Die Vereinigung im Sport 1989/90 Tagungsbericht der Erinnerungskonferenz „Die Vereinigung im Sport 1989/90“ am 21./22. Oktober 2005 an der Universität Potsdam, gefördert von der Friedrich-Ebert-Stiftung Autor: Michael Barsuhn [Impressum] Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn Gesprächskreis Sport- Gesellschaft- Zukunft ISBN 3-89892-506-4 Zu beziehen durch: Friedrich-Ebert-Stiftung 53170 Bonn Tel.:(0228) 883-604; Fax:(0228) 883-1141 Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign, Bonn Herstellung: Katja Ulanowski, Friedrich-Ebert-Stiftung Printed in Germany 2006 © Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2006, alle Rechte vorbehalten. Inhalt Vorwort Professor Hans Joachim 7 10 Plenum 1: 13 Plenum 2: Gemischte 18 Plenum 3: 28 Plenum 4: 36 Plenum 5: 43 Fazit und 53 Kurzbiographien der 54 Humanwissenschaftliche Fakultät Institut für Sportwissenschaft Programm Die Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet mit dem Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports der Universität Potsdam am 21./22. Oktober 2005 an der Universität Potsdam eine Veranstaltung zum Thema: Die Vereinigung im Sport 1989/90 Ort: Institut für Sportwissenschaft an der Universität Potsdam, Am Neuen Palais 10, Auditorium Maximum, 14469 Potsdam Freitag, 21. Oktober 2005 15.00-15.15 15.15-15.45 15.45-16.00 16.00-16.15 Begrüßung durch die Universität Potsdam und Siegbert Heid, Gesprächskreis Sport-Gesellschaft-Zukunft Grußwort des Ministers für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, Holger Rupprecht Die deutsche Einheit vor 15 Jahren PD Dr. habil Hermann Wentker, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, Abt. Berlin Die deutsche Sporteinheit vor 15 Jahren Prof. Dr. Hans Joachim Teichler/Dr. Jutta Braun(Universität Potsdam) Kaffeepause __________ 16.15-17.45 Podium Sportart Rudern Zeitzeugenrunde mit Kathrin Boron(4fache Olympiasiegerin), Wilfried Hofmann (letzter Präsident des DRSV der DDR), Henrik Lotz(Ehrenvorsitzender DRV), Karsten Finger(Olympiazweiter 1992, ht. Vorsitzender Berliner Ruderclub e.V.), Ralf Holtmeyer(Trainer DRV), Dr. Hannes Wujanz(Trainer DRSV der DDR), Moderation: Prof. Dr. Jörg Hoffmann, Universität Potsdam 17.45-18.00 18.00-19.30 19.30-21.00 Diskussion im Plenum Empfang durch die Universität Potsdam Reflexionen zur Sporteinheit Unter anderem mit: Dr. Volkhard Uhlig(Präsident Deutscher Basketballverband der DDR), Bodo Hollemann(Präsident des Deutschen Schwimmverbandes), Moderation: Herbert Fischer-Solms, Deutschlandfunk Samstag, 22. Oktober 2005 09.15-10.45 Podium Sportart Handball: Zeitzeugenrunde mit Ewald Astrath(Vizepräsident DHV der DDR), Horst Bredemeier(Trainer DHB), Bernd Steinhauser(zur Wende Leiter der Arbeitsgruppe des DHB), Klaus Langhoff(Trainer DHV der DDR, Jugendtrainer DHB), Katrin Mietzner(Nationalspielerin DHV der DDR) Moderation: Lorenz Völker, Historiker 10.45-11.00 Diskussion im Plenum 11.00-11.15 11.15-12.45 12.45-13.00 14.00-15.00 Kaffeepause Podium Sportart Kanu: Zeitzeugenrunde mit Rolf-Dieter Amend(Trainer DKSV der DDR/ Olympiasieger 1972), Torsten Gutsche(2facher Olympiasieger), Dr. Jürgen Eschert(Trainer DKSV der DDR/ Olympiasieger 1964), Werner Lempert(Generalsekretär des DKSV der DDR), Wolfgang Over(Generalsekretär DKV), Manfred Schubert(Cheftrainer ASK Vorwärts Potsdam), Dirk Joestel(Olympiateilnehmer 1988) Moderation: Hajo Seppelt, rbb Diskussion im Plenum Gelegenheit zum Mittagessen Fußballgespräch rund um die Einheit Unter anderem mit: Dr. Hans-Georg Moldenhauer(letzter Präsident des DFV der DDR, ht. Vizepräsident des Deutschen Sportbundes und Vizepräsident des Deutschen FußballBundes); Karl-Heinz Heimann(Herausgeber kicker-Sportmagazin); Theo Gries (1989/90 Spieler Hertha BSC, ht. Trainer Tennis Borussia Berlin); Otto Höhne (1990-2004 Präsident des Berliner Fußballverbandes); Moderation: Michael Barsuhn, Historiker/ freier Journalist Vorwort Der Sport war ein Sonderfall der Vereinigung. Während die meisten anderen Teile des DDR-Staates abgewirtschaftet hatten, war die DDR der Bundesrepublik in bestimmten Segmenten des Leistungssports seit Ende der 1960er weit überlegen. Deshalb gab es zahlreiche Stimmen und Fragen im Vereinigungsprozess, welche Elemente des„Sportwunderlandes DDR“ denn erhaltenswert seien. Diese Diskussion hält bis heute an. Ein historischer Sonderfall liegt insofern vor, da hier ein(vermeintlich) positives Erbe des SED-Regimes zur Verhandlung stand. War alles tatsächlich so positiv, und was wurde im Zuge der Einheit aus den verschiedenen Elementen und Systembestandteilen des DDR-Sports gemacht? Die Dramatik und Brisanz, aber auch die Leichtigkeit der deutschen Sporteinheit im Jahr 1990 kann auch nachträglich nur verstanden werden, wenn man zuvor eine nüchterne Abschlussbilanz des west- und ostdeutschen Sports zieht und sich fragt, welche Merkmale und Strukturen den Sport auf beiden Seiten von Zonengrenze und Mauer bestimmten. Der Sport im Osten trat auf Geheiß der SED in eine Frontstellung gegen das„kapitalistische Ausland“. Es entsprach der kommunistischen Erziehung, den westlichen Sport zu übertreffen und dessen Athleten als „Klassenfeinde“ zu betrachten. Dies war die offizielle Lesart. Jedoch gab es neben der offiziellen Abgrenzung oftmals auch eine deutsch-deutsche Sportkamerad schaft auf der unteren Basis und auch in Gremien auf internationalem Parkett. Der DSB bemühte sich in den seit 1974 geführten Kalendergesprächen vergeblich um eine Intensivierung des deutsch-deutschen Sportverkehrs vor allem auf der unteren Ebene und im grenznahen Bereich. Es blieb bei 80 bis 90 Ost-West-Begegnungen pro Jahr, denen im DTSB stets eine Schulung und meist auch ein Extra-Training vorausgingen. Auf der letzten Kleinmachnow-Tagung des DTSB am 6.