Februar 2006 Aufbruch oder Stillstand? Die politische Situation vor dem 10. Parteitag der Kommunistischen Partei Vietnams Dr. Felix Schmidt, Daniel Reichart und Charlotte Becker, FES Hanoi • Der 10. Parteitag der KPV wird voraussichtlich in der dritten Aprilwoche diesen Jahres in Hanoi abgehalten. Die Parteitage bzw. Nationalkongresse finden in einem festen 5-Jahres Turnus statt. Dort werden sowohl Personal- als auch Richtungsentscheidungen getroffen und vor allem der sozio-ökonomische Fahrplan(5-Jahresplan) für die nächsten fünf Jahre verabschiedet. • Derzeit deuten alle Zeichen auf eine weitere Öffnung und die zunehmende internationale Integration des kommunistischen Vietnams hin. Sowohl der anstehende WTO-Beitritt als auch die Ankündigung, in der Außenpolitik, unabhängig von der ideologischen Ausrichtung, freundschaftliche Beziehungen mit allen Ländern anzustreben, untermauern den Öffnungsprozess. • Trotz der angenommenen Fortsetzung einer weiteren Öffnung des Landes ist davon auszugehen, dass der anstehende Generationenwechsel in Vietnams politischer Führungsriege, bei dem die alte Kriegsgeneration durch im ehemaligen Ostblock sozialisierte Kader ausgetauscht wird, sich zunächst einmal eher bremsend auf den Prozess auswirken wird. • Beim 5-Jahresplan für die kommende Periode von 2006-2010 zeigte sich Vietnam so offen wie nie. Während den Vorbereitungen wurden sowohl vietnamesische Wissenschaftler als auch Experten aus dem Ausland herangezogen. Außerdem wird vom nächsten 5-Jahresplan erwartet, dass er eine Wende im Hinblick auf die Qualität der sozio-ökonomischen Entwicklung und der Integration Vietnams in die Weltwirtschaft einleitet. Einleitendes Der 10. Parteitag(Nationalkongress) der Kommunistischen Partei Vietnams(KPV) wird im Frühjahr 2006 in Hanoi abgehalten werden. Der genaue Zeitpunkt ist noch nicht bekannt, voraussichtlich wird der dreitägige offizielle Teil jedoch in der dritten Aprilwoche stattfinden. Wörtlich übersetzt lautet das Thema des Parteitages:“Erhöhung der Führungstätigkeit und Kampfkraft der Partei, Entfaltung der Stärke der ganzen Nation und vollständige Verstärkung der Sache der Erneuerung“. Ein Titel, wie er in kommunistischen Systemen typisch ist: viel Propaganda, wenig Inhalt. Der Parteitag findet in einem festen 5-Jahres Turnus statt und ist das höchste Organ der Partei. Hier werden sowohl Personalentscheidungen gefällt, als auch Richtlinien und konkrete Politikziele festgelegt. Besonders die Personalbeschlüsse sind zu beachten, da damit oftmals Richtungsentscheidungen der Partei zum Ausdruck gebracht werden. 1 1 Der 9. Parteitag im Jahr 2001 liefert hierfür ein Beispiel. So wurde, nachdem in den Bergregionen im Norden Vietnams Proteste unter den dort ansässigen Minderheitsgruppen ausbrachen, das Amt des Generalsekretärs mit Nong Duc Manh besetzt, einem Angehörigen der Minderheitsgruppe der Tay. Diese Besetzung stellte für Vietnam ein nahezu historisches Ereignis dar, da in der 71-jährigen Geschichte der KPV nie zuvor ein solch hochrangiger Posten mit einem Angehörigen einer der Minderheitsgruppen besetzt wurde. Die Vorbereitungen für den Parteitag beginnen bereits im vorausgehenden Jahr. Während einer Reihe von regionalen Parteitagen, die von der untersten bis zur obersten Ebene der Partei stattfinden, werden Kandidaten nominiert, die Politik der vergangenen Jahre evaluiert sowie der neue politische Fahrplan diskutiert. Die relevanten Entscheidungen werden also nicht tatsächlich auf dem Parteitag getroffen, sondern bereits im Vorfeld. Viele Stimmen sehen aufgrund dessen in den Parteitagen eher eine Veranstaltung zur Wahrung des demokratischen Scheins. Die Vorbereitungen des 5-Jahresplans, der auf dem Parteitag beschlossen werden soll, stellen ein Novum dar: Während der letzte 5Jahresplan noch wie eine geheime Verschlusssache behandelt worden war, wurden diesmal viele Inputs von außen aufgenommen. Bei den Konsultationen wurden Wissenschaftler, sowohl aus Vietnam als auch aus dem Ausland, NGOs, Auslandsvietnamesen und internationale Geber einbezogen. Dies ist ein Indiz für die weitere Öffnung, welche den gewaltigen Umbruch in der Sozialistischen Republik Vietnam fortsetzt. Das noch vor wenigen Jahren weitgehend isolierte Land versucht so, den Eindruck einer zunehmenden Liberalisierung im Landesinnern zu vermitteln und die internationale Integration voranzutreiben. Der Parteitag wird diese Prozesse aller Wahrscheinlichkeit nach weiter verfestigen, obwohl auch mit Hindernissen zu rechnen ist. Die nun nachrückende Generation von Politikern könnte der Aufbruchsstimmung im Lande entgegenwirken, da diese überwiegend im ehemaligen Ostblock sozialisiert wurde und nicht unbedingt für Reformeifer steht. Themen des Nationalkongresses und der regionalen Parteitage Die Agenda des Nationalkongresses sowie der vorausgegangenen regionalen Parteitage umfasst ein breites Spektrum an gesellschaftspolitischen Themenbereichen, die auch im 5Jahresplan wieder aufgegriffen werden. Neben der Verabschiedung des 5-Jahresplans 2006-2010 selbst stehen Armutsminderung, wirtschaftliche Produktionsbedingungen, die nationale Sicherheit, Dezentralisierung, Demokratie an der Basis, der Parteiaufbau, die Veränderung der Parteistatuten sowie die weitere sozio-ökonomische Entwicklung des Landes auf der Tagesordnung. Eine der höchsten Prioritäten für den Kongress bzw. den nächsten 5-Jahresplan ist die weitere ökonomische Entwicklung Vietnams, bei der offiziell ein Wachstum von 7,5 – 8% angestrebt wird. Denn die KPV ist sich sehr bewusst, dass sich ihr Machtanspruch nicht auf eine feste Verankerung der marxistischleninistischen Ideologie in der Bevölkerung stützen kann, sondern in erster Linie von der sozio-ökonomischen Entwicklung, der praktischen Problemlösungsfähigkeit und der Verbesserung des Alltags für die Vietnamesinnen und Vietnamesen abhängt. Deshalb sollen auf dem Parteitag folgende Leitziele für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Vietnams bis 2010 beschlossen werden 2 (siehe Tabelle 1 am Ende). Weiterhin wird eine stärkere Integration in die globale Wirtschaft angestrebt, wobei insbesondere der für 2005 vorgesehene, nun auf 2006 verschobene WTO-Beitritt ganz oben auf der Agenda steht. Die wirtschaftliche Integration wird von einer Außenpolitik flankiert, deren oberster Grundsatz lautet, mit allen Nationen, unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung, freundschaftliche Beziehungen zu pflegen. Ungeachtet dessen soll jedoch gleichzeitig die nationale Verteidigung und Sicherheit gestärkt werden. Selbst wenn sich die internationalen Beziehungen insbesondere zum großen Nachbarn China weiter verbessert haben, bleibt eine starke und schlagkräftige Armee aufgrund der historischen Erfahrungen ein wichtiges politisches Ziel, das auch in der Bevölkerung akzeptiert wird. 3 Eine große Rolle wird auf dem Nationalkongress auch die Stärkung der Partei spielen. Diese soll mit der weiteren kulturellen Ent2 Bericht zu Aufgaben und Orientierung der Wirtschafts- und Sozialentwicklung im kommenden 5Jahresplan 2006-2010 der KPV. 3 Der dreitägige Staatsbesuch des Chinesischen Präsidenten und Generalsekretärs der KPC Hu Jintao Anfang November 2005 wurde als Freundschaftsbesuch gewertet, der dazu diente, die freundschaftlichen Beziehungen der beiden Völker zu vertiefen und die bestehenden Differenzen, z.B. um den Besitz der Spratleyinseln im Südchinesischen Meer, weiter abzubauen. Auch der Besuch von Premierminister Phan van Khai in den USA im Juni des vergangenen Jahres verdeutlicht die Verbesserung der internationalen Beziehungen Vietnams. - 2- wicklung des Landes einhergehen, um so die Überlegenheit des sozialistischen Systems zu demonstrieren. Wie die genaue Gestaltung der kulturellen Entwicklung aussehen soll, bleibt jedoch unklar. Bei der Stärkung der Partei zeichnen sich allerdings zwei Punkte ab. Hierbei handelt es sich a) um Korruptionsbekämpfung und b) um zwei Veränderungen im Parteistatut. Die Standhaftigkeit der Kandidaten gegenüber Korruption wird als eine wichtige Voraussetzung für die Besetzung von politischen Ämtern bezeichnet. Die grassierende Korruption hat für Vietnam und die Kommunistische Partei äußerst negative Auswirkungen: Der Volkswirtschaft wird ein enormer Schaden zugefügt und die Partei verliert Ansehen und ihre Legitimation. Im Kampf gegen die Korruption wurde 2005 ein Antikorruptionsgesetz beschlossen, dessen Wirksamkeit sich allerdings erst noch zeigen muss. Auf dem Parteitag wird die Diskussion auf zwei Ebenen verlaufen: Einerseits wird es um die Korruption gehen, die im gesamten Staatsapparat, aber auch im privaten Sektor endemisch ist, andererseits wird auch über die Korruption innerhalb der Parteikader zu sprechen sein. Was den Parteiaufbau und die Änderung der Parteistatuten angeht, wird erwartet, dass der bisherige Status der KPV als Vertreterin der Arbeiterklasse umgewandelt wird. Anstatt sich nur auf die Arbeiterklasse zu berufen, soll die neue Formulierung im Parteistatut die ganze Nation umfassen. Die Partei soll damit zur(einzigen) Vertreterin der vietnamesischen Nation werden und so eine Aufwertung bezüglich ihrer Legitimation im sich wandelnden Vietnam erfahren. Durch eine weitere Novellierung der Parteistatuten soll es auch für Unternehmer möglich sein, Mitglied in der Partei zu werden, obwohl das Unternehmertum eigentlich der zugrundeliegenden politischen Philosophie entgegensteht. 4 Deshalb wird auch extra betont, dass sich die Unternehmer an die Parteistatuten zu halten haben, wenn 4 Die Novellierungen der Parteistatuten ist anders, als man an annehmen könnte, nicht als eine tatsächliche Änderung mit weitreichenden Folgen zu bewerten, sondern lediglich als eine Anpassung an die Realität. In der Praxis wurden schon längst Wege gefunden, um das Unternehmertum mit einer Parteimitgliedschaft zu vereinbaren. sie in die Partei aufgenommen werden möchten. Durch ein entschiedenes Vorgehen gegen Korruption und den Einbezug noch größerer Teile der Bevölkerung durch die Novellierung der Parteistatuten erhofft sich die KPV eine neue und vor allem langfristige Stärkung ihrer Position in Vietnam. Personalentscheidungen Um die Reformen in Vietnam weiter voranzutreiben, bedarf es einer starken Führungspersönlichkeit im Amt des Generalsekretärs. 5 Der momentane Amtsinhaber Nong Duc Manh gilt zwar als konsensfähig, jedoch fehlt ihm die geforderte Führungsstärke. Ob dies zur Ernennung eines neuen Generalsekretärs führt, bleibt unsicher. Bliebe Manh im Amt, könnten sich seine Macht und Kompetenzen eventuell ausweiten, da über die Einführung des sogenannten“Chinamodells“ diskutiert wird. Nach chinesischem Vorbild würden dann das Amt des Generalsekretärs und des Staatspräsidenten zu einem Posten verschmolzen, um so u.a. Probleme bei offiziellen Staatsbesuchen zu vermeiden. 6 Die diesbezüglichen Überlegungen scheinen allerdings wieder in den Hintergrund getreten zu sein. Ungeachtet dessen ist jedoch davon auszugehen, dass es so oder so zu größeren Veränderungen in den obersten Führungsriegen kommen wird. Über die Personalfragen wird seit Monaten intensiv in den Parteigremien, wie auch in der Öffentlichkeit diskutiert und spekuliert. Diese Diskussionen gleichen allerdings eher Kaffeesatzleserei und es ist schwer abzuschätzen, was davon reine Spekulation und was tatsächlich wahrscheinlich ist. Im Gespräch ist eine Ablösung des Präsidenten Tran Duc Luong durch den in der UdSSR ausgebildeten Nguyen Khoa Diem. Nguyen Tan Dung, derzeit Vize-Ministerpräsident, wird als Nachfolger für Premierminister Phan Van Khai gehandelt, der sich nach zwei Amtsperioden mit 5 Der Wunsch nach einer starken Führungspersönlichkeit ist wahrscheinlich eher als Rhetorik zu verstehen, da es in Vietnam seit Ho Chi Minh keinen Politiker mehr gab, der aus der Masse herausstand. Dies ist auch so gewollt, um die Partei langfristig an der Macht zu halten und ihre Position nicht durch das Charisma Einzelner zu gefährden. 6 Im Ausland wird der Generalsekretär der KPV oftmals nicht als offizieller Repräsentant des Landes akzeptiert, sondern nur der Staatspräsident. - 3- großer Wahrscheinlichkeit aus der Politik zurückziehen wird. Mit dem traditionell-konservativen Politbüromitglied Diem, der neben seiner Arbeit als Leiter der Kommission für Ideologie und Kultur des Zentralkomitees der KPV, Lyriker und Autor zahlreicher Gedichte ist, würde ein Hüter der„alten Ordnung“ in das Amt des Präsidenten gehoben werden. Als Ideologe und Bewahrer der Tradition musste sich Diem in der Vergangenheit internationaler Kritik aussetzen, da er strengere Gesetze zur Zensur der Medien und des gesamten publizierenden Sektors mit auf den Weg brachte. So ist er u.a. maßgeblich am neuen Internetgesetz beteiligt, welches eine strengere Kontrolle dieses Mediums ermöglicht. Genau wie Diem gehört der ständige Vizeministerpräsident Dung zur zweiten Generation von Politikern, die die alten Veteranen immer stärker aus der Politik verdrängen. Dung, der in Vietnam ausgebildet wurde und selbst Soldat im Krieg gegen die USA war, wird jedoch anders als Diem eher zum Lager der Reformer in der Partei gezählt. Auch der Posten des Generalsekretärs soll an einen Reformer vergeben werden. Damit würde die politische Führung eine reformorientierte Richtung einschlagen, könnte aber gleichzeitig die Traditionalisten mit dem konservativen Diem im repräsentativen Amt des Staatspräsidenten zufrieden stellen. Allgemein wird angestrebt, jüngere Parteimitglieder verstärkt in Ämter zu wählen. So soll auch bei der Einberufung ins Zentralkomitee die jüngere Generation mehr Beachtung finden. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Reformkräfte in der Partei an Stärke und Einfluss gewinnen, sofern diese es schaffen, sich gegen die Mächtigen, die abseits der politischen Bühne immer noch die Fäden in der Hand halten, durchzusetzen. Hier kommt ein Machtkampf zum Tragen, bei dem die jüngere Generation oftmals der ‚grauen Eminenz’ nachgibt, um ihre politische Laufbahn nicht zu gefährden. Die Generation, die ihre politische Sozialisation in den Kriegen gegen die französische Kolonialmacht und die USA erhalten hat, tritt nun zwar langsam von der politischen Bühne ab, verliert jedoch nicht vollständig an Bedeutung in der Partei. Bevor die überwiegend im Westen akademisch ausgebildete junge Generation jedoch in Führungspositionen aufsteigen kann, wird die Kriegsgeneration aber zunächst einmal von den in sozialistischen Bruderländern ausgebildeten Kadern abgelöst, die eher für eine revisionistische Haltung stehen. Insgesamt sollen bei der Zusammensetzung des Zentralkomitees die verschiedenen Altersklassen, Frauen, ethnischen Minderheiten, Arbeiter, Landwirte und Intellektuelle so berücksichtigt werden, dass diese Gruppen in einem“gesunden Mischungsverhältnis“ zueinander stehen. 7 Strömungen, Tendenzen und politische Richtungsentscheidungen Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass mehr junge Menschen in(höhere) Parteigremien einberufen werden, so könnte sich dies auch auf die politische Richtung der Partei auswirken. Gerade unter den jüngeren Parteimitgliedern fühlen sich viele dem Kreis der Reformer zugehörig. Diese Strömung innerhalb der Partei betont vor allem die wirtschaftliche Entwicklung Vietnams, um gestützt auf ein stetiges Wirtschaftswachstum die Akzeptanz der Partei in der Öffentlichkeit zu sichern. Dies würde sich mit einem der großen Ziele der Partei decken: ihre weitere Festigung in der Gesellschaft. Viele, insbesondere jüngere Vietnamesen, haben eine sehr pragmatische, unideologische Sicht auf die KPV. Sie gehen lieber ihren privaten ökonomischen Interessen nach, welche viele durch die grassierende Korruption gefährdet sehen. Was die Reformer deshalb auch betonen, ist die Notwendigkeit einer breiteren Beteiligung der Bevölkerung, von der sie große Teile hinter sich vermuten. Auch innerhalb der Partei gibt es momentan eine intensive Debatte um die richtige Richtung des mit Ho Chi Minhs Gedankengut verknüpften Marxismus – Leninismus. So legte der ehemalige Premierminister Vo Van Kiet dem Zentralkomitee ein in Vietnam allerdings geheim gehaltenes Papier vor, in dem er die 7 Bei den anstehenden Personalentscheidungen wurde zum ersten Mal auch die Vaterländische Front, die Dachorganisation der sogenannten Massenorganisationen, nach Vorschlägen befragt. Offizielle Auswahlkriterien bei den Personalentscheidungen sind: a) keine korrupte Vergangenheit, b) eine revolutionäre Tugend und c) Kompetenz. - 4- mangelnde Konkretisierung dessen, was der Marxismus- Leninismus für die Partei sein soll, bzw. was dieser“unfehlbare“ Weg genau vorgibt, kritisiert. Gleichzeitig gibt er sich als Reformer, indem er postuliert, dass manchmal gerade das Abweichen vom Weg zum Erfolg führt. Doch nicht nur in Bezug auf die Ideologie übt der ehemalige Premier Kritik. In seinem Pamphlet greift er auch die Linksradikalen innerhalb der Partei an und macht diese verantwortlich für die ökonomischen und gesellschaftlichen Rückschritte, mit denen Vietnam in der Vergangenheit zu kämpfen hatte. An eine zukünftige Führung appelliert er standhaft zu bleiben und den Weg der Modernisierung weiter zu gehen. Er fordert von den Entscheidungsgremien der Partei unabhängiger zu werden und Entscheidungen nicht zum Wohle der Partei, sondern zum Wohle des Landes und seiner Bevölkerung zu treffen. Fazit und Ausblick Vom nächsten Parteitag wird sowohl national als auch international viel erwartet. Welche konkreten Resultate dieser jedoch haben wird, bleibt weitgehend ungewiss. Schon allein aus biologischen Gründen ist sicher, dass sich viele der Älteren, vom Krieg geprägten Kader in den Ruhestand verabschieden werden. Eine jüngere, besser und vor allem internationaler ausgebildete Generation wird nach und nach in Führungspositionen hineinwachsen und den Erneuerungsprozess mit mehr Energie vorantreiben. Dabei darf aber nicht unterschätzt werden, dass sich die Älteren zwar aus dem offiziellen politischen Leben zurückziehen, viele von ihnen jedoch weiterhin aktiv bleiben und indirekt Einfluss ausüben werden. Sie werden die Jüngeren genau beobachten, ob diese den ihnen anvertrauten Aufgaben auch gerecht werden. Es bleibt abzuwarten, wer den Machtkampf zwischen Traditionalisten und Reformern gewinnt und ob es auch in der KP in Vietnam dazu kommen wird, dass sich, wie in der SPD, eine Gruppe von Netzwerkern bildet, die versucht die Interessen einer jüngeren Generation stärker zu bündeln und in politisches Handeln einfließen zu lassen. Nach dem Abtreten der Kriegsgeneration, die den Befreiungskampf aktiv miterlebte, würde sich hierfür eigentlich eine gute Möglichkeit bieten. Durch den sich in den nächsten Jahren vollziehenden Generationenwechsel wird allerdings zuerst eine Generation in wichtige politische Ämter gehoben, die ihre Ausbildung größtenteils in den ehemaligen Ostblockländern absolvierte. Die besten unter ihnen studierten in Moskau, andere in Ostberlin, Warschau oder Prag. Mit den dort Ausgebildeten wird Vietnams Geschick für einen gewissen Zeitraum durch eine Generation von ‚Apparatschiks’ bestimmt, die nicht unbedingt für die Öffnung des Landes stehen. Zwar verschwindet mit diesem Wechsel auch ein Stück des dogmatischen und unflexiblen Führungsstils derer, die durch den Befreiungskampf geprägt wurden, doch gleichzeitig verschwindet auch die Authentizität, die diese Generation auszeichnet. Diese wird nun in den kommenden Jahren durch schlichte Funktionäre ersetzt, die eine ganz andere Bindung zu ihrem Land und dessen Menschen haben als ihre Vorgänger. Auch wenn daran niemand so recht glauben mag, könnte der anstehende Generationenwechsel einen Rückschritt für Vietnam bedeuten. Bis die dritte Generation, die durch ihre internationale Sozialisation möglicherweise grundlegende Maßnahmen zur Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Kultur Vietnams einleiten könnte, zu den Schaltstellen der Macht aufrücken kann, wird es noch geraume Zeit dauern. Dennoch ist davon auszugehen, dass sich neben dem wirtschaftlichen langsam auch der politische Wandel vollzieht, bevor die dritte Generation endgültig nachgerückt ist. Die Entwicklungen schreiben der politischen Klasse den Weg, der in den nächsten Jahren beschritten wird, vor und es wird kaum eine andere Möglichkeit bleiben- unabhängig davon, ob die politische Klasse die Öffnung des Landes vorantreiben will oder nicht. - 5- Tabelle 1: Leitziele für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Vietnams bis 2010 Wirtschaftswachstum GDP pro Kopf Landwirtschaft Industrie und Bauwesen Dienstleistungen Jährliche Exportsteigerung Investitionsquote Staatsquote Bevölkerungswachstum Durchschnittliche Lebenserwartung Arme Haushalte 8 Arbeitslosigkeit 2006- 2010 7,5 – 8% 950- 1000 USD(2010) Wirtschaftsstruktur 15 – 16% 42 – 43% 41 – 42% 14 – 16% 37 – 38% 21 – 22% Sozialstruktur 1,12% 72 Jahre 23% 5% Ausgebildete Arbeitnehmer Sauberes Wasser Durchsetzung der Schulpflicht bis zur 9. Klasse Landwirtschaftliche Arbeitskräfte 40% Stadt 95% Land 75% Flächendeckend durchgesetzt 〈 50% 2001- 2005 ∅ 7,5% ca. 600 USD(2005) 20,7% 40,8% 38,5% ca. 17% 37,5% 22,7% 1,37% 71,3 Jahre 24,1%(2004) Stadt 5,3% Land 5,6% 24,8%(2005) Stadt/ Land 62% Durchgesetzt in 31 von 64 Provinzen(2005) 56%(2005) Tabelle 2: Generationenübersicht 9 I. Generation • geboren ab 1930 • Sozialisation im Befreiungskampf gegen Frankreich und die USA • Rückzug von der politischen Bühne • Dogmatisch, patriotisch, authentisch II. Generation • geboren ab 1940 • Krieg gegen die USA • Ausbildung im Ostblock • Politische Prägung zur Zeit des Kalten Krieges • Generation von Apparatschiks • Rückt auf in die politische Führungsriege III. Generation • Geboren ab 1970 • Keine Kriegsgeneration • Internationale Ausbildung • weniger fixiert auf die Ideologie • Individualisierung Ansprechpartnerinnen: Dr. Beate Bartoldus, Tel.: 0228-883-516, E-Mail: Beate.Bartoldus@fes.de(verantwortlich) Ulrike Ehnes, Tel.: 0228-883-508, E-Mail: Ulrike.Ehnes@fes.de Friedrich-Ebert-Stiftung Internationale Entwicklungszusammenarbeit, Referat Asien und Pazifik Godesberger Allee 149, 53175 Bonn, Fax: 0228-883-575 Die Kurzberichte sowie Informationen zur Arbeit der FES in Asien finden Sie unter: www.fes.de/asien . 8 Ab dem Jahr 2006 werden in Vietnam bei der Berechnung der Armut neue Kriterien verwendet. Nach den alten Kriterien gab es im vergangenen Jahr nur noch 7% arme Haushalte. Die bisherigen Kriterien definierten Armut wie folgt: städtische Regionen: 150.000 VND, ländliche Regionen: 80.000 VND – 100.000 VND pro Kopf und Monat. Ab dem 1.1.2006 gelten die folgenden Kriterien: städtische Regionen: 260.000 VND, ländliche Regionen: 200.000 VND. 9 In der Generationentabelle nicht aufgeführt ist die allererste Generation von Politikern, die noch unmittelbare Schüler Ho Chi Minhs waren. Zu dieser Generation zählen u.a. der General Vo Nguyen Giap, der Vietnam im ersten Indochinakrieg zum entscheidenden Sieg in Dien Bien Phu führte, Le Duan, der Nachfolger Ho Chi Minhs und weitere Anführer der Revolution und der ehemalige Ministerpräsident Pham Van Dong. - 6-