Das Afrika Medien-Barometer(AMB ) Ein neues Instrument in der MedienEntwicklungszusammenarbeit Peter Schellschmidt* November 2005 “Reaffirming the fundamental importance of freedom of expression as an individual human right, as a cornerstone of democracy and as a means of ensuring respect for all human rights and freedoms” Declaration of Principles on Freedom of Expression in Africa (2002) 1 1. Schon wieder ein neuer Index? Indices haben nicht nur in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit Konjunktur: Sie erheben den Anspruch, Entwicklungen durch die Erhebung von möglichst gesicherten Daten aus Nationalstaaten zu beschreiben, sie an international akzeptierten Normen zu messen und auf dieser Basis miteinander zu vergleichen. Besonders mutige Organisatoren solcher Indices fassen die Ergebnisse der Erhebungen in sogenannten“Rankings” zusammen, an denen die einzelnen untersuchten Länder ablesen können, wo sie im Vergleich zu anderen stehen(oder jedenfalls eingeordnet werden). Ein prominentes Beispiel dafür ist der jährlich im Auftrag von qê~åëé~êÉåÅó= fåíÉêå~íáçå~ä(TI) global erhobene“Korruptions-Index”. Die öffentliche Perzeption dieses Indices konzentriert sich im wesentlichen darauf, welches Land sich in der Rangordnung nach oben oder nach unten entwickelt hat. Und die teilweise wütenden Reaktionen nationaler Regierungen von Ländern, die auf den unteren Rängen dieser Skala eingeordnet werden, beweisen: dieser Index wird jedenfalls zur Kenntnis genommen. Regierungen und Gesellschaften fühlen sich unter Druck gesetzt, zu handeln, um die Einstufung zu verbessern, denn ohne Zweifel hat der TIIndex Einfluss zum Beispiel auf die Bewertung des jeweiligen Landes als potentieller Empfänger von Auslands-investitionen. Ein weiteres international beachtetes Beispiel für einen globalen Überblick ist der Demokratie- und Medienbericht von dem in New York beheimateten cêÉÉÇçã= eçìëÉ= EcêÉÉÇçã= eçìëÉ= fåÇÉñF. Er misst und vergleicht anhand seines IndikatorenKatalogs die Entwicklung demokratischer Strukturen und Institutionen in den untersuchten Ländern. Der Anspruch des Afrika Medien-Barometers ist bescheidener, und die Methodik der Datenerhebung und –Auswertung(s. 2.) ist eine prinzipiell andere. Ausgangspunkt der Überlegungen zur Entwicklung dieses neuen Instruments war der^ÑêáÅ~å=mÉÉê=oÉîáÉï=jÉÅÜ~åáëã(APRM), der als Bestandteil der kÉï=m~êíåÉêëÜáé= Ñçê=^ÑêáÅ~Ûë= aÉîÉäçéãÉåí(NEPAD) vorsieht, dass sich Afrikas Staaten(auf freiwilliger Basis) einem Prozess der Selbsteinschätzung der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Entwicklung auf der Grundlage global gültiger demokratischer Werte stellen. Dieser Prozess der Selbsteinschätzung sieht die Einbeziehung der Zivilgesellschaft vor. Das in Pretoria/Südafrika angesiedelte NEPAD-Sekretariat hat dafür einen umfangreichen Kriterien-Katalog entwickelt, der die Grundlage der APRM-Prozesse in den einzelnen Ländern bilden soll. Unmittelbar, nachdem dieser Katalog öffentlich zugänglich war, protestierten führende globale wie afrikanische Medienorganisationen wie das fåíÉêå~íáçå~ä= mêÉëë= fåëíáíìíÉ(IPI) und das jÉÇá~= fåëíáíìíÉ= Ñçê= pçìíÜÉêå=^ÑêáÅ~(MISA) in einem gemeinsamen Brief an UNGeneralsekretär Kofi Annan, dass“íÜÉ=^mojÛë= ÖççÇ= ÖçîÉêå~åÅÉ= ÅêáíÉêá~= Ü~îÉ=~= 2 ëÉêáçìë= ÇÉÑÉÅí= áå= íÜ~í= íÜÉó= çãáí=~= âÉó= êÉèìáêÉãÉåí= Ñçê= ÖççÇ= ÖçîÉêå~åÅÉW= íÜÉ= ÑçëíÉêáåÖ=çÑ=ÑêÉÉ=~åÇ=áåÇÉéÉåÇÉåí=åÉïë=ãÉÇá~Ò. Und in der Tat: der APRM-Katalog blendet bislang den für eine demokratische Entwicklung konstitutiven Bereich von Informations- und Meinungsfreiheit nahezu vollständig aus. MISA hat inzwischen mit dem APRM-Sekretariat vereinbart, gemeinsam an der Aufarbeitung dieses wichtigen Defizits zu arbeiten. Das ist ein bedeutsamer Schritt nach vorn. Dennoch: der APRM-Prozess hat weitere strukturelle Defizite. Das ist zum einen das Prinzip der Freiwilligkeit. Kein Land kann gezwungen werden, sich diesem Prozess der kritischen Selbst-Reflexion zu stellen. Und eine Reihe afrikanischer Regierungen hat bereits klar gemacht, dass sie den APRM-Prozess als eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten ansehen und ihn deshalb ablehnen. Das zweite Problem ist die ungeheure Komplexität dieses sehr ambitionierten Vorhabens, ablesbar schon an dem schier überwältigenden Umfang und Anspruch des Kriterienkataloges. Die Schwierigkeiten der praktischen Umsetzung haben sich bereits in den Ländern gezeigt, in denen diese Prozesse in Gang gesetzt worden sind(u.a. Ghana, Kenia, Mauritius). Darüber hinaus gibt es einen weiten Interpretations-Spielraum über die Art und Weise, wie die Zivilgesellschaft einbezogen wird. Ganz zu schweigen von den Fragen, wer letztlich die Verantwortung trägt für die Formulierung der Schlussberichte an die^ÑêáÅ~å= råáçå=(AU) und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Dennoch: der im Rahmen von NEPAD entwickelte Grundgedanke der Selbsteinschätzung, der kritischen Selbst-Reflexion unter Beteiligung aller Betroffenen im jeweiligen nationalen Kontext auf der Basis von gemeinsam entwickelten Werten und Prinzipien hat unschätzbare Vorteile gegenüber dem bisher üblichen Verfahren der Beurteilung durch internationale Organisationen und Institutionen von außen. Wenn Offenheit und Transparenz der Verfahren der Selbsteinschätzung gewährleistet sind, dann besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Chancen der Einleitung und Umsetzung von gemeinsam als notwendig identifizierten Reformvorhaben auf den nationalen Ebenen ungleich größer sind, als auf der Basis internationaler Kritik, die leicht als unzulässige Einmischung von außen zu diffamieren ist. Aufgrund all dieser Überlegungen ist nach langen Diskussionen zwischen afrikanischen Medienorganisationen(vor allem MISA), aber auch einer kritischen Debatte mit Medien-Praktikern und –Wissenschaftlern aus dem gesamten Subsahara-Afrika während der eáÖÜï~ó=^ÑêáÅ~=`çåÑÉêÉåÅÉ der oÜçÇÉë= råáîÉêëáíó (Grahamstown/Südafrika) und dem Regionalen Medienprojekt der Friedrich-EbertStiftung für das Südliche Afrika das Afrika Medien-Barometer entstanden. In einer 3 ersten Phase wurde 2005 dieses neue Instrument gemeinsam mit MISA in Sambia, Namibia und Botswana, und in Partnerschaft mit dem Kenya Media Council in Kenia einem Praxistest unterzogen. Inzwischen hat MISA das verfeinerte Verfahren in Angola, Mosambik und Swaziland durchgeführt. Die jeweiligen Länderberichte werden unmittelbar nach Fertigstellung über die Website des FES-Medienprojekts (www.fesmedia.org.na) verfügbar gemacht. 2. Wie funktioniert das Afrika Medien-Barometer? Erster Schritt war die Entwicklung von Indikatoren als einheitliche Grundlage für Debatten und Bewertungen. Diese Arbeit wurde durch die Tatsache erleichtert, dass der afrikanische Kontinent inzwischen über einen gut entwickelten Konsens über Grundsätze und Grundforderungen im Bereich Informations- und Meinungsfreiheit verfügt; jedenfalls auf der Ebene multilateraler Vereinbarungen und Deklarationen im Rahmen von AU, aber auch sub-kontinentaler Organisationen wie etwa der pçìíÜÉêå=^ÑêáÅ~å= aÉîÉäçéãÉåí=`çããìåáíó=(SADC). Die Umsetzung dieser multilateralen Standards in nationale Politiken ist allerdings nach wie vor stark defizitär. Dieser kontinentale Konsensus wurde vor allem durch die beiden grundlegenden Windhoek-Konferenzen zur Pressefreiheit(1992) und zur Rundfunkfreiheit(2001) 1 vorbereitet. Kodifiziert wurden die dort vereinbarten Grundsätze für die AU durch die^ÑêáÅ~å=`çããáëëáçå= Ñçê= eìã~å=~åÇ= mÉçéäÉëÛ= oáÖÜíë(ACHPR) 2 in ihrer aÉÅä~ê~íáçå= çÑ= mêáåÅáéäÉë= çå= cêÉÉÇçã= çÑ= bñéêÉëëáçå= áå=^ÑêáÅ~= aus dem Jahr 2002. Diese Deklaration genügt allen internationalen Ansprüchen, ja, sie kann durchaus als beispielhaft auch für andere Kontinente gelten. Diese Deklaration bildete also einen idealen Bezugsrahmen für die IndikatorenEntwicklung. In vier Sektoren entstanden so 42 Indikatoren für die Debatte und Bewertung der Mediensysteme und ihrer praktischen Umsetzung in den Ländern des Kontinents. Die Indikatoren sind als ideale Ziele formuliert. Die vier Sektoren gliedern sich in folgende Bereiche 3 : 1 Windhoek Conference on the Independence of the Media 1992; Windhoek Conference on the African Charta on Broadcasting 2001 2 Die ACHPR ist das offizielle AU-Organ mit dem Mandat der Interpretation der African Charter on Human and Peoples’ Rights, die für alle AU-Mitgliedsstaaten verbindlich ist. 3 Der vollständige Indikatoren-Katalog ist bei www.fesmedia.org.na unter African Media Barometer nachlesbar. 4 Meinungs- und Medienfreiheit E“cêÉÉÇçã= çÑ= ÉñéêÉëëáçåI= áåÅäìÇáåÖ= ÑêÉÉÇçã= çÑ=íÜÉ=ãÉÇá~I=~êÉ=ÉÑÑÉÅíáîÉäó=éêçíÉÅíÉÇ=~åÇ=éêçãçíÉÇKÒF== Medienvielfalt,-Unabhängigkeit und Lebensfähigkeit E“qÜÉ=ãÉÇá~=ä~åÇëÅ~éÉ= áë=ÅÜ~ê~ÅíÉêáòÉÇ=Äó=ÇáîÉêëáíóI=áåÇÉéÉåÇÉåÅÉ=~åÇ=ëìëí~áå~ÄáäáíóKÒF= Rundfunkregulierung und öffentliche Rundfunkveranstalter E“_êç~ÇÅ~ëíáåÖ= êÉÖìä~íáçå= áë= íê~åëé~êÉåí=~åÇ= áåÇÉéÉåÇÉåíI= íÜÉ= ëí~íÉ= Äêç~ÇÅ~ëíÉê= áë= íê~åëÑçêãÉÇ=áåíç=~=íêìäó=éìÄäáÅ=Äêç~ÇÅ~ëíÉêKÒF Medienpraxis und qualitative Standards E“qÜÉ= ãÉÇá~= éê~ÅíáÅÉ= ÜáÖÜ= äÉîÉä= çÑ= éêçÑÉëëáçå~ä=ëí~åÇ~êÇëKÒF= Nächster Schritt war die Beantwortung der Frage, wer soll die Selbsteinschätzung vornehmen und nach welcher Methodik? Die Entscheidung fiel für ein k~íáçå~ä= m~åÉä, bestehend aus bis zu 10 Personen, jeweils zur Hälfte aus dem Medienbereich(Medienschaffende, MedienWissenschaftler und –Eigentümer) und aus anderen Bereichen der Zivilgesellschaft (Menschenrechts-organisationen, Gender, Kirchen, Gewerkschaften etc.). Ausdrücklich ausgeschlossen sind Vertreter von Regierungen und Funktionsträger politischer Parteien. Dies ist Ausfluss der Forderung der o.g. AU-Deklaration, dass Medien unabhängig von staatlicher und politischer(sowie wirtschaftlicher) Einflussnahme operieren können. Die Teilnehmer werden(von dem jeweiligen Partner im Land) ausgesucht nach dem Grundsatz, dass sie in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich über möglichst breite Kenntnisse und Einfluss verfügen. Sie sind allerdings Panel-Mitglieder in ihrer individuellen Kapazität, nicht als Vertreter ihrer jeweiligen Organisationen. Außerdem ist darauf zu achten, dass auch die Interessen der Menschen in ländlichen Regionen vertreten sind. Diese Panels gehen dann in einer zweitägigen Klausur unter Anleitung eines externen Moderators Punkt für Punkt durch die Indikatoren. Dieser Moderator sollte über eine fundierte Medienkenntnis verfügen und muss mit dem Anliegen und der Methodik des Barometers vertraut sein, auf die Einhaltung der“Spielregeln” achten, darf sich aber in inhaltliche Debatten nicht einmischen. Die Diskussion vollzieht sich in der Regel derart, dass zu dem jeweiligen Indikator zunächst ein faktischer Informationsaustausch(wie sehen die jeweiligen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen aus, welche besonderen nationalen Probleme gibt es?) stattfindet, um möglichst einen gemeinsamen Informationsstand zu erreichen, daran schließt sich dann eine bewertende Diskussion an. Die qualitative Diskussion wird dann abgeschlossen mit einer quantitativen(geheimen) Bewertung( ëÅçêáåÖ) anhand der folgenden Skala: 5 1)`çìåíêó=ÇçÉë=åçí=ãÉÉí=íÜÉ=áåÇáÅ~íçêK= 2)`çìåíêó=ãáåáã~ääó=ãÉÉíë=~ëéÉÅíë=çÑ=íÜÉ=áåÇáÅ~íçêK= 3)`çìåíêó=ãÉÉíë=ã~åó=~ëéÉÅíë=çÑ=áåÇáÅ~íçê=Äìí=éêçÖêÉëë=ã~ó=ÄÉ=íçç=êÉÅÉåí=íç= àìÇÖÉK= 4)`çìåíêó=ãÉÉíë=ãçëí=~ëéÉÅíë=çÑ=áåÇáÅ~íçêK= 5)`çìåíêó=ãÉÉíë=~ää=~ëéÉÅíë=çÑ=íÜÉ=áåÇáÅ~íçê=~åÇ=Ü~ë=ÄÉÉå=ÇçáåÖ=ëç=çîÉê=íáãÉK= Warum diese quantitative Bewertung? Sie hat nicht das Ziel, in einem o~åâáåÖ Noten an einzelne Länder zu verteilen. Vielmehr liegt der Erwartungs-Schwerpunkt eindeutig auf dem Ergebnis der qualitativen Diskussion und deren Schlussfolgerungen. Dennoch hat das pÅçêáåÖ seinen Sinn. Es zwingt die Teilnehmer zur Fokussierung auf ein zunächst individuelles Diskussionsergebnis und verstellt damit die verbale Fluchtmöglichkeit des“sowohl als auch”. Und die Analyse der Gesamtheit individueller Bewertungsergebnisse erlaubt gelegentlich interessante Rückschlüsse auf z.B. Themenbereiche, die von den Teilnehmern kontrovers gesehen werden(bei stark divergierenden Bewertungen), auch wenn das aus den verbalen Diskussionen nicht unbedingt ablesbar war. Inhalt und Verlauf der Diskussionen werden dabei von einem Rapporteur festgehalten, der auf dieser Basis den Länderbericht verfasst. Dabei werden die Äußerungen nicht einzelnen Teilnehmern zugeordnet, sondern anonym behandelt. Der Rapporteur muss, wie alle anderen Teilnehmer(mit Ausnahme des Moderators) auch, aus dem jeweiligen Land stammen, bei der Auswahl sind hohe Qualitätsanforderungen anzulegen. Der Entwurf wird dann zunächst den Teilnehmern für eventuelle Anmerkungen zugeleitet, bevor er dann durch einen von den Veranstaltern beauftragten Koordinator(in der Regel der Moderator der Diskussion) auf ein einheitliches Format gebracht wird, um die Vergleichbarkeit mit anderen Länderberichten zu gewährleisten. Inhaltliche Korrekturen sind dem Koordinator nicht erlaubt. 3. Spielerei oder handlungsorientiertes Entwicklungsinstrument? Welchen Zweck verfolgen die beteiligten Organisationen mit diesem Instrument? Es besteht Einigkeit, dass es sich bei dem Afrika Medien-Barometer nicht um eine neue wissenschaftliche Arbeitsmethode handelt, sondern um ein Lobby-Instrument zur Beförderung politischer und gesellschaftlicher Reformdebatten. Es geht also nicht darum, ein Kompendium objektiver und faktischer Natur zu erstellen. Das leisten auch andere internationale Indices nicht, die ebenfalls auf den Einschätzungen von tatsächlichen oder vermeintlichen Experten beruhen. Der entscheidende Unterschied des Medien-Barometers zu vergleichbaren anderen internationalen Ansätzen, ist der, dass hier ausschließlich nationale Experten zu Wort kommen, bis hin zur Formulierung des Länderberichts. Damit besteht die Chance sowohl zu einem höheren Grad an Authentizität, vor allem aber an Akzeptanz im jeweiligen nationalen politischen und gesellschaftlichen Kontext. Die 6 Fluchtmöglichkeiten derer, die sich kritisch angesprochen fühlen, den Länderbericht als ein Produkt aus New York oder Passau abzutun, entfällt. Das Barometer soll ein Instrument zur Messung von Entwicklung im Bereich von Mediensystemen und ihrer tatsächlichen Praxis sein. Dazu reicht eine Momentaufnahme(und nur das können die bislang vorliegenden Länderberichte sein) natürlich nicht aus. Deshalb ist die Absicht, diesen Prozess in den beteiligten Ländern in einem festen Rhythmus zu wiederholen. Ob dafür der bislang geplante Zweijahres-Rhythmus der richtige ist, oder ob die Messung von signifikanten Veränderungen nur in größeren Zeiträumen sinnvoll und möglich ist, muss die künftige Praxis erweisen. Ein durchaus erwünschter Nebeneffekt für das FES-Medienprojekt ergibt sich daraus, dass mit den Länderberichten auch ein neuartiges Evaluierungsinstrument für Erfolge(und Misserfolge) der eigenen Projektarbeit geschaffen wird. Und zwar in Form einer Bewertung aus den Projektländern selbst, und das ist im Zweifel ehrlicher und aussagekräftiger als jede andere übliche Form interner oder externer Evaluierung. 4. Erste Erfahrungen aus der Anwendung Die Schilderung von Motivation und Entwicklung des Barometer-Konzepts macht deutlich, dass es in dieser Phase eine reine Kopfgeburt, ein theoretischer Ansatz war. Würde es den Praxis-Test bestehen? Würden sich gestandene und selbstbewusste Partner in ein solches, durch die vorgegebenen Indikatoren genau fixiertes Diskussionskonzept pressen lassen? Würden sie das Ergebnis, trotz des verordneten Rahmens, als ihr eigenes Produkt akzeptieren? Und würde sich der Widerspruch auflösen lassen, dass das Barometer einerseits den Anspruch einer afrikanischen Selbsteinschätzung erhebt, andererseits aber eine europäische Organisation wie die FES an der Entwicklung und Implementierung des Konzeptes intensiv beteiligt war und ist? Alle diese Fragen waren und sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie wurden(und werden vermutlich weiter) von Teilnehmern gestellt(“Was habt Ihr hier mit uns vor?” Deutlicher kann man innere Distanz kaum artikulieren!). Diese sehr real existierenden Vorbehalte sind nicht durch verbale Argumentationen auszuräumen. Sie werden meist zu Beginn der Klausuren artikuliert. Hier ist der Moderator zunächst gefordert. Er spielt bei der Umsetzung eine zentrale Rolle. Er oder sie muss die Hintergründe, die“Philosophie” des Vorhabens vermitteln können. Der Trick, der sich bisher sehr bewährt hat, ist der, dass den Teilnehmer nach der Einführung in den Prozess versichert wird, dass alle diese kritischen Fragen sorgfältig festgehalten und in der abschließenden Evaluierung der Klausur wieder aufgenommen werden(was dann natürlich auch passieren muss!). Ansonsten wird zunächst um Vertrauensvorschuss in die“Spielregeln” gebeten. Und die bisherigen 7 Erfahrungen belegen, dass viele dieser Fragen am Ende durch den praktischen Ablauf beantwortet sind. Den regelmäßigen Evaluierungen mit sehr ernsthaft geführten Diskussionen verdanken die Organisatoren wichtige Hinweise beispielsweise auf unzureichend formulierte Indikatoren(die natürlich berücksichtigt worden sind). Noch wichtiger waren aber die durchgängig geäußerten Bewertungen, dass diese Form der Klausur, die von Beginn die volle Beteiligung aller Teilnehmer herausfordert, die besonders bedeutsame Frage der lïåÉêëÜáé obsolet werden ließ. Für die meisten Teilnehmer sind Form und Ablauf der Klausur eine völlig ungewohnte Erfahrung. Sie sind gewohnt, zu Seminaren mit einer Tagesordnung eingeladen zu werden, die sie meist zu weitgehend passiven Empfängern von Informationen macht. Ganz anders bei den Barometer-Klausuren: es sind die Teilnehmer selbst, die die Diskussionen, deren Inhalte und Ergebnisse bestimmen. Bei allen bislang durchgeführten Barometer-Klausuren war die Arbeits- und Diskussionswut der Teilnehmer kaum zu bremsen, nachdem die ersten Vorbehalte meist sehr schnell überwunden waren. Zur Frage, wie denn die Vorgabe eines klaren- und im Kern nicht diskutablen Diskussionsrasters(durch die Indikatoren) und die Rolle einer deutschen politischen Stiftung in dem Prozess bewertet werde, gab es in einem Fall ein seltenes(und vom Verfasser als durchaus auch zweifelhaft empfundenes) Kompliment: die in der Form zum Ausdruck kommende deutsche Disziplin habe erst die stringente und fokussierte Arbeit ermöglicht. Und gegen diese Form der Einflussnahme sei schließlich nichts einzuwenden. Zwei weitere, fast überall artikulierte Evaluierungs-Ergebnisse waren: Erstens der individuelle und gemeinsame Erkenntnis-Gewinn für die Teilnehmer aus den gemeinsamen Debatten. In mehreren Klausuren entwickelte sich im Verlauf der Diskussion ein kollektiver Konsens, gemeinsam identifizierte Defizite nun auch in gemeinsamen Aktionen anzugehen. Beispielsweise ist in Namibia ein erneuter Anlauf verabredet worden, die bislang zwar formal existierende, aber nicht funktionierende Einrichtung eines Selbstkontrollorgans der Medien praktisch umzusetzen, das über die Einhaltung professioneller und ethischer Standards in den Medien wachen soll. In Sambia sind Aktionen gegen pressefeindliche Gesetze, die noch aus der Kolonialzeit stammen, vereinbart worden. Und die Teilnehmer in Botswana, immer wieder als demokratisches Musterland in Afrika gepriesen, sprachen von einer“Demokratie ohne Demokraten”. Hier liegt auch ein deutlicher Erkenntnisgewinn für die Medienorganisationen selbst und ihrer nationalen und internationalen Partner(einschließlich der FES). Aber darüber hinaus erweisen sich inzwischen die bislang vorliegenden Länderberichte als wahre Fundgrube von Informationen über die Situation von Medien in den betroffenen Ländern. Um all dieses Wissen derart komprimiert zusammen zu tragen, hätte es ansonsten großer Anstrengungen(und vermutlich auch eines erheblich größeren Aufwandes an Zeit und finanziellen Mittel) bedurft. 8 5. Wie geht’s weiter? Das Afrika Medien-Barometer hat sich(mit Ausnahme von Kenia) in der Entwicklungs- und Erprobungsphase zunächst auf das südliche Afrika konzentriert. Das ergab sich einerseits logisch aus der engen Zusammenarbeit mit MISA, auf der anderen Seite durch die geografische Begrenzung auch des FES-Medienprojekt auf den südlichen Teil des Kontinents. MISA hat beschlossen, 2006 das Barometer in den restlichen 6 Ländern des Sub-Kontinents durchzuführen, in denen die Medienorganisation durch nationale Organisationen vertreten ist. Damit wird Ende 2006 ein nahezu kompletter Überblick über die Situation in allen SADC-Staaten vorliegen. 2007 sollen dann die ersten Wiederholungen in den Ländern stattfinden, die erstmals 2005 untersucht wurden. Innerhalb der FES und gemeinsam mit Partnern im Medienbereich wird gegenwärtig diskutiert, ob und wie eine Ausweitung auf Westafrika und Ostafrika angestrebt werden kann. Ein Problem scheint dabei zu sein, dass es in diesen Regionen Afrikas keine handlungsfähigen Medien-Regionalorganisationen mit Verankerung in den Mitgliedsländern gibt, wie etwa MISA im südlichen Afrika. Für Westafrika könnte sich nach ersten Gesprächen eine Partnerschaft mit der jÉÇá~=cçìåÇ~íáçå=Ñçê=tÉëí= ^ÑêáÅ~ ergeben, die sich zwar nicht(wie MISA) auf Mitgliedsorganisationen in den einzelnen Ländern stützen kann, aber über ein funktionierendes Netzwerk von nationalen Korrespondenten verfügt. In Ostafrika ist die Debatte zwar noch nicht so weit gediehen, aber immerhin war 2005 Kenia bereits einbezogen. Tansania wird 2006 deshalb folgen, weil das Land als einziges in Ostafrika Mitglied von SADC ist und ein k~íáçå~ä=`Ü~éíÉê von MISA hat. Bei jeder Ausweitung innerhalb Subsahara-Afrika aber gilt bis auf weiteres, dass zunächst nur die Länder erwogen werden können, in denen die FES nationale Projekte unterhält. Der Grund liegt darin, dass sich in Vorbereitung und Durchführung die inhaltliche und organisatorische Unterstützung durch die nationalen Büros als unabdingbar erwiesen hat. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass die FES die gesamte finanzielle Last alleine tragen muss. Bereits im südlichen Afrika sind die Barometer-Klausuren in Angola, Mosambik und Swaziland durch qÜÉ= kÉíÜÉêä~åÇë= fåëíáíìíÉ= Ñçê= pçìíÜÉêå=^ÑêáÅ~(NiZA) finanziell ermöglicht worden. Aber auch in diesen Ländern gilt, dass die FES für die Auswahl und das Training der Moderatoren die Verantwortung trägt. Bislang stehen jeweils ein Moderator für den anglophonen und den lusophonen Sprachraum zur Verfügung. Insgesamt muss sich die FES das Recht vorbehalten, dass Name und Methodik dieses neuen Instruments nicht ohne Beteiligung und Zustimmung des FES angewandt werden. Diese Einschränkung hat sich deshalb als notwendig erwiesen, weil das 9 Interesse an dem Barometer in anderen Teilen Afrikas und darüber hinaus bereits jetzt so groß ist, dass in Einzelfällen ohne Wissen und Beteiligung der FES ähnliche Vorhaben in Gang gesetzt wurden, die jedoch nicht den gleichen Qualitätsstandards und der gleichen Methodik unterlagen. Deshalb mussten Vorkehrungen getroffen werden, um der Gefahr zu begegnen, dass dieses Instrument durch inadäquate Nachahmungen diskreditiert werden könnte. Insgesamt hat die Friedrich-Ebert-Stiftung aber naturgemäß das Interesse, dass dieses neue Instrument so breit wie möglich eingesetzt und die Ergebnisse genutzt werden. * Peter Schellschmidt ist Leiter des Medienprojekts für das Südliche Afrika der Friedrich- Ebert-Stiftung mit Sitz in Windhoek/Namibia. (peter.schellschmidt@fesnam.org.na) 10