Zwischen Demokratie und Shari’a? Die Rolle des Politischen Islam in Westafrika Dokumentation Zwischen Demokratie und Shari’a? Die Rolle des Politischen Islam in Westafrika Dokumentation Veranstaltung am 21. März 2006 in Berlin ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Begrüßung Werner Puschra, Leiter des Referats Afrika der Friedrich-Ebert-Stiftung 4 Impulsstatement zur FES-Studie„Politischer Islam in Westafrika“ Reinhard Schulze, Dekan der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern 5 Podium I: Erfahrungen mit„Islamischer Demokratie“ Reinhard Schulze, Dekan der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern 8 Holger Weiss, Åbo Akademie Universität Helsinki 9 Roman Loimeier, Universität Göttingen 10 Ursula Günther, Universität Hamburg 11 Plenumsdiskusion I 12 Podium II:„Heiliger Krieg“ oder Realpolitik? Islam und Gewalt in Westafrika Mohammed Kimbiri, Direktor Radio Dambé, Bamako/Mali 14 Ousmane Kane, Columbia University Washington 15 Franz Kogelmann, Universität Bayreuth 16 Holger Weiss, Åbo Akademie Universität Helsinki 17 René Otayek, Direktor des Centre d’Etude d’Afrique Noire(CEAN), Bordeaux 18 3 Plenumsdiskussion II 19 Programm 20 I N H A LT FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG © Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung Internationale Entwicklungszusammenarbeit Referat Afrika 53170 Bonn Verantwortlich: Julia Schartz Red. Mitarbeit: Eva Rosenberger, freie Journalistin Fotos: Jens Schicke Layout: Pellens Kommunikationsdesign, Bonn BEGRUESSUNG Begrüßung Werner Puschra Leiter des Referats Afrika der Friedrich-Ebert-Stiftung ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Wer in einer komplizierten Welt verantwortungsvoll afrikanischen Kontinent südlich der Sahara zu weiten politische Entscheidungen fällen will, muss ganz genau Teilen. Insbesondere in Westafrika ist der Islam heuhinschauen. Dies gilt ganz besonders für ein so komte eine bedeutende gesellschaftliche Kraft – mit ganz plexes Thema, wie die Rolle des politischen Islam. eigenen Ausprägungen. Wer weiß schon, dass es–etwa Wer hier die politische Wirklichkeit verstehen will, in Mali und Senegal – stark muslimisch geprägte muss auch und gerade die Zwischentöne wahrnehmen Gesellschaften gibt, in denen Demokratie durchaus und erst dann eine Beurteilung versuchen. Doch was funktioniert? bedeutet es, genau hinzuschauen? Genau hinschauen Doch welchen Einfluss übt der„Politische Islam“ heißt nicht, sich in unbedeutenden Details zu verlieren. in den Staaten Westafrikas derzeit tatsächlich aus? Und genau hinschauen heißt auch nicht, das WesentWer sind die relevanten Akteure und welche Lösungsliche und die großen Trends aus dem Blick zu verlieansätze bieten sie für aktuelle soziale Probleme? ren. Welche Bedeutung haben heute Formen des radiWohl aber bedeutet genau hinzuschauen: Auf kalen Islam in Westafrika? Vor allem in Nigeria und pauschale Urteile zu verzichten und sich zu bemühen, Côte d’Ivoire werden Gewaltausbrüche oft durch isladie Nuancen und Schattierungen eines komplexen mistische Aktivitäten erklärt. Und auch die Vereinigten Gegenstandes wahrzunehmen. Denn erst diese DiffeStaaten sehen in Westafrika zunehmend eine weitere renzierung ermöglicht ein vielschichtiges und tiefenFront im globalen„Krieg gegen den Terror“. Doch scharfes Bild der Wirklichkeit. Und nur auf einer soltreffen diese Einschätzungen wirklich zu – oder sind chen Grundlage kann Politik sinnvoll gestaltet werden. die religiös anmutenden Spannungen eher InstrumenWer die Entwicklung der internationalen Politik talisierungen von Religion zu politischen Zwecken? in den letzten Tagen und Wochen verfolgt, erlebt mit, Zu fragen ist auch, wie sich die Beziehungen der west4 wie sich eine Spirale der Eskalation vermeintlich unafrikanischen Religionsgemeinschaften heute unteraufhaltsam entfaltet. Und immer wieder, so scheint einander gestalten. Wie wird die Einführung der es, wird Besonnenheit und Differenziertheit verdrängt Shari’a in der Region diskutiert? Und: Welchen Einfluss von Emotionen und der schlichten Weigerung, Zwihaben internationale islamische Organisationen auf schentöne und Differenzierungen zuzulassen. Kann Entwicklungsprozesse in Westafrika? man nicht beinahe täglich beobachten, wie eben das Sie sehen, die Liste an brisanten und spannenden genaue Hinschauen vernachlässigt wird? Und zwar Fragen, die wir heute diskutieren möchten, ist lang. von Akteuren jeglicher Couleur? Und haben dies nicht Ich wünsche uns allen eine erhellende Diskussion in zuletzt auch die jüngsten Entwicklungen um die Verdem Versuch, genauer hinzuschauen – und nicht zuöffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer letzt einen kühlen Kopf. dänischen Tageszeitung deutlich gemacht? Jetzt darf ich das Wort an Reinhard Schulze von Wenn wir uns heute mit der Rolle des politischen der Universität Bern übergeben. Professor Schulze Islam in Westafrika beschäftigen, dann tun wir dies wird zunächst einige Worte zu der FES-Studie„Politimit eben dem Ziel, genauer hinzuschauen. scher Islam in Westafrika“ anmerken, die wir Ihnen Denn in der öffentlichen Debatte gerät eines heute präsentieren möchten. Sie können die Studie immer wieder aus dem Blick:„Der“ Islam – den es so im Foyer einsehen und bei Interesse gerne erwerpauschal natürlich nicht gibt – ist keineswegs auf die ben. Arabische Welt beschränkt, sondern prägt auch den Vielen Dank. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG IMPULSREFERAT ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Impulsreferat zur FES-Studie „Politischer Islam in Westafrika“ Reinhard Schulze Dekan der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern Die vorliegende Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung wie diese Lösungen im Kontext eines globalisierten war in vielerlei Hinsicht überfällig. Nicht nur die meVerständnisses von Demokratie zu bewerten sind. diale Aufbereitung der Implementierung eines Shari’aGenau dies aber hat die vorliegende Studie im Sinn. konformen Strafrechts in einigen nigerianischen BunAus den Antworten, die die Autorinnen und Autoren desstaaten, sondern auch die Ausdeutung der inneraufgrund intensiver Forschungen vor Ort anbieten, lasstaatlichen Konflikte in der Côte d’Ivoire oder in Togo sen sich folgende Aspekte ableiten: als islamisch motivierter Konflikt haben die Frage 1. Islamische Politik wirkt im Kontext der meisten nach der sozialen Wirklichkeit eines politischen Islam westafrikanischen Staaten mobilisierend. Sie in Westafrika in den Vordergrund gerückt. Islamisch agiert nicht gegen den Staat, sondern trägt dazu argumentierende politische Akteure werden heute bei, dass sich die lokale Bevölkerung in Bezug auf schnell verdächtigt, einem islamischen Radikalismus, den Gesamtstaat partizipatorisch verhält. ja Terrorismus den Weg zu ebnen. Von Muslimen wird 2. Islamische Politik ist nicht unmittelbar ethnisch gewiss primär eine politisch-quietistische Haltung verkoppelt, sondern gestaltet einen öffentlichen erwartet; setzen sie hingegen als politische Akteure Raum, in dem Ethnizität zunehmend als sekunden Islam in Szene, geraten sie schnell in den Verdacht, därer Faktor wirksam ist. fünfte Kolonne eines globalen islamischen Kampfes 3. Die islamische Politik ist von den Interessen der gegen den Westen zu sein. Akteure her stark ausdifferenziert und lässt sich Auffällig ist in jedem Fall, dass mit der seit bald keinem einheitlichen Schema zuordnen oder gar 20 Jahren wirksamen Kulturalisierung politischer Welmit einem einheitlichen Programm identifizieten Religion einen Ordnungsbegriff darstellt, der nun ren. als übermächtige Deutungskategorie für jedweden 4. Islamische Politik ist primär greifbar als polity sozialen Interessenskonflikt herangezogen wird. und als policy, also als funktionale Struktur und 5 Dies betrifft auch Westafrika. Der Begriff Religion als Handlungsfeld. Sie hat bislang – mit der bemerhalf, die dort seit den 1990er Jahren zu beobachtende kenswerten Ausnahme von Nigeria – noch keine Militarisierung oft nur schwer überschaubarer Intereswirklichen Wege zu politics gefunden, also zum senskonflikte in eine Ordnung zu bringen. Diese weist eigentlichen, das demokratischen Konzept formal deutlich bipolare Züge auf: hier der„modernisierungssteuernden Prozess gefunden. freundliche, oft christliche Süden“, dort der separatis5. Innerislamische Partikularität führt zu einem tische islamische Norden. gewissen diskursiven Wettbewerb. Aktuell konDiese politisch wirksame Deutung hat eine Ordzentriert sich dieser Wettbewerb der Ideen auf nungsfunktion, der sich auch Akteure bedienen, die die Wertung einer islamischen Legitimierung von in den westafrikanischen Konflikten ihre Interessen politics, also auf das Zustandekommen eines dedurchzusetzen versuchen. Christliche Sekten teilen diese mokratischen Prozedere. Sufische Gruppen betoSicht, und gewisse muslimische Zirkel sehen das auch nen zunehmend die konzeptionelle Trennung von so. Um so fragwürdiger erscheinen diesen Beobachtern policy und politics, während städtische islamisund Konfliktbeteiligten Untersuchungen, die erfragen, tische Gruppen genau das Gegenteil propagieren. ob islamische politische Akteure gar einen Beitrag zu Einig scheinen sich alle islamischen Akteure darin, einer Demokratisierung leisten können und ob Akteure, dass islamische Politik immer spezifische politische die sich als Muslime identifiziert sehen wollen, eine Handlungsfelder, also policies, definiert. islamische Lösung anzubieten in der Lage sind und FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? 6. Auffallend ist, dass islamische Politik in Westafrika eine sehr ausgeprägte Heterogenität aufweist. Das entspricht der Struktur dieser Subregion. Sie ist etwas größer als die EU und verfügt etwa über die Hälfte der Einwohnerzahl Europas. Als Subregion ist sie – territorial wie demographisch – mehrheitlich muslimisch(66%),undmit15Staaten (ohne Kamerun, Tschad und Mauretanien) ist sie verglichen mit anderen islamischen Subregionen staatlich-territorial stark differenziert. Diese Pluralität hat aber kaum zu einem regionalen diskursiven Wettbewerb innerhalb der islamischen Politik geführt. Die islamischen Akteure sind auf die jeweiligen Staaten fixiert und definieren ihren politischen Handlungsraum in keiner Weise regional. Eine transnationale Verflechtung ist allenfalls auf bestimmte politische Kulturen beschränkt, etwa auf die Zusammenarbeit der Sufi-Bruderschaften. 7. Islamische Politik in Westafrika ist somit deutlich auf die jeweiligen Nationalstaaten bezogen. Sie wird durch die strukturellen Rahmenbedingungen definiert, die diese Staaten vorgeben. In den acht frankophonen Ländern Westafrikas ist der Verfassungskonsens auf eine gewisse Form der laïcité engagée ausgerichtet, während die vier anglophonen Länder den traditionellen muslimischen Herrschaftseliten einen deutlich größeren Handlungsraum belassen haben. Islamische Politik hat offenbar dort einen starken Mobilisationserfolg, wo sie sich mit bestehenden muslimischen Herrschaftsstrukturen messen kann, vornehmlich in Nigeria, aber auch in Ghana. 8. Solange sich islamische Politik im Rahmen staatlich definierter politischer Felder bewegt, ist sie stark standardisiert. In Westafrika findet sich etwa das gleiche politische Spektrum, das auch die islamische Öffentlichkeit etwa in den arabischen Ländern prägt: Islamische Politik lokaler Herrschaft, sufische Politik, Islamisten unterschiedlicher Richtung und Gelehrtenpolitik. Spezifisch ist die Gewichtung der Fraktionen und der Grad der politischen Mobilisationsfähigkeit. 9. Islamische Politik kann in Westafrika einen demokratischen Prozess stützen, aber auch untergraben. Ausschlaggebend sind hierbei nicht normative Vorgaben, die aus der islamischen Tradition abgeleitet werden, sondern das politische Selbstverständnis islamischer Akteure selbst. Die Grundfrage ist, ob die politische Definition religiöser Autorität dazu beiträgt, in der Bevölkerung einen Partizipationsanspruch zu entwickeln, der darauf beruht, Interessen anderer sozialer Gruppen als legitim anzuerkennen. Hier zeigen die Beispiele aus Mali, Senegal und Ghana, dass dies möglich ist. Offenbar funktioniert noch die alte Form der Interessensanerkennung, die von muslimischen religiösen Autoritäten zumindest geduldet wurde und die als politischer Wert in einem demokratischen Prozess weiterwirkt. 6 IMPULSREFERAT FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? 10. Islamische Politik in Westafrika hat aber insgesamt terventionismus seinen Zenit überschritten. Das nur einen beschränkten Mobilisationsgrad; in Interesse etwa der islamischen Weltliga in Mekka Konfliktsituationen sind ethnische Kategorien von an Westafrika ist in den letzten Jahren merklich größerer Bedeutung. So fällt auf, dass der Prozess geschwunden. Dies wieder erlaubt den islamider Ethnisierung islamischer Identität, die in anschen Akteuren eine gewisse Unabhängigkeit. deren islamischen Subregionen zu beobachten 13. Innerhalb der islamischen Welt haben westafriist, in Westafrika kaum zum Tragen kommt. kanische muslimische Eliten kaum Rückhalt ge11. Nicht zu unterschätzen sind Formen der sozialen funden. Die Zeiten, als profilierte islamische AuMobilisation, die nicht politisch sind, wohl aber toritäten wie Ibrahim Nyass, Muhammad Bello über eine starke Islamität verfügen. Islamische oder Abubakar Gumi auf dem transnationalen Solidaritätsnetzwerke, die eine starke Abstinenz islamischen Parkett in den 1960er Jahren aktiv gegenüber der staatlichen Ordnung aufweisen, waren, sind endgültig vorbei. Damals wurden sie können als lokale Akteure und als Konkurrenten gehandelt als Akteure gegen die überbordenden des Staates auftreten. Solche Solidaritätsnetzwernationalen Entwicklungsideologien, die die Herrke formulieren vielfach eine Form von policy, die schaft der nachkolonialen bürokratischen Eliten dem Staat die Umsetzung seiner Autorität vor Ort legitimierten. Die Herrschaftseliten von heute streitig macht. Nicht zufällig sind es oft die alten predigen kaum noch solche Entwicklungsutopien, großen Sufi-Bruderschaften, die diese Netzwerke sondern propagieren vor allem in der Frankosteuern. Aber auch kleinere islamische Gemeinphonie mehrheitlich eine Politik der Nationalität, schaften nutzen dieses neue Ordnungsprinzip, also zum Beispiel der Ivoirité und der Senegalité. das jenseits der Zivilgesellschaft anzusiedeln ist. Für die muslimischen Eliten bedeutet dies eine 12. In diesem Zusammenhang ist der Konflikt zu Lokalisierung ihrer Islamität, die nun eine Konstansehen, der durch die religiöse Ordnung der Lebenste der jeweiligen Nationalité sein soll. Dieser für welten entstanden ist. In dem Maße, wie sich AkWestafrika spezifische Prozess hat die islamischen teure auf das Konzept Religion als universales Eliten von der transnationalen Szene abgekoppelt, Ordnungsmuster einigen, entsteht in den Köpfen dies, obwohl heute 10% der Muslime in Westafridie Vorstellung, dass sich in Westafrika Muslime ka beheimatet sind, also etwa so viel wie in Paund Christen gegenüberstehen. Diese Opposition kistan. wird noch dadurch gestärkt, dass sich in den Islamische Politik kann also ein Faktor in der Demoletzten 50 Jahren, vor allem in den 1960er und kratisierung der politischen Systeme in Westafrika 1970er Jahren, islamische und christliche Mission sein. Weder stellt sie eine strukturelle Grenze eines 7 einen harten Wettbewerb lieferten. In der Côte solchen Demokratisierungsprozesses dar, noch hat d’Ivoire etwa waren 1950 nur etwa 50% der sie diesen bislang besonders befördert. Religionen Bevölkerung mit einer der beiden Religionen verallgemein werden durch die Kulturalisierung der Welt bunden, jetzt sind es über 80%. Dieser Verdichzu politischen Akteuren befördert, das betrifft auch tungsprozess war ja auch Anlass transnationaler den Islam. Ob sie aber ein entscheidender politischer islamischer Organisationen, in Westafrika zu inPlayer in Westafrika sein werden, lässt sich heute tervenieren. Aus meiner Sicht aber hat dieser Inkaum entscheiden. IMPULSREFERAT FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Podium I: Erfahrungen mit „Islamischer Demokratie“ Reinhard Schulze Dekan der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern In Westafrika gibt es zwei Staatsmodelle, die miteinstehen ließen. Von außen gesehen ist das Konzept der ander konkurrieren und die im späten 19. und frühen Shari’a weder normativ noch in irgendeiner Weise 20. Jahrhundert existierende Modelle in Europa abgreifbar. Weil die Shari’a kein stabiles Konzept ist, das bilden. Es gibt das französische Staatsmodell der wir gegen die Demokratie setzen könnten, funktioniert laïcité und das englische Modell des secularism, welauch die Überschrift dieser Podiumsveranstaltung ches unter anderem in Nigeria implementiert wurde. „Zwischen Demokratie und Shari’a“ so nicht. Genauso Die Neutralität, die sich Großbritannien in Nigeria gut besteht die Möglichkeit, dass ein demokratischer gegenüber den lokalen Herrschaften in Nordnigeria Verfassungsstaat durch die Shari’a legitimiert wird. erlaubte, hätten sich französische Kolonialbeamte Diese erstaunliche Flexibilität im Konzept der Shari’a nicht erlaubt. Wäre Nigeria von der französischen ist vor Ort ein ganz starkes, lokales Wissen, welches in Kolonialverwaltung kontrolliert worden, sähe das der Westlichen Welt nicht vorhanden ist, wo über die Problem in Nordnigeria heute völlig anders aus. Das Shari’a in einer anderen Form gesprochen wird. heißt, die kolonialen Traditionen haben so starke Bei einem Konflikt auf Grund einer InteressensOrdnungskonzepte in die Länder eingebracht, dass konstellation wie beispielsweise in Nordnigeria hat dies stärker beachtet werden sollte als die frühere Religion heutzutage die beste Interpretationskraft, PODIUM I islamische Geschichte. ohne dass die Religion den Konflikt selbst generieren Zwischen 1975 und 1985 fand in Westafrika ein würde. Dabei ist Religion nicht die Ursache der Kongroßer missionarischer Erfolg statt. In dieser Zeit haflikte. Stattdessen ist sie eine ganz platte und eng beben Länder wie Saudi Arabien 500 bis 1000 Prediger grenzte Schablone der Deutung und der Konfliktbeausgebildet, die nach Westafrika geschickt wurden. wältigung, so dass im Grunde genommen damit der Es fand ein starker Wettbewerb statt, der als ein islaKonflikt gar nicht zu bewältigen ist. mischer Kampf gegen die christliche Mission vor Ort Zu der Frage nach dem Stellenwert der Umma 8 gesehen wurde. Als deutlich wurde, dass in Westafrika [Gemeinschaft aller Muslime, a.d.R.] bei westafrikakeine Moscheenkultur implementiert werden konnte, nischen Muslimen ist zu sagen, dass die politische zogen die Saudis in den 90er Jahren die meisten MisInterpretation der Zugehörigkeit zur Umma in Westsionare wieder zurück. Zeitlich etwas verschoben gab afrika praktisch kaum eine Relevanz hat. es neben der saudischen auch die libysche Mission, die Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass versuchte, in Westafrika Fuß zu fassen. Diese scheiterte die islamische Tradition einem Verfassungsstaat geebenfalls. Die Libyer hatten eine Form der politischen nauso wenig widerspricht wie die christliche oder jüInterpretation des Islam, die außerhalb Libyens kaum dische Tradition. Dies ist darin begründet, dass ReligiAkzeptanz fand. Insgesamt betrachtet war Westafrika onen an sich kein Ordnungsprinzip der Welt sind. Im gegenüber den großen Missionsansprüchen, die aus Grunde sind alle religiösen, ethischen Kontexte in der Ländern wie Saudi Arabien kamen, resistent. Lage, ein plurales, demokratisches System mitzulegitiBei der Frage nach der sufischen Interpretation mieren und mitzubegründen. Es kommt auf den Willen des islamischen Gesetzes muss die Tatsache berückder Handlungsträger an, ob sie das wollen, ob das ihr sichtigt werden, dass das islamische Recht – die Shari’a politischer Wert ist und wie weit der unter muslimi– zunächst lediglich die Interpretation von Rechtsnorschen Gemeinden beispielsweise repräsentiert ist. Das men auf Grundlage angenommener göttlicher Quellen sind Erfahrungen, die nur im Ideenwettbewerb vor meint. Eine Konkretisierung der Rechtsnormen gibt Ort gemacht werden können. Solange dieser plurale es zunächst nicht. In einer sehr heterogenen kulturellen Wettbewerb in Westafrika nur marginal entwickelt Landschaft wie Westafrika gibt es somit eine Bandist, wird man nicht abschließend feststellen können, breite von Interpretationsmöglichkeiten, die z.B. einem ob Muslime in ihrer Traditionsbildung bereit sind, den islamischen Gelehrten aus Kairo die Haare zu Berge Verfassungsstaat religiös zu legitimieren oder nicht. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? PODIUM I Holger Weiss Åbo Akademie Universität Helsinki Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Islam muslimischen Bevölkerung in Nordafrika abzugrenzen. und Laizität ist in Ghana durch den historischen Außerdem gibt es in den lokalen und regionalen islaKontext geprägt. Bis zu den 1970er und 1980er Jahren mischen Kulturen zu viele verschiedene Ausprägungen, stellten die Muslime eine sehr kleine Minderheit dar, als dass man von einem afrikanischen Islam sprechen die erst danach anwuchs. Eine Diskussion zwischen könnte. der muslimischen Gesellschaft und den jeweiligen Zu den islamischen Schulen in Westafrika ist zu Herrschern, darunter auch den britischen und deutsagen, dass diese heute unter Druck stehen, moderschen Kolonialbehörden, gab es schon immer. Gewisse nisiert zu werden. Die Anfänge der islamischen Schumuslimische Rechtsformen wurden anerkannt, sofern len gehen in den Staaten mit einer britischen Kolonialsie sich auf Muslime bezogen. Ein Beispiel dafür ist geschichte, z.B. in Ghana, Sierra Leone und Nigeria, das muslimische Familienrecht, das im ghanaischen darauf zurück, dass sich die muslimische Gemeinschaft Staat bis heute gilt. Insgesamt gesehen wird die Säkuvom kolonialen Bildungswesen abkoppeln wollte. Bis larität in Ghana nicht von religiösen Kräften herausin die 1930er Jahre wurden Absolventen dieser islagefordert. Im Gegensatz dazu wird in Nordnigeria die mischen Schulen in der Kolonialverwaltung beschäfSäkularität des Staates in Frage gestellt. Dort gibt es tigt. Danach wurden jedoch Absolventen von christlikeine säkulare Tradition. Auch die britische Kolonialchen und staatlichen Schulen vorgezogen, was sich zeit brachte keine säkulare Tradition. im postkolonialen Staat fortsetzte und von den MusliIn den 1980er und 1990er Jahren sind in vielen men zunehmend als Problem angesehen wird. MusliLändern Subsahara Afrikas islamische Organisatiome, die auf einer traditionellen Koranschule gewesen nen wie Pilze aus der Erde geschossen. Allerdings sind, haben heute im modernen Staat und in der mosollte bei der Befassung mit der Ausbreitung des Islams dernen Welt keine Chance. Dies macht eine Moderniin Westafrika nicht aus den Augen verloren werden, sierung dieser Erziehungseinrichtungen notwendig. 9 dass christliche Kirchen in vielen Gebieten Afrikas Bei der Frage nach dem Verhältnis zwischen den seit der Unabhängigkeit mindestens ebenso schnell islamischen und den christlichen Religionsgemeinschafund umfassend gewachsen sind wie muslimische ten muss gesagt werden, dass ein mögliches KonfliktGemeinschaften. Durch die starke Ausbreitung der potenzial besteht. Besonders dann, wenn extreme Muslime wie auch der christlichen Kirchen ist die Zahl christliche Gruppierungen wie z.B. in Ghana in muslider Anhänger afrikanischer kommunaler Religionen mische Stadtvierteln und Ortschaften gehen, um dort zurückgegangen. In vielen afrikanischen Staaten halautstark über Muslime zu predigen, die zum Christenben wir heute eine Situation, in der sich fast nur noch tum konvertiert sind. Dabei kann es dann zu GewalttäChristen und Muslime„gegenüberstehen“. Allerdings tigkeiten kommen. Auf der anderen Seite gibt es zwischen handelt es sich nicht wirklich um ein„Gegenübersteeher moderaten christlichen Gruppierungen und verhen“. Sowohl die christlichen Kirchen als auch die schiedenen muslimischen Gruppen und Organisationen muslimischen Gemeinschaften sind so stark fragmenin vielen der westafrikanischen Staaten Versuche, eine tiert, dass keine Blockbildung zu beobachten ist – gemeinsame Plattform des Dialogs zu finden. So gibt es außer in wenigen Fällen, in denen eine Dichotomie sowohl den Versuch zu einem Dialog zwischen christpolitisch konstruiert ist. lichen Gruppierungen und muslimischen Gruppierungen Es gibt auch keinen afrikanischen Islam. Der so als auch ein latentes Konfliktpotenzial. genannte Islam Noir ist eine Konstruktion aus der Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass französischen und britischen Kolonialzeit. Diese wurde Muslime in verschiedenen Ländern aktiv sind – ob es erfunden, um eine vermeintlich friedliche, schwarzafriDemokratien sind oder nicht. Mit den Begriffen„muslikanische, muslimische Bevölkerung gegenüber einer mische Demokratie“,„christliche Demokratie“ oder vermeintlich und vorgeblich militanten, arabischen, „Volksdemokratie“ habe ich meine Probleme. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Roman Loimeier Universität Göttingen Grundsätzlich ist es nicht möglich, Fragen in Bezug schiedlich gestalten. Wenn z.B. in Gebieten, in denen auf den gesamten Raum Westafrika zu beantworten. Muslime historisch die gesellschaftliche und politische Auch auf die Frage nach dem Verhältnis von Laizität Gewalt hatten(wie z.B. in Nordnigeria oder Sansibar), und Religion muss für jeden Staat Westafrikas einzeln christliche Gruppierungen durch Zuwanderung oder eine Antwort gefunden werden. Für den Fall Senegal Konversion zunehmen, kann dies von den Muslimen gilt, dass die Diskussion zu diesem Thema bereits vor als Bedrohung empfunden werden bzw. als politisch längerer Zeit in den Grundlagen entschieden wurde. In gemanagte Bedrohung präsentiert werden. Dasselbe den 1960er und 1970er Jahren wurde unter Präsident gilt für den umgekehrten Fall. So spricht Hock auch von Senghor eine islamische Option in die senegalesische einem sog. Islam- bzw. Christen-Komplex, der bei verGesetzgebung eingebaut. In Fragen des Personenstandsmeintlicher Bedrohung von Christen bzw. Muslimen recht können Muslime so zwischen dem säkularen, aus entwickelt wird. der französischen Verfassungs- und Rechtsgeschichte Es gibt jedoch auch ähnliche Konstellationen in abgeleiteten senegalesischen Gesetz und einer islamianderen afrikanischen Ländern, wo es keinen Konflikt schen Option wählen. Die islamische Option gestattet zwischen Christen und Muslimen gibt. Dies ist dann Muslimen z.B. im Fall der Eheschließung, eine zweite der Fall, wenn der potenzielle Konflikt politisch nicht Frau zu heiraten, und gibt auch andere Möglichkeiten, konfrontativ sondern integrativ geregelt wird. PODIUM I das Leben nach bestimmten Vorschriften der Shari’a zu Viele Konflikte, die in erster Linie als religiöse Kongestalten. Dabei ist die Interpretation der Shari’a eine flikte angesehen werden, haben verschiedene andere Interpretation, die aus der senegalesischen AlltagswirkDimensionen. Zur Veranschaulichung kann hierbei das lichkeit und-politik heraus entstanden ist. Zwar gibt es Wort„Cocktail“ hinzugezogen werden. In jedem Konflikt kleine, radikale Gruppierungen, die für eine stärkere ist der Konflikt-Cocktail unterschiedlich gemischt. In Verankerung des religiösen Rechts in der Verfassung und jedem Konflikt entscheidet sich kontextuell, welche im Gesetz eintreten. In der Bevölkerung Senegals finden Mischung der Cocktail hat. Von dieser spezifischen Mi10 diese Forderungen jedoch bisher keinen Rückhalt. schung des Cocktails hängt es ab, ob er explodiert oder Bei Betrachtung der historischen Entwicklung des nicht. Die Anteile – Politik, Religion, Soziales, Wirtschaftheutigen Westafrika lässt sich feststellen, dass die liches – können variieren und es entscheidet sich im heutigen Staaten Westafrikas in zwei größere, politische Kontext, welche Gruppe zu einem bestimmten ZeitGruppen geteilt werden können. Auf der einen Seite punkt die Religion betont. Eine Erklärung für die sind die Länder, die eine jahrtausend Jahre alte islaBetonung der Religion ist, dass viele Muslime und auch mische Tradition haben und deren Bevölkerung afrikanische Christen in der religiösen Sprache eine mehrheitlich muslimisch ist(z.B. Senegal, Mali, Niger, gemeinsame Sprache finden, was ihnen ermöglicht, Nordnigeria). Auf der anderen Seite sind die Länder, Konflikte über den religiösen Code auszutragen. in denen der Islam eine relativ kurze, historische TraInsgesamt ist zu sagen, dass Islam und Demokratie dition von etwa 100-200 Jahre hat und in denen die keinen Widerspruch bilden und sich sehr gut miteinMuslime eine Bevölkerungsminderheit darstellen(z.B. ander vereinbaren lassen. Im Jahr 2000 versuchte beiGhana, Togo, Benin). In den Ländern mit einer musspielsweise in Senegal eine religiös-politische Partei, limischen Bevölkerungsmehrheit ist auffällig, dass all über die Religion Stimmen für die Präsidentschaftsdiese Länder im 18. und 19. Jahrhundert die Erfahrung wahlen zu gewinnen. Der Versuch einer religiösen Moeines Djihads hatten, durch den die religiösen Gelehrten bilisierung der Wähler über eine religiös definierte Partei zum ersten Mal in der Geschichte dieser Länder die ist vollständig gescheitert. Die Wähler haben politisch Macht errungen hatten. Diese starke Verankerung des abgestimmt, weil sie den politischen Wechsel vom soziIslam setzt sich bis in die Gegenwart fort. alistischen Regime von Abdou Diouf zum OppositionsDas Verhältnis zwischen den muslimischen und kandidaten Abdullah Wade wollten. Zwar spielten relichristlichen Gemeinschaften kann sich den Regionen giöse Argumente in dem Wahlkampf eine Rolle, die und historischen Situationen entsprechend unterpolitischen Argumente waren jedoch dominant. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? PODIUM I Ursula Günther Universität Hamburg Ein Erklärungsversuch für die Attraktivität des Islam kerer Fundamentalisierung. Es gibt aber auch Sufiund der damit einhergehenden relativ schnellen Ausgelehrte, die eine sehr offene, kontextbezogene Interbreitung ist in der Vergangenheit begründet. In Zeiten pretation der Shari’a vorziehen und auch propagieren. des Kolonialismus hatte der Islam das Potenzial für Das bedeutet, dass dieses nicht kodifizierte Recht den Widerstand – er war nicht unbedingt weiß, er war lokalen, regionalen Gegebenheiten angepasst wird. nicht christlich und er bot damit eine IdentifikationsDaher gibt es auch nicht eine Interpretation, die für möglichkeit, welche das Christentum aufgrund der den gesamten subsaharischen, afrikanischen Raum kolonialen Erfahrungen nicht bot. Eine zweite mögliche gültig ist. Je nach politischem und gesellschaftlichem Erklärung ist in der jüngeren Geschichte zu finden. Kontext verändern sich die Interpretation und auch Nach der Ölkrise gab es massive Förderungen seitens die Notwendigkeit, dieses Recht auszulegen. der arabischen Staaten und Allianzen mit diesen, in Bei der Frage nach dem Verhältnis zwischen den dieser Zeit wurde unter anderem arabische Entwickislamischen und christlichen Religionsgemeinschaften lungshilfe geleistet. Dies hatte zur Folge, dass sich die in Westafrika ist es nötig, die jeweiligen Länder einzeln Menschen mehr dem Islam zugewandt haben. zu betrachten. Eine allgemein gültige Aussage ist nicht Der ursprüngliche Anspruch einer islamischen möglich. Häufig ist jedoch zu beobachten, dass ein Erziehung war, eine solide religiöse Bildung zu garanKonfliktpotenzial zwischen den Religionsgemeinschaftieren. Aufgrund mangelnder staatlicher Institutionen ten vorhanden ist, wenn die politische Partizipation wurde jedoch schnell deutlich, dass mit der islamischen einer der Religionsgemeinschaften nicht ausreichend Erziehung mehr abgedeckt werden musste. Viele der gegeben ist. Werden jedoch sowohl die islamischen so genannten islamischen Schulen haben daraufhin als auch die christlichen Religionsgemeinschaften in auch andere Fächer eingeführt. Neben Fächern wie die politischen Strukturen einbezogen, werden KonArabisch und Koranrezitation, die zur klassischen islaflikte nicht als religiöse wahrgenommen. In anderen 11 mischen Bildung gehören, wurden auch z.B. NaturwisFällen wird Religion instrumentalisiert und als Faktor senschaften und Mathematik angeboten. Mit Hilfe dargestellt, der den Konflikt beeinflusst oder verursacht dieser Institutionen konnte eine Lücke geschlossen hat, was aber nicht unbedingt der Realität entsprechen werden, die bestimmte Staaten in dem Maße nicht muss. mehr selber schließen konnten. Es stellt sich die Frage, ob die Thematik dieses Die Lehrkräfte an diesen spezifisch islamischen Podiums„Erfahrungen mit islamischer Demokratie“ Schulen sind Muslime. Zum Teil sind die Lehrkräfte einen zu engen Fokus setzt. Warum gibt es z.B. so in den 1970er und 1980er Jahren zum Studium nach wenig Panels zu Erfahrungen mit christlicher DemoSaudi Arabien, Ägypten oder andere arabische Staakratie? Die Verknüpfung„Demokratie“ und„Islam“ ten gegangen, zum Teil zum Studium nach Europa. sollte fallen gelassen werden. Vielmehr sollte über Dabei handelt es sich nicht um reine ReligionsgelehrErfahrungen mit Demokratie in Ländern, in denen te, sondern um„moderne Intellektuelle“. der Islam eine bedeutende gesellschaftliche Kraft ist, Was die sufische Interpretation des islamischen gesprochen werden. Denn für politische, soziale und Gesetzes angeht, gibt es eine Bandbreite unterschiedliwirtschaftliche Probleme müssen politische, soziale cher Interpretationen. Unter den Sufigelehrten gibt es und wirtschaftliche Lösungen gefunden werden und jene, die eine sehr strikte Interpretation der Shari’a nicht islamische. verlangen, auch im Zuge von Islamisierung oder stärFRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Plenumsdiskussion I PLENUMSDISKUSSION I In der anschließenden Diskussionsrunde im Plenum Faktor mobilisieren ließe. In Tansania hatte man z.B. fragte Herr Kross zum einen, ob das Thema der religiöversucht, eine nationale Entwicklungsideologie zu sen Konflikte in Nigeria aus innenpolitischen Gründen begründen, die sowohl muslimische wie christliche der Bundesrepublik eine Projektion sei. Zum anderen gemeinschaftsbildende Begrifflichkeiten heranzog, um fragte er nach den neuralgischen Punkten in den afridas tansanische Ujamaa-Experiment zu legitimieren. kanischen Gesellschaften, an denen Deutungsmuster Tobias Mörike (Student der Afrikawissenschaften) woll– islamisch oder christlich – entscheidend für die te von den Podiumsteilnehmern wissen, wie sie die Entwicklung der Gesellschaft sein könnten. Als Antwort Rolle von islamischen Gruppen und Organisationen als darauf verwies Roman Loimeier auf die Bedeutung politische Lobbygruppen einschätzen. Seine zweite von makroökonomischen Faktoren für die Entwicklung Frage betraf die historische Dimension. Er gab zu beder Länder in Subsahara Afrika. Bei dem Konflikt in denken, ob die islamischen Bewegungen historisch Nigeria gehe es um rein wirtschaftliche Fragen. In Bebetrachtet nicht machtlos waren. Holger Weiss stimm12 zug auf das Management der Erdöleinnahmen Nigerias te Tobias Mörike in Bezug auf eine gewisse historische spiele die Religion zurzeit keine Rolle. Jedoch gäbe es Machtlosigkeit der islamischen Bewegungen vor allem andere Regionen in Afrika, in denen sich über den in den anglophonen Ländern West- und Ostafrikas zu. Zugriff auf ökonomische Ressourcen die Religion als Roman Loimeier berichtete von den Versuchen des senegalesischen Präsidenten Abdullah Wade, religiöse Führer für sich zu gewinnen. Ob diese Versuche erfolgreich waren oder nicht, wird sich zeigen, wenn in einem Jahr in Senegal Wahlen stattfinden. Ulrike Rautenstrauch (Amnesty International) wies auf das Problem hin, dass die Shari’a die Menschenrechte nicht in der Weise anerkenne, wie es die westliche Welt gerne hätte, etwa was die Unversehrtheit des Körpers und des Lebens betrifft, und fragte nach Möglichkeiten, wie dieses Problem gelöst werden könne. Reinhard Schulze wandte hier ein, dass eine prinzipielle Aussage, ob die Shari’a für oder gegen die Menschenrechte zu FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? interpretieren ist, nicht möglich sei. Denn die Shari‘a selbst stehe mit einem Konzept der Menschenrechte in keinem Konflikt. Die Shari’a sei immer nur das, was Professionelle als Recht interpretieren. Ursula Günther gab zu bedenken, dass die Länder, in denen die Shari’a Strafrecht des Landes sei, an einer Hand abgezählt werden können. Wenn in Bezug auf Afrika von Shari’a die Rede sei, dann gelte das mit Ausnahme von Nigeria lediglich für das so genannte Personenstandsrecht, also für Eheschließung, Scheidung, Erbrecht, Vormundschaftsrecht, Unterhaltsansprüche. Herr Klein griff das Gesagte über die Shari’a als ein nicht kodifiziertes Recht auf und fragte wie dies mit dem Vorhandensein von bis ins Strafmaß hinein definierten Straftatbeständen zusammen passen könne. Ursula Günther erwiderte darauf, dass die Shari’a eine Rechtsform sei, die sich auf verschiedene Rechtsquellen berufe – den Koran und die Sunna des Propheten – und bei der es verschiedene Möglichkeiten gebe, zu einer Rechtsfindung zu kommen. Reinhard Schulze ergänzte, dass das islamische Recht Juristenrecht sei. Eine Kodifizierung dieses Juristenrechtes sei ebenso wenig möglich wie in Großbritannien. Margit HellwigBötte (Arbeitsgruppe Außenpolitik der SPD-Bundestagsfraktion) wollte wissen, welche Rückwirkungen die internationalen Ereignisse der letzten Jahre – 11. September 2001, Krieg gegen die Taliban in Afghanistan, Bushs Intervention im Irak, Verlust an Akzeptanz der USA in der arabischen Welt – auf den politischen Islam in den westafrikanischen Ländern hatten. Roman Loimeier sah die Sympathie für Bewegungen, die aktiv den Westen bekämpfen, in erster Linie in den katastrophalen ökonomischen Bedingungen und im politischen Missmanagement begründet, was in den meisten subsaharischen Staaten Afrikas festzustellen sei. Ursula Günther wies darauf hin, dass sehr viel Empörung darüber bestehe, was im Namen der so genannten westlichen Demokratie geschehe. Es lässt sich eine große Sympathie und zum Teil auch Identifikation mit den Opfern der Aktionen dieser demokratischen Staaten feststellen. Dies bietet Potenzial für eine Instrumentalisierung von politischer Seite. 13 PLENUMSDISKUSSION I FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Podium II: „Heiliger Krieg“ oder Realpolitik? Islam und Gewalt in Westafrika Mohammed Kimbiri Direktor Radio Dambé, Bamako/Mali In Mali wünscht ein Teil der Bevölkerung die EinfühBeim Thema Karikaturenstreit muss einiges ins rung der Shari’a. Was sind die Gründe dafür? Viele rechte Licht gerückt werden: Bevor es zu DemonstraJahre lang herrschte ein totalitaristisches Regime in tionen kam, war Dänemark um eine Entschuldigung Mali, was die Entwicklung der muslimischen Gemeingebeten worden. Die zunächst erfolgte Ablehnung de behinderte. Es gab beispielsweise ein Gesetz, dem einer Entschuldigung war für die muslimische Welt zufolge muslimische Verbände nur in religiösen Häueine Beleidigung. Zudem versetzte es die muslimische sern zusammenkommen durften. Größere VeranstalWelt in Aufruhr, dass sich hochrangige Politiker zwar tungen waren somit nicht möglich. Seit der Einführung an Protestmärschen gegen Antisemitismus jedoch nicht der Demokratie im Jahre 1991 sind dann viele islaan den Demonstrationen im Zuge des Karikaturenmische Gruppierungen entstanden. Nach einer Zeit, Streits beteiligten. Dies führte zu Frustrationen in der in der die Muslime erst durch die Kolonialregierung islamischen Glaubensgemeinschaft und schließlich in und dann unter einem totalitaristischen Regime zu einigen Hauptstädten der muslimischen Welt zu Propolitischen Zwecken ausgebeutet wurden, sind nun testmärschen. viele Muslime für die Einführung des islamischen Bezüglich der Frage nach der Möglichkeit islaPODIUM II Rechts. mischer Organisationen, zur Konfliktbewältigung Hier sei erwähnt, dass einige in der muslimischen beizutragen, gilt für Mali, dass islamische Verbände Gemeinde das Gefühl haben, dass von Europa und und Gemeinschaften eine große, befriedende Rolle den USA ein neuer Kreuzzug gegen den Islam vorbespielen. Ein Beispiel dafür bietet ein islamischer Verreitet wird. Denn wenn es um zu harte Bestrafungen band, der die Verantwortlichen für die Rebellion von von Verbrechen geht, wird immer zuerst die Shari’a vor 1990 im Norden Malis zur Rechenschaft zog. Da genannt. Aber was ist mit den Hinrichtungen, die in Waffen im Spiel waren, gestaltete sich dies als schwie14 Texas vollzogen werden? Auch die Medienberichterrig. Dennoch konnten die Kriegsparteien in den drei stattung lässt die Shari’a in einem Licht erscheinen, Regionen im Norden des Landes von der eigentlichen das so nicht richtig ist. In den Medien wird aus der Botschaft des Islam überzeugt werden: Toleranz und Shari’a eine Gesetzgebung gemacht, die andere Konnicht Waffen. Neben Frankreich und anderen Geberfessionen nicht erlaubt. Allerdings heißt die Anwenländern konnten die religiösen Gemeinschaften somit dung der Shari’a nicht, dass die anderen Religionen dazu beitragen, die Rebellion zu einem gütlichen Ende nicht mehr existieren dürfen. Auch der Prophet hatte zu führen. mit Christen, Juden in einer islamischen Republik Um auf das ivorische Problem zu sprechen zu zusammengelebt. Der Islam ist eine tolerante Religion, kommen: Die Ursache für diesen Krieg ist nicht die die mit allen anderen Religionsgemeinschaften zusamReligion. Stattdessen handelt es sich um eine tribale, menarbeiten möchte. ethnische, rassisch begründete Ursache. Der tatsächDie Reaktionen in Mali auf den Irakkrieg sind liche Grund hängt mit dem neuen Begriff der Ivoirité folgende: Es kann nicht verstanden werden, dass zusammen. Durch die so genannte Ivoirité wurde die Länder wie Großbritannien und die Vereinigten StaaBevölkerung im Norden gegen die Bevölkerung im ten, die als Wiege der Demokratie bezeichnet werden, Süden des Landes gestellt. Personen, die vielleicht es sich erlauben können, in ein souveränes Land einschon drei bis vier Generationen in diesem Land wazumarschieren. Dieser Eingriff im Irak hat in Mali ren, hat man enteignet. Dies hat zu Frustrationen und Sympathie für das irakische Volk und eine große Entschließlich zum Krieg geführt. täuschung gegenüber der Demokratie erzeugt, die man dort auf diese Weise einführen möchte. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? PODIUM II Ousmane Kane Columbia University Washington Im Jahre 1999 konnte man nicht vorhersehen, dass forderten die Einführung der Shari’a. Diese Bewegung das islamische Strafrecht in Nigeria zur Anwendung kann man im Augenblick in Nigeria feststellen. kommen würde. Es gab zwar eine Reihe von Gruppen, Zum Thema der religiös anmutenden Spannungen die dies für Nigeria forderten. Diese Gruppen waren muss gesagt werden, dass die Konflikte nicht immer im jedoch in der Minderheit. Die Mehrheit der Menschen religiösen Licht gesehen werden sollten. Nach dem 11. forderte nicht, die Teilung von Religion und Politik September hat man in Amerika Muslime in gute Muslidurch einen muslimischen Staat zu ersetzen. Sie forme und in schlechte Muslime unterteilt. Die guten derte nicht ein, dass die Shari’a, also das muslimische Muslime seien diejenigen, die mit moderner Demokratie, Strafrecht, eingeführt werden sollte. Was die Radikamit Menschenrechten leben können und die schlechten lisierung, die Politisierung der Religion betrifft, so gibt Muslime seien Terroristen, die gefangen sind in einer es hier einen sehr wichtigen Faktor, den die meisten mittelalterlichen Auslegung des Korans. Diese UnterteiBeobachter vernachlässigen: In Nigeria wie in vielen lung ist jedoch wenig nützlich. Sinnvoller wäre es, die muslimischen Ländern, in denen islamistische Beweanderen Faktoren zu analysieren, die zu den Konflikten gungen erstarkt sind, gab es autoritäre Regime. Die führen. Demokratiedefizit ist z. B. ein Faktor. Andere politische Teilhabe war dort nicht erlaubt bzw. sie war Faktoren sind sozialer und wirtschaftlicher Art. Insgeverboten. Die Religion bot hier die Möglichkeit, eine Art samt gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die bei Konflikten Verbandsleben zuzulassen: man konnte zusammeneine Rolle spielen. kommen und soziale Forderungen aufstellen. Wenn die Der Irakkrieg hat bei den Muslimen in Westafrika Länder, in denen Islamismus auftritt, weniger autoritär gewisse Sympathien für den Irak hervorgerufen, auch gewesen wären, wäre es vielleicht nicht zur Radikaliwenn die Diktatur von Saddam Hussein nicht verteidigt sierung in der aktuellen Form gekommen. wird. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es jedoch In Nigeria gibt es zwei Arten dynamischer Entkeine Gewalt, die direkt mit den Geschehnissen im Irak 15 wicklungen. Zum einen gibt es Muslime als ethnische zusammenhängt. Gruppe, die politisch aktiv werden, um ihre Interessen Der Karikaturen-Streit hat sich bis nach Nigeria zu vertreten. Zum anderen gibt es islamistische Grupausgeweitet. Die Ausschreitungen in Nordnigeria richpen, die die Einführung der Shari’a fordern. Die Politen sich meist gegen Christen und gehen oft mit Plüntik, welche die Interessen der Muslime als ethnische derungen einher, bei denen Mitglieder aller ReligionsGruppe vertritt, kann als muslim ethnopolitics bezeichgemeinschaften beteiligt sind. Diese Plünderungen net werden. Islamic theopolitics bezeichnet hingegen können nicht ausschließlich religiös erklärt werden. die weitest mögliche Anwendung der Shari’a im öffentStattdessen ist einer der Gründe die wirtschaftliche Not lichen Leben. Solange die Muslime in Nigeria wissen, in Nigeria. Dies schafft eine Art„Armee“, zu der Plündass sie als ethnische Volksgruppe ihre Interessen derer angeheuert werden können. Die Gründe für solche wahren können bzw. dass es eine Art Demokratie gibt, Konflikte gehen somit über eine rein religiöse Erklärung kommt es nicht zur islamic theopolitics. Deutlich hinaus. Nun stellt sich die Frage, ob islamische Organiwurde dies, als 1999 ein christlicher Präsidentschaftssationen in der Lage sind, zur Konfliktbewältigung beikandidat in Nigeria die Wahlen insbesondere mit den zutragen. Dabei ist es jedoch schwierig zu einer einzigen Stimmen der Muslime gewann. Die Muslime haben Gruppe zu kommen, die im Namen aller Muslime spreObasanjo damals als ethnische Gruppe gewählt. Spächen kann. In einigen Ländern gibt es aber politische ter hatten sie jedoch das Gefühl, dass er nicht mehr oder religiöse Gruppen, welche zur Befriedung beitrain der Lage war, ihre Interessen zu vertreten, und gen können – die Ijaws in Nordnigeria sind ein solches dass sie als ethnische Gruppe an Einfluss verloren. Beispiel. Allerdings besitzen sie keine allgemeingültige Es kam zur islamic theopolitics. Immer mehr Leute Autorität. Es gibt bestimmte Bevölkerungsgruppen, die auf sie hören, andere nicht. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Franz Kogelmann Universität Bayreuth Anfang 2003 herrschte in Nigeria eine aufgeheizte beiden Steinigungsfälle von Safiya Husaini und Amina Stimmung. Es war der Beginn des Golfkrieges und die Lawal. Beiden Frauen wurde Unzucht vorgeworfen. Präsidentschaftswahlen standen kurz bevor. Zu der Zu einer Verurteilung kam es letztinstanzlich jedoch Zeit wurde heftig über gewisse Aspekte der Shari’a nicht. Es kam zwar zu zahlreichen Verurteilungen die debattiert. Allerdings war das ein Thema, das während von der ersten Instanz der Shari’a-Gerichtshöfe mit des Wahlkampfes nicht auf nationalem Niveau sondern Körperstrafen belegt wurden, vielleicht sogar in der eher auf bundesstaatlicher Ebene diskutiert wurde. zweiten Instanz, vollzogen wurden die Strafen letztendIm Januar 2006 hat die öffentliche Diskussion eindeulich in den wenigsten Fällen. Die verurteilten Personen tig an Stellenwert verloren. In den 12 nördlichen sitzen in den Gefängnissen und warten darauf, dass Bundesstaaten hat die Bevölkerung an der Implemeneine Entscheidung gefällt wird, was mit ihnen geschetierung des islamischen Strafrechts teilgenommen. hen soll. Man darf sich das nicht so vorstellen, als Druck kam auch von der Bevölkerung, da die Politiker wenn in Nigeria jede Woche am Freitag nach dem versprochen hatten, dass durch die Einführung der Freitagsgebet öffentliche Hinrichtungen stattfinden. PODIUM II Shari’a alles besser werden würde. Heute ist die BeAuch ist die Implementierung der Shari’a als Rechtsvölkerung von den Politikern enttäuscht. Für die system in Nigeria von Bundesstaat zu Bundesstaat Mehrheit der Bevölkerung hat sich wenig geändert. verschieden. Allerdings habe ich bei meinen Aufenthalten in NigeDer Irakkrieg hat in Nigeria zu Sympathien mit ria keine Radikalisierung feststellen können. Es ist dem irakischen Volk geführt. Zudem sympathisiert jedoch zu vermuten, dass einige Politiker bei der 2007 man mit den Palästinensern. Allerdings handelt es geplanten Präsidentenwahl auf die Shari’a setzen sich hierbei nicht zwangsläufig um eine muslimische 16 werden. Die Bevölkerung wird jedoch erkennen, dass Solidarität. Vielmehr ist es eine Solidarität der Dritten es sich hierbei um eine politische Instrumentalisierung Welt. der Shari’a handelt. Zu den Konflikten, die oft als religiöse Konflikte Bezüglich der Anwendung der koranischen Körbetrachtet werden, möchte ich sagen, dass diese in perstrafen bin ich mir nicht sicher, ob die Mehrheit erster Linie mit der Wirtschaft, der Gesellschaft und der nigerianischen Bevölkerung dafür ist. Dabei sollder Politik zu tun haben. Ich will hier betonen, dass te beachtet werden, dass in nur wenigen Fällen diese diese Konflikte primär keine religiösen Konflikte tatsächlich vollzogen wurden. Seit dem Jahr 2000 gab sind. es zwei spektakuläre Fälle. Es handelte sich um die FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Holger Weiss Åbo Akademie Universität Helsinki In verschiedenen Ländern Westafrikas sind in den Bezüglich des Karikaturenstreits ist interessant, letzten Jahren Muslime zunehmend politisch aktiv dass es zuerst ein halbes Jahr ziemlich still war und geworden. Allerdings sollte man mit dem Begriff es erst dann anfing. Durch diese langsame Reaktion „Politisierung des Islams“ vorsichtig umgehen. Auch stellt sich die Frage, ob nicht etwas anderes dahinter stellt sich die Frage, ob die politisch aktiven Personen steckt als nur eine ziemlich gewaltsame Empörung. die Religion, in diesem Fall den Islam, verwenden Man kann Demonstrationen veranstalten aus verschieoder ob sie als Muslime in verschiedenen Parteien denen Gründen und das ist natürlich ein Grund, aber politisch aktiv sind. Die Gründe für die Zunahme der es kann einfach auch einen anderen Hintergrund gepolitisch aktiven Muslime in Westafrika sind dabei ben – vor allem im Nahen Osten, wo man damit indivon Staat zu Staat unterschiedlich. Im Fall Ghana rekt gegen die Regierung protestieren kann. verlor die muslimische Minderheit durch das Scheitern Eine höchst interessante Frage ist, ob islamische von Nkrumah und seinem Konzept des EinheitsstaaOrganisationen einen Beitrag zur Befriedung und zur tesundderEinheitspartei,durchdashoheMissmanageReintegration der Gesellschaft in den Staat leisten ment des Militärregimes zunehmend an Einfluss. Viele können. Meiner Ansicht nach haben die verschiedenen Muslime sahen als einzige Möglichkeit, um an Resislamischen Organisationen und auch Institutionen – sourcen des Staates heranzukommen, sich politisch vom National Chief Imam bis hin zum Dorf- Imam – eine zu engagieren. sehr wichtige Position bei der Konfliktbewältigung. In Was die Auswirkungen der Vorgänge im Nahen Nordghana war dies sowohl nach dem Bürgerkrieg Osten auf Westafrika betrifft, ist das Entstehen von als auch im jetzigen Konflikt in Dagomba der Fall. Sympathie zu beobachten. Man hat Mitgefühl mit der Dort haben verschiedene muslimische Organisationen 17 Bevölkerung im Irak, in Bosnien, in Palästina. Es finund auch der National Chief Imam von Ghana versucht, den lautstarke Demonstrationen gegen die Politik der die Regierung zu überzeugen, religiöse Autoritäten Vereinigten Staaten von Amerika statt. Der nächste – muslimische, christliche und die lokalen afrikaniSchritt aber, dies politisch in irgendeiner Form umzuschen religiösen Behörden – in den Friedensprozess setzen oder zu radikalisieren, ist bislang unter den einzubinden. Der ghanaische Staat hat diese Option politisch aktiven Muslimen in Ghana nicht zu beobjedoch nicht wahrgenommen. Er befürchtete, die Beachten. völkerung könnte glauben, dass nicht die Regierung, sondern die religiösen Behörden es geschafft haben, Frieden zu schaffen. PODIUM II FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? René Otayek Direktor des Centre d’Etude d’Afrique Noire(CEAN), Bordeaux Das Thema„Gewalt“ im Zusammenhang mit dem Islam die Shari’a von vielen Politikern als ein Argument im kann eine gewisse Logik haben und hat direkt oder Wahlkampf verwendet. Heute ist die Shari’a in 12 der indirekt mit dem so genannten„Kampf der Kulturen“ 36 Bundesstaaten eingeführt, was einer Minderheit von zu tun, der seit dem 11. September sehr in Mode gekom1/3 der Bundesstaaten entspricht. Zwischen den Befürmen ist. Allerdings findet der Bruch, der beim„Kampf wortern und den Gegnern der Shari’a gibt es in Nigeria der Kulturen“ angenommen wird, weniger zwischen eine Debatte über die Allgemeingültigkeit der Menschender arabisch-muslimischen und der westlichen Welt rechte. Dabei gibt es nicht nur zwischen muslimischen statt, als vielmehr innerhalb der islamisch-arabischen Intellektuellen und nicht-muslimischen Intellektuellen Welt. Es scheint sich eine schiitische Achse herauszueinen Graben. So gibt es unter den muslimischen Intellekkristallisieren, welche vom Irak über den Iran nach tuellenausAfrika,wiez.B.Nigeria,undausderarabischen Syrien bis hin zum Libanon reichen würde. Welt durchaus einige, die sich auch gegen die Shari’a Bezüglich der Konflikte, die häufig als religiös aussprechen. Dies zeigt, dass es dringend erforderlich dargestellt werden, ist zu sagen, dass es einen reinen ist, neben den Sprechern des Islamismus ebenso den Religionskonflikt nicht gibt. Alle Konflikte, die die ReliVerfechtern des demokratischen Islam zuzuhören. PODIUM II gion als Argument heranziehen, sind eigentlich etwas Die Frage nach den Möglichkeiten islamischer anderes: Wirtschaftskonflikte, ethnische Konflikte, Organisationen zur Konfliktbewältigung in Westafrika manchmal Rassenkonflikte, politische Konflikte, ideobeizutragen, ist eine wichtige Frage, welche jedoch auf logische Konflikte. die christlichen Organisationen ausgedehnt werden Bezüglich des„radikalen“ Islam in Westafrika gibt sollte. Welche Rolle können die katholische und evangees für den Fall Nigeria und auch für andere Länder eine lische Kirchen in afrikanischen Staaten spielen? Dabei Dimension, die Berücksichtigung finden sollte. Es hanmuss berücksichtigt werden, dass es sich um Gesell18 delt sich um Länder, in denen es nach der Kolonialzeit schaften handelt, in denen das Religiöse einen wichtigen bis 1990 Einparteienregimes, totalitäre Regimes gegePlatz einnimmt und politische Kulturen mitprägt. So ben hat. Die politische Teilhabe wurde dabei stark muss sich in diesen weniger säkularisierten Gesellkontrolliert. 1990 kam es zu einem radikalen Bruch. schaften die Umsetzung der Demokratie mit der InterDabei stellt die Liberalisierung nach 1990 eine Phase vention der religiösen Bewegungen im öffentlichen der Liberalisierung dar, in der sich Muslime wie auch Raum einigen – zumindest für eine bestimmte Zeit. Dies andere gesellschaftliche Kräfte frei organisieren können. ist etwas, was den Franzosen, bei denen Laizität groß Es entstanden immer mehr muslimische Verbände, geschrieben wird, fremd ist und als unmöglich erscheint. politische Parteien usw. Eine Pluralisierung des religiFür die Franzosen darf das Religiöse überhaupt nicht ösen Angebots fand statt. Was die Radikalisierung des im öffentlichen Raum vorhanden sein. Islam betrifft, die häufig angesprochen wird, muss Zur Stellung der französischen Regierung zu den gefragt werden, ob es sich wirklich um eine Radikaliverschiedenen Konflikten in Westafrika soll hier kurz sierung handelt oder lediglich um eine größere Sichtdie Côte d’Ivoire herangezogen werden. Das Militär barkeit des Islam in der Öffentlichkeit? Frankreichs ist in der Côte d’Ivoire darauf ausgerichtet, Zum Thema Shari’a ist folgende Frage von Interdie Kriegsparteien zu trennen. Das französische Militär esse: Warum mobilisiert die Einführung der Shari’a in übt auf beide Gruppen Druck aus, insbesondere aber bestimmten Gesellschaften zu einem bestimmten Auauf das Regime von Laurent Gbagbo. Von ihm wird genblick so viele Menschen? Zur Beantwortung dieser gefordert, dass er die politischen Kräfte des Nordens Frage muss stets die Geschichte des jeweiligen Landes an der Regierung beteiligt und dass die Präsidentschaftsherangezogen werden. Im Fall Nigeria wurde nach der wahl im Oktober 2006 innerhalb der festgesetzten langen Militärphase und der Rückkehr zur Demokratie Fristen stattfindet. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? PLENUMSDISKUSSION II Plenumsdiskussion II In der zweiten Plenumsdiskussion wurde nach den politische Akteure eine religiöse Bedeutung beigemesVerbindungen zwischen verschiedenen islamischen sen haben. Als Ende der 1980er, Anfang der 1990er Bewegungen in Westafrika und ausländischen AkJahre durch die Rhetorik der Ivoirité zwei Klassen teuren insbesondere aus dem Nahen Osten gefragt von Ivorern eingeführt wurden, rückte die religiöse sowie nach der Politik, die der Westen als Antwort Frage in den Vordergrund. Es hieß, der Norden sei darauf verfolge. René Otayek antwortete darauf, dass muslimisch und die Ivorer des Südens wären Christen einige arabische Länder wie Saudi Arabien, Kuwait, oder würden keiner Religion angehören. Die Realität Libyen und Algerien seit Beginn der 1970er Jahre ist hingegen komplexer. Sowohl im Norden als auch gegenüber Subsahara Afrika eine aktive Diplomatie im Süden ist die Gesellschaft durchmischt. entwickelten. Einerseits wurden die westafrikanischen Der Botschaftrat von Côte d’Ivoire in Berlin beStaaten durch den Anstieg der Erdölpreise zu interdauerte, dass die Krise in der Côte d’Ivoire in Deutschessanten Partnern für die arabische Welt. Andererseits land nur wenig bekannt sei und machte auf die Ge19 war das strategische Ziel der Afrikapolitik der araschehnisse in der Côte d’Ivoire aufmerksam. Er betont, bischen Länder, Israel auf der internationalen Bühne dass es sich bei der ivorischen Krise um keine religizu isolieren. Den afrikanischen Ländern ermöglichten öse Krise handele. die Verbindungen zu den arabischen Staaten, neue Finanzquellen aufzutun. Ousmane Kane gab zu bedenken, dass Saudi Arabien und andere Erdölländer bezüglich der Finanzierung der islamischen Bewegung eine gewisse Rolle gespielt haben, ihr Beitrag jedoch überschätzt wird. Die Finanzierung der islamischen Bewegung war stattdessen lokaler Natur, wie das Beispiel Nigeria zeigt. Ingrid Barth (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sprach die Situation in der Côte d’Ivoire an. Mohammed Kimbiri betonte, dass der Konflikt in der Côte d’Ivoire nicht religiöser Natur sei. René Otayek führte aus, dass die Côte d’Ivoire ein Paradebeispiel für einen Konflikt sei, der nicht religiös motiviert ist, dem aber bestimmte FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Verantwortlich: Dr. Michael Bröning Julia Schartz Internationale Entwicklungszusammenarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung Referat Afrika Organisation: Susanne Flierenbaum Internationale Entwicklungszusammenarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung Referat Afrika Godesberger Allee 149 53175 Bonn Tel. 0228 883-574 Fax. 0228 883-623 susanne.flierenbaum@fes.de picture alliance / dpa ZWISCHEN DEMOKRATIE UND SHARI’A? Zwischen Demokratie und Shari’a? Die Rolle des Politischen Islam in Westafrika Konferenz in der FES-Berlin 21. März 2006 EINLADUNG SENEGAL MALI GHANA CÔTE D’IVOIRE NIGERIA FRIEDRICH EBERT STIFTUNG Zwischen Demokratie und Shari’a? Die Rolle des Politischen Islam in Westafrika Der Begriff„Politischer Islam“ ist mittlerweile zu einem Reizwort geworden – und auf Reizworte wird in der Regel mit Reflexen reagiert. Auch die jüngsten Entwicklungen um die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Tageszeitung haben das Eskalationspotenzial religiöser Konflikte noch einmal unterstrichen. Dabei gerät in der öffentlichen Debatte immer wieder aus dem Blickfeld, dass„der“ Islam keineswegs auf die Arabische Welt beschränkt ist, sondern auch den afrikanischen Kontinent südlich der Sahara zu weiten Teilen prägt. Insbesondere in Westafrika ist der Islam heute eine bedeutende gesellschaftliche Kraft – mit ganz eigenen Ausprägungen. Doch welchen Einfluss übt der„Politische Islam“ in diesen Staaten derzeit tatsächlich aus? Wer sind die relevanten Akteure und welche Lösungsansätze bietet „der“ Islam für aktuelle sozialpolitische Probleme? Zu fragen ist darüber hinaus, welche Bedeutung verschiedene Formen des„radikalen“ Islam in Westafrika heute innehaben. Vor allem in Nigeria und Côte d’Ivoire werden Gewaltausbrüche oft durch Verweis auf islamistische Aktivitäten erklärt. Und auch die Vereinigten Staaten sehen in Westafrika zunehmend eine weitere Front im globalen „Krieg gegen den Terror“. Doch treffen diese Einschätzungen wirklich zu – oder handelt es sich bei religiös anmutenden Spannungen eher um Instrumentalisierungen von Religion zu politischen Zwecken? Wie genau gestalten sich heute die Beziehungen der westafrikanischen Religionsgemeinschaften untereinander? Wie wird die Einführung der Shari’a in der Region diskutiert? Und: Welchen Einfluss haben internationale islamische Organisationen auf gegenwärtige Entwicklungsprozesse in Westafrika? Diese Fragen möchte die Friedrich-Ebert-Stiftung mit internationalen Fachleuten aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft im Rahmen der FES-Buchpräsentation „Politischer Islam in Westafrika“ diskutieren. Wir möchten Sie herzlich einladen, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Programm: Dienstag, 21. März 2006 13.00 Uhr Begrüßung Werner Puschra Leiter des Referats Afrika der Friedrich-Ebert-Stiftung 13.15 Uhr Impulsstatement zur FES-Studie: „Politischer Islam in Westafrika“ Reinhard Schulze Dekan der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern 13.30 Uhr 15.00 Uhr Podium I: Erfahrungen mit „Islamischer Demokratie“ In der öffentlichen Debatte wird zwischen Demokratie und Islam oft ein Gegensatz unterstellt. Andererseits haben sich in einigen Staaten Westafrikas mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung durchaus demokratische Regime entwickelt. Welche Rolle spielen islamische Akteure dort im politischen Prozess und welche Lösungsansätze bieten sie für anstehende Probleme? Wie groß ist die Bedeutung des Islam etwa im Bildungssystem? Sind Koranschulen Ergänzung oder Konkurrenz zu staatlichen Schulen? Und: Welchen Einfluss haben in Westafrika internationale islamische Organisationen? Es diskutieren: Reinhard Schulze Dekan der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern Holger Weiss Åbo Akademie und Universität Helsinki Roman Loimeier Universität Göttingen Ursula Günther Universität Hamburg Moderation: Udo Steinbach Direktor des Deutschen Orient-Instituts Hamburg Diskussion im Plenum 15.30 Uhr Kaffepause 16.00 Uhr Podium II: „Heiliger Krieg“ oder Realpolitik? Islam und Gewalt in Westafrika Im Rahmen des„Krieges gegen den Terror“ wird ein islamistisches Eskalationspotenzial auch in Westafrika vermutet. Vor allem in Nigeria und Côte d’Ivoire werden Gewaltausbrüche bisweilen durch Verweis auf islamistische Aktivitäten erklärt. Doch treffen diese Beurteilungen zu? Wie gestalten sich heute die Beziehungen der Religionsgemeinschaften untereinander? Und: Wie wird die Einführung der Shari’a in der Region diskutiert? Es diskutieren: Mahmoud Abdou Zouber Berater für religiöse Angelegenheiten des Präsidenten der Republik Mali Ousmane Kane Columbia University Washington Franz Kogelmann(t.b.c.) Universität Bayreuth Holger Weiss Åbo Akademie und Universität Helsinki René Otayek Direktor des Centre d'Etude d'Afrique Noire (CEAN), Bordeaux Moderation: Mariam Lau Die Welt, Berlin 17.30 Uhr Diskussion im Plenum 18.30 Uhr Empfang mit Koramusik aus Mali FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG UBOOJFO -Ěĥ 7ĖģĝĒĘ