PO Po L lit I is C ch Y e Akademie Weltethos und Weltfriede Das„Projekt Weltethos“, das auf eine gleichnamige Programmschrift von Prof. Dr. Hans Küng aus dem Jahre 1990 zurückgeht, wird von den folgenden Grundüberzeugungen getragen: • Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. • Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. • Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen. In der„Erklärung zum Weltethos“, die das Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago verabschiedete, haben sich zum ersten Mal Vertreter aller Religionen über Prinzipien eines Weltethos verständigt und sich auf vier Grundpositionen verpflichtet. • Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben. • Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung. • Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit. • Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau. Welche Intentionen verfolgt das Projekt Weltethos? Welche Umsetzungschancen haben die anspruchsvollen Ziele in der Arena der Weltpolitik? Wie ist das Projekt aus theologischer, philosophischer und politischer Sicht zu beurteilen? INHALT Anke Fuchs Begrüßung 3 Reinhard Hempelmann Einführung 4 Hans Küng Das Projekt Weltethos vor weltpolitischem Horizont 6 Kommentare zum Projekt Weltethos aus theologischer, philosophischer und politischer Sicht Christoph Gestrich Theologie 12 Heiner Bielefeldt Philosophie 13 Wolfgang Thierse Politik 14 ISSN 1861-8014 Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung Politische Akademie Referat Berliner Akademiegespräche/Interkultureller Dialog Hiroshimastraße 17 10785 Berlin Telefon: 030 26935-913 Fax: 030 26935-952 Textbearbeitung: Fotos: Gestaltung: Druck: Dr. Johannes Kandel Joachim Liebe, Potsdam Pellens Kommunikationsdesign Printservice von Wirth © Friedrich-Ebert-Stiftung März 2006 Policy Politische Akademie 3 ANKE FUCHS Begrüßung „Weltethos und Weltfriede“. Das ist ein anspruchsvolles Unternehmen. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden in der Welt ist so alt wie das Menschengeschlecht. Philosophien, Weltanschauungen und Religionen haben die Frage nach der Möglichkeit und den Bedingungen gerechten Friedens unter den Menschen über Jahrtausende, in immer neuen Wendungen und Positionierungen gestellt. Aber viele Menschen fragen im 21. Jahrhundert ernüchtert: Haben die vielen klugen Gedanken etwas genützt? Die zahllosen Friedensentwürfe und Konferenzen? Ist die Welt im Zeitalter der Globalisierung tatsächlich friedlicher geworden? Erleben wir nicht gerade heute Bedrohungen des Weltfriedens durch„neue Kriege“ und den internationalen Terrorismus? Unsere Gesellschaften werden immer pluralistischer. Dieser Wandel zu immer größerer Vielfalt kann eine große Bereicherung sein. Aber er bringt auch neue Probleme und Konflikte mit sich. Es ist eine epochale Herausforderung, ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt unter Wahrung von Menschenrechten, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zu erhalten. Politik muss Antworten geben und Lösungen finden. Die Grundwertekommission der SPD hat in ihrer Grundsatzerklärung zu„Grundwerte für eine gerechte Weltordnung“ aus dem Jahre 2003 die Aufgabe umrissen, die sich uns stellt:„Wir brauchen in Grundsatzfragen der internationalen Ordnung, des friedlichen Zusammenlebens und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit verbindende Werte, um über diese Kriterien gemeinsame Orientierungen für die künftige Politik zu finden.“ Die Grundwertekommission nennt als elementare normative Orientierungen: Menschenrechte, Grundfähigkeiten und globale öffentliche Güter. Das ist der Rahmen für eine Politik der Friedenssicherung und der sozialen Demokratie. Wir können als Friedrich-Ebert-Stiftung einen bescheidenen Beitrag leisten, dass diese Grundorientierungen das Handeln von Menschen bestimmen und in Gesellschaften Wurzeln schlagen. Wir können daran mitwirken, dass Vielfalt gelebt wird, im Respekt vor und in Anerkennung der unterschiedlichen religiösen und kulturellen Orientierungen. Wir haben den„Dialog der Religionen, Weltanschauungen und Kulturen“ zu einem Schwerpunkt unserer Arbeit im In- und Ausland gemacht. Denn wir sind davon überzeugt, dass, wie es die Grundwertekommission der SPD treffend gesagt hat,„eine Verständigung über die grundlegenden Werte der menschlichen Würde, des friedlichen Zusammenlebens, der Toleranz, der gemeinsamen Verantwortung und einer fair geordneten Weltwirtschaft auf der Basis aller Religionen und Kulturen möglich ist.“ Professor Hans Küngs„Projekt Weltethos“ ist ein gutes Beispiel für einen Dialog der Religionen, der um grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen ringt. Wir möchten die Botschaften des Projektes Weltethos heute aus theologischer, philosophischer und politischer Sicht näher beleuchten und an diesem Beispiel über die Grundorientierungen und praktischen Handlungskonzeptionen nachdenken, die der„Dialog der Religionen“, für eine Politik der Friedenssicherung bieten kann. Anke Fuchs Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung 4 Policy Politische Akademie REINHARD HEMPELMANN Einführung Im Namen der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen heiße ich Sie herzlich willkommen und freue mich, dass unsere Einladung bei Ihnen Resonanz gefunden hat. Als Einrichtung der Evangelischen Kirche in Deutschland hat die Evangelische Zentralstelle den Auftrag, über Religionen und Weltanschauungen aus der Perspektive des christlichen Glaubens zu informieren, den Dialog mit ihnen zu fördern und Handlungsperspektiven und Unterscheidungskriterien für den Umgang mit religiöser Vielfalt in die öffentliche Diskussion einzubringen. Die bisherigen drei Veranstaltungen, die in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung 2002, 2003 und 2004 durchgeführt wurden, standen unter dem Thema„Religionen und Gewalt“. Wir haben gefragt:„Welche Rolle spielen die Religionen in globalen und regionalen Konflikten? Welches Gewaltpotenzial liegt in ihnen? Sind monotheistische Religionen besonders anfällig für Gewalt? Wie setzen sich Christentum, Islam und Buddhismus mit ihrer eigenen Gewaltgeschichte auseinander? Welche Selbstwahrnehmung ist nötig und welche Wege sind zu gehen, damit eskalierende Gewalt begrenzt und ein gerechter Friede gefördert werden?“ Mit der heutigen Veranstaltung verlassen wir dieses Thema nicht, wir vollziehen jedoch einen Perspektivwechsel. Wir fragen danach, ob und inwiefern das Projekt Weltethos einen Beitrag zum Weltfrieden leistet. Was heißt es nach der Beendigung des Ost-West-Konfliktes und in Zeiten, in denen die Bekämpfung des internationalen Terrorismus auf der politischen Tagesordnung steht, Frieden zu fördern und zu bewahren? Welche Rolle können die christlichen Kirchen, das Judentum, der Islam, der Buddhismus dabei spielen? Wie kann ein Dialog der Religionen Gestalt gewinnen, der das Unangenehme und Strittige von der Tagesordnung nicht verdrängt und offene Auseinandersetzungen mit einschließt? Können Christen, Juden, Muslime und Buddhisten im Blick auf die Gewaltfrage einen gemeinsamen Weg gehen, einen Weg, dem auch solche sich anschließen können, die keiner Religion oder Konfession angehören? In pluralistischen Gesellschaften, in denen verschiedene religiöse und geistige Orientierungen gleichzeitig nebeneinander existieren, stellt sich unabweisbar die Frage nach den Voraussetzungen für religiös-weltanschauliche Vielfalt. Der religiöse Pluralismus einer demokratischen Kultur lebt von gemeinsamen Werten. Er setzt ein gemeinsames Rechtsbewusstsein voraus, dessen Bewahrung nicht automatisch geschieht und auch abhängig ist von religiös-weltanschaulichen Verwurzelungen des Rechts und der Moral. Toleranz wird allzu oft mit Beliebigkeit verwechselt. Sie setzt jedoch eine eigene Überzeugung voraus und bedeutet nicht Indifferenz. Dr. Reinhard Hempelmann Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Policy Politische Akademie 5 Hans Küngs Projekt Weltethos versteht sich als Beitrag zum Weltfrieden, in Unterscheidung zu kulturrelativistischen Plädoyers wie auch der Annahme eines zu erwartenden Zusammenpralls der Kulturen(clash of civilizations), jenseits eines Pluralismus der Beliebigkeit und der Meinung, kulturelle Differenzen seien unausweichlich eine Quelle von Feindschaft und Hass.„Kein menschliches Zusammenleben ohne ein Weltethos der Nationen“. Die Fortsetzung dieser Programmatik des Projektes Weltethos lautet„kein Weltfriede ohne Religionsfriede“ und ist in einem dritten Schritt verbunden mit einem entschiedenen Plädoyer für den Dialog der Religionen. 1993 ist Küngs Projekt mit der Deklaration des Parlamentes der Weltreligionen aufgegriffen worden, die sich auf vier Grundgebote verpflichtete: Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor dem Leben, Solidarität und gerechte Weltwirtschaftsordnung, Toleranz und Leben in Wahrhaftigkeit, Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau. Ebenso kann das Weltethos anknüpfen an zentrale Anliegen der 1970 gegründeten Weltkonferenz der Religionen für den Frieden (WCRP). 6 Policy Politische Akademie HANS KÜNG Das Projekt Weltethos vor weltpolitischem Horizont Im ersten Teil seines Vortrages stellte Hans Küng die Geschichte der internationalen Beziehungen als Abfolge von Paradigmen, d. h. Gesamtkonstellationen gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen, dar. Das„alte“ Paradigma war das eurozentrisch-imperialistische Paradigma der Moderne, von Machiavelli ideenpolitisch vorbereitet, zum ersten Mal in der Politik von Kardinal Richelieu umgesetzt, aber dann von sämtlichen Staatsmännern verfolgt, die, um das Wort von Bismarck aufzugreifen, ‚Realpolitik’ betrieben haben und den Ersten Weltkrieg provozierten. Ein neues Paradigma der Weltpolitik wurde 1918 von den Vereinigten Staaten vorgetragen. Präsident Woodrow Wilson, forderte einen Gerechtigkeitsfrieden ohne Besiegte und Selbstbestimmung der Völker ohne Annexionen und Reparationsforderungen. Nur wollten es die europäischen Realpolitiker: Clemenceau, Llyod George u.a. nicht. Statt Gerechtigkeitsfrieden gab es einen Diktatfrieden mit den bekannten Folgen: Faschismus, Nazismus, sekundiert in Fernost vom japanischen Militarismus. Das waren die katastrophalen reaktionären Fehlentwicklungen, die zwei Jahrzehnte später zum Zweiten Weltkrieg führten. Es gab eine zweite Chance, wieder ein neues Paradigma, das von den USA ausging: Gründung der Vereinten Nationen in San Francisco, das BrettonWoods-Abkommen zur Neuordnung der Weltwirtschaft, Gründung des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und das große Dokument in der Menschheitsgeschichte: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948. Doch auch die zweite Chance 1945 wurde im Kalten Krieg verpasst. Eine dritte Chance gab es 1989 durch Fall der Berliner Mauer. Die erfolgreiche, friedliche Revolution in Osteuropa und der Kollaps des Sowjet-Kommunismus gaben neue Hoffnung. Nach dem Golf-Krieg 1991 war es wieder ein amerikanischer Präsident, der ein neues Paradigma,„a new world order“, ankündigte und mit dieser Parole enthusiastisches Echo in der Welt fand. Aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger Wilson wusste George Bush sen. nicht genau, wie dieses„vision thing“, aussehen sollte. Und so gab es, anders als versprochen, keine Demokratie in Kuwait, keine Förderung der Demokratisierung in Saudi-Arabien und den anderen autokratisch regierten Staaten und kein Ende der israelischen Besetzung Palästinas – Nährboden allen arabischen Terrorismus. Haben wir nun im vergangenen Jahrzehnt die Chance eines neuen Paradigmas ein drittes Mal übersehen, ja, definitiv verpasst? Doch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war erheblich besser als die erste – trotz all der Kriege, Massaker und Flüchtlingsströme, trotz des Archipel Gulags, trotz des Holocausts, des schlimmsten und schrecklichsten Verbrechens der MenschheitsProfessor Dr. Hans Küng Katholischer Theologe, Begründer des„Projekt Weltethos“ Policy Politische Akademie 7 geschichte, trotz der Atombombe. Ein neues Paradigma, eine neue nachmoderne Gesamtkonstellation wurde sichtbar. Eine neue Einstellung zu Krieg und Abrüstung, zu Partnerschaft von Mann und Frau, zum Verhältnis von Ökonomie und Ökologie und zu einem neuen Verhältnis zwischen christlichen Konfessionen und Weltreligion entwickelten sich in der Friedensbewegung, Frauenbewegung, Umweltbewegung und Ökumenebewegung. Während die afrikanische, asiatische und arabische Welt weiterhin von der aus Europa importierten nationalen Machtpolitik bestimmt blieben, haben in Europa Imperialismus, Rassismus und Nationalismus abgewirtschaftet. Im OECD-Raum gab es immerhin ein halbes Jahrhundert Frieden und Demokratie. Im zweiten Teil erläuterte Hans Küng das neue Paradigma internationaler Beziehungen und seine ethischen Voraussetzungen. Hier geht es nicht um Utopie – Utopia, griechisch, heißt:„kein Ort“ –, sondern um eine realistische Vision: statt der neuzeitlichen nationalen Interessen-, Macht- und Prestigepolitik soll eine Politik regionaler Verständigung, Annäherung und Versöhnung entstehen. Wir brauchen dafür eine neue Denkart, die wahrnimmt, dass nationale, ethnische und religiöse Verschiedenheiten, bei allen Schwierigkeiten, nicht grundsätzlich als Bedrohung verstanden werden müssen, sondern als eine mögliche Bereicherung. Während das Denken im alten Paradigma immer einen Feind, gar einen Erbfeind, voraussetzte, braucht das Denken im neuen Paradigma keinen Feind mehr. Wir brauchen jetzt z. B. nicht das Feindbild Kommunismus durch das Feindbild Islam zu ersetzen. Das neue Paradigma setzt einen gemeinsamen Konsens voraus, einen gesellschaftlichen Konsens bezüglich bestimmter Grundwerte, Grundrechte und Grundpflichten. Dieser gesellschaftliche Grundkonsens muss von allen gesellschaftlichen Gruppen mitgetragen werden – von Glaubenden wie Nichtglaubenden, von Angehörigen verschiedener Nationen, Religionen, Philosophien und Weltanschauungen. Das Weltethos ist keine neue Ideologie oder Superstruktur, sondern es soll die vorgefundenen 8 Policy Politische Akademie gemeinsamen religiös-philosophischen Ressourcen der Menschheit bündeln. Wir müssen nicht bei Null anfangen; das Rad des Ethos neu erfinden, nachdem der Mensch, schwierig genug, aus dem Tierreich kommend, langsam lernte, nicht nur den Trieben zu folgen, sondern sich human aufzuführen. Die philosophisch-religiösen Ressourcen der Menschheit können aber nicht von außen gesetzlich auferlegt werden. Es gibt keine Instanz, die Ethos vorschreibt. Das kann weder der Papst, noch die UNO. Wir müssen an das appellieren, was in der Menschheit schon da ist. Z. B. muss bei den führenden Eliten wieder mehr persönliche Verantwortung sichtbar werden. Wenn es nicht gelingt, mehr Politiker mit Charakter und nicht nur mit schauspielerischen Begabungen zu finden, dann werden wir immer dieselben Schwierigkeiten haben. Aber die Moral muss vom Recht unterstützt werden. Es muss unter Umständen juristisch eingeklagt werden können: Im Fall des Völkermords, des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und völkerrechtswidrige Aggressionen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Das Recht braucht das Ethos(„Quid legis sine moribus“ = was nützen alle Gesetze, wenn es keine Sitten gibt), wie umgekehrt Ethos das Recht braucht. Im dritten Teil fragte Hans Küng: Wie soll es weitergehen in der Weltpolitik, z. B. angesichts des internationalen Terrorismus und den Kontroversen um die Politik der USA? Der Kampf gegen den Terrorismus kann nicht in der bisherigen Weise weiterverfolgt werden. Oder sollen Bomben auch noch auf Syrien und Iran fallen? Und sollen deutsche Fregatten und Schnellboote ziellos auch noch vor den Küsten Indonesiens oder der Philippinen kreuzen? Erste Frage: Helfen Strafmaßnahmen? Auch die große Masse der Muslime in Europa und in der Welt ist über Terrorangriffe bestürzt. Die Schuldigen sind aufzuspüren, und wenn sie unzweifelhaft feststehen, abzuurteilen. Gewaltanwendung kann nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Zugleich sollten die USA und Israel ihre Opposition gegen die Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag aufgeben. Aber reine Rachereaktionen sind durch Völkerrecht verboten. Terror darf nicht mit Terror beantwortet werden, sondern nur mit den Mitteln des Rechtsstaates. Zweite Frage: Ist ein Zusammenbruch der Zivilisation zu erwarten? Es geht nicht um einen apokalyptischen Kampf zwischen Gut und Böse. Das Pentagon ist nicht die gottgegebene Instanz zur Ausrottung des Bösen in der Welt. Die Angriffe islamistischer Terroristen galten ja auch nicht christlichen Symbolstätten, sondern Symbolstätten des amerikanischen Imperiums, dem wirtschaftlichen und militärischen Nervenzentrum der USA. Es handelt sich gerade nicht um einen generellen Zusammenprall zwischen dem Islam und dem Westen, sondern um die mörderischen Attacken verschwindend kleiner, aber intelligenter, todesmutiger und so höchst gefährlicher Gruppen von Muslimen, die vor allem politische Ziele verfolgen, dabei allerdings religiös motiviert sind. Sie konnten jedoch die religiösen und kulturellen Gefühle ihrer Glaubensgenossen indes nicht so aktivieren, dass es zu einer breiten Bewegung kam. Dass Bin Laden große Sym- Policy Politische Akademie 9 pathien in der arabischen Bevölkerung hat, hängt mit anderen Dingen zusammen. Ist Terrorismus spezifisch islamisch? Die terroristische Attacke auf die USA ist von der überwältigenden Mehrheit der Muslime sofort als unislamisch verurteilt worden. Es geht also nicht um einen Kampf der Kulturen zwischen islamischer und westlicher Kultur. Von Saudi-Arabien bis Pakistan, von Iran bis Indonesien verurteilte man Bin Laden. Individueller oder staatlicher Terrorismus gilt unter den Muslimen allgemein als eine Pervertierung des Islam. Auch im Koran wird dazu aufgefordert, Böses mit Gutem zu erwidern und abzuwehren – Sure 13,22: Die Menschen sollen mit Weisheit ermahnt werden, auf die beste Weise mit Gegnern zu streiten – Sure 16, 125. Doch muss der Begriff „Dschihad“ und alles, was damit verbunden ist, geklärt werden. Als Christ sollte man auch daran denken, dass schon die hebräische Bibel – wie der Koran – Aufforderungen zum Kampf und zum Krieg enthält. Keine Religion sollte nur auf die anderen zeigen. Jede heilige Schrift kann missbraucht werden. Jede heilige Schrift kann von den dunklen Seiten her interpretiert werden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit(wie z. B. Häretikerverfolgungen, Hexenverbrennungen und Kreuzzüge) gerechtfertigt werden. Dass die Teilnahme am Krieg im Koran wie in Rechtstexten zur Pflicht gemacht wird, erklärt sich aus der Frühgeschichte der muslimischen Gemeinschaft. ‚Dschihad’ meint zwar nicht ‚heiliger Krieg’, sondern zunächst einmal Anstrengung im moralischen Sinn.„Dschihad“ ist ein Bemühen auf dem Wege Gottes. Und die gemäßigten Muslime verstehen das Wort heute allgemein so, und das wird auch mit Recht immer angeführt. Aber, man muss zugleich auch sagen – das darf nicht bagatellisiert werden – Dschihad ist auch schon in den ursprünglichen Quellen als ‚kriegerische Auseinandersetzung’ verstanden worden. Diese Aussagen können selbstverständlich wie auch gewisse Rache-Psalmen und anderes im Alten Testament von politischen Fanatikern missbraucht werden. Deshalb stellt sich hier grundsätzlich die Frage nach der Koran-Interpretation oder – wissenschaftlich formuliert – der Koran-Hermeneutik: Wie verstehe ich den Koran? Auch die Christen haben Schwierigkeiten mit gewissen Stellen, sowohl der hebräischen Bibel als auch des Alten und Neuen Testaments. Der Islam muss sich der Auseinandersetzung mit der Moderne ehrlich stellen, weil er mehr Schwierigkeiten hat als das Judentum und das Christentum mit dem eigenen Mittelalter fertig zu werden. Im vierten Teil unterbreitete Hans Küng einige praktische politische Handlungsvorschläge: • Ursachenforschung. Keine monokausalen Erklärungen in der gegenwärtigen Frage der Auseinandersetzung vor allem zwischen Islam und Christentum oder Arabern und dem Westen. Die berechtigten Ressentiments der Araber gegenüber dem Westen, die Wunden des Kolonialismus und Imperialismus und insbesondere die Kritik an Israel als amerikanischem Brückenkopf im arabischen Raum, müssen berücksichtigt werden. Ohne die Lösung des Palästina-Konflikts wird es keinen Frieden im Nahen Osten geben. Deshalb verdienen die Road-Map des Quartetts: UN, USA, EU und Russland und die mit Hilfe der Schweiz ausgearbeitete israelisch-palästinensische Vermittlungsinitiative alle Unterstützung. Hinzu kommen die Ressentiments gegen die Präsenz der USA am Persischen Golf. • Neubesinnung: Der militärische Sieg gegen die Taliban darf nicht zur Illusion verleiten, dass wir die gesamt Welt des Terrorismus in jener Weise bekämpfen können, wie wir das zurzeit tun. Wir brauchen Deeskalation und konkrete praktische Lösungen; statt westlicher Parteilichkeit ehrliche Maklerschaft; statt Konfrontation neue Vertrauensbildung auf allen Ebenen; statt Symptombekämpfung Therapie an den sozialen und politischen Wurzeln des Terrors; statt noch mehr Milliarden für militärische und polizeiliche Zwecke mehr Mittel für die Verbesserung der sozialen Lage der Massen im Nahen Osten und der Globalisierungsverlierer. 10 Policy Politische Akademie Auf die Frage, ob angesichts der dramatischen Lage in den Krisengebieten der Welt, das Projekt Weltethos einen Beitrag leisten kann, antwortete der Vortragende mit einem deutlichen: Ja! Es kann unter den Nationen keinen Frieden geben ohne den Frieden unter den Religionen. Und dieser Frieden unter den Religionen funktioniert nicht, wenn man nicht einen Dialog zwischen Religionen initiiert oder weitertreibt. Es gibt überall die Gefahr des Missbrauchs der Religion zu politischen Zwecken. Dann entsteht ein hochexplosives Gemisch aus Religion und Politik. Fanatisierte Religion wird zu einer Gefahr für den Weltfrieden. Im Dialog der Religionen muss über die Menschenrechte gesprochen werden. Wenn die Menschenrechte heutzutage nicht einmal von den Amerikanern eingehalten werden, dann hängt das nicht damit zusammen, dass die Menschenrechte nicht bekannt sind, sondern dass man sie nicht einhalten will. Hier stellt sich die Frage der ethischen Grundhaltung. Hans Küng unterscheidet zwischen Ethos, das ist die sittliche Grundhaltung des Einzelnen, und Ethik. Mit Ethos ist nicht ein ethisches System (z. B. von Aristoteles, Thomas, Kant