aktivitäten in Land sehr starren staatlichen Bestimzwischen Regierung und Zivilgesellschaft und zählt mungen. So brauchten Unternehmer beispielsweise zu seinen Aufgaben auch die Information und Weitereine offizielle staatliche Genehmigung, um Handel zu bildung von malischen Journalisten. In diesem Prozess treiben. Später wurde Mali von einem Militärregime steht das„Maison de la Presse“ in einem konstanten regiert, das offen gestanden ähnlich viel Schaden und regen Austausch mit internationalen Organisaanrichtete wie die sozialistische Regierung. Die politionen und pflegt zahlreiche Partnerschaften mit tische Situation dieser Jahre verursachte einen enorverschiedenen nationalen und internationalen politimen wirtschaftlichen Abstieg Malis. Vor diesem Hinschen Akteuren in Mali. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG AUF SAND GEBAUT…? Podiumsdiskussion PODIUMSDISKUSSION In der anschließenden Diskussionsrunde gab Moctar ebenso intensiv zu unterstützen wie andere Bereiche Kamara (Afrika-Rat Berlin-Brandenburg) zu bedenken, der internationalen Zusammenarbeit. dass im Zusammenhang mit den Problemen der ReProfessor Karen Landry bezeichnete die Verangion auch die Sklaverei, der Kolonialismus und der staltung als insofern gelungen, als dass klar geworden Neokolonialismus erwähnt werden müsse. Kamara sei, dass oft sprachlich und gedanklich mit„Schablowidersprach zudem der von Sven Grimm geäußerten nen im Kopf“ gearbeitet werde und dass ein Verzicht Auffassung, dass fehlende Französischkenntnisse hierauf enorm schwer sei. Dagegen betonte Dr. Nana großer Bevölkerungsteile diese grundsätzlich von der ökonomische Aspekte der Kooperation mit Sahelstaapolitischen Diskussion ausschließe. Politische Fragen ten und setzte sich dafür ein, dass Europa seinen und Debatten würden im frankophonen Westafrika Markt für landwirtschaftliche Produkte wie etwa Baumimmer auch in den Landessprachen ausgetragen. Edda wolle aus Mali öffnen müsse. Sonst sei jede HilfslieBrandes (Ethnomusikologin Berlin) betonte dagegen ferung nach Mali sinnlos. Jochen Suchantke (Deutscher 12 die Bedeutung der Kultur für Entwicklung einer umEntwicklungsdienst) bestätigte grundsätzlich die Einfassenden menschlichen Identität und plädierte in schätzung Malis als Vorbild für die Sahelzone und bezug auf aktuelle Einsparungen in der auswärtigen wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Kulturpolitik dafür, die Förderung von Kultur im Sahel Dezentralisierung den Menschen in Mali mittlerweile ein großes politisches Mitspracherecht gegeben habe. Er kritisierte, dass man vor der Hungerkrise zu spät auf die Experten gehört und erst dann reagiert habe, als die Not der Menschen im Fernsehen gezeigt wurde. Ein Vertreter der Botschaft Senegals in Berlin hielt der kritischen Einschätzung von Bernard Conte über NEPAD entgegen, dass es wenige Jahre nach der Gründung der Initiative noch zu früh sei, von einem Scheitern zu sprechen. Zum Vergleich verwies er auf die jüngere Vergangenheit und langfristige Entwicklung der Europäischen Union, deren Entwicklung ebenfalls mehrere Jahrzehnte gebraucht habe. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG AUF SAND GEBAUT…? 80 13 PANEL 1 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG