Opfer und Täter der SED-Herrschaft Lebenswege in einer Diktatur XVI. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Leipzig 19. und 20. Mai 2005 Dokumentation Gefördert durch die Erich-Brost-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung XVI. Bautzen-Forum 19.– 20. Mai 2005 Grußworte Matthias Eisel 6 Harald Möller 8 Michael Böhmer 11 Referate Joachim Gauck: Lebenswege in der SED-Diktatur 14 Podiumsdiskussion: Opfer und Täter: Der schwierige Umgang mit der Vergangenheit Ulrike Poppe, Pavel Kohout, Friedhelm Boll 43 Moderation: Stefan Nölke Schülerprojekt der Mittelschule Doberschau: 72 Sowjetische Speziallager in der SBZ/DDR Referate Jörg Morré: Von den Sowjets zur Deutschen Volkspolizei. 80 Das Wachpersonal im Speziallager Bautzen Ingrid Kerz-Rühling: Verräter oder Verführte? 89 Zur psychoanalytischen Untersuchung inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit Stefan Trobisch-Lütge: Das späte Gift. Folgen politischer 102 Traumatisierung in der DDR und ihre Behandlung 4 Inhalt Podiumsgespräch: Repressions- und Hafterfahrungen in der SBZ/DDR Ingeborg Linke, Günter Brendel, Werner Heinze, 112 Thomas Lukow Moderation: Tobias Hollitzer Sonderveranstaltung in der Gedenkstätte Bautzen Barbara Ludwig: Grußwort 135 Pavel Kohout: Wo der Hund begraben liegt 139 Teilnehmer und Autoren des 150 XVI. Bautzen-Forums Bautzen-Foren im Überblick 152 Impressum 155 Inhalt 5 Matthias Eisel Vorbemerkung „Opfer und Täter der SED-Herrschaft – Lebenswege in einer Diktatur“ lautete die Überschrift des XVI. Bautzenforums der Friedrich-Ebert-Stiftung im Mai 2005. Zum Anliegen dieses Forums gehörte natürlich, den Opfern der SED-Herrschaft stärker noch Gewicht und Gesicht zu verleihen für ihren aktiven Widerstand, für erlittenes Unrecht, Willkür und Tod. Damit wäre zugleich auch ein wesentlicher Antrieb für diese erinnerungspolitische Arbeit unserer Stiftung im Rahmen der jährlichen Bautzen-Foren beschrieben. Eine Arbeit übrigens, zu deren Erfolg das Bautzen-Komitee e.V. mit seinem Vorsitzenden Harald Möller und die Gedenkstätte Bautzen und ihre Leiterin Silke Klewin wiederum entscheidend beigetragen haben. Bei der im Thema gleichermaßen gestellten Auseinandersetzung mit der Täterseite ging es nicht darum, zu rechtfertigen oder zu relativieren. Die Täter scheinen ohnehin stärker im öffentlichen und medialen Interesse zu stehen als ihre Opfer. Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe verwies bei einer Forumsdiskussion darauf und sagte, im allgemeinen Verständnis würden den Tätern Attribute wie stark, mächtig und überlegen zugeschrieben. Die Opfer hingegen riefen zumeist eher Scham und Schuldgefühle hervor. Um jedoch das Geschehene besser noch begreifen zu können, ist es von Bedeutung und wichtig, sich mit den Tätern zu befassen. Ohne deren Lebenswege, Motive und Funktionen im Herrschaftssystem der SBZ/DDR sind Mechanismen und 6 Vorwort Wesen der SED-Diktatur nicht zu erfassen. Entscheidend in diesem Sinne stellt sich dabei die Frage, was Menschen zu Tätern werden ließ und lässt, und in welchen gesellschaftlichen Verhältnissen und Bedingungen dies geschehen kann. Ingrid Kerz-Rühling beispielsweise kam bei ihrer Untersuchung ehemaliger Stasi-IM zu drei grundlegenden Motiven, weshalb Menschen zu Tätern wurden: Angst, Opportunismus und Überzeugung. Dass selbst eine solche wissenschaftlich-nüchterne Betrachtung von Funktionsträgern und Mitläufern des SED-Regimes die ehemals Verfolgten heute noch schmerzt und ihnen die Auseinandersetzung damit schwer fällt, war bei diesem Forum einmal mehr zu erleben. Wie interessiert junge Leute, die keinerlei Erinnerungen an die DDR mehr mitbringen, an diesen Fragen sind, hat das Forum auch gezeigt. Die Möglichkeit, mit Zeitzeugen sprechen zu können, berührte sie sehr emotional. So fragte eine Schülerin in der Diskussion:„Wenn die älteren Herrschaften schon nicht verstehen, wie so etwas passieren konnte, wie sollen wir das dann verstehen?“ Wie schwierig, auf der anderen Seite aber auch wie einfach es ist, eine differenzierte Sicht vom Leben in der DDR zu gewinnen, demonstrierte eindrucksvoll Joachim Gauck mit seinem Vortrag, bei dem er eine „Durchschnittsbiografie“ im SED-Staat zwischen Kindergarten, Schule und Beruf, fernab von unmittelbarer politischer Verfolgung, Staatssicherheit oder Gefängnis zeichnete. Er vermied den Begriff DDR-Bürger und sprach von„Staatsinsassen“. Denn die Bezeichnung DDR-Bürger führe in die Irre, weil ja gerade grundlegende Bürgerrechte permanent vorenthalten wurden. Um im realsozialistischen System zu bestehen, hätten die Menschen eine pragmatische Vernunft entwickelt, die gewohnt gewesen sei, sich zu arrangieren. Dass in der DDR alles„seinen sozialistischen Gang“ gegangen sei, ermögliche nun allerdings einen nostalgischen Blick zurück. Typisch für die ostdeutsche Retrospektive auf die DDR sei eine„Trias des gezinkten Erinnerns“, die nur auf Vollbeschäftigung, Sicherheit und einen angeblichen Zusammenhalt blicke, so Joachim Gauck. Dass es sich bei solcherart Verklärung nicht um eine ostdeutsche Besonderheit handelt, machte der tschechische Schriftsteller und Bürgerrechtler Pavel Kohout deutlich, der zu den maßgeblichen Stimmen des Prager Frühlings 1968 in der CˇSSR gehörte. Er appellierte gerade auch an die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums, die Demokratie zu leben und zu verteidigen; denn eine Demokratie könne man in 24 Stunden stürzen, doch brauche es Jahrzehnte, um wieder zu ihr zurückzukehren. Matthias Eisel 7 Harald Möller Grußwort Opfer und Täter der SED-Herrschaft – eine Problematik, die uns Opfer seit den Tagen der Wende unablässig beschäftigt. Deshalb erachten wir es für besonders wichtig, dass diese Frage weiterhin diskutiert wird und zu möglichen neuen Erkenntnissen führen kann. Wir sind daher der Friedrich-Ebert-Stiftung – und hier dem Regionalbüro Leipzig – dankbar, dass das XVI. Bautzen-Forum sich mit dieser Thematik unter Hinzuziehung namhafter Persönlichkeiten beschäftigt. Wir wissen, wie gerade der frühere Bundesbeauftragte der Unterlagen für die Staatssicherheit, Herr Joachim Gauck, sich von Amts wegen mit dem Täterkreis beschäftigen musste, wir wissen auch, dass Herr Pavel Kohout zu denen gehörte, die Teilnehmer am Prager Frühling waren und sich ganz besonders in eine Opferrolle hinein denken kann und auch die Problematik mit den Tätern kennt. Aus den Schilderungen unserer Kameradinnen und Kameraden erfahren wir immer wieder, dass eine Vielzahl von Funktionären der untergegangenen DDR – zu denen auch Täter gehören – auch heute wieder an den Schaltstellen von Ämtern und Behörden, sogar in hohen Staatsfunktionen tätig sind und die Wohltaten der von ihnen früher verteufelten Bundesrepublik mit Freuden genießen, während unsere Kameradinnen und Kameraden, wie schon jedes Jahr erneut dargestellt, zum Teil am Existenzminimum leben müssen. Diese Existenzen sind nicht nur Nutznießer, sondern auch Künder einer verharmlosenden Gesellschaft. Erst im vergangenen Jahr hat das Bundesverfassungsgericht eine Entscheidung gefällt, einem Teil von Rentnern die bisher gekürzten Zusatzrenten zu zahlen. Das soll bis Mitte des Jahres umgesetzt werden. Dabei lässt das Bundessozialministerium erkennen, dass mehrere hundert Spitzenfunktionäre der DDR davon ausgeschlossen werden sollen. Dagegen sollen für bis zu 12 000 Rentner, die in niedrigen staatsnahen Funktionen tätig waren, die Altersbezüge angehoben werden. Sie können zudem mit zum Teil fünfstelligen Nachzahlungen rechnen. Wir sind sehr gespannt, welche Personengruppen unter diese niedrigen staatsnahen Funktionsträger fallen. Diese Renten fallen im Übrigen den Haushalten der neuen Bundesländer zur Last und wir wissen, was das für die neuen Bundesländer bedeutet, und sind besonders 8 Grußwort dankbar, dass die beiden demokratischen Parteien im Sächsischen Landtag wesentliche finanzielle Beiträge für unsere Opfer geleistet haben und sich auch weiterhin für uns im Rahmen einer Opferrente einsetzen wollen. Sie sollten aber auch daran denken, dass in der Gegenwart ein Täterkreis noch unter uns lebt, der weiterhin den Versuch unternimmt, das vergangene Leid entweder vergessen zu machen oder es in beschönigender Weise zu verfälschen. Es ist uns bisher nicht begreiflich, dass zwar immer von einer rechtsextremen Szene gesprochen wird, die unsererseits voll abgelehnt wird und die auch wir bekämpfen, die linksextremen Täterkreise aber kaum noch Erwähnung finden. Vollends unverständlich wird es, wenn in einer angesehenen Zeitung wie„Die Welt“ von einer Projektleiterin beim Kulturbüro Sachsen berichtet wird, die hauptsächlich im Schulbereich wirkt, und den Antifa-Gruppen bescheinigt,„unverzichtbar zu sein“ – obgleich diese oft aus militanten Autonomen bestehen. Oder wenn sie es begrüßt, dass auf Demos gegen rechts PDS und Antifa rote Fahnen schwenken. Es ist allerdings für uns beruhigend, dass Sachsens Staatsregierung bezweifelt, dass linke Gruppen die rechtslastigen Bevölkerungskreise vor Extremismus bewahren können. Andererseits ist jedoch festzustellen, dass in einer„Dresdner Erklärung“ vom SepHarald Möller 9 tember 2004 gegen Rechtsextremismus die PDS, in deren Reihen sich mit Sicherheit auch noch Täter befinden, in einem Atemzug mit den demokratischern Parteien genannt worden ist. Wir haben Verständnis dafür, dass sich in der praktischen Arbeit durch einen hohen Prozentanteil von PDS-Abgeordneten im Sächsischen Landtag gemeinsame Arbeitsprojekte nicht vermeiden lassen, aber es darf nicht dazu kommen, dieser umbenannten SED Partei einen demokratischen Anstrich zu geben. Ein Thema, das seit Bestehen des Bautzen-Komitees immer wieder angesprochen werden muss, ist die Tatsache, dass es bis heute immer noch nicht gelungen ist, den Kampf unserer Kameradinnen und Kameraden gegen eine übermächtige und von null Kenntnis geprägte Versorgungsverwaltung zu gewinnen. Dankenswerterweise haben sich Ende letzten Jahres einige unserer ehemaligen Häftlingsärzte mit einer Buchveröffentlichung„Zwischen Bautzen und Workuta“ an alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages gewandt und aus ärztlicher Sicht zum wiederholten Male auf diese Probleme aufmerksam gemacht. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat es im Rahmen des Bautzen-Forums möglich gemacht, ein besonderes Kapitel„Folgen politischer Traumatisierung in der DDR“ in die Veranstaltung aufzunehmen durch den Leiter der Beratungsstelle„Gegenwind“, Herrn Stefan Trobisch-Lütge. Inwieweit das jedoch zu einem für uns verbesserten Zustand führen wird, ist mehr als zweifelhaft. Ein Wort des Dankes möchte ich aber auch dem Landratsamt in Bautzen und dem Oberbürgermeister der Stadt Bautzen für ihre Hilfsbereitschaft uns gegenüber widmen. Wir als Bautzen-Komitee haben uns zum Ziel gesetzt, dass wir die Leidenszeit der kommunistischen Gewaltherrschaft nicht vergessen lassen werden, solange wir dazu in der Lage sind und weiterhin für Freiheit und Demokratie eintreten. 10 Grußwort Michael Böhmer Grußwort Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich zum XVI. Bautzen-Forum hier in unserer Stadt. Seit 1990 lädt die Friedrich-Ebert-Stiftung zu dieser Veranstaltung ein, die an die Opfer politischer Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR erinnert. Seit dieser Zeit ist es für die Verantwortlichen der Stadt selbstverständlich, sich in dieses Forum einzubringen. Ich möchte Ihnen die Grüße von Oberbürgermeister Christian Schramm überbringen, der Verpflichtungen des Sächsischen Städte- und Gemeindetages wahrnehmen muss. Ich habe gern heute seine Vertretung Michael Böhmer 11 übernommen, denn seit langer Zeit verfolge ich selbst dieses Forum mit viel Interesse und großer Anteilnahme. Das Thema des diesjährigen Forums halte ich für besonders wichtig und komplex:„Opfer und Täter der SED-Herrschaft – Lebenswege in einer Diktatur“. Es stellt viele Fragen an uns: Wer war Opfer? Wer war Täter? Lassen sich Lebenswege in einer Diktatur auf diese beiden Formen reduzieren? Gab es Möglichkeiten, sich den Mechanismen einer Diktatur völlig zu entziehen? Was ist mit dem viel zitierten Leben in der Nische – konnte es seine„Unschuld“ bewahren? Die wissenschaftlichen Antworten sind eindeutig: Totalitarismus ist ein geschlossenes Gesellschaftssystem. Wer nur die Techniken und Methoden dieses Systems betrachtet, greift zu kurz. Es ist gerade das Kennzeichen solcher Diktaturen, dass an sich gute Absichten und Methoden pervertiert und missbraucht werden. Also gibt es kein richtiges Leben im falschen System? Es ist diese Schlussfolgerung, meine ich, die viele Menschen hier im Osten verbittert und enttäuscht. Die schlichte und fundamentale Totalitarismus-Kritik darf nicht dazu führen, dass die konkrete Lebenszeit des Einzelnen in einem solchen System ganz allgemein als schlecht, schuldbeladen und verdächtig wahrgenommen wird. Die meisten Menschen haben sich ja nicht ausgewählt, so zu leben, sie sind da hineingeraten. Aber natürlich hängt es von ihren individuellen Eigenschaften und Stärken ab, ob und wie weit sie sich von dem System haben missbrauchen lassen. Denn gerade in einem solchen totalitären System bestimmen Kraft und Integrität, Moral und Glaubensstärke des Einzelnen, ob er der ständigen Indoktrination widerstehen kann oder nicht. Das ist die Verantwortung, die jeder hat. Übrigens sind das Eigenschaften, die man auch in einer Demokratie braucht und deren Fehlen wir oft genug beklagen – aber sie haben nicht die Konsequenzen wie in einer Diktatur, weil das System offen, demokratisch und lebendig ist. In Bautzen haben junge Leute in Zusammenarbeit mit dem DeutschSorbischen Volkstheater ein interessantes Stück inszeniert, es heißt „Die Welle“. In dem Stück stellen Schüler heute ihrer Lehrerin die verständnislose Frage, wie sich Menschen in Diktaturen haben zwängen lassen. Und die Lehrerin demonstriert ihnen in einem Projekt, wie auch sie sich ganz leicht für solche Ideen einfangen ließen. Nur ein einziges Mädchen widersteht dem Zwang der Gruppe und wehrt sich. Die Inszenierung der Schülerinnen und Schüler wird hoffentlich noch viele, vor allem junge Zuschauer finden. Denn das halte ich für besonders wichtig: Die jungen Leute heute müssen begreifen, welche 12 Grußwort Mechanismen totalitäre Systeme benutzen, wie man sich in den Netzen solcher Demagogen verfängt, wie man sich dagegen wehrt, wie man unsere Demokratie stärken kann. Gerade heute ist das wichtig, denn die NPD hat in Sachsen ja längst wieder eine erschreckend starke Basis gefunden. Deshalb sind Foren wie dieses wichtig, und ich hoffe sehr, es finden viele junge Leute den Weg hierher, um die Erfahrungen und Geschichten derjenigen zu hören, die z. B. hier in Bautzen in den Gefängnissen und Speziallagern gelitten haben. Ich wünsche dem XVI. Bautzen-Forum viel Erfolg und bin gespannt auf die Antworten, die Sie zu diesem Thema finden werden. Michael Böhmer 13 Joachim Gauck Lebenswege in der SED-Diktatur Einen schönen guten Tag, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde. Es ist lange her, als ich zuletzt hier war und trotzdem fühle ich mich gleich so, als ob ich dazugehören würde. Gott sei Dank habe ich hier nicht im Knast gesessen – also nicht, dass ich mir das auch noch wünschen würde. Aber die Lebenswege, Lebensschicksale, auch die Kämpfe vieler von Ihnen habe ich mit verfolgt, begleitet, und zum Teil – nach meinen Kräften – auch unterstützt. So wie Sie mit Ihren Verbänden und als Individuen versucht haben, in unserer neuen, erweiterten Demokratie zu Ihren Rechten zu kommen. Der Kampf um die Würdigung der Opfer der kommunistischen Diktatur ist noch nicht zu Ende. Nach wie vor haben viele in 14 Referate Deutschland das Gefühl, als sei die langjährige kommunistische Diktatur eine zu vernachlässigende Größe. Vielleicht gar nicht so sehr in der Regierungspolitik des Bundes und der Länder – mehr im allgemeinen Bewusstsein. Und wir werden in den nächsten Jahren zunehmend erleben, dass es zwei Arten von Erinnerungskulturen in Deutschland gibt: einmal die wirklich fest eingeübten Formen des Erinnerns an das nationalsozialistische Gewaltregime. Das ist vorgedrungen bis in weite Kreise, es vereinigt Konservative, Linke und Liberale. Da gibt es gefestigte Grundüberzeugungen. Dies ist eine Frucht der westdeutschen Politik, nicht so sehr der ostdeutschen. Es ist eine Frucht der westdeutschen Kultur, der Zivilgesellschaft, die nach der 68er-Bewegung Schuld, Scham und auch das Reden über Verantwortung in den Mittelpunkt öffentlicher Diskurse gestellt hat. In den Nachkriegsjahren hat das das konservative Deutschland zuerst nicht so gut gefunden. Aber dann, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, gehörte es zu unserer nationalen Kultur dazu, dass wir wissen, wozu dieses Land fähig war und, dass das weitergegeben wird. Manchmal sogar in übertriebener Weise, sodass man die jungen Leute eher abstößt als einlädt. Es gibt politisch auch einen Grundkonsens bezüglich der DDR-Diktatur. Der ist wunderbar in ganz deutlichen Formen niedergelegt worden, zum Beispiel in den Papieren der Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Dort steht, dass wir beide totalitären Herrschaftsformen angemessen aufarbeiten, dass Demokraten mit beiden Herrschaftsformen nichts am Hut haben. Das ist alles im Grunde genommen formuliert für das politische Deutschland. Aber im allgemeinen Bewusstsein klafft da doch eine Lücke. Ich bin neulich in den Deutschen Bundestag eingeladen worden, um meine Meinung mit abzugeben, ob es erforderlich ist, mehr zu tun für Gedenkstätten, die an das kommunistische Unrecht erinnern. Sie erinnern sich an die Beschlusslage hier im Sächsischen Landtag und an den Antrag der Unionsfraktion des Bundestages, der dann zu einigen Kontroversen geführt hat. Ich habe den Abgeordneten gesagt, dass dieser Rückstand der Anerkennung im allgemeinen öffentlichen Bewusstsein doch zu sehen ist. Und es ist ganz einfach: vier Fünftel der Deutschen haben nie unter dem Kommunismus gelebt. Und das sind ferne Schmerzen. Und selbst wenn Sie als ehemalige Bautzen-Häftlinge dann im Westen gelebt haben und Teilhaber der westlichen kulturellen Entwicklung Joachim Gauck 15 waren, dann konnten Sie ja in besonderer Weise spüren, wie wenig das eigentlich Ihre Mitmenschen interessierte. Es sind bestimmte Kreise, die das interessiert hat – es gibt natürlich Arbeitskreise, Freundeskreise, Verbände, die das interessiert – aber dass wir in Deutschland ein allgemeines Bewusstsein dafür hätten, dass der Kommunismus als Herrschaftsform ein Angriff auf die Grundwerte der Demokratie und der Menschenwürde darstellt, das ist kein sicheres Bewusstsein. Da könnte man fast sagen, dass Sie, die sie hier in Bautzen gesessen haben, umsonst gelitten haben. Aber das ist nicht so. Wir befinden uns auf dem Weg eines Bewusstseinswandels. Da aber die politische Aufklärung sich im Tempo einer Schnecke bewegt, werden wir noch viele Jahre, vielleicht noch ein Jahrzehnt darum ringen müssen, dass das, was für uns ein sicheres Wissen ist, im kulturellen Gedächtnis der Nation befestigt wird. Daran wirken wir mit. Wir erschweren den nicht betroffenen Menschen die Annahme des Inhaltes, den wir bearbeiten wollen, dieser generellen Verwerfung der kommunistischen Diktatur, wenn wir ihnen allzu oft mit sich überschlagender Stimme und glimmenden Augen von unseren Leiden erzählen. Das ist so. Vielleicht brauchen wir mit der Zeit auch einen ruhigeren Diskurs über das, was unser Leben einst ruiniert hat, was die Demokratie ruiniert hat. 16 Referate Das kann nicht jeder, aber einige können es ja doch. Es ist übrigens auch möglich, dass erst die Generation, die auf die Leidensgeneration folgt, die eigentliche Wende im öffentlichen Bewusstsein bringt. Nicht die Betroffenen von Schuld im Dritten Reich, die in den Mörderbanden unterwegs waren und die weggeschaut haben, die Zeitgenossen, die Anlass hatten, ihre Schuld zu bekennen, nicht die haben den Umschwung im geistigen Deutschland gebracht, sich mit Schuld und Scham zu beschäftigen, sondern eine unschuldige Generation, nämlich die Generation der Söhne und Töchter der Kriegsteilnehmer. Die haben die große Veränderung im öffentlichen Bewusstsein im westlichen Deutschland organisiert. Und es könnte sein, dass Sie, die Sie zu der älteren Generation gehören, dass unsere Generation trotz der Nähe zum Leiden – aber vielleicht auch wegen der Nähe zum Leiden – die schwächeren Argumente und die weniger wirksamen Strategien hat. Das ist manchmal bitter, aber Sie dürfen davon ausgehen, dass selbst wenn Sie einmal nicht mehr kämpfen können, weil Sie einfach zu alt sind, oder weil Sie das Zeitliche gesegnet haben, dass dann Söhne und Töchter da sein werden, die für Ihre einst geraubte Würde eintreten werden. Und dass die das, was Sie erlitten haben, ins Gedächtnis dieser Nation einprägen werden, ob Sie reden können oder nicht. Darauf können Sie sich verlassen. Wenn ich also in Deutschland auftrete mit meinen Erfahrungen – nicht nur aus der Gauck-Behörde, sondern auch als langjähriger DDR-Bürger – dann verfolgt das immer auch dieses Ziel: uns immer wieder, quasi wie in einer Psychotherapie, nachholend klar zu machen, was eigentlich mit einem Land geschehen ist, das unter einer Diktatur ganz normal gelebt hat. Und wenn Sie mir heute den Auftrag gegeben haben, über Lebenswege in der Diktatur zu reden, dann habe ich mir vorgenommen, heute einen Weg in meinem Vortrag zu gehen, den Sie sicher nicht erwarten. Ich könnte mir ja aus jeder dieser Bankreihen eine oder zwei Personen ausgucken, einige kenne ich, einige haben ja auch ihr Schicksal veröffentlicht. Ich könnte so das Schicksal eines Menschen nachzeichnen, der jung gewesen ist, als die DDR jung war, der in Bautzen oder in Sachsenhausen oder in Buchenwald eingesessen hat. Ich könnte dann erzählen, wie er behandelt wurde und all das, was Sie viel, viel besser wissen. Unendlich oft haben Sie mit anderen, untereinander über diese Leidens- und Unrechtsphasen gesprochen. Ich will das nicht tun, das könnten Sie als die Betroffenen viel besser. Ich habe mir vorgenommen, Ihren Blick auf Menschen Joachim Gauck 17 zu lenken, die niemals im Knast waren, die ganz normal in der DDR gelebt haben. Die auch, wenn wir uns hier zu solchen Versammlungen treffen, sagen, ach Gott, was machen die denn da, die haben ja wohl in einem anderen Land gelebt. Und ich möchte, indem wir ganz normales DDR-Leben an uns vorbeiziehen lassen, Sie als die ehemaligen politischen Häftlinge nicht kränken. Ich sehe Sie mit Ihrem Recht, die Vergangenheit lebendig zu halten. Aber wir müssen auch einmal die andere Seite ins Blickfeld nehmen, denn ein Land ist nicht nur von dem geprägt, was es seinen Opfern antut, die zu Unrecht Opfer waren. Sondern es ist auch dadurch geprägt, was mit seinen Funktionseliten geschieht, was mit den normalen Bürgern geschieht. Und deshalb bitte ich Sie um ein wenig Verständnis und Geduld, wenn ich diesen Weg gehe. Das wird für Sie vielleicht langweilig sein, da kann ich nichts machen, politische Bildung ist ja nicht immer spannend, aber meistens notwendig. Da können Sie auch sagen, lieber Gauck, was Sie sagen, wissen wir schon alles. Gut, dann spreche ich für die drei, vier jungen Leute, die sich nicht so gut an die Diktatur erinnern können, die hier heute irgendwo unter uns sind. Ich stelle mir einmal vor, ich wäre nicht aus meiner Familie – viele von Ihnen wissen, dass ich selber zwar nicht im Knast war, aber mein Vater 1951 von zu Hause abgeholt wurde, als ich elf war und noch drei jüngere Geschwister hatte. Ich erzähle nicht davon, wie er von einem sowjetischen Militärtribunal in Schwerin am Demmlerplatz zu zwei mal 25 Jahren verknackt wurde, die er dann in Sibirien verbringen sollte. Gott sei Dank wurden es dann nur fünf, denn auch Diktatoren sind sterblich, so auch der Diktator Stalin. Von all dem will ich nicht erzählen, das haben wir andernorts schon oft gemacht. Außerdem ist er ja wiedergekommen und ein DDR-Mensch geworden, na ja, ein Deutscher, der in der DDR lebte, sagen wir mal. Also von solchen Geschichten nichts. Ich könnte mir irgendeine Frau ausgucken. Ich mache das manchmal, wenn ich im Westen Vorträge halte, um den Westmenschen den Ostmenschen zu erklären. Der Ostmensch ist ja anders. Mancher Taxifahrer, mit dem ich so in Köln fahre, denkt sich, wie wäre die Welt schön ohne die Ossis. Mancher hat zu mir gesagt, er möchte die Mauer wieder haben. Nicht weil man direkt gegen die Ossis wäre, aber wir geben ihnen das ganze Geld, die nehmen das, dann gehen sie hin und wählen die PDS. So hört man das dann. Dann sagst du ihnen, nein, nur ein bestimmter Teil wählt die PDS oder die Rechtsradikalen, die meisten wählen so wie Sie auch. Das 18 Referate ist ihm egal, er will seine Mauer wieder haben, weil die Ossis undankbar sind. Wir sind natürlich aufgeklärt, wir wissen das besser als der Stammtisch. Es gibt keine Charaktermauer zwischen den Deutschen, die an der Elbe wäre. Hier die undankbaren und jaulenden Ossis, dort der edle und arbeitsame Wessi. So stimmt das nicht. Und trotzdem müssen wir begreifen und merken es immer wieder: Es gibt noch heute einen signifikanten Unterschied zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen, der sich bei Wahlen und Umfragen zu Grundeinstellungen, etwa zur Freiheit, niederschlägt. Glauben Sie, dass unser Staat mit den Problemen, die er hat, fertig werden kann? Darauf werden immer signifikant mehr Westdeutsche positiv antworten als Ostdeutsche. Bei dem Vergleich Freiheit – Gleichheit werden immer mehr Ossis der Gleichheit das Wort reden, obwohl sie im Ossiland nie gleich gehalten wurden. Sie hatten nie gleiche Rechte. Trotzdem finden sie Gleichheit ganz toll und Freiheit eher problematisch. Bei der Bewertung des Rechtsstaates und des Wirtschaftssystems ist es ähnlich. Es gibt in der politischen Kultur Ostdeutschlands einen kulturellen Rückstand gegenüber dem Westen. Niemand soll mich falsch verstehen, das hat nichts mit der Qualität der Menschen zu tun. Das hängt mit Trainingsmöglichkeiten zusammen, die man hatte, oder nicht hatte. Es hängt damit zusammen, ob man in der Schule einen FDJ-Sekretär wählt oder eine Klassensprecherin. Ob man eine Gewerkschaft im Betrieb kennen lernt, die diesen Namen verdient, oder ob die Gewerkschaft, wie hier im Osten, eine Agentur der Staatsmacht ist. Ob man eine Personalvertretung wählt, die wirklich die Interessen der Arbeitnehmer vertritt, oder ob das bloß Show ist. Ob wir uns zusammenrotten zur„Schule der sozialistischen Arbeit“, wie das in unseren Betrieben der Fall war. Viele, viele Schritte der Ermächtigung des einzelnen Bürgers gehören zum Aufwachsen in einer Zivilgesellschaft. Aber ich wollte Ihnen ja erzählen, wie ich es mache, wenn ich den Wessis erkläre, wie man ein Ossi wird. Ich spreche da nicht von Stasi. Wissen Sie, Eingriffe der Geheimpolizei, das kann sich keiner so richtig vorstellen, ebenso wenig wie Zuchthaus. Ich fange sachte an. Ich erzähle vom Leben, wenn es anfängt, wenn man in die Schule kommt. Ganz konkret an einem bestimmten Menschen, z. B. einem kleinen Mädchen. Ich würde sie„die kleine Marie“ nennen, Sie wäre sechs Jahre alt und ich würde sagen, wir befinden uns in Bautzen in Sachsen. Wir stellen uns vor, wie es ist, wenn wir sechs Jahre sind. Wir werden eingeschult, bekommen eine SchulJoachim Gauck 19 tüte. Wir sind schon in einer Zeit, als es wieder Schultüten gab nach dem Krieg. Wir gehen also in die Schule und nach sechs Wochen kommen wir nach Hause und sagen zu Mama: Mami, Mami, wir werden Jungpioniere! Wir bekommen ein blaues Halstuch und ein Röckchen und unser Gruß ist„Seid bereit! Immer bereit!“. In diesem unschuldigen Alter denkt man sich noch nichts bei so einem Gruß. Und dann sagt die Mama, also weißt du denn schon, was das ist, Marie. Nee, sagt sie, aber das wird schön, wir singen und basteln und wandern. Na ja, sagt Mama, ich hab das ja nun hinter mir, ich bin eigentlich nicht so dafür. Wir sind doch auch in der Kirche und das brauchen wir doch alles nicht. Und dann sagt die kleine Marie: aber doch, Mami. Aber nein, Marie, sagt die Mutter. In dem Moment stellt sich die kleine Marie vor, wie es nächste Woche in der Schule sein wird. Wo wird sie stehen, wenn die anderen ihr blaues Halstuch umbekommen und ihr Röckchen anhaben. Ist sie in der Ecke, ist sie draußen? Die Vorstellung, dass sie etwas anderes machen muss als die ganze andere Klasse verwirrt das kleine Mädchen so sehr, dass sie anfängt zu weinen. Da steht sie vor der Mutter und weint; die Mutter will nicht, dass sie sich freut. Na gut, das können nur wenige Mütter ab. Und dann sagt sie, ach Gott, Marie, wenn ich das schon sehe mit deinem Heulen, also machs in Gottes Namen, aber beschwer dich hinterher nicht, dass es dir nicht gefällt. Marie strahlt, sie ist 20 Referate glücklich, sie darf Jungpionier werden. Wir können ja nicht so langsam weiterfahren, das erste Schuljahr durch, das zweite, das geht ja nicht. Ich muss also Einschnitte machen. Und den nächsten Einschnitt mache ich jetzt in der vierten Klasse. Marie ist zehn, kommt nach Hause, Mami, Mami, wir werden jetzt Thälmann-Pioniere. Ach Gott, denkt die Mama, aber die Mama sagt nichts mehr, denn sie erinnert sich an einen unglückseligen Tag Ende des ersten Schuljahres. Das war so: Marie hatte zu Hause ein Gespräch zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter in der Küche belauscht, das so laut und lustig war, dass sie unbedingt dabei sein wollte. Sie sollte aber nicht in der Küche sein, und so horchte sie ein bisschen um die Ecke. Was war der Grund der Heiterkeit der älteren Generation? Es war der Genosse Honecker. Den Genossen Honecker kannte sie gut. Die Genossen Honecker oder Ulbricht hingen immer an den Frontseiten unserer Klassenzimmer, wo früher Kaiser Wilhelm hing. Wenn er wenigstens lieb gewesen wäre. Aber er hing da rum und unterdrückte uns und brachte die Eltern zum Beispiel in die Kolchose, die sie LPG nannten oder Volkseigenes Gut, einige auch nach Bautzen. Also, was war geschehen? Ein Honecker-Witz. Am nächsten Tag in der Schule sagt Marie, erste Klasse: Frau Müller, Frau Müller, ich weiß was vom Genossen Honecker. Ach ja, steh auf, Marie, erzähl. Marie fängt an, den Witz zu erzählen, natürlich kommt sie nicht bis zu Ende, ist ja klar. Nach zwei Sätzen sagt die so nette, freundliche Frau Müller: Marie, setzen! In der Pause zu mir! Na ja, Sie wissen ja, wie es dann so ging, viele von Ihnen sind ja gebrannte Kinder. Marie geht in der Pause zur Lehrerin. Sie kriegt einen Auftrag mit: Sag bitte deinen Eltern, heute Abend bin ich da zum Elterngespräch. Ich besuche deine Eltern, ich hab was mit ihnen zu besprechen. Und Sie wissen das ja auch, wie das Gespräch nun abends abging. Ein kurzer Hinweis genügt. Ja wissen Sie, was machen Sie eigentlich mit Ihrer Tochter? Wissen Sie eigentlich, dass das ein Straftatbestand ist? Wenn das Kind erwachsen wäre, würde es vor Gericht stehen. Sie haben Ihr Kind wohl überhaupt nicht gern! Die Mutter verbittet sich das und sagt, das sei sicher ein Missverständnis. Aber die Lehrerin sagt, na hören Sie mal zu, erste Klasse, da können die Kinder noch nicht unterscheiden. Die sagen immer alles eins zu eins. Erzählen Sie mir bloß nichts von Missverständnissen. Das muss die Mutter einsehen. Sie hält den Mund, bloß dass die Lehrerin endlich rausgeht. Abends gibt es Familienkonferenz zwischen Mann und Frau und es fällt ein Joachim Gauck 21 Beschluss. Der Beschluss lautet: Wenn Marie im Zimmer ist, sprechen wir nicht mehr über Politik. Gut, das haben wir ja alles auch erlebt. Das ist ja auch ganz rational. Man will das Kind ja nicht in Schwierigkeiten bringen. Wenn wir uns aber einen Augenblick aus der Geschichte heraus bewegen und die Situation von oben anschauen: Familienkonferenz und diesen Beschluss, den die beiden fassen. Dann würden wir heute sagen: Zwei Menschen verabreden sich gerade, dem Menschen, der ihnen am liebsten ist auf der ganzen Welt, nicht mehr das zu sagen, was sie wirklich denken. Wenn du das so vollziehst, dann merkst du das gar nicht, was ich hier eben in einer„Draufsicht“ beschrieben habe, sondern du spürst nur, es ist vernünftig. Und wir spüren, schon in der ersten Klasse kann uns eine Art pragmatische Vernunft begegnen, die sich immer arrangiert, die nie die Zivilcourage anspornt, sondern immer der Anpassung dient. Deshalb haben kluge Leute auch formuliert, es gibt Situationen, da dient die Ratio der Unterwerfung. Und hier in diesem kleinen Beispiel sehen wir, wie nicht besondere Bosheit, sondern ein ganz nüchternes Kalkül dazu führt, dass einem kleinen Mädchen nicht mehr gesagt wird, wie es wirklich ist in der Welt, um die Kleine nicht in Schwierigkeiten zu bringen. So also sagt die Mutter kaum etwas, als Mariechen in der vierten Klasse begeistert ist von den Thälmann-Pionieren. Mama, Ernst Thälmann war der größte Deutsche und die Faschisten haben ihn umgebracht. Aber bei uns sind die Faschisten ja nicht mehr, die sind ja im Westen, Mama. Und wir tragen den Namen von Ernst Thälmann. Und wir wollen ein besseres Deutschland bauen, ein sozialistisches. Und vielleicht kann ich Gruppenratssekretärin werden. Die Mutter hebt die Hufe und sagt, nun mal langsam, versuchs doch lieber erst mal mit Kassiererin oder Kultur. Sie kennt ja das Ganze. Aber die Kleine ist ganz wild, sie will natürlich Chefin sein. Klar. Alle sollen sie bewundern. Und Mami, wir kriegen jetzt das rote Halstuch, das weißt du ja. Und immer noch„Seid bereit! Immer bereit!“ Und die Mama tritt so hin und her – aber sie sagt nichts. Also geht die Kleine da rein. Es geht seinen sozialistischen Gang, würde Erich Loest sagen. Und sie wird nicht Gruppenratssekretärin, weil irgendwie dafür gesorgt wird, dass das ein anderer Junge wird, der ein noch besseres Elternhaus hat. Aber das wird sie erst später mitbekommen. So, und wir könnten jetzt so weiter gehen. Dann kommt die achte Klasse, dann ist nicht mehr„Seid bereit! 22 Referate Immer bereit!“, dann ist„Freundschaft!“ Beide Grüße wurden von den Jugendorganisationen aus dem großen Sowjetreich übernommen. Wir sind ja im Grunde Teil davon und nebst unseren ganzen stinkenden Briketts und klapperigen Autos aus der Frühzeit des Automobilismus eine ganze historische Epoche weiter als die westliche Welt, nicht wahr?! Das muss man sich ja immer sagen. Wenn einem die Pleiße zu sehr stinkt oder die Luft zu sehr verpestet ist, oder wir uns zu sehr ärgern. Wir sind aber eine ganze historische Epoche weiter. Und das wird eben befestigt in den Organisationen, in der Schule. Und die Mama muss jetzt, als Marie kommt und sagt, wir werden jetzt FDJler, schon nicht mehr so viel sagen. Denn irgendwie kennt Marie jetzt andere Jugendliche, die haben ihr Platten gebracht mit ganz heißer Musik. Sie hört auch im Radio und im Fernsehen die Westtitel. Und sie hat eine Oma, die ist aus Hamburg. Und die wird jedes Jahr wichtiger, je älter Marie wird. Also Oma ist die Lieferantin der Jeans, und Oma ist so frech, die schmuggelt in der Unterwäsche die BRAVO rüber. Und wenn man also die BRAVO liest oder Mama den OTTO-Katalog, dann hat man ein bisschen Rüstzeug gegen den tristen Alltag der sozialistischen Schule. Und so sind diese Jugendlichen eigentlich schon ein bisschen gespalten. Wir sehen jetzt in diesem Alter deutlicher, was alle Menschen eigentlich prägt, die in diesem Umfeld aufwachsen: ein deutliches Phänomen der Spaltung. Ich habe das schon angedeutet, als ich von der kleinen Marie sprach. Natürlich ist die nicht immer so blöd geblieben wie in der ersten und vierten Klasse. Ende der vierten Klasse ist sie schon eine kleine Diplomatin. Sie hat jetzt plötzlich begriffen, was man zu Hause und im Freundeskreis sagen kann und was man in der Schule sagt. Sie hat, wenn sie dann in der achten Klasse ist, einen perfekten„Doppelsprech“ drauf. Sie weiß, was man auf der Party sagen muss, auch wenn man zum Pastor geht oder zum Konfirmandenunterricht – falls man da überhaupt noch hingeht – und was man dann in der Schule sagt in Staatsbürgerkunde, oder was man eben sagt, wenn Gruppenversammlung ist. Man muss ja ein bisschen auf Ordnung achten. Denn wenn Sie aufwachsen in diesem Staat, dann wissen Sie ja, wie die Schule ist: dass man aufsteht, wenn der Lehrer reinkommt. Dass man ihn freundlich grüßt. Dass einer vortritt und sagt, Herr Soundso, ich melde, Klasse 7b vollständig zum Chemieunterricht angetreten. Und natürlich hatte man jeden Montag Fahnenappell. Joachim Gauck 23 Manche fragen, was, ist das Militär? Nein sage ich, das ist die normale Schule. Aber es muss doch Ordnung herrschen. Also wir versammeln uns vor Schulbeginn am Montag: Blaue Fahne des Jugendverbandes, Republikfahne, Rote Fahne, heiße Sprüche, unsere Kluft an, und manchmal muss auch gesungen werden zum Entsetzen der älteren Schüler, nachher wird das vom Tonband abgespielt. All die heißen Lieder von Arbeitermacht, von der großen Sowjetunion, von Hans Beimler und wie sie alle heißen. Dann stehst du da, und es sieht ganz furchtbar martialisch aus. Die Hälfte der älteren Schüler denkt sich sonst was dabei, macht Witze. Die Kleinen sind brav und andächtig. Und wenn du die Schule verlassen hast, wird alles für die Katz sein – nicht alles, aber darauf kommen wir später. Jetzt sind wir noch ein bisschen in der Schule. Ich muss einfach alles erzählen was dazugehörte, einen DDR-Bürger herzustellen. Und du machst also mit, und du bist dann im jugendlichen Alter, wenn du normal bist, nicht mehr so total überzeugt, aber du weißt, was du zu sagen hast. Du machst dein Ding. So, nun werden wir älter, zehnte Klasse. Schauen wir uns noch mal die Schule an. Jetzt sind wir ja ein bisschen älter geworden, die DDR ist auch schon ein bisschen älter geworden. Und jetzt wollen wir noch einen Aspekt hervorheben, den ich die ganze Zeit noch nicht erwähnt habe. Seit dem Kindergarten sind die Kleinen schon damit vertraut gemacht worden, dass da, wo wir wohnen, ja die Guten sind. Und die Guten müssen sich aber schützen. Der Friede muss bewaffnet sein. Und deshalb haben wir schon in unserem Kindergarten Kriegsspielzeug, viele Soldaten, Panzer und so etwas. Das muss man den Westmenschen erzählen, die glauben das nämlich nicht, denn die hatten das nicht in ihren Kindergärten. Aber ich darf Sie noch einmal daran erinnern, dass wir das hatten, und wir wachsen ganz früh damit auf. Im„Bummi“, dem Heft für Vorschulkinder ist abgebildet, wie der Soldat am Kasernentor steht, er heißt Hans-Jürgen. Es gibt ein schönes Lied dazu: das kleine Kind fragt, was machst du da. Ja, spiele du nur, ich wache. Kindergartenzeit, alles sehr lustig. Aber später wird es auch ein bisschen ernster, es geht schrittweise. Erinnern Sie sich an das Wort„Manöver Schneeflocke“. Sehr lustig! Man geht raus, es ist keine Schule, wir gehen in den Wald, es ist meistens Winter, wir werfen mit Schneebällen, es wird auch gemessen, wie weit wir werfen. Später verwandeln sich die Schneebälle in Gegenstände – Schlagbälle oder auch handgranatenähnliche Gegenstände. Und 24 Referate so ertüchtigen wir uns im„Manöver Schneeflocke“ und in vielen, vielen anderen Sachen. Wenn Sie heute umhergehen und nach Schulerinnerungen fragen, können Sie oft hören, ach ja, es war eigentlich ganz lustig. So wie Oma und Opa aus der Hitlerzeit erzählen. Wie war das immer lustig! Beim BDM und bei der HJ. Die Lagerfeuer und die Lieder, die wir gelernt haben, und die Kameradschaft. War auch nicht alles schlecht beim Führer, nicht. Und es war dann auch nicht alles schlecht im Sozialismus. So spricht der nachgeborene DDR-Mensch, wenn man ihn in Ruhe lässt. Er schaut sich seine Nostalgiefilme an, sieht da Katharina Witt in Blauhemd oder in Pionierkluft. Unendlich geschmacklos für unsereiner, aber der Normal-Ossi erfreut sich daran. Ich war bei„Manöver Schneeflocke“. Das ist ja noch irgendwie easy. Aber es geht ja noch weiter. Die zehnte Klasse kommt auf uns zu – wir sind immer noch nicht in einer Kadettenanstalt, sondern in der normalen Schule – das Fach Wehrunterricht. Die Jungs werden von jetzt ab 14 Tage vor den Sommerferien eingekleidet, kriegen eine Uniform an, kriegen Waffen – es sind noch Kleinkalibergewehre – lernen exerzieren und schießen, und werden auf die Rolle als Soldat vorbereitet, als Verteidiger der Heimat. Die frühe DDR ist ja längst vergessen, als niemand mehr eine Waffe in die Hand nehmen sollte, die Hände abfaulen und so weiter, das hat man längst vergessen, Pazifismus ist out. Ach übrigens, unsere Mädchen müssen auch was tun. Die kriegen einen kleidsamen Drillich an und lernen, die Verwundeten zu versorgen. Dann gibt es auch ernsthafte Übungen. Da kann etwa die Hälfte einer Kreisstadt abgesperrt werden und es gibt eine Atomübung. Es ist sehr furchtbar ernst. Denn wir wissen ja, es gibt eine ständige Bedrohung. Denn der Klassenfeind wird nicht ruhen. Er lässt den Sozialismus nicht. Um uns an die Gefahr zu erinnern, liebe Landsleute, gehen jeden Mittwoch um eins im ganzen Land die Sirenen. Von der größten Stadt bis zum kleinsten Dorf. Sie erinnern uns daran, dass wir Feinde haben, die bald mit ihren Flugzeugen über uns herfallen werden und den Sozialismus angreifen werden. Sie werden den Erfolg des Sozialismus, der sich unweigerlich auf der ganzen Welt fortsetzen wird, nicht dulden. Die Kapitalisten! Ich erzähle ein bisschen ironisch, das ist vielleicht falsch, aber ich kann manchmal nicht anders. Na gut, also gehen wir mal zurück. Was passiert dann? Dann sucht man sich ein paar Menschen, auch ein paar Rentner, die werden Joachim Gauck 25 dann weiß gekalkt, hingelegt, unsere Mädels müssen dann diese Menschen bergen, die nun Opfer eines heimtückischen Atomangriffs geworden sind. Übrigens sind sie darauf vorbereitet, denn im Lehrbuch zum Wehrunterricht gibt es auch die Situation, was mache ich, wenn der Atomschlag kommt. Also zum Beispiel, wir sitzen in der Klasse und der Angriff erfolgt. Was machen wir? Wir stehen ganz schnell auf und laufen unter die Fenster, legen uns dort hin, denn dann ist es leichter mit dem Atomschlag. Wenn du aber unterwegs bist, fährst zum Beispiel im Trabant nach Berlin, der Atomschlag kommt von vorne, was machst du? Du hältst an und duckst dich so hinter das Lenkrad. Dann geht es besser mit dem Atomschlag. Nun denken Sie, ich betreibe hier Kabarett, aber das denkt man ja manchmal, wenn man von damals erzählt. Leider ist das völliger Ernst. Und für einige dieser Ratschläge gab es sogar Abbildungen in dem Lehrbuch, das für dieses Fach verwendet wurde. Dieses Buch durfte nicht mit nach Hause genommen werden. Es war nicht erlaubt, dieses Buch den Eltern zu zeigen. Es verblieb in der Schule, wurde dort im Schrank eingeschlossen. Pastor Gauck, der ich damals war, hatte das Glück, es einmal zu sehen, daher kann ich Ihnen so schöne Geschichten erzählen. Denn ein Junge aus meiner Jungen Gemeinde hatte es„hochgezogen“. Das entsprach zwar nicht den Zehn Geboten, aber es war in diesem Fall eine läss26 Referate liche Sünde, ich glaube, er hat es auch wieder mitgenommen. Und es hat viel zu meiner Aufklärung beigetragen, dass ich wusste, was nun in den Schulen vorgeht, in denen auch meine eigenen Kinder zur Schule gehen. Dann gehen wir mal ein bisschen weiter. Wir lassen jetzt das Fach Wehrkunde, es gibt ja auch noch andere Fächer, die ganz vernünftig sind. Wir wollen uns jetzt einmal den Freund von Marie angucken, denn sie ist in die Jahre gekommen und hat jetzt einen Freund, der heißt Paul. Paul ist eigentlich ein Früchtchen. Er sieht zwar gut aus, aber er mag das Lernen nicht. Wie es so ist in diesen Schulen, ab der siebten Klasse kommt immer regelmäßig, einmal im Jahr mindestens, Besuch von einem Major vom Wehrkreiskommando. Und wenn die dann so 13, 14 sind, dann erklärt man ihnen, sie wollen ja mal Abitur machen, und bei 15, 16 erst recht. Und die, die Abi machen können und zur EOS gehen, die gehören zur Elite. Das sagt man denen. Die verwenden wirklich das Wort „Elite“. Wir sind zwar Arbeiter- und Bauernstaat, und du denkst, die eigentliche Elite krebst dort im Matsch als Arbeiter und Bauern. Aber nein, die sagen dir jetzt, auf der Oberschule wirst du Elite, und dafür wirst du ja jetzt dem Staat ganz unheimlich dankbar sein. Na ja, die sind jetzt schon in einem Alter, wo man nicht mehr so reagiert wie die kleine Marie in der ersten und vierten Klasse. Sie denken an alle möglichen Gruppen, die radaumäßige Musik machen, aber weniger an die Nationale Volksarmee. Das findet der Major nicht gut, und er erzählt noch mehr, wie nützlich das ist, dem Staat zu dienen. Und sie sollten doch mal überlegen, ob sie hier nicht mal unterschreiben, auf diesem Zettel, länger zu dienen in der Nationalen Volksarmee, wenn sie das Abitur später mal fertig haben werden. Nun, was macht man in dem Fall? Man kratzt sich am Kopf und sagt, ich muss das mal mit den Eltern besprechen. Wir haben uns entschlossen, auf Paul zu schauen. Pauls Vater ist Arzt, und er möchte, dass sein Sohn auch Arzt wird. Jetzt sind wir Zeuge eines Gesprächs abends in Pauls Elternhaus. Und Paul sagt, da war heute ein Typ vom Wehrkreiskommando, ich glaube er war Major. Wir sollen unterschreiben, dass wir drei, besser zehn oder am liebsten 25 Jahre Armee machen nach dem Abi. Das mach ich doch nicht. Aber der Vater hat da noch eine Frage: Sag mal, mein Lieber, wie ist eigentlich dein Leistungsdurchschnitt? Paul sagt, er wisse das nicht so genau. Und dann kommt heraus: 2,8. Nun hatten wir im Osten nur bis 5 und nicht bis 6. Also 2,8 und Medizin Joachim Gauck 27 studieren, das geht nicht. Als der Alte das hört, sagt er nur einen Satz: Morgen gehst du hin und unterschreibst! Geben wir denen was, geben die uns was. Die Mama tröstet ihn und sagt: Paulchen, du bist doch erst 16, unterschreib doch ruhig, du bist doch noch minderjährig, du kannst doch später immer noch was anderes machen, das bindet dich ja gar nicht. Also geht Paul hin und unterschreibt. Als er unterschrieben hat, sind seine Freunde Peter und Frank schlecht dran. Denn wenn sie nicht unterschreiben, was sind sie dann? Sie stehen auch nur 2,3 und 2,4 und wollen auch studieren. Was sind sie dann? Staatsfeind oder was? Also unterschreiben die auch. Er tröstet die auch und sagt, wir sind ja noch minderjährig. Ja, kurz vor dem Abi, als Paul 18 ist, kommt der Herr vom Wehrkreiskommando wieder, d. h. der Genosse Major. Er sagt, na, meine Herren, wollen wir uns ein bisschen unterhalten? Ja nun, was sagt denn jetzt Paul, 18 geworden, volljährig? Was wird er nun sagen, kurz vor dem Abitur? Wird er zu dem Major sagen: Schweinebande, ich hasse euch, meine Unterschrift gilt nicht, ich war minderjährig, April, April. Oder wird er das Maul halten, auf die Zähne beißen, und warten, ob er irgendwie anders drum herum kommt, vielleicht ist er ja krank. Mal sehen. Nun, ihm fällt nichts ein, er ist auch erschreckend gesund und er wird drei Jahre gehen. Er hat Glück, man gibt ihm nachher ein anständiges Stipendium, und er kann Medizin studieren. Einen Augenblick bleibe ich noch bei Paul. Jetzt ist er nicht mehr Schüler, er hat drei Jahre gedient, er hat studiert. Wir treffen ihn wieder, er hat eine gute Doktorarbeit gemacht, er ist junger Assistenzarzt an einer Universitätsklinik. Und wir kommen in eine Situation, die habe ich mir extra aufgehoben für den Vortrag: es ist Kadergespräch – im Westen heißt das Personalgespräch. Aber das ist nicht so schlimm, denn sein Vorgesetzter ist sein Doktorvater, der Institutsdirektor, der ihm ein schönes Thema gegeben hat und seine Arbeit mit summa cum laude benotet hat. Der Anlass ist auch unheimlich erfreulich, der junge Doktor kriegt ein Angebot. Der Professor sagt, Mensch, ich wollte Sie schon lange sprechen. Ja, worum geht’s denn, Herr Professor? Um Sie, mein Lieber. Sie haben so eine wunderbare Doktorarbeit geschrieben. Ja, bei so einem Doktorvater... Also kommen wir mal zur Sache. Die Arbeit ist gut und Sie setzen mal noch einen drauf, forschen da weiter, habilitieren sich mit demselben Thema und in sechs Jahren geht der Kollege X in Ruhestand, da gibt es eine wunderbare Perspekti28 Referate ve für Sie, hier wartet eine Professur. So, nun gehen Sie mal wieder operieren. Ach, Herr Professor! Er ist total glücklich, eine Glücksstunde zwischen zwei Generationen. Ein junger und ein alter Mediziner sind sich ganz nahe gekommen. Mensch, das muss ich meiner Frau erzählen. Es ist Mittagspause, er darf mal kurz nach Hause. Aber an der Tür wird er noch mal zurückgerufen. Ach, junger Freund, ich vergaß noch eine Frage, sind Sie eigentlich schon Mitglied in unserer Partei? Da muss man den Wessis ja erst mal erklären, was das bedeutet, „unsere Partei“. Es gibt doch fünf! Aber unsere Partei ist natürlich die, das wissen wir, wenn wir dort in dem Land leben, deren Führungsanspruch in der Verfassung steht. Ein Westmensch kann sich das nicht vorstellen, dass wir eine Verfassung hätten, wo drin steht: die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist die führende politische Kraft der Bundesrepublik Deutschland. Das kann man sich nicht vorstellen, das geht nicht in unseren Kopf. Aber auch bei der Christdemokratischen geht es nicht in unseren Kopf, auch nicht bei der Freien Demokratischen und auch nicht bei den Bündnisgrünen. Es würde auch keiner auf die Idee kommen, so etwas in ein Grundgesetz reinschreiben zu wollen. Aber in dem Land, in dem wir leben, steht es seit Urzeiten drin. Nicht immer, aber irgendwann ist es reingekommen, und nun steht es da. Deshalb versteht jeder, wenn in einem Kadergespräch einer sagt, sind sie eigentlich in unsrer Partei, dass dieser Sprecher nicht meint in unserer Block-CDU, LDPD, Bauernpartei, Nationaldemokratischen Partei, sondern er meint die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Da war unser junger Doktor nun nicht drin. Ganz blöd war er ja nicht. Er war nur ein ganz normaler DDR-Bürger. Als solcher weiß er auch sofort, was man in einer solchen kritischen Situation machen muss. Feindschaft darfst du nicht zeigen, Ablehnung auch nicht. Du musst alles auf dich nehmen. Und so setzt er blitzschnell sein erprobtes DDR-Allerweltslächeln auf, schaut den Direktor des Instituts von unten an – was schwierig ist, weil er zwei Köpfe größer ist – lächelt ihn unschuldig an und bekennt: Ach wissen Sie, Herr Professor, für diese wichtige Frage fühlte ich mich bisher noch nicht reif genug. Nicht reif genug, das müssen Sie sich mal vorstellen, der junge promovierte Akademiker. Der Alte denkt, er hört nicht richtig. In diesem Moment zerbricht eine eben aufgeblühte Männerfreundschaft zwischen Jung und Alt. Der Alte verabschiedet den Jungen sehr kühl. Er denkt bei sich – innerer Joachim Gauck 29 Monolog – was ist denn mit der Jugend los? Wissen die nicht, wo der Hammer hängt? Hab ich mich damals gefragt, als ich in den Scheiß-Verein eingetreten bin, ob ich reif bin, oder was? Und die, was zieren die sich? Sind die irgendwie was Besseres? Er findet den jungen Doktor unerträglich arrogant. Er bereut fast, ihm dieses Angebot zu machen, sich bei ihm habilitieren zu lassen. Das kann ja heiter werden, wenn der nicht eintritt. Wie steht er dann da? Was soll er in der Parteiversammlung sagen. Kühler Abschied. Der junge Doktor geht nach Hause und dort ist seine junge Gattin. Es ist eine nette Beziehung, man hat schon ein bisschen Geld gespart. Vor sieben Jahren hat man einen höherwertigen PKW Marke„Wartburg“ bestellt. In sieben weiteren Jahren würde man dieses Auto bekommen und man denkt vielleicht auch an ein Eigenheim. Dies würde allerdings noch etwas länger dauern. Und wenn man Professor ist, kommt man schneller dahin, diese schönen Dinge zu kaufen. Nun also kommt der Doktor zu seiner jungen Frau und erzählt von dem Gespräch und wie er zu dem Professor gesagt hat, er fühle sich noch nicht reif genug. Oft sage ich zu den anwesenden Damen, wir spielen mal die Szene nach, nur im Kopf. Und ich sehe dann an ihren Gesichtern, was abgeht in ihnen. Wie haben Sie sich entschieden, meine Damen, was haben Sie damals zu Paul gesagt? Haben Sie gesagt – Variante A – Mensch Paul, du bist super, um den Hals geflogen, Bussi, Bussi. Ich wollte schon immer einen, der nicht zu allem Ja und Amen sagt. Oder haben Sie – Variante B – gesagt: Sag mal Paul, wie alt bist du eigentlich, wo lebst du eigentlich, musst man dir alles beibringen, und haben ihm einen Vogel gezeigt? Also heute ist das ja einfach, heute wollen sie immer alle Variante A gewählt haben. Aber wenn ich sie mir dann so angucke, da bin ich mir nicht so ganz sicher. Viele dieser Damen hätten Variante B gewählt, ist doch klar, denn sie sind ja normal, und von nix kommt nix. Ja, und meine Herren, was hat Paul denn nun gemacht? Hat er klein beigegeben, hat er zum Professor gesagt, ich war gestern verwirrt, wo ist der Antrag. Oder hat er irgendwie versucht, die Kurve zu kriegen und keine Professur gemacht? Mein Gott, wie schön, dass wir das nicht entscheiden müssen. Aber Paul musste. Das ganze Land ist voller Pauls und Mariechens. Das ganze Land. Denen es gelungen ist, in den Westen zu gehen und dort ihre Karriere zu machen – was für ein Glück, diese Fragen nicht ständig als lebensbegleitende Fragen gehabt zu haben. Im Osten konntest Du ja auch hingehen, wo du wolltest, irgendwo waren dir diese Fra30 Referate gen ja immer nah, sogar bei den Künstlern. Die mussten ja nicht gleich in die Partei rein, aber Vertrag ohne dass du linientreu warst, war schlecht. Dann bist du irgendwie wie Bärbel Bohley geworden, ein bisschen im Keller rumpinseln und hoffen, dass einer das kauft. In Dresden gab es natürlich viele, die sind nachher in den Westen gekommen und haben ihr Zeug so teuer verkauft, dass sie jetzt Millionäre sind. Aber es ist ja nicht jedem Künstler so gegangen. Nach 1961 war es ja auch schwer, außer Landes zu gehen. Ich wollte es auch nicht. Eigentlich könnte ich jetzt ja Schluss machen. Sie haben gemerkt, das Wort Zuchthaus ist noch nicht einmal gefallen, und das Wort Stasi nur am Rande einmal. Ich habe ganz normal aus dem Leben erzählt, und plötzlich erblicken wir eine Politiklandschaft, die auch ohne Zuchthaus und Stasi erschreckend ist. Wie eine Fabrik, die Bewohner eines Landes herstellt. Aber was sind das für Bewohner? Normalerweise nennt man Bewohner eines politischen Gemeinwesens Bürger. Ein Bürger wird man dadurch, dass man Bürgerrechte hat und diese Bürgerrechte auch anwenden kann. Wir hatten sie nicht, am allerwenigstens das Recht, unsere Regierung zu wählen. Bürger nannte uns zwar der Volkspolizist, aber wir waren es nicht. Citoyens – Bürger im Sinne von Bürgerrechte leben und haben – nein. Was waren wir denn eigentlich? Früher habe ich immer gesagt, eine Untertanengesellschaft, so wie Großmutter. Wir Mecklenburger hatten zwar keinen König wie Ihr Sachsen, aber wir hatten immerhin einen Großherzog. Er war ein sehr wichtiger Mann und wohnte in Schwerin in einem schönen Schloss. Oma – als kleines Mädchen, aus einer Tagelöhnerfamilie kommend, sechs Schulklassen – war glücklich, wenn Pfingstmarkt war in Rostock, und sie 30 Pfennig kriegte. Wenn Oma an die Zeit dachte, als ihre Eltern Untertanen waren, war das für sie gar nicht weiter schlimm, es war irgendwie normal. Untertanen verbinden wir mit monarchischen Herrschaftsformen, verglichen mit dem, was wir in der braunen und roten Diktatur erlebt haben, waren die Untertanengesellschaften der politischen Vormoderne ja easy, das war ja eher weniger schlimm. Selbst wenn es brutale Herrscher waren, so durchherrscht wie die Gesellschaft nach 1933 bis 1989 war, so ist kein Königreich gewesen, auch kein Zarenreich. Weil einfach die technischen Möglichkeiten und auch das Bewusstsein der Herrscher, bis in den letzten Winkel des Lebens eindringen zu können, nicht gegeben waren. Die Politikwissenschaften sprechen von Joachim Gauck 31 durchherrschten Gesellschaften. Und die haben wir wirklich erst nach den Untertanengesellschaften der Adelszeit. Also, wie nennen wir diese Bürger, die schon in der modernen Zeit leben, aber nicht in einer modernen Politikwelt? Wie müssen wir die Paulchens und Mariechens als Erwachsene nennen? Wir haben keinen Begriff dafür. Sie werden gelebt, sie sind Bewohner, sie sind lebendig, aber sie sind nicht Bürger in einem politischen Sinne. Sie sind vielleicht anständig oder unanständig, aber keine Bürger. Ich habe sie dann, um einen neutralen Begriff zu verwenden, Staatsbewohner genannt. Bis mir ein fataler Fehler dieses Begriffs aufging. Der Bewohner eines Hauses kann in dasselbe hinein und hinausgehen. Er kann nicht nur aus dem Fenster schauen, sondern er kann auch die Tür aufmachen und rausgehen. Das konnte ich als DDR-Bürger nun nicht. Was war ich denn, wenn ich kein Bewohner war? Schließlich kam ich darauf, was ich war: ein Insasse. Ein Staatsinsasse. Das, was wir miteinander kollektiv gelebt haben, waren viele Geschichten von Staatsinsassen. Von Menschen, die ihr ganzes Leben nicht das Recht hatten, ihre Regierung zu wählen, ihr Land zu verlassen, ihr Land zu verändern, einen Verein zu gründen, eine Partei, eine Zeitung, die nach ihrer Mütze war. Was die Generation meiner Urgroßeltern in den Niederlanden schon durfte, war mir im 20. Jahrhundert versagt. Nun kannst du nicht ständig in einem Land leben und sagen, ich bin ein Sklave, ich bin ein Untertan, ich bin ein Staatsinsasse. Vielmehr trainierst du dir das ab, es soll nicht weh tun. Und so erlernt das Land eine Doppelexistenz eines eher gefühllosen Menschen, der so tut, als sei es ganz normal. Und nur wenn jemand zu Besuch kommt, dem er vertraut, oder wenn sowieso alles beschissen ist, und er ist betrunken oder so, dann fängt er an, dass es ihn drückt. Aber diese Zeit soll schnell vorbeigehen. Man kann auch Faustan nehmen. Faustan und Alkohol hilft noch mehr, oder man lenkt sich ein bisschen mit Sex ab, das war auch sehr beliebt in der DDR. So gibt es im Grunde eine hedonistische Nebenkultur, die sich dann die Nischen sehr hübsch ausbaut. Der eine hat in der Dübener Heide ein ganz reizendes kleines Unterkommen, der andere an der Ostsee, oder er kennt jemanden an der Ostsee, da kann man im Ziegenstall wohnen. Einer hat einen Bekannten in Ungarn, da kann ich hin, da treff ich meine Westler. Ohne die Westler kann ich ja entweder nur leben, oder essen, oder hinfahren, mit Westlern kann man alles. Denn wir durften ja nur eine bestimmte Menge Geld umtauschen. Alles vergessen, Leute? 32 Referate Also Nischen. Natürlich kann man sich mit Nischen beschäftigen. Da gab es ja einen, der galt bei den Journalisten immer als großes Licht, politisch war er hingegen ein Zwerg: er hieß Günter Gaus. Der hat den Begriff von der Nischengesellschaft geprägt. Das kann man ja sagen, wenn man vorher gesagt hat, dass es eine Ausbeuter- und Unterdrückergesellschaft ist, in der sich die Unterdrückten dann Nischen geschaffen haben. Wenn man es so sagt, stimmt es. Wenn man es den Staat der kleinen Leute nennt, wo es die Nischen gibt, und das war nun unsere DDR, dann ist das mehr als ein politischer Irrtum. Es ist schlicht und einfach eine Sauerei. Denn Dummheit kann es ja nicht sein. Das sind bodenlose Geschichten, dass unsere westlichen Besucher und Freunde uns dann noch beruhigt haben mit unserem Dreck. Das habe ich in meiner evangelischen Kirche auch oft erlebt. Die evangelischen Pastoren im Westen sind ja gerne ein bisschen links. Das schadet ja auch nichts, wenn sie ihre beiden Augen offen halten. Aber viele von denen gehörten zu einer Gruppe, die der alte Ralph Giordano immer die„Internationale der Einäugigen“ nennt. Die sehen immer, was von Rechts oder von den Konservativen an Übel über die Welt kommt, und das, was von Links kommt, das haben sie nie gesehen. Und einige von denen haben mich Joachim Gauck 33 auch immer besucht. Ich habe dann ein bisschen erzählt, wie es hier ist. Und zwei Beispiele will ich Ihnen dazu noch erzählen. Also, ein bayerischer Freund und ein Hamburger, beides Theologen. Große Tagung in Ost-Berlin, Ost und West begegnen sich, erzählen viel. Nach dem Essen sagt einer zu einer kleinen Clique von uns: Ja, ich sehe, es ist nicht toll, was ihr hier so durchmachen musstet. Ihr habt ja den Honecker, aber stellt euch vor, was wir haben, wir haben den Franz Joseph Strauß. Das sollten wir uns nun vorstellen und ihn bemitleiden! Natürlich musste man Strauß nicht mögen, ich mochte ihn auch nicht. Aber er war ein frei gewählter Ministerpräsident in einem demokratischen Gemeinwesen. Und da kommt der akademisch gebildete Theologe und sagt, vergiss mal deinen Diktator, ich hab hier was viel Schlimmeres zu Hause. Das muss man sich mal antun. Wenn ich ihm das heute sagen würde, würde er sagen, ach, das hab ich gesagt, kann ich mir gar nicht vorstellen. Oder wenn wir unseren Hamburger Freunden das erzählt haben, haben sie gesagt, ja, ja, das ist ja alles nicht so doll mit der DDR, aber schimpft doch nicht so auf den Sozialismus, ganz Afrika wartet schon auf den Sozialismus. Sprachs und verschwand gen Westen und ließ uns mit unserem Sozialismus alleine. Ich war dabei, eine Definition zu suchen und bin bei der Definition„Staatsinsasse“ gelandet. Nun sprechen Sie mal unsere Landsleute hier an und sagen Sie ihnen, na, ihr wart ja früher nur Staatsinsassen. Was meinen Sie, was dann passiert? Auch der, der mit der DDR nichts am Hut hat, sagt dann zu Ihnen, was, du spinnst wohl, ich war genauso gut wie du. Er versteht darunter nämlich eine persönliche Denunzierung. Er will nicht das delegitimiert haben, was er gelebt hat. Auch wenn er dagegen war. Das ist ja merkwürdig! Leute wie ich, die das so scharf sagen, gehören zu einer Minderheit. Wir haben auch Glück, wir wollen nicht gewählt werden. Wenn ich also mal meinen Freund Friedrich Schorlemmer nehme, oder den Herrn Höppner, der dort im Nachbarland lange Ministerpräsident war, die würden natürlich so nicht sprechen. Denn wenn das Unheil mal zu Ende ist, in der Phase nach dem Unheil, das ist ja eine merkwürdige Gesellschaft. Ein Durcheinander, eine ungefestigte Gemengelage an Einstellungen über uns selbst. Sie wollen nicht hören, wie es wirklich war, besonders nicht, wenn es einer von außen sagt. Und da können Sie ruhig hier früher gelebt haben als DDR-Bürger, aber da Sie dann in den Westen gegangen sind und sich nicht im Schatten des 34 Referate Zuchthauses ansiedeln wollten und jetzt zurückkommen, zählen Sie nicht. Sie sind sogar ganz gefährlich. Es gibt drei Gruppen von Leuten für den Normal-Ossi: Der beste und normalste ist der, der schon immer hier war und hier geblieben ist. Der Zweitbeste ist der Original-Wessi. Er ist dumm, aber kann nichts dafür. Der Schlechteste ist der Ossi, der weggegangen ist, seiner Freiheit wegen, und jetzt zurückkommt. Das ist der problematischste Typ, der soll mal den Mund halten. Er weiß ja gar nicht, wie es gewesen ist. Da können Sie noch schwören, Sie waren acht Jahre in Bautzen, fünf Jahre in Brandenburg. Na ja, so etwas gab es natürlich auch, aber wer weiß, was dahinter steckt. Die lassen sich nicht an den Wagen fahren. Sie wollen sich in ihrer alten, weiter prolongierten Identität nicht grundsätzlich infrage stellen lassen. Stasi, na ja, Honecker, ja, das lehnen wir ab. Wollen wir die DDR wieder haben? Nein, das wollen wir nicht. Aber es war auch nicht alles schlecht im Sozialismus. Nein, sagst du dann, was denn? Und du denkst immer an Oma nach dem Krieg – erinnern Sie sich, es war auch nicht alles schlecht beim Führer. Der Führer hatte die Autobahnen gebaut, es gab Vollbeschäftigung und keine Kriminalität. Drei Dinge werden meistens genannt – die Trias des gezinkten Erinnerns nenne ich das. Und wenn Sie jetzt die Ohren spitzen: Ich hab das sogar in meiner Familie erlebt, in meiner antikommunistischen Familie. Ach weißt du, Jochen, es war ja auch nicht alles schlecht im Sozialismus. Ich sage, von dir das zu hören, lieber Papa! Ich frage, was er genau meint. Ja, das mit der Arbeitslosigkeit. Ja, das ist schon eine Last. Und was noch? Dass man früher als alte Frau mit Handtasche abends über den Marktplatz nach Hause gehen konnte. Ich sage, Papa, du meinst, dass es nicht so viel Kriminalität gab. Genau. Dann sage ich, Papa, dann fehlt eigentlich jetzt nur noch die Autobahn, dann sprichst du so wie Oma nach dem Kriege. Nun war mein Vater etwas intelligenter, er mochte das nicht hören. Nein, sagt er, Quatsch, Autobahn haben wir ja nur das kleine Stück hier in Rostock. Also er ersetzte das ganz allgemein durch„das Soziale“. Viele meiner anderen Nostalgiefreunde sagen: Kindergärten. Die Sportfreunde sagen: Goldmedaillen. O.k., wir waren ja auch ein Chemiestandort. Aber mein Papa sagt mir,„das Soziale“, da wurde ich ja hellhörig. Was meinst du genau? Omas Rente? 200 Ostmark, all die Zeit ihres Lebens. Es ist nicht lustig, mit 200 Ostmark zu leben. Meinst du die? Nö, das meine ich eigentlich nicht. Meinst du, wie der Arbeiter- und Bauernstaat mit unseren BehinJoachim Gauck 35 derten umgegangen ist? Nö, das meint er auch nicht. Konnte er ja auch nicht meinen, das war ja eine Sauerei. Ja, was meinst du denn? Na irgendwie fühlten wir uns anders, es verlor sich im Gefühligen. Ja, ja, Papa, das ist ja nun was anderes. Dann sag doch nicht„das Soziale“, dann sag, wie wir zusammengehalten haben. Ja, sagt er. Und dann erzähl ich ihm von Frau B. aus Rostock. Das war eine Frau, die habe ich bei einer Beerdigung kennen gelernt und sie enthüllte mir, wo sie arbeitete. Ich kriegte so große Ohren. Sie verkaufte Autoreifen. Man musste auf Autoreifen in der DDR zwar nicht 14 Jahre warten wie auf ein Auto, aber schon gerne mal 14 Monate. Nur richtete sich der Trabantreifen nicht unbedingt danach, und es war für einen Normalbürger überaus nützlich, eine Frau zu kennen, die Autoreifen verkaufte. So kam ich also zu dieser Frau, ich trank mit ihr Kaffee, und sie erzählte mir, arbeiten müsste sie nicht, ihr Mann verdient genug Geld, aber ganz Rostock sei voller Freunde. Sie erzählte mir staunenswerte Dinge, sie kannte Aale. Ich habe Aale bei einer Besuchsreihe im Westen im KdW im Aquarium gesehen, aber in meiner Heimatstadt wurden die mir seit vielen Jahren nicht mehr angeboten. Sie bekam die. Sie bekam verchromte Wasserhähne, das topt den Aal noch. Sie bekam natürlich Fliesen für ihr Bad. Meins war angestrichen. Und die Blumenfrau – Blumen waren zu einer Zeit in der DDR auch Mangelware. Die Verkäuferin im Delikat, wo es diese Dosen gab, wo Ananasstücke drin waren. Ich glaube, neun Mark kosteten die. Oder im Exquisit-Laden. Dort gab es die Pullover, die in Oberlungwitz gewirkt waren, die ein halbes Monatsgehalt einer Krankenschwester kosteten. Drüben bei C&A kosteten sie 28,40 DM. Aber bei uns im Arbeiter- und Bauernstaat kosteten sie 228,40 Mark. Aber das war natürlich nützlich, alle solche Leute zu haben, und die Stadt Rostock war ein Netzwerk der Freundschaft für Frau B. Von der hab ich meinem Papa erzählt. Der war natürlich schlau genug, um zu merken, was das ist. Ach so meinst du das, du meinst, unser soziales Netzwerk war deshalb so umfangreich, weil wir Beziehungen brauchten. Ja, Papa, man muss es immerhin mal bedenken. Und ist nicht vielleicht diese Solidarität der Menschen, die es ja dann tatsächlich gab, eine Gegenstrategie der Unterdrückten gegen die Mangelwirtschaft und das Zu-Kurz-Halten der Staatsmacht. Hat es vielleicht weniger mit Sozialismus als mit Hilfsbereitschaft unter Nachbarn oder auch Nützlichkeitserwägungen zu tun. Tja, sagt mein Vater, du kannst ja Recht haben. Aber ange36 Referate nehm war es ihm nicht. Und ich merkte, wenn ich weg sein würde, würde er wieder zurückfallen in sein altes Spruchgut: es war auch nicht alles schlecht. Und das Witzige ist ja, dass es diese Netzwerke tatsächlich gegeben hat. Das sind ja keine fiktiven Netzwerke gewesen. Die Frau hatte ja diese Beziehungen, sie fragt sich nur nicht, warum. Wenn du heute an jeder Tankstelle deine Reifen kaufen kannst, dann brauchst du Frau B nicht mehr. Und so hat sie jetzt einen oder zwei Freunde wie die meisten Menschen. Und wenn du sie jetzt ansprichst und sie ist ein bisschen bescheuert – was ich nicht weiß, ich hab sie nicht angesprochen – dann kann sie sagen, mein Gott, wie kalt, eine Eiszeit ist über uns hereingebrochen, eine Ellenbogengesellschaft. Ein Blödsinn sondergleichen natürlich! Ich kann das nicht hören mit der Ellenbogengesellschaft. Denn gerade die, die früher oben waren in unserem Land, die Sie in den Knast gebracht, meine Kinder schikaniert haben, die reden heute mit Vorliebe von der Kälte der Ellenbogengesellschaft. Als sie früher ihre Ellenbogen eingesetzt haben, war nicht die Rede von Ellenbogengesellschaft. Und ich kann es nicht mehr hören. Und wenn ich dann unter meinen Ossis bin, und die sagen„die Ellenbogengesellschaft!“, dann sage ich, klar, es gibt im Westen solche Menschen, die haben Hornhaut auf den Ellenbogen, das ist widerlich, das kommt vor. Aber ich rede erst dann mit euch über die Hornhaut auf den Ellenbogen der Wessis weiter, wenn ihr vorher auf eure Knie geguckt habt, ob nicht dort noch Hornhaut ist. Denn die Ellenbogengesellschaft, die wir hier hatten, war eine Gesellschaft, in der man durch Gehorsam weiter, und durch forcierten Gehorsam nach oben kam. Darum das Bild mit den Knien. Dann sagen sie, das ist ja wieder übertrieben. Ja, das ist übertrieben, in den Worten. Aber im Sachverhalt ist es eben nicht übertrieben. Und dasselbe, was wir jetzt in Beispielen gebracht haben, fassen wir jetzt noch einmal zusammen, indem wir politisch fragen: Gab es denn in diesem Land, in dem wir lebten, in dem Land der Staatsinsassen, keine Partizipation, keine Mitbeteiligung der Bürger an den Staatsdingen, an den Herrschaftsdingen? Wie ist es in den Diktaturen? Gibt es da keine Partizipation? Oh, weit gefehlt, natürlich gibt es das. Nur ist sie nicht entstanden wie in den Demokratien, als Einladung in die Breite der Bevölkerung, um Mitwirkung zu werben und über Parteien und Interessengruppen sich von Etage zu Etage auf Mitwirkungsebene zu bewegen. Sie ist Joachim Gauck 37 anders entstanden, wie vor der Demokratie. Denken Sie mal daran, wie Mitwirkung in den alten, vormodernen Adelsgesellschaften entstanden ist. Der Lehnsherr belehnte jemanden. Und wann hat man es gemacht? Wenn er vor ihm kniete und ihm den Gehorsam versprach. Teilhabe und Aufstieg durch Demut und Gehorsam. Nun haben wir eine andere Begrifflichkeit in den modernen Diktaturen. Die nennen das nicht Demut und Gehorsam, sondern„Einsicht in die Notwendigkeit“ oder„entschlossenes Eintreten für den Fortschritt“. Und in dem Maße wie du den jeweils als„Fortschritt“ ausgegebenen politischen Leitduktus nachvollziehst, wirst du berücksichtigt. Du kommst nicht nach oben ohne diese Demut und ohne diesen Gehorsam. Und so wird das ganze Land durchzogen von Verhaltensweisen der Anpassung, es liegt wie ein Mehltau über dem Land. Wir könnten es ein Angst-Anpassungs-Syndrom nennen. Es ist das, was den Menschen konditioniert, was uns das – jedenfalls vordergründige – Einverständnis mit den Verhältnissen ermöglicht. Wir ziehen uns dann zurück in unsere Nischen, wenn wir privat sind, und in der öffentlichen Welt leben wir, als glaubten wir an das System und seine Ideologie. Das Erschreckende, das wir an der Zweiten Diktatur erleben ist, dass eine Diktatur sehr alt werden kann, obwohl nur eine Minderheit von Überzeugten in diesem Land lebt. Wir könnten das in einer politischen Begrifflichkeit so beschreiben: Diktatur ist auch überlebensfähig, wenn die in ihr Wohnenden nur das Angebot einer unüberzeugten Minimalloyalität machen. Und so erblicken wir am Ende des vergangenen Jahrhunderts einen eigenartigen Zustand: In einem Gemeinwesen, in dem sehr viele Menschen eigentlich einen eigenen Kopf haben, ist aber durch eine Gewöhnung an Ohnmacht und durch akzeptierten Gehorsam eine Stufenleiter, ein gegliedertes System entstanden, in dem Teilhabe und Funktionseliten existieren um den Preis der Preisgabe der eigenen Autonomie, des eigenen Gewissens, der eigenen Entscheidungsfreiheit. Und das ist, was diesem Land am Schwersten anhaftet. Das, was in unsere Haltungen eingegangen ist, das bleibt so lange. Und darum haben wir es hier im Osten so lange mit einer Übergangsgesellschaft zu tun. Dies ist ein anderes Land als Westdeutschland, obwohl wir vereinigt sind, weil die Mentalität der Menschen anders ist. Keiner ist besser, aber dort hatte man andere Chancen. Hier musstest du dich, um erfolgreich zu sein, um Gehorsam und Anpassungsbereit38 Referate schaft bemühen. Dort Durchsetzungsfähigkeit, ein starkes Ich, einen starken Willen entwickeln, diskursfähig werden, Streiten lernen mit andern, um in einer Partei oder Gruppe mehrheitsfähig zu werden. Völlig andere Dinge werden dort trainiert. Und es fängt an in der Schule und im Betrieb. Und so klafft im Grunde ein Mentalitätsunterschied in unseren Zeiten, und ich wiederhole es jetzt zum dritten Mal, es ist keine Abwertung, sondern es ist einfach eine Beschreibung der minderen Chancen, die die Bewohner dieses Landes hatten. Wir müssen sie eigentlich an unser Herz drücken, und wir müssen ihnen helfen, sich zu ermächtigen, zu ermutigen. Ich habe hier eine Geschichte von„Anpassung, und es funktioniert alles“ beschrieben. Dazu kommt eben noch, dass uns die Niederlagen – 17. Juni 1953, Niederschlagung des Ungarnaufstandes, Mauerbau, Prager Frühling – wie Traumata in der Bürgerseele sitzen. Das heißt, du kannst gar nichts machen, die sind immer stärker. Es ist, wie wenn man sich vorstellt, ein Leibeigener gewesen zu sein in grauer Vorzeit. Die Herren waren immer stärker. Und dann gab es welche, die daran nicht mehr glauben wollten, sondern die geglaubt haben, die Menschen seien frei und gleich und könnten geschwisterlich leben – so entsteht die Demokratiebewegung in Europa und Nordamerika. Und es entstehen die Demokratien. Und es sind noch nicht gleich Demokraten da, sondern es sind angelernte ehemalige Leibeigene, die es lernen, ein Bürger zu sein. Learning by doing, im Vollzug des Tuns. Bürger sein ist wie Fußballspielen! Vom Fernsehen kommt es nicht. Du musst raus auf den Platz und mit dem Ball umgehen, du musst spielen, laufen, Taktik erlernen und mit dem Ball trainieren, dann kannst du Fußball spielen. Bürger sein kommt vom Ausfüllen der Rolle eines Bürgers und nicht vom Zuschauen. Deshalb leben wir hier in diesem Teil in einer Übergangsgesellschaft. Nach dem Krieg hat es ungefähr sechs Jahre gedauert, bis drüben die Menschen im Westen stärker an das Neue gebunden waren als an das Alte. 1948, in einer Allensbach-Umfrage, sagten 56 Prozent der befragten Westdeutschen, dass der Nationalsozialismus eine gute Sache war, die nur schlecht gemacht worden ist. Über 20 Prozent können sich nicht entscheiden und 16 Prozent fanden den Nationalsozialismus keine gute Sache. Das müssen Sie sich mal vorstellen, drei Jahre nach dem Krieg, nicht 1945. Dann kommt das Wirtschaftswunder, und dann ändert sich die Mentalität der Menschen, dann verliert sich die starke Rückbindung an das Früher. Joachim Gauck 39 Nur, die Nazidiktatur existierte zwölf Jahre. Und wenn die Westdeutschen sechs Jahre – die 68er sagen, eigentlich viel länger – gebraucht haben, um im Grunde eine öffentliche andere Kultur zu erlernen, wie lange werden wir dann wohl brauchen? Wo die Diktatur zwölf plus 44 Jahre gedauert hat. 44 Jahre, allein in der SBZ und DDR, Gewöhnung an Ohnmacht und belohnt werden für Gehorsam, und für ganz dollen Gehorsam noch mehr belohnt werden, dann kommst du vielleicht in die„Kader-Nomenklaturliste“. Meine Damen und Herren, diesen Begriff kennt ja kaum einer mehr außer denen, die sich für Politik interessieren oder Politik studieren. Aber was ist eigentlich das Einschreiben in eine KaderNomenklaturliste, die die Partei führt anderes als die Errichtung einer Art Adelskaste. Ist das wirklich etwas anderes? Ich sehe es nicht, es ist eine andere Begrifflichkeit, aber politisch ist es ja unheimlich ähnlich. Da ist eigentlich nichts, was wir gut finden können. Nur erträgt man das so schlecht, wenn alles schlecht gewesen sein soll. Und es ist so schön, zu sagen, es war auch nicht alles schlecht. Klar, wir waren dabei, es gab Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Liebe, schöne Musik, kleine Kinder und die Ostsee. Klar, nie war alles schlecht. Aber politisch gesehen gibt es keinen Grund, schonungsvoll umzugehen mit denen, die die Existenz des Bürgers zurückverwandelt haben in eine vormoderne Kreatur; als der, der dort lebte, nur etwas wurde durch die Gnade der Oberen. Es ist widerlich. Es ist ein Zurückdrehen des Rades der Politikgeschichte. So sehen Sie, dass ganz einfache Geschichten aus der Schule, von ganz harmlosen Dingen, zusammenhängen mit einer Kultur der politischen Ohnmacht, die uns als mangelnder Glaube an uns selbst, als mangelnde Fähigkeit als Bürger aufzutreten, bis heute sichtbar anhängt. Wir brauchen mehr Zeit zu trainieren, was ein Bürger ist, und dann werden wir den Wessis ähnlicher sein. Bei denen muss man allerdings auch betrübt sein. Denn die Freiheit, die sie schon so lange haben, können viele von ihnen nicht achten. Ganz ohne jeden Diktator begegnen uns im Wessi-Land jede Menge Menschen, die nicht Bürger sind. Sie wollen gar nicht Bürger sein, sie gehen nicht wählen. Die Politiker sind alle blöd, sagen sie. Die sind alle korrupt, sagen sie. Sie betrügen die Steuer nach Strich und Faden, sind aber total empört über ihre Politiker und halten die für korrupt. Merkwürdige Leute. Was machen die denn, wenn die nicht Bürger sind? Es gibt zwei Möglichkeiten: 40 Referate entweder sind sie Konsumenten oder Zuschauer. Ich hab ja nichts gegen Konsum, ich finde es auch besser, dass die Läden voll sind, als dass sie leer sind. Aber wenn du mal in der U-Bahn sitzt, und hörst gegenüber drei Damen sich eine Stunde lang über Handtaschenmarken unterhalten, währenddessen in der anderen Ecke die Teenies sich über ihre Rucksackmarken und über die HandyTöne und –marken unterhalten. Du würdest unter diese Leute treten und sagen, wen würdest du denn das nächste Mal wählen. Meinen Sie, Sie könnten sich fünf Minuten mit denen über Politik unterhalten? Was der denkt, was die Partei denkt, was ich vielleicht wähle, das geht ihnen sonst wo vorbei. Das heißt, die Freiheit ist da, wir können die Existenz eines Bürgers leben, aber wir haben keinen Bock. Spaßgesellschaft nennen einige das. Und die werden sich vor lauter Spaß noch zu Tode amüsieren. Politischer Tod ist schon eingetreten, wenn du nicht mehr mitwirkst. Du lebst dann praktisch politisch unter Zombies. Es ist unglaublich, kein Diktator und jede Menge Ohnmächtige. Du bist ja ohnmächtig, wenn du deine Wählerstimme und deine Meinung nicht einsetzt. Also was lernen wir: nicht nur Diktatoren binden uns, du kannst dir auch selber Ketten anlegen. Einige der Ketten der Leute sind aus Handtaschenriemen geflochten, andere sind aus Gold – der Effekt ist ähnlich. So, dass sich die Demokratie selber verlieren kann. Nicht nur die Diktatoren sind Feinde der Demokratie, sondern wir selber, mit unsrer Flucht in das süße Gift der Ohnmacht, sind uns im Wege. Und deshalb haben Leute wie Sie, die für Ideale gelitten haben, eine Aufgabe. Sie werden davon zu reden haben, wie unendlich kostbar Freiheit und Demokratie sind. Sie werden noch darauf schwören, dass die Freiheit das höchste ist, was das politische Leben zu bieten hat, wenn sie nur noch mit dem Kopf wackeln können. Das sind wir einfach unseren Mitmenschen schuldig. Sie haben nie sich nach Freiheit sehnen müssen. Sie nehmen die Freiheit wie vertrocknetes Schwarzbrot. Die Freiheit geht in Deutschland im Bettelkleid. Und dagegen haben wir etwas. Wir wollen Landsleute, die mit westlicher oder östlicher Kultur gesegnet sind, die dieses Land achten und schätzen, weil es ein Land der Freiheit, der Rechtsstaatlichkeit und ganz nebenbei gesagt auch des Friedens ist. Wir haben in den letzten Jahren Wunderbares in Deutschland gesehen. Dieses Land ist nicht nur gezeichnet von den Diktatoren und ihren unsäglichen Verbrechen, sondern wir haben im Westen Joachim Gauck 41 gesehen, wie eine Zivilgesellschaft emporwuchs. Und 60 Jahre haben wir jetzt hinter uns, eine Entwicklung ohne Krieg, mit Bürgerrechten und Menschenrechten im Westteil. Das hat die Deutsche Nation in ihrer Geschichte noch nie erblickt. Wo ist eigentlich die Dankbarkeit – besonders der westdeutschen Landsleute – für dieses wunderbare Produkt der jüngsten deutschen Politikgeschichte? Ich sehe sie nicht. Und wenn ich meine Ossis angucke: Wo ist ihre Dankbarkeit für diese enorme Überraschung einer Freiheitsrevolution. So lange auf Untertan, auf Staatsinsasse trainiert, und plötzlich, aus Sehnsucht nach Freiheit, Abschied von dieser Existenz des Staatsinsassen. Hier auf der Straße sprechen„Wir sind das Volk!“, das heißt doch, ein neues Programm ist eingeschaltet: Ich bin nicht mehr dort, sondern will dahin, wo ihr seid. Würden wir in Frankreich leben, stünde dieser Satz auf den Nationalfarben des Landes in jedem Klassenzimmer, damit die Nation sich sagt, Mensch, das sind wir, wir kämpfen für die Freiheit. So sind diese, die sich die Freiheit nicht auf dem Tablett haben servieren lassen, sondern sie sich erkämpft haben, der andere gute Teil eines Deutschlands, das wir achten können, weil es sich für die Freiheit entschieden hat. Jetzt spüren Sie plötzlich, dass ich doch über Sie und Ihr Leben gesprochen habe. Sie sehen jetzt, ich bin nicht in die Zellen der Zuchthäuser und Stasi-Gefängnisse gegangen, ich bin außen vor geblieben. Ich bin unter den Menschen gewesen, die ganz normal gelebt haben, oft erschreckend normal, zu normal. Und trotzdem ist uns allen der Schrecken in die Glieder gefahren, und wir spüren das lange Nachwirken von Diktaturen. Wir spüren, dass Diktaturen krank machen. Und wir spüren zutiefst, was die Freiheit wert ist. Da bin ich dann wohl doch bei Ihnen angekommen. Ich danke Ihnen für Ihre Geduld. 42 Referate Podiumsdiskussion Opfer und Täter: Der schwierige Umgang mit der Vergangenheit Ulrike Poppe, Pavel Kohout, Friedhelm Boll Moderation: Stefan Nölke Nölke: Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Gäste des BautzenForums, herzlich willkommen zu unserer Diskussionsrunde heute Nachmittag, in der es um ein sehr weit gefasstes Thema geht: Opfer und Täter der kommunistischen Diktatur – vom schwierigen Umgang mit der Vergangenheit. Knapp zwei Stunden haben wir Zeit, um über verschiedene Aspekte des Themas zu sprechen, wobei uns hier auf dem Bautzen-Forum in erster Linie natürlich die Perspektive der Opfer interessiert. Das Thema„Opfer und Täter der SED-Diktatur“ ist in den letzten Jahren in den Hintergrund gerückt. Wenn man heute über die DDR spricht – sei es in den Medien, sei es aber auch privat – dann scheinen doch eher andere Themen zu interessieren. Alles, was mit der Alltagsgeschichte zu tun hat, stößt auf große Aufmerksamkeit. Aber auch – im Zusammenhang mit der PISA-Diskussion – das Bildungssystem der DDR, oder aber man schaut auf die Vollbeschäftigung, die es in der DDR gegeben hat. Kurzum, die DDR scheint heute in wesentlich mildeOpfer und Täter 43 rem Licht als noch vor zehn Jahren. Der repressive Charakter der SEDHerrschaft wird häufig ausgeblendet. Das ist auch mehr oder weniger das Urteil, das vor kurzem Kulturstaatsministerin Weiss gegeben hat, und ein ähnliches Fazit hat vor kurzem Edda Ahrberg, die scheidende Landesbeauftragte für Stasiunterlagen in Sachsen-Anhalt gezogen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es nicht gelungen sei, die Erlebniswelt politischer Verfolgung zwischen 1945 und 1989 im Alltagsbewusstsein zu verankern. Die Frage nach den Opfern und den Tätern der kommunistischen Diktatur wäre also demnach ein sehr aktuelles Thema, gerade weil es so vernachlässigt wird. Zu unserer Diskussion darüber sind sehr bekannte und kompetente Gäste nach Bautzen gekommen. Ich freue mich ganz besonders, dass Pavel Kohout den Weg nach Bautzen gefunden hat. Pavel Kohout braucht man eigentlich nicht weiter vorzustellen, so berühmt ist er. Er ist einer der beliebtesten und bekanntesten Schriftsteller in Tschechien, er ist Dramatiker, er ist Festivalorganisator. Und er ist ein wichtiger Moderator zwischen Deutschland und Tschechien, der sich immer einmischt in aktuelle Fragen zur deutsch-tschechischen Verständigung. Pavel Kohout, Jahrgang 1928, hat eine lange Dissidentenkarriere hinter sich. Er unterstützte 1968 vehement den Prager Frühling, war einer der prominentesten Mitverfasser und Unterzeichner der Charta 77 und wurde dann zwei Jahre später aus der Tschechoslowakei ausgewiesen bzw. wurde ihm die Wiedereinreise nach einem Aufenthalt in Österreich verweigert. Er lebt jetzt abwechselnd in Prag und Wien und bezeichnet sich selber als Städtebigamisten. Herzlich willkommen, Pavel Kohout! Aus Berlin angereist ist die bekannte ehemalige Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe. Sie war in den Achtzigerjahren in der DDR eine der prominentesten Frauen, die sich mit dem SED-Apparat angelegt hat. Sie engagierte sich 1982 bei der Gruppe„Frauen für den Frieden“, 1985 war sie Mitbegründerin der Initiative„Frieden und Menschenrechte“ und 1989 dann bei der oppositionellen Vereinigung„Demokratie Jetzt“. Seit 1991 arbeitet sie als Studienleiterin an der Evangelischen Akademie zu Berlin. Herzlich willkommen, Ulrike Poppe! Last not least freue ich mich, dass Professor Friedhelm Boll aus Bonn zum Bautzen-Forum gekommen ist. Er ist zwar nicht in dem Maße Zeitzeuge wie die beiden anderen Gäste auf dem Podium, aber er ist dafür Zeithistoriker und Experte für die Frage, wie Diktaturen auf die Menschen einwirken, wie sie Menschen verformen. Er hat darüber einige interessante Bücher geschrieben, zum Beispiel„Sprechen als Last und 44 Podiumsdiskussion Befreiung“, für das er sehr gelobt worden ist. Friedhelm Boll ist Historiker am Historischen Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Herzlich willkommen, Friedhelm Boll! Ursprünglich eingeladen war zudem Herr Pfarrer Harald Bretschneider. Auch er ist einer der mutigen Streiter der DDR-Friedensbewegung. Leider hat sich Harald Bretschneider ein Bein gebrochen, sodass er nicht kommen kann. Von dieser Stelle aus wünschen wir ihm gute Besserung. Zum Thema: Herr Boll, in den Neunzigerjahren, also kurz nach der Wende, haben sich die Historiker und die Medien sehr stark mit dem Unterdrückungsapparat und den Herrschaftsmethoden der SED-Diktatur auseinander gesetzt. Da standen also die Täter und auch die Opfer im Vordergrund. Das ist längst kein Thema mehr, das hat sich doch sehr geändert. Ist das auch Ihre Wahrnehmung als Zeithistoriker? Und wenn ja, woran liegt das? Boll: Die Frage ist relativ kompliziert, weil wir nach 1990 natürlich sehr viele Verfolgte, Widerständler, aus der DDR gehabt haben, die sich auf allen Ebenen zu Wort meldeten, auch schon 1990 hier beim BautzenForum, während andere sich eher versteckt haben. Wir wissen daher relativ viel über Opfer, aber wir wissen auch – aus Meinungsumfragen – dass zu Beginn der Neunzigerjahre das Thema der Verfolgung und der Unterdrückung in der DDR sehr aktuell war und sehr rasch zurückgegangen ist. Wir hatten vor fünf, sechs Jahren hier auf dem BautzenForum den Direktor des Forschungsinstituts Wahlen in Mannheim, der uns anhand von Statistiken und Nachfragen erklärte, dass der Wille zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur für drei, vier Jahre ganz massiv war und dann plötzlich im Alltagsgeschäft wieder verschwand. Das kann sich auch wieder ändern. Nölke: Was interessiert Ihre Studenten an der DDR-Geschichte? Boll: Das kann ich so genau nicht sagen, weil ich nicht allgemeine DDR-Geschichte lehre, sondern Diktaturgeschichte. Meine Studenten interessieren sich für die politischen Häftlinge und die Widerständler, weil ich das anbiete, aber ich biete nicht die Gesamtgeschichte der DDR an. Kassel, wo ich unterrichte, liegt relativ nah an den neuen Bundesländern und es studieren dort relativ viele aus Sachsen-Anhalt und Thüringen. Da habe ich immer ein sehr großes Interesse an den Themen und habe auch mehrere Diplomarbeiten in dem Feld vergeben. Diese beinhalten vor allem Begegnungen mit Widerständlern. Opfer und Täter 45 Nölke: Ich persönlich habe den Eindruck, dass eine Riesenlücke klafft, einmal zwischen dem, was die Historiker über die DDR herausgefunden und erforscht haben, und dem, was in das kollektive Gedächtnis eingespeist wird. Sehen Sie das ähnlich und wo liegt da das Problem? Boll: Ich glaube, dass das Problem zunächst einmal an den Betroffenen selbst liegt. Mit Betroffenen meine ich weniger Widerständler als vielmehr die Bevölkerung in der ehemaligen DDR, in den neuen Bundesländern. Wie setzt sie sich damit auseinander? Wenn in den neuen Bundesländern das Interesse groß wäre zu wissen, was genau damals war, dann sähe die Situation auch anders aus. Nölke: Frau Poppe, welche psychologischen Mechanismen sind das, die dabei greifen? Poppe: Die DDR-Geschichte wird in Deutschland leider immer noch als Regionalgeschichte betrachtet, die eigentlich nur die neuen Bundesländer etwas angeht. Dies hat auch Auswirkungen auf die Gedenkstätten für die Opfer des Kommunismus. Die Verantwortlichkeiten und Kosten werden nicht gesamtdeutsch aufgeteilt. Das Interesse an der DDR-Geschichte ist im Westen sehr viel geringer als im Osten, wo die persönliche Betroffenheit noch eine maßgebliche 46 Podiumsdiskussion Rolle spielt. Das Ziel aber muss sein, die vierzig Jahre DDR in die gesamtdeutsche Geschichte aufzunehmen und in das gesamtdeutsche öffentliche Bewusstein zu bringen. Da gibt es noch beträchtliche Defizite, denen sich auch die Expertenkommission bei Frau Staatsministerin Weiss zu stellen hat. Boll: Wenn ich sage, dass es sehr auf die neuen Bundesländer ankommt, will ich nicht sagen, dass ich die DDR-Geschichte als Regionalwissenschaft ansehe. Ich bin der Meinung, dass dies eine gesamtdeutsche Geschichte ist und diese auch so betrachtet werden muss. Aber man muss differenzieren. Wir haben auf der einen Seite die Forschungslandschaft. Hier können wir fast sagen, dass die DDRGeschichte„überforscht“ ist. Wir haben sehr viele Studien und Mittel in diesem Bereich. Die universitäre Lehre ist aber anders. Hier sind die Veranstaltungen im Osten wie im Westen dünn gesät. Der dritte Bereich ist das kollektive Bewusstsein. Ich denke, dass dies im Westen an eine Art von Wiedervereinigungstheorem gebunden ist. Die DDRGeschichte spielt für Themen eine Rolle, die mit der Wiedervereinigung oder Flucht und Vertreibung zu tun haben. Im Rheinland gibt es durchaus Veranstaltungen zur DDR-Geschichte. Wenn man aber etwas genauer hinsieht, stellt man fest, dass vor allem diejenigen das Thema aufgreifen, die als Flüchtlinge oder politische Häftlinge selbst betroffen waren. Diese drei Ebenen muss man stark unterscheiden: wissenschaftlich stark erforscht, in der Lehre relativ dünn und im kollektiven Bewusstsein diffus. Nölke: Tatsächlich ist das Problem ja nicht nur ein gesamtdeutsches, sondern ein europäisches. Pavel Kohout, wie sehr ist die Auseinadersetzung mit dem kommunistischen Erbe ein Thema bei unseren tschechischen Nachbarn? Kohout: Gestatten Sie, dass ich, bevor ich auf Ihre Frage antworte, eine persönliche Bemerkung mache. Kurzbiografien von mir – die oft Nachrufen ähneln – haben den Nachteil, dass sie eigentlich in der Hälfte meines Lebens beginnen und dessen bessere Hälfte schildern. Die schlimmere Hälfte ist, dass diejenigen, die ihr halbes Leben lang versuchten, sich von dem so genannten Sozialismus, der keiner war, zu befreien, zunächst diesen selbst eingeführt haben. Ich gehöre jener Generation an, die zwei Schlüsselerlebnisse hatte: die Weltwirtschaftskrise, die die damalige Tschechoslowakei, welche zu den zehn Industrieländern der Welt gehörte, wie eine Keule in die Knie Opfer und Täter 47 zwang. Das verstand man als das totale Versagen des kapitalistischen Systems. Einige Jahre später war ich als Zehnjähriger dabei, als die westlichen Demokratien das Land Tschechoslowakei Hitler in der naiven Hoffnung bescherten, dass sie ihn damit„sättigen“ könnten. Das hat man damals als das totale Versagen der freien Demokratien verstanden. Diese Ereignisse führten dazu, dass die Tschechoslowakei das einzige Land war, wo im Mai 1946 die Kommunisten durch geheime Wahlen ohne das Eingreifen der sowjetischen Armee an die Macht kamen, aus dem freien Entschluss der Mehrheit der Gesellschaft, zu der auch ich gehörte. Dies hat sich dann bald als ein historischer Fehler erwiesen. Doch mit dem Kalten Krieg schien die Sache für lange erledigt, weil die Sowjetunion keinen Hehl daraus machte, dass sie keine andere Art von Sozialismus in diesen Ländern zulassen würde. Dann haben die real denkenden Tschechen festgestellt, dass Barrikaden zu nichts führen – Berlin 1953, Posen, Warschau, Budapest 1956 haben uns gezeigt, dass sie nur zu Blutvergießen führen, weil von irgendwoher immer die„brüderliche“ Hilfe kommt. Zu diesem Zeitpunkt begann das rationale Denken, wie man sich befreien kann und damit der Versuch, die Partei von innen zu öffnen. Die meisten Mitglieder, die im und gleich nach dem Krieg in die Partei eingetreten sind, waren Idealisten und nur deshalb konnte ein Prager Frühling stattfinden. In dem Moment, als am 21. August 1968 die Russen kamen, endet eigentlich auch die Geschichte der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Seit diesem Tag glaubte keiner – nicht einmal die Politbüromitglieder – mehr, dass es sich um echten Sozialismus in diesem Land handeln würde. Es war eine klare Machtfrage. Da beginnt der große Unterschied in der Entwicklung der Tschechoslowakei und der DDR, wo noch im Jahre 1989 viele Menschen ehrlich überzeugt waren und es auch heute bleiben, dass dieses Experiment weiter fortgesetzt werden könnte. Wir versuchten, aus dem Schlamassel doch noch irgendwie herauszukommen. Die meisten von uns sind im Land geblieben, bis dann viele von uns zwangsweise aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurden. Wenn wir in der Tschechoslowakei über Vergangenheitsbewältigung sprechen, dann geht es um eine doppelte. Die eine ist die der ehemaligen Kommunisten, die sich den Denkfehler der Nachkriegsjahre nicht verzeihen konnten, die andere die des Rests der Gesellschaft. Diejenigen Menschen, die nicht zu den Kommunisten gehörten, aber dennoch dafür sorgten, dass sich diese noch zwei Jahrzehnte an der Macht halten konnten. Das war eigentlich das Versagen des Gros der tsche48 Podiumsdiskussion chischen Gesellschaft: die so genannte Normalisierung in den Siebziger- und Achtzigerjahren, die eigentlich die Schlimmste in den so genannten Ostblockstaaten war. Wir haben ein ähnliches Problem, wie es die ehemaligen DDR-Bürger haben. Wir sind mit dieser Geschichte noch nicht ins Reine gekommen. Es wird uns weiter belasten, so wie es auch unsere Vorgänger belastet hat, die sich nicht von der Nazi-Vergangenheit gelöst haben. Nölke: Welches sind die Geschichten, die die Tschechen zur Zeit an der kommunistischen Diktatur interessieren? Was steht da im Moment im Vordergrund? Kohout: Gerade wollen die meisten überhaupt nichts über diese Zeit hören. Die kommunistische Partei hat laut Umfragen 25 Prozent. Da ein gewisser Anteil Proteststimmen sind, kann ich mir vorstellen, dass bei Wahlen ca. 15–18 Prozent für die Kommunisten stimmen würden. Das ist auch das Resultat dieser nicht geklärten Vergangenheit. Die kommunistische Partei wurde nach 1989 eigentlich zur„samten“ in die neue Entwicklung mit einbezogen. Ich glaube, dass dies einer der wenigen Fehler von Vaclav Havel war, der sich ansonsten als einer der Opfer und Täter 49 größten Politiker des Landes erwiesen hat. Mit dem Wort der„samtenen Revolution“ wurde eigentlich eine Art Generalamnestie erteilt, sodass die meisten Verbrecher aus der Zeit heute den Rest der Bevölkerung auslachen können. Nachdenken müsste dazu führen, dass sich jeder fragt, was er dazu beigetragen hat, dass es in der Tschechoslowakei so lange gedauert hat. Nölke: Inwieweit beunruhigt es Sie, dass die Kommunisten parteipolitisch so stark sind? Kohout: Es beunruhigt mich nicht. Ich bin mittlerweile Bürger zweier Länder, ein Österreicher und Tscheche. Diese beiden Länder sind jetzt in der Europäischen Union. Es ist ein Segen, dass es diese gibt. Hier können sich sogar Idioten einiges erlauben, was mich erschrecken würde, wenn ich mit ihnen in einem Kessel eingeschlossen wäre. Jetzt halte ich mich wirklich für ein Mitglied einer riesigen Gemeinschaft, wo sich alles besser aushalten lässt. Nölke: Glauben Sie, dass wir uns in einem vereinten Europa eine gesamteuropäische Perspektive im Hinblick auf das kommunistische Erbe erarbeiten müssen? Kohout: Ich glaube, alles braucht Zeit. Menschen müssen sich daran gewöhnen. Vor allem den Tschechen und auch den ehemaligen DDRBürgern fehlen 40 Jahre Geschichte. Es wurde so viel unter den Teppich gekehrt, dass die meisten Mitbürger erst jetzt erfahren, was eigentlich in all den Jahren passiert ist. Das ganze Problem des Verhältnisses zwischen den Tschechen und den Sudetendeutschen liegt darin, dass man die Sudetendeutschen 40 Jahre lang als die größte Gefahr bezeichnet hat, von der uns die sowjetischen Armeen befreit haben. Erst jetzt erfahren unsere Mitbürger, was auch alles in den Jahren 1945–1947 geschah. Erst jetzt erfahren die Tschechen, welch schlechte Sieger sie im Jahre 1945 waren, als sie ihrem Mob erlaubten, sich an Unschuldigen auszutoben. Ich glaube, es braucht wirklich Zeit, das braucht zumindest eine Generation, bis sich das Gefühl einer europäischen Einheit – dass man dazu gehört, dass man ein Teil davon ist – in den Herzen und in den Seelen einbrennt, nicht nur im Hirn. Nölke: Herr Boll, Westdeutschland hat ja auch lange Zeit die Verbrechen der Nazis und die Frage der Verantwortung dafür verdrängt. Die 50 Podiumsdiskussion öffentliche Auseinandersetzung setzte im Wesentlichen erst in den Sechzigerjahren ein. Könnte es sein, dass das auch im Hinblick auf die SED-Diktatur so verläuft, dass die eigentliche Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte uns noch bevorsteht? Boll: Ja, davon gehe ich aus. Ich glaube, dass solche Phasen von Aufarbeitung nie konstant sind, sondern dass sich das stetig ändert. Es wird mit Sicherheit noch einmal Phasen geben, in denen das Interesse größer ist. Aber weil Sie den Nationalsozialismus angesprochen haben möchte ich eine weitere Überlegung einbringen. Man kann sagen, dass besonders brutale Diktaturen, dass Verbrechen grundsätzlich attraktiver sind als Widerstand. Es ist in den Medien ganz anders zu vermarkten. Es kommt leichter rüber als diejenigen, die sich im Motiv, für Demokratie und Freiheit zu kämpfen, geopfert haben. Ich habe den Eindruck, dass aktuell im Kontext dieser Sechzig Jahre Kriegsende alles was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt, dominiert, sodass andere Dinge, wie zum Beispiel die DDR-Geschichte, dahinter zurückfallen. Das ändert sich auch wieder. Aber wir sollten auch daran arbeiten, dass sich das ändert. Man muss aber auch sehen, dass manchmal Themen unter anderen Überschriften wieder aufkommen. Wenn man wahrnimmt, was im Kontext der 60 Jahre Kriegsende auch aus der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone thematisiert wird, dann ist das zum Teil sehr viel. Wir hören außerordentlich interessante Geschichten, die lange überhaupt nicht kamen, auch aus dem Bereich von Flucht, Vertreibung und Verfolgung. In diesem Zusammenhang möchte ich ausdrücklich Herrn Kohout danken für den letzten Satz, den er gesagt hat, nämlich dass Tschechen erst jetzt anfangen zu lernen, mit ihrer eigenen Geschichte von 1944-46 und der Vertreibung umzugehen. Das ist ein sehr traumatisches Feld, in Tschechien wie in Deutschland. Ich bin in den letzten Jahren sehr eng damit verbunden gewesen, weil wir uns bemüht haben, auf europäischer Ebene ein Netzwerk zustande zu bringen, das das Thema Vertreibung aufgreift, sodass dieses Thema nicht national verengt hängen bleibt. Und ich empfinde gerade dieses letzte Wort von Herrn Kohout als eine Ermutigung. Nölke: Also auch da geht es darum, eine europäische Perspektive zu gewinnen. Lassen Sie mich aber noch einmal einen anderen Gedanken von Ihnen aufgreifen, nämlich dass es offensichtlich spannender ist, sich mit den Tätern als mit den Opfern auseinander zu setzen. Ein Beispiel dafür ist Albert Speer, der im Moment sehr im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit steht – auch deshalb, weil jetzt erst offenOpfer und Täter 51 kundig geworden ist, in welchem Maße er an Verbrechen beteiligt war. Pavel Kohout, Sie sind Schriftsteller und Dramatiker, welcher psychologische Mechanismus ist das, dass sich das Publikum stärker für die Täter als für die Opfer interessiert? Kohout: Das liegt in der Natur des Menschen. Die ganze Weltliteratur ist ein Zeugnis dafür, dass es nur zwei Genres sind, die wirklich Aufmerksamkeit auf sich ziehen: die Tragödie und das Lustspiel. Man will entweder lachen oder weinen. Das ist ganz normal und menschlich. Man muss trotzdem versuchen, immer auch das Positive ins Gespräch zu bringen, damit man sieht, dass man nicht nur in einer Welt lebt, die voll von Problemen ist und man nicht ein Leben führt, damit es mit dem Tode endet, sondern dass es dort und dazwischen auch sehr vieles gibt, wofür es sich lohnt, zu leben, was dem Leben einen Sinn gibt. Poppe: Ich glaube, es gibt zwei Gründe, weshalb die Täter interessanter sind für die Öffentlichkeit. Einmal, weil die Täter immer noch als die Starken, Überlegenen, als die Sieger gelten – auch wenn sie eigentlich verloren haben – und sich z.T. auch so darstellen. Und zum Zweiten, weil die Opfer, wenn sie zum Beispiel vor der Fernsehkamera sitzen, bei den Betrachtern Scham auslösen, möglicherweise Schuldgefühle, 52 Podiumsdiskussion oder zumindest ein Unbehagen beim Gedanken daran, dass während dieser Mensch im Gefängnis gesessen hat, sie gut gelebt, gesungen, geliebt, gelacht haben, und es ging sie nichts an. Es ist ein unangenehmes Gefühl, mit einem Leid konfrontiert zu werden, das einem zu der Zeit, als es zugefügt wurde, egal war, weil man andere Prioritäten im Leben hatte. Und ich glaube, das ist der hauptsächliche Grund, weshalb es die Opfer so schwer haben, auch in der Öffentlichkeit gehört und respektiert zu werden. Nölke: Welche Möglichkeiten sehen Sie, Herr Boll, aus diesem psychologischen Dilemma herauszukommen? Boll: Ich will erst noch einmal aufgreifen, was Frau Poppe gesagt hat. Ich glaube, da ist ein sehr wichtiger Mechanismus angesprochen, den wir ja auch aus der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus kennen, wo die Darstellung dessen, was Widerstand, auch Jugendwiderstand bedeutete, immer diese Frage aufwirft, hätte ich selbst nicht auch mutiger oder stärker sein müssen. Also mit den Opfern sind ungute Gefühle verbunden. Und es hat auch in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus lange gebraucht, bevor man Abstand gewann zu diesen starken Typen wie Leni Riefenstahl sie dargestellt hat. Das ist immer noch faszinierend, bis heute faszinierend, obwohl es eine Konstruktion ist und so überhaupt nicht stimmte. Das ist also ein wichtiger Mechanismus. Wenn wir jetzt nicht auf den Speer-Film„Hitler und ich“ schauen, sondern auf den Film über die Weiße Rose – da wird eine Frau dargestellt, die so sehr das verkörpert, was Widerstand war, fast in einer überhöhten Form. Da wirkt ein anderer Mechanismus, in dem man zwar Widerstand präsentieren kann, aber doch in einer fast engelgleichen Form. Sie widersteht im Interview, sie sagt ihre Meinung, sie opfert sich dafür auch. Aber das ist relativ realitätsfern. Die Wirklichkeit des Widerstandes bestand in vielen anderen Beispielen. Ich will damit sagen, dass es auch im Fernsehen die Thematisierung des Widerstandes gibt, aber leider, für meine Begriffe, meistens verklärend, verherrlichend, die grauen Seiten ausblendend, die es sogar in der Weißen Rose gegeben hat, die gegenseitigen Beschuldigungen bis hin zu Denunziationen im Verhör. Alles Dinge, die wir kennen aus unserer Forschung. Aber im Film werden sie ausgeblendet und spielen keine Rolle. Offenbar – ein wichtiger Mechanismus – will man den reinen, den hehren Widerstand. Wir können ihn, so glaube ich, nicht liefern, und wir wollen auch nicht nur Helden produzieren, weil die Wirklichkeit der Widerständler, auch in der Opfer und Täter 53 DDR, sehr komplex und schwierig war. Aber ich würde gerne noch stärker über die Frage sprechen – gerade vor diesem Publikum scheint mir das sehr wichtig – warum wir uns mit den Tätern beschäftigen. Nölke: Lassen Sie uns auf diesen Aspekt nachher noch einmal zurückkommen. Ich würde gerne zunächst ein anderes Problem in den Vordergrund rücken: Im Zusammenhang mit den sechzig Jahren Kriegsende ist ja auch sehr viel darüber gesprochen worden, dass uns die Zeitzeugen langsam ausgehen. Das betrifft natürlich auch die Nachkriegszeit, die Zeit der brutalen stalinistischen Verfolgung Ende der Vierzigerjahre und in den Fünfzigerjahren. Dafür ist Bautzen ein bedeutsamer Erinnerungsort. Herr Boll, welche Tragweite hat es für die Erinnerungskultur, wenn uns auch für diesen Abschnitt der deutschen Geschichte die Zeitzeugen ausgehen? Boll: Alle Gedenkstättenmitarbeiter wissen, wie wichtig die Zeitzeugen in den Gedenkstätten sind. Sie sind unersetzbar. Sie transportieren individuelle Schicksale, die anrühren, die Emotionen schaffen, die Verständnis wecken für den einzelnen Fall. Es ist natürlich dramatisch für die Gedenkstätten, dass Ihre Generation der frühen Verfolgten, der frühen Widerständler, irgendwann nicht mehr da sein wird. Wir können aber vorbauen. Wir können diese Zeit, wenn diese Generation nicht mehr da ist, antizipieren. Das passiert in breiter Form durch Interviews, durch Filme. Und ich glaube, wir sehen auch zum Teil jetzt schon im Fernsehen, dass diese Zeit ersetzt werden wird, einerseits durch das Filmmaterial, das wir haben, andererseits auch indem beispielsweise historische Dinge nachinszeniert werden. Das kann gut sein, das kann schlecht sein, aber es ist die einzige Form, damit umzugehen. Ich bin der Meinung, dass ein guter, an den Quellen orientierter Film, der szenisch nachspielt, vielleicht sogar mehr bringt, weil er die schauspielerische Leistung mit einbezieht, als reine, langatmige Zeitzeugeninterviews. Diese Zeitzeugeninterviews brauchen wir, um die Tatsachen zu kennen, aber auch um die psychischen Folgen aufnehmen zu können – ob man sprechen kann oder ob man lieber verdrängt und lieber nicht darüber spricht. Ich bin also nicht pessimistisch. Ich glaube, die Zukunft wird in der medialen Aufbereitung liegen, die wir vorbereiten müssen durch entsprechende Materialien. Es gibt das, und wir diskutieren das. Es gibt auch schon sehr gute Beispiele. Poppe: In Ergänzung dessen möchte ich ins Bewusstsein rufen, dass jetzt, wo die Kriegsgeneration an das Ende ihres Lebens gekommen ist, 54 Podiumsdiskussion sich die Enkel aufmachen, um die Großmütter und Großväter zu befragen und deren Lebensgeschichten aufzuschreiben. Oder die alten Menschen haben selbst das Bedürfnis, ihr Schicksal zu dokumentieren. Es werden Agenturen gegründet, die Zeitzeugen interviewen, Tonbandtexte überarbeiten und publizieren. Lebenserinnerungen boomen und zwar von den Betroffenen verfasst oder auch von den Enkeln. Ich glaube kaum, dass es jemals so viel Interesse einer Enkelgeneration an den spezifischen Lebenserfahrungen ihrer Großelterngeneration gegeben hat. Nölke: Ist dieses starke Interesse an Biographien in Tschechien ähnlich? Gibt es dort auch zum Beispiel Zeitzeugenprojekte und Zeitzeugenauftritte in Schulen? Kohout: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber das Gesagte hat mich jetzt zu einem Thema gebracht, das ich noch los werden möchte. Als der Krieg im Jahre 1945 vorbei war, gehörte ich zu den Abermillionen Europäern, die eine offene Rechnung mit den Deutschen hatten. Man hat zwei meiner Onkel erschossen. Ich habe die Jahre 39 bis 45 schon wissend erlebt, ich war am Ende des Krieges 17 Jahre alt. Europa hat alles, was nur deutsch klang, gehasst. Man wollte nicht einmal Beethoven oder Bach hören, man konnte nicht einmal Schiller oder Goethe lesen – und zwar nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch in Belgien, Holland, Polen, Frankreich. Das kann man heute schon nicht mehr nachvollziehen. Deswegen sind die Schlüsse, die man von der damaligen Zeit heute zieht, rein theoretischer Natur, ausgehend von unseren heutigen Gefühlen. Und was ich eigentlich am meisten bewundere, ist der Weg der deutschen Gesellschaft – und jetzt sage ich zunächst der westdeutschen – zur Demokratie. Ich habe das tief bewundert und bewundere es bis heute, weil ich es aus der Nähe erlebt habe. Ich wurde an vielen deutschen Bühnen gespielt und reiste sehr oft von Theater zu Theater, war mit vielen Menschen zusammen. Und der Clou zu dieser großen geistigen Wende der Gesellschaft lag darin, dass es ihnen nicht aufgezwungen wurde, Reue zu zeigen, sondern dass die meisten Deutschen das für innerlich notwendig hielten. Das ist es, was innerhalb von zwei Generation, innerhalb von 50 Jahren, die Geächteten zu Geachteten gemacht hat. Das ist der Weg, den heute auch die tschechische Gesellschaft vor sich hat. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, sie geht ihn. Ich bin überrascht, wie mutig die tschechische Journalistik alle Keller und Schränke, in denen noch deutsche Leichen aus den Jahren 45, 46, 47 lagen, geöffnet hat. Was ich Opfer und Täter 55 aber in dieser Situation, da eine Gesellschaft versucht, zu ihrer Vergangenheit zu finden, für absolut falsch und kontraproduktiv halte, ist die Taktik der Dachverbände der Sudetendeutschen, die ununterbrochen den Tschechen vorschreiben, wie sie sich zu ihrer Vergangenheit bekennen sollen. Das geht wirklich nicht, das ist psychologisch total falsch! Und immer wieder, wenn etwas dergleichen passiert wie vor drei Tagen die Rede des Herrn Stoiber in Augsburg, machen dann alle tschechischen politischen Parteien eine Wagenburg und die Aufklärungsdebatte kann von Neuem beginnen. Man soll davon ausgehen, dass Menschen, die sich reinigen wollen, sich selber waschen müssen, weil es sehr unangenehm ist, wenn man grob von Fremden gewaschen wird. Boll: Ich möchte noch eines zu der Thematik, wie gehen wir weiter vor, wenn wir keine Zeitzeugen mehr haben, sagen. Filme und Interviews sind ein wichtiges Instrument. Ich möchte gerne den Ball an Sie, unseren Moderator zurückgeben, weil es selbstverständlich auch sehr davon abhängt, wie die Medien und die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten reagieren. Ich warte seit Langem darauf, dass wir endlich vernünftige Filme bekommen, z.B. über das Schicksal von Jochen Stern, den ich hier unten sitzen sehe, oder z.B. über den Eisenberger Kreis. Es muss viel mehr in diese Richtung gehen. Ich denke, dass gerade die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten verpflichtet sind, nicht nur Jungfilmer an dieses Thema heranzulassen, sondern gerade die Besten, die wir haben, mit entsprechenden Aufträgen zu versehen. Dies ist auch eine Frage des politischen Willens: Wem gebe ich das Thema Widerstand und Verfolgung in der DDR in die Hand? Hier müsste ein Breloer beauftragt werden, Themen aus diesem Bereich zu erschließen. Auch diese Dinge sollten wir im europäischen Kontext machen. Wir können sehr viel von den Polen lernen, die so etwas ähnliches wie eine Gauck-/Birthler-Behörde haben und die mit ihren weltbekannten filmischen Mitteln inzwischen Vorarbeiten vorlegen. Darüber könnte einiges an Inspiration kommen. Nölke: Lassen Sie uns noch einmal auf ein anderes Problem zu sprechen kommen, nämlich auf die Frage, ob es nicht ein Missverhältnis gibt in der Wahrnehmung der SED-Diktatur: Schauen wir nicht zu sehr auf die Siebzigerund Achtzigerjahre, und zu wenig auf die Anfänge der Diktatur, die ja doch sehr viel brutaler waren, wie wir auch hier in Bautzen immer wieder vor Augen geführt bekommen? Wie sehen Sie 56 Podiumsdiskussion das, Frau Poppe? Poppe: Da gibt es auch nach meiner Wahrnehmung tatsächlich ein Missverhältnis, auch was die Forschungsschwerpunkte betrifft. So ist sehr viel mehr geforscht worden über die Siebziger- und Achtzigerjahre, und auch im öffentlichen Bewusstsein ist diese Zeit viel mehr präsent. Allerdings ist das erfreulicherweise etwas durchbrochen worden durch die sehr gelungene mediale Darstellung aus Anlass des 50. Jahrestages des Aufstandes am 17. Juni 1953 vor zwei Jahren. Da gab es einen regelrechten Forschungsboom, der auch zu einer Neubewertung des Ereignisses geführt hat. Für unsere Generation war der 17. Juni ein Ereignis, bei dem es keine Personen, keine Namen gab. So etwas gibt es selten in der Geschichte. Erst vor zwei Jahren tauchten plötzlich Akteure auf, Biographien, Namen, lebendige Menschen, die eine historische Rolle gespielt haben, die sich mit bestimmten Motiven und Erwartungen am Aufstand beteiligt haben und dann auch ihren Leidensweg vollzogen haben. Nölke: Herr Kohout, auch in Tschechien waren die Nachkriegsjahre und die frühen Fünfzigerjahre sehr harte Jahre, in denen die stalinistische Diktatur von den Machthabern mit äußerst brutalen Mitteln durchgesetzt wurde. So gab es regelrechte GULAGs, in denen Zehntausende für die Sowjets zur Herstellung der Atombombe Uran abbauen mussten. In welcher Form wird heute daran erinnert und welche Rolle spielen diese Zehntausende von Opfern heute in Tschechien? Kohout: Diese Erinnerung wird zurzeit gepflegt. Vor drei Tagen wurde eine der wichtigsten Gedenkstätten eröffnet, das große Lager bei Pribram, nicht weit von Prag entfernt, wo Tausende politische Häftlinge in den Uranbergen arbeiten mussten. Das war eine große Aktion, dˇie durch alle tschechischen Medien ging. In soweit kann man also sagen, man versucht die Erinnerung zu pflegen. Aber Sie wissen, dass auch die meisten Tschechen, die dort ihre schlimmsten Jahre erlebten, jetzt schon über 70, sogar 80 Jahre alt sind. Sie sind eine Spezies, die jetzt eigentlich am Verschwinden ist, so wie eine schwindende Tierart, z. B. das Pferd von Przewalski. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Botschaft irgendwie an die kommenden Generationen bringen. Eines der Mittel dafür ist natürlich das, was am einfachsten konsumiert wird, die Kunst, der Film, die Literatur. Ich versuchte in den letzten Jahren immer wieder Filme und Romane zu schreiben, wo gerade diese Zeit, die wichtigste Zeit meines Lebens, zwischen 1939 und 1977 in interessanOpfer und Täter 57 ten Geschichten Eingang findet. Das ist mein privater Versuch, die Erinnerung an diese Zeiten emotional zu erhalten. Nölke: Stalins Statthalter in der Tschechoslowakei, der für diese Verbrechen die Hauptverantwortung trägt, war Clemens Gottwald. Wenn man heute bei uns über die Dörfer fährt, sieht man ab und zu noch eine Clemens-Gottwald-Straße, deren Umbenennung vergessen worden ist. Wahrscheinlich wissen die meisten Deutschen auch gar nichts mehr mit diesem Namen anzufangen. Wie denkt man heute in Tschechien über Clemens Gottwald? Kohout: Ich habe schon erwähnt, dass die dortige kommunistische Partei, die sich eigentlich nur halbherzig, man kann sagen fast überhaupt nicht, von ihrer Vergangenheit distanziert hat, jetzt über so viele Protestwähler verfügt, dass sie sich sogar erlaubt, auch diese Verbrecher wieder aus der Versenkung zu holen und versucht, sie in den historischen Salon des Landes einzuführen. Aber ich glaube, das hat auf die Dauer keine Chance. Nölke: Kommen wir noch einmal zum Thema der juristischen Aufarbeitung? Wie ist es den ehemaligen Politbüromitgliedern ergangen? Sitzen die vielleicht fröhlich auf ihren Datschen? 58 Podiumsdiskussion Kohout: Ja, denen geht es gut. Es sind gut dotierte Rentner und sie haben das große Glück, dass sie zum Gegner eine Demokratie haben, die ihnen nichts antut, weil alles schon verjährt ist. Viele Staatssicherheitsleute haben Detekteien oder sind Bodyguards bei reichen Industriellen. Denen geht es sicher gut, denn sie haben oft viel höhere Renten als ihre Opfer. Das ist das Problem der Demokratie. Sie wird nicht umsonst das Beste von allen schlechten Systemen genannt, und sie hat eigentlich nur einen großen Vorteil, nämlich, dass man alle vier Jahre die Karten neu mischen darf. Ansonsten ist die Demokratie langsam, launisch und lax. Und sie erlaubt es sogar, dass ihre Gegner gegen sie mobilisieren dürfen. Deswegen bin ich traurig, wenn ich vor allem bei der jüngeren Generation höre, dass man gar keine Armee bräuchte und man sich überhaupt nicht wehren müsse. Demokratie ist zerbrechlich, man kann sie in 24 Stunden stürzen, das habe ich schon zweimal erlebt. Und die Rückkehr zu ihr dauert dann Jahrzehnte. Das ist die einzige und die größte Botschaft, die man an die Jüngeren weitergeben muss: es gibt nichts Besseres und Teureres, nichts das man mehr schützen sollte, als die Demokratie. Nölke: Frau Poppe, ist unsere Demokratie zu milde mit den Tätern umgegangen? Poppe: Es gibt verschiedene Theorien, wenn man vergleicht, wie in verschiedenen Ländern nach Diktaturen mit den Staatsverbrechern umgegangen worden ist. Eine Theorie sagt aus, je schneller die Prozesse anlaufen, desto brutaler wird verurteilt. Weil die Wut noch groß ist, die Verbrechen noch in Erinnerung und die Richter und alle Beteiligten bemüht sind, nach außen hin zu zeigen, dass sie sich auch wirklich um 180 Grad gewandelt haben und mit der neuen Zeit mitgehen. Man hat das ja auch in Rumänien gesehen, da wurde gleich kurzer Prozess mit Ceaucescou und seiner Frau gemacht. Häufig scheint die Frage des Umgangs mit Staatsverbrechen auch mit der Zeitdauer des Regimes zusammenzuhängen. Je länger eine Diktatur dauert, desto milder wird später über sie geurteilt bzw. die Verbrechen werden ganz unter den Deckel geschoben. Ein Beispiel dafür ist Spanien. In diesem Land beginnt eine Aufarbeitung erst jetzt nach dreißig Jahren! Zunächst wurde 1974, nach Franco, eine Generalamnestie ausgesprochen. Es gab viele, viele Opfer. Sie hatten keine Stimme. Die Franco-Diktatur währte lange und hatte sich innerhalb dieses Zeitraums gewandelt von einem brutalen zu einem fast liberalen und offenen Staat. Mehrere Opfer und Täter 59 Generationen waren in dieses Herrschaftssystem involviert. Schließlich hatte Franco-Spanien sogar die DDR als Staat anerkannt. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch daran erinnern, dass Franco sogar auf der Titelseite des Neuen Deutschlands abgebildet war, was viele, die im Spanienkrieg gegen den Faschismus gekämpft haben, sehr gekränkt hat. Wie auch immer, die lang andauernde Herrschaft und der langsame Abbau brutalster Repressionspraktiken könnte einer der Gründe sein, weshalb eine gewisse Milde entstanden ist. Auch die DDR-Führung verhielt sich ja nicht zu allen Zeiten in gleicher Weise repressiv gegenüber ihren Gegnern. In den Achtzigerjahren konnte man mehr riskieren als in den Fünfzigern, das brauche ich Ihnen ja nicht erzählen. Dieses ist, glaube ich, auch bei uns einer der Gründe, weshalb es kaum ein ausgeprägtes Rachebedürfnis gab. Hinzu kam, dass in Bezug auf Gesamtdeutschland die Anzahl der von Repressionen Betroffenen nicht allzu groß war und der Westen mit seiner Entspannungspolitik quasi die Versöhnung schon vorweggenommen hatte. Das Ausmaß an Zorn hielt sich also in Grenzen und es gab einen relativ breiten Konsens für ein streng rechtsstaatliches Verfahren. Das aber hieß, die Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, die Täter unter Beachtung des Rückwirkungsverbotes zu verurteilen. Damit waren die Möglichkeiten sehr eingeschränkt und es ist viel Unrecht übrig geblieben, das nicht bearbeitet worden ist. Auf politischem und kulturellem Feld bleibt somit noch viel zu tun, das man mit justiziellen Mitteln allein nicht aufarbeiten kann. Nölke: Wolf Biermann hat ja einmal – als Gedankenspiel – bedauert, dass die Revolution in Mittel- und Osteuropa so friedlich abgelaufen ist. Ein bisschen Blut hätte den Volkszorn kanalisiert und beschwichtigt. Wie interessant finden Sie dieses Gedankenspiel? Poppe: Ach, hätten wir den Honecker doch einfach aus dem Fenster geworfen! Das habe ich Anfang der Neunzigerjahre oft gehört, vor allem im Zusammenhang mit den unbefriedigenden juristischen Verfahren. Ich kann das schon gut nachvollziehen, nur, wir hatten eine friedliche Revolution, und eines der wichtigsten Ziele der Bewegung 1989 war, die Herrschaft des Rechts über die Politik zu erzwingen. Wir hatten die Nase voll von dieser Willkür und von diesem Machtstaat, für den das Recht Instrument der Herrschenden zur Erhaltung ihrer Macht war. Wolfgang Ullmann sprach von der systematischen Zerstörung des Rechts als das größte und nachhaltigste der SED-Verbrechen. Deshalb, um uns selbst ernst zu nehmen und um die Ordnung zu erreichen, die 60 Podiumsdiskussion wir anstrebten, haben wir uns auf die rechtsstaatlichen Mittel eingelassen und deshalb vermieden wir jede Willkür. Nölke: Wir haben uns auf den mühsamen Weg durch die Akten begeben. Die Gauck-/Birthler-Behörde feiert in diesem Jahr ihren fünfzehnten Geburtstag. Frau Poppe, stellen Sie sich mal vor, wir hätten kein Stasi-Unterlagen-Gesetz gehabt und nicht diese Transparenz. Was hätte das denn bedeutet, wenn man mal bei diesen Gedankenspielen bleibt? Poppe: Fast wäre es dazu gekommen, der Westen wollte die Akten ins Koblenzer Bundesarchiv einlagern, und dort sollten sie erst einmal verschlossen bleiben. Es ist den Bürgerinitiativen zu verdanken, letztlich den Besetzern der Stasi-Zentrale Anfang September 1990, dass der Grundgedanke des Stasi-Unterlagen-Gesetzes doch noch Bestandteil des Einigungsvertrages wurde. Damit war die Verpflichtung gegeben, daraus ein Gesetz zu machen, das die Grundlage für die Stasiunterlagenbehörde bildete. Es ist wohl heute fast unumstritten, dass es sinnvoll war, auf diese Weise Einblick zu nehmen in den Mechanismus und die Arbeitsweise der Staatssicherheit. Denn wir haben nachlesen können, was niemand geglaubt hätte. Diese Zersetzungspläne, mit denen auf subtile Art die Persönlichkeit politischer Gegner zerstört werden sollte, konnten belegt werden. Nun ist weitgehend nachweisbar, wer, wo und wie abgehört und beobachtet wurde, in welchem Umfange Zersetzungspläne umgesetzt wurden, wer die Schergen der Macht waren und welch perfide Fantasie genutzt wurde, um Menschen zu verfolgen, zu demütigen, zu unterwerfen oder aus dem Land zu treiben Nölke: Pavel Kohout, wie wird das von Tschechien aus beurteilt? Ist das deutsche Stasi-Unterlagen-Gesetz ein Modell, über das auch in Tschechien diskutiert worden ist? Kohout: Ja, natürlich. Es fand ein großes Echo und es hat dazu geführt, dass das tschechische Parlament bereits vor sieben Jahren die Akten geöffnet hat. Ich verbrachte schon Dutzende von Stunden in der Stadt Pardubice, wo das Ganze gelagert wird. Meine Akte ist eine der Wenigen, die nicht zerstört wurden, weil ich im Jahre 1989 im ungewollten Exil war. Die haben das unter Verschluss gebracht und vergessen. Dieses Dossier hat 13 500 Seiten und ist eigentlich eine Generalakte, weil dort auch die Schicksale all meiner Freunde gespeichert sind, von Opfer und Täter 61 Vaclav Havel, von allen Schriftstellerkollegen. Ich habe davon etwa die Hälfte gelesen und dann habe ich eine Gruppe junger Historiker damit betraut, das alles durchzugehen und zu publizieren. Zwei Dinge sind für mich die Wichtigsten: Zunächst, die 262„Zuträger“ – eine traurige Gesellschaft – sind meistens Nachbarn, Jugendfreunde, Postboten, Handwerker und Ähnliche, die von der Staatssicherheit erpresst wurden und deshalb in einer großen Not aussagten. Ich denke dabei immer, wie ungerecht es ist, dass man nun diesen Menschen die Hauptschuld zuschiebt. Das ist ähnlich, als wenn eine Gruppe von Männern eine Frau vergewaltigt und man sie hinterher als Hure bezeichnet, sodass die Vergewaltiger straflos davon kommen. Beim Durchlesen meiner Akte faszinierte mich auch positiv, wie viele von den 262 Menschen einen„tschechischen Weg“ gefunden haben, indem sie alles und nichts gesagt haben. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe von Handwerkern, die sich eine wunderbare Idee ausgedacht haben, ich sei so widerlich zu ihnen gewesen, dass sie immer glücklich waren, wenn sie ihre Arbeit beendet hatten. Sie tranken aber viele Nächte im Sommerhaus mit uns und schimpften auf das Regime. Es gab aber auch Leute, die nicht bereit waren, gegen uns auszusagen, mit der einfachen Begründung, wir hätten uns gut zu ihnen verhalten. Was absolut positiv ist, sind die Nachrichten und die Analysen der Staatssicherheit selbst. Sie hat generell versucht, vor allem eine Gruppe 62 Podiumsdiskussion von Menschen zu biegen und zu brechen: die Gruppe tschechischer Schriftsteller, die Nein zur Okkupation des Landes gesagt hatte, und die es ablehnte, sie„brüderliche Hilfe“ zu nennen. Da hat sich gezeigt, dass ein Regime, das nicht foltern darf, verliert, denn in dem Moment, in dem es„höchstens“ ein Paar Jahre Gefängnis verhängen darf, die Widersacher aber nicht töten oder zu Krüppeln machen darf, ist alles verloren. Und dies ist auch dem tschechischen Regime passiert. Als Gorbatschow mit seiner Perestroika den Weg des Prager Frühlings ging – nämlich Öffnung der Macht der Partei von innen – als alle Bonzen der Ostblockstaaten begriffen, dass keine Panzer mehr kommen würden, war es aus. Dann war es eine Sache von einigen Wochen und Monaten. Ich halte es sogar für eine tschechische Schande, dass wir praktisch die Letzten waren, dass wir nach dem Fall der Berliner Mauer doch noch gewartet haben, ob sie vielleicht nicht wieder aufgebaut wird. Nölke: Lassen Sie uns noch einen Augenblick beim Thema Stasi-Unterlagen bleiben. Es gibt Historiker wie zum Beispiel Manfred Wilke vom Forschungsverbund SED-Staat, die kritisieren, dass wir uns bei der Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte zu sehr auf diese Akten konzentriert haben. Und in den öffentlichen Debatten sei es dann eher um die kleinen IMs als um die eigentlichen Machthaber gegangen. Dadurch sei das Gesamtbild verzerrt worden. Inwieweit trifft diese Analyse zu? Boll: Wir haben dieses Thema vor ein paar Jahren schon einmal im Rahmen eines Workshops behandelt und sind auch zu dem Ergebnis gekommen, dass durch die Stasi-Akten die Rolle der IMs in der Forschung und in der Öffentlichkeit stark überbewertet wurde. Das ist eine Tatsache, die wir bedauern müssen und aus der wir auch für die Forschung Konsequenzen ziehen müssen. Man kommt da aber noch zu einer weiteren, sehr wichtigen Frage: Diese lange Zeit der Diktatur hat natürlich dazu geführt, dass viele Persönlichkeiten, die angeklagt wurden, nicht mehr justiziabel waren. Man sieht das ja im Honecker-Prozess. Ich bin auch der Meinung, dass die vorhandenen Mittel nicht so umgesetzt wurden, wie es hätte sein müssen. Viele sind einfach zu gut weggekommen. Auf der anderen Seite muss man auch die sehr subtilen Formen der Unterdrückung bedenken, die Zersetzung der Seele, die dann in den Achtzigerjahren zum Greifen kamen. Diese waren wenige Jahre danach noch nicht justiziabel, weil man noch nicht wusste, wie man damit Opfer und Täter 63 umgehen sollte. Und wir hatten noch überhaupt keine Forschungen dazu. Auch jetzt wissen wir noch zu wenig über die Folgen dessen, was allgemein als Zersetzung der Seele, als Zersetzung des Umfeldes, als Vernichtung der Persönlichkeit praktiziert wurde. So lange wir das nicht genauer wissen, kann man das auch nicht in einem Prozess entsprechend unseren Gesetzen ahnden. Es ist ein sehr großes Problem, zu dem viel zu wenig geforscht worden ist. Sehr wichtig ist außerdem – Frau Poppe hat das gesagt –, dass wir uns die Tatsache der friedlichen Revolution nicht selbst zerreden oder zerreden lassen. Mein Aspekt dazu ist ganz einfach: Die Tränen der Freude, die damals in Deutschland geflossen sind, sind auch in Frankreich und Polen geflossen. Das ist ein europäisches Phänomen gewesen. Und genau das bindet uns auch an die Ungarn, die als erste den Grenzdraht durchgeschnitten haben, an die Polen, die als erste mit der Solidarnosc zu Gange waren. Das ist ein enormer Wert, den wir schätzen und uns bewusst machen sollten. Herr Kohout zeigt uns das heute auch von seiner Seite her. Nölke: Besonders interessant finde ich, wenn Leute wie Krenz und auch untergeordnete Kader sich heute als Opfer darstellen und von Siegerjustiz reden. Die Frage ist: Glauben die das tatsächlich selbst? Woran liegt das? Liegt das vielleicht daran, dass sie den Opfern ihre eigenen Untaten nicht verzeihen? Poppe: Dazu kenne ich sie persönlich zu wenig, aber ich halte nicht für ausgeschlossen, dass es so ein Bewusstsein gibt. Besonders schwierig finde ich die Beurteilung derer, die tatsächlich mit voller Überzeugung eine bessere Gesellschaft hatten aufbauen wollen und deshalb heute nicht in der Lage sind, Reue zu empfinden. Sie haben sich geopfert, sie waren keine Opportunisten, sie haben ihre Rolle als Parteifunktionär oder Stasioffizier aus voller Überzeugung„dem Guten zu dienen“ gespielt. Doch wo Unrecht geschieht, muss es auch Verantwortung und Schuldige geben. Worin liegt nun die Schuld derer, die in der Überzeugung, dass nur dieser sozialistische Weg letztlich zur Befreiung der Menschen aus der Knechtschaft führt, das Repressionssystem zu verantworten haben? Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Lothar Fritze liegt deren Schuld in der Verletzung kognitiver Pflichten. Das heißt, sie hätten wissen können, dass es Unrecht ist, was sie tun. Sie hätten sich informieren können. Sie waren in einer Position, in der sie die Verantwortung hatten zu wissen, dass hier Unrecht geschieht. Das halte ich für einen plausiblen moralischen Maßstab. Und wenn wir heute 64 Podiumsdiskussion von den Gerichtsurteilen der Folterer von Abu Ghraib hören, dann frage ich mich, warum stehen nicht die Gefängnisleitung, die Oberen in der militärischen Führung vor Gericht? Es liegt in deren Verantwortung, zu wissen, was vor sich geht und für Kontrolle zu sorgen. Sie gehören an die erste Stelle der Schuldigen, vor die kleinen SoldatInnen, im Gerichtsverfahren. Nölke: Die Frage ist also, wer eigentlich Täter ist. Inwieweit hat die Forschung das ausdifferenziert? Boll: Ich überschaue dazu die Forschungslandschaft nicht ganz, aber ich habe den Eindruck, dass wir von Kategorienbildung noch viel zu weit weg sind. Es gibt natürlich Unterscheidungen bei den IMs, genauso wie bei den Stasi-Offizieren. Ich möchte nicht Frau Kerz-Rühling vorgreifen, aber sie hat bei ihren Untersuchungen festgestellt, dass viele dieser IMs aus den unterschiedlichsten Motiven – aus finanziellen Gründen, aus Geltungssucht, aus Zwang etc. – gehandelt haben. Aber sie zeichnen sich zum Teil doch sehr stark durch eine Ich-Schwäche aus, durch einen schwankenden Charakter, der in einem festen System mit fester Aufgabenstellung dann funktioniert. Ich selbst habe in den Stasi-Akten das eine oder andere Beispiel finden können, wo ich den Eindruck habe, dass es wirklich sehr schwache Charaktere sind, die diese Tätigkeit übernahmen. Oder, wenn sie aus Zwang selbst haben unterschreiben müssen, diesen Weg weiter gehen, weil er natürlich mit Privilegien zu tun hatte. In vielen anderen Fällen führte das aber doch zu Widerstand, sodass die Behörde feststellen musste, dass derjenige nicht für sie arbeitete und die Akte geschlossen wurde. Wir haben gerade in diesem Feld die große Breite von einerseits willfährigen Instrumenten bis hin zu direktem Widerstand. Um abgesichert sagen zu können, wir haben Kategorien, ist es noch zu früh. Überhaupt ist mein Eindruck, dass Täterforschung noch etwas im Argen liegt. Es müsste da viel deutlicher unterschieden werden, um wen es sich handelt. Sind es Stasi-Generäle, sind es Verhöroffiziere, sind es IMs, die über lange Jahre hinweg arbeiteten. Ich kenne aus den Akten ein Beispiel, wo jemand von 1964 bis 1983 die gesamte Szene der ehemaligen politischen Häftlinge, die sich in West-Berlin fand und Opferverbände gründete, ausspioniert hat. Er war selbst Vorsitzender der VOS in West-Berlin, hat aber regelmäßig Berichte geliefert, für die er dann auch bezahlt wurde. Das sind entsprechende Persönlichkeiten, die dann funktionalisierbar sind. Generell habe ich den Eindruck, dass dieses Bild der Täter, die etwas repräsentieren, und der Opfer, die eher Opfer und Täter 65 ungute Gefühle vermitteln, sehr differenziert werden kann. Wenn wir die Täter besser kennen, werden wir feststellen, dass sie oft sehr schwache, ja erbärmliche Kreaturen gewesen sind. Es wäre auch für die Opfer notwendig zu wissen, dass viele dieser Leute nur funktionierten, weil dahinter ein entsprechendes Regime stand. Poppe: Man sollte vielleicht noch einmal unterscheiden, aus welcher Perspektive man Opfer und Täter bewertet. Ist das die juristische, die moralische oder die politische Perspektive? Nur mit dieser Unterscheidung kann man sich der Antwort auf die Frage nähern: Wer hat mehr Schuld auf sich geladen, derjenige, der aus Schwäche, Gleichgültigkeit, Opportunismus, Egoismus Unrecht begeht, oder derjenige, der aus voller Überzeugung als begeisterter Anhänger der kommunistischen Ideologie handelt? Ich habe solche Diskussionen mit ehemaligen Oppositionellen geführt, und die Beurteilungen waren sehr verschieden. Auch ist zu entscheiden, ob die Täterschaft damit anfängt, dass jemand„mit den Wölfen heult“, oder ob sie erst da beginnt, wo jemand unmittelbar konkreten Personen Leid zufügt. Und muss man da nicht auch fragen, ob ihm das als Unrecht bewusst war, hätte ihm das als Unrecht bewusst sein können, wenn er es hätte wissen wollen, hätte er die Möglichkeit gehabt, sich zu entziehen, und wenn ja, um welchem Preis? All diese Dinge gehören dazu, um eine Tat zu beurteilen, und damit auch die Person, die dahinter steht und die wir Täter nennen. Da gebe ich Herrn Boll völlig Recht, das braucht viel Zeit, und man muss das auch von politischen Instrumentalisierungen trennen. Nölke: Pavel Kohout, hat sich einmal irgendjemand von den 200 Leuten, die Sie beschattet haben, jemals bei Ihnen entschuldigt? Kohout: Kein Einziger. Nur eine Frau, die es ihrer Tochter verboten hatte, mit unserer Tochter zu spielen, brachte uns ein Glas eingelegte Gurken als Entschuldigung. Aber ich will zu der Diskussion noch etwas sagen: Das bizarrste Bild des Jahres 1989, das mir im Gedächtnis bleibt, ist ein LKW auf dem Alexanderplatz, auf dem eine Gruppe Intellektueller die Fortsetzung der DDR verlangt und neben Stefan Heym steht dort auf dem LKW Mischa Wolf, der Chef der Stasi. Um aber wieder zu meiner eigenen Biografie zurückzukommen: Wo ende ich als Mitverantwortlicher und wo beginne ich als Opfer? Das ist das Problem meines Lebens. In dem Moment, wo ich mit Sicherheit wusste, dass das alles nicht in Ordnung war – Mitte der Fünfzigerjahre hatte das mein erstes kritisches Theaterstück mit sich gebracht – 66 Podiumsdiskussion begann ein ununterbrochener Konflikt mit dem Regime. Als nach dem 20. August keiner im Land mehr an diese Ideologie glauben konnte, da habe ich mich entschlossen, dort zu bleiben, um die Verantwortung physisch mitzutragen. In dem Moment, wo der ganze Spuk aus war und wo wir mit gutem Gewissen sagen konnten, dass sich die Tschechoslowakei wieder dort befand, wo sie schon vor 40 Jahren war, nämlich in der Demokratie, habe ich es abgelehnt, Staatsfunktionen anzunehmen. Ich habe das Gefühl, dass das auch eine Art Reue eines Bürgers ist, dass man einen Fehler korrigiert und nicht unbedingt einen neuen beginnen muss. Deswegen ist die Sache, glaube ich, sehr, sehr individuell. Nölke: In Ihren Büchern betrachten Sie ja die menschliche Niedertracht und die Bösartigkeiten, die Sie erlebt haben, mit sehr viel Humor. Ist Humor auch für Sie privat ein Mittel, um die Demütigungen zu verarbeiten und über die Untaten hinweg zu kommen? Kohout: Ich glaube, das ist eine Schicksalsgabe der tschechischen Literatur. Am Anfang war das Galgenhumor – und ab und zu ist es das immer noch – aber es ist eine Literatur, die versucht, auch die tragischen Seiten des Lebens von allen Seiten zu betrachten. Wenn man das Komische in tragischen Situationen erwähnt, wird das Tragische noch tragischer. Aber es ist vielmehr eine Sache der Gene. Ich gehöre zu den Menschen, die sich optimistische Fatalisten nennen dürfen. Ich bin optimistisch in dem Sinne, dass ich alles tue, um eine Katastrophe abzuwenden, und wenn sie kommt und stärker ist als ich, dann schalte ich um auf Schriftsteller und freue mich, dass ich darüber einmal schreiben werde. Das ist der Fatalismus an dem Optimismus. Nölke: Frau Poppe, Humor ist eines. Wie wichtig ist Wut, um Demütigung zu verarbeiten? Poppe: Zuvor noch ein Satz zum Humor: Die Deutschen gelten ja als viel humorloser als manche ihrer Nachbarn. Aber in der DDR gab es sehr viel mehr Humor, als im Westen, als ich heute erlebe. Besonders in Dissidentenkreisen spielte Humor als Ventil gegen die Bedrückung eine unglaublich wichtige Rolle. Wir haben uns ganze Nächte lang die Geschichten, wie wir die Stasi ausgetrickst haben, erzählt, und Witze, mit denen wir uns psychisch entlastet haben. György Dalos, ein ungarischer Dissident und Schriftsteller, hat ein Buch über die Funktion der Witze in ostmitteleuropäischen Ländern geschrieben, mit vielen BeiOpfer und Täter 67 spielen. Je finsterer die Zeit, je größer unsere Ängste, desto mehr wurde in unseren Kreisen auch gelacht. Wut kann natürlich auch eine ganz produktive Funktion haben, weil sie nämlich dazu anspornt, etwas gegen das Unrecht zu unternehmen – unabhängig davon, ob sich das Unrecht gegen einen selbst oder gegen andere richtet. Wut kann aber auch in die Lage versetzen, mit Schaum vor dem Mund und starrem Blick nicht mehr Herr eigener Sinne zu sein, und dann etwas Unüberlegtes zu tun. Wichtig ist das kalkulierte Verhältnis zwischen dem, was man riskiert und dem, was man zu erreichen versucht. Was erreiche ich, wenn ich mich mit einem Schild vor meine Tür stelle und protestiere, dass man mich nicht aus der DDR heraus lässt? Fast keiner sieht es und in drei Minuten bin ich verhaftet. Das waren die permanenten Diskussionen innerhalb der DDR-Opposition: das Verhältnis zwischen Risiko und Effekt. Wofür lohnt es sich, ins Gefängnis zu gehen? Wut verstellt für solche, wie ich meine, notwendigen, nüchternen Überlegungen oft den Blick. Nölke: Ich habe gelesen, dass auch eine sehr enge Freundin von Ihnen Zuträgerin für die Stasi war. Wie haben Sie das verarbeitet und wie sind Sie über diesen Schock hinweg gekommen? Poppe: Das ist ein trauriges Kapitel. Mehrere meiner Freunde und Mitstreiter habe ich bereits vor der offiziellen Einsichtnahme in die Stasiakte(1992) als IM erkannt – oft durch vagabundierende Stasiunterlagen, die verbreitet wurden, bevor die Stasiaktenbehörde ihre Verwaltung aufgebaut hatte. Einige Spitzel haben sich mir aber auch von selbst anvertraut, dann konnte man noch am besten miteinander reden. Wenn die Stasitätigkeit geleugnet wurde, bis zur Aktenöffnung, in der Hoffnung, die Beweise seien vielleicht vernichtet, und dann hilflose Begründungen folgten, war meistens ein Gespräch nicht mehr möglich und sinnlos geworden. Das war allerdings bei den meisten Gesprächen, die ich mit ehemaligen Spitzeln geführt habe, der Fall, sie waren sinnlos. Ob es mir möglich ist, zu verzeihen, hängt vor allem von der Tätigkeit der Spitzel ab. Es gibt Berichte, in denen ein denunziatorischer Eifer spürbar wird, in welchen die Spitzel sich anbieten, noch aktiver bei den Zersetzungsplänen mitzuwirken und entsprechende Vorschläge machen. Und es gibt Stasi-Spitzel, denen man anmerkt, dass sie unter Druck ausgesagt haben, dass nur das Wichtigste, wonach der Stasi-Offizier gefragt hat, in den Berichten stand, dass vieles auch weggelassen wurde. Wenn ich dann noch die Umstände kenne, durch die der- oder diejenige da hineingeraten sind, habe ich 68 Podiumsdiskussion auch kein großes Problem mit dem Verzeihen. Aber das kann man immer nur am Einzelfall beurteilen. Nölke: Herr Boll, Sie haben recherchiert und ein Buch verfasst mit dem Titel„Sprechen als Last und Befreiung“. Zu welchem Ergebnis sind Sie darin gekommen? Boll: Ich weiß, dass Sie die Frage jetzt stellen, weil wir gerade über das Thema Wut gesprochen haben, dem die Themen Hass und Rache sehr verwandt sind. Ich bin in dem Buch, das zur Hälfte auch NS-Verfolgte und Holocaust-Überlebende umfasst, sehr rasch auf das Thema Hass gestoßen. Da kann ich gut an das, was Pavel Kohout gesagt hat, anknüpfen. Es gab bei den Holocaust-Überlebenden nach 1945 eine immense Überwältigung durch Hass. Hass auf alles Deutsche, auf alles, was in irgendeiner Weise damit zu tun hatte. Allerdings konnte ich auch feststellen, welche Formen der Verarbeitung, der Überwindung dieses Hasses, es gab. Diese Formen sind sehr unterschiedlich. Eine war sehr wichtig, und damit antworte ich auf Ihre Frage: Wenn sie nach 30 oder 40 Jahren die Möglichkeit bekamen, in Deutschland – weil sie hier lebten oder aus Israel oder den USA zurückkehrten – über ihr Schicksal vor jungen Deutschen zu reden, in einem anderen Deutschland als das, das sie gekannt haben. Das hat eine sehr wichtige Opfer und Täter 69 Bedeutung, ja fast eine heilende Wirkung gehabt. Viele sagten mir, dass sie das nicht nur aus Verpflichtung gegenüber den Umgekommenen tun, sondern auch, weil sie selbst dann besser mit ihrem Schicksal leben können. Das war ein Ergebnis Mitte der Neunzigerjahre, als ich interessanterweise Geschichten von Kommunismus-Opfern nicht gehört habe. Ich habe deshalb nachgefragt, auch bei einigen hier im Saale, wie sie damit umgegangen sind, der Hass ist doch auch da. Dieter Rieke schreibt in seinem Buch von einem Kameraden, der sagt, wenn er rauskommt, schießt er jeden um, den er nur kriegen kann. Der Hass war da, das ist überhaupt keine Frage. Aber Mitte der Neunzigerjahre gab es diese Form der Erinnerungsarbeit noch nicht, dass Leute von Ihnen regelmäßig in Schulen gehen konnten oder in Gedenkstätten als Zeitzeugen eingesetzt wurden. Daraus habe ich den Schluss gezogen, dass es – schon allein um mit den eigenen Gefühlen zurechtzukommen – notwendig ist, zu erzählen. Nicht jeder kann das. Aber wenn es geht, dann sollte man auch bis zu dem Punkt kommen, offen über diese Gefühle von Hass und Rache sprechen zu können. Das war für viele sehr erleichternd. Ich beobachte jetzt bei vielen, die ich kenne, dass sie jetzt regelmäßig in Schulen gehen, dass sie eingeladen werden. Und ich habe den Eindruck, dass sie jetzt auch besser damit leben können. Nölke: Frau Poppe, wie egal sind Ihnen die Leute, die Sie damals gepeinigt haben, heute nach 15 Jahren? Poppe: Auch das ist wohl unterschiedlich, aber im Großen und Ganzen kann ich sagen, sie sind mir nicht egal, weil ich immer noch über das Warum nachdenke. Von jemandem verraten zu werden, dem man vertraut hat, ist ja auch eine Kränkung und eine Verletzung. Ich habe mich getäuscht. Es ist nicht so, dass ich mich zurücklehne und nur sage, mir wurde Unrecht getan. Ich selbst habe mich getäuscht, habe ihm vertraut und er war des Vertrauens nicht würdig. Das löst auch eine eigene Unsicherheit aus. Habe ich so eine schlechte Menschenkenntnis, oder warum hat er mich so verachtet, dass es ihm nichts ausgemacht hat, mich zu verraten? Es ist wirklich ein schlechtes Gefühl, verraten worden zu sein. Deshalb denke ich immer wieder einmal darüber nach. Nölke: Hat das Ihr Menschenbild beeinflusst? Poppe: Ich habe mir vorgenommen – ob ich das schaffe, weiß ich nicht – trotz dieser Erfahrung und trotz dieser Enttäuschungen, jedem Menschen erst einmal einen Vertrauensvorschuss zu geben. Denn ich glau70 Podiumsdiskussion be, wenn man mit Misstrauen gegenüber jedem anderen Menschen durch die Welt läuft, dann vergällt man sich die Freude am Leben. Nölke: Pavel Kohout, mit welcher Geisteshaltung, mit welchen Gefühlen sollten wir zurückschauen auf diese 40 Jahre kommunistischer Diktatur? Können Sie uns da noch eine philosophische Empfehlung geben? Kohout: Vielmehr zu dem, was Frau Poppe gesagt hat. Wenn jemand, den ich mochte, mein Vertrauen missbraucht hat und mich verraten hat, dann ist es sein Problem, und er soll sich damit quälen. Ich werde mir seinetwegen keine Magenbeschwerden zufügen. Ich habe all diese Menschen aus meinem Leben weggeräumt, und damit war die Sache für mich erledigt. Ich glaube, dass man alles Schreckliche, was man erlebt hat, irgendwie zur Kenntnis nehmen soll. Wenn möglich, kann man daraus Konsequenzen ziehen. Aber ansonsten versuche ich, diese Geschichten gleich in einen anderen Bereich abzuschieben, in den Bereich von Themen, über die ich vielleicht noch einmal schreiben möchte. Das ist meine Selbsthygiene. Deswegen bin ich 77 und noch nicht krank. Opfer und Täter 71 Schülerprojekt der Mittelschule Doberschau „Sowjetische Speziallager in der SBZ/DDR“ Barbara Domschke Ich denke, einige von ihnen werden mich kennen, ich bin in den letzten Jahren öfters hier aufgetreten. Immer wieder habe ich Ihnen versichert, dass an den Schulen Ihr Schicksal thematisiert wird. Heute möchte ich Ihnen ein konkretes Schülerprojekt vorstellen, das wir an unserer Schule erarbeitet haben. Wie kam es zu diesem Projekt? Anfang April dieses Jahres rief mich Frau Hattig von der Gedenkstätte an und berichtete mir, dass es ein neues Buch von Hans Corbat gebe –„Unserer Entwicklung steht er feindselig gegenüber“. Sie fragte, ob ich eine Klasse hätte, die dieses Buch lesen würde, da Herr Corbat im April eine Buchlesung gebe, und es schön wäre, wenn Schüler dabei wären. Dieser Anruf deckte sich mit meiner Planung, denn ich hatte sowieso vor, mit meinen Schülern der Klasse 10 b das Speziallagerprojekt in der Gedenkstätte durchzuführen. Diese Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte läuft seit Jahren sehr gut. Meine Schüler bekamen dann die Aufgabe, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Am 8. April sind wir in die Gedenkstätte und haben 72 Schülerprojekt anhand einiger Biografien das Speziallagerprojekt durchgeführt, auch darüber werden Sie gleich einiges hören. Der Höhepunkt dieses Projektes war, dass Hans Corbat am 12. April aus seinem Buch vorgelesen hat. Die Schüler der Klasse 10 b haben vollzählig an dieser Lesung teilgenommen, um den Autor kennen zu lernen und das Buch noch einmal nacherleben zu können. Daraus sind Geschichtsaufsätze entstanden – die danach natürlich auch bewertet wurden – sodass sich die ganze Sache abgerundet hat. Wir können Ihnen jetzt aus vier Aufsätzen Ausschnitte vorlesen. Sie sehen also, dass an den Schulen etwas getan wird. In den nächsten Jahren wird es sicher noch mehr Möglichkeiten geben, das Thema der SBZ/DDR-Geschichte stärker in den Unterricht einfließen zu lassen. Die Anfänge sind gemacht und wir werden dies fortsetzen. Claudia Seifert 10 b: Bautzen I – Das Speziallager Was fällt den meisten Leuten ein, wenn sie Bautzen hören? Nicht etwa Bautzener Senf oder so. Die meisten sagen:„Bautzen? Ist das nicht das Gelbe Elend oder der Stasiknast?" Richtig. In Bautzen steht eins der berühmtberüchtigtsten Gefängnisse der DDR: das Gelbe Elend(Bautzen I) und Bautzen II. Durch diese Gefängnisse erlangte Bautzen eine traurige Berühmtheit. Erbaut wurde Bautzen I im Jahre 1905. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es als Speziallager der sowjetischen Besatzungszone. Wie viel Menschen in Bautzen umgekommen sind, ist nicht bekannt. Nun, 60 Jahre später, ist in Bautzen Il eine Gedenkstätte. Wie viel hatte man gehört, doch wie es wohl wirklich war? Ich weiß es nicht und ich konnte es mir nicht vorstellen. Doch vielleicht fände ich ja bei dem Besuch der Gedenkstätte Bautzen die Antwort auf meine Fragen. Wir trafen uns am Freitag, dem 8. April vor dem Gefängnis. Etwas Unheimliches lag über dem Knast. Uns wurde etwas über die Geschichte von Bautzen I erzählt. Die verurteilten Menschen wurden mit LKWs nach Bautzen geschafft. Meist in der Nacht. Außen an den LKWs stand zur Tarnung„Frischer Fisch täglich auf den Tisch“. Keiner sollte Verdacht schöpfen. Einige wussten zwar, dass hinter dem Gericht ein Gefängnis war, aber man glaubte, es sei für Verbrecher, die noch verurteilt wurden. Dann gingen wir rein. Ein langer gelber Gang. Irgendwie erdrückend, fand ich. Links und rechts waren Türen mit Schaulöchern. Ein Bett, WC, Waschbecken und Klapptisch. Eine typische Zelle von früher. Der Raum war nicht größer als 10 m 2 . Und in so einer Zelle sollten bis zu vier PerSowjetische Speziallager in der SBZ/DDR 73 sonen leben? Für mich war das unvorstellbar. Mein Zimmer war viel größer und das habe ich für mich allein! Wir gingen weiter. Eine lange Treppe führte uns hinauf bis in den 5. Stock. Aus dem Fenster blickend, konnte ich erkennen, wo die Gefangenen ihren Ausgang hatten. In einem großen Saal sprachen wir weiter:„Ein Bleistift und Papier war unter den Gefangenen Luxus. Man trug meist die Sachen, die man anhatte, als man verhaftet wurde. Also, wenn einer im Sommer mit kurzer Hose und kurzem Nicki verhaftet wurde, trug er diese Sachen auch im Winter. Und auch umgekehrt. Manchmal hatte man das Glück und konnte mit einem anderen Häftling tauschen. Briefe und Postkarten wurden zensiert. Ein kleiner Holzlöffel war der größte Schatz eines jeden Gefangenen.“ Doch eines der erschreckendsten Dinge war, dass einige Gefangene ohne Grund eingesperrt wurden. Mit psychischer und körperlicher Gewalt wurden die Verdächtigen zu einer Falschaussage gezwungen. Meist war es wegen Spionage. So auch bei Hans Corbat. Er trat aus der SPD aus und wurde festgenommen. Man verurteilte ihn zu 20 Jahren Haft wegen Spionage für den britischen Geheimdienst. Julia Bläsche: Ein anderer Blick von Bautzen I Danach konnten wir uns die Dauerausstellung ansehen, die sehr viele Aufschlüsse über das Leben in Gefangenschaft gab. Nach diesem ereignisreichen Tag war ich nun umso mehr gespannt auf die Vorlesung von Hans Corbat, die in vier Tagen stattfinden sollte, wieder in der Gedenkstätte Bautzen. Als der Tag herangerückt war, und mich meine Freundin abholte, um gemeinsam zum verabredeten Treff mit unserer Klasse zu gehen, wusste ich noch nicht, was mich erwartete. Ich hatte mir das Bild von Hans Corbat, welches auf seinem Buch abgebildet war, sehr genau eingeprägt und hatte gehofft, ihn zu erkennen. Auch andere aus meiner Klasse vermuteten in der Menschenmenge, die sich vor dem Eingangstor gebildet hatte, ihn erkannt zu haben. Zum Schluss aber lagen dann doch alle falsch. Es waren viele ältere Menschen mit Verwandten und Bekannten gekommen, die wahrscheinlich ähnliche Schicksale wie Hans Corbat durchgemacht hatten. Als die Vorlesung begann und er anfing zu lesen, wurde mir erst einmal bewusst, dass es sich ganz anders anhörte, wenn Hans Corbat liest, als wenn ich es lese. Man erkannte sofort, dass er viel mehr Emo74 Schülerprojekt tionen hineinbrachte, als wenn jemand anders vorlesen würde. Die Veranstaltung ging länger als geplant, aber das störte kaum jemanden. Hans Corbat wurde mit lautem Applaus von uns verabschiedet. Aber was wir nicht wussten war, dass wir vor dem Eingang noch ein sehr interessantes Gespräch mit Herrn Rentsch führen würden. Wir standen fast eine Stunde draußen vor dem Eingangstor und diskutierten über die vergangene Zeit. Aber natürlich erfuhren wir auch noch mehr, was uns half, dieses ganze Erlebnis zu verarbeiten. Jetzt, nachdem ich das Buch gelesen habe, hat sich meine Meinung über Gefangenschaft sehr verändert und ich bin froh darüber. Ich kann dieses Buch nur an jeden weiterempfehlen. Marie-Kristin Kalich: Schilderung meiner Gedanken und Gefühle beim Besuch des Speziallagers Bautzen Bautzen II wurde am 8. April 2005 Herberge für unser Geschichtsprojekt. Als wir das Gebäude betraten, bekam ich schon ein sehr komisches Gefühl. Ich stellte mir vor, dass genau diesen Weg Tausende von SBZ-Häftlingen gegangen waren, ohne zu wissen, was in diesem Moment mit ihnen passiert. Diese Menschen wurden teilweise schon Sowjetische Speziallager in der SBZ/DDR 75 als Kinder festgenommen. Es wurde ihnen vorgeworfen, faschistischen Tätigkeiten nachgegangen zu sein. Die meisten von ihnen kamen ohne jeglichen gerichtlichen Prozess für mehrere Jahre in das Speziallager. Keiner von ihnen wusste, wann er wieder frei gelassen wurde. Viele ließen durch die entsetzlichen Umstände ihr Leben. Die Menschen mussten psychischen und physischen Terror ertragen. Dazu zählte z. B. die Lebensmittelration. Jeder Häftling bekam pro Tag eine Kuhle Brot, etwas Suppe und einen Liter Wasser für die Körperpflege, Trinken und Reinigen der Zelle. Auch die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Es gab nur selten Seife. Außerdem mussten die Gefangenen mehrere Jahre die gleichen Sachen tragen, in denen sie abgeführt wurden. Neue Kleidung gab es nur von verstorbenen Häftlingen. Es herrschten also menschenunwürdige Verhältnisse in diesem Lager, welche ein bisschen an die Konzentrationslager der Nazis erinnerten. Als wir weiter die vielen Treppen hinaufgingen, kamen wir in einen größeren Saal. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter und ich bekam furchtbare Gedanken. Wir wurden jetzt in Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe bekam eine Mappe mit Aufgaben zu einem Häftling. Wir sollten Näheres über einzelne Schicksale und Lebensbedingungen erfah76 Schülerprojekt ren. Um die Aufgaben zu lösen, wurden wir zu fünft in eine Zelle „gesteckt“. Da saßen wir nun. Ich musste mich erst einmal umschauen. Doch so viel gab es gar nicht zu sehen. Eine gruselige Vorstellung, hier jahrelang auch mit drei bis vier Zimmerbewohnern zu leben. Mich überkam Nachdenklichkeit. Die anderen meiner Gruppe beschäftigten sich schon mit den Aufgaben in der Mappe. Doch ich kam nicht von den Gedanken los, wie es wohl sein mag, jahrelang in einem Raum eingesperrt zu sein, der so groß ist wie unsere Abstellkammer. Das Fenster war ganz oben in der Zelle und es ging nicht zu öffnen. Es war vergittert. Fühlte man sich dann eigentlich noch als Mensch? Die Aufgaben in der Mappe waren schnell erledigt. Ich ging auf den Gang, um etwas frische Luft zu schnappen. Die anderen Gruppen schienen noch emsig zu arbeiten. Ich erlaubte mir den Scherz und sperrte der Gruppe neben mir die Tür zu. Der Riegel war laut. Ein furchtbares Geräusch, dachte ich mir. Die Gruppe merkte das natürlich sofort und protestierte. Ich machte die Tür wieder auf. Ich schaute mich weiter um, jede Menge Türen – alle von Zellen. Alle Fenster sind vergittert, jede Zelle sieht gleich aus. Es muss furchtbar gewesen sein, dachte ich mir. Kristin Soke/ Romy Schneider. Ein anderer Blick von Bautzen II Kristin Soke An Hand des Schicksals von Hans Corbat wurde uns im Geschichtsunterricht die Nachkriegszeit in Deutschland verdeutlicht. Im Buch„Unserer Entwicklung steht er feindselig gegenüber" beschreibt Hans Corbat seine Erlebnisse in kommunistischen Lagern und Gefängnissen in Berlin, Torgau und Bautzen. Als ich das erste Mal von unserem Projekt hörte, war ich, ehrlich gesagt, nicht sonderlich begeistert davon. Das lag wohl daran, dass das Lesen nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte. Trotz meines anfänglichen Desinteresses begann ich zu lesen. Es geschah etwas, was nur sehr selten passierte: ich konnte nicht aufhören zu lesen. Jedes Mal, wenn ich abends noch etwas las, fiel es mir sehr schwer, einfach so einzuschlafen. Öfters lag ich noch eine Weile wach, um das zu verstehen, was Hans Corbat in seinem Buch beschrieb. Doch ich verstand es nicht. Wie kann so etwas passieren? Warum sind Menschen so? Romy Schneider Ich fand darauf keine Antwort und die habe ich auch heute noch nicht. Sowjetische Speziallager in der SBZ/DDR 77 Hans Corbat wurde zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt. Wegen nichts! Er trat nur aus der SPD wegen der Zwangsvereinigung mit der KPD aus. Für mich ist es unvorstellbar, wie so etwas passieren kann. Das kann doch nicht wirklich ein Grund für 20 Jahre Haft sein. Hans Corbat glaubte zu Beginn auch noch, dass es sich um ein Missverständnis handelte. Doch die nächsten zehn Jahre zeigten ihm die Realität. Was Hans Corbat diese Jahre durchmachte, ist schwer nachzuvollziehen. Die Erlebnisse, die er in seinem Buch beschreibt, sind sehr bewegend für mich. Noch immer habe ich nicht realisiert, dass das wirklich alles geschehen ist. Die Tatsache, unter welchen Umständen die Menschen im„Gelben Elend" gefangen gehalten wurden, macht mich sauer. Doch viel wütender werde ich, wenn ich daran denke, dass viele dieser Menschen unschuldig waren. Man sollte meinen, dass die Menschen aus der Zeit davor gelernt haben. Kristin Soke Ich bin froh, dass wir in einer Zeit leben, in der man seine Meinung frei äußern darf. Vielleicht ist dieser Gedanke aber auch einfach nur naiv von mir. Doch denke ich, dass die Menschen daraus gelernt haben. Ich hoffe bloß, dass es nicht in Vergessenheit gerät. Aber wer gibt den Millionen Toten ihr Leben zurück? Wer gibt Hans Corbat seine zehn Jahre zurück? Wie kann jemand nach alldem weiterleben? Kann man so etwas vergessen? Oder hat sich je ein Mensch bei Hans Corbat entschuldigt? Um die Lebensverhältnisse besser zu verstehen, besuchten wir am 8. April 2005 den ehemaligen„Stasiknast", in dem sich heute eine Gedenkstätte befindet. Dort wird an die Opfer der beiden Bautzener Gefängnisse erinnert. Ich denke, dass wir erst dort wirklich das Leiden der Gefangenen verstanden haben. Als wir in den Zellen Aufgaben zu Betroffenen erledigten, hatte ich ein komisches Gefühl. Romy Schneider Bei der Vorstellung, dass dort wirklich Menschen gefangen waren, bekam ich eine Gänsehaut. In den Zellen war es klein, eng und stickig. Kein Platz zum Gehen oder Bewegen. Diese Situation erschien mir sehr unwirklich. Ich empfand einfach nur Trauer und Entsetzen. Die Informationen über die Lebensbedingungen waren schockierend. Niemals könnte ich mir vorstellen, so zu leben, lieber würde ich sterben. Manchmal geht meine Dankbarkeit für das, was ich habe, verloren. Alles ist so normal für uns. Heute bin ich froh, die Erfahrung gemacht 78 Schülerprojekt zu haben, Hans Corbats Schicksal genauer kennen zu lernen. Hätten wir dieses Projekt nicht durchgeführt, wahrscheinlich würde ich nicht viel über die wirklichen Leiden dieser Menschen wissen. Trotzdem fällt es mir schwer zu verstehen, wie es gewesen sein musste, von einem Tag auf den anderen seine Freiheit zu verlieren. Ich bewundere HansCorbat für seinen Mut und seinen Lebenswillen. Corbat für seinen Mut und seinen Lebenswillen. Sowjetische Speziallager in der SBZ/DDR 79 Referate Jörg Morré Von den Sowjets zur Deutschen Volkspolizei. Das Wachpersonal im Speziallager Bautzen Das Speziallager Bautzen wurde im Mai 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht in der ehemaligen Landesstrafanstalt am Rande der Stadt errichtet. Offiziell diente es der Internierung von NS- und Kriegsverbrechern, die von den alliierten Siegermächten als eine der ersten Maßnahmen bei der Besetzung Deutschlands beschlossen worden war. Allerdings unterschied sich das sowjetische Vorgehen deutlich von dem der Westalliierten. Die einmal Inhaftierten blieben für Jahre im Lager, ohne dass der Vorwurf der NS-Verbrechen überprüft wurde. Durch Hunger und Krankheit verschlechterten sich zudem die Haftbedingungen derart, dass ein großer Teil der Gefangenen verstarb. Später kamen neue Häftlinge hinzu, die aus zumeist politischen Gründen von einem sowjetischen Militärtribunal(SMT) verurteilt worden waren. Bautzen war eines von insgesamt zehn Speziallagern in der SBZ, die 80 Referate Instrumente repressiver sowjetischer Besatzungspolitik waren. Nach Gründung der DDR setzte die SED diese Politik fort. Im folgenden Beitrag soll der soziale Hintergrund des Personals der zehn Speziallager in der SBZ näher beleuchtet und eine Verbindung geschlagen werden zu dem Leitbild, das die SED bei der Auswahl des Personals für die Gefängnisse in der DDR von den„sowjetischen Freunden“ übernahm. Exemplarisch stütze ich mich dabei auf das Speziallager Bautzen, das im Februar 1950 von der sowjetischen Lagerleitung direkt in die Hände einer deutschen Gefängnisverwaltung gegeben wurde. Das Idealbild vom Tschekisten Speziallager in Deutschland entstanden auf der Grundlage eines Befehls des sowjetischen Volkskommissariates für Innere Angelegenheiten(NKWD) vom 18. April 1945, der die Einweisung in die Lager als „Durchführung tschekistischer Maßnahmen zur Säuberung des Hinterlandes der kämpfenden Truppen der Roten Armee“ bezeichnete. Diese Formulierung zog sich seit dem Jahresanfang 1945 wie ein roter Faden durch mehrere Anweisungen des NKWD. Im Januar 1945 war damit noch die pauschale Deportation der arbeitsfähigen deutschen Zivilbevölkerung in die Sowjetunion gemeint. Ab Mai 1945 erfolgte unter eben dieser Formulierung die von den Siegermächten beschlossene Entnazifizierung.„Tschekistische Maßnahme“ bleibt so gesehen ein diffuser Begriff, der mehr über die Akteure des NKWD als über deren Handeln aussagt. Tschekisten, so nannten sich die Angehörigen der„Außerordentlichen Kommission“(Tschreswytschajnaja Komissja), die 1917 als politische Polizei von den in der russischen Oktoberrevolution siegreichen Bolschewiki eingesetzt wurde. Unter wechselnden Bezeichnungen – GPU, OGPU, NKWD, NKGB, MGB, MWD und schließlich KGB – erwuchs daraus ein monströser Geheimdienstapparat, der nicht nur in der sowjetischen Geschichte eine unrühmliche Rolle bei der Verfolgung politisch Andersdenkender spielte. Die Tscheka legte auch die Grundlagen des sowjetischen Zwangsarbeitersystems, das dann ab den Dreißigerjahren unter der„Hauptverwaltung der Lager“(Gulag) zur vollen Blüte kam. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Tscheka zum Leitbild der Polizei- und Geheimdienstapparate in den Satellitenstaaten der UdSSR. So bezeichnete sich das Ministerium für Staatssicherheit der DDR in unmittelbarer Anlehnung an die Symbolik des sowjetischen Vorbilds immer als„Schild und Schwert der Partei“. Aber auch innerhalb des NKWD, das sich als militärischer Apparat(„bewaffnetes Jörg Morré 81 Organ“) verstand, diente die Tscheka als Leitbild: Ein Tschekist war ein Soldat. Er war„klassenbewusst“ in dem Sinne, dass er von seiner sozialen Herkunft her der Arbeiterklasse respektive der Bauernschaft entstammte. Er war„überzeugter Kommunist“, was an seinem frühzeitigen Eintritt in die Partei erkennbar war. Seine langjährige hauptamtliche Mitarbeit im Parteiapparat machte ihn zum„verdienten Kämpfer“. Seine„Treue zur Partei“ war durch die mehrfachen Mitgliederüberprüfungen –„Säuberungen“ – erwiesen und bedeutete letztlich, dass er kritiklos alle Umschwünge in der Parteilinie befolgt hatte. Dieses hier knapp umrissene Leitbild diente zum Aufbau eines schlagkräftigen Geheimdienstapparates in der Sowjetunion. Mit ihm wurden nicht nur die Umwälzungen im eigenen Land – Kollektivierung der Landwirtschaft, repressive Nationalitätenpolitik und„Säuberungen“ – bewältigt, sondern auch der Besatzungsapparat in Deutschland bestückt. Der Gulag kommt nach Deutschland Das Personal der Speziallager kam überwiegend aus dem Apparat der Anfang 1945 vom NKWD eingesetzten Frontbevollmächtigten. An jeder der im Westen stehenden Fronten der Roten Armee(„Heeresgruppen“) wurde ein Geheimdienstoffizier„zur Gewährleistung der tschekistisch-militärischen Maßnahmen“ eingesetzt. Diesen Bevollmächtigten standen eigene Truppen in einer Gesamtstärke von knapp 60 000 Mann zur Verfügung. Sie sollten damit für die militärische Absicherung des rückwärtigen Kampfgebietes der Roten Armee sorgen, was allerdings eine Aufgabe war, die das NKWD ohnehin schon seit Kriegsbeginn hatte. Die eigentliche Aufgabe der neu ernannten Frontbevollmächtigten war die Deportation der deutschen Zivilbevölkerung zum Arbeitseinsatz in die Sowjetunion. Dafür wurden jedem Frontbevollmächtigten zusätzlich„150 erfahrene Tschekisten“ zur Verfügung gestellt. Von den im Februar 1945 einsetzenden Zwangsdeportationen waren rund 270 000 Deutsche aus Ostpreußen, Schlesien und den Karpaten betroffen. Im Mai 1945 wurde der Abtransport in die Sowjetunion gestoppt, und die Frontbevollmächtigten begannen mit der Einrichtung der Speziallager. Auch das war eine„tschekistische Maßnahme“, die mit dem eingespielten Personal des NKWD bewältigt wurde. Nach Kriegsende etablierte sich daraus das System von zehn Speziallagern und drei NKWD-Gefängnissen. Die sogenannte Abteilung Speziallager war als eigenständige Verwaltungseinheit der sowjetischen Militäradministration zugeordnet (SMAD). Sie bildete, obwohl immer unter unmittelbarer Kontrolle des Innenministeriums in Moskau, ein autonomes Lagersystem. Erst im 82 Referate August 1948 wurden die Speziallager dem Gulag unterstellt. Die Hauptverwaltung der Lager forderte darauf eine Angleichung der Personalstruktur der Speziallager an die der Straflager in der Sowjetunion. Ob das tatsächlich erfolgte, bleibt fraglich. Zumindest gab es Ende 1948 vielfache Versetzungen von Offizieren, die allerdings lediglich zwischen verschiedenen Lagerverwaltungen wechselten. Insgesamt scheint die formale Unterstellung unter die Gulag-Verwaltung keine signifikanten Veränderungen gebracht zu haben. Insbesondere die Chefs der Speziallager blieben auf ihren Positionen. Abberufungen wie die des Speziallagerchefs in Torgau waren vermutlich die Ausnahme. Trotz schlampiger Amtsführung mit Korruption, Trunkenheit im Dienst und Schiebereien – Klage darüber gab es vereinzelt immer wieder – war das NKWD vermutlich am Ende doch auf die Offiziere angewiesen, weil es keinen Ersatz gab. Laut Stellenplan taten pro Speziallager 242 Mann Dienst. Davon waren allein 175 Mann für die Bewachung vorgesehen. Da in der Realität alle Lager mit fortwährender Personalknappheit kämpften, ist von durchschnittlich 20 Offizieren und 120–140 Mann Bewachung auszugehen. Während die Mannschaftsdienstgrade Wehrpflichtige waren, die für ein bis zwei Jahre nach Deutschland abkommandiert wurden, war das Offizierskorps in seiner Zusammensetzung über die Jahre 1945–1950 relativ konstant. Die meisten von ihnen waren im Gefolge der Roten Armee nach Deutschland gekommen. Zu einem Teil waren sie Angehörige der Truppen des NKWD, zum anderen Teil kamen sie aus der Verwaltung der Kriegsgefangenenlager. Da die meisten Speziallager bis zum Sommer 1948 aufgelöst wurden, wurde auch der Personalstamm verringert. Von anfangs zehn Lagern blieben am Ende drei übrig: Bautzen, Buchenwald und Sachsenhausen. Die leitenden Offiziere der Speziallager aber blieben in Deutschland. Eine nahezu idealtypische Karriere als Tschekist hatte der Leiter des Speziallagers Bautzen, Sergej Kazakov, hinter sich, als er seinen Posten in Deutschland übernahm. 1892 in Warschau geboren, schloss sich der gelernte Maurer, der noch als Soldat in der zaristischen Armee am ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, 1917 den Bolschewiki an. Als Arbeiterrat war er aktiv an der Oktoberrevolution in Petersburg beteiligt. Bereits 1919 trat er in die Tscheka ein, die ihn zwölf Jahre lang als Politkommissar in der Ukraine einsetzte. In wechselnden Funktionen hatte er dort als Teil des Geheimdienstapparates Anteil an der repressiven Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft. Anfang der Dreißigerjahre wurde Kazakov in eine NKWD-Verwaltung in Moskau versetzt, die mit der Überwachung der Binnenwasserstraßen befasst Jörg Morré 83 war. Unbeschadet überstand er dort die Säuberungen der späten Dreißigerjahre. 1940 wechselte er zur Verwaltung der Lager(Gulag), innerhalb derer er für das Transportwesen zuständig war. So war er auch an der Evakuierung Moskaus vor den deutschen Truppen beteiligt, kehrte 1942 aber wieder in die Hauptstadt zurück. Seinen Posten als Chef des Speziallagers Bautzen trat er direkt von Moskau aus an. Eine offene Frage bleibt, ob ein Posten in einem Speziallager Baustein für eine weitere Karriere im Gulag-System war. Es lässt sich nur vereinzelt nachweisen, dass Offiziere nach ihrem Dienst in Deutschland in die Verwaltung von Straflagern in der Sowjetunion wechselten. In welcher Position sie dort weiterhin ihren Dienst versahen, lässt sich nicht sagen. Die Mehrheit der Offiziere war für eine weitere Laufbahn jung genug. Rund zwei Drittel der Speziallagerchefs waren zu Beginn ihres Einsatzes in Deutschland Anfang vierzig. Ihre Offiziere waren im Schnitt Mitte zwanzig. Hatten die meisten Lagerchefs vor Kriegsende bereits Verwaltungserfahrung in Kriegsgefangenen- oder Straflagern sammeln können, brachten ihre Offiziere häufig eine militärische Ausbildung bei den Truppen des NKWD, Fronterfahrung und unter Umständen eine kurze Erfahrung in der Verwaltung von Frontsammellagern mit. Gerade für sie wird eine weitere Laufbahn in der Gulag-Verwaltung attraktiv gewesen sein, da sie keine Chance zu einer anderen Berufsausbildung hatten. Von diesem hier aufgezeigten Muster unterscheidet sich der Lebensweg des Bautzener Speziallagerchefs Kazakov ein wenig. Mit 53 Jahren war er bei Amtsantritt 1945 deutlich älter als die Mehrheit der übrigen Lagerleiter. Auch fehlte ihm die konkrete Erfahrung bei der Verwaltung eines Lagers. Andererseits blickte er auf eine lange Tätigkeit als„Tschekist“ zurück, was in Augen des NKWD offenbar mehr zählte. In Bautzen war er – soweit das aus den überlieferten Akten der Lagerverwaltung zu ersehen ist – praktisch kaum mit der konkreten Lagerverwaltung befasst. Diese lag in Händen eines sogenannten Kommandanten. Kazakov kehrte Anfang 1950 in eine Moskauer NKWD-Verwaltung zurück, ging aber drei Jahre später in den Ruhestand. Vom NKWD zur Deutschen Volkspolizei Als Anfang 1950 in den Zeitungen der DDR die Auflösung der Speziallager angekündigt wurde, war das eine irreführende Nachricht. Formal wurden die letzten drei Speziallager tatsächlich im Februar 1950 geschlossen, aber ungefähr die Hälfte aller Gefangenen übergab das NKWD unmittelbar an die Deutsche Volkspolizei. Diese war bis dahin gar nicht mit der Verwaltung von Gefängnissen vertraut, da der Straf84 Referate vollzug in der SBZ nach preußischem Vorbild der Justiz unterstand. Erst im Zuge der Auflösung der Speziallager entstand auf sowjetisches Verlangen im Oktober 1949 eine„Hauptabteilung Haftsachen“ unter dem Dach der Polizei. Die Justiz musste fünf Haftanstalten räumen, die – analog zum sowjetischen Modell – nun dem Ressort des Innenministeriums unterstanden. In mehreren Transporten wurden im Januar/Februar 1950 aus den geräumten NKWD-Lagern Buchenwald und Sachsenhausen mehrere Tausend Speziallagerhäftlinge auf die Gefängnisse Hoheneck, Luckau, Torgau, Untermaßfeld und Waldheim verteilt. Bautzen kam als sechste Anstalt hinzu, die zusammen mit fast 6 000 Speziallagerhäftlingen direkt von sowjetischer unter deutsche Verwaltung wechselte. Bei der Organisation des Strafvollzugs bemühte sich die Deutsche Volkspolizei, einen politisch homogenen Apparat aufzubauen. Bevorzugt wurden linientreue Mitglieder der KPD bzw. SED ausgewählt. Gerne griff man auf altgediente Kommunisten zurück, die aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten auf eigene Hafterfahrung in Konzentrationslagern und Zuchthäusern zurückgreifen konnten. Auch wurden gerne – so berichtete das zumindest die SPD in einer ihrer Sopade-Denkschriften – Heimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft genommen, die dort an einer Polit-(Antifa-)Schulung teilgenommen hatten. Die Auswahl Erich Reschkes zum ersten Leiter des Gefängnisses Bautzen war so gesehen ideal. Reschke wurde 1902 als Kind eines Arbeiters geboren, lernte Werftarbeiter, trat mit 20 Jahren in die KPD ein und beteiligte sich 1923 aktiv am Hamburger Aufstand der KPD. Danach schloss er sich dem Rote-Front-Kämpfer-Bund an. Von den Nationalsozialisten wurde er 1933 in Schutzhaft genommen und zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Reschke erlebte das Kriegsende im KZ Buchenwald, in dem er in der kommunistisch dominierten Lagerselbstverwaltung organisiert war. Solchermaßen als „verdienter Kämpfer“ und linientreuer Kommunist bewährt, machte er in der KPD/SED der Nachkriegszeit schnell Karriere. Zuerst baute er die Landespolizei in Thüringen auf, wurde 1946 unter Oberhoheit der SMAD Präsident der Deutschen Verwaltung des Inneren und wechselte 1948 als Mitglied der Zentralen Kontrollkommission an exponierte Stelle im Parteiapparat. Erich Reschke hatte aufgrund seiner Biografie nicht nur die aus Sicht der SED notwendigen sozialen Voraussetzungen, er verfügte auch über entsprechende Erfahrungen, einen politisierten Polizeiapparat aufzubauen. Eine explizite Fachkompetenz für den Strafvollzug war demgegenüber nachrangig. Überreinstimmend wird von ehemaligen GefanJörg Morré 85 genen in Bautzen berichtet, dass in der Anfangszeit viele Bedienstete allein mit der Bewältigung des Vollzugsalltages überfordert waren. Im Unterschied zum NKWD fehlte der Deutschen Volkspolizei die Erfahrung. Rund 10 500 SMT-Verurteilte mussten mit eigenem, kaum ausgebildeten Personal bewacht werden. Hinzu kamen knapp 3 500 nicht verurteilte, aber dennoch nicht entlassene Speziallagerhäftlinge, die in den so genannten Waldheimer Prozessen von der deutschen Justiz – nach sowjetischen Vorgaben – verurteilt und ebenfalls in Gefängnisse der Volkspolizei eingewiesen wurden. Und was Anfang 1950 mit der Verwaltung von sechs Haftanstalten schon schlecht funktionierte, wurde aufgrund der Masse zu einem nachhaltigen Problem. In rascher Folge übernahm die Deutsche Volkspolizei bis 1952 sämtliche Haftanstalten in der DDR. Zwischen 1950 und 1953 wuchs der Personalstamm der Abteilung Strafvollzug von knapp 2 000 auf 12 000 Bedienstete rasant an. Dabei wurde von der Justiz so gut wie kein Personal übernommen, weil die Volkspolizei einen politisierten Strafvollzug anstrebte, der mit den Justizangestellten alter Prägung nicht machbar war. Selbst den Volkspolizisten war die neue Grundhaltung im Strafvollzug nicht ohne weiteres zu vermitteln. Noch im Sommer 1951 hatte das Innenministerium deutliche Probleme, das Gefängnispersonal entsprechend einzustimmen. In der Zeitschrift„Die Volkspolizei“ hieß es über die Gefangenen: „Wenn der Festgenommene in die Haftanstalt der Volkspolizei eingeliefert ist, handelt es sich im allgemeinen um einen Rechtsbrecher, der die demokratische Gesetzlichkeit verletzt hat, unabhängig davon, welche Delikte seine Inhaftierung bedingen bzw. was der Häftlinge erzählt und als glaubhaft zu unterstellen versucht. Viele Kameraden sind schon auf das ‚unschuldige’ Einsitzen von Personen reingefallen.“ Dieser Konflikt zwischen Bewacher und Bewachten war Anfang 1950 noch härter, da die Deutsche Volkspolizei Tausende Gefangene aus den Speziallagern übernommen hatte, ohne zu wissen, was im Einzelnen zu deren Inhaftierung geführt hatte. In Bautzen führte das zur Eskalation. Die Gefangenen schöpften nach Abzug des NKWD Hoffnung auf Verbesserung der Haftbedingungen, Haftprüfung und Entlassung, was dann alles nicht passierte. Im März 1950 kam es zum Gefangenenaufstand, der nur mit Gewalt niederzuwerfen war. Die Anfangsschwierigkeiten beim Aufbau eines einheitlichen Personalstammes der Deutschen Volkspolizei wurden in den folgenden Jahren überwunden. Allerdings wird deutlich, dass die Übernahme der Häftlinge aus den Speziallagern des NKWD durch eine vollkommen unvorbereitete Volkspolizei erfolgte. Zur Lösung des Personalproblems wurde 86 Referate aber nicht etwa auf qualifizierte – und verfügbare – Justizangestellte zurückgegriffen, sondern lieber nach personalpolitischen Vorstellungen der SED eine„Kaderpolitik“ betrieben, die sich am sowjetischen Vorbild orientierte. Dem Personalmangel wurde durch Versetzungen aus normalen Volkspolizei-Dienststellen in die Gefängnisse begegnet, was aber nur zur Folge hatte, dass die Bediensteten häufig unqualifiziert und kaum motiviert waren. Den eklatanten Mängeln beim Personal versuchte man mit verstärkten„marxistisch-leninistischen Schulungen“ beizukommen. Spätestens ab 1952 fanden diese regelmäßig für alle Bediensteten statt. Einzelne„Propagandisten“ wurden auf Parteilehrgänge geschickt, und Inspekteure der Volkspolizei kontrollierten regelmäßig die Haftanstalten. Zugleich achtete die Volkspolizei bei der Einstellung konsequent auf die„Klassenzugehörigkeit“: Der Anteil der Arbeiterkinder steigerte sich 1950/51 von 64 auf 93 Prozent. Ein offenes Bekenntnis zur Sowjetunion wurde erwartet und von 91 Prozent mit der Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft auch erfüllt. Und schließlich achtete die Volkspolizei auf die Parteimitgliedschaft. Insgesamt waren 1951 rund zwei Drittel aller Bediensteten SED-Mitglieder. Jörg Morré 87 Am Beispiel des ersten Gefängnisleiters in Bautzen, Erich Reschke, wird deutlich, wie sehr die SED an ihren kaderpolitischen Vorstellungen festhielt. Der Gefangenenaufstand vom März 1950 kostete ihn nicht das Amt. Aber kurze Zeit später ließ ihn die immer noch einflussreiche Sowjetische Kontrollkommission in Deutschland über seine Vergangenheit als kommunistischer Funktionshäftling im KZ Buchenwald stolpern, wo er an Misshandlungen von Mithäftlingen beteiligt war. Die Deutsche Volkspolizei wäre vermutlich bereit gewesen, das zu ignorieren, um einen bewährten Offizier nicht zu verlieren. Reschke wurde im Juni 1950 vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet, von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt und zur Strafverbüßung in ein sowjetisches Straflager deportiert. Er kehrte 1955 aus Sibirien zurück, wurde von der SED rehabilitiert, die ihn 1956 wieder als Offizier in die Verwaltung Strafvollzug zurückholte. In seiner weitern Laufbahn erhielt er hohe staatliche Auszeichnungen der DDR. Nach seinem Tod 1980 veröffentlichte die Parteizeitung Neues Deutschland einen Nachruf, in dem ihm für seine „bleibenden Verdienste beim Aufbau und der Festigung der bewaffneten Organe der Deutschen Demokratischen Republik“ gedankt wurde. Der kleine Vergleich des sowjetischen und deutschen Bewachungspersonals in Bautzen lässt ein paar wesentliche Konturen stalinistisch geprägter Personalpolitik erkennen. Gleichermaßen waren NKWD und Deutsche Volkspolizei darauf bedacht, einen politisch homogenen Apparat zur Verfügung zu haben. Nur konnte sich im Unterschied zur Volkspolizei das NKWD bei der Errichtung des Speziallagers Bautzen auf eine eingespielte Lagerverwaltung stützen. Exemplifiziert an den Lebenswegen von Kazakov und Reschke waren es aber ähnliche Leitbilder, die langfristig auch den Strafvollzug in der DDR zu einem parteipolitisch durchstrukturierten Apparat machten. 88 Referate Ingrid Kerz-Rühling Verräter oder Verführte? Zur psychoanalytischen Untersuchung Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit Ich möchte Ihnen anhand einer Untersuchung Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit Biografien von„Tätern“ vorstellen. Als Verfolgte in der DDR werden Sie es vielleicht als eine Zumutung erleben, sich mit den Lebensgeschichten von Personen zu beschäftigen, die Ihnen Schaden zugefügt haben. Es kann jedoch auch für Sie hilfreich sein, zu verstehen warum Menschen zu Verrätern wurden. Anlass für die Untersuchung war unser Interesse, die psychischen Bedingungen der konspirativen Tätigkeit in einer Diktatur zu klären, ohne dass wir damit die IM von Schuld entlasten wollten. Zusammen mit meinem Kollegen Dr. Tomas Plänkers interviewten wir in den Jahren 2000–2002 20 ehemalige Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, die uns von Herrn Müller-Enbergs, einem Mitarbeiter der BirthlerBehörde, vermittelt wurden. Anhand von psychoanalytisch orientierten Interviews wollten wir die Kindheitsentwicklung, die Persönlichkeitsstruktur und die Motive für die Konspiration sowie die nachträgliche Ingrid Kerz-Rühling 89 Beurteilung der IM-Tätigkeit nach 1990 klären. Da es sich um Einzelfallstudien handelt und nicht um eine repräsentative Untersuchung, können wir nur über wenige Fälle Aussagen machen. Es wurden jedoch unterschiedliche Kategorien von IM erfasst, sodass wir davon ausgehen, dass unsere Ergebnisse für eine größere Zahl Inoffizieller Mitarbeiter Gültigkeit haben. Das Projekt wurde von der„Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ finanziell gefördert. Die Gruppe der Interviewten bestand aus elf Männern und neun Frauen im Alter von 38 bis 77 Jahren. Die Dauer der Tätigkeit für das MfS betrug zwischen einem und 39 Jahren. Von den Interviewten waren sieben SED-Mitglieder, zwei überzeugte Kommunisten ohne Parteimitgliedschaft, neun standen der Partei kritisch gegenüber und zwei waren eher politisch gleichgültig. Für 18 Untersuchte gab es nach der Wende bzw. der Aufdeckung berufliche Veränderungen, mehrere wurden vorübergehend arbeitslos. In einer Gruppe von fünf Psychoanalytikern werteten wir die auf Tonband aufgenommen Interviews aus und zogen auch die Stasi-Akten, soweit vorhanden, zur Beurteilung heran. Unsere Befunde sprechen dafür, dass sowohl die individuellen psychischen Schwierigkeiten und problematische Persönlichkeitsentwicklungen wie auch bestimmte äußere Lebensbedingungen zur Zeit der Anwerbung Anlass für die Zusammenarbeit waren. Von den Führungsoffizieren wurden bei der Kontaktaufnahme aktuelle Probleme und Ängste der potenziellen IMs geschickt genutzt, um ihre Einwilligung zu erhalten. Emotional mangelhafte Versorgung in der Kindheit, familiäre Konfliktsituationen sowie frühe Trennungen machen Menschen verführbar, wenn ihnen in ihrem späteren Leben Unterstützung und Anerkennung angeboten wird, wie es die Führungsoffiziere taten. Aber auch die Erziehung in der Schule, bei den Jungen Pionieren und in der FDJ, die Anpassung und Unterwerfung unter Autoritäten forderte, trug dazu bei, dass viele die Anwerbung der Stasi nicht zurückwiesen. Anhand der bewussten und unbewussten Motive teilten wir die Interviewten in mehrere Kategorien ein, wobei es oft mehr als einen Beweggrund für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit gab. Die hier beschriebenen Motive wurden nicht immer von den Probanden spontan geäußert, sondern erst in dem Gespräch gemeinsam erarbeitet. Ausgleich narzisstischer Defekte In der Zusammenarbeit mit der Stasi suchten acht der Interviewten eine Aufwertung ihres geringen Selbstwertgefühls. Sie hatten in ihren Familien keine Anerkennung gefunden und litten darunter, sich auch in 90 Referate ihrem aktuellen Leben anderen gegenüber unterlegen zu fühlen. Unter diesen IMs waren drei, deren Väter in den Westen gegangen waren und die Familien in der DDR zurückgelassen hatten, sowie mehrere unerwünschte, von den Eltern abgelehnte oder in Heimen aufgewachsene Kinder. Durch die Kontakte zu der mächtigen Institution des MfS und die Erfüllung angeblich wichtiger Aufgaben für den Staat, konnten sie ihre Minderwertigkeitsgefühle kompensieren und insgeheim Macht über andere Menschen gewinnen. Auf diese Weise verleugneten sie die eigene Abhängigkeit von der Stasi und wehrten Ohnmachtsgefühle ab. Mehrere Interviewte erhofften sich durch eine zuverlässige Zusammenarbeit vom Führungsoffizier die Anerkennung, die sie von den abwesenden Vätern nie erhalten hatten. Die Suche nach beruflicher Unterstützung und Anerkennung spielte vor allem bei den Männern eine wichtige Rolle. Für vier war die Befriedigung ihres beruflichen Ehrgeizes Anlass, der Werbung nachzugeben. Das mit der Anwerbung verbundene Angebot eines Arbeitsplatzes, eines Studienplatzes oder der Leitung eines Forschungsprojekts war so verlockend, dass sie sich zur Zusammenarbeit bereit erklärten. Suche nach Liebe und Fürsorge Bei zwölf der Interviewten waren frühe Trennungserfahrungen, Mangel an elterlicher Fürsorge und das daraus resultierende starke Bedürfnis nach Sicherheit und Halt gewährenden Beziehungen ausschlaggebend für ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Sie erlebten den Führungsoffizier als eine Elternfigur, die sich für sie interessierte und ihre Mitarbeit schätzte. Die Sehnsucht nach Zuwendung spielte vor allem dann eine Rolle, wenn die IM sich in ihrer Kindheit und Jugend von den Eltern nicht geliebt gefühlt hatten. Dazu gehörten drei Frauen, die aus zerbrochenen Familien stammten. Sie erlebten die Führungsoffiziere als verständnisvolle Partner, die sich Zeit für sie nahmen. Bei einer Frau bestand eine sexuelle Hörigkeit gegenüber dem Führungsoffizier, in den sie sich verliebte. Befriedigung von Hass- und Rachegefühlen Sieben IMs bot die Mitarbeit außerdem die Möglichkeit, beneidete Kollegen oder Nachbarn zu bekämpfen und Rache an Ehepartnern und Bekannten zu nehmen. Sie hatten sich in der Kindheit und Jugend oft benachteiligt erlebt und hielten unbewusst an einem Anspruch auf Wiedergutmachung fest. Indem sie später Menschen, von denen sie sich ungerecht behandelt fühlten, durch die Informationsweitergabe schadeten, rächten sie sich und verdienten sich außerdem noch die Ingrid Kerz-Rühling 91 Anerkennung der Führungsoffiziere, die teilweise für sie zu Ersatzeltern geworden waren. Dass ihre Hassgefühle aus kindlichen Enttäuschungen herrührten, war ihnen meist nicht bewusst, sondern wurde ihnen oft erst in den Gesprächen einsichtig. Eigene gegen den Staat gerichtete Aggressionen wehrten einige dadurch ab, dass sie diese auf andere projizierten und dort bekämpften. Ein IM observierte z. B. eine oppositionelle Gruppe, mit deren politischen Widerstand er insgeheim sympathisierte, und ein anderer verriet den Fluchtplan von Freunden an die Stasi, da er selbst auch gerne zu einer Freundin nach Westdeutschland gegangen wäre, aber nicht den Mut fand zu fliehen. Er schadete auf diese Weise den Freunden, die zu einer Haftstrafe verurteilt wurden, und erhielt dafür noch eine Belohnung. Ein Interviewter, der sich vom Vater im Stich gelassen fühlte, fand sich später bereit, seinen Vorgesetzten zu observieren, auf den er seinen kindlichen Hass übertragen hatte. Wiedergutmachung eigener oder elterlicher Verfehlungen Bewusste und auch unbewusste Schuldgefühle hinderten sechs der Untersuchten an der Ablehnung der Anwerbung. Die Schuldgefühle der Angesprochenen bezogen sich sowohl auf eigene Verfehlungen, wie z.B. Verunglimpfung der DDR-Staatsfahne, als auch auf staatsfeindliches Verhalten der Eltern, die wegen Republikflucht oder Spionage gegen die DDR-Gesetze verstoßen hatten. Durch die IM-Tätigkeit wollten sie den Schaden wieder gutmachen, um selbst keine Nachteile zu haben. Angst vor Strafmaßnahmen und Erpressung Die systematische Unterdrückung von Widerstand gegen die DDRStaatsmacht und die Angst vor Sanktionen war für viele der interviewten IMs ein Grund dafür, sich nicht zu verweigern. Sie fürchteten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Behinderung bei der Ausbildung der Kinder oder sogar Verhaftung, wenn sie die Anwerbung ablehnten. Außer den individuellen Motiven gab es jedoch auch vom MfS inszenierte Situationen, um Personen für die Zusammenarbeit zu gewinnen. Fünf IMs wurden aufgrund faktischer oder auch vom MfS inszenierter Verfehlungen und Normverletzungen und daraus folgender Strafandrohung zur Mitarbeit erpresst. Einer Interviewten wurde unterstellt, einem Freund bei der Flucht geholfen zu haben. Beim Verhör drohte man ihr, das Kind wegzunehmen, wenn sie nicht bereit wäre, Informationen aus dem kirchlichen Kreis, dem sie angehörte, zu liefern. Die angebliche Verfehlung war jedoch vom MfS inszeniert, indem der 92 Referate Freund sie in seinen geplanten Fluchtversuch einbezog, den er mit dem MfS abgesprochen hatte. Zwei weitere IMs, die wegen angeblicher staatsfeindlicher Aktivitäten zu Haftstrafen verurteilt worden waren, wurden damit erpresst, dass man bereit war, die Haftzeit zu verkürzen, wenn sie nach Verbüßung der Strafe für die Stasi arbeiteten. All die bisher beschriebenen Personen waren weniger aus politischen Interessen für die Stasi tätig, sondern aufgrund individueller, ihnen teils selbst nicht bewusster Wünsche nach Zuwendung, aus Angst vor Sanktionen oder um aggressive Tendenzen gegenüber anderen Menschen im Schutz des MfS auszuleben. Politische Überzeugung Auch in den Biografien der aus politischer Überzeugung mit der Stasi zusammenarbeitenden Personen fanden sich teilweise schwierige familiäre Situationen, wie z.B. die Emigration der Eltern im Nationalsozialismus. Bei ihnen handelte es sich um eine Identifizierung mit der kommunistischen Überzeugung der Eltern und anderer Vorbilder und auch um Dankbarkeit gegenüber dem Staat, der ihnen eine gute Ausbildung ermöglicht hatte. Zwei ältere Interviewte begründeten ihre IM Tätigkeit mit Erfahrungen im Nationalsozialismus und im Krieg. Als Antifaschisten wollten sie die DDR in ihrem Kampf gegen Staatsfeinde unterstützen und helfen, die sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Die Beweggründe der ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeiter erwiesen sich als sehr heterogen. In fast allen Fällen war es eine Mischung aus äußeren, vom MfS eingesetzten Maßnahmen, bewussten Motiven und zugrunde liegenden eher unbewussten neurotischen Konflikten und Traumatisierungen. Die aktuelle Lebenssituation vieler IMs zur Zeit der Kontaktaufnahme durch das MfS, wie berufliche Unsicherheit, Ehescheidung, Trennung von der Familie, Verhaftung der Eltern oder eigene Haft, machten den Kandidaten anfällig für die Anwerbung. Unsere Ergebnisse zeigen, wie eine Diktatur verführbare Persönlichkeiten missbraucht und wie zugleich bestimmte Menschen ihre individuellen Konflikte mithilfe der Sicherheitsorgane lösen. Menschen wurden somit durch Verführung zu Verrätern. Zwar lässt sich der Verrat durch die Verführbarkeit, die schwierigen Lebensgeschichten verstehen, aber sicherlich nicht entschuldigen. Umgang mit der IM-Tätigkeit nach 1989 Nur wenige der 20 Interviewten hatten nach der Wende 1989 selbst Ingrid Kerz-Rühling 93 ihre IM-Tätigkeit öffentlich gemacht. Eine größere Gruppe hoffte, dass die Akten evtl. vernichtet worden wären, oder dass man nicht mehr nachforschen würde. Mehrere erlebten die Aufdeckung als eine psychische Belastung, wenn sie sich vor der Familie und teilweise auch in der Öffentlichkeit rechtfertigen mussten. Die nachträgliche Beurteilung der Zusammenarbeit mit der Stasi erwies sich bei den 20 Interviewten als sehr unterschiedlich. Die Reaktionen reichen von der Verteidigung der Arbeit des MfS über politische Gleichgültigkeit bis hin zur Kritik an der Überwachung und Verfolgung der Bevölkerung in der DDR. In der Folge der Aufdeckung ihrer Spitzeltätigkeit nach 1990 wurden viele IMs mit der Frage nach ihrem Schuldbewusstsein konfrontiert. Schuldgefühle wurden von den von uns untersuchten IMs oft mithilfe von Verharmlosung, Verleugnung und Rationalisierung abgewehrt. Die meisten der Untersuchten rechtfertigten sich mit dem Argument, mit ihren„belanglosen“ Informationen niemandem geschadet zu haben. Die mit den Zielen der SED identifizierten Personen verteidigten auch nach dem Zusammenbruch der DDR die Maßnahmen der Stasi, indem sie sie mit denen westlicher Geheimdienste gleichsetzten. Diejenigen, die aufgrund massiven Drucks gehandelt hatten, delegierten die Verantwortung an das MfS. 94 Referate Zwei IMs rechtfertigten ihre Zusammenarbeit sogar damit, dass sie auf diese Weise Freunde und Kollegen vor größerem Schaden bewahrt hätten. Die Mehrzahl der Interviewten machte sich nachträglich wenig Gedanken über die Folgen ihrer geheimen Informationen. Sie sahen sich entweder durch den staatlichen Auftrag oder aufgrund ihrer persönlichen Umstände gerechtfertigt. Einige empfanden weniger Schuld- als Schamgefühle darüber, dass sie nicht den Mut aufgebracht hatten, die Situation besser zu durchschauen und die Anwerbung zurückzuweisen. Nur in zwei Fällen gab es den Wunsch, mit den Observierten zu sprechen, um sich zu entschuldigen, aber vor allem auch deren Verständnis für die schwierige Lage des IM in der Vergangenheit zu erreichen. Ich möchte Ihnen zwei exemplarische Biografien von Inoffiziellen Mitarbeitern darstellen, bei denen Namen und persönliche Daten verändert wurden: Herr Voss Herr Voss verließ schon mit zwölf Jahren seine Familie, um in ein Sportinternat zu gehen. Er war wegen seiner außergewöhnlichen sportlichen Leistungen für die Sportschule ausgewählt worden. Die frühzeitige Trennung vom Elternhaus machte ihm keine Schwierigkeiten, er empfand kein Heimweh wie andere Schüler, da für ihn nur die Erfüllung des Leistungsanspruchs zählte. Die Gründe für seinen Ehrgeiz wurden deutlich, als er seine Beziehung zu den Eltern beschrieb. Die Mutter schilderte er als eine Frau, die nie klagte und im Leben nichts anderes als Arbeit kannte. Der Vater war als Kriegsbehinderter zurückgekommen, hatte den rechten Arm verloren und war trotzdem immer bemüht, beruflich erfolgreich zu sein. Die Behinderung versuchte er, so gut er konnte, zu verleugnen, indem er nicht nur in seinem Beruf, sondern auch noch in vielen Vereinen aktiv war. Er forderte auch von den Kindern, sich seinen Leistungsansprüchen zu unterwerfen und litt oft unter Wutausbrüchen, wenn sie seinen Wünschen nicht nachkamen. Herr Voss bemühte sich als jüngstes von drei Kindern, dem Vater zur Seite zu stehen, band ihm die Schuhe und übte für ihn notwendige Funktionen aus, die er alleine mit der linken Hand nicht erledigen konnte. Dass er der„rechte Arm“ des Vaters war, erfüllte ihn mit Stolz. In der Identifikation mit dem Vater verleugnete er ebenfalls jede Schwäche und gönnte sich nie Ruhe. In dem Sportinternat musste Herr Voss neben dem normalen Schulunterricht noch 25 Stunden Training in der Woche absolvieren. Auch Ingrid Kerz-Rühling 95 wenn ihm die Belastung zu viel wurde, wagte er nicht, sich aufzulehnen, da er sich von frühester Kindheit an den Forderungen von Eltern und Lehrern unterwerfen musste und selbst keine Entscheidungen treffen konnte. Nach dem Lehrerstudium bot man ihm eine Stelle an einer Akademie an, wo er promovieren und gleichzeitig weiterhin sportlich aktiv sein sollte. In der Akademie wurde er unter Druck gesetzt, in die Partei einzutreten. Lange zögerte er, bis er 1983 den Aufnahmeantrag stellte. Während seiner so genannten Kandidatur als SED-Mitglied warb man ihn für das MfS. Sein erster Auftrag bestand darin, an der Akademie Forschungsarbeiten zu lesen und zu überprüfen, welche man geheim halten musste, um Wissenschaftsspionage zu verhindern. Er erlebte es als Auszeichnung, dass er viele ihm sonst nicht zugängliche Arbeiten lesen konnte. Seinem freundlichen jungen Führungsoffizier, bei dem er auch Kritik an der Partei üben durfte, berichtete er etwa alle vier Wochen über die gelesenen Arbeiten. Da die Aufgabe für ihn sehr interessant war und er niemanden observieren musste, erlebte er den Auftrag als Anerkennung und sah keinen Grund, ihn abzulehnen. Auf meinen Hinweis, dass er damit auch der„rechte Arm“ der Stasi geworden war, reagierte Herr Voss erschrocken, so hatte er es bisher nicht gesehen. Nach einem Jahr stellte sich heraus, dass dieser Auftrag nur eine Testphase war, eine Art Prüfung für die eigentlich für ihn vorgesehene Aufgabe. Man wollte ihn damit gefügig machen und seine Motivation prüfen. Der nächste Auftrag war sehr viel schwieriger. Man bot ihm an, in einem Betrieb eine Studie über Jugendliche durchzuführen, die ihn sehr interessierte. Damit verbunden war aber, dass er einen Kollegen observieren sollte, der angeblich Kontakte zu Friedens- und Umweltgruppen hatte. Über diesen Mann sollte er Informationen liefern, um seine staatsfeindliche Haltung nachzuweisen. Der Auftrag belastete Herrn Voss sehr, da er nicht über Personen berichten wollte. Andererseits sagte er auch nicht nein, weil der Forschungsauftrag ihn reizte.„Im Laufe der Monate ist in mir so eine Haltung entstanden, Schiss hast du in beide Richtungen, also dem Mann gegenüber hast du ein schlechtes Gewissen, weil das nicht gut ist, was du machst, und in die andere Richtung hast du Angst, das war eine komische Gefühlsmischung“. Er versuchte den Konflikt durch Rückzug zu lösen, berichtete nur wenig und gab nur solche Informationen, von denen er glaubte, dass sie dem Observierten nicht schadeten. Im Laufe der Zeit gelang es ihm, eine freundschaftliche Beziehung zu dem Kollegen aufzubauen, was seine Berichterstattung für die Stasi aber um so schwerer machte. Mehrfach dachte er damals daran, sich dem Freund zu offenbaren und ihm von 96 Referate seiner IM-Tätigkeit zu berichten, aber die Scham hielt ihn zurück.„Ich habe so viel Angst gehabt und auch so viel Schamgefühl, dass ich gesagt habe, was ich tun kann, um ihn zu schützen, das tue ich, aber ich offenbare mich nicht.“ Der zweite strengere Führungsoffizier versuchte ihn wegen seiner Unzuverlässigkeit bei der Erfüllung seiner Aufgabe unter Druck zu setzen, indem er behauptete, seine Berichte mit denen anderer IM aus diesem Bereich zu vergleichen. So wie er sich dem Vater unterworfen hatte, fand er auch gegenüber dem MfS nicht den Mut, sich zu wehren. Dass dieser Kollege trotzdem noch zu DDRZeiten eine Stelle in einem Verlag erhielt, war für Herrn Voss der Beweis, dass er ihm nicht wirklich geschadet hatte. Herr Voss kam in immer größere innere Konflikte, als ihn die konspirative Arbeit in den Friedensgruppen ebenfalls überzeugte, er andererseits aber doch auch daran festhielt, dass der sozialistische Staat geschützt werden musste. Als er die innere Spannung nicht mehr aushalten konnte, fing er an, regelmäßig zu trinken. Er arbeitete bis zur Erschöpfung, gab dann im Sommer 1989 sein Parteibuch zurück und verzichtete auch auf die wissenschaftliche Karriere. Seine Kontakte zur Stasi bestanden noch bis November 1989, er sollte zuletzt keine personenbezogenen Informationen mehr liefern, sondern nur allgemein die Stimmung bei den Demonstrationen Oppositioneller beschreiben. Nach vorübergehender Arbeitslosigkeit gelang es ihm 1991, eine Stelle in der Verwaltung einer Stadt zu bekommen. Auf dem Personalbogen hatte er die Frage nach der Zusammenarbeit mit dem MfS verneint, da er glaubte, in dieser Zeit ohne Arbeit seine Situation nicht bewältigen zu können. Er fühlte sich psychisch sehr belastet, hatte Suizidgedanken und hoffte, endlich einen Neuanfang zu machen. Herr Voss hatte nicht erwartet, dass seine Akte verschwunden wäre, aber er wollte die Möglichkeit nutzen, eine sinnvolle, für ihn lebensrettende Arbeit tun, solange bis man seine IM-Tätigkeit aufdeckte. Die 1993 erfolgte Aufdeckung und den Verlust seiner Stelle erlebte er als sehr belastend, da man ihm vor allem vorwarf, im Personalbogen die Zusammenarbeit mit der Stasi nicht angegeben zu haben. Er konnte der Überprüfungskommission nicht verständlich machen, dass es für ihn damals wichtig war, zu arbeiten und dass es ihm nicht darum ging, die Tatsache der IMTätigkeit zu leugnen. Hätte er bei der Einstellung die Wahrheit gesagt, so wäre er damals schon arbeitslos geblieben, was er nicht zu überleben glaubte. Aufgrund eines sehr guten Zeugnisses seines Vorgesetzten fand er schnell einen neuen Arbeitsplatz an einer Beratungsstelle, wo er bis heute tätig ist. Nach der Wende versuchte er mehrfach, Kontakt zu Ingrid Kerz-Rühling 97 diesem Mann aufzunehmen, aber seine Briefe blieben unbeantwortet. Frau Pohl Frau Pohl versuchte im Interview nicht wie viele andere die Zusammenarbeit durch den auf sie ausgeübten Druck zu rechtfertigen, sondern stand zu ihrer früheren Entscheidung, mit dem Staatssicherheitsdienst zusammenzuarbeiten. Frau Pohl stammt aus einer jüdischen, kommunistischen Familie, die vor ihrer Geburt aus Deutschland emigriert war. Einige Zeit nach Kriegsende kehrte der Vater als überzeugter Kommunist in die DDR zurück und zwang auch die Mutter, ihn zu begleiten. Die Mutter, die lieber im Ausland geblieben wäre, beging drei Jahre später Selbstmord, als Frau Pohl etwa neun Jahre alt war. Der Tod der Mutter bedeutete für sie bewusst keine große Belastung, da sie sich immer in Gruppen aufhielt. Sowohl im Ausland wie auch in Ostberlin waren es die Gruppen der Emigranten, die ihr eine Heimat boten. Die Familie war für Frau Pohl nie ein Ort der Sicherheit, was wohl auch daran lag, dass der Vater nach dem Tod der Mutter durch seine Tätigkeiten oft abwesend war und sie sich mit der Stiefmutter, die der Vater kurz nach dem Tod der Mutter heiratete, nicht verstand. Sie sehnte sich danach, wie andere Emigrantenkinder in ein Internat gehen zu dürfen, was der Vater aber, wohl auch aus Schuldgefühlen, nicht erlaubte. In der FDJ fand sie dann wieder ein Zuhause. Später bedauerte sie, dass man sie nicht in die Partei aufgenommen hatte, da sie nicht aus einer Arbeiterfamilie kam. Wegen ihres Streits mit der Stiefmutter und ihres widerspenstigen Auftretens verließ sie vor dem Abitur die Schule. Sie sollte eigentlich in die Produktion gehen, aber Freunde halfen ihr eine Stelle bei einer Zeitung zu bekommen. Sie holte schließlich das Abitur nach, studierte Ökonomie und arbeitete danach an der Universität. Über ihren Mann und ihre Tochter spricht Frau Pohl nur sehr wenig. Für sie sind die verschiedenen politischen Aktivitäten und die Arbeit in Emigrantengruppen wichtiger als die Familie, da es ihr auf diese Weise gelingt, die Angst vor Abhängigkeit und Enttäuschungen in Zweierbeziehungen zu vermeiden. Sie verpflichtete sich Anfang der Sechzigerjahre zur Zusammenarbeit mit der Stasi, da sie aufgrund ihrer antifaschistischen Überzeugung den Staat unterstützen wollte. Die Stasimitarbeiter kamen zu ihr nach Hause und forderten sie zur Zusammenarbeit auf. Da sie trotz ihres Wunsches nicht in die Partei aufgenommen wurde, erfüllte es sie mit Zufriedenheit und Stolz, als das MfS sich an sie wandte.„Ja, ich war begeistert. Endlich will mich einer! Und so rutschte ich da hinein.“ Über 98 Referate ihre IM-Tätigkeit spricht sie nur sehr allgemein, es wird nicht ganz deutlich, welche Informationen man von ihr erwartete. Sie sollte über Menschen in ihrer Umgebung berichten, was ihr angeblich keine Schwierigkeiten bereitete, da alle ihren politischen Standpunkt kannten und man ihr keine staatsfeindlichen Dinge erzählte. Kurz nach dem Mauerbau berichtete sie über Bekannte, die fliehen wollten. Zu ihrer Rechtfertigung diente ihr das Argument, dass sie die Menschen vor Gefahren schützen wollte. Sie hatte wochenlang gezögert und der Stasi erst etwas mitgeteilt, als man ihr sagte, dass die Grenzen vermint seien und man einem Menschen helfen würde, wenn man seinen Fluchtplan mitteilte. Die verratenen Personen sind dann für etwa ein Jahr ins Gefängnis gekommen, was sie dazu veranlasste, nie mehr über Fluchtpläne zu informieren. Frau Pohl schrieb während ihrer StasiTätigkeit viele Berichte über Arbeitskollegen und Bekannte. In den Emigrantenkreisen, in denen sie aufwuchs, gab es nach ihrer Schilderung kaum Repressionen. Sie bewahrte sich so eine Illusion von einem kommunistischen Land und meinte, dass sie in einer„virtuellen DDR“ gelebt habe. Es war für Frau Pohl wichtig hervorzuheben, nie jemanden heimlich observiert oder sich in irgendeinen Kreis eingeschlichen zu haben. Dass sie als überzeugte Kommunistin mit dem Führungsoffizier über Bekannte sprach, empfand sie deswegen nicht als problematisch, da jeder, der mit ihr Kontakt hatte, das angeblich hätte wissen müssen. Bei dieser Rechtfertigungsstrategie für die Denunziation übersieht Frau Pohl jedoch, dass die Menschen sich nicht gegen den geheimen Verrat wehren konnten. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag 1968 trennte sie sich vom MfS, da sie mit dieser Politik nicht übereinstimmte. Vier Jahre später wurde sie erneut angesprochen, sie sollte über Veranstaltungen berichten, die sie besuchte. Die Kontakte mit dem Führungsoffizier wurden Ende der siebziger Jahre immer seltener, da sie angeblich als Informantin nicht sehr ergiebig war. Ab 1985 hörte sie nichts mehr von der Stasi, später las sie im Abschlußbericht des MfS, dass sie renitent gewesen sei und Staatsfeinde geschützt habe. Noch vor der Wiedervereinigung hatte Frau Pohl ihre Tätigkeit für das MfS öffentlich gemacht, da sie meinte, nichts zu verbergen zu haben. Ihre politische Einstellung als überzeugte Kommunistin war bekannt, und sie wollte zu ihren Taten stehen. Sie wurde nach dem Eingeständnis der IM-Tätigkeit fristlos entlassen. Am Beispiel dieser beiden Personen wird bereits deutlich, wie unterschiedlich die Lebenswege der IM waren. Für Herrn Voss war es vor Ingrid Kerz-Rühling 99 allem wichtig, dem Vorbild der Eltern zu folgen, ihrem Leistungsanspruch und seinem Ich-Ideal zu genügen. Der Verrat des Kollegen führte jedoch zu einem inneren Konflikt, den er durch eine Art Dopplung bzw. Aufspaltung des Selbst in einen Teil, der mit dem Führungsoffizier zusammenarbeitete und einen anderen, der sich mit der Friedensgruppe identifizierte, zu lösen versuchte. Da er es seit seiner Kindheit gewohnt war, sich Autoritäten zu fügen, wagte er es nicht, den Auftrag abzulehnen. Frau Pohl hingegen hatte keine moralischen Bedenken bei der Informationsweitergabe. Sie war überzeugte Kommunistin, die Rückkehr der Familie in die DDR gab ihr die Möglichkeit, gegen den Faschismus zu kämpfen. Sich für das MfS einzusetzen, fiel ihr leicht, da sie sich gegenüber den Repressionen in der DDR blind stellte. Die Zugehörigkeit zum MfS bedeutete für Frau Pohl eine neue Heimat, nachdem sie die Mutter und den Ort ihrer Kindheit verloren hatte und sich vom Vater allein gelassen fühlte. Warum war es vielen DDR-Bürgern nicht möglich, sich der Anwerbung durch das MfS zu entziehen? Für die Entscheidung, die Anwerbung nicht zurückzuweisen, waren außer den Kindheitserfahrungen und der Persönlichkeitsstruktur, die massiven Repressionen des Staates und die systematische Verfolgung 100 Referate von Menschen, die sich dem Regime widersetzten, verantwortlich. Bei der in der DDR herrschenden paranoiden Atmosphäre von Unterdrückung und Denunziation waren Menschen oft so verunsichert, dass sie das Ausmaß der Gefahren schwer beurteilen konnten und sich anwerben ließen, auch wenn die Denunziation gegen ihre moralischen Werte verstieß. Sich gegen die Staatssicherheit zu stellen, setzte ein starkes Ich und eine autonomes Über-Ich voraus, d.h. die Fähigkeit für die eigene Überzeugung und ethische Normen einzutreten, die Angst vor Sanktionen und sozialer Isolation zu ertragen und auf den Schutz der Autorität zu verzichten. Um Zivilcourage und Selbstvertrauen zu entwickeln, ist es notwendig, sowohl in der Familie wie auch in der Gesellschaft zu eigenständigem Handeln ermutigt zu werden. Das Vorbild der Eltern, die sich nicht unterwarfen, sondern eine kritische Position gegenüber der Partei einnahmen, war ebenfalls wichtig für die Entfaltung von politischem Mut. Die Erziehung zum so genannten„sozialistischen Menschen“ in der DDR hatte zum Ziel, den Einzelnen in das Kollektiv einzubinden und unabhängiges Denken und Handeln, das nicht mit der Partei übereinstimmte, als staatsfeindlich zu deklarieren. Nur wenn von den Eltern die Autonomie der Kinder gefördert und ihnen eine eigene Meinung zugestanden wurde, konnten sie sich später gegen den Zwang zur Anpassung wehren. Die von uns interviewten Personen hatten weder in ihren Familien noch in der Schule eine solche Unterstützung erfahren, vielmehr waren sie oft einer autoritären Erziehung unterworfen oder fühlten sich wenig geliebt, sodass sie ihr Leben lang von der Anerkennung von Autoritäten abhängig blieben und sich deren Forderungen unterwarfen. Wie die wenigen Untersuchungen von Verweigerern der Zusammenarbeit mit der Stasi zeigen, gab es aber auch Personen, die trotz der Gefahr von Strafmaßnahmen mehr ihrem Gewissen gehorchten als den Aufforderungen des MfS. Ihre Biografien unterscheiden sich von denen der IMs vor allem durch eine Erziehung, die keinen absoluten Gehorsam forderte und die Möglichkeit bot, vorgegebene Normen kritisch zu hinterfragen. Ingrid Kerz-Rühling 101 Stefan Trobisch-Lütge Das späte Gift. Folgen politischer Traumatisierung in der DDR und ihre Behandlung Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich darf Sie herzlich begrüßen und möchte Ihnen ein wenig über das, womit wir uns in der Beratungsstelle„Gegenwind“ hauptsächlich beschäftigen, erzählen: die Folgen politischer Traumatisierung in der ehemaligen DDR. Ich werde Ihnen kurz über die Wurzeln vom seelischen Trauma berichten, möchte Ihnen etwas über die normale Traumaverarbeitung berichten, um dann auf die Besonderheiten und die erschwerenden Umstände bei der Verarbeitung politischer Traumatisierung einzugehen und die Folgen für die Betroffenen aufzuzeigen. 102 Referate Auf dem Weg hierher überlegte ich, was ich eigentlich mit Bautzen verbinde. Und ich muss Ihnen sagen, bisher war das nur das Gelbe Elend. Ich hatte von vielen unserer Patienten Berichte gehört, hatte schreckliche Dinge erfahren, die hier in Bautzen stattgefunden haben, und hatte dementsprechend ein eher düsteres Bild von dieser Stadt. Als ich hierher kam, war zunächst einmal das Wetter sehr erfreulich, die liebliche Landschaft der Lausitz war ebenfalls aufmunternd. Das Ganze bekam dann aber wieder einen Dämpfer, als ich an diesem unglaublich dominanten Gerichtsgebäude vorbeilief auf dem Weg zur Villa Antonia und mir dort auch das Untersuchungsgefängnis I ansah. Der gestrige Abend hat für mich in der Einschätzung dieses Ortes allerdings eine gewisse Veränderung gebracht. Dieser Abend war für mich sehr erfreulich, weil ich feststellen konnte, dass Sie, die Sie hier ja sehr unangenehme Erfahrungen gemacht haben, an diesen Ort zurückkehren können, um in einer Atmosphäre von Würdigung und Bereitschaft zum Zuhören über Ihre Erfahrungen zu sprechen und sich auszutauschen. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil dessen, womit wir uns heute immer noch zu beschäftigen haben. Besonders gut gefallen hat mir, als ich mitbekam, dass einige ältere Herrschaften begonnen hatten, diesem Ort Bautzen für sich ein neues Gesicht zu geben. Das waren diejenigen, die davon sprachen, dass das Hotel so schön sei, dass dieser Rahmen immer so gut organisiert sei. Ich bekam auch mit, wie eng die Kontakte zwischen den Mitarbeitern der Friedrich-Ebert-Stiftung und den Betroffenen, die schon seit vielen Jahren hierher kommen, sind. Das alles sind sehr ermunternde Zeichen dafür, dass man tatsächlich, auch wenn man Schweres erlebt hat, zu einer positiven Einstellung gegenüber seiner eigenen Geschichte kommen kann. Das ist für mich, als jemand, der Hunderte Geschichten von Betroffenen gehört hat, natürlich auch ein positives Signal. Frau Birthler, die freundlicherweise das Vorwort zu meinem Buch geschrieben hat, hat sehr schön zusammengefasst, worum es mir eigentlich geht. Ich darf Ihnen daraus ein kleines Stück vorlesen: „Uns wirst du niemals los! Diese Prophezeiung brennt sich ins Gedächtnis ein. Sie ist Synonym für Angst und Bedrohung. Schon beim Lesen wirkt der Satz beklemmend. Wie muss es gewesen sein, ihn aus dem Munde eines Stasi-Vernehmers zu hören? Das Leben Hunderttausender Bürgerinnen und Bürger in der DDR wurde vom Ministerium für Staatssicherheit ausgeforscht. Manche wussten bis zum Schluss nichts davon, für andere endete die Bespitzelung mit Haft, physischem und vor allem psychischem Terror. Viele – nicht nur ehemalige Häftlinge – tragen bis heute schwer an den Folgen der Verfolgung. Die unheilvolle Stefan Trobisch-Lütge 103 Prophezeiung des Stasi-Offiziers gegenüber seinem Opfer hat sich für viele Menschen in tragischer Weise erfüllt. Das Ministerium für Staatssicherheit existiert nicht mehr, aber seine in den Körpern und Seelen der Menschen hinterlassenen Spuren sind unauslöschlich. Viele der Betroffenen versuchen sie zu verdrängen, um ein normales Leben zu führen. Nicht auffallen, nicht noch einmal auffallen! Andere entwickeln Krankheitsbilder, die auf den ersten Blick mit ihrem Leben in der DDR gar nichts zu tun zu haben scheinen. Wieder andere neigen zu extremen Reaktionen.“ Meine Damen und Herren, ich hatte Ihnen angekündigt, dass ich Ihnen kurz etwas dazu sagen möchte, was dieses seelische Trauma, mit dem wir hier zu tun haben, eigentlich ist. Wir befinden uns ja in einer Zeit, in der der Begriff des Traumas zu einem Modebegriff geworden ist. Ursprünglich verbindet man mit dem seelischen Trauma Freud, den Begründer der Psychoanalyse, der sich ja schon sehr früh mit seelischen Traumatisierungen im Rahmen seiner Studien über die Hysterie auseinander gesetzt hatte. Damals ging es um die Aufdeckung von sexuellem Missbrauch im Kindesalter. Freud hatte herausgefunden, dass dies tatsächlich bei vielen seiner Patientinnen, die später unter so genannten hysterischen Symptomen litten, vorgefallen war. Er musste allerdings später seine Theorie unter dem Druck der Kollegen – das war ja damals ein unglaublicher Skandal – wieder zurücknehmen. Später formulierte er daraus seine Verführungstheorie, verwies das Ganze doch eher in den Bereich der Phantasie seiner Patientinnen. Eine weitere Quelle, die uns gerade heute bezogen auf die Aufarbeitung politischer Traumatisierung betrifft, führt ins England der Industrialisierung. Mit der Industrialisierung gab es zunehmend auch mehr Industrieunfälle bzw. kam es mit der Erfindung der Eisenbahn zu so genannten Zugunfällen. Damals überlegte man, wie es sich eigentlich erklären lässt, dass verschiedene Personen, die so einen Unfall überstanden hatten, also ein Trauma erlebt haben, danach seltsame psychische Symptome zeigen. Eine Erklärung war, dass die Wirbelsäule irgendwie durchgeschüttelt worden sei, also eher eine somatische Erklärung. Der zweite Erklärungsversuch war, das Gehirn sei irgendwie durchgeschüttelt worden. Die dritte Gruppe, die es auch schon damals gab – es ging nämlich jetzt um Haftpflicht – sagte, wenn jemand so etwas erlebt hat und hinterher kommt und sagt, er hätte dadurch einen Schaden erlitten, dann hat er automatisch einen sekundären Krankheitsgewinn und ist ein Simulant und will Geld ergaunern, und das muss zurückgewiesen werden. Es gab also diese drei Einteilungen – psychisch, somatisch oder Simulantentum – schon damals. 104 Referate Das Ganze zog sich weiter durch den Ersten Weltkrieg, das war die erste große Gruppe – und jetzt komme ich auch schon auf die politisch Traumatisierten in der DDR – die durch eine besondere Situation, nämlich die Situation im Schützengraben, traumatisiert war. Das heißt, im Schützengraben war das gegeben, was für Säugetiere das Schlimmste ist, was es geben kann, nämlich, weder angreifen noch flüchten zu können – eine Situation, die später auch sehr viele in den Haftanstalten erleben mussten – der„unescapable Schock“, man kann nicht weglaufen, man ist sozusagen vom Zufall abhängig, trifft mich die Bombe oder trifft sie mich nicht, ich kann nichts machen. Die Kriegszitterer in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, wie sie genannt wurden, waren eine weitere Gruppe auf dem Weg zu dem, wo wir heute stehen, nämlich dass es die Diagnose„posttraumatische Belastungsstörung“ überhaupt gibt. Sie ist erst in den Achtzigerjahren in das internationale Handbuch für psychische Erkrankungen aufgenommen worden. Auf dem Weg dahin gab es die Opfer des Holocausts, eine weitere Gruppe, die nach dem Zweiten Weltkrieg ja auch nur auf Druck der Alliierten irgendwann durchsetzen konnten, dass bei den Überlebenden der Konzentrationslager katastrophale psychische Schäden von den damaligen Gutachtern überhaupt anerkannt wurden. Das war ebenfalls ein schwerer Kampf und führte damals zu dem berühmten Aufsatz von Hans Eissler, der schrieb:„Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“ Die Situation, die sich für die Betroffenen aus der ehemaligen DDR dargestellt hat, war zunächst einmal – was die Anerkennung bei den Versorgungsämtern anging – ebenfalls problematisch. Die ersten Jahre wurde eigentlich fast alles abgelehnt, und das lag sicherlich auch daran, dass man noch gar nicht so viel darüber wusste, was eigentlich ein Trauma ist und wie eine normale Traumaverarbeitung verläuft. Eine normale Traumaverarbeitung verläuft folgendermaßen: Sie gehen jetzt aus diesem Raum heraus, gehen über einen Zebrastreifen, und ein unachtsamer Bautzener, der gegen Sie persönlich gar nichts hat, fährt Sie mit seinem Auto an. Sie liegen auf der Straße. Wenn Sie in einem südeuropäischen Land aufgewachsen wären, würden Sie etwas tun, was zunächst mal ganz gesund wäre, Sie würden ordentlich schimpfen. Sie würden Ihre Emotionen erst einmal rauslassen. Das wäre eigentlich sehr gut für die Traumaverarbeitung. Hier noch mal ein Sprung zu den Verfolgten der DDR-Diktatur: Unmöglich, bezogen auf traumatische Erfahrungen in den Haftanstalten der ehemaligen DDR, dort lautstark seinen Unmut bekunden zu wollen. Aber wieder zu Stefan Trobisch-Lütge 105 unserem Beispiel: Sie rappeln sich wieder auf, laufen rum und gucken, ob dem, der Sie angefahren hat, irgend etwas passiert ist. Die Sanitäter, die dann kommen, kennen diese Vorkommnisse am Unfallort und wissen, wenn sie gute Sanitäter sind, dass der, der am meisten`rumläuft und am meisten Hektik verbreitet eigentlich der ist, der am meisten abgekriegt hat – den muss man sich besonders vornehmen. Er ist nämlich in einem Zustand von Hypervigilanz, d.h. Übererregbarkeit, kann aber in den Zustand des Schocks kommen. Wenn dieser Mensch dann ins Krankenhaus gekommen ist und am Abend, nachdem er die aufnehmenden Ärzte überzeugt hat, dass das Ganze nicht so schlimm war, zu Hause ist, dann kommt das, was bei der normalen Traumaverarbeitung einsetzt: Er sitzt vielleicht ganz entspannt, und auf einmal steht die ganze Situation, die er erlebt hat, wieder vor seinem geistigen Auge, das nennt man eine Intrusion. Auf einmal ist alles wieder da und läuft wie ein Film vor einem ab. Ein Zustand, den viele, die in der ehemaligen DDR Schwerstes erlebt haben, ebenfalls beschreiben. Ich spreche hier von einem monokausalen Trauma, d.h. von einem einmaligen Vorfall, den man zudem als nicht gezielt betrachten muss, der dazu geführt hat, dass jemand geschädigt worden ist. Jetzt kommen wir zum Unterschied zur ehemaligen DDR. Dort war es ja nicht so, dass sie davon ausgehen konnten, dass das Ganze nicht absichtsvoll passiert wäre. Ein wichtiges Moment für die Verarbeitung eines Traumas in der DDR ist natürlich, dass man einschätzen kann, wer eigentlich 106 Referate was gegen einen ausgerichtet hat und warum. Der Unterschied zwischen einem Trauma, das eher zufällig passiert oder aufgrund einer Naturkatastrophe, zu einem man-made-disaster ist, dass bei Letzteren doch von einer schwereren Traumatisierung auszugehen ist. Viele Beispiele, die wir erfahren haben, gingen in die Richtung, dass Menschen, ohne dass sie sich besonderer politischer Aktivitäten„schuldig“ gemacht hätten, einfach nur auf Grund bestimmter Zufälle in der ehemaligen DDR in die Maschinerie der Staatssicherheit gerieten. Ein Beispiel dafür ist ein älterer Herr, der in den Fünfzigerjahren verhaftet wurde, als auch noch physische Übergriffe in den gefürchteten Haftanstalten an der Tagesordnung waren. Er berichtete, dass er allein aufgrund seines Hobbys Funken verhaftet worden sei. Von der Straße weg, ohne Vorwarnung, ohne dass er im Weiteren auf irgendeine Weise darüber aufgeklärt wurde, was er zu erwarten hätte. Ein ganz wichtiges Kriterium für die Verarbeitung eines Traumas, dass man irgendwann weiß, es ist vorbei, es passiert mir nichts mehr, war bei ihm nicht erfüllt. Bei ihm ging es sogar so weiter, dass er nach der siebenjährigen Haft zurück in die DDR entlassen wurde – ein weiteres wichtiges Kriterium für eine schlechte Traumaverarbeitung, weil für viele Betroffene klar war, dass sie bei einer Entlassung in die DDR einfach nur vom inneren in den äußeren Knast entlassen wurden. Die Bespitzelung lief da natürlich weiter. Die normale Verarbeitung eines Traumas wie z.B. ein Unfall findet dadurch statt, dass man schläft, träumt und dass man darüber reden kann. All diese günstigen Voraussetzungen, um ein Trauma zu verarbeiten, hatten die Menschen, die in den Haftanstalten zu verschiedenen Zeiten gequält wurden, nicht. Sie waren vielmehr der absoluten und totalen Kontrolle ihrer Peiniger ausgeliefert. Sie waren in einer Situation vollständiger Ohnmacht. Da die Staatssicherheit bzw. der Bereich operative Psychologie sich bestens über Zersetzungsmaßnahmen informiert hatten, wurden die Gefangenen gezielt daran gehindert, ihre traumatischen Erfahrungen zu verträumen. Wenn Sie jemand über einen längeren Zeitraum daran hindern, zu schlafen, quälen sie ihn. Dies ist eine Art psychischer Folter. Dies kann zu schweren psychischen Störungen bis hin zu psychotischem Erleben führen. Beim man-made-disaster geht es um das Zerstören des Vertrauens in menschliche Beziehungen. Das letztendlich war das Ziel von subtileren Formen von Zersetzungen, die später, nachdem der Westen gegen körperliche Übergriffe protestiert hatte, eingeführt wurden. In den Haftanstalten in den Fünfzigerjahren wurden auch Todesandrohungen angewendet, wie z.B. Wasserfolter –„Du kommst in die kleine Zelle Stefan Trobisch-Lütge 107 und wir lassen Wasser ein“. Es ging um die Zerstörung von Vertrauen in menschliche Beziehungen, und es ging darum, die Betroffenen in einen Zustand zurückzuversetzen, der dem vergleichbar ist von Kindern, die von der Macht ihrer Eltern abhängig sind. Wenn Sie in einen Zustand gelangen, wo Sie andere Menschen komplett kontrollieren können, alles mit ihnen machen können, körperliche Angriffe auf sie starten können, sie psychisch zu jeder Zeit drangsalieren können, kann irgendwann das einsetzen, was in der Literatur als „Stockholm-Syndrom“ bekannt ist. Dann gibt es nämlich eine innere Annäherung der Opfer, die in der Ohnmachtsituation gefangen sind, an ihre Täter. Das ist etwas besonders Gemeines. Normalerweise ist es ja so, dass man den, der einen quält, hassen können darf. Aber in diesen Situationen, in denen man vollständig von der Macht anderer Menschen abhängig ist, kann es zu Prozessen kommen, in denen man beginnt, sich diesen Tätern innerlich zu unterstellen, d.h. sich ihnen anzunähern. Man hat dies beobachtet, als die Konzentrationslager von den Alliierten befreit wurden. Damals war es so, dass die dort verbliebenen Häftlinge und Gefangenen sich völlig desorientiert zeigten und sogar anscheinend„unmutig“ darüber waren, das auf einmal ihre Aufseher nicht mehr da waren. Sie hatten sich soweit daran gewöhnt, unter dieser totalen Kontrolle zu stehen, dass es kaum noch möglich war, aus diesem Schema wieder auszusteigen. Es handelt sich natürlich um ein psychisches Vorgehen und nicht um eine reale Einschätzung der Situation. Was hat sich bei den Betroffenen aus diesen Voraussetzungen ergeben? Bei schwersten Misshandlungen in den Haftanstalten, z.B. bei Androhung von Todesstrafe, bei schweren körperlichen Übergriffen, kommt es zu einer so genannten Hypermnesie, d. h. solche Vorgänge unter Stresssituationen merkt man sich besonders gut. Das ist ein Grund dafür, warum so viele Menschen heute, fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung und viele, viele Jahre nach ihrer Traumatisierung in der Haftanstalt noch an diesen Erlebnissen kranken. Es hat sich über alle Maßen gut bei den Betroffenen eingeprägt. Sie können es nicht vergessen, es ist übergenau als traumatische Erfahrung abgelegt. Das ist ein ganz großes Problem. Daraus ergeben sich unterschiedliche Verhaltensweisen der Betroffenen. Es gibt so etwas wie Zustände der Erstarrung. Einige können erst jetzt mühselig anfangen, über ihre Erlebnisse von damals zu sprechen. Es gibt aber auch so etwas wie Formen von Selbstanklage bzw. ein unheimliches Angezogensein von Wiederholungssituationen. Ich habe 108 Referate z.B. einen Patienten, der wie seine Eltern mehrere Jahre in Haft war, später – aus„Sicherheitsgründen“ wie er vorgab – eine Stelle als Aufseher in einer Justizvollzugsanstalt angenommen hat. Für mich ein Ausdruck dafür, dass er sich in gewisser Weise einer Wiederholungssituation ausliefert. Nun ist er allerdings auf der Seite derjenigen, die den Schlüssel haben, und es als Entlastung erlebt, dass in diesen Haftanstalten nicht jene Form der Repression herrscht, wie in der ehemaligen DDR. Er hat ein großes Interesse daran, zu sehen, wie die Häftlinge mit ihrer Situation klarkommen. Er berichtete aber auch, wie er bei sich selbst Anteile der Täter beobachten musste. Er begibt sich in eine Gegenposition, um zu sehen, wie es eigentlich war. Dies kann auch ein Versuch sein, das Ganze aufzuarbeiten. Das große Problem für viele Betroffene, die in Haftanstalten der DDR einsaßen, war auch, dass sich die Staatssicherheit die Beschädigung der familiären Ressourcen vorgenommen hatte, d.h. es wurde ganz konsequent die Familie, die man normalerweise als Ressource in schwierigen Situationen im Hintergrund hat, mitbeschädigt, der familiäre Rahmen in Mitleidenschaft gezogen. Dazu möchte ich Ihnen ein kurzes Beispiel vorlesen: „Herr B. sitzt wie versteinert vor mir, keine Regung. Er ist in den SiebziStefan Trobisch-Lütge 109 gerjahren aus der DDR ausgewiesen worden, zuvor war er 34 Monate inhaftiert. Lange verhält er sich überwiegend abwartend, ich muss ihn viel fragen, irgendwann berichtet er mühsam. Herr B. hatte seine Kindheit und Jugend bei seiner Mutter verbracht, die sich in den Nachkriegsjahren als Näherin durchschlagen musste. Sein Vater hatte sich nach Kriegsende von seiner Mutter getrennt und war nach Amerika ausgewandert. Herr B. litt in seiner Haftzeit besonders an schweren Schuldgefühlen gegenüber seiner Mutter, die es sowieso schon so schwer gehabt habe, sich und den Jungen durchzubringen. Dies bemerkten auch die für Herrn B. zuständigen Vernehmer. Im Winter 1965 passierte es dann, dass seine Mutter auf einem zugefrorenen See einbrach und ertrank. Dies nutzten die Vernehmer, indem sie Herrn B. die Todesnachricht mit der Meldung überbrachten, seine Mutter habe sich wegen seiner mangelnden Staatstreue und der daraus resultierenden Haft das Leben genommen. Allmählich kam heraus, dass Herr B. seit damals überzeugt davon war, dass er es gewesen war, der durch seine Inhaftierung die Mutter in den Tod getrieben hatte, weil er ihr als einziger Sohn solche Schande bereitet habe. Für Herrn B. brach damals die Welt zusammen.“ Sie können sich vorstellen, dass, wenn man sich sowieso schon in einer Situation befindet, in der keine Möglichkeit besteht, über die bedrohlichen Prozesse, die um einen herum ablaufen, zu sprechen, eine Intervention wie die eben geschilderte zum endgültigen Zusammenbruch führen kann. Wenn also versucht wurde, den Inhaftierten das Letzte zu nehmen, nämlich den Rückhalt in der Familie, dann kann man sich vorstellen, wie Menschen an den Rand ihrer Verarbeitungsfähigkeit getrieben wurden und sich daraus auch viele lang anhaltende Schädigungen ergeben haben. Gespräche mit Mitgefangenen, häufig eingeschleuste Zellenspitzel, komplettierten die immer perfidere Form der psychischen Zersetzung der Staatssicherheit. Damit haben heutzutage noch viele zu tun. Es ist für die Betroffenen aus der ehemaligen DDR sehr schwierig, da sie sich„wiedervereinigt“ mit ihren ehemaligen Peinigern sehen. Sie beobachten natürlich genau, wie im wiedervereinigten Deutschland mit den Tätern umgegangen wird. Sie beobachten auch, wie mit ihnen selbst umgangen wird, welche Würdigung ihnen entgegengebracht wird, ob ihre Schicksale ernst genommen werden. Ob ständig Vergleiche gezogen werden,„aber da war es viel schlimmer“. Das sind natürlich alles Dinge, die die Verarbeitung von Traumatisierung besonders erschweren. Daneben gibt es noch eine ständig drohende Retraumatisierung, beispielsweise als Hartz-IV-Empfänger in ein Amt zu kommen und dort 110 Referate ehemalige Staatsträger zu sehen und sozusagen erneut bei solchen Leuten einen Antrag stellen zu müssen. Man kann ja gar nicht ausschließen, dass diese Leute evtl. etwas dazugelernt haben, aber für die Betroffenen ist es ganz bitter, so etwas mit anzusehen. Hinweisen möchte ich an dieser Stelle auch noch auf die Untersuchung von Prof. Radebold, der neben der drohenden Retraumatisierung und der Erschwerung der Aufarbeitung dieser schweren Schicksale auch von der so genannten Rehistorisierung des Traumas spricht. Gerade bei älteren Menschen ist es oft so, dass wenn das Arbeitsleben vorbei ist und die Kinder aus dem Haus sind, man viel Zeit hat und viel nachdenken kann. Und so kann also allein aus der Alterssequenz, in der man sich befindet, eine gewisse Bereitschaft entstehen, auf einmal traumatische Erfahrungen aus der früheren Zeit mit besonderer Prägnanz und unter der Bedingung der hypermnestischen – der supergenauen Abspeicherung in einem speziellen Traumagedächtnis – zu erinnern. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich ältere Menschen diesen schweren Phasen ihres Lebens wieder zuwenden und dort auch noch einmal mit der ganzen Wucht der damaligen Vorkommnisse getroffen werden. Ich denke, es ist wichtig, dies zu wissen und diesen Vorgängen Rechnung zu tragen. Wir haben einige Versorgungsämter in der Bundesrepublik bereist. Es ist mein Eindruck, dass sich dieses Wissen dort allmählich verbreitet, dass man dort allmählich auch besser Bescheid weiß, dass man die Bedingungen für Traumatisierungen in der ehemaligen DDR besser kennt und deshalb den Betroffenen, die es wirklich schwer hatten, vielleicht etwas gerechter wird. Stefan Trobisch-Lütge 111 Podiumsgespräch Repressions- und Hafterfahrungen in der SBZ/DDR Ingeborg Linke, Günter Brendel, Werner Heinze, Thomas Lukow Moderation: Tobias Hollitzer Hollitzer: Einen ganz herzlichen guten Tag, sehr verehrte Damen und Herren. Wir haben jetzt die letzte Etappe des diesjährigen BautzenForums erreicht. Es ist ja schon Tradition auf dem Bautzen-Forum, dass die Betroffenen, derentwegen wir uns ja hier seit vielen Jahren zusammenfinden, selbst zu Wort kommen, und nicht nur Wissenschaftler und Politiker. So können sie ihre Erfahrungen vermitteln, vor allem auch an die jüngere Generation. Das Thema des heutigen Podiumsgespräches ist„Repressions- und Hafterfahrung in der SBZ/DDR“. In einer ersten Runde werde ich meine vier Gesprächspartner bitten, ihre Erfahrungen mit Repression und Haft in der DDR darzustellen. Ich 112 Podiumsgespräch denke, es ist ganz wichtig, dass wir neben wissenschaftlich fundierten Ausstellungen in Gedenkstätten und Publikationen immer wieder auch diese einzelnen Erfahrungen zu Wort kommen lassen, weil nur in der Biografie des Einzelnen die Vielschichtigkeit, die hinter einer solchen Leidenserfahrung steckt, in allen Nuancen zu vermitteln ist. Ich werde die Teilnehmer auf dem Podium nicht vorstellen, denn sie sollen selbst über ihre Erfahrungen sprechen. Frau Linke, ich würde Sie als Erste bitten, uns von Ihren Erfahrungen mit Haft und Repression in der DDR etwas zu erzählen. Linke: Ich habe eine Bitte. Wir haben gestern die Aufsätze von Schülern aus der Realschule gehört. Davon waren wir alle so beeindruckt, dass ich mich heute noch einmal dafür bedanken will. Wir finden es ganz großartig, was Sie gemacht haben und hoffen, dass Sie alle sehr gute Noten für diese Arbeit bekommen. Nun zu mir: Ich komme aus Frankfurt/Oder, im Januar 1945 wurde die Zivilbevölkerung zwangsevakuiert und Mitte 1945 kehrte meine Familie dorthin zurück. Es gab in Frankfurt keine Schule, die Stadt war zerstört, und wir mussten lange warten, bis eine Oberschule eröffnet wurde. Die Schüler von drei Oberschulen wurden Mitte 1946 zu einer Klasse zusammengeführt. 1947 sollten wir das Abitur machen. Wir arbeiteten für die Schule, waren fröhlich, gingen in die Tanzstunde, bemühten uns aber auch, politisch tätig zu sein. Parteien wurden bereits wieder zugelassen und wir sahen, dass das alles wieder in eine falsche Richtung lief. Wir waren nicht wie der Westen befreit worden, sondern standen unter den Russen, die großen Druck auf uns ausübten. Da war es verständlich, dass sich einige Jugendliche nach Westen orientierten. So versuchten zum Beispiel diejenigen, die in der CDU waren, mit der West-CDU Kontakt zu bekommen. Im Herbst 1946 standen Wahlen bevor und Wahlplakate wurden geklebt. Wir bemerkten, dass die Plakate der CDU und der LDP abgerissen wurden. Viele von uns Jugendlichen versuchten, die Plakate wieder aufzukleben. Im Juli 1947 verschwanden plötzlich Jugendliche aus Frankfurt. Sie waren einfach weg. Niemand wusste, was eigentlich geschah. Der Letzte ist im Mai 1948 verschwunden. Die schriftlichen Abiturarbeiten hatte ich geschrieben, als im Oktober 1947 früh um sechs zwei Russen und ein Zivilist vor unserer Haustür standen und sagten, ich sollte mich anziehen und mitkommen. Wir Jugendlichen hatten damals immer Angst, dass wir nach Russland deportiert werden. Und nun nahm ich an, ich wusste zwar nicht warum, dass ich nach Russland gebracht werde. Ich habe mich warm Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 113 angezogen, denn es war Oktober und für Russland musste ich mich warm anziehen. Das war auch mein Glück. Ich kam in die Kommandantur und wurde nach kurzer Zeit auf einen LKW gebracht, auf dem schon sechs andere Jugendliche – eine Klassenkameradin und andere, die ich kannte – saßen. Die Fahrt ging nach Potsdam, Lindenstraße, ins Untersuchungsgefängnis der NKWD. Ich kam dort in eine Zelle und war wie versteinert und geschockt, denn ich wusste nicht, was los war. Nachts kamen die ersten Verhöre. Man warf mir vor, einem Spionagering anzugehören und ich hätte einem Spion einen Panzerzug gemeldet. Ich kann heute sagen, dass etwa 40 bis 50 Personen aus Frankfurt diesem angeblichen Spionagering angehört haben sollen. Es ist aber nicht möglich, dass das überhaupt ein Spionagering war, denn die Ersten sind im Juli 1947 verhaftet worden, der Letzte 1948. Die Verdächtigungen dazwischen, wenn sie Spionage betrieben hätten, wären längst weg gewesen, denn damals konnte man noch nach West-Berlin. Aber wir waren uns keiner Schuld bewusst, keiner hatte je von Spionage gehört. Der Untersuchungsrichter hat uns die Spionage mit dem Knüppel oder dem Feuerhaken eingeprügelt. Nach Monaten unterschrieb ich, Spionage betrieben zu haben, weil man mir drohte, meine Eltern und Schwester auch zu verhaften, denn sie hätten von meiner Spiona114 Podiumsgespräch ge wissen müssen. Dieser Spionagering existierte nur in den Köpfen der Untersuchungsrichter und wurde von ihnen konstruiert. Wir sind 1993 alle aus Moskau rehabilitiert worden. Wir wurden fast alle zu 25 Jahren Zuchthaus, Straflager oder Zwangsarbeit verurteilt. Es gab drei Tribunale. Beim ersten Tribunal war ich beteiligt, wir waren ungefähr 30 Personen. Das zweite Tribunal umfasste 14 Personen und das dritte 4. Das erste Tribunal verlief ohne Zwischenfall, wir hatten keine Verteidiger, uns wurde einfach verkündet, dass wir alle zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt worden sind. Während des zweiten Tribunals sagten plötzlich vier, dass sie nicht unterschreiben, weil sie unschuldig seien und mit Schlägen erpresst worden sind. Daraufhin wurde das Tribunal abgebrochen und im September, also ein halbes Jahr später, noch einmal wiederholt. Alle bekamen 25 Jahre und die vier, die man abgesondert hatte, kamen nach Russland. Von Potsdam aus wurden wir in einem Gefängniswagen nach Bautzen gefahren und kamen erst ins Frauenhaus, Haus II. Am Tage wurden die Zellen geöffnet und wir konnten herumlaufen und unsere Erfahrungen austauschen. Als wir am ersten Morgen aufwachten, hatten wir Gesichter wie ein Mond. Uns hatten die Wanzen überfallen. Zu den Wanzen in Bautzen kam noch der Hunger. Meine schlimmsten Erinnerungen an Bautzen sind: Wenn wir zum Baden gingen, kamen wir an einem Haus mit großen Fenstern vorbei, in dem Männer mit geschorenen Köpfen, die aussahen wie Totenköpfe, an den Fenstern standen. Nach 1945 sahen wir die Gesichter von den Gefangenen aus der Nazizeit, und genau diese Gesichter gab es auch in Bautzen. Wir Frauen sind nicht lange in Bautzen geblieben. Im Hochsommer wurden wir in Viehwaggons, wie man sie früher auch zum Transport der Juden benutzte, geladen. Drei Tage lang sind wir bei glühender Hitze unterwegs gewesen nach Sachsenhausen ins KZ. Das KZ, das hatte man draußen gar nicht gewusst, existierte noch weiter, so wie es die Faschisten damals hinterlassen hatten. Wir kamen in Baracken unter und hatten eine gewisse Freiheit, indem wir innerhalb der Baracke herumlaufen konnten. Arbeiten durften wir nicht, das war nur den „Zehnjährigen“ vorbehalten, die auch besseres Essen als wir bekamen. Wir hungerten sehr. In Sachsenhausen gab es ebenfalls Wanzen und dazu noch Flöhe. 1949 wurden wir als die„Verbrecher“ der Deutschen Volkspolizei übergeben. Als wir das hörten, haben wir uns gefreut, denn wir dachten, dass es uns jetzt besser gehen würde und unsere Urteile untersucht würden. Aber das war ein großer Irrtum. Schon die Russen sagten in Sachsenhausen, dass wir uns schon noch umschauen werden, Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 115 wenn wir zu den Deutschen kämen. Wir sind dann bei bitterer Kälte drei Tage lang in Viehwaggons von Sachsenhausen nach Hoheneck gefahren worden. Hoheneck ist eine Burg, die völlig veraltet ist und in der nichts funktionierte. Sie ist Mitte des 19. Jahrhunderts zum Gefängnis für 500–600 Menschen umgebaut worden. Wir kamen auf dem Transport mit 1 200 Frauen und 30 Kindern an. Die Bewacher waren nicht auf solch einen Ansturm vorbereitet. Als wir ankamen, standen die Volkspolizistinnen auf dem Hof und eine sagte zu uns: wenn es eine Gerechtigkeit Gottes gäbe, wären Sie alle schon verreckt. Mir sind Kriminelle, Mörderinnen, lieber, als Sie hier. Da wussten wir eigentlich schon, was uns blüht. Die Fünfundzwanzigjährigen kamen in Zellen unter, die Zehnjährigen in der Kirche, da hatte man nur Stroh hingepackt. Meine Zelle war von oben bis unten mit Schimmel und Schlamm bedeckt, und wir moderten vor uns hin. Es gab keine Lüftung, wir hatten keinen Freigang, es gab nur wenig Wasser und Essen. Wir wurden alle eingekleidet. Unsere Kleidung bestand aus zwei langen Unterhosen, zwei Russenhemden, Holzstiefeln, Fußlappen, langen Hosen und einer Jacke. Für viele von uns war das gut, denn wenn sie in Sommersachen verhaftet worden waren, waren diese völlig verschlissen. Ich hatte Wintersachen an und hätte damit noch länger auskommen können. Wir sahen jetzt wirklich aus wir Zuchthäuslerinnen. Zu Anfang durften wir überhaupt nicht arbeiten. Der damalige Strafanstaltsleiter wurde von uns Bluthund genannt, und dementsprechend war auch die Behandlung. Wir waren bald alle erschöpft. Dem Wachpersonal wurde damals gesagt, wir seien die schlimmsten Kriminellen, die es überhaupt gibt, und wir sollten auch so behandelt werden. Aber einige merkten dann doch, dass das gar nicht so stimmte. Eine Kameradin hatte mit einer Wachtmeisterin gesprochen, die Kontakt mit der Familie aufnahm, sie wurde denunziert, die Wachtmeisterin wurde verhaftet und das Mädchen kam in Einzelhaft. Sie hat sich aufgehängt. Für uns hatte dieses Schicksal einen Vorteil. Die Russen hatten es nicht gern, wenn sich jemand umbrachte. Also wurde der Anstaltsleiter abgelöst und wir bekamen einen neuen Anstaltsleiter, der etwas humaner mit uns war. Seitdem ging es besser. Wir durften arbeiten, teilweise in der Schneiderei, bei den Stoffputzern, bei den Nadelrichtern, in der Schlosserei, bei den Tischlern, bei den Schustern. Ich habe anfangs bei den Nagelherstellern gearbeitet. Das habe ich ungefähr drei Jahre lang getan. Ein höherer Beamter aus Berlin kam eines Tages und fragte uns, wie lange wir das schon machten und wunderte sich, 116 Podiumsgespräch dass wir noch nicht verrückt geworden sind. Nach den Nagelherstellern war ich bei den Stoffputzern und danach musste ich Nadeln für Strickapparate gerade klopfen. Anschließend kam ich in die Schneiderei, das war dann die letzte Arbeit. Eines Tages passierte dort ein furchtbarer Unfall, als eine Mechanikerin, Traudl Eckart, beim Aufheben einer Spule mit ihren Haaren in die Antriebswelle der Maschinen kam und damit praktisch skalpiert wurde. Sie wurde nicht gleich richtig behandelt und ist nachher in einem Krankenhaus in Leipzig an Wundstarrkrampf qualvoll verstorben. Auf dem Transport nach Hoheneck waren auch Mütter mit ihren Kindern dabei. Eines Tages wurden die Frauen zu einer Untersuchung ins Krankenrevier gerufen, und als sie zurückkamen, waren die Kinder weg. Es war herzzerreißend. Später haben menschliche Wärterinnen den Frauen gesagt, dass die Kinder nicht nach Russland gekommen sind, sondern nach Leipzig in ein Kinderheim. Alle Kinder, die auch in Hoheneck geboren wurden, kamen in ein Kinderheim. 1953 hatten wir wieder einmal einen sehr humanen Anstaltsleiter und bekamen sogar Zeitungen in die Hand. In der Sächsischen Rundschau stand eines Tages, dass die Kriegsverbrecher aus Russland amnestiert worden seien und nach Hause kommen. Es waren Namen aufgelistet und einige Frauen haben gesagt, mein Gott, das ist doch unser Fall, durch den bin ich doch eigentlich hier rein gekommen. Immer öfter haben wir Namen von unseren Fällen gelesen, die aus Russland nach Hause kamen, und wir saßen da in Hoheneck und schmorten. Da haben wir uns zusammengetan und beschlossen, dass wir irgendwie an die Anstaltsleitung heran kommen mussten. Aber wir wurden nicht vorgelassen. Also haben wir beschlossen, einen Hungerstreik zu machen. Am 18. Oktober 1953 wurde in den Werkstätten gesagt, dass nichts mehr gegessen wird, es sprach sich sehr schnell herum, den Spitzeln wurde gedroht und es hat tatsächlich niemand davon erfahren. Darauf sind wir sehr stolz. Die Volkspolizei ist restlos überrumpelt worden als wir am nächsten Tag sagten, dass wir nichts essen wollten, wir wollten die Anstaltsleitung sprechen. Die Bewacher fielen wirklich aus allen Wolken und rächten sich. Wir wurden in den Zellen auseinandergelegt, mussten Appell stehen, aber keine einzige hat gegessen, das Personal war ratlos. Zwei Tage lang haben wir das ausgehalten, dann kam eine Abordnung aus Berlin, die aber auch wieder nicht mit uns sprechen wollte. Eine Kameradin, die sowieso in Isolierhaft saß, hat dann gefragt, wie lange sie sich das noch ansehen wollten, die Frauen seien am Ende, und wir wollen doch nur wissen, was mit uns geschieht, ob Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 117 sich irgend etwas tut. Da ließ sich einer aus Berlin tatsächlich herab und sagte, dass etwas geschehen werde. Am dritten Tag haben wir den Hungerstreik abgebrochen. Wir sind alle sehr stolz darauf gewesen, dass wirklich keiner vorher etwas gewusst hat und alle Frauen mitgemacht haben. Ich bin am 5.5.1955 – ein wunderschönes Datum – entlassen worden. Da ich kein Abitur hatte, wusste ich nicht, was ich machen sollte. Mein Vater ist zwei Monate vor meiner Entlassung gestorben und meine Mutter schrieb mir verschlüsselt, ich sollte mich nach West-Berlin entlassen lassen, und das hat tatsächlich geklappt. In West-Berlin sagte man mir, dass ich dort nicht bleiben könne sondern gleich nach WestDeutschland weiter müsse. Als ich gefragt wurde, was ich denn dort machen wollte, war ich völlig hilflos. Nach acht Jahren Haft konnte ich ja gar nichts mehr. Man sagte mir, dass ich am besten Fürsorgerin werden sollte. Ich wurde ausgeflogen und traf in Köln ehemalige Kameradinnen und Kameraden, die schon 1954 entlassen worden waren und dort studierten. Die sagten mir, dass ich nur von einem Elend ins andere kommen würde, wenn ich nun Sozialfürsorgerin werden würde. Im Durchgangslager in Hamburg hatte ich einen Bautzener getroffen, der mir sagte, er werde das Abitur nachmachen, ich erklärte ihn für verrückt. Schließlich bin ich doch nach Wuppertal in eine Schule gefahren, an der ich angeblich das Abitur nachmachen konnte. Dort wurde mir gesagt, dass es einen bereits laufenden Abiturkurs für Ostzonen-Abiturienten gab, deren Abitur im Westen nicht anerkannt wurde. Im Juni bin ich also in diesem Kurs gelandet und habe im Oktober 1955 das Abitur gemacht. Danach habe ich angefangen Pädagogik, Deutsch und Geschichte zu studieren und bin Realschullehrerin geworden. Hollitzer: Vielen Dank für Ihre spannende und sehr eindrückliche Erzählung, Frau Linke. Herr Heinze, können Sie uns bitte als nächstes von Ihrem Schicksal berichten? Heinze: Ich hoffe, dass mich mein Erinnerungsvermögen nicht verlässt und ich nicht in eine Märchenerzählung verfalle. Schließlich sind über 50 Jahre vergangen. Ende 1945 kam ich aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zu meinen Eltern ins 1800-Seelendorf im Kreis Zittau. Eine Aufbruchstimmung war nicht zu erkennen, fast alle Menschen, denen ich 118 Podiumsgespräch begegnete, waren niedergeschlagen und fragten sich: wie solls weitergehen? Die Zeit zwischen 1946 und 1948 verbrachte ich überwiegend im Elternhaus, weil dort die Lebensmittelkarten am längsten reichten. Ich jedenfalls stand vor einem Nichts. Die Schule war beendet, ein Beruf noch nicht begonnen. Deshalb nutzte ich die Zeit für ein Praktikum. Ein anschließendes Studium wurde mir verwehrt, weil meine Eltern zur„bürgerlichen Klasse“ gehörten. Also musste ich mich bewähren. Das habe ich dann auch getan, aber nicht im Sinne der sowjetgetreuen Aufbauhelfer. Mit einigen gleichgesinnten„Bürgerlichen“ gründeten wir eine Ortsgruppe der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands(LDP). In diesem Kreis konnten wir uns frei äußern über manche unverschämten Handlungen der Sowjetgetreuen, insbesondere über die Zwangsvereinigung der KPD mit der SPD zur SED. Es fiel kein gutes Wort über die Sowjetunion und auch nicht über Stalin. Durch die Mitgliedschaft in einer zugelassenen demokratischen Partei erhielt ich mein„antifaschistisches Zeugnis“ und hoffte, nach Wiedereröffnung der Hochschulen in der Sowjetzone studieren zu können. Es kam anders. Anfang 1949, genau am Nachmittag des 9. März, bei eintretender Dunkelheit, kam mir auf der Straße ein Mann im Mantel und mit Hut Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 119 bekleidet entgegen. Ganz nahe vor mir blieb er stehen und sagte im gebrochenen Deutsch:„Halt! Sie sind verhaftet!“ Im Moment fragte ich mich, welcher Esel erlaubt sich diesen Unfug? Es war aber kein Esel, denn ich spürte auf dem Wege zur Polizeistation häufig einen Druck in meinem Rücken. Dabei wurde mir klar, dass es sich um einen GPUMann handeln muss. Die Bezeichnung NKWD für die Handlanger Stalins lernte ich erst später kennen. In der Polizeistation gingen mir die Augen auf. Auf der einen Seite des Raumes stand ein alter Polizist in heruntergekommener Uniform(vielleicht war es auch kein Polizist). Und auf der anderen Seite stand ein mir gut bekannter ehemaliger HJ-Führer. Der Mann von er GPU übersah den Polizisten und fragte den ehemaligen HJ-Führer:„Ist er das?“ Der schämte sich nicht, sondern machte ein grinsendes Gesicht und sagte:„Ja, das ist er.“ Weitere Äußerungen fielen nicht. Im Auto ging es dann ins Stadtgefängnis nach Zittau. Eine Wartezeit von ein bis zwei Tagen folgte. Die Hoffnung war groß, bald wieder entlassen zu werden. Weiter ging es in das Stadtgefängnis nach Bautzen. Ich erinnere mich an eine Frau, die draußen auf dem Flur arbeitete. Ohne sich zu kennen entstand ein Dialog bei geschlossener Tür. Sie meinte, alle Menschen, die sie hier getroffen hätte, seien zu 25 Jahren verurteilt 120 Podiumsgespräch worden. Ich wollte ihr nicht glauben, aber einige Monate später erhielt ich die Bestätigung, Der Frau bin ich heute noch dankbar, denn sie steckte mir einige Brotstreifen durch den Spion in der Tür. Im GPU-Gefängnis auf der Bautzener Landstraße in Dresden begannen die nächtlichen Vernehmungen. Sie wurden mit Gewalt oder beeindruckend falscher Liebenswürdigkeit durchgeführt. Auf die Stimmung des Vernehmungsoffiziers kam es an. Er war glücklich, wenn sich sein Blatt Papier recht schnell füllte. Was er in Russisch schrieb, versuchte eine Dolmetscherin zu übersetzen. Sie strahlte den Vernehmungsoffizier an, nachdem eine oder mehrere Seiten von mir unterschrieben waren. In den Nächten der folgenden Wochen erfolgte immer der gleiche Ablauf. Als er mich aufforderte, meine Spionagetätigkeit für das Ostbüro der SPD in Hannover zuzugeben, musste ich ihn aufklären, dass ich als Mitglied der LDP dafür nicht in Frage gekommen wäre. Aus weiteren angedeuteten Äußerungen des Vernehmungsoffiziers entnahm ich, dass ich in diesem Spionagefall nicht allein bin, aber zu einer Anklage wegen Gruppenspionage reichten meine Äußerungen nicht aus. Weitere Einzelheiten kann ich mir sparen, denn jede Nacht gab es die gleichen Fragen, Drohungen, Tritte, also Zuckerbrot und Peitsche. Es folgte die Verlegung auf den Münchener Platz in Dresden. Auf einen Freispruch wartete ich nicht mehr. Schließlich war man in die Knastologen-Post zwischen den Inhaftierten bereits eingeweiht worden. Es vergingen nur wenige Wochen bis zum Tribunal. Ich kam in einen Raum, in dem schon mehrere Sowjetoffiziere Platz genommen hatten. In den Ecken des Raumes standen Sowjetsoldaten mit Gewehr. Meinen Augen traute ich nicht, als der Vorsitzende unserer LDP-Ortsgruppe neben mir Platz nehmen musste. Es war ein schwer kranker Mann. Er spuckte Blut und ich nahm an, dass deshalb die schnelle Abwicklung des Tribunals erfolgte. Man hatte ihn völlig kaputt gemacht. Anstelle ihn nach Hause gehen zu lassen, ging er mit auf den Transport ins„Gelbe Elend“ nach Bautzen. Er kam sofort ins Tbc-Haus und ist meines Erachtens nach einigen Tagen gestorben. Verurteilt wurde ich wegen Spionage und antisowjetischer Propaganda zum Tode, und weil die Todesstrafe zur Zeit in der Sowjetunion nicht ausgeführt würde, zu 25 Jahren Arbeitslager. Die Verlegung nach Bautzen erfolgte sehr schnell. Eine Zelle im Haus II des Gelben Elends war meine erste Unterkunft. Anschließend lernte ich das Saalleben bei 400 Mann Belegung kennen. 50 Zentimeter Breite auf einer Holzpritsche gehörten mir. Im März 1950 hingen wir an den teilweise noch nicht verblendeten Fenstern und schrieen im Chor nach dem Deutschen Roten Kreuz:„Wir haben Hunger!“ Die Vertreter des Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 121 Roten Kreuzes haben wir nicht gesehen, aber den Aufmarsch der sowjetischen Panzer um das Gelbe Elend. Man vegetierte weiterhin in der Hoffnung, eines Tages wieder frei zu sein. 1952 kam ich in das Konstruktionsbüro. Vier Jahre konnte ich dort arbeiten und bei älteren Diplomingenieuren viel lernen. Im Herbst 1956 erfolgte die Entlassung. Die Flucht nach Westberlin war aufregend. Dort angekommen fand ich meine vor mir entlassenen Haftkameraden wieder. Das war ein freudiges Erlebnis. 1957 und 1958 arbeitete ich als Konstrukteur in Hannover. Ein Ostbüro der SPD habe ich auch in dieser Zeit nicht kennen gelernt. 1959 folgte eine dreijährige Vorbereitung im öffentlichen Dienst für die Laufbahn des gehobenen Dienstes. Als Diplom-Verwaltungswirt im Bundesverkehrsministerium bin ich in den Ruhestand versetzt worden. Hollitzer: Danke, Herr Heinze. Herr Brendel ist der Dritte von uns hier oben, der auch in der SBZ/DDR in Haft gesessen hat, und ich bitte ihn ebenfalls, uns jetzt seine Geschichte zu erzählen. Brendel: Ich wurde im April 1946 im Rahmen einer Großaktion verhaftet. Das heißt, verhaftet kann ich gar nicht sagen. Wir waren alle ehemalige Schüler, die nach dem Krieg als Luftwaffenhelfer aus irgend einem Kriegseinsatz nach Hause gekommen waren. Ich komme aus Eisleben, wo Ulbricht und Grotewohl die SPD und KPD zusammenführten. In dieser Stadt spielten sich einige Dinge ab, und man baute mit Gewalt und brachialen Methoden die KPD wieder auf. Wir Jugendlichen standen etwas außerhalb, denn wir konnten zu der Zeit nicht in die Schule gehen. Mein Vater sagte, dass ich schnell ein Handwerk lernen solle. Das machte ich auch und in meiner Freizeit ging ich zur Tanzstunde. Meine Schulkameradinnen hatten 1945 in einem Weihnachtskonzert in der St. Annen Kirche gesungen, und anschließend standen wir vor dem Westportal und unterhielten uns über die Arbeit der Antifa und über das Problem der Wiedervereinigung von SPD und KPD. Es fiel der Spruch: Der Herr schütze uns vor dem Vierten Reich, denn dieses wird dem Dritten gleich. Der Herr habe mit uns Erbarmen. Amen. Und so kam im April 1946 ein Beamter der Stadt zu meiner Mutter und bat, ich solle doch im Auftrage der Innung einmal mitkommen und eine Maschine vermessen. Meine Mutter sagte zu mir, dass das nicht gut wäre, aber ich fuhr mit, weil ich der Handwerksinnung glaubte. Die Fahrt dauerte drei Tage lang, ich war in einem Opel Olympia zwischen Fahrersitz und Rücksitz eingepfercht. In der dritten Nacht wurde 122 Podiumsgespräch ich in meiner Heimatstadt im Gefängnis abgeliefert und kam in den Keller. Dort war es feucht, und ich blieb dort ohne Wasser für einige Tage. Nachts wurde ich verhört und gefragt, was unsere Gruppe ist, wer unser Agitator ist. Ich sollte Namen und Adressen nennen. Nach 27 Tagen Dunkelhaft, nur jeden zweiten oder dritten Tag etwas zu Trinken und einer leichten Betäubungsbehandlung, wachte ich in einer Einzelzelle auf. Mein rechter Hoden war zerquetscht und ich bekam bloß etwas zu Trinken und zum Kühlen. Bis Juli blieb ich in Eisleben in der Untersuchungshaft. Wir wurden dann in einem Viehwagen mit etwa 18 bis 22 Männern und Frauen nach Halle zum Roten Ochsen gebracht. Dort wurde ich in eine Kombinationszelle gesteckt. Einmal gab es eine Gegenüberstellung mit einem ehemaligen Schulkameraden, und ich sollte doch endlich die Adresse meines ehemaligen Lehrers bekannt geben. Der hatte mich in einem Brief gefragt, wo meine Klassenkameraden abgeblieben waren. Und da war noch ein zweiter Brief, den ich nicht bekommen hatte, und einige Abschriften. Da erkannte ich, dass die Schrift von dem Schulkameraden war. Der Russe fragte, wo mein Lehrer wohnte. Ich wusste zwar seine Heimatadresse, aber da war er nicht mehr, also konnte ich nichts antworten. Ich habe also geschwiegen. Und das Schweigen war nicht immer gut. Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 123 Ich hatte eine Amnesie, mein Kopf und mein Genick sind behandelt worden, und die Endphase war eben die Hodenquetschung. In Halle wurden wir – ich, der Lehrer und noch drei Kameraden – dann im März 1947 vom Tribunal verurteilt und nach§ 58, 2 für Propaganda und Sabotage mit der Höchststrafe belegt. Ich weiß heute, dass mein Lehrer am 30. März 1947 in Halle hingerichtet wurde. Am gleichen Tag wurden Lothar und ich zu 20 bzw. 25 Jahren begnadigt und dann mit anderen Kameraden in einem Viehwagen in einer dreitägigen Irrfahrt Richtung Osten transportiert. Wie weit wir kamen, kann ich nicht sagen. Eines Tages im April waren wir auf dem Bahnhof in Bautzen, wo wir mit Hunden und Maschinenpistolen empfangen wurden. Es war ein kirchlicher Feiertag, die Leute kamen aus der Kirche und wir wurden durch Bautzen getrieben. Wir wurden im Torhaus eingeliefert und dort selektioniert. Die Frauen kamen nach Haus II, und einige Kameraden gingen auch nach Haus II, die waren Tuberkulose-Verdächtig. Ich selbst kam nach Haus I, da waren noch zwei Internierte drin. Dr. Arno Sippe, ein Diplomlandwirt, und Herr Hauser aus Bautzen, die wurden rausgeholt. Dazu kamen Manfred Rösel aus Mücheln im Geisetal und Herr Banitzki aus Waren an der Müritz. Im Sommer 1947 war die Ernährungslage sehr schlecht, es gab vier Tage lang leicht angebrühtes Mohrrübenkraut. Die Wände der Zellen waren beschmiert und stanken. Wir waren jeden Morgen durch die Wanzen zerstochen und aufgequollen. Dazu kamen Läuse. In einer 4Mann-Zelle mussten wir mit 3 Liter Wasser am Tag auskommen, die Notdurft in einen Kübel verrichten, in den etwa 2,5 bis 3 Liter passten. Wir konnten uns nicht waschen. Man begann, sich an den sogenannten Schweißstellen zu kratzen und sich abzureiben. Von hinten haben wir ausgesehen wie Paviane, weil die Haut wund war. Wir lagen auf Holzpritschen. Es gab teilweise auch kleine Matratzen oder Strohsäcke. Das war unser Leben bis zum Herbst 1947. Arbeit gab es bei uns nicht. Im Herbst 1947 begann wieder eine Selektion. Die Russen kamen, und die unter Fünfzehnjährigen wurden nach Sachsenhausen abtransportiert, und wir wurden über den Saal 2 in den Saal 7 gebracht. Dort waren wir auch wieder auf Etagen untergebracht. Das Problem war, dass die, die unten schliefen, den Dreck von oben einatmen mussten. So waren wir alle bemüht, ein Tuch zu bekommen, um das abzuspannen. Aber denken konnte ich nicht, ich konnte kaum sprechen, weil ich eine Art Amnesie hatte. Bleistifte und alles andere war verboten. Als Seife hatten wir ein Stückchen Ton. Wir hatten nur noch unsere eigenen 124 Podiumsgespräch Sachen. Wir konnten uns nicht waschen, schwitzten, hatten wenig Wasser, wir stanken alle. Wenn wir genauso fotografiert worden wären wie die KZ-Insassen, hätte man die gleichen Gesichter und Figuren vorgefunden. Und das trotz eines Nürnberger Prozesses. Ich hatte Glück, denn ich fand zwei Kameraden – Fritz Zabel und Ralf Mäsig – wir haben uns das Brot geteilt, und die beiden haben mir das Sprechen und das Denken wieder beigebracht. Vor allem haben sie mir beigebracht, nach vorne zu schauen, denn wir mussten ja rauskommen. Heute morgen sagte hier ein Psychiater, er bringe seine Patienten, die traumatisiert sind, immer an den Ort zurück, wo sie gewesen sind. Wir durften nicht arbeiten, wir durften nicht denken, wir durften nicht schreiben. Ich kam in eine Zelle, in der die Doppeltür mit einer zweiten Tür abgesperrt war, in die wir reingestellt wurden. Dort konnte man sich nicht drehen und wenden. 24 Stunden blieb ich dort, und als die Tür aufging, fiel ich raus. Wäre ich nicht auf einen Posten gefallen, wäre ich genau auf das Gitter gefallen und vielleicht wäre das das Ende gewesen. Auf dem großen Saal ging unser Leben los. Wir hatten täglich einen internen Rundgang, der wurde kommandiert, und einen externen Rundgang, wenn es dem Posten passte. So ging das bis zur Übergabe. Wir hofften, endlich mit Menschen sprechen zu können, die unsere Sprache sprechen. Für die waren wir aber Verbrecher. Als Folge des Hungers und der Übernahme machten wir einen Aufstand. Ich selbst habe in diesem Rahmen als Arztläufer agiert. Ich war nur zehn Tage draußen, da hat mich ein guter Freund abgeschossen und ich kam in Einzelhaft nach West III in eine Wasserzelle. Eine Mandelentzündung mit Abszess konnte nicht geöffnet werden, ich magerte ab, und Dr. Hofmann hatte den Mut, mich zu untersuchen und stellte fest, dass ich offene Tuberkulose hatte. Er brachte mich nach Haus III, das war die Tuberkulosestation, und ich hatte das Glück neben dem Arzt zu sitzen, der nach dem Ersten Weltkrieg den Pneumothorax erfunden hatte. Das war die Rettung für viele, denn es gab nicht genügend Medikamente. Dort bekamen wir auch eine bessere Verpflegung. Einige Kameraden haben eine Inhalationsanlage gebaut und die Medikamente zerstoßen, sodass wir sie ähnlich wie Asthmamittel inhalieren konnten. Die offene Tuberkulose konnte so reduziert werden. Ich blieb dort bis zu meiner Entlassung. Dr. Franz Täuber hat mich zwischenzeitlich wieder einmal raus geholt und ich war wieder einmal Arztschreiber. Am 5. Mai 1955 bin ich entlassen worden. Ich kam nach Hause und Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 125 schon nach acht Tagen wurde meine Post wieder kontrolliert, also habe ich den Weg in den Westen gewählt. In Berlin haben mir meine Kameraden, die schon 1954 entlassen worden waren, gesagt, ich solle zum Oberschulrat Dr. Panzer gehen. Ihm habe ich alles vorgetragen und er hat mir einen Weg gewiesen, wie ich die Hochschulreife bekommen kann. Leider musste ich der Stasi wegen Berlin schnellstens verlassen und kam dann nach Hamburg-Bergedorf. Dort habe ich hospitiert, bis man mich ausgeflogen hat, und bin dann vier Monate lang zur Kur im Hohen Schwarzwald gewesen. In Düsseldorf habe ich an einer Ausnahmeprüfung für Spätheimkehrer meine Hochschulreife erworben. Die Ärzte wollten mich wegen meiner Lern- und Sprachschwierigkeiten nicht studieren lassen. Trotzdem habe ich Angewandte Biologie und 126 Podiumsgespräch Medizin studiert und habe meine Examen auch bestanden. Das ist ein Teil meiner Lebensgeschichte. Antisowjetische Propaganda war ein Verbrechen, obwohl man uns nach dem Krieg lehrte, wir sollten die freie Rede der Demokratie nutzen. 1993 haben wir erfahren, dass wir rehabilitiert wurden. Vier Jahre später bekam ich das Urteil und die Urkunde, dass mein Lehrer am 30.März 1947 in Halle erschossen wurde. Hans Corbat hatte dafür gesorgt, dass wir die Rehabilitationsurkunden über das Auswärtige Amt bekamen. Lothar und ich, die begnadigt waren, und auch unser Lehrer standen darauf. Hollitzer: Herr Brendel, auch Ihnen herzlichen Dank, dass Sie hier so freimütig über diesen schlimmen Teil Ihres Lebens gesprochen haben. Wir haben jetzt drei sehr erschütternde Schicksale gehört, die auch stellvertretend für viele andere stehen. Mich selbst hat vor allem begeistert, wie Sie alle nach dem Ende der Haft Ihr Leben selbst in die Hand genommen haben und sich nicht haben entmutigen lassen. Diese drei Schicksale sind aus den frühen Jahren der DDR. Die DDR hat 40 Jahre bestanden, und es gibt vielfältige und auch ganz andere Haftund Repressionserfahrungen, auch in Bautzen. Ich bitte Thomas Lukow, der in den Achtzigerjahren hier in Bautzen inhaftiert war, jetzt über sich zu sprechen. Lukow: Ich komme ja aus einer ganz anderen Generation. Hier sind etliche Inhaftierte aus der Sowjetzeit. Auch Leute aus Bautzen I mit sehr vielen Haftjahren. Es gibt ja immer wieder die Diskussionen, dass die Häftlinge aus Bautzen II„hotelähnliche“ Bedingungen gehabt hätten. Diese Diskussionen finde ich sehr schade. Was uns alle verbindet sind auf jeden Fall unrechtsstaatliche Maßnahmen und vor allem Menschenrechtsverletzungen der SED mit ihrem MfS. Das sollte Kern des Ganzen sein. Das hilft uns weiter, dann kommen wir auch in die Medien und dann wird auch darüber gesprochen. Solange diese Profilierungen und Streitereien stattfinden, ist das eben nicht so. Ich möchte an dieser Stelle der Friedrich-Ebert-Stiftung und auch der Gedenkstätte Bautzen II danken, wo junge Leute tätig sind, die mit großem Engagement – obwohl sie das eben nicht erlebt haben – all das wach halten. Die Psychoanalytikerin vom heutigen Vormittag ist, glaube ich, etwas falsch verstanden worden; es geht gerade um die Nachgeborenen, die sehen sollen, wie leicht Verführbarkeit stattfindet, wie man sich dagegen schützen kann und wie man die Demokratie stärken kann, damit so etwas eben nicht passiert. Das ist notwendig, Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 127 wie die Wichtigkeit der einzelnen Geschichten. Mein Werdegang ist ein typischer DDR-Werdegang. Ich bin 1959 geboren, meine Eltern waren Parteigenossen, ich war dann folgerichtig Pionier und FDJ-Sekretär. Ich begann dann eine Ausbildung in der Forstwirtschaft. Hierzu kann ich Herrn Gauck die Frage beantworten, warum ein Förster Parteigenosse sein musste. Die Begründung war ganz einfach: Der Förster ist der ABV des Waldes. Der Wald ist ein militärisches Rückzugsgebiet für die Feinde, und deswegen braucht man die Staatstreuen. Mit 17 Jahren, 1977, hatte ich ein Schlüsselerlebnis auf dem Berliner Alexanderplatz, wo ein Rockkonzert stattfinden sollte. Die jungen Leute warteten, es gab Zwischenfälle, Polizisten schlugen dann brutalst in die Massen ein. Das hat mich sehr schockiert, denn bis dahin hatte ich so etwas noch nie gesehen. Die Aktenlage berichtet heute, dass an diesem Tag 486 Menschen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu zwei Wochen bis zwei Jahren verurteilt wurden, das wusste ich damals nicht. Ich habe zunächst meine Ämter in der Schule niedergelegt und habe einen Austritt aus der FDJ vorbereitet mit einem schriftlichen Pamphlet. Mein Direktor, SED-Genosse, sagte, ich solle das nicht machen, denn ich würde mir damit meine Zukunft versauen. Ich habe es aus Naivität trotzdem getan. Das Studium war damit erledigt. Ich habe dann eine Musikschule besucht, habe mit Freunden im Prenzlauer Berg Musik gemacht. Rainer Eppelmann hatte damals als Kreisjugendwart in der Samariterkirche in Ost-Berlin Jugendmessen organisiert, wo wir BluesMessen gespielt haben. Wir haben auch Gesprächskreise durchgeführt. Ich wollte studieren, aber das ließ man nicht zu. Ich bekam Vorladungen zur Polizei zu bestimmten Anlässen. Als ein Jugendfestival war, mussten wir die Stadt verlassen oder angeben, wo wir sind. Bei Partys kamen Kontrollen der Polizei, auch bei Lesungen von Schriftstellern. All das führte irgendwann dazu, dass ich mit 21 sagte, ich muss hier weg. Ich bin dann in die CSSR gefahren, für Ungarn bekam ich kein Visum mehr. Seit 1979 hat man meinen Werdegang beobachtet, natürlich als Kind von Genossen. Zudem hatte ich Freunde in Frankreich, Dänemark und Westdeutschland und eine Freundin aus West-Berlin. All das war für die Stasi sehr interessant. Ich bin dann nach Prag gefahren und wollte an die bayrisch-tschechische Grenze gehen, aber tschechische Freunde sagten, dass auch dort geschossen wird. Also wollte ich weiter nach Ungarn, aber der tschechische Geheimdienst hatte das beobachtet, wie ich später erfuhr. Man nahm mich fest. Ich war in Pressburg und in Prag inhaftiert. Das waren in den Achtzigerjahren übrigens ähnliche Zustände wie in den Fünfzigerjahren in der DDR. Nach 14 128 Podiumsgespräch Tagen wurde ich in einem Flugzeug der Interflug nach Ost-Berlin zurücktransportiert. In Handschellen bin ich auf dem Prager Flughafen an die Genossen des MfS übergeben worden. Das Flugzeug war schon voll besetzt mit Menschen mit Handschellen – das ist ja sehr wichtig wegen der Fluchtgefahr während des Fluges. Ich habe dann später erfahren, dass diese Maschine drei mal in der Woche flog. Man sammelte sämtliche Häftlinge aus Budapest, Sofia, Prag und so weiter ein. Ich kam dann nach Berlin-Hohenschönhausen. Und hier ist jetzt der Unterschied zu meinen Vorrednern: Natürlich gab es in Hohenschönhausen Rinderroulade und Braten, Südfrüchte, die es selbst in Ost-Berlin nicht gab. Aber es gab eben die neue Form der psychischen Folter, die viel subtiler war. Wir haben keine Übergriffe erlebt – es gab Ausnahmen – in der Regel gab es keine Schläge. Die Zellen waren im Vergleich relativ luxuriös, es gab zum Beispiel eine Spültoilette. Aber die permanente Beobachtung, die Verletzung der Privat- und Intimsphäre und die ungewisse Haftdauer – man spielte mit der Zeit, uns wurde nicht gesagt, wann die Verhandlung ist, wann wir mit dem Anwalt sprechen können – waren für uns genauso schlimm. Wir kamen ja aus einer anderen Sozialisation. Und ich kenne Leute, die drei Monate in dieser Untersuchungshaft waren, und sogar einen Fernsehapparat hatRepression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 129 ten, aber heute trotzdem in psychotherapeutischer Behandlung sind. Es kommt also darauf an, wie Menschen, auch aus verschiedenen Generationen, etwas verarbeiten. Ich möchte das nicht bewerten, denn jeder einzelne Tag von Menschenrechtsverletzung und Haft ist eine Haft, egal ob es da goldene Löffel oder ein Radio gibt. Ich wurde zu einem Jahr und acht Monaten Haft nach§ 213 Absatz 2 und 4 verurteilt. Absatz 2 heißt laut Strafgesetzbuch Flucht in Gruppe und mit Waffe – ich hatte nicht einmal ein Taschenmesser und war auch ganz alleine – und eine Flucht aus dem Versteck heraus, aber auch das war eine Lüge. Es gab an der Grenze zwar Büsche, die waren aber schon besetzt mit freiwilligen Grenzhelfern, die mich dann fest130 Podiumsgespräch nahmen. Darauf konnte ich in der Gerichtsverhandlung aber nicht eingehen, weil ich die Paragraphen nicht kannte ohne Strafgesetzbuch. Ich bin dann nach Bautzen II gekommen. Hier hatte ich ein Erlebnis, worüber ich heute lächeln kann. Ich kam nämlich in den Gruppenraum – dreimal in der Woche gab es Fernsehveranstaltungen – und dort fragte man mich, wie viel ich denn mitgebracht hätte. Ich sagte 20, worauf ich gefragt wurde: Monate oder Jahre. Als ich Monate sagte, lachten die anderen, und sagten ich bräuchte mein Bett gar nicht beziehen, für diese kurze Zeit. Die anderen Häftlinge erzählten mir von ihren Strafen, sie hätten lebenslänglich, 15 oder zehn Jahre bekommen, teilweise waren es Familienväter, ich war damals 21. Für mich war das natürlich ein Schock. 1983 wurde ich nicht freigekauft, ich habe die volle Zeit abgesessen. Ich bin dann zurück nach Ost-Berlin, habe wieder Musik gemacht und durfte erst kurz vor dem Mauerfall mit meiner Frau und unseren zwei Kindern nach West-Berlin ausreisen. Dort habe ich mit 30 von vorne angefangen. Seit ein paar Jahren bin ich Stadtführer in Berlin und Potsdam und in der politischen Bildungsarbeit freiberuflich tätig, arbeite in verschiedenen Gedenkstätten, unter anderem in der Normannestraße, Lindenstraße Potsdam, Hohenschönhausen und Bautzen II. Bundesweit und europaweit bin ich in Universitäten und Schulen zu diesen Themen unterwegs. Die Niederlande, Dänemark und Großbritannien sind daran sehr interessiert. Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass sich im Westen viele Leute dafür interessieren – anders als Ulrike Poppe gestern sagte. Ich bin ganz selten im Osten eingeladen, dafür sehr oft in Westdeutschland. Schüler haben wirklich wahnsinnig interessante Diskussionspunkte, sie wollen etwas davon wissen. Sie sagen mir oft, was ich erlebt habe, können sie sich gar nicht vorstellen – also nur meine Geschichte aus den Achtzigerjahren, die Sie vielleicht als luxuriös empfinden. Erika Riemann sagte mir gestern, dass sie ein Schüler gefragt hat, warum sie ihre Eltern nicht vom Handy angerufen hat, um zu sagen, was los war – 1946! Das ist die Denkweise der Schüler heute. Und da ist es wirklich nicht so wichtig, ob das Bett links oder in der Mitte der Zelle stand. Ob die Zelle original von 1946 ist, mag für Sie ganz wichtig sein, aber in der Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen ist das nicht primär. Es ist viel wichtiger, die Jungend überhaupt darüber zu informieren – immer unter dem Aspekt, wie wichtig Demokratie ist und wie wichtig es ist, diese zu bewahren und vor allem daran teilzuhaben. Hollitzer: Danke, Thomas Lukow. Mit seinen letzten Gedanken hat er auch schon zu dem übergeleitet, was ich gerne noch einmal auf dem Repression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 131 Podium besprechen möchte. Wie kann man diese Erfahrungen, die glücklicherweise zu Ende sind, transportieren, wie kann man über sie sprechen und wie empfinden Sie die heutige Zeit bezogen auf das, was Sie in den frühen Fünfziger- und auch in den Achtzigerjahren erlebt haben? Frau Linke, ich möchte mit Ihnen anfangen. Vor wenigen Monaten wartete der neue Besitzer der Haftanstalt Hoheneck, die sie so eindrücklich geschildert hatten, mit einem mehrtägigen Eventangebot unter dem Titel„Männertag im Frauenknast“ auf. Auf der anderen Seite gibt es eine kleine Ausstellung in der Stadtbibliothek in Hoheneck. Wie empfinden Sie das als ehemals dort Inhaftierte? Und wie sollten wir aus Ihrer Sicht damit umgehen? Linke: Als Hoheneckerinnen sind wir nicht dagegen, dass etwas mit der Burg geschieht. Sie muss erhalten werden. Die Vorsitzende des Vereins ehemaliger Hoheneckerinnen hatte vorgeschlagen, einen internationalen Jugendtreff dort einzurichten, wo Jugendliche aus verschiedenen Ländern über Politik diskutieren können. Aber das war nicht möglich. Jetzt hat Herr Freiburger das Angebot gemacht, Zellen zur Verfügung zu stellen, aber das wurde immer wieder herausgezögert. Schließlich kam der Vorschlag, für Geld einmal den Knast zu zeigen, für Leute, die scheinbar noch nicht genug erlebt haben und die jetzt einen besonderen Kick haben müssen. Das finden wir wirklich ganz, ganz schlimm. Wenn ich mich gerade an den Hungerstreik erinnere, wir waren völlig entkräftet und genervt, wenn wir abends durch den Hof gingen, das war schon unheimlich genug. Wir, die wir unten im Saal untergebracht waren, mussten nachts immer über den Hof auf den Boden im Nebengebäude, wo unser Schlafsaal war. Das Dach war undicht, es schneite im Winter durch, im Sommer konnte man es vor Hitze nicht aushalten. Die Toiletten waren zwei Löcher mit einem Deckel. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass Hoheneck zu einem Spektakel ausgebaut werden soll, finde ich das einfach schändlich. Holltizer: Der Protest – auch international – war sehr groß und hat schließlich dazu geführt, dass dieses Vorhaben zum Glück abgesagt worden ist. Das macht für mich aber noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, in der Breite der Gesellschaft auf dieses Thema hinzuweisen, weil es offenbar an Sensibilität mangelt. Ein weiteres Beispiel sind die vor einigen Monaten bei eBay zu erwerbenden Türen aus Bautzen I. Auch das haben wir gemeinsam mit dem Bautzen-Komitee und dem Beirat der Stiftung verhindern können bzw. es wurde gesagt, dass dies in dieser Form nicht mehr passieren wird. 132 Podiumsgespräch Bevor wir ins Publikum öffnen, würde ich gern Herrn Brendel und Herrn Heinze fragen, wie man den Haftalltag darstellen kann. Heinze: Um den Zellennachbau in Bautzen II hat man ja jahrelang gerungen. Wir sind heute zufrieden, dass wenigstens eine Zelle wieder ähnlich eingerichtet wurde, wie sie bei uns gewesen ist. Gestern habe ich sie mir angesehen. Selbstverständlich weiß ich, dass wir in dieser Einmannzelle zu viert lagen, dass das Holzgestell ohne Farbe war und auf dem Seitenbett noch durchgelegene Strohsäcke lagen. Man kann sagen, einiges fehlt, aber das ist nicht so schlimm. Was ich eher für wichtig halte ist Folgendes: Es gibt hier eine Ernst-Thälmann-Zelle im „Gelben Elend“, die als Gedenkstätte für Thälmann, der kurze Zeit in Bautzen als politischer Häftling gesessen hat, geschaffen wurde. Ich bin politischer Häftling gewesen – und ich lege großen Wert darauf, dass man das nicht verdreht, ganz gleich durch welche Formulierungen – aber wenn man schon Thälmann eine Zelle öffnet, in die Besucher gehen können und sich mit ihm im Stillen unterhalten können, warum ist es nicht möglich, für uns politische Häftlinge, die wir über viele Jahre hier im Gelben Elend gewesen sind, zumindest eine Zelle zu öffnen? Ich fände das richtig und es würde bei uns bestimmt großen Anklang finden. Brendel: Ich habe nur eine Bitte, die Schulen sollten in den Lehrplan eines aufnehmen: Was ist Demokratie? Und wie hat sich die DemokraRepression und Hafterfahrung in der SBZ/DDR 133 tie nach Weimar und dem Dritten Reich wieder aufgebaut? Das sollte einmal wirklich geschildert werden. Es ist wichtig, dass die Schüler wissen, welche Wege in der BRD zur Demokratie geführt haben. Heinze: Herr Lukow hat ja eben darauf hingewiesen, dass auch im Westen viele Schüler daran interessiert sind, über diese Zeit etwas zu erfahren. Ich pflichte ihm bei. Vor zwei Jahren ist mir das Bundesverdienstkreuz verliehen worden und ich wollte es im Beisein von Schülern in einer Schule in Korbach verliehen bekommen. Die Schüler verfolgten die Verleihung aufmerksam. Anschließend haben einige Kameraden und ich mit den Schülern diskutiert. Es war sehr, sehr großes Interesse vorhanden. Wer kann, sollte in die Schule gehen und den Kindern berichten, wie es hier gewesen ist. Sie sind aufnahmebereit. Ich muss auch hinzufügen, dass unser Arbeitskreis seit 1989 jedes Jahr einmal in die neuen Bundesländer geht. Wir haben die Städte besichtigt, Leute auf der Straße angesprochen und gefragt, ob sie schon einmal etwas über das Zuchthaus in Bautzen gehört hätten. Natürlich sind einige weggelaufen, aber viele sind stehen geblieben und haben zur Kenntnis genommen, was wir über unsere Vergangenheit zu berichten hatten. Lukow: Natürlich muss das in den Schulen passieren. Aber man sollte die Schüler nicht zwingen, man sollte vielmehr interessante Angebote machen, um sie dafür zu sensibilisieren. 134 Grußwort Barbara Ludwig Grußwort Der SED-Staat war ein System, das viele – sehr direkt angelegte, aber auch subtile – totalitäre Züge trug: Er drang in alle Lebensbereiche ein; er schikanierte, bevormundete und bespitzelte seine Bürgerinnen und Bürger; er sperrte ein, kriminalisierte, erniedrigte, terrorisierte, folterte diejenigen, die sich entgegenstellten. Nicht wenige zerbrachen daran, viele bezahlten den Widerstand mit ihrem Leben. Wohl nichts war der Staatssicherheit zu plump, zu absurd, zu dreist, um die Staatsfeinde der Deutschen Demokratischen Republik zu verfolgen. Doch weil der Mensch ein Mensch ist, beugten Sie sich nicht, traten Sie ein für Ihre Überzeugungen, leisteten Sie Widerstand – und brachten größte persönliche Opfer im Kampf für Freiheit und Menschenrechte. In den Haftanstalten Bautzen wurden während der Diktatur des Nationalsozialismus, während der sowjetischen Besatzungszeit und während der SED-Diktatur politische Gegner unter unmenschlichen HaftbeBarbara Ludwig 135 dingungen gefangen gehalten. Daraus erwächst uns eine besondere Verantwortung gegenüber allen Opfern. Die Menschheitsverbrechen der NS-Diktatur, die Diktaturverbrechen in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR – sie dürfen nicht gleichgesetzt oder die Opfer gar gegeneinander aufgerechnet werden. Um zu verhindern, dass Menschen wie Sie, die Sie Ihre Grundüberzeugungen über Ihre Angst gestellt haben, jemals wieder verfolgt und terrorisiert werden, brauchen wir eine lebendige, starke – mit historischer Aufarbeitung untersetzte – Erinnerungskultur. 136 Grußwort Alle Opfer haben einen von der gesamten Gesellschaft mitgetragenen Anspruch auf Klarstellung: warum und wie sie zu Opfern wurden. Wir dürfen und wir werden nicht zulassen, dass einzelne Opfergruppen und ihr Schicksal von Parteien wie der NPD für ihre Menschen verachtende Ideologie missbraucht werden. Das so genannte„Gelbe Elend“ wurde zum Symbol des SED-Unrechtstaates – in Ost- und Westdeutschland. Erst 1989 – 44 Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus – wurde im Osten des Landes der lange Kampf um Freiheit und Demokratie gewonnen. Gewonnen gegen eine Diktatur, die sich auch mit Beton, Stacheldraht und Todesstreifen nicht mehr an der Macht halten konnte. Die Mauer fiel und mit ihr die unsichtbaren Mauern des Schweigens: Endlich konnten ehemalige Häftlinge darüber sprechen, was sie erlebt, was sie überlebt hatten – ohne sich und andere erneut zu gefährden. Das Glück der Freiheit hat im Laufe der Jahre viele Wunden geheilt. Aber längst nicht alle. Für manchen blieb das Trauma der Erinnerung an das Grauen der Haftzeit lebenslange schreckliche Begleitung. Andere werden bis heute das Gefühl nicht los, für erlittenes Unrecht ausgerechnet im Rechtsstaat keine ausreichende Gerechtigkeit zu erfahren. Deshalb müssen wir uns – so schwierig das ist – immer wieder fragen: Tun wir genug dafür, damit sich kein Opfer der SED-Diktatur heute missachtet und nicht anerkannt fühlt? Erweisen wir Ihnen, die kompromisslos für Freiheit und Menschenwürde eintraten, den Respekt, den wir Ihnen schuldig sind? Schuldig dafür, dass Sie sich – auch stellvertretend für eine große schweigende Mehrheit – gegen das Unrecht aufgelehnt haben? Den Menschen in Ostdeutschland wurde die Freiheit nicht geschenkt. Sie haben sie sich erkämpft. Deshalb müssen wir heute und in Zukunft gemeinsam dafür Sorge tragen, dass die Diktatur der DDR, ihr System des Terrors und der Schikane im Rückblick niemals verharmlost wird. Die Kultur und der innere Zusammenhalt unserer Gesellschaft hängen maßgeblich davon ab, wie die Menschen in diesem Land die Lehren der Geschichte im Gedächtnis behalten. Dazu gehört auch, dass die Erinnerung an die Unterdrückung der Menschen im Osten Deutschlands ein fester Teil der gesamtdeutschen Geschichts- und Erinnerungskultur wird. Wenn wir wollen, dass die grausamen Lehren, die uns das 20. Jahrhundert erteilt hat, angenommen werden, dann müssen wir dafür sorgen, dass sie in unserem Barbara Ludwig 137 gemeinsamen Gedächtnis einen dauerhaften Platz finden: mit Tagen des Gedenkens; mit„Orten des Erinnerns“, die den Blick auf die Gegenwart der Vergangenheit in unserem Alltag richten; mit Stiftungen, die sich der„Erinnerung als Auftrag“ stellen; aber beispielsweise auch mit geeigneten Lehrplänen an unseren Schulen und Hochschulen. Der 1928 in Prag geborene Schriftsteller Pavel Kohout, der heute hier zu Gast ist, gehörte zu den führenden Köpfen des Prager Frühlings 1968. Nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung wurde Pavel Kohout 1969 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und als Schriftsteller ostseits des„eisernen Vorhangs“ totgeschwiegen. Pavel Kohout gehörte – zusammen mit Vaclav Havel und anderen – zu den prominenten Unterzeichnern der Charta 77. Sie forderten – unbeirrt durch Repression – die Achtung der Menschen- und Bürgerrechte ein und beriefen sich dabei auf die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa(KSZE). Pavel Kohout wurde daraufhin 1979 ausgebürgert. In seinem 1987 erstmals veröffentlichten Buch„Wo der Hund begraben liegt“ schildert er den Kampf der tschechischen Bürgerrechtler um die Menschen- und Bürgerrechte in seiner ersten Heimat. Ein Rezensent schrieb darüber:„Kohouts Buch ist aufregend und in der Entlarvung der politischen Brutalitäten entsetzlich. Es sind zutiefst menschliche Dinge, die hier angerührt werden[...] der Hunger nach Freiheit des Denkens[...]‘Wo der Hund begraben liegt’ müsste eigentlich Pflichtlektüre sein.“ Ich freue mich sehr auf unsere Begegnung und die Lesung mit dem Schriftsteller und Bürgerrechtler Pavel Kohout. 138 Pawel Kohout Pavel Kohout Wo der Hund begraben liegt Ich habe mich kurzfristig entschlossen, etwas anderes zu lesen, als ich sollte und wollte. Mich hat Frau Poppe inspiriert, indem sie heute über das Leben der Dissidenten, der Bürgerrechtler der Deutschen Demokratischen Republik erzählte. Ich möchte Ihnen ein – verkürztes – Kapitel über den meiner Meinung nach wichtigsten, schrecklichsten und auch schönsten Tag meines Lebens vorlesen: meinen 50. Geburtstag, der am 20. Juli 1978 stattfand. Zu dieser Zeit war ich schon aus meiner Prager Wohnung„rausgeworfen“ und wir lebten mit meiner Frau und einem Kind, das wir großzogen, weil sein Vater nach Amerika geflüchtet war und einem Dackel und vielen Freunden in einer kleinen böhmischen Stadt namens Sázava am Fluss Sázava. Im Sommer 1978 sollte man sich eigentlich zum zehnten Mal an den Warschauer-Pakt-Angriff von 1968 erinnern. Die Staatssicherheit wollte uns deshalb zu dieser Zeit irgendwie„außer Gefecht“ setzen. Wo der Hund begraben liegt 139 In meinem Fall haben sie sich eine besonders gute Geschichte ausgedacht. Ich bekam nämlich einen Erpresserbrief, nach dem ich irgendwo 500 000 Kronen als Erpressungsgeld zahlen sollte, sonst drohte man mir, dass meine Familienmitglieder getötet würden. Ich wusste natürlich, dass in einem Land, wo jeder wusste, dass der Reiche Karel Gott und nicht Pavel Kohout heißt, und ich eigentlich der meistbeschattete Mann bin, der Erpresser nur im Dienste der Staatssicherheit stehen konnte. Dies hat später auch das Aktenstudium bezeugt. Ich habe das einfachste gemacht, was ein jeder Mensch in dieser Situation machen müsste. Ich habe mich an die Kriminalpolizei gewendet. Und so wurde ich von der Kriminalpolizei vor der Staatssicherheit geschützt. Mit den Konsequenzen, dass ich mich nur mit Polizeischutz bewegen konnte in den Tagen des Jubiläums. Dieses abgekartete Spiel, das miliziös in dem Buch„Wo der Hund begraben liegt“ beschrieben ist, dauerte über zwei Monate und hatte dann zum Schluss noch einen Toten: Die Staatsmacht durfte zu dieser Zeit nicht uns töten, weil sich die Tschechoslowakei an der Seite der Sowjetunion um den„Europäischen Salon“ in Helsinki bemüht hat. Man hat deshalb unseren lieben Freund, den vierbeinigen Edison Venor, einen Rauhaardackel getötet. Als dies passiert war, habe ich mir gesagt, dass dies das Ende der tschechischen politischen Kultur ist. Und ich sagte mir, dass ich ihnen das nicht durchgehen lassen werde. Ich schreibe diesem Dackel einen Roman. So schrieb ich diesen langen Roman, der eigentlich eine Bestandsaufnahme der Zeit ist. Meinen 50. Geburtstag habe ich im Garten meines Landhauses in Sázava gefeiert und gedacht, dass keiner kommen würde, weil das Haus belagert war. Es kamen aber 100 bis 150 Menschen. Der Garten war umstellt von der Polizei, aber trotzdem hat man sich dort des Lebens erfreut. So haben wir gefeiert, bis mir spät am Abend das Gefühl kam, dass uns dieser Tag nicht so einfach von Husáks Staat geschenkt würde. Lesung Und als das Fest um Mitternacht richtig in Fahrt kommt, stehe ich auf, bedanke mich und bitte alle, sich in ihre Heime zu begeben, Zet ist richtig böse auf mich, sie möchte jetzt erst recht feiern, aber mein sechster Sinn lässt mir keine Ruhe, ich will nicht, dass dieser Tag wie aus einem Guss am Ende doch noch einen Schuss bekommt, und so brechen sie allmählich in alle Richtungen auf und werden allerorts von Verkehrskommandos angehalten und blasen und blasen – doch die 140 Pawel Kohout Röhrchen verfärben sich nicht, und der Befehl zum Schikanieren war heute nicht ausgegeben worden, Kríz sei Dank. Es bleiben nur die Familie und Havel mit Landovsky, denen wir im Voraus Betten zugesagt haben, und die trinken weiter auf meine Gesundheit, wie sie behaupten, während ich die an’geschwemmte Korrespondenz aus aller Welt lese, die Umschläge verbrenne ich dann im Kamin, und mit besonders wichtigen Papieren schleiche ich, nachdem der Mond untergegangen ist, in den Garten, um sie in der Dunkelheit außerhalb des Hauses aufzubewahren; nach fünf Uhr gehen wir endlich alle zu Bett, vor halb acht weckt mich die Türglocke. Die Wache aus Prag ist noch nicht da, dafür steht neben den drei grimmigen örtlichen Bewachern eine Fünfergruppe fremder Männer vor dem Tor, einer von ihnen zeigt mir ein Papier: ein Hausdurchsuchungsbefehl, der erste in meinem Leben, ein Geschenk des Staates Doktor Gustáv Husáks zum 50. Geburtstag eines tschechischen Schriftstellers. Du erscheinst neben mir und knurrst gereizt, ich nehme dich lieber unter den Arm, mein beinharter Haushüter, während ich den Durchsuchungsbefehl durch das dünne Drahtgeflecht des Tores, das uns so wenig schützen kann, prüfe; er ist mit der Eröffnung eines Strafverfahrens wegen Aufwiegelung nach dem berühmten§ 100 begründet, dehnbar wie die Gummischlangen in den Süßwarenbuden auf der Prokop-Kirmes; aufgewiegelt wurde demnach auf eine„in diesem Beschluss angeführte Weise“, die selbstverständlich ebenso wenig aufgeführt ist wie der Name der Aufwieglers. Aber das macht gar nichts, weil das Papier, das sämtliche meiner Schlösser öffnet, die Generalstaatsanwaltschaft der CSSR selbst ausgestellt hat mit der triftigen Belehrung:„Gegen diesen Beschluss ist in Anbetracht der vorangegangenen Zustimmung derˇ Generalstaatsanwaltschaft Beschwerde nicht zulässig.“ Der Teufelskreis schließt sich. Was solls, wenn der hauptsächliche Rechtsgrund lautet: Sie sind zu acht und hinter ihnen steht Moskau, während hinter mir nur du stehst, im Kessel deiner Kehle köchelt das Bellen, also schnell zu den Unseren, damit hier nicht plötzlich acht Zeugenaussagen entstehen, dass auch wir zwei einen weiteren von ihnen gebissen hätten. Ich schließe das wehrlose Tor auf, führe die fünf Durchsucher zum Haus und fordere sie auf, einen Augenblick zu warten, bis ich die Schläfer geweckt habe, zwei jedoch begleiten mich ohne zu fragen durch das Haus; Frau Márí und Valtrr stehen ohne Widerrede auf, Jirí und Helena sind Pfadfindernaturen, Zet und Jolana schweben in ihrem üblichen morgendlichen ˇZustand von Mondsüchtigkeit, Havel zwaˇr auch, aber weil er schon ein halbes Jahr im Gefängnis verbracht hat, Wo der Hund begraben liegt 141 springt er auf und schläft in Grundstellung weiter, während Landovsky sich nur tiefer unter die Decke wühlt und wütet: „Leckt mich, Jungs, lasst eure blöden Witzeleien!“ ’ Erst als es mir gelingt, seine Deckung zu durchbrechen und er, der wärmenden Hülle entledigt, die beiden Gesichter mit den unverwechselbar leeren Zügen der Geheimen im Türrahmen sieht, setzt er sich und sagt zu mir, voller Verachtung, als wären wir beide alleine: „Na ja. So wecken, das können nur die!“ Allmählich versammeln wir uns alle unterhalb der Terrasse, auf welche die Morgensonne schon recht schön brennt, wir sehen aus, wie wir unter solchen Umständen aussehen müssen, der Anblick der anderen gibt jedem ein klägliches Bild von sich selbst, doch anstelle der Niedergeschlagenheit kommt das elektrisierende Gefühl auf, das Ganze sei kein Trauma, sondern ein Traum, wenn sich die so mächtige Macht derart peinlich gerade vor jenen Bürgern aufführt, denen die Gabe beschert ist, es festzuhalten und weiterzugeben, wir setzen uns also zu Tisch wie in einem Kabarett, und Zet und Frau Márí gehen ohne zu fragen in die Küche, einer der fünf verlegen hinter ihnen her. Das verbliebene Quartett fordert mich auf, ihm beˇ i der Durchsuchung zu assistieren, wie schade, dass mein Oberst diese Szene nicht sieht, der davon wahrscheinlich erst post festum erfährt, er würde gewiss die psychologische Feinheit bewundern, mit der die von gegenüber agie142 Pawel Kohout ren, während er der Idiot bleibt, der mit mir erfolgreich verhandeln soll, ich merke, wie in mir der kalte Ekel hochsteigt, das Schlimmste, was jemand bei mir herausfordern kann. „Bei der Durchsuchung?“ ich wundere mich scheinheilig,„was fällt Ihnen ein, meine Herren, warum sollte ich bei irgendeiner Durchsuchung assistieren?“ „Es ist Ihr Recht...“ „Ach, dann will ich es gern bei den anderen Rechten deponieren, die Sie mir bereits genommen haben.“ „Es ist auch Ihre Pflicht!“ „Pflicht? Das ist schon interessanter. Dürfte ich den Paragraphen erfahren, der mich zwingt, mich selbst zu durchsuchen?“ Wie denn?, ein solcher existiert doch mit Sicherheit nicht – oder soll der Gesetzgeber etwa vorschreiben, dass der Bürger atmet? Ihr Anführer fängt an, die Nerven zu verlieren. „Na, das ist doch selbstverständlich! Am Ende könnten Sie noch behaupten, wir hätten hier etwas mitgehen lassen oder hereingeschmuggelt?“ „Meine Herren“, antworte ich höflich, unaggressiv und auch unironisch wie immer,„in diesem Land tun Sie doch ohnehin überall, was Sie wollen, tun Sie es also auch hier ganz ungeniert. Ich darf es nur hier, und genau das tue ich auch soeben.“ Beide Frauen kommen mit Tabletts heraus, auf denen türkischer Kaffee duftet, und das Erdgeschoß der Pisa-Torte lockt, wie Kristallküken kuscheln sich Karlsbader Sektgläser, in Papstschliff glänzend, an die französische Henne, eine Flasche Veuve Cliquot, als Reservekanister der Lebensfreude im kalten Keller aufbewahrt; ich gehe zu den Meinen und wende mein ganzes fünfzigjähriges Können auf, den Korken wie eine Sprengkapsel zur Explosion zu bringen. [...] Die Abordnung berät eine Weile gedämpft, doch bedenkt sie offenbar die Wackeligkeit ihrer Forderung, die vom Gesetz sicherlich nicht gedeckt ist, und schreitet also zur Amtshandlung, wir hören sie gehen, sprechen, Türe und Schränke öffnen, Schubladen herausziehen, während hier mit dem„Prost“ auf den Entschluss, meinen Geburtstag um diesen Staatsbesuch zu verlängern, ein Frühstück der Götter beginnt. „Uns geht es aber gut!“ freut sich Zet schon nach dem zweiten Schluck, und es stimmt genau, die im Haus wissen nicht, was sie tun, während Havel und ich sehr wohl wissen, dass Dürrenmatt und Beckett von einem solchen Erlebnis nur träumen können, die kalte Witwe mit dem heißen Türken hat den Körper erfrischt, jetzt ist der Wo der Hund begraben liegt 143 Geist an der Reihe: Landovsky stellt seine Freunde, die Zigeuner, dar, mit denen man ihn mit Vorliebe zusammensperrte, damit er sie erziehen sollte, und wir lachen Trän’en. Ich weide mich dabei an dem irritiert-bewundernden Blick von Zet, die es nicht fassen kann, dass ich wieder einmal eine Nase hatte, scharf wie deine Schnauze; falls die mir hier etwas einschmuggeln sollen, dann schmuggeln sie es eben ein, keinesfalls werden sie hier jedoch finden, was sie interessiert, schließlich habe ich für diese Durchsuchung ganze zehn Jahre geübt, und jetzt glaube ich – ein optimistischer Fatalist – auch noch an meinen Stern. So wenig sie uns deprimieren, so sehr deprimiert unser Picknick offenbar sie, sie fühlen sich ungewohnt unwohl in ihrer Elefantenhaut; wenn sie das Haus von außen inspizieren, die Garage durchsuchen, dazu das Treibhaus, ja sogar das Futterhäuschen für die Vögel und zuletzt auch auf den turmartigen Wasserbehälter klettern, so kann diesen Profis nicht entgehen, dass unser Verhalten kein Theater ist, sondern Ausdruck tiefer Verachtung für ihre ganze Sippschaft. Jetzt schildert Havel, wie er seinen schon verrosteten Mercedes vergeblich verkaufen sollte, aber von Landovsky, der sich in allem auskennt, zu einem raffinierten Geschäft überredet wurde, nämlich für einen Pappenstiel noch einen zweiten verrost’eten Mercedes zu kaufen, damit der mögliche Interessent um so mehr zu bieten bereit wäre, wenn er mit dem anderen Wagen gleich die Ersatzteile mitgeliefert bekäme, jetzt hat Havel in der Scheune zwei verrostete Mercedes stehen, die er vergeblich verkaufen will; wir sterben vor Lachen, und mitten hinein fängt Valtrr an zu krähen: „Hab den Ministerrr fürrr Innerrres gerrrn!“ Sie hören es auch diesmal nicht, schade, es ist längst präjudiziert worden, dass für Beleidigung durch einen Papagei der Halter die rechtliche Verantwortung trägt, nun werden wir nie erfahren, ob auch Gunstbezeugungen eines Papageis strafbar sind, wir lachen uns Ohnmacht und Wut von der Leber, als vom Tor eine neue Fünfergruppe anmarschiert, wir haben die Glocke überhört, es scheint, der gestrige Tag des offenen Tors geht weiter, diesmal sind es Bekannte: an der Spitze der Admiral aller Roudnice, Major Másek, der jetzt Zet, Landovsky und mich höflich bittet, ihm auf die Polizeistation in Sázava zu folgen. „Seien Sie uns nicht böse, aber wir kˇönnen jetzt nicht“, sage ich. ’ Er schaut auf unsere Gläser, auf die Reste des Festmahls, runzelt strafend die Stirn. „Ich fürchte, Sie werden müssen, Sie haben doch dem Kommandanten versprochen, dass Sie uns in allem...“ 144 Pawel Kohout „Könnten Sie das dann nicht mit Ihren Kollegen besprechen?“ frage ich ihn,„sie sind irgendwo im Haus.“ Die Überraschung der neu Hinzugekommenen ist groß. Major Másek bittet uns manierlich um Erlaubnis, eintreten zu dürfen, er putzt sich die Schuhe an der Matte und tritt in die Wohnhalle, wo er mit Maˇjor Hudec – den Namen finden wir später im Protokoll – in einem längeren Gespräch verweilt, dessen Herzlichkeit ich mir lebhaft vorstellen kann; als er zurückkommt, bezieht sich die Missstimmung in seinen Zügen entschieden nicht auf uns. Uns teilt er nur sachlich mit, dass er zu dem örtlichen Polizeihaus nach Sázava zurückfahren und dort mit seinen Mitarbeitern auf uns warten werde, als es schon wieder am Tor läutet, wir gehen gemeinsam hin: Im Kreise der ansässigen Ortswächter und jetzt auch der moblien Beschützer aus Prag, die mich verlegen grüßen, steht erschrocken unsere Briefträgerin und händigt mir zitternd eine Vorladung für den übernächsten Mittwoch ins Gebäude des Gefängnisses Prag-Ruzyne aus. „Sie können dem Oberst mitteilen“, sage ich Major Másek zumˇ Abschied,„dass wir uns hier eines lebhaften Polizeiverkehrs erfreuen, im Moment sind Sie hier ganze Sechzehn.“ ˇ Er fährt ab, als eile er zu einem sicheren Platz, gleich darauf kommt der Chef des Durchsuchungskommandos und lädt mich in meine eigene Wo der Hund begraben liegt 145 Halle ein, wo schon ein Protokoll liegt, mit Maschine geschrieben; Zet, die sich vor einer Weile erregt hatte, dass sie die meine ohne Erlaubnis entweihten, konnte ich gleich beruhigen: Die Stimmen meiner Frauen, Hunde und Schreibmaschinen erkenne ich von weitem wie du meinen Geruch, scharfnäsiger Dackel. Auf unserem Esstisch steht ihre amtliche Kofferschreibmaschine, soweit ich mich erinnern kann, geschieht es zum zweiten Mal, dass er seiner vornehmen Bestimmung als Essensträger entfremdet wird, im vorvorigen Jahr lag hier still und brav der arme Janecek, als ihm Doktor Broz flink die Wunde vom Stacheldraht zunähte, jetzt breitet sich hier das Protokoll aus„über die Durchführung einer ˇLeibes-(Sternchen), Haus-(Sternchen)-durchsuchung, Unzutreffendes streichen“ – sie sind auch zum Streichen zu faul –, ich lese weiter, und es gefällt mir: Rubrik:„Person, bei der die Durchsuchung durchgeführt werden soll, sagt aus:“ Hinzugefügt:„Lehnt es ab, auszusagen.“ Rubrik:„Durchsuchung durchgeführt von:“ Hinzugefügt:„Mjr. Hudec, OstLtn. Weug+ 2 Angeh. d. öff. Sicherh.“ Rubrik:„Bei der Durchsuchung anwesend:“ Hinzugefügt:„Die Durchsuchten lehnten es ab, bei der Durchsuchung anwesend zu sein.“ Rubrik:„Bei der Durchsuchung als unbeteiligte Personen anwesend.“ Hinzugefügt:„Pavel Urbánek vom Örtl. Nat. Aussch., Sázava an der Sázava.“ Siehe da, ein Nachbar, vor lauter Bescheidenheit hat er sich nicht einmal vorgestellt, und auch jetzt schaut er starr aus dem Fenster in die tote Ecke des Gartens über Janeceks Grab hinweg in den Wald auf dem gegenüberliegenden Hang, als solle dort bald sein letzter Zug anhalten. ˇ Rubrik:„Bei der Durchsuchung wurden folgende Dinge ausgehändigt/abgenommen.“ Hinzugefügt:„Bei der Durchsuchung wurde nichts ausgehändigt und nichts abgenommen.“ Rubrik:„Unterschrift der Person, bei der die Durchsuchung durchgeführt wurde.“ Major Hudec reicht mir mit entschlossener Geste seinen eigenen Kugelschreiber. [...] Ich lege seinen Kugelschreiber auf unseren Esstisch und sage:„Ich signiere nur eigene Werke, Herr Major.“ Die Gruppe zieht daraufhin feindselig ab, ohne Abschied und Beglei146 Pawel Kohout tung – sie finden überall den Weg!, ich gehe gleich zu dem Tisch unterhalb der Terrasse und lege Havel und Landy das Protokoll vor. „Ein Einser!“ melde ich stolz. Als sie mich nicht verstehen, verweise ich auf die Rubrik„Beschreibung, Benennung, Menge, Form, Farbe und Qualität der beschlagnahmten Sachen“: Sie gähnen vor Leere. „Ein Einser in Hausdurchsuchung. Nehmt euch ein Beispiel!“ Das beleidigt sie beinahe; Zet tröstet sie, indem sie verrät, das einzige, das ich mir bis zum Tod nicht werde zuschulden kommen lassen, sei Bescheidenheit; dann aber umarmen wir uns alle miteinander herzlich und zufrieden, ehe wir in alle Windrichtungen aufbrechen; die Familie zieht nach Prag, Havel nach Hrádecek, du kehrst in dein Studio – den Korb zurück, um den versäumten Schlaf nachzuholen, und wir übrigen fahren zur Polizeistation; Major Mˇásek dankt uns, dass wir so rücksichtsvoll auf die Mittagspause verzichtet haben. „Wir müssen Ihnen Gerüche abnehmeˇ n!“ „Gerüche? Abnehmen? Uns?“ Alle drei schauen wir ihn an wie einen Irren, ich habe das Gefühl, dass sie uns mit dir verwechseln, Waldi-Edi! „Das ist weniger unangenehm, als es vielleicht klingt!“ behauptet Major Másek und fügt betont hinzu, als ob er uns mit diesem Vertrauen auszeichne, dass er eine Methode im Sinne habe, von der noch nicht gespˇ rochen werde, weil sie eine Art neuer Geheimwaffe im Kampf gegen Schwerstverbrecher darstelle. [...] Dann werden wir drei ins Nebenbüro gelockt, in dem schon der Haupttechniker wie ein Alchimist wartet, von einer Batterie funkelnder Chromsterilisatoren umgeben, über denen jedoch drei große Einmachgläser bizarr aufgebaut sind; in ähnliche hat Zets Mutter noch vor einer Woche die geradezu ausstellungsreifen Aprikosen eingeweckt, die heuer unsere Garage umwucherten. „Die Herren legen nur Jacketts und Hemden ab, die Dame nimmt liebenswürdigerweise hier in der Mitte so Platz, dass das Röckchen um den Hocker herum fällt, ja, wunderbar! Also fangen wir an!“ Auf dem Hocker in der Mitte, den sie wohl jemandem vom Klavier wegnehmen mussten, liegt ein Gummipolster – um Gottes willen, welche Ziegenidee haben sie da bloß wieder ausgeheckt?, der Mann im karierten Hemd spürt unsere Unsicherheit und versucht, sie schnell zu zerstreuen. „Keine Angst, es wird nicht schmerzen, nicht stechen, nicht kneifen, höchstens ein bisschen kitzeln!“ Wo der Hund begraben liegt 147 Er strahlt die biedere Routine eines ehrlichen Fachmanns so überzeugend aus, dass wir der Neugier auf das Kommende erliegen, er öffnet den ersten Sterilisator, nimmt ein kleines silbernes Päckchen heraus, öffnet den zweiten Sterilisator, nimmt zwei Metallgreifer heraus, mit denen in Operationssälen Mullkissen ausgepackt werden, biegt die Zipfel der Alufolie geschickt zurück und entnimmt ein Röllchen hellen Stoffes, das an ein zusammengelegtes Staubtuch erinnert. „Herr Landovsky wird freundlicherweise den Arm heben und ihn, wenn ich es angelegt habe, wieder senken und schön drücken wie bei einem Fieberthermome’ter!“ Der Angesprochene verteilt ausnahmsweise keine guten Ratschläge, wie man etwas besser machen könnte, anders, anderswo und vor allem ein anderes Mal, auch er ist endlich einmal ehrlich überrascht und gehorcht; die Operation wiederholt sich, das zweite Staubtuch drücke ich, schon wird das dritte steril ausgepackt, und unsere Spannung wächst: Werden wir einen Striptease von Zet miterleben? Aber die Damenvariante erweist sich als erfindungsreicher. „Frau Masínová steht bitte gefälligst auf und hebt das Röckchen, wir werden nicht hinschauen.“ Ich schaueˇ selbstverständlich hin und werde belohnt durch den ratlosen Ausdruck in Zets sonst so gescheiten Augen, als der Techniker ihr diskret halb abgewandt, mit den sterilen Greifern die Textilie auf das Gummikissen legt und sie bittet, wiederum Platz zu nehmen; sie sitzt da wie eine Henne, degradiert zu einem biologischen Muttertier. In diesem lebenden Bild dürfen wir uns zwanzig Minuten nicht rühren, während der Techniker seine Harmlosigkeit an den Tag legt, indem er die Methode lobt, deren Erfinder er zu sein scheint, auf jeden Fall aber ist er ihr begeisterter Jünger; Gerüche, die solchermaßen in dem speziell präparierten Stoff aufgenommen werden, behauptet er, sollen sich, konserviert, jahrelang halten; Geruch hinterlässt, sagt er, ein jeder von uns Sterblichen ohne Unterschied, Gerüche kann man weder mit Maske noch mit Handschuhen verbergen, hier wächst, er strahlt geradezu, ein ernsthafter Konkurrent der Daktyloskopie heran! Der Odeurologe schildert begeistert, wie ein dressierter Schäferhund erst kürzlich mithilfe einer ähnlichen Geruchskonserve einen gefährlichen Verbrecher auf dem Flughafen in Ruzyne identifiziert hat. [...] Dann öffnet der Techniker eines der sterilen Gˇläser nach dem anderen, mit neuen sterilen Zangen legt er unsere Gerüche nacheinander hinein, schließt sie mit drei sterilen Gummibändern, versieht sie mit drei Namensschildern, sicherlich für den Schäferhund; ich vergesse zu fra148 Pawel Kohout gen, ob er sie in Prag auch noch einkochen muss. Máseks Truppe verabschiedet sich fast herzlich, die Örtlichen antworten nicht auf unseren Gruß, aber sie tun uns nichts Schlimmeres an, aucˇh sie sind also Humanisten, Landovsky bringt uns zu unserem Notquartier, die Bewachung fährt mit, heute zur Abwechslung eine andere Gruppe, denn die Genossen, so verraten’sie uns, haben Zeitausgleich für die Überstunden bekommen, es ist viertel vor zwei, doch sie fragen bereits bedeutungsvoll, ob ich sie heute noch brauchen werde. „Ich habe Ihnen nichts zu befehlen“, antworte ich hartnäckig, füge aber hinzu, dass es mir für heute reicht; fröhlich sagen sie:„Also bis morgen!“, auch Landovsky fährt ab, es bleiben mir nur Zet, Jolana und natürlich du, mein hundemüder Dackel, und vor dem Gartentor nur drei, nur drei Polizisten; ich’ habe den wehmütigen Eindruck, dass mein schönster Geburtstag zu Ende ist. Ende der Lesung Ich möchte hinzufügen, dass wir, nachdem wieder normale Verhältnisse in das Land zurückgekehrt waren, wieder alle eingeladen haben, die damals bei dem Geburtstag dabei waren. Es war die Crème de la Crème der tschechischen Schriftsteller. Mit einem mal kamen wieder Schriftsteller wie früher. Nur diesmal waren es Staatspolizisten, die den Staatspräsidenten Havel bewachten. Als wir mitten im Gespräch waren, Wein tranken und uns des Lebens erfreuten, fragte der damalige Parlamentspräsident – viele Kollegen gingen in die hohe Politik:„Und wo liegt der Eddi begraben?“ Und so führten wir diese illustre Runde zum Grab eines Rauhaardackels. Das war für mich wieder der Anfang politischer Kultur in meinem Land. Teilnehmer und Autoren des XVI. Bautzen-Forums Wo der Hund begraben liegt 149 Julia Bläschke Schülerin an der Mittelschule Doberschau Michael Böhmer Bürgermeister für Wirtschaft, Finanzen, Bildung und Soziales der Stadt Bautzen Prof. Dr. Friedhelm Boll Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn apl. Prof. an der Universität-Gesamthochschule Kassel Prof. Dr. Günter Brendel 1946–55 wegen antisowjetischer Propaganda und Gruppenbildung in Bautzen inhaftiert Bärbel Domschke Lehrerin an der Mittelschule Doberschau Matthias Eisel Leiter des Leipziger Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung Dr. h.c. Joachim Gauck Vorsitzender des Vereins„Gegen Vergessen“ Werner Heinze Wegen antisowjetischer Propaganda und Spionage zu 25 Jahren Haft verurteilt, 1949–56 in Bautzen Tobias Hollitzer Vorsitzender des Stiftungsbeirates Sächsische Gedenkstätten Marie-Kristin Kalich Schülerin an der Mittelschule Doberschau Dr. Ingrid Kerz-Rühling Sigmund-Freud-Institut der Universität Frankfurt/Main Pavel Kohout Schriftsteller; Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 150 Teilnehmer und Autoren Ingeborg Linke Inhaftiert wegen angeblicher Spionage von 1947– 55 in Potsdam, Bautzen, Sachsenhausen und Hoheneck Thomas Lukow 1981 wegen versuchter Republikflucht 20 Monate Haft in Hohenschönhausen und Bautzen Barbara Ludwig Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst Harald Möller Vorsitzender des Bautzen-Komitees, Ostheim Dr. Jörg Morré Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Bautzen Stefan Nölke Ressortleiter Geschichte bei„Figaro – das Kulturradio des MDR“ Ulrike Poppe Studienleiterin der Evangelischen Akademie Berlin Nicole Schneider Schülerin an der Mittelschule Doberschau Romy Schneider Schülerin an der Mittelschule Doberschau Claudia Seifert Schülerin an der Mittelschule Doberschau Stefan Trobisch-Lütge Beratungsstelle„Gegenwind“, Berlin „Bautzen-Foren“ im Überblick Teilnehmer und Autoren 151 Nr. 1 Stalinismus. Analyse und persönliche Betroffenheit. Leipzig 1990(vergriffen) Nr. 2 Gerechtigkeit den Opfern der kommunistischen Diktatur. Leipzig 1991(vergriffen) Nr. 3 Die kriminelle Herrschaftssicherung des kommunistischen Regimes der Deutschen Demokratischen Republik. Probleme der strafrechtlichen Verfolgung der Täter. Konsequenzen für den inneren Frieden des deutschen Volkes. Leipzig 1992(vergriffen) Nr. 4 Der 17. Juni 1953. Der Anfang vom Ende des sowjetischen Imperiums. Deutsche Teil-Vergangenheiten, Aufarbeitung West: Die innerdeutschen Beziehungen und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung der DDR. Leipzig 1993(vergriffen) Nr. 5 Die Akten der kommunistischen Gewaltherrschaft. Schluss-Strich oder Aufarbeitung? Leipzig 1994(vergriffen) Nr. 6 Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung. Menschliches Verhalten unter Gewaltherrschaft. Leipzig 1995(vergriffen) Nr. 7 Erinnern, Aufarbeitung, Gedenken. 1946–1996. 50 Jahre kommunistische Machtergreifung in Ostdeutschland. Widerstand und Verfolgung. Mahnung gegen das Vergessen. Leipzig 1996 Nr. 8 Zivilcourage und Demokratie. Vergangenheitsbewältigung ist Zukunftsgestaltung. Leipzig 1997 Nr. 9 Freiheits und Widerstandsbewegungen in der deutschen Geschichte. Leipzig 152 Bautzen-Foren im Überblick 1998 Nr. 10 Eine Zwischenbilanz der Aufarbeitung der SBZ/DDR-Diktatur 1989–1999. Leipzig 1999 Nr. 11 Erinnern für die Zukunft. Formen des Gedenkens, Prozess der Aufarbeitung. Leipzig 2000 Nr. 12 Jugend und Diktatur. Verfolgung und Widerstand in der SBZ/DDR. Leipzig 2001 Nr. 13 Recht und Gerechtigkeit. Politische Häftlinge der SBZ/DDR im geteilten und vereinten Deutschland. Leipzig 2002 Nr. 14 Der 17. Juni 1953. Widerstand als Vermächtnis. Leipzig 2003 Nr. 15 Verfolgung unterm Sowjetstern. Stalins Lager in der SBZ/DDR. Leipzig 2004. Bautzen-Foren im Überblick 153 154 Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Leipzig Burgstraße 25 04109 Leipzig Redaktion Gestaltung Fotos Druck Titelfoto Dorothea und Dr. Michael Parak, Görlitz Matthias Eisel, Leipzig Thomas Glöß, Leipzig Gaby Waldek, Leipzig Jütte-Messedruck Leipzig GmbH Politischer Schauprozeß zum 17. Juni 1953 vor dem Stadtbezirksgericht Berlin-Pankow Quelle: Matthias-Domaschk-Archiv, Berlin ISBN 3-89892-438-6 Impressum 155