„Trade Union Care Center“: DGB und FES unterstützen den Aufbau eines gewerkschaftlichen Beratungszentrums in Aceh Henning Effner, FES Jakarta, Juni 2005 Das Erdbeben vom 26. Dezember 2004 und die nachfolgende Flutwelle haben weite Teile der indonesischen Provinz Aceh verwüstet und mehr als 220.000 Menschen das Leben gekostet. Nach Schätzungen sind etwa 400.000 Menschen obdachlos geworden, etwa 600.000 haben ihre Arbeit verloren. Die in Aceh aktiven Gewerkschaften haben ebenfalls gro e Verluste unter ihren Mitgliedern zu beklagen. Unter den zahlreichen Opfern befinden sich Beschäftigte des Strom-, Post- und Telekommunikationssektors, der Zementindustrie sowie Lehrerinnen und Lehrer und Angehörige der Polizei.= Von den Überlebenden haben viele ihre Familienangehörige, ihren Arbeitsplatz, ihr Zuhause und somit ihre gesamte Lebensgrundlage verloren.= Mittlerweile hat der Wiederaufbau der zerstörten Region begonnen. Dabei geht es allerdings nicht nur um den Wiederaufbau von Häusern und Infrastruktur, sondern auch um den Wiederaufbau der Zivilgesellschaft und der Gewerkschaften, die dafür sorgen müssen, dass die Opfer der Flutkatastrophe an der Planung und Durchführung der Wiederaufbauprojekte beteiligt werden und dass dabei die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer berücksichtigt werden. Das Trade Union Care Center (TUCC) Hierzu leisten der Deutsche Gewerkschaftsbund(DGB) und die Friedrich Ebert Stiftung(FES) einen wichtigen Beitrag. Auf Initiative der indonesischen Dienstleistungsgewerkschaft ASPEK wurde mit finanzieller Unterstützung des DGB und des American Center for International Labor Solidarity(ACILS) in der Provinzhauptstadt Banda Aceh ein gewerkschaftliches Beratungszentrum(Trade Union Care Center) aufgebaut. Die Friedrich Ebert Stiftung(FES) in Indonesien, die bereits seit mehreren Jahren mit ASPEK zusammenarbeitet, hat den Aufbau des gewerkschaftlichen Beratungszentrums organisatorisch und fachlich unterstützt. Darüber hinaus plant die FES, mit dem TUCC langfristig bei der Durchführung von Trainings- und Weiterbildungsseminaren zusammen zu arbeiten. Das Trade Union Care Center (TUCC) wurde am 23. März durch Herrn Erwin Schweisshelm, Indonesien-Referent und Koordinator der internationalen Gewerkschaftskooperation der FES, eingeweiht. An der feierlichen Eröffnung nahmen unter anderem Herr Heinrich Haupt, Leiter der Au enstelle der deutschen Botschaft in Aceh, Herr Manan Gan- to, Repräsentant des indonesischen Arbeitsministeriums sowie zahlreiche Gewerkschaftsmitglieder und Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Nicht-Regierungsorganisationen teil. Das Trade Union Care Center (TUCC) leistet zum einen humanitäre Hilfe für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sowie deren Familien, die durch den Tsunami in Not geraten sind. Mit Geldern, die von verschiedenen internationalen Gewerkschaftsorganisationen bereit gestellten worden sind, hat das TUCC Hilfsgüter gekauft und an die Opfer verteilt. Dringend benötigt wurden vor allem Grundnahrungsmittel, Kleidung und Haushaltsgegenstände. Das TUCC leistet aber nicht nur humanitäre Hilfe, sondern fungiert auch als Beratungszentrum für die gewerkschaftliche Organisierung und Weiterbildung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Aceh. Mit seiner Arbeit möchte das TUCC einen Beitrag zum Aufbau starker und demokratischer Gewerkschaften leisten, die sich für die Belange ihrer Mitglieder einsetzen und deren Rechte und Interessen nicht zuletzt im Wiederaufbauprozess wirksam vertreten. Die Gewerkschaftsbewegung in Aceh steckt noch in den Anfängen Wie wichtig diese Aufgabe ist, verdeutlicht die schwierige Situation, in der sich die Gewerkschaften derzeit befinden: In Indonesien ist es erst mit dem Ende der Suharto-Diktatur 1998 überhaupt möglich geworden, unabhängige Gewerkschaften zu gründen. Folglich steckt die Gewerkschaftsbewegung auf ihrem Weg zu einer demokratischen und effektiven Interessenvertretung der Beschäftigten noch in den Anfängen. Dies gilt umso mehr für die Provinz Aceh, wo die Entfaltungsmöglichkeiten für Gewerkschaften und andere zivilgesellschaftliche Organisationen aufgrund des langjährigen Konfliktes zwischen dem Militär und der Rebellenorganisation GAM stark eingeschränkt waren. Informationen über die Rolle und die Bedeutung von Gewerkschaften sind unter den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bisher kaum verbreitet. Dementsprechend schwach ist die Verankerung der Gewerkschaften auf Betriebsebene. Darüber hinaus schwächt die Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung ihre Verhandlungsposition gegenüber den Arbeitgebern wie auch ihre gesellschaftspolitische Bedeutung insgesamt. ł_~ëáÅ=qê~áåáåÖ=mêçÖê~ã“=ãáí=ÇÉê=mä~åí~íáçå= tçêâÉêë=råáçå Gewerkschaften organisatorisch und fachlich stärken Das TUCC versucht mit seiner Arbeit vor allem, die gewerkschaftliche Organisierung der Beschäftigten voranzutreiben. Gewerkschaftliche Organisierung bedeutet zunächst die Vermittlung von grundlegenden Informationen über die Gewerkschaftsbewegung und von Kenntnissen, die zum Handwerkszeug eines jeden Gewerkschafters gehören, z.B. über die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, über Arbeits- und Sozialstandards und über Verhandlungstechniken in Tarifauseinandersetzungen. Diese Grundkenntnisse werden in den„Basic Training Programs“ vermittelt, die das TUCC bereits mit verschiedenen Gewerkschaften durchgeführt hat, u.a. mit der Postgewerkschaft(SP. Pos Indonesia), mit der Gewerkschaft der Plantagenarbeiter(Plantation Workers Union) sowie mit der Gewerkschaft der Hilfslehrkräfte (Supporting Teachers Union). In diesen Seminaren werden au erdem gemeinsam Strategien entwickelt, wie die organisatorischen Fähigkeiten der Gewerkschaften gestärkt und neue Mitglieder gewonnen werden können. TUCC entgegen zu wirken, indem es den Dialog zwischen den einzelnen Gewerkschaften fördert. Das TUCC dient gewisserma en als Diskussionsforum, in dem die Gewerkschaften ihre Probleme diskutieren und gemeinsame Strategien für die Zukunft entwickeln können. Dadurch soll der gewerkschaftliche Zusammenhalt in Aceh gefördert werden. Ein erster Erfolg ist bereits zu verzeichnen: Im Rahmen einer Veranstaltung am 16. und 17. April kamen führende Vertreter verschiedener Gewerkschaften überein, einen neuen Gewerkschaftsverbund in der Provinz Aceh zu gründen, die„Trade Union Association of NAD Province“ (IKASPNAD). Dieser Beschluss wurde am 1. Mai 2005 in die Tat umgesetzt. ł_~ëáÅ=qê~áåáåÖ=mêçÖê~ã“=ãáí=jáíÖäáÉÇÉêå= ÇÉê=mçëíÖÉïÉêâëÅÜ~Ñí= Neben diesen„Basic Training Programs” führt das TUCC auch verschiedene Weiterbildungsma nahmen für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter durch, z.B. ITTrainingskurse für Mitglieder der Lehrergewerkschaft PGRI, in der grundlegende Computerkenntnisse vermittelt werden. Die Zusammenarbeit zwischen den Gewerkschaften fördern Der Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung versucht das `çãéìíÉêJqê~áåáåÖëâìêë=Ñ Ω ê=iÉÜêÉêáååÉå= ìåÇ=iÉÜêÉê=ÇÉê=mdofJdÉïÉêâëÅÜ~Ñí== Die Rolle der Gewerkschaften im Wiederaufbauprozess stärken Am gleichen Tag organisierte das TUCC eine Podiumsdiskussion zur „Rolle der Gewerkschaften im Wiederaufbauprozess“. Eine stärkere Zusammenarbeit der Gewerkschaften ist auch deshalb notwendig, um ihnen mehr Gewicht und Mitsprache bei der Planung und Durchführung des Wiederaufbaus zu ermöglichen. Ziel ist es, die Gewerkschaften stär- ker in den Prozess des Wiederaufbaus einzubinden, damit dieser sozial ausgewogen und nachhaltig erfolgt. Gemeinsam wollen die Gewerkschaften darauf hinwirken, dass die Belange der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer berücksichtigt werden, dass Kernarbeitsnormen und soziale Mindeststandards in den Wiederaufbauprojekten eingehalten werden und dass der Wiederaufbau arbeitsintensiv erfolgt, um möglichst viele neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die Arbeit des TUCC ist langfristig angelegt Der Deutsche Gewerkschaftsbund, das American Center for International Labor Solidarity und die Friedrich Ebert Stiftung waren die ersten ausländischen Organisationen, die mit dem Aufbau des Trade Union Care Centers Hilfe für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in der von der Flutkatastrophe zerstörten Region geleistet haben. Nun gilt es sicher zu stellen, dass das TUCC seine Arbeit langfristig fortsetzen kann. Die indonesische Dienstleistungsgewerkschaft ASPEK und die Friedrich Ebert Stiftung in Indonesien planen, das TUCC gemeinsam bis zum Jahr 2007, ggf. bis 2009 zu unterstützen, insbesondere bei der Durchführung von Trainingsseminaren und Workshops. Darüber hinaus arbeiten mittlerweile auch andere Organisationen, wie z.B. die örtliche Vertretung der International Labour Organisation(ILO), mit dem TUCC zusammen. Damit ist eine kontinuierliche Unterstützung gewährleistet. Längerfristig soll sich das TUCC allerdings vor allem über Gebühren für Service- und Beratungsleistungen selbst finanzieren.