-8. November 1989 in der SED-Parteischule Karl-Liebknecht wurde allerdings deutlich, dass es ein ungebrochenes Interesse an gesamtdeutschen Begegnungen gab: die DTSBKreisvorsitzenden berichteten von sehr vielen Anträgen auf Städtepartnerschaften und West-Ost Austausch. Das dreistufige Antragsverfahren wurde daraufhin an die Bezirke delegiert und war nur noch zweistufig. Als die Delegierten zu Hau se ankamen, waren auch diese Bestimmungen zur Makulatur geworden. Der mit dem Mauerfall am 9. November gewonnenen Reisefreiheit hatte der DTSB nichts mehr entgegenzusetzen. Die Verkündigung des Endes der Kalendervereinbarungen und der Freiheit des deutsch-deutschen Sportverkehrs durch die Präsidenten von DSB und DTSB, Hans Hansen und Klaus Eichler am 17. November in Berlin, hatte nur noch einen nachträglichen formalen Charakter. Die Reisefreiheit öffnete aber auch den Blick auf die wesentlichen Unterscheidungspunkte nach vierzig Jahren Trennung. In der DDR gab es keine Vereine mehr. Der Basissport war anders organisiert, meist über die Trägerbetriebe der Betriebssportgemeinschaften finanziert. Die seit 1957 festgefrorenen Mitgliedsbeiträge machten im Schnitt nur 6-8% der Einnahmen aus. Schnell wurden die Disproportionen im personellen Bereich deutlich. Während in der DDR Leichtathletik 592 Trainer im Verband, in den Klubs und Trainingszentren arbeiteten, waren im Westen nur 15 Trainer im DLV und ca. 30 in Großvereinen angestellt. Dabei hatte die westdeutsche Leichtathletik über 800.000 Mitglieder, während in der DDR etwa 80.000 Leichtathleten aktiv waren. Ähnlich lag es im Rudern: vier westdeutschen Trainern standen 60 Trainer in der DDR gegenüber. Die in einem Geheimtreffen im Dezember 1989 zwischen Vertretern des Bundesausschuss Leistungssport(BAL) und DHfK-Experten in Langen bei Frankfurt/M. genannte und zutreffende Zahl von ca. 8.000 DDR-Trainern im Nachwuchsbereich und im Leistungssport stieß im Westen auf Unglauben. Ein weiterer wesentlicher Unterschied lag, was sich auf Grund der geschönten DTSB-Statistiken erst später herausstellen sollte, im sportlichen Organisationsgrad der Bevölkerung. So waren im Bereich Potsdam(Stadt und Umland) nur 13% der Bevölkerung sportlich organisiert, zieht man von den damaligen internen Zahlen die Angler und Sportgemeinschaften der Armee und der Polizei ab. In vergleichsbesten westlichen Bundesländern sind über 33% der Bevölkerung in Sportvereinen organisiert. Wie reagierte nun der Sport? Während auf unterer Ebene sich Vereine wiedertrafen, im grenznahen Bereich Wiedersehenssportfeste organisierten, Partnerschaften zwischen Ost und West organisiert wurden, reagierte der Leistungssport verhaltener. Sportliche Rivalität war nicht nur staatlich verordnet, sondern war auch den Sportlern in Fleisch und Blut übergegangen, so z.B. im Handball: „Die Kieler ärgerten sich jedes Mal besonders darüber, wenn sie gegen die Rostocker oder Magdeburger verloren“. Im Prozess der Vereinigung fürchteten die jeweiligen Spitzensportler die Übermacht des anderen Staats in bestimmten Sportarten, so hatten etwa die West-Schwimmer Angst vor dem Verlust ihrer Startplätze bei Barcelona 1992. Und die DDR-Leichtathleten hatten beim letzten Start als eigenes Team bei den Europameisterschaften 1990 in Split den DLV förmlich deklassiert. Das Schweigekartell der DDR-Sportführung zum Thema Doping funktionierte solange die Regierung Modrow im Amt war. Seit März 1990 erschütterten immer neue Dopingenthüllungen die Sportwelt. Auch das Stasi-Thema rückte mehr und mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Die notwendige Aufarbeitung kam allerdings nur zögerlich in Gang. Auf ein weiteres Paradoxon der Vereinigung muss ebenfalls hingewiesen werden: Einerseits wurden(durch SED-Verstrickung belastete) Reisekader der DDR durch die Demokratisierungswelle abgelöst; dies erschwerte jedoch andererseits die Annäherung zwischen Ost und West, da der Westen an die„international bekannten Gesichter gewöhnt war“ und damit oftmals die üblichen Kommunikationswege wegbrachen. Daraus resultierte im Westen eine gewisse Unsicherheit: Mit wem konnte man verhandeln, wer war legitimiert und wer nicht? War z.B. der DTSB trotz neuer Spitze ein demokratisch legitimierter Verhandlungspartner? Cordula Schubert, Sportministerin der DDR, die dies verneinte und konsequent die Verbände stärkte, handelte sich den Unwillen der Dachverbände von Ost und West ein. Wir werden in diesem Zusammenhang der Frage nachgehen müssen, welche Rolle die offizielle Sportpolitik in Ost und West spielte und ob es einen unabhängigen Weg des Sports in die deutsche Vereinigung gab. Es wurde offenkundig die Stunde der Exekutive, welche die Richtung vorgab, im Einigungsvertrag aber den Breitensport ausklammerte. Das Jahr 1990 brachte für viele DDR-Sportler freudige Überraschungen aber auch Enttäuschungen: Viele Sportarten in der DDR aus dem Korb der„nicht besonders geförderten Sportarten“ erlangten zwar wieder ihre Reisefreiheit, erhielten aber nicht die erhoffte finanzielle Förderung, z.B. Bogenschießen oder Tennis. Zu berücksichtigen sind aber auch die vielen Neuanfänge und Erfolge der Wende(Karate, Triathlon, Drachenfliegen, Golf, Fanreisen in den Westen, z.B. Sonderzüge zum WM-Qualifikationsspiel in Wien, Segeln und Surfen auf der Ostsee, der Neujahrslauf durch das Brandenburger Tor, der Wegfall der Wassersperren im Berliner Umland usw.). Viele Einrichtungen, wie die Runden Tische des Sports oder die Revisionskommissionen des DTSB, hatten nur eine kurze Lebensdauer und sind heute längst vergessen. So sollte die Konferenz„Die Vereinigung im Sport 1989/90“ am 21. und 22. Oktober 2005 in Potsdam besonders an die vielfältigen und spannenden Ereignisse der 14 Monate vom Mauerfall bis zur Vereinigung des deutschen Sports am 10. Dezember 1990 in Hannover erinnern und eine erste Basis für die sportgeschichtliche Aufarbeitung dieser lebhaften Zeit schaffen. Prof. Dr. Hans-Joachim Teichler Universität Potsdam Siegbert Heid Friedrich-Ebert-Stiftung 10 Einleitung Die Wiedervereinigung vor 15 Jahren hatte auch tiefgreifende Auswirkungen auf die deutsche Sportlandschaft. Wie konnte man zwei konträre Sportsysteme zu einer sportlich und gesellschaftlich funktionierenden Einheit verschmelzen? Welche Elemente des DDR-Sports erschienen 1989/90 als erhaltenswert? Und schließlich: Was für eine Bilanz lässt sich nach 15 Jahren deutscher Sporteinheit ziehen? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt der Konferenz „Die Vereinigung im Sport 1989/90“, die der Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports der Universität Potsdam am 21./22. Oktober 2005 in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert Stiftung ausgerichtet hat. Am Beispiel der Fachverbände Fußball, Handball, Rudern und Kanu ließen die Podiumsteilnehmer die einzelnen Phasen des Wende- und Vereinigungsprozesses Revue passieren. Es gab Sieger und Verlierer der Vereinigung, sowohl bei den Athleten als auch hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeiten ganzer Sportarten. Über ihre Erfahrungen in der Umbruchzeit berichteten unter anderem der erste frei gewählte Fußballpräsident der DDR und heutige DFB-Vizepräsident, Dr. Hans-Georg Moldenhauer, kicker-Herausgeber Karl-Heinz Heimann, der langjährige Trainer der Deutschen Handball-Nationalmannschaft, Horst Bredemeier, sowie die mehrfache Ruder-Olympiasiegerin Kathrin Boron. Die Zusammensetzung der Podiumsrunden aus ost- und westdeutschen Sportfunktionären, Trainern und Sportler/Innen, ergänzt durch Sportjournalisten, ermöglichte ein„Reflektie ren“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln des Sports. Moderiert wurden die Zeitzeugenrunden von Historikern und fachkundigen Sportjournalisten. Die Ergebnisse der Tagung, die im folgenden Tagungsbericht zusammengefasst werden, dienen als Grundlage zur Erschließung eines bislang unerforschten Kapitels der deutsch-deutschen Zeitgeschichte. Dabei bieten die Erinnerungen der Zeitzeugen die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Gesichtspunkte des Wende- und Vereinigungsprozesses, vom kameradschaftlichen Zusammengehen bis hin zu Doping- und Stasiverstrickungen des DDR-Sports, aus der Sicht der Beteiligten nach zu vollziehen. Eine weiterführende wissenschaftliche Erforschung des Gegenstandes, die neben den Zeitzeugenaussagen auch detailliertes Akten- und Quellenstudium voraussetzt, steht aber noch aus. Bislang existieren lediglich Teilstudien mit wissenschaftlichem Anspruch für den Wende- und Vereinigungsprozess der Sportarten Handball und Fußball. Für den Ruder- und Kanusport gibt es derartige Arbeiten noch nicht. Auch fehlt bis heute eine Gesamtdarstellung der Geschichte der deutschen Sporteinheit. 11 Tagungsbericht der Erinnerungskonferenz „Die Vereinigung im Sport 1989/90“ am 21./22. Oktober 2005 an der Universität Potsdam, gefördert von der Friedrich-Ebert-Stiftung Eingangs begrüßte Professor Hans Joachim Teichler als Gastgeber und Leiter des Arbeitsbereichs Zeitgeschichte des Sports am Institut für Sportwissenschaften der Universität Potsdam die Tagungsteilnehmer und umriss den Sinn und Zweck der zweitägigen Veranstaltung. 15 Jahre nach der Vereinigung fällt auf, so Professor Teichler: „dass die Geschichte der Deutschen Einheit in vielen Feldern von Gesellschaft und Politik schon aufgearbeitet worden ist, aber im Sport darüber noch nichts existiert. Das hat zwei Hauptgründe in meinen Augen. Zum Einen ist der Sport mit seinen damals 48 Sportfachverbänden, 25 Millionen Mitgliedschaften und 88 000 Vereinen so ein immenser Bereich, dass er schwer zu überschauen ist. Das ist schon das erste Hemmnis. Und das zweite ist; während sich normalerweise solche Verhandlungen und Protokollierungen in Archiven niederschlagen, ist es beim Sport so, dass sich diese Begegnungen zwischen Ost und West, die ganzen Verfahren der Selbstdemokratisierung des DDR-Sports oftmals in den Köpfen der Beteiligten gespeichert haben und dass es dazu allenfalls private Aufzeichnungen gibt. Aber dass man so etwas findet wie richtige Archive, dass ist meistens nicht der Fall. Wir haben da schlicht und einfach ein Quellenproblem.“ Siegbert Heid vom Mitveranstalter Friedrich-Ebert-Stiftung, dort zuständig für Kommunalpolitik und Sport, ergänzte, dass„der Sport eine wichtige gesellschaftliche und kulturelle Aufgabenstellung“ habe. Ein Schwerpunkt bilde dabei„die wissenschaftliche Aufarbeitung historischer Prozesse, die uns, bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, sehr wichtig ist.“ Holger Rupprecht, Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, bestätigte dies ebenso mit seinem Grußwort. Zum Prozess der Wende und der Vereinigung im Sport sagte er:„Es ist auch vieles sehr kompliziert gewesen und auch vieles, 12 glaube ich, schief gelaufen und deshalb ist es wichtig, dass man sich darüber im Rückblick unterhält. Und deshalb ist es wichtig, dass diese Veranstaltung stattfindet.“ Im Anschluss an die Grußworte, folgten zwei einleitende Vorträ ge. Eine prägnante Zusammenfassung des Prozesses der politischen Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1989/90 präsentierte Dr. habil Hermann Wentker, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, Abt. Berlin. Dr. Jutta Braun, Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports der Universität Potsdam, informierte die 110 anwesenden Tagungsteilnehmern mit einen detaillierten Überblick zu den Phasen der Wende und Vereinigung des deutschen Sports. 13 Plenum 1: Sportart Rudern Das erste Plenum war der Sportart Rudern gewidmet. Neben der mehrfachen Olympiasiegerin und Weltmeisterin Kathrin Boron aus der ehemaligen DDR, begrüßte Moderator Professor Dr. Jörg Hoffmann von der Universität Potsdam, die Zeitzeugen: Winfried Hoffmann, 1989 Präsident des DDR-Ruderverbandes, sein Pendant aus der Bundesrepublik, Henrik Lotz, den westdeutschen Ruderer Carsten Finger, den Potsdamer Ruder-Trainer Dr. Johannes Wujanz und den Trainer des Deutschlandachters, Ralf Holtmeyer aus Dortmund. Wenige Tage nach dem Mauerfall erhielt Winfried Hoffmann einen Brief von Henrik Lotz:„Da ist einiges im Busch. Meinen Sie nicht, wir sollten mal über die Sache sprechen.“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Bereits im November 1989 kam es zum ersten Treffen der Verbandsspitzen in Westberlin. Eine lange Abtastphase war nicht nötig. Man kannte sich bereits von Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften, von gemeinsamen Sitzungen der FISA und anschließenden Banketten. Im Februar 1990 folgte die zweite Begegnung, dieses Mal in Potsdam.„Es war ein praktisches, ein schnelles Zusammenkommen“, erinnerte sich Lotz. Es wurde viel improvisiert, wenig geplant. Daher fehlen„Protokolle über Sitzungen. Das ging alles mit Handschlag.“ Pragmatisches Handeln war gefragt. So wurde im Vereinigungsprozess der Stamm der Ehrenmitglieder des Deutschen Ruder Verbandes ohne offiziellen Präsidiumsbeschluss kurzerhand um einige ostdeutsche Funktionäre erweitert. Auch auf Trainer-Ebene entwickelte sich ein reger Austausch. Ralf Holtmeyer, Trainer des erfolgreichen Ruderachters aus Dortmund, reiste kurz nach dem Mauerfall nach Potsdam, um sich vom damaligen Klubleiter Oberst Döbber das Ruderleistungszentrum des ASK Vorwärts vorführen zu lassen. „Wir haben uns dann sehr gut unterhalten, muss ich sagen. Es war ja eine sehr offene Atmosphäre zur Wendezeit. Also wir waren aus dem Westen natürlich froh mal gucken zu können, wo die Goldmedaillen gemacht werden. Das war sehr interessant für uns. Aber es war natürlich auch im Osten eine gewisse Befreiung, hatte ich das Gefühl, dass die einfach mal sagen konnten, wie sie es denn machten.“ 14 Allerdings gab es auch Themen, die weniger harmonisch diskutiert wurden. Große Schwierigkeiten bereitete der hohe Grad an Hauptamtlichkeit, ein besonderes Charakteristikum des DDR-Sport-Systems. Auch im Rudersport waren 200 festangestellte Trainer, Funktionäre, Betreuer usw. beschäftigt. Allein im Leistungszentrum Potsdam existierten noch zur Wendezeit um die 70 hauptamtlichen Stellen. Nicht ohne Stolz präsentierte Oberst Döbber seinem Gast aus Dortmund die Potsdamer Ressourcen. „Das ging über eigene Werkstatt, Schlosserei, Tischlerei...dann hat er mir die Garagen aufgemacht: Zwei Reisebusse, also für unsere Maßstäbe Reisebusse. Zwar so ein bisschen, wir sagten damals Nato-oliv angestrichen, also dieses NVA-Grau, das ist klar. Aber es war schon ein ganz schöner Fuhrpark.“ Im Gegensatz dazu basierte der bundesdeutsche Sport vorrangig auf dem Prinzip der Ehrenamtlichkeit. Die notwendige Anpassung an das westdeutsche Sportsystem fiel dem bis zur Wende staatlich hofierten Leistungssport im Osten Deutschlands ausgesprochen schwer. Ohne einen erheblichen Stellenabbau, ohne den Verzicht auf einen Großteil der bisherigen staatlichen Zuschüsse war eine Zusammenführung nicht finanzierbar. Allein dem Ruder stützpunkt des SC Dynamo Potsdam standen zu DDR-Zeiten jährlich rund zwei Millionen Ostmark zur Verfügung, so Döbber gegenüber Ralf Holtmeyer. Dimensionen von denen man im Westen als Verantwortlicher im Rudersport nur träumen konnte. Wie alle Sportfachverbände der Bundesrepublik erhielt der Deutsche Ruderverband staatliche Fördermittel, die in ihrer Höhe mit den Zuwendungen in der DDR aber nicht zu vergleichen waren. Hinzu kamen geringe Einnahmen durch Sponsoring.„Da traf der Hobbyruderverband West auf ein hochprofessionelles System“, kommentierte Ralf Holtmeyer. Dennoch wurde ostdeutsches Know-how im Wende- und Vereinigungsprozess nur sehr zurückhaltend angenommen. Von einem Zwischenfall über den sie heute, 15 Jahre nach der Vereinigung, schmunzeln kann, berichtet Kathrin Boron: „Wir haben ja zwei Hölzer in der Hand, also jeder hat ja ein Holz und die übertreffen sich ja ein bisschen und da gab es halt zwei verschiedene Techniken. Die Ostdeutschen ruderten rechts vor links; und die Westdeutschen ruderten links vor rechts. 15 Wenn man dann zusammen im Boot saß, musste man sich ja irgendwie angleichen. Also entweder der rudert so, oder der rudert so. Na ja, und dann wurde halt festgelegt, die Ostdeutschen rudern dann so wie die Westdeutschen. Wir hatten eine Schonfrist bis ´92. Bis ´92 durften wir ostdeutsch rudern aber dann mussten wir alle umlernen.“ Insgesamt gab es zwischen den ost- und westdeutschen Athleten einen unkomplizierten Prozess des Aufeinanderzugehens. Schließlich saß man im wahrsten Sinne des Wortes schnell wieder in einem Boot. Auch der westdeutsche Ruderer Carsten Finger erinnerte sich an keinerlei Berührungsängste. Bereits vor dem Mauerfall habe es Kontakte zu DDR-Sportlern gegeben. „Die ostdeutsche Mannschaft war eine Mannschaft wie jede andere auch, wie die Mannschaft von England, von Frankreich. Also uns war das damals im Juniorenbereich nicht so bewusst diese Trennung. Wir haben sicherlich auch da schon öfters mal zusammen gesessen mit den Sportlern, uns unterhalten, vielleicht auch weil die Englischkenntnisse damals noch nicht so berauschend waren, und man sich natürlich den gesucht hat, mit dem man sich gut austauschen konnte.“ Dem musste Ralf Holtmeyer allerdings widersprechen. Das Verhältnis zwischen ost- und westdeutschen Trainern und Sportlern sei zu DDR-Zeiten äußerst schwierig gewesen. „Wir haben eigentlich kaum miteinander gesprochen. Höchstens an der Strecke dann, wenn man den Trainer mal so traf und keiner dabei war, dann hat man gegrüßt. Man sollte sich noch mal die Vorwendezeit wirklich absolut deutlich machen. Auf der mittleren Ebene war die Kommunikation eigentlich gegen Null.“ Bereits in der zweiten November-Woche 1989 unternahm Carsten Finger im Ruderboot von Berlin-Wannsee aus eine Abenteuerreise gen Osten, zu einem Zeitpunkt als die Grenzkontrollen auf dem Wasser noch funktionierten. 16 „Bis die Grenzpolizisten das gemerkt haben, waren wir praktisch schon auf der anderen Seite der Glienicker Brücke durch. Das war ein richtig schönes Erlebnis für uns.“ Wenige Monate später, am 1. April 1990, erfolgte die offizielle Grenzöffnung der Wasserstrassen. Die Potsdamer Ruderer feierten das Wiedersehen mit ihren Westberliner Kollegen. Kathrin Boron erinnert sich: „Ja, die Öffnung an der Glienicker Brücke. Daran kann ich mich auch noch sehr gut erinnern. Also an diesen Tag an der Grenze, wo man eben immer 100 m vorher bei der Boje Halt machen musste. Wo man dann einfach weiterrudern durfte. Also das war schon ein mulmiges Gefühl dabei, aber es konnte ja nix mehr passieren.“ Indes berieten Funktionäre und Trainer der beiden deutschen Ruderverbände über die Zukunft des DDR-Ruder-Sports. Diskussionsstoff bot dabei besonders das Missverhältnis zwischen Leistungs- und Breitensportförderung in der DDR. Eine Disharmonie, auf die Vertreter der Basis hinwiesen. So wurde das Wanderrudern Opfer einer einseitigen Leistungssportfixierung. Nur außerhalb der DDR, in Polen, der CSSR oder Ungarn konnte der Sport betrieben werden. Die Verbandsleitung habe dies toleriert, so Winfried Hoffmann: „Wir erfuhren, dass sich dort unten schon Mitte der 80er Jahre Ruderinnen und Ruderer, im Veteranenrudern und auch im Wanderrudern getroffen haben. Normalerweise hätten wir einschreiten müssen. Das war nicht im Sinne einer Abgrenzung. Wir haben das geduldet.“ Im nun folgenden Erneuerungsprozess bis zum ordentlichen Verbandstag am 28. April 1990 sollten Wege gefunden werden, die beiden Seiten gerecht würden. Zunächst standen jedoch weit reichende Umstellungen bevor. Wo zuvor der Staat und der DTSB Gelder bereitgestellt hatten, klafften nun riesige Löcher. Bootversicherungssummen hatte selbstverständlich der DTSB gezahlt, fortan musste die Verbandskasse belastet werden. Im Laufe des Wende- und Vereinigungsprozesses wurde die Zahl der hauptamtlichen Trainer allein in Potsdam von 20 auf vier reduziert. Hannes Wujanz beklagte dabei mangeln- 17 de Informationspolitik:„Es hat mit uns niemand gesprochen. Wie ist die Perspektive? Was sollst du machen? Jeder war auf sich allein gestellt.“ In den Sommermonaten des Jahres 1990 vollzog sich die strukturelle Anpassung des Deutschen Ruderverbandes der DDR(DRSV) an den Deutschen Ruderverband(DRV). Noch im November 1990, einen Monat nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, traten zu den Weltmeisterschaften in Tasmanien auf Wunsch der FISA zwei deutsche Mannschaften an. Schließlich löste sich der DRSV der DDR am 8. Dezember 1990 auf einem außerordentlichen Verbandstag in Kienbaum auf. Die im Osten neu gegründeten fünf Landesverbände Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg traten einzeln dem DRV bei. 18 Plenum 2: Gemischte Runde Im zweiten Teil des ersten Konferenztages diskutierten in einer gemischten Abendrunde Moderator Herbert Fischer-Solms, Deutschlandfunk, mit Volkard Uhlig, 1989/90 Wende-Präsident des Basketballverbandes der DDR, Bodo Hollemann, 1989 Präsident des westdeutschen Schwimmverbandes und Professor Hans-Joachim Teichler, Leiter des Arbeitsbereichs Zeitgeschichte des Sport an der Universität Potsdam, über den Weg in die Sporteinheit. Zunächst fokussierte sich das Interesse auf das Jahr 1969. Am 22. April 1969 vollzog der DTSB mit einem Leistungssportbeschluss die Trennung in Sport I und Sport II. Fortan wurden Sportarten wie Angeln, Kegeln, Tischtennis, Basketball als nicht medaillenträchtig von bisherigen staatlichen Zuwendungen abgeschnitten und der zweiten Kategorie zugeordnet. Volkard Uhlig erinnert sich an diesen Tag: „An einem Freitag-Abend, als wir in Kienbaum zum Training waren und am Sonnabendvormittag zu einer Qualifikation nach Schweden fliegen sollten, kam Manfred Ewald persönlich, hat sich kurz vorgestellt und gesagt: ‚Und ab sofort geht ihr nach Hause. Ihr fahrt morgen nicht nach Schweden’. Ende, Schluss, aus mit der Leistungssportförderung. Es gab keine Diskussion. Gar nichts. Wir haben eine halbe Stunde dumm geguckt, dann sind wir nach Hause gefahren.“ Möglichkeiten des Widerspruchs gab es nicht. Anzeichen für diese Entwicklung hingegen schon. Bereits im September/Oktober 1968 hatte sich Entscheidendes geändert. „Wir durften schon von da an praktisch nicht mehr ins westliche Ausland fahren, durften zwar noch trainieren und haben noch trainiert, aber wir hatten immer das Gefühl es bewegt sich etwas, es passiert was und wir werden die Betroffenen sein.“ Sportler, die weiter zu internationalen Wettkämpfen reisen durften, mussten sich vorher einer politischen Schulung unterziehen. Die Einstimmung auf den Klassenfeind gehörte genauso zum Vorbereitungsprogramm, wie das tägli- 19 che Training. Die DDR-Sportführung versuchte, Kontakte zwischen ost- und westdeutschen Sportlern bei internationalen Wettkämpfen möglichst zu unterbinden, was Bodo Hollemann bestätigt: „Wenn ich nur an irgendwelche Schwimmhallen denke. Da saßen auf der einen Seite die Schwimmer und Schwimmerinnen der DDR und auf der gegenüberliegenden Seite saßen wir. Die Hotels waren getrennt. Bei olympischen Spielen war es noch viel krasser. Da waren die Sportler des, sag ich mal, des Ostblocks, um jetzt nicht nur die DDR zu nehmen, die waren weit entfernt in irgendwelchen Häusern untergebracht. Wir kamen überhaupt nicht zusammen. Die einzige Chance mit den Sportlern zusammen zu kommen war in der Mensa, wo man essen musste.“ Gemeinsame Treffen, die den Sportlern weitgehend versagt blieben, seien hingegen für ost- und westdeutsche Sportfunktionäre Normalität gewesen, so Hollemann: „Auf internationaler Ebene haben wir weitgehend zusammengearbeitet, wenn da irgendwelche Anträge eingebracht worden bei der FINA, hieß das bei uns der Weltverband oder bei der LEN, das war der europäische Verband, und dann haben wir uns meistens vorher ausgetauscht. Ohne Frage.“ Allerdings habe man deshalb keinesfalls über die Struktur, den Aufbau des hauptamtlichen Sportapparates der DDR Bescheid gewusst. Man sei zwar darüber informiert gewesen, dass es einen sehr großen, gut bezahlten Trainerstab gibt. Eine detaillierte Vorstellung über die Form der Finanzierung des DDR-Sportsystems habe man im Westen aber nicht gehabt. Dafür habe die Abschottung dann doch zu gut funktioniert, seien die Gespräche nicht offen genug gewesen. Etwaige politische Diskussionen wurden nicht mal ansatzweise geführt, so Hollemann. Die Überwachung des Sports durch die Staatssicherheit funktionierte und verbreitete ein beidseitiges Unbehagen. „Meistens war dann irgendeine andere Person dabei, die wenig aussagte, wo wir dann annahmen ‚Ok’, das ist vielleicht derjenige, der ein bisschen aufpassen muss.