etc.) gemeint, sondern einige elementare Grundlinien, die von allen Menschen getragen werden sollten. Dieses Minimum dessen, was die Religionen der Welt schon mit Ethos gemeinsam haben, was auch von philosophischen Strömungen bestärkt worden ist, sollte wieder bewusst werden, wie es auch schon in der Weltethos-Erklärung der Weltreligionen in Chicago 1993 zum Ausdruck gebracht worden ist. Was auf der Ebene des Rechts proklamiert wurde, den Menschenrechten, das wollte die Einleitung der Chicagoer Erklärung im Blick auf das Ethos bestätigen und vertiefen: die volle Realisierung der Unverfügbarkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Freiheit, der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen und der notwendigen Solidarität und gegenseitigen Abhängigkeit aller Menschen voneinander. Wird das 21. Jahrhundert wirklich besser sein als das 20., geprägt von Gewalt und Kriegen? Werden wir eine neue Weltordnung, eine bessere Weltordnung wirklich erreichen? Im 20. Jahrhundert sind drei Chancen für eine neue Weltordnung verpasst worden. Eine Gruppe von 20„wichtigen Personen“, einberufen von UN-Generalsekretär Kofi Annan, hat eine Vision eines neuen Paradigmas internationaler Beziehungen vorgelegt, in dem die Religionen als Akteure in der Weltpolitik wieder in Erscheinung treten. Viel zu oft haben die Religionen im Lauf der Geschichte ihre zerstörerische Seite gezeigt. Sie haben Hass, Feindschaft, Gewalt, ja Kriege angeregt und legitimiert. Aber in vielen Fällen haben sie auch Verständigung, Versöhnung, Zusammenarbeit und Frieden angeregt und legitimiert. In den letzten Jahrzehnten sind überall auf der Welt verstärkt Initiativen des interreligiösen Dialogs und der Zusammenarbeit der Religionen entstanden. In diesem Dialog entdeckten die Religionen der Welt wieder, dass ihre eigenen ethischen Grundaussagen jene säkularen ethischen Werte unterstützen und vertiefen, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte enthalten sind. Die Basis für ein Weltethos, wie es Menschen aus allen großen Religionen und ethischen Traditionen teilen können, bilden die folgenden Grundsätze: Ausgangspunkt ist das Prinzip der Menschlichkeit: jeder Mensch, ob Mann oder Frau, weiß oder far- Policy Politische Akademie 11 big, reich oder arm, jung oder alt, muss menschlich behandelt werden, ausgedrückt in der„Goldenen Regel“ der Gegenseitigkeit:„Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch dem anderen nicht zu“. Dieses Prinzip wird in vier zentralen Lebensbereichen entfaltet und ruft jeden Menschen, jede Institution und jede Nation dazu auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen für eine Kultur der Gewaltlosigkeit, der Ehrfurcht vor dem Leben – nicht morden –, für eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung – nicht stehlen –, für eine Kultur der Toleranz, ein Leben in Wahrhaftigkeit – nicht lügen –, für eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau – Sexualität nicht missbrauchen. Die Globalisierung braucht ein globales Ethos – nicht als zusätzliche Last, sondern als Grundlage und Hilfe für die Menschen, für die Zivilgesellschaft. Hans Küng fragte am Schluss: Gibt es noch universelle Werte? Ja, es gibt sie. Aber wir dürfen sie nicht für selbstverständlich halten. Sie müssen sorgfältig durchdacht, sie müssen verteidigt, sie müssen gestärkt werden. Und wir müssen in uns selbst den Willen finden, nach den Werten zu leben, die wir verkünden, in unserem Privatleben, in unserem lokalen und nationalen Gemeinwesen und in der Welt. 12 Policy Politische Akademie Kommentare dazu: aus theologischer, philosophischer und politischer Sicht Christof Gestrich: aus theologischer Sicht Der Kommentator würdigte das kultur-übergreifende Weltethos als weltweit positiv aufgenommenen Beitrag zum Diskurs über ethische Grundfragen in Zeiten der Globalisierung. Er formulierte ein konstruktives Bedenken: Hans Küng hat Recht, wenn er fordert, dass gerade die Religionen in die Pflicht genommen werden müssen, um mit ihren Potenzialen zum Weltfrieden beizutragen. Das Christentum hat das hierzulande verstanden. Doch muss auch die Doppelgesichtigkeit der Religionen bedacht werden. Religionen haben Gewaltpotenziale entfesselt, nicht nur weil sie von außen für Gewalt instrumentalisiert worden sind, sondern weil Gewalt auch aus inneren Absolutheitsansprüchen heraus motiviert war(z.B. die Kreuzzüge). Die von der Theologie und den Kirchen zunächst so gefürchtete philosophische Aufklärung der europäischen Neuzeit, hat religiöse Toleranz erzwungen. Die Aufklärung, selbst in der Dialektik von gut und böse befangen, war nicht nur antichristlich, sondern enthielt auch Anteile des Christentums. Heute ist das Kriegsbeil zwischen christlichen Kirchen und Aufklärung zu begraben. Sie müssen ihre jeweiligen moralischen Stärken addieren. Die großen Weltreligionen lehren zwar die vom Weltethos benannten vier Grundverpflichtungen nach innen, aber es ist nicht davon auszugehen, dass alle Weltreligionen in derselben Zeit leben und dasselbe aufgeklärte Verhältnis zur positiven Toleranz gewinnen können. Christof Gestrich erläuterte das am Beispiel des Islam in Indonesien, wo es einerseits von den drei größten islamischen Organisationen eine klare Verurteilung des Terrorismus(als unislamisch) gab, andererseits Vorurteile und Intoleranz gegen christliche und buddhistische Minderheiten zu beobachten sind. Wenn es unabdingbar ist, dass wir in der Ethik zusammenarbeiten müssen, wie kann das konkret geschehen, wenn die Religionen Eisenbahnzügen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit gleichen? Sie sagen dasselbe und sie sagen doch nicht dasselbe. Die Religionen können heute führende Friedensmächte sein, wenn sie durch die ethisch wirkliche Aufklärung hindurchgegangen sind. Sie können auf Dauer vernunftgemäße Toleranzgedanken nicht von sich fernhalten, sondern werden besser zu sich selbst finden, wenn sie ihren Absolutismus zurückstellen. Das Projekt Weltethos kann einen Beitrag dazu leisten, dass sich die Religionen den Modernisierungsprozessen stellen und im Dialog gegenseitiges Misstrauen und Ängste abbauen. Das Weltethos ist nicht durch eine bloße Addition der moralischen Kräfte der Religionen zu erreichen, sondern muss an innerreligiöse Reifungsprozesse gekoppelt sein, die noch nicht erfolgt sind. Professor Dr. Christof Gestrich Evangelischer Theologe an der Humboldt-Universität, Berlin Policy Politische Akademie 13 Heiner Bielefeldt: aus philosophischer Sicht Heiner Bielefeldt betonte, sich in demselben Lager wie Hans Küng zu befinden: Emphatisches Ja zur ökumenischen Verständigung, insbesondere im Blick auf den Islam! Emphatisches Ja auch zur ethischen Konsenssuche! Hier sind die Menschenrechte in den Mittelpunkt zu stellen. Menschenrechte müssen – das ist insbesondere vor dem Hintergrund der gegenwärtigen amerikanischen Politik zu sagen – im Medium des Völkerrechts umgesetzt werden. Das Projekt der Aufklärung ist auch für das Christentum nicht als abgeschlossen zu betrachten. Aufklärung ist bei Kant der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Insofern sind wir immer auf dem Wege und befinden uns in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung. Heiner Bielefeldt formulierte dann zwei kritische Anfragen zum Weltethos, die sich auf den Zusammenhang von Weltethos und interreligiöser Verständigung bezogen. Erstens: Wie stehen Ethos und Religion zueinander? Hans Küng spricht von einem dialektischen Wechselverhältnis bei dem die eine Seite, das Humanum, d. h. bestimmte ethische Grundstandards, einerseits als ökumenisches Kriterium und andererseits auch als Kriterium religiöser Wahrheit gelten. Hans Küng schreibt:„Insofern eine Religion der Menschlichkeit dient, ist sie wahre, gute Religion und insofern sie der Unmenschlichkeit verhaftet bleibt, ist sie falsche Religion.“ Der andere Halbkreis innerhalb dieses dialektischen Wechselverhältnisses besagt, dass die Religion ihre unersetzliche Bedeutung hat für die Begründung ethischer Richtigkeit.„Gerade Religion muss gegeben sein, wo man Humanität als wahrhaft unbedingte und universale Verpflichtung realisieren und konkretisieren will.“ Es versteht sich von selbst, dass von den Religionen das Humanum als das Kriterium des ethisch Akzeptablen zur Geltung gebracht werden muss. Aber wieso soll das Humanum Kriterium religiöser Wahrheit sein? Kann es sein, dass auf diese Weise die irritierenden Seiten der Religion, die Gewaltpotenziale, die ethisch problematischen Tendenzen in den Bereich des Uneigentlichen geraten und kategorial abgeblendet werden? Werden die dunklen Seiten der Religion somit nicht nur als„Missverständnisse“, „Missbrauch“ und„Instrumentalisierung“ des Religiösen“ dargestellt? Wird verschwiegen, dass das Inhumane aus der Mitte der Religionen selber herauswachsen kann? Zweitens: Die Religion als Begründung ethischer Unbedingtheit: Es ist nicht bestreitbar, dass das religiös geprägte Ethos für die Lebenswirklichkeit der Menschen eine große Bedeutung hat. Es ist aber fragwürdig, dass Unbedingtheit nur durch Religion verbürgt sein soll. Es ist keineswegs so, dass menschliches Handeln nur durch religiöse Transzendenz davor bewahrt wird in ein utilitaristisches Kalkül zu verfallen. Es gibt auch andere Möglichkeiten, die Unbedingtheit des Ethischen zu denken. Und es gibt umgekehrt auch in der Religion Tendenzen eines sehr utilitaristischen Verständnisses von Moral: Moral als Weg, um sich ein Plätzchen im Himmel zu erkaufen! Der Platz der nichtreligiösen Menschen, die ja eingeladen werden, sich am Projekt Weltethos zu beteiligen, bleibt in dem dialektischen Wechselverhältnis kategorial unklar, d. h. hier bleibt ein Element konzeptioneller Marginalisierung erhalten. PD Dr. Heiner Bielefeldt Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Berlin 14 Policy Politische Akademie Wolfgang Thierse: aus politischer Sicht Wolfgang Thierse beschrieb die weltpolitische Lage nach dem Ende des Kalten Krieges nüchtern als Beginn neuer Krisen. Entgegen vielen Hoffnungen und Erwartungen ist kein neues Zeitalter des Weltfriedens angebrochen. Die Zerfallserscheinungen des kommunistischen Systems und neue, ethnisch, sozial und religiös bestimmte Konflikte haben uns neue Unsicherheiten beschert. Wir sprechen heute von der Globalisierung, als einem Prozess außerordentlicher wissenschaftlich-technischer Beschleunigung, großer wirtschaftlicher Chancen, aber auch der Verschärfung ökonomischer, politischer, sozialer und kultureller Gegensätze. Wie kann dieser Prozess der Globalisierung geordnet werden? Eine realpolitische Antwort kann lauten: Wir verlassen uns auf die eine Weltmacht USA, die diesen Prozess für uns ordnet und dafür auch als einzige Macht die wirtschaftlichen und militärischen Kräfte besitzt. Europa ist weder einig noch stark genug, noch hat es die Überzeugungskraft um dies leisten zu können. Die USA entwickelten für die Wahrnehmung dieser Rolle auch eine Art„Ideologie“ und ein neues Feindbild, z. B. für die Begründung von Präventivkriegen. Hier wird von neokonservativen Denkern die Position vertreten, dass die Demokratie und die universellen Werte der Freiheit in der Welt durchgesetzt werden müssen, auch im Konflikt und auch mit Machtmitteln. Eine andere, viel schwierigere Antwort ist die Herstellung einer gerechten Weltordnung. Eine solche Ordnung gibt den verschiedenen Teilen der Welt mit ihrer unterschiedlichen Geschichte, verschiedenen religiösen und kulturellen Prägungen und auch gegenwärtig unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Interessenlagen, die Chance, an der Gestaltung gleichberechtigt beteiligt zu sein. Das wird ohne ein Projekt Weltethos nicht gehen. Die Religionen, deren erstaunliche Vitalität wir trotz aller aufklärerischer Besserwisserei gerade erleben, sind einzubeziehen. Aber auch die dunklen Seiten der Religion, wie z. B. fundamentalistische Tendenzen, gehören auch zur Vitalität der Religion. Daraus ist nicht zu folgern: Wenn wir nur diese widersprüchlichen und gelegentlich problematischen Religionen loswürden und dem Säkularisierungsprozess freie Bahn gäben, so würde es um den Weltfrieden besser stehen. Es ist dagegen zu halten, dass auch atheistische Ideologien(Stalinismus, Maoismus, Pol Pot) gewaltige Zerstörungspotenziale entfaltet haben. Es gibt Gewalt auch ganz ohne Religion. Die Grundfrage lautet: Wie können wir trotz der Widersprüchlichkeit der Vitalität der Religionen, ihre Energien für die Herstellung einer gerechten Weltordnung nutzen? Wie können wir im Sinne des Projekt Weltethos das ethische Minimum aller Religionen und Kulturen so entwickeln, dass daraus eine Kraft für den Weltfrieden entsteht? Die Herstellung einer gerechten Weltordnung bedeutet, die unterschiedlichen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Wege anzuerkennen bei gleichzeitiger Akzeptanz der universellen Geltung von Menschenrechten und Grundwerten in einer multilateralen Weltordnung. Eine gerechte Weltordnung ist eine multilaterale Weltordnung. Das Projekt Weltethos und der Dialog der Religionen, der als kritische Streitkultur verfasst sein sollte, sind dabei unverzichtbare Hilfen. Wolfgang Thierse, MdB Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD Bisher erschienen: Globale Demokratisierung und die Rolle Europas Religion und Politik Wandlungsprozesse im transatlantischen Vergleich Die Zukunft des Sozialstaats Ländervergleich von Modellen Sozialer Demokratie Gerechtigkeit in der kulturell pluralistischen Gesellschaft