Gebildet, benachteiligt, ein Kind: Frauen in Südkorea Peter Gey, FES-Seoul, Oktober 2005 • Die Prägung der Geschlechterverhältnisse durch die konfuzianisch beeinflusste Tradition reichte in Korea weit in das 20. Jahrhundert hinein. Die Auffassung, Frauen sollten nach der Eheschließung aus dem Berufsleben ausscheiden, ist auch heute noch verbreitet. • Industrialisierung und Verstädterung sowie Kampagnen zur Geburtenkontrolle ließen die Zahl der Neugeborenen außerordentlich schnell sinken. Statistisch werden in Südkorea nur noch 1,16 und damit weltweit die wenigsten Kinder geboren. Trotzdem ist die weibliche Erwerbsquote mit rund 50% vergleichsweise niedrig. • Atypische Arbeitsverhältnisse sind für Frauen typisch. Vier Millionen Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen werden schlecht bezahlt und haben weder Kündigungsschutz und noch Arbeitnehmerrechte. • Junge Frauen und Mädchen hoffen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch Bildung zu verbessern. Vier Fünftel eines Jahrgangs besuchen ein College oder eine Hochschule. • Ausbildung, ein schwieriger Berufseinstieg und schlechte Aussichten, nach der Kindererziehung wieder einen Arbeitsplatz zu finden, veranlassen viele Frauen, später zu heiraten und später, wenn überhaupt, Kinder zu gebären. • Durch die rasche Alterung der koreanischen Gesellschaft geraten die Frauen unter Druck: Sie sollen mehr Kinder gebären, sich der Altenpflege annehmen und fehlende Nachwuchskräfte in der Arbeitswelt ersetzen. Aber die Alterung ist janusköpfig: Indem sie die Gesellschaft zwingt, sich umzugestalten, bietet sie Frauen auch neue Möglichkeiten. „Gebildet, benachteiligt, ein Kind“ – kennzeichnet das die Frauen in Südkorea? Die Statistik zeigt: Heute wechseln rund vier Fünftel der Schulabgängerinnen eines Jahrgangs auf ein College oder eine Universität; Frauen haben aber die deutlich schlechteren Jobs und erledigen trotz Berufstätigkeit Haushalt und Kindererziehung weitgehend alleine; die Zahl der Neugeborenen ging in den vergangenen vier Jahrzehnten drastisch zurück und sinkt weiter. Dass Frauen in Südkorea heute eine gute Bildung haben, zunehmend berufstätig sind und weniger Kinder gebären, verwundert nicht. Seit Mitte der sechziger Jahre verzeichnete die südkoreanische Wirtschaft ein außerordentlich hohes Wachstum. Zwischen 1955 und 2004 stieg das Bruttoinlandsprodukt(BIP) pro Kopf von 65 auf 14.162 US-Dollar und damit um das 218fache. Im gleichen Zeitraum sank der Beitrag von Landwirtschaft und Fischerei zum BIP von 47,3% auf 3,7 %. Indem sich ein von Tradition gepräg- tes Agrarland in eine Industrie- und schließlich High-Tech-Gesellschaft verwandelte, war zu erwarten, dass sich das Leben der koreanischen Frauen ähnlich ändern würde, wie dies schon im Laufe der vorausgegangenen Industrialisierungen in Europa der Fall gewesen war. Hingegen überrascht, dass der aus den westlichen Industrienationen bekannte Wandel in der Bildung und in der Mutterschaft von Frauen in Korea weitaus rascher verlief. Dabei ist der Rückgang der Geburtenzahl besonders auffällig. Heute gebären Koreanerinnen im statistischen Durchschnitt nur noch 1,16 und damit weltweit die wenigsten Kinder. Gleichzeitig sind trotz der niedrigen Kinderzahl aber noch verhältnismäßig viele Koreanerinnen Hausfrauen. Erst 50% der Frauen sind erwerbstätig. Dieser Anteil ist deutlich geringer als in Deutschland(65%) oder in Schweden(76%). Bei Akademikerinnen ist der Abstand sogar noch größer. Die trotz niedriger Geburtenrate vergleichsweise geringe weibliche Erwerbstätigkeit und die trotz guter Bildung schlechten Arbeitsbedingungen für Frauen sind wesentlich darauf zurückzuführen, dass die allgemeinen Vorstellungen von Frau und Familie dem wirtschaftlichen Auf- und Umbruch weit hinterherhinken. Die infolge der sinkenden Kinderzahlen rasche Alterung der koreanischen Gesellschaft hat jedoch eine Situation geschaffen, die Frauen vor neue Anforderungen stellt, aber auch Möglichkeiten bietet. Der lange Atem der Tradition Althergebrachtes dauerte in der Moderne überall noch mehr oder minder lange fort, aber in Korea reichte die Prägung der Geschlechterverhältnisse durch die konfuzianisch beeinflusste Tradition noch weit in das 20. Jahrhundert hinein. Frauen waren hier bis vor nicht allzu langer Zeit Menschen minderen Rechts und ohne Namen. Im öffentlichen Leben spielten sie keine Rolle. Bei Volkszählungen interessierten sich die Regierungsbeamten für die militärdiensttauglichen Männer. Frauen zählten nichts und wurden nicht gezählt. Im privaten Bereich lebten Männer und Frauen sowohl vor als auch in der Ehe in streng voneinander getrennten Welten. Die Väter suchten für ihre heiratsfähigen Töchter die Ehemänner aus, die Männer trafen in der Familie alle wichtigen Entscheidungen, und im Alltag bestimmte die Mutter des Mannes, was die Schwiegertochter zu tun und zu lassen hatte. Frauen hatten vor allem hart zu arbeiten, Söhne zu gebären und ihren Gatten und dessen Familie zu ehren. Scheidung war Frauen ebenso unmöglich wie Witwen eine Wiederheirat. Witwen galten als „Noch-nicht-Gestorbene“(mimangin). Sie konnten posthum Ansehen erwerben, wenn sie ihrem Mann rasch in den Tod folgten. Auch nachdem 1894 die rechtliche Möglichkeit zur Wiederheirat gegeben war, blieb es sehr selten, dass Witwen noch einmal heirateten. Na Hae-Seok, eine Malerin und Literatin, schockierte Anfang der zwanziger Jahre die koreanische Gesellschaft nicht nur durch ihren westlichen Kunststil, sondern vor allem mit ihrer Entscheidung, ihren Lebenspartner selbst auszuwählen und sich gegebenenfalls auch wieder von ihm zu trennen. Sie war auch, soweit bekannt ist, die erste Frau, die ihren Auserwählten einen Ehevertrag unterschreiben ließ, in dem der künftige Gatte sich verpflichtete, sich nicht in ihre Malerei und sonstigen Geschäfte einzumischen. Na Hae-Seok starb, verarmt und obdachlos, als Ausgestoßene. Heute wird sie von Feministinnen und Frauenrechtlerinnen als eine Vorkämpferin für die„Neuen Frauen“ Koreas verehrt. Mit„Na-Hae-SeokKomplex“ umschreiben diese ihre Furcht, ähnlich wie ihr Vorbild von der Gesellschaft abgelehnt zu werden. 2 Frauen brachen ein weiteres Tabu, als sie begannen, außerhalb ihrer häuslichen vier Wände eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Beschäftigungsmöglichkeiten wurden ihnen fast nur im Bildungs- und Gesundheitsbereich geboten. Die Zahl der registrierten Krankenschwestern stieg zwar von 21 im Jahre 1913 in den folgenden drei Jahrzehnten um das Hundertfache, aber das waren trotzdem gerade mal 2.188 Arbeitsplätze. 1920 stellte erstmals eine koreanische Bank eine Frau ein, 1921 tat dies eine weitere und im Laufe der dreißiger Jahre war es nicht mehr unüblich, in einer Bank weibliche Angestellte anzutreffen. Ein beruflicher Aufstieg war diesen Frauen, die meist aus der dünnen Mittelschicht stammten, auch im verhältnismäßig fortschrittlichen Bankenbereich nicht möglich. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass Frauen nach der Heirat ihre gesamte Zeit und Kraft in den Dienst von Mann und Familie stellten. Dies bedeutete, dass sie üblicherweise nach ihrer Schulzeit eine Tätigkeit als Angestellte aufnahmen und diese mit Anfang zwanzig wieder aufgaben. Erst Mitte der siebziger Jahre weigerten sich vermählte Angestellte, sich an den heimischen Herd zurückzuziehen. Sie begannen eine Kampagne gegen die ihnen auferlegte Kündigungspflicht und konnten schließlich ihre Weiterbeschäftigung branchenweit durchsetzen. Damals arbeiteten im Bankenbereich 1.700 Frauen, denen als „weibliche Angestellte“ allerdings auch weiterhin eine Karriere verwehrt blieb. In den meisten übrigen Bereichen war die obligatorische Kündigung nach einer Heirat noch bis Mitte der achtziger Jahre üblich. Nicht nur die Arbeitgeber übten hier Druck aus, sondern auch die Ehemänner, die Familien und das gesellschaftliche Umfeld forderten von den Frauen beruflichen Verzicht. Gesetzliche Regelungen in den Jahren 1988 und 1992 stärkten zwar die rechtliche Lage der Frauen, aber die Tradition wirkt nach. In Umfragen äußern über die Hälfte der berücksichtigten verheirateten Männer die Auffassung, dass Kindererziehung Sache der Mütter zu sein habe. Viele junge Koreanerinnen entziehen sich der ihnen zugedachten Rolle eindeutig und nachhaltig: Sie gebären keine Kinder. Vom Kinderreichtum zur Ein-KindFamilie In Südkorea hatte eine Frau im gebärfähigen Alter(zwischen 15 und 49 Jahren) Anfang der sechziger Jahre Schätzungen zufolge durchschnittlich noch sechs Kinder. Um das Wirtschaftswachstum nicht durch eine Bevölkerungsexplosion zu gefährden, startete die Regierung Mitte der sechziger Jahre eine Kampagne zur Geburtenkontrolle. In der ersten Phase ihres Familienplanungsprogramms warb sie dafür, nicht mehr als zwei Kinder pro Familie zu haben. In den siebziger und achtziger Jahren hieß es dann, selbst mit einem Kind sei das Land noch überbevölkert. Im Zuge von Industrialisierung und Verstädterung musste das Programm erfolgreich sein. Als 1970 erstmals eine landesweite Geburtenrate ermittelt wurde, lag die Quote mit 4,53 bereits deutlich niedriger als der geschätzte Ausgangswert Anfang der sechziger Jahre. Die Geburtenrate fiel weiter auf 3,47 im Jahre 1975, auf 2,65 im Jahre 1978 und schließlich auf unter zwei im Jahre 1984. Erst 1996 stellte die Regierung ihre EinKind-Politik ein. Heute wird als Versäumnis kritisiert, dass die Regierung nicht schon früher von der Geburtenkontrolle zur Geburtenförderung umschaltete. Aber Südkorea war 1996 mit 436 Menschen pro Quadratkilometer und damit fast doppelt so vielen wie in Deutschland ein sehr dicht besiedeltes Land. Die Bevölkerungszahl zu erhöhen, sah daher kaum jemand als wünschenswert an. Vor allem aber hatten 3 Frauen und Männer ganz andere Sorgen, als die Geburtenrate zu steigern. Etwas Unerwartetes war geschehen. Im Laufe des Jahres 1997 waren zunächst fünf der dreißig Großunternehmen („chaebols“), die die Wirtschaft des Landes prägten und gegen Bankrott gefeit zu sein schienen, zusammengebrochen. Gegen Jahresende schließlich wurde Südkorea in den Strudel der asiatischen Wirtschafts- und Finanzkrise gerissen. Nach dreißig Jahren Wirtschaftswunder stürzte die Wirtschaftstätigkeit 1998 um 5,8% ab, Industrie- und Finanzunternehmen wurden entweder saniert oder geschlossen, die Belegschaften litten unter Massenentlassungen und Lohnsenkungen. Das waren keine günstigen Umstände, um Kinder in die Welt zu setzen. Nach harten Reformmaßnahmen erholte sich die koreanische Wirtschaft rasch. 1999(10,9%) und 2000(9,3%) wurde wieder ein ausgesprochen hohes Wachstum erzielt, das sich in den Folgejahren, wenngleich in bescheideneren Raten, fortsetzte. Dem Kinderwunsch der Koreanerinnen und Koreaner gab dies aber keinen Auftrieb. Die Geburtenrate fiel 2005 mit 1,16 auf ein neues Tief. Knaben bevorzugt In den neunziger Jahren war die Familienpolitik nicht nur darauf gerichtet, die Zahl der Geburten zu verringern, sondern die Regierung versuchte auch zu verhindern, dass das Verhältnis zwischen neugeborenen Jungen und Mädchen weiter auseinander driftete. Der Einsatz von Ultraschalluntersuchungen, die darauf zielten, das Geschlecht eines Fötus herauszufinden und im Falle eines zu erwartenden Mädchen die Eltern häufig zu einer Abtreibung veranlassten, war weit verbreitet. 1990 wurden mit 116,5 zu 100 ähnlich wie in China weitaus mehr Jungen als Mädchen geboren. Das Verbot, an Schwangeren Ultraschalluntersuchungen zu nicht-medizinischen Zwecken durchzuführen, zeigte Wirkung, und ein gewisses Umdenken in der Gesellschaft tat ein Übriges. Die Zahl der neugeborenen Jungen auf 100 Mädchen ging bis zum Jahre 2004 auf 108,2 zurück und näherte sich damit dem oberen Rand des natürlichen Gleichgewichts der Geschlechter, das zwischen 103 und 107 Jungen- pro 100 Mädchengeburten liegt. Allerdings lassen viele Paare, die es sich finanziell leisten können, Ultraschalluntersuchungen zur vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung weiterhin illegal oder im Ausland vornehmen. Deren Zahl ist zwar unbekannt, aber das Geschlechterverhältnis beim dritten Kind lässt keinen Zweifel daran, dass männlicher gegenüber weiblichem Nachwuchs weiterhin bevorzugt wird: Das Verhältnis beträgt 132 zu 100. Atypische Arbeitsverhältnisse für Frauen typisch Unbefristete Vollzeitarbeitsplätze waren in Korea vor der Asienkrise die Regel, und sie galten als sicher. Einkommen und Urlaubstage, Status und Privilegien nahmen mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit und damit mit dem Alter der Beschäftigten zu. Im Zuge der weitreichenden Umstrukturierung von Unternehmen hat sich dies geändert. Heute beschäftigen koreanische Unternehmen kaum noch Personen, die älter als Mitte 50 sind. Vor allem aber halten sie sich mit Neueinstellungen in Vollzeitarbeitsverhältnissen zurück. Davon sind alle betroffen, aber für Ältere und insbesondere für Frauen und junge Leute ist es besonders schwer, einen„regulären“ oder„Normalarbeitsplatz“ zu finden. Ihnen werden meist nur sogenannte atypische Arbeitsplätze angeboten. Hierzu zählen alle Formen der unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung, befristete Arbeitsverträge und Zeitarbeit. 4 Ende 2004 wurde die Zahl der atypisch Beschäftigten auf 7,13 Mio. Personen geschätzt. Damit waren 49% aller abhängig Beschäftigten in einem atypischen Arbeitsverhältnis tätig. Frauen jedoch waren bei diesen Jobs weitaus stärker vertreten als Männer. Einen Vollzeitarbeitsplatz hatten 54,6% der beschäftigten Männer, aber nur 30,5% der Frauen. Umgekehrt waren 69,5% der beschäftigten Frauen in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis. Frauen werden durchweg deutlich schlechter bezahlt als Männer. Auf Vollzeitarbeitsplätzen verdienten Männer 2004 durchschnittlich 2,22 Mio. Won(ca. 1.600 Euro) und damit gut die Hälfte mehr als Frauen, die im Durchschnitt nur 1,48 Mio. Won(ca. 1.060 Euro) erhielten. Auf den atypischen Arbeitsplätzen verdienten Männer mit 1,25 Mio. Won(ca. 900 Euro) zwar erheblich weniger als ihre Kollegen in Vollzeitarbeitsverhältnissen, aber Frauen wurden sogar nur 820.000 Won(ca. 600 Euro) gezahlt. Auch in diesem Bereich verdienten Männer die Hälfte mehr als Frauen. Zusammengefasst bedeuten diese Zahlen: Frauen haben allgemein die weitaus schlechteren Jobs als Männer, und rund vier Millionen Frauen arbeiten sogar in prekären Beschäftigungsverhältnissen, das heißt, sie sind schlecht bezahlt, ohne Kündigungsschutz und ohne Arbeitnehmerrechte. Hoffnung Bildung Einige wenige und ohnedies bescheidene staatliche Programme zur Förderung von Frauen trugen in den letzten Jahren wenig dazu bei, die Aussichten für Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Junge Frauen und Mädchen setzen ihre Hoffnung auch lieber darauf, durch eine bessere Bildung ihre Chancen zu vergrößern. 2005 besuchen bereits 79,7% eines Jahrgangs ein College oder eine Universität. Damit sind in diesem Jahr 44,5% aller Studierenden weiblich. In der Regel beenden zwei Fünftel ihr Studium mit einem Master- und ein Viertel schließt mit einem Doktorgrad ab. Aus Furcht, sich auf dem herkömmlichen Arbeitsmarkt nicht durchsetzen zu können, und in dem Streben nach einem sicheren Arbeitsplatz entscheidet sich jede dritte Schulabgängerin für ein Lehramtsstudium. In diesem Studiengang stellen Frauen 70,3% aller Studierenden. Ebenfalls überproportional hoch ist ihr Anteil in den Studiengängen Kunst- und Sporterziehung(62,0%) sowie in Medizin und Pharmazie(45,8%). Bei den Ingenieurswissenschaften sind Frauen nur mit 12,3 % vertreten. Gebracht hat die in Korea mit ungewöhnlich hohen Kosten verbundene Hochschulbildung den jungen Frauen nicht allzu viel. Zwar war 2004 die Erwerbsquote von College-Absolventinnen mit 56,4% rund sieben Prozentpunkte höher als die durchschnittliche Frauenerwerbsquote. In den OECD-Ländern sind hingegen durchschnittlich drei Viertel aller Akademikerinnen erwerbstätig. Schlimmer wiegt, dass 2004 ein Vier-Jahres-Tief in der Erwerbstätigkeit junger Frauen mit Collegeabschluss markierte. Späte Heiraten, späte Geburten Arbeitssuchende Frauen berichten, dass sie in ihren zahlreichen Bewerbungsgesprächen durchweg gefragt wurden, wann sie heiraten würden, und ob sie nach der Heirat weiter berufstätig sein möchten. Diese Frage spiegelt die noch immer übliche Gepflogenheit wider, dass sich Frauen nach der Eheschließung aus dem Berufsleben zurückzuziehen haben. Das Korea Labor Institute veröffentlichte eine Erhebung unter 3.246 Frauen zwischen 25 und 64 Jahren, die zeigte, dass 62% der Frauen nach der Eheschließung ihren Beruf aufgegeben hatten. Möchten 5 Frauen später wieder berufstätig sein, finden sie nur schwer wieder eine Arbeitsstelle und müssen sich in der Regel zudem mit einer Tätigkeit weit unter ihrer Qualifikation abfinden. Nach wie vor ist es für Frauen schwer, Beruf und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen. Im Durchschnitt arbeiten berufstätige Mütter täglich neun Stunden und fünfzig Minuten, Männer aber zwei Stunden und zehn Minuten weniger. Mit Hausarbeit bringen Frauen am Tag drei Stunden und vierzig Minuten zu, Männer nur 36 Minuten. Dabei macht es kaum einen Unterschied aus, ob die Frau ebenfalls berufstätig ist oder nicht. Eine wachsende Zahl junger Frauen zögert daher, eine Ehe zu schließen. Sie möchten zunächst eine gute Ausbildung erwerben, einen angemessenen Arbeitsplatz finden und im Beruf vorankommen. Wo dies gelingt, fällt es besonders schwer, das Erreichte aufzugeben. In der Folge steigt das Alter von Frauen, die erstmals heiraten; es beträgt mittlerweile 27,5 Jahre(1995: 25,2 Jahre). Entsprechend steigt auch das Alter, in dem Frauen ihr erstes Kind bekommen. 2004 lag das Durchschnittsalter der Erstgebärenden erstmals bei über dreißig(30,1). Bildung, Beruf und Karriere sind auch für Männer ausschlaggebend dafür, später zu heiraten und eine Familie zu gründen. Dass außerdem in einer Umfrage 30,2% der Männer angaben, sich nicht binden zu wollen, überraschte eher nicht, wohl aber, dass auch 25,8% der Frauen antworteten, sich nicht an einen Ehemann ketten zu wollen. Eine Frauengeneration zuvor wäre diese Antwort ungewöhnlich und für die Großmutter wäre sie fast undenkbar gewesen. Eine 27jährige Studentin sagte:„Wie kann man nur ans Heiraten denken, wo doch die Arbeitsmarktlage immer schlechter wird und man alles Mögliche lernen muss, um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden?“ Und fügte hinzu:„Auf mich selbst aufzupassen, ist schon schwierig genug.“ Januskopf Ageing Die mit dem Ausdruck„Ageing“ beschriebene Alterung der Bevölkerung ist auch in Südkorea ins Blickfeld der Politik gerückt. Gleich mehrere mit diesem Thema verbundene Hiobsbotschaften haben sie aufgeschreckt: Bevölkerungswissenschaftler schreiben die demographischen Trends fort und errechnen einen Anstieg des Anteils der über 65jährigen an der Gesamtbevölkerung von gegenwärtig rund 8% auf 37,3% im Jahre 2050. Forschungsinstitute sagen voraus, die Alterung werde das jahresdurchschnittliche Wirtschaftswachstum von 4,12% zwischen 2006 und 2010 auf nur noch 1,45% in den 2040er Jahren verlangsamen. Die Zentralbank warnt vor Arbeitskräftemangel, Druck auf die Rentenkassen und Qualifikationslücken, wenn die Babyboomer, die nach dem KoreaKrieg zwischen 1955 und 1963 geboren wurden, ab der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts in den Ruhestand treten. Gleich von drei Seiten geraten Frauen unter Druck: Sie sollen wieder mehr Kinder gebären, sich um die alten und gebrechlichen Familienmitglieder kümmern und die fehlenden Nachwuchskräfte in der Arbeitswelt ersetzen. Doch die Folgen der Alterung sind für die Belange der Frauen durchaus janusköpfig: Die Regierung strebt an, die Geburtenrate von derzeit 1,16 bis zum Jahre 2010 auf 1,6 zu steigern. Das Ziel, in fünf Jahren die durchschnittliche Geburtenzahl um 50 % zu erhöhen, zeigt, dass man alarmiert ist. Es ist aber nicht nur der Höhe wegen wirklichkeitsfern. Es ist auch abwegig, weil die jungen Frauen dazu fehlen. Mädchen, die in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren nicht geboren wurden, können in den nächsten Jahren nicht 6 Mütter werden. Zwar sei dahingestellt, ob sich junge Familien mit finanziellen Anreizen und dem Bau von Kindertagesstätten dazu bringen lassen, mehr Kinder zu bekommen. Aber derartige Maßnahmen werden denen, die sich dazu entscheiden, eine bislang kaum vorhandene Unterstützung sein. Die altersschwachen Eltern zu pflegen ist in Korea traditionell Aufgabe der Schwiegertöchter. Daher gibt es in Korea weit weniger Pflegeheime und Betreuungseinrichtungen als in anderen Industrieländern. Indem Frauen zunehmend am Erwerbsleben teilnehmen, fallen sie für die Betreuung der alten Familienmitglieder ganz oder teilweise aus. Zudem ist die Scheidungsbereitschaft älterer Frauen in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Der Anteil von Paaren, die sich nach zwanzig Jahren Ehe scheiden ließen, an den gesamten Scheidungen nahm seit 1981 von 4,8 auf 18,3% zu. Geschiedene Frauen haben weder Pflicht noch Anlass, sich ihrer ehemaligen Schwiegereltern anzunehmen. Politik, Gesellschaft und Familie müssen nun sehen, wie sie die Altenpflege anderweitig organisieren. Wirtschaft und Verwaltung werden in wenigen Jahren über Arbeitskräftemangel klagen. Bislang haben sie wenig getan, um arbeitswilligen Frauen Einstiegs- und Aufstiegschancen zu geben. Frauen sind in Führungspositionen selten, und diejenigen, die es geschafft haben, erregen Aufsehen. Um die auf absehbare Zeit sinkende Zahl von Menschen im erwerbsfähigen Alter zumindest teilweise durch eine höhere Frauenerwerbstätigkeit auszugleichen, werden Vorgesetzte und Ehemänner nach Wegen suchen müssen, wie Frauen Beruf und Familie miteinander in Einklang bringen können. Und nicht zuletzt kommen bei männlichen Führungskräften ungeliebte Themen wie Frauenförderung oder Gender-Mainstreaming auf die Tagesordnung. Das weibliche Wesen ohne Namen und minderen Rechts gehört unwiderruflich der Vergangenheit an. Über Generationen hinweg haben Koreanerinnen durch ihre Entscheidung, dem Kinderreichtum früherer Zeiten zu entsagen, nicht nur das koreanische Wirtschaftswunder ermöglicht. Sie haben dadurch auch der traditionellen Familie und Partnerbeziehung allmählich den Boden entzogen. Damit haben sie gleichzeitig die Voraussetzungen geschaffen, unter denen Na Hae-Seoks„Neue Frauen“ keine Ausgestoßene mehr sind. Bis die Alterung der koreanischen Gesellschaft jedoch für Frauen ihr Doppelgesicht verliert, müssen beide Geschlechter freilich noch viel bewerkstelligen. Kontakt: Rüdiger Pintar, ruediger.pintar@fes.de, Tel.: 0228/ 883-511 7