“ 20 In der Wende- und Vereinigungsphase wurde die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der DDR-Sportgeschichte, zu dem auch das flächendeckende staat lich instruierte, von der Staatssicherheit überwachte Zwangsdoping zu zählen ist, hinten angestellt. Zwar sei das Thema Doping in den Verhandlungen von Westseite, so Hollemann, angesprochen worden, der DDR-Schwimmsportverband(DSSV) habe aber grundsätzlich alles abgestritten. Eine Diskussion über dieses Thema sei nicht möglich gewesen. Dabei sprachen allein die unzähligen olympischen Medaillenerfolge der DDR-Schwimmerinnen, ihre internationale Dominanz, die in keinem Verhältnis zur Größe des Verbandes standen, für einen regelmäßigen Einsatz unerlaubter leistungsfördernder Substanzen. Bodo Hollemann erinnert sich: „Bei den Herren, da konnten wir etwas mithalten, aber bei den Frauen hatte die Welt, die gesamte andere Welt, nie die Spur einer Chance. Da ging der erste und zweite Platz immer an die DDR. Egal wer es war. Und da gibt es so gewisse Begebenheiten, ich will sie nur mal in Erinnerung rufen, ich nenne mal auch den Namen, die Ute Geweniger, Weltmeisterin und Weltrekordlerin bis zum geht nicht mehr, die war mal in Ecuador. Da abends bei der Abschiedsveranstaltung da waren wir alle so ein bisschen zusammen. Und da hörte man sie dann ein bisschen sprechen. Und dann wurde sie gefragt, warum sie so eine tiefe Stimme hatte: ‚Hab ich eben.’ Dann wurde aber der Delegationsleiter gefragt und dieser Ausspruch ist glaube ich Historie geworden. Der hat gesagt ‚Wir sind nicht zum Singen hier, wir sind zum Schwimmen hier.’“ Anstatt sich mit seiner unrühmlichen Vergangenheit auseinander zu setzen versuchte sich der DSSV mit einer offiziellen Erklärung, die von beiden deut schen Schwimmverbänden unterzeichnet und an die FINA geschickt werden sollte, rein zu waschen. Das Papier wurde vom Präsidenten des DSSV, Prof. Dr. Zorovka, und von einem Trainer namens Richter eingebracht, so Hollemann. Darauf sei zu lesen gewesen: „Dass da also nicht gedopt wird, dass das alles sauberer Sport ist und dass wir gemeinsam gegen Doping vorgehen wollen und auch für die Zukunft dieses ganz in Vordergrund stellen, um den sauberen Sport auch weiterhin zu fördern.“ 21 Das Schreiben landete ohne Unterschriften im Mülleimer, so Hollemann. Der langjährige DSSV-Cheftrainer Wolfgang Richter gehörte am 22. Dezember 1999 zu den ersten Führungskräften des DDR-Schwimmsports, die wegen Dopings zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurden. Ein Jahr auf Bewährung wegen gemeinschaftlich begangener Körperverletzung lautete das Urteil des Berliner Landgerichts auch für den von 1979 bis 1990 als Generalsekretär des Deutschen Schwimmsportverbandes(DSSV) agierenden Egon Müller und den von 1982 bis 1989 als Frauenverbandstrainer tätigen Jürgen Tanneberger. Zudem mussten die drei Angeklagten im Alter zwischen 56 und 73 Jahren jeweils 5.000 Mark an ein Berliner Frauenhaus zahlen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die drei Angeklagten von 1975 bis zur Wende an der Vergabe von anabolen Steroiden an minderjährige Schwimmerinnen mitgewirkt haben. Dabei waren sie an der Erarbeitung der Dopingkonzeption beteiligt oder setzten diese um. Die Angeklagten unterließen es, sowohl die Mädchen und jungen Frauen als auch deren Eltern über die Hormonpräparate und deren Einnahme aufzuklären. Fast 70 Fälle waren in der Anklage aufgelistet. Die Angeklagten hätten in massiver Weise auf die Gesundheit junger Menschen mit noch nicht absehbaren Folgen eingewirkt, sagte Richter Peter Faust in der Urteilsbegründung. Die Tatanteile der drei wertete das Gericht als gleichgewichtig, trotz unterschiedlicher Verantwortungsbereiche. Die Angeklagten hatten zu Beginn des Verfahrens die Tatvorwürfe und ihre Mitverantwortung für das Doping in der DDR eingeräumt. Zu diesem Schuldeingeständnis waren sie in der unmittelbaren Phase der Wende und Vereinigung des deutschen Sports noch nicht bereit gewesen. Professor Hans Joachim Teichler äußert sich zu den Gründen dieser Verdrängungspraxis und konstatiert, dass auch der bundesrepublikanische Sport kein Interesse an schneller Aufarbeitung hatte. „In dieser Phase gab es, glaube ich, zwei Momente, die da ausschlaggebend waren. Das eine Moment war, man wollte die neue Gemeinsamkeit des Zusammenkommens nicht gefährden durch Reizthemen wie Doping und Stasi. Man wollte die eher unter den Teppich kehren, sportkameradschaftlich, wie das auch früher gewesen ist bei anderen Umbrüchen. Das ist das eine Moment. Und das andere Moment war, die Spitzenfunktionäre, die Verantwortlichen im Bundesausschuss Leistungssport, die waren genauso medaillenversessen wie der DTSB. Die wollten das Know-how des Ostens haben, möglichst eins 22 zu eins. Und die hatten eigentlich auch die Idee, das man möglichst das ganze Know-how, das Wissen, den Umfang und die Technik des DDR-Sports einkaufen sollte, um Deutschland auf lange Zeit leistungssportlich führend zu machen.“ In dieser Phase übte die bundesdeutsche Politik einen immensen Druck aus, möglichst viel vom DDR-Sport zu retten, erinnert sich Bodo Hollemann. „Nur es konnte uns keiner sagen wie wir das machen sollten, wie das finanziert werden sollte, wie das ganze System was hier vorhanden war, wie man das transportieren kann. Das war einfach nicht möglich.“ Zudem waren viele Sportanlagen der DDR in einem derart schlechten Zustand, dass„wir unsere Sportler/Innen da teilweise gar nicht reingekriegt hätten“, so Hollemann. „Ich denke da an die Halle in Kienbaum, die 100m-Halle. Also so ein Schlauch war das für die Sprinter. Da sind wir rein gegangen und als ich da drin war, habe ich gedacht: ‚Da würdest du nie einen Leichtathleten aus der Bundesrepublik Deutschland reinkriegen.’ Der würde da nicht trainieren, der würde sagen ‚Da gehe ich nicht rein in dies Ding’. Das war sicherlich für Leute, die das nicht anders kannten, die optimale Trainingsstätte. Aber das war nicht mit unseren Anforderungen vereinbar.“ Die Existenzängste von Sportlern, Trainern und Funktionären bestimmten den Alltag. Der Schwimmsport hatte mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen, wie alle anderen Sportarten, die sich in der Phase des Umbruchs einer grundsätzlichen Neustrukturierung gegenüber sahen. Im Osten fürchtet man die Abwicklung, aber auch im Westen bangten die wenigen hauptamtlich angestellten Trainer um ihre Posten. Bodo Hollemann: „Dann kamen unsere Trainer an, die jetzt wieder Angst hatten um ihren Platz, weil sie dachten, sie sind vielleicht etwas schlechter als die Trainer der DDR. Dann kamen die wieder und sagten ‚Also pass auf. Also so geht das auch nicht. Also 23 wir haben unseren festen Vertrag, da könnt ihr nicht einfach was machen’. Diese menschlichen Probleme, die kamen täglich von vielen Seiten.“ 24 Exkurs: Schlussstrich-Debatte Die mangelhafte Aufarbeitung der Stasiverstrickungen im DDR-Sport führte abschließend zu einer kontroversen Diskussion, an der sich auch das Publikum beteiligte. Moderator Herbert Fischer-Solms konstatierte, dass die Arbeit der Stasikommissionen„gemeinhin als sehr unbefriedigend eingestuft“ werde. Eine Einschätzung, die Volkard Uhlig, Mitglied der gemeinsamen und unabhängigen Stasikommission des deutschen Sports, nicht teilen konnte. Auf die Frage, ob es angemessen wäre, 15 Jahre nach der Wiedervereinigung einen entgültigen Schlussstrich zu ziehen, antwortete Uhlig zunächst ausweichend: „Die Sportlerfälle, die interessant waren, sind eigentlich 15 Jahre nach der Vereinigung alle abgearbeitet. Bei manch anderem Fall, der nicht an die Oberfläche gekommen ist, war dies wegen der Größenordnung meines Erachtens nicht notwendig.“ Uhlig verwies zudem auf die Bedingungen, unter denen sich die Arbeit der Kommission vollzieht. Erst nachdem„Stasifragen in den Verbänden auf den Tisch kommen“ könne man aktiv werden. Genau hier sieht Professor Teichler die größten Schwierigkeiten. In den Fachverbänden fehle bis heute die Bereitschaft, Stasiverstrickungen im eigenen Verband aufzuklären: „Es sind große juristische Probleme. Das sieht man ja jüngst an der Stasikommission in Thüringen, die keinerlei juristischen Zugang zu irgendwelchen Unterlagen hat. Wenn die entsprechenden Sportverbände selber nicht mitspielen. Und nun muss man einmal sagen, ohne dass ich jetzt hier die positive Grundstimmung dieser Veranstaltung aufbrechen möchte. Der DTSB der DDR war, weil er erfolgreich war, ein sehr staatstreuer Verband. Also von daher kam aus der Hauptamtlichkeit des DDRSports, die das ganze System mitgetragen hatten und die sagten ‚Wir sind doch eigentlich ein Vorzeigeprodukt dieser Republik’ im Nachhinein natürlich keinerlei Initiative diese Ausgrenzung oder dieses Unrecht aufzuarbeiten. Im Westen fehlte das Wissen und das Interesse.“ 25 15 Jahre nach der Vereinigung plädiert Professor Teichler für eine differenzierte„Einzelfallbetrachtung“. Dabei sei die Schwere des Vergehens entscheidend. „Wenn jemand vor 15 Jahren einen Totschlag begangen hätte, wäre der heute rehabilitiert und straffrei und wegen einer damals aus Existenzangst geleisteten falschen Unterschrift heute seinen Job zu verlieren, das ist für mich eine problematische Geschichte.“ Teichler weiter: „Der Sport hätte auf Grund seiner moralisch-ethischen Verantwortung diese Sache in den Jahren ´90/´91/´92 wesentlich engagierter angehen können. Das ist ein großes Versäumnis. Und das müssen jetzt Historiker nacharbeiten.“ Bodo Hollemann stimmte Teichler weitgehend zu: „Ich würde auch sagen, einen endgültigen Schlussstrich sollte man nicht ziehen. Wenn noch mal irgendwo was bekannt wird (…), dann sollte man die Einzelfallprüfung vornehmen und wenn das strafrechtlich dann noch relevant ist, dann muss man überlegen, ob man da was macht. In wie weit die Person dann persönlich damit umgehen kann und ob sie persönlichen Schaden nimmt durch Medienveröffentlichungen oder so etwas, das vermag ich heute nicht zu sagen.“ Rolf Dieter Amend, zu DDR-Zeiten Kanu-Trainer beim ASK Vorwärts Potsdam, hingegen sprach sich deutlich für einen Schlussstrich aus: „Das Ministerium für Staatssicherheit war für uns im Leistungssport und auch in der DDR keine Geheimorganisation. Und alle staatlichen Leiter und besonders aber auch die im Leistungssport, wie ich z.B., der ab und zu in einer führenden Funktion war, hatten regelmäßig offiziellen Kontakt mit den Mitarbeitern der Staatssicherheit. Die kamen in mein Büro. Die meldeten sich bei der Sekretärin an. Als Generalsekretär 26 sagte meine Sekretärin ‚Der Herr von der Staatssicherheit ist wieder da’. Oder in meinem Sportklub Berlin-Grünau, den ich eine Zeit lang leiten dürfte, hatten die Herren sogar ein von mir ihnen zugestandenes Arbeitszimmer. Und jeder wusste das. Das war also keine Geheimorganisation für uns und die Zusammenarbeit bestand in erster Linie tatsächlich darin, abzusichern das ein Sportler auch wieder nach Hause kommt. Darüber kann man sagen ‚Das ist traurig, dass wir diese Maßnahmen machen mussten’, aber es war keine Geheimorganisation. Die beiden Punkte nur heute zur Anmerkung zum Verlauf der Diskussion. Ich hoffe, dass die Stasiproblematik morgen nicht weiter unser Thema sein muss.“ Mehr Harmonie, weniger Aufarbeitung, diesen Wunsch äußerte auch Werner Lempert, vom Deutschen Kanuverband der DDR: „Nutzen wir doch einfach die Chance dieser zwei Tage, wo wir hier zusammen sind, das zu resümieren, was wir tun können, damit wir gemeinsam weiter dem Sport die Erfolge bringen können und auch dem Sport so dienen können, wie es nutzbar ist. Ohne altes, wo sich sicherlich der ein oder andere schuldig gemacht hat, jetzt unbedingt in den Mittelpunkt zu stellen und da nach zu karten. Danke!“ Dem widersprach Manfred Kruszek, 1989/90 als Bürgerrechtler im Neuen Forum aktiv: „Ich habe ja gerade gehört, dass sie ganz große Hoffnung haben, dass das Thema Stasi morgen keine Rolle spielt. Ich kann ihnen sagen, es gibt genug Leute, die sich dafür einsetzen, dass es so lange eine Rolle spielt, bis nicht alle Stasiakten erschlossen sind. Sie wissen, dass die brisantesten Akten natürlich zuerst vernichtet worden sind. Die liegen in irgendwelchen Schnipseln vor. Glücklicherweise gibt es Techniken, diese Schnipsel aufzuarbeiten und auch dieses brisante Material zu erschließen. Und ich hoffe, dass auch die neue Bundesregierung die paar Gelder zusammenbekommt, um diese Aufarbeitung, die technisch möglich ist, umzusetzen.“ 27 Hajo Seppelt, Rundfunk Berlin Brandenburg, äußerte sich in ähnlicher Form: „Ich habe diese Diskussion ja mit großem Interesse verfolgt und sie hat mich sehr nachdenklich gestimmt, weil ich seit nunmehr auch zehn Jahren sehr intensiv diese Stasi- und Dopingproblematik verfolge im deutschen Sport, insbesondere im Schwimmsport aber auch in anderen Sportarten. Ich habe sehr intensiv die Dopingprozesse in Berlin verfolgt und es wundert mich schon, auch heutzutage 15 Jahre nach der Einheit festzustellen, dass es immer noch sehr starke Stimmen gibt und das war heute tendenziell deutlich herauszuhören, die sagen: ‚Irgendwann muss man mal einen Schlussstrich ziehen’. Wir sind in Deutschland in der einmaligen Position und Situation, die es nirgendwo auf der Welt gibt, dass wir die Gelegenheit gehabt haben, eine Diktatur minutiös aufzuarbeiten anhand von Stasiakten. Natürlich ist es richtig, dass dort viele Dinge nicht richtig berichtet worden sind. Wir müssen uns als Medienmenschen da auch mitunter an die eigene Nase fassen und sagen, dass einiges undifferenziert geschehen ist. Nichtsdestotrotz ist es ein Verdienst der deutschen Einheit, dass wir zum ersten Mal - ganz anderes als übrigens nach 1945- ein diktatorisches System, ein Überwachungs- und Spitzelsystem in seinen Entartungen zu dokumentieren und letztendlich auch Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen haben. Und ich finde es bemerkens wert, dass es im deutschen Sport eben nur teilweise gelungen ist, dieses zu tun.“ Das Schlusswort hatte Herbert Fischer Solms. Er bedankte sich bei den Diskutanten für die kontrovers geführte Debatte und wies darauf hin, dass gerade die Universität ein Ort ist, an dem es keine Sprech- oder Denkverbote geben dürfe. 28 Plenum 3: Sportart Handball Zur Auftaktrunde des zweiten Konferenztages begrüßte Moderator Lorenz Völker(Historiker), Katrin Miezner, zur Wendezeit Nationalspielerin des DHV der DDR, den damaligen Auswahltrainer des DHV der DDR, Klaus Langhoff, der noch im Jahr 1990 als verantwortlicher Trainer für den Jugendund Juniorenbereich in den DHB übernommen wurde, Horst Bredemeier, 1989 Trainer der bundesdeutschen Nationalmannschaft, Bernd Steinhauser, damaliger Vizepräsident für den Bereich Finanzen, von 1993 bis 1998 Präsident des DHB sowie Ewald Astrath, 1989 Präsidiumsmitglied des DHV der DDR. Sorgenvoll blickte man beim Deutschen Handball Bund(DHB) in die Zukunft. Nach dem Abstieg in die C-Gruppe im Februar 1989 war die Nationalmannschaft der Männer nur noch drittklassig. Spieler, die in ihren Vereinen Leistung zeigten, konnten diese im Nationaltrikot nicht abrufen. Ein mühsamer Qualifikationswettbewerb stand bevor: Bei der C-WM in Finnland wollte man sich wenigstens für die B-WM in Österreich qualifizieren. Dagegen prä sentierten sich sowohl die Männer- als auch die Frauen-Auswahl des DHV der DDR in blendender Verfassung. Beide Teams hatten sich für die A-Weltmeisterschaften qualifiziert, die Männer würden in der CSSR antreten, die Frauen in Südkorea. Währendessen drehte sich beim DHB das Personalkarussell. Kurz vor dem DHB-Bundestag im Oktober 1989 wurde Bernd Steinhauser als Krisenmanager engagiert: „Der DHB war wirklich in einer Krise, einer großen sportlichen und finanziellen Krise. Das Vertrauen zwischen den Lan desverbänden, dem DHB und den Bundesligavereinen war ziemlich angeschlagen. Das heißt einen Monat bevor die Mauer fiel kam der neue Präsident Hans-Jürgen Hinrichs ins Amt und hatte mich mitgebracht. Und ich hatte einen ganz konkreten Auftrag: den Verband zu sanieren.“ 14 Tage später lernte Steinhauser auf einer Konferenz in Zypern den Handballpräsidenten des DHV der DDR, Professor Herrmann, kennen. Kurz darauf fiel die Mauer. Einige Sportler nutzen die neue Freiheit für den schnellen Wechsel in den Westen. Die massive Abwanderungswelle folgte bis Mitte des 29 Jahres 1990. Katrin Miezner, damalige DDR-Nationalspielerin von Frankfurt/ Oder erinnert sich: „Wir hatten noch den Europapokal gewonnen und danach ging dann eigentlich der große Run in die westlichen Bundesländer los. Es begann eine Neuorientierung auch im Verein, keiner wusste, wie geht’s weiter. Auch wie geht es finanziell weiter. Es war eine sehr komplizierte Zeit. Hatten wir überhaupt noch eine Mannschaft mit der wir weiter spielen konnten? Wir hatten natürlich auch unseren Nachwuchsbereich, mit jungen Spielerinnen, die wir dann immer nachziehen konnten, so dass wir in Frankfurt/Oder noch eine relativ kampfstarke Mannschaft aufbauen konnten für die neue Saison. Aber es war natürlich eine Zeit der großen Ungewissheit.(…) Dass man da auch Verständnis haben musste, wenn eine Spielerin gesagt hat‚ OK, ich wechsele jetzt nach Leverkusen oder nach Bremen, ich habe da eine berufliche Perspektive.“ Auch überdurchschnittlich begabte Handballer/Innen waren gezwungen sich neben der sportlichen Karriere ein zweites berufliches Standbein zu schaffen. Ewald Astrath erinnert an die Situation in Brandenburg zur Zeit der Wende: „Zu damaligem Zeitpunkt waren alle Spieler im Stahl- und Walzwerk Brandenburg angestellt. Da kriegten sie ihr Geld her. Das war alles noch 1990 gesichert. Die Sache sah natürlich ein Jahr später völlig anders aus. Die Stellen gingen verloren und waren nicht mehr zu halten. Der Verein verlor seine finanziel le Unterstützung und dann gab es eine völlig andere Situation. Ich war mittlerweile auch Funktionär geworden und habe die Deutsche Einheit von dieser Seite her im Handball betrachtet. Gerade den jungen Spielern im Alter von 17, 18, 19 Jahren konnte man es nicht verdenken, wenn sie sich Richtung Westen orientierten. Sie hatten ihre Ausbildung dann abgeschlossen und fanden keine Einstellung. Dass sie natürlich dorthin gingen, wo sie Handball spielen konnten und gleichzeitig eine Arbeitsstelle bekamen, war klar.“ 30 Katrin Miezner blieb zunächst in Frankfurt/Oder, aus familiären Gründen. Erst 1991 wechselte sie nach Wiesbaden, kehrte aber nach drei Jahren zurück in ihre Heimat. Bereits im Dezember 1989 wagten die DDR-Nationalspieler Wieland Schmidt und Mike Handschke den Sprung in den Westen. Fortan spielten sie in den Planungen von Klaus Langhoff, Trainer der DDR-MännerAuswahl, keine Rolle mehr. „Das war für uns als Nationalmannschaft, die sich ja vorbereitete auf die WM, ein herber Verlust. Er(Handschke) war sehr guter Kreisspieler, auch im Zusammenwirken mit Matthias Hahn. Wir konnten ihn nicht mehr einsetzen.“ Ein Podestplatz war das erklärte Ziel der DDR-Auswahl für die WM in der CSSR. Am Ende reