Islamische Bildung und Erziehung an Koranschulen in Süd- und Südostasien: Problemfelder und Reformansätze Henning Effner, FES Indonesien, Oktober 2005 • Die große Mehrheit der Koranschulen in Süd- und Südostasien vertritt keinen radikalen Islam, sondern moderate Weltanschauungen. Bei einer Reform der Ausbildung an diesen Schulen geht es vor allem um eine Modernisierung des Unterrichts. Insbesondere sollten säkulare Fächer in die Lehrpläne der Koranschulen integriert und neue Unterrichtsmethoden eingeführt werden. • Neben der Mehrheit der Koranschulen, die einen gemäßigten Islam vertreten, gibt es jedoch auch solche, an denen Gewalt, Hass und Intoleranz gepredigt werden. Diese Koranschulen wirken als Multiplikatoren bei der Verbreitung radikal-islamischen Gedankenguts und tragen dazu bei, dass extremistische und militante islamische Gruppen Zulauf erhalten. Um diese radikal-islamischen Strömungen einzudämmen, ist es notwendig, die staatlichen Aufsichts- und Kontrollmechanismen zu verbessern und Koranschulen stärker in ihr gesellschaftliches Umfeld zu integrieren. Seit dem 11. September 2001 werden Koranschulen mit internationalem Terrorismus in Verbindung gebracht. Für manche Kritiker sind sie„Schulen des Hasses“, in denen junge Männer indoktriniert und durch eine radikale Auslegung des Korans zu militanten Extremisten erzogen werden. Dies ist mit Sicherheit ein pauschales und überzogenes Urteil. Andererseits besteht aber auch kein Zweifel daran, dass an vielen dieser Schulen Gewalt und Intoleranz gepredigt werden. Durch die Bombenanschläge in London im Juli dieses Jahres sind Koranschulen nun erneut in das Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt, da mindestens einer der vier Attentäter zuvor eine islamische Religionsschule in Pakistan besucht hatte, die für ihren religiösen Fanatismus bekannt ist. Der britische Premierminister Tony Blair hatte die pakistanische Regierung daraufhin aufgefordert, entschlossener gegen extremistische Koranschulen vorzugehen, um die Verbreitung radikalislamischen Gedankenguts zu unterbinden. Aber nicht nur Koranschulen in Pakistan stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Auch in anderen Ländern Süd- und Südostasiens ist ihre Rolle umstritten. In Afghanistan wurden Koranschulen für den Aufstieg der Taliban mitverantwortlich gemacht. In Indien kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Hindu-Nationalisten, die den Koranschulen vorwerfen, Terroristen auszubilden bzw. diesen Unterschlupf zu gewähren. Und in Indonesien gehen mehrere Bombenanschläge der letzten Jahre auf das Konto der Terrororganisation gÉã~~Ü=fëä~ãáó~Ü. Mehrere Mitglieder dieser Terrorgruppe sollen Koranschulen in Indonesien bzw. auf den Philippinen besucht haben. In Süd- und Südostasien werden täglich Millionen von Schülern an islamischen Religionsschulen – auch Koranschulen oder Madrassas genannt – unterrichtet. Allerdings gibt es nur unzureichende Informationen darüber, was und wie an diesen Schulen gelehrt wird. Sind Koran- schulen tatsächlich Rekrutierungsstätten für radikale Islamisten? Was unternehmen die Regierungen, um zu verhindern, dass dort Gewalt und Hass gepredigt wird? Und welche Möglichkeiten gibt es, Bildung und Erziehung an Koranschulen zu reformieren? 1. Die Heterogenität der Koranschulen in Süd- und Südostasien Der Einfluss des Islams auf Politik, Gesellschaft und Kultur ist in den Ländern Südund Südostasiens sehr unterschiedlich. Das liegt zum einen daran, dass der Islam als Glaubensrichtung in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark vertreten ist. So sind Muslime in Indien, Thailand, Singapur und auf den Philippinen eine religiöse Minderheit, während sie in Indonesien, Pakistan und Afghanistan die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft bilden. Darüber hinaus hat sich der Islam in diesen Ländern auch historisch sehr unterschiedlich entwickelt, sodass er heute von Land zu Land ganz verschiedene Erscheinungsformen aufweist. Folglich sind auch die Koranschulen in ihrer religiösen Ausrichtung sehr heterogen, da sie die verschiedenen religiösen Strömungen innerhalb des Islams widerspiegeln. Diese Heterogenität ist selbst innerhalb der einzelnen Staaten bemerkenswert. So gibt es beispielsweise in Indonesien etwa 16.000 Koranschulen, die auf ganz unterschiedliche Entstehungsgeschichten und Traditionen zurückblicken und deren Auslegung des Korans alles andere als einheitlich ist. Angesichts dieser Vielfalt lassen sich keine allgemein gültigen Aussagen über islamische Religionsschulen in Süd- und Südostasien treffen. Die folgenden Ausführungen sind deshalb nicht als Verallgemeinerungen zu verstehen. Sie beschreiben vielmehr eine Reihe typischer Problemlagen, mit denen sich Koranschulen in verschiedenen Ländern Süd- und Südostasien konfrontiert sehen. Darüber hinaus sollen Möglichkeiten für eine Reform islamischer Bildung und Erziehung an Koranschulen aufgezeigt werden. 2. Der Unterricht an Koranschulen Fest steht, dass das eindimensionale und übertrieben negative Bild, das vor allem westliche Medien von Koranschulen zeichnen, der Vielfalt der Koranschulen in keiner Weise gerecht wird. Insbesondere der Vorwurf, Madrassas seien Brutstätten für Terrorismus und Radikalismus, ist ein pauschales und ungerechtes Urteil, da radikale Strömungen in den meisten Ländern nur eine untergeordnete Rolle spielen. Positiv hervorzuheben ist hingegen die wichtige soziale Funktion, die Koranschulen übernehmen, indem sie insbesondere armen Menschen eine Chance auf Bildung bieten. Koranschulen stellen für viele mittellose Muslime die einzig erschwingliche Bildungsmöglichkeit dar, zumal die meisten Schulen auch Unterkunft, Essen und Kleidung zur Verfügung stellen. Für viele Eltern sind Koranschulen oft die einzige Möglichkeit, ihren Kindern Lesen und Schreiben beizubringen. 2.1. Einseitige Unterrichtsinhalte und inadäquate Unterrichtsmethoden Da die große Mehrheit der Koranschulen keinen radikalen Islam, sondern moderate Weltanschauungen vertritt, geht es in den allermeisten Schulen auch nicht um eine Bekämpfung radikaler Strömungen, sondern schlicht um eine Modernisierung der Ausbildung. Viele Koranschulen, insbesondere in Ländern wie Singapur, Malaysia und Indonesien, bieten zwar schon seit langem neben religiösem auch weltlichen Unterricht an. Dies gilt aber bei weitem nicht für alle Koranschulen. Viele verfolgen nach wie vor eine ausschließlich religiöse Erziehung und vernachlässigen den Unterricht weltlicher Fächer. Nicht alle Schüler von Koranschulen können jedoch nach ihrem Schulabschluss als Theologen, Gebetsführer oder Koranrezitator arbeiten. In fast allen Ländern übersteigt nämlich die Anzahl der Schüler an Koranschulen bei weitem die Anzahl der Arbeitsplätze, die im religiösen Bereich zur Verfügung stehen. Die Absolventen der Religionsschulen müssen daher auf dem Arbeitsmarkt mit denen der staatli2 chen und privaten Schulen konkurrieren. Vielfach sind die Absolventen der Koranschulen jedoch nur unzureichend auf die reale Arbeitswelt vorbereitet und in den säkularen Fächern nicht ausreichend qualifiziert, um sich auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt durchzusetzen. Potenzielle Arbeitgeber erkennen die Abschlüsse von Koranschulen zumeist nicht als gleichwertig an. Deshalb sind die Chancen der Madrassa-Absolventen, einen nichtreligiösen Beruf zu ergreifen, vergleichsweise schlecht, und die Gefahr, als Arbeitslose in Armut zu verfallen, ist überdurchschnittlich hoch. Neben den Lehrplänen sind auch die Unterrichtsmethoden reformbedürftig. Viele Kritiker sind der Ansicht, dass diese unabhängiges Denken und intellektuelle Freiheit unterdrücken und intolerantes Verhalten fördern. Die Kritik erscheint nicht unberechtigt, zumal an vielen Koranschulen auch heute noch traditionelle pädagogische Methoden angewandt werden, die einen Schwerpunkt auf das bloße Auswendiglernen von religiösen Texten legen. Dadurch wird die Entwicklung analytischer Fähigkeiten vernachlässigt. Zu selten werden Schüler dazu ermuntert, sich mit den Inhalten der auswendig gelernten Texte auseinander zu setzen. Statt dessen wird ihnen ein eindimensionales Weltbild vermittelt, in dem gesellschaftliche Heterogenität, religiöse Vielfalt und intellektuelle Freiheit keinen Platz haben. Auch die Qualifikation der Lehrer erscheint nicht selten fragwürdig. Oft ist unklar, welche Fähigkeiten ein Lehrer vorweisen muss, um an einer islamischen Religionsschule unterrichten zu dürfen. Die Einstellung neuer Lehrkräfte erfolgt zumeist nicht nach festgelegten Kriterien. Nicht selten spielen ideologische oder persönliche Gesichtspunkte eine ausschlaggebende Rolle, während die pädagogischen Fähigkeiten unberücksichtigt bleiben. 2.2. Empfehlungen für eine Modernisierung des Unterrichts an Koranschulen 2.2.1. Empfehlungen an Koranschulen Ziel einer Modernisierung der Unterrichtsinhalte sollte es sein, den Schülern die notwendigen Qualifikationen zu vermitteln, damit sie gegebenenfalls auch einen Arbeitsplatz in nichtreligiösen Bereichen finden können. Dazu ist eine verstärkte Integration säkularer Fächer in die Lehrpläne erforderlich. Darüber hinaus sollte auch die Lehr- und Lernkultur an Koranschulen einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Neue Unterrichtsmethoden sollten eingeführt werden, die Schüler dazu ermuntern, Fragen zu stellen, zu diskutieren und sich mit dem Gelernten auseinander zu setzen. Eine inhaltliche und pädagogische Erneuerung der Ausbildung an Koranschulen ist nur mit entsprechend ausgebildeten Lehrkräften möglich. Daher sind Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrer notwendig, damit diese lernen, neue Fächer zu unterrichten und neue Unterrichtsmethoden anzuwenden. Die Einstellung neuer Lehrerkräfte sollte anhand transparenter und nachvollziehbarer Kriterien erfolgen, bei denen nicht ideologische Motive oder persönliche Beziehungen, sondern das Fachwissen und die pädagogischen Fähigkeiten der Bewerber die ausschlaggebende Rolle spielen. 2.2.2. Empfehlungen an die nationalen Regierungen Regierungen sollten eine bessere Kommunikation und Zusammenarbeit mit Koranschulen anstreben. Sie sollten einen verstärkten Dialog mit Koranschulen suchen, diesen aber auch einfordern. Als Dialogpartner bieten sich neben den führenden islamischen Geistlichen des jeweiligen Landes(Ulama) auch Organisationen an, in denen sich Koranschulen zusammengeschlossen haben, in Indonesien etwa der fåÇçåÉëá~å= fëä~ãáÅ=_ç~êÇáåÖ= 3 pÅÜççä=`ççéÉê~íáçå=_çÇó= E_hpmmfF mit 2000 Koranschulen und über einer Million Schülern. Ziel eines solchen Dialogs sollte es zum einen sein, die Freiheit und die Grenzen religiöser Bildung und Erziehung an Koranschulen festzulegen. Dabei sollte auch diskutiert werden, inwieweit radikale Auslegungen des Korans, die zur Entstehung eines religiösen Extremismus beigetragen können, die Grenzen freier Religionsausübung überschreiten. Zum anderen sollte es das Ziel eines solchen Dialogs sein, Koranschulen von Anfang an in staatliche Initiativen zur Reformierung des islamischen Bildungssystems einzubeziehen, um Einigkeit über die Ziele und die Umsetzung von Reformen zu erzielen und mögliche Vorbehalte der Koranschulen zu entkräften. Viele Koranschulen werden nicht in der Lage oder aber nicht willens sein, Reformvorschläge von sich aus umzusetzen. Zum einen fehlen dazu die erforderlichen finanziellen Mittel, zum anderen gibt es aber auch Widerstände innerhalb der Koranschulen gegen eine Modernisierung der Ausbildung. Deshalb kommt den nationalen Regierungen bei der Umsetzung von Reformen eine entscheidende Rolle zu. Einerseits sollten Regierungen den Koranschulen bei der Implementierung von Reformen Unterstützung anbieten, etwa durch die Bereitstellung neuer Unterrichtsmaterialien oder durch Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte. Andererseits müssen Regierungen aber auch sicherstellen, dass Reformen tatsächlich implementiert werden. Bestrebungen von Seiten der Regierungen, Koranschulen zu reformieren bzw. stärker zu kontrollieren, stoßen oft auf Widerstand, da Koranschulen die Unabhängigkeit ihrer religiösen Erziehung gefährdet sehen. Reforminitiativen werden daher kaum zum gewünschten Erfolg führen, solange sie lediglich auf dem Prinzip der Freiwilligkeit basieren. Dies zeigt sich z.B. deutlich in Pakistan, wo mehrere Versuche der Regierung, säkulare Fächer in die Lehrpläne der Koranschulen zu integrieren, von den islamischen Geistlichen des Landes abgelehnt bzw. einfach ignoriert worden sind. 2.2.3. Empfehlungen an Institutionen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit Die Chancen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit bestehen daher vor allem darin, die nationalen Regierungen bei der Entwicklung und Umsetzung von Reforminitiativen zu unterstützen. In vielen Ländern gibt es trotz der offensichtlichen Notwendigkeit, die Ausbildung an Koranschulen zu modernisieren, bisher kaum konkrete Pläne, wie Reformen gestaltet und implementiert werden könnten. Dabei sind viele islamische Religionsschulen durchaus bereit, neue Unterrichtsfächer einzuführen, verfügen jedoch nicht über die finanziellen Mittel zur Beschaffung von Lehrbüchern und für Fortbildungsprogramme für Lehrer. Internationale Entwicklungsorganisationen können Regierungen dabei unterstützen, neue Unterrichtsmaterialien zu beschaffen und den Unterricht an Koranschulen zu modernisieren. Eine Reform der Curricula muss dabei einhergehen mit Ausund Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer. Auch hier gibt es Kooperationsmöglichkeiten. Beispielweise führt die philippinische Regierung mit finanzieller Unterstützung internationaler Entwicklungsinstitutionen verschiedene Ausbildungsprogramme für Lehrer durch, damit diese lernen, sozial- und naturwissenschaftliche Fächer zu unterrichten. Ebenfalls denkbar ist die Unterstützung von Aus- und Weiterbildungsprogrammen für Schüler und Absolventen von Koranschulen. Neben Sprach- und Computerkursen erscheinen insbesondere Berufsausbildungsprogramme sinnvoll. Durch îçÅ~íáçå~ä=íê~áåáåÖ= können Schüler und Absolventen von Koranschulen neue praktische Erfahrungen sammeln. Dies erleichtert ihnen den Weg in weltliche 4 Berufe, eröffnet ihnen neue Karrieremöglichkeiten und erhöht ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Statt mit den Regierungen zusammenzuarbeiten, besteht insbesondere für nichtstaatliche Institutionen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit grundsätzlich auch die Möglichkeit, direkt mit Koranschulen zu kooperieren und diese bei der Reformen ihres Ausbildungssystems zu unterstützen. Allerdings sind diese Möglichkeiten zumeist begrenzt, da viele Koranschulen erhebliche Vorbehalte gegenüber ausländischen und insbesondere westlichen Organisationen hegen und oftmals jegliche Kooperation mit ihnen ablehnen. In einigen Ländern gibt allerdings durchaus reformorientierte Koranschulen, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Inwieweit diese möglich ist, muss allerdings im Einzelfall geprüft werden. Grundsätzlich wäre bei einer direkten Zusammenarbeit mit Koranschulen zu empfehlen, einheimische Partnerorganisationen hinzuzuziehen, da diese die lokalen Bedingungen genauer kennen und eventuelle Probleme besser einschätzen können. 3. Staatliche Aufsichts- und Kontrollmechanismen 3.1. Unzureichende staatliche Kontrolle der Koranschulen Neben der Mehrheit der Koranschulen, die einen moderaten Islam vertreten, gibt es in fast allen Ländern Süd- und Südostasiens auch solche, an denen Hass und Gewalt gepredigt werden. Ob und inwieweit diese radikalen Koranschulen zur Entstehung militanter islamischer Bewegungen beitragen, ist allerdings schwer zu sagen. Eine radikale Auslegung des Korans kann zwar Intoleranz und sogar Gewaltbereitschaft fördern, sie führt aber nicht per se zu einem militanten Extremismus oder terroristischen Aktivitäten. Dazu sind eine Reihe weiterer Faktoren notwendig, wie z.B. eine militärische Ausbildung und Bewaffnung. Einige Madrassas in Pakistan stehen allerdings im Verdacht, genau dies zu tun. Abgesehen davon muss der Schritt zum militanten Extremismus nicht notwendigerweise in den Koranschulen selbst erfolgen. Er kann auch nach dem Abschluss der religiösen Ausbildung in militärischen Trainingscamps erfolgen, wie etwa unter der Taliban-Regierung in Afghanistan. Sind Koranschulen also Rekrutierungsund Ausbildungsstätten für radikale Islamisten? Es besteht kein Zweifel daran, dass an manchen Koranschulen der heilige Krieg propagiert wird. Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Unterricht an diesen Schulen und der Entstehung gewaltbereiter islamischer Gruppen ist jedoch kaum nachzuweisen. Allerdings können Koranschulen als Multiplikatoren bei der Verbreitung radikal-islamischen Gedankenguts fungieren und damit dazu beitragen, dass militante islamische Gruppen Zulauf erhalten. Radikal-islamische Koranschulen zu kontrollieren und extremistische Strömungen einzudämmen, ist zunächst Aufgabe des Staates. Er muss einschreiten, wenn religiöser Fanatismus die Grenzen freier Religionsausübung überschreitet. Die staatlichen Kontrollmechanismen sind jedoch nur in wenigen Staaten effektiv. In Ländern wie Singapur verhindert eine sehr strikte staatliche Kontrolle, dass Schüler von ihren Lehrern indoktriniert werden. Auch in Malaysia hat die Regierung in den letzten Jahren die Kontrolle über die Koranschulen erheblich verschärft. Dagegen scheint es in vielen anderen Staaten schwierig zu sein, effektive staatliche Kontrollmechanismen zu entwickeln. In den meisten Ländern Süd- und Südostasiens können Koranschulen völlig unabhängig und frei von staatlichen Eingriffen agieren. Der Unterricht an Koranschulen unterliegt zumeist keinerlei staatlicher Kontrolle. Auch die Finanzierung der Koranschulen ist nicht staatlich reguliert. Dies hat dazu geführt, dass die Herkunft der finanziellen Mittel völlig undurchsich5 tig ist. Einige Schulen stehen im Verdacht, sich durch radikale Gruppen aus dem Inund Ausland, insbesondere aus dem Mittleren Osten, finanzieren zu lassen. Verstärkt wird dieser Verdacht dadurch, dass sich diese Schulen weigern, ihre Einkommensquellen offen zu legen. 3.2. Empfehlungen für eine Stärkung der staatlichen Aufsichts- und Kontrollmechanismen 3.2.1 Empfehlungen an die nationalen Regierungen Um radikal-islamischen Strömungen an Koranschulen entgegenzuwirken, ist eine Stärkung der staatlichen Kontroll- und Aufsichtsmechanismen notwendig. Zwar gibt es in manchen Ländern über 10.000 Koranschulen, jedoch sind die extremistischen und potenziell militanten Schulen relativ genau zu bestimmen, da sie den lokalen Behörden zumeist bekannt sind. Eine Kontrolle dieser Schulen wäre daher in einigen Ländern durchaus möglich. Oft fehlt Regierungen jedoch der politische Wille, diese Schulen tatsächlich zu schließen und deren Ausbildungsmethoden zu verurteilen. Einige Regierungen haben ihre Kontrollmechanismen in den letzten Jahren allerdings erheblich verschärft. So entzog im Jahr 2002 die Regierung Malaysias den Koranschulen, die im Verdacht standen, Verbindungen zu militanten islamischen Gruppen zu unterhalten, die zuvor gewährte finanzielle Unterstützung. Die Koranschulen waren nicht bereit gewesen, sich registrieren und unter staatliche Aufsicht stellen zu lassen. Der unerwartete Entzug staatlicher Unterstützung führte daraufhin tatsächlich zur Schließung zahlreicher Schulen, da viele von ihnen von der staatlichen Finanzierung abhängig gewesen waren. Staatliche Kontrollmechanismen müssen auch deshalb verbessert werden, um sicher zu stellen, dass Reformen an Koranschulen tatsächlich umgesetzt werden. Koranschulen sollten deshalb gesetzlich dazu verpflichtet werden, sich bei den Behörden registrieren zu lassen. Im Rahmen einer staatlichen Registrierung sollten Koranschulen zum einen dazu verpflichtet werden, ihre Einkommensquellen offen zu legen, um zu verhindern, dass Schulen durch radikal-islamische Gruppierungen aus dem In- oder Ausland finanziert werden. Zum anderen könnte eine Registrierung von der Genehmigung der Lehrpläne und der Einhaltung bestimmter Ausbildungsrichtlinien abhängig gemacht werden. Dadurch könnte eine stärkere Vereinheitlichung der Curricula und der Ausbildungsstandards an Koranschulen erreicht werden. Die philippinische Regierung hat beispielsweise ein Standard-Curriculum für alle Koranschulen entwickelt. Die Übernahme dieses Curriculums ist zwar nicht verpflichtend, aber Voraussetzung dafür, finanzielle Unterstützung vom Staat zu erhalten. Koranschulen, die dieses Curriculum übernehmen, werden offiziell von der Regierung anerkannt und haben Zugang zu öffentlichen Mitteln, die zuvor nur den staatlichen Schulen zugute kamen. Dies hat für Koranschulen den Anreiz erhöht, Reformen durchzuführen. 3.2.2. Empfehlungen an Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit können den Staat dabei unterstützen, Aufsichts- und Kontrollmechanismen zu stärken, z.B. durch finanzielle Unterstützung und Beratung bei der Einführung eines Registrierungsverfahrens für Koranschulen oder bei der Entwicklung einheitlicher Ausbildungsstandards. Wie schwierig es allerdings sein kann, Reformen durchzusetzen, zeigt sich z.B. in Pakistan, wo es trotz großen internationalen Drucks bisher nicht gelungen ist, Koranschulen tatsächlich unter staatliche Kontrolle zu bringen. Eine finanzielle Unterstützung vonseiten internationaler Entwicklungsorganisationen sollte deshalb an konkrete Ergebnisse gebunden sein, z.B. an die Schließung radikaler und militanter Reli6 gionsschulen sowie an die Einführung einer gesetzlichen Pflicht für Koranschulen, ihre Finanzierungsquellen offen zu legen. 4. Koranschulen und ihr gesellschaftliches Umfeld 4.1. Die ideologische Selbstisolation der Koranschulen Die meisten Koranschulen sind Internate, in denen Schüler ihre gesamte Zeit verbringen. Dies ermöglicht es den Schülern, das Gelernte im alltäglichen Leben in die Tat umzusetzen. Religiöse Bildung und Erziehung beinhaltet eben nicht nur die Wissensvermittlung, sondern auch die Anwendung des Gelernten. Eine klare Trennung zwischen Unterricht und Freizeit gibt es deshalb nicht. Da es das Ziel ist, das gesamte Leben an den Regeln des Korans auszurichten, findet der Unterricht gewissermaßen 24 Stunden am Tag statt. Dabei ist die informelle religiöse Führung und Anleitung oft wichtiger als die Vermittlung von Kenntnissen während des Unterrichts. Dementsprechend basiert auch die Anerkennung eines Schülers nicht nur auf seinen schulischen Leistungen, sondern auch auf seinem religionskonformen Verhalten im Alltag, z.B. seiner Gottesfurcht. Das Leben im Internat bringt allerdings auch Probleme mit sich. Es kann zu einer sozialen Abschottung der Schüler führen, wenn diese isoliert vom Rest der Gesellschaft erzogen werden. Oft wird die Interaktion mit der Umgebung vernachlässigt, sodass die Schüler in einer Atmosphäre der Weltabgewandtheit unterrichtet werden und schließlich Entwicklungen außerhalb ihrer Schule nicht mehr wahrnehmen. Die Gefahr, dass sich Koranschulen isolieren, besteht insbesondere in Ländern, in denen Muslime eine religiöse Minderheit bilden. Aber auch in Ländern wie Indonesien gibt es orthodoxe Koranschulen, die sich von dem im Land dominierenden moderaten Islam abzugrenzen suchen. 4.2. Empfehlungen für eine stärkere Integration der Koranschulen in ihr gesellschaftliches Umfeld 4.2.1. Empfehlungen an nationale Regierungen und Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit Bisherige staatliche Reforminitiativen zielen zumeist auf eine Modernisierung der Lehrpläne und insbesondere auf einen verstärkten Unterricht weltlicher Fächer ab. Solche Reformen sind keinesfalls ausreichend. Viel wichtiger als der offizielle Lehrplan einer Koranschule ist zumeist das„inoffizielle Curriculum", d.h. die zahlreichen Aktivitäten, die neben den offiziellen Unterrichtsstunden stattfinden. Im Rahmen dieser Aktivitäten entwickelt sich im Laufe der Zeit eine außerordentlich enge persönliche Beziehung zwischen Schüler und Lehrer, die von großer Bedeutung ist, da sie die Persönlichkeit des Schülers maßgeblich prägt. Dies wird dann zum Problem, wenn Lehrer ihre Autorität missbrauchen, indem sie radikales Gedankengut, Hass und Gewaltbereitschaft predigen und ihre Schüler indoktrinieren, um bestimmte religiöse oder politische Ziele zu verfolgen. Eine solche Indoktrinierung ist jedoch nicht ohne weiteres möglich. Sie erfolgt zumeist erst dann, wenn sich Koranschulen gegenüber ihrem gesellschaftlichen Umfeld dauerhaft abschotten. Diese Abgrenzung kann zur Entstehung einer„Subkultur" in den Koranschulen führen, d.h. zu einer durch Selbstisolation entstehenden Enklavenmentalität, durch die die Schüler den Bezug zur gesellschaftlichen Realität verlieren. Um radikal-islamische Strömungen einzudämmen, reicht es deshalb nicht aus, lediglich neue Unterrichtsfächer in die Lehrpläne der Koranschulen zu integrieren. Die„inoffiziellen Curricula“ und die „Subkultur“ von Koranschulen müssen ebenfalls Ziel von Reformen sein. Es muss verhindert werden, dass sich Koranschu7 len zu Enklaven entwickeln, die sich vom Rest der Gesellschaft abschotten und eine eigene separate Identität entwickeln. Dies kann nur durch eine stärkere Integration der Koranschulen in ihr gesellschaftliches Umfeld erreicht werden. Für Regierungen, aber auch für Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit bieten sich hier eine Reihe von Handlungsoptionen. Sie können z.B. die Kommunikation und Kooperation zwischen Koranschulen und anderen gesellschaftlichen Institutionen fördern, indem sie Diskussionsforen, Seminare und Workshops organisieren. Dabei kann es unter Umständen sinnvoll sein, religiöse Themen aufgrund ihrer Sensibilität aus einem Dialog auszuklammern und zunächst über soziale oder gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Die FriedrichEbert-Stiftung in Indonesien führt beispielsweise seit einiger Zeit Dialogveranstaltungen durch, in denen mit Vertretern radikaler Koranschulen über verschiedene nichtreligiöse Themen wie Demokratie, soziale Gerechtigkeit oder Umweltschutz diskutiert wird. Ziel dieser Maßnahmen ist es, Koranschulen in einen gesellschaftspolitischen Dialog einzubinden und dadurch die ideologische Selbstisolation, die viele Koranschulen pflegen, zu durchbrechen. Neben solchen Dialogveranstaltungen besteht die Möglichkeit, Schüler und Lehrer von Koranschulen in örtliche Netzwerke einzubinden. Angesichts drängender sozialer Probleme vor Ort dürfte die Bereitschaft von Koranschulen, sich zu öffnen, auf lokaler Ebene am größten sein. Dort bestehen zahlreiche Möglichkeiten, wie Koranschulen mit anderen Organisationen zusammenarbeiten können, um gemeinsam konkrete soziale Probleme zu lösen. Schüler von Koranschulen könnten beispielsweise in Projekte der Nachbarschaftshilfe oder des Åçããìåáíó= ÇÉîÉJ äçéãÉåí eingebunden werden, in gemeinnützigen Projekten mitarbeiten oder andere freiwillige soziale Dienste leisten. Insbesondere in Regionen, in denen Muslime eine Minderheit bilden, kann die Förderung einer aktiveren Rolle der Koranschulen in ihrer lokalen Gemeinschaft dazu beitragen, die religiösen und sozialen Gegensätze zwischen Koranschulen und ihrem Umfeld abzubauen. 4.2.2. Empfehlungen an Koranschulen Eine stärkere Öffnung der Koranschulen gegenüber ihrem gesellschaftlichen Umfeld ist aber auch deshalb erforderlich, um die Ausbildung an diesen Schulen für Außenstehende transparenter und verständlicher zu machen. Ein offener Dialog sowohl mit anderen Religionsgemeinschaften als auch mit der Regierung ist notwendig, um Spekulationen über Verbindungen von Koranschulen zu militanten islamischen Gruppierungen zu entkräften. Dies ist insbesondere in den Ländern wichtig, in denen Muslime eine Minderheit bilden. Positive Beispiele gibt es durchaus. Als Reaktion auf zunehmende öffentliche Kritik haben beispielsweise eine Reihe von Koranschulen in Indien „Tage der offenen Tür" veranstaltet und Journalisten sowie Vertreter der Regierung und anderer Religionsgemeinschaften eingeladen, sich über die Ausbildung an ihren Schulen zu informieren. Andere Koranschulen haben Informationsblätter in Englisch und Hindi verteilt, in denen sie über den Unterricht an ihren Schulen informieren und zu einem verstärkten interreligiösen und inter-kulturellen Dialog aufrufen. Diese offene Kommunikation trägt dazu bei, Missverständnisse zu vermeiden und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. 5. Schlussbemerkung Nach wie vor besteht ein dringender Bedarf, mehr über Koranschulen zu erfahren und mit ihnen und den Regierungen über mögliche Reformen zu diskutieren. Dies trifft allerdings nicht nur auf Koranschulen in Süd- und Südostasien zu. Auch Koranschulen der muslimischen Minderheiten in Europa sind in den letzten Jahren verstärkt in die Kritik geraten. Auch in 8 den europäischen Ländern stellt sich zunehmend die Frage, wie die religiöse Erziehung an islamischen Religionsschulen reformiert, die gesellschaftliche Öffnung und Integration dieser Schulen gefördert und die staatlichen Aufsichts- und Kontrollmechanismen gestärkt werden können. Insofern wäre zu prüfen, inwieweit die hier erörterten Reformvorschläge auch für Koranschulen in europäischen Ländern relevant sind. Dabei ist allerdings eines zu bedenken: Sowohl in Süd- und Südostasien als auch in Europa werden Versuche, die Ausbildung an Koranschulen zu reformieren, auf großen Widerstand stoßen, solange bei der muslimischen Bevölkerung das Gefühl besteht, dass Reformen ausschließlich zum Zwecke der Eindämmung eines radikalen und militanten islamischen Extremismus angestrebt werden. Dieser ist weder in Südund Südostasien noch in Europa in der weit überwiegenden Mehrheit der Koranschulen anzutreffen. In den allermeisten Koranschulen geht es deshalb nicht um eine Bekämpfung radikaler Strömungen, sondern schlicht um eine qualitative Verbesserung und Modernisierung der Ausbildung, um den Schülern bessere Bildungsmöglichkeiten zu bieten und sie auf die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt besser vorzubereiten. Dieser Bericht fasst die Ergebnisse eines internationalen Workshops der FES zum Thema“Islamic Education in South and Southeast Asia“ zusammen, der am 19. und 20. Juli 2005 in der indonesischen Stadt Solo stattfand. An dem Workshop nahmen Experten aus Indonesien, Singapur, Malaysia, Pakistan, Afghanistan, Indien, Thailand und den Philippinen sowie Vertreter mehrerer islamischer Religionsschulen teil. Die Veranstaltung war Teil eines bereits seit zwei Jahren laufenden Projekts der FES Indonesien, dessen Ziel es ist, die Wurzeln und Ursachen militanter islamischer Bewegungen in Süd- und Südostasien genauer zu analysieren. Kontakt: Erwin Schweisshelm, Tel.: 0228/ 883-518 Erwin.schweisshelm@fes.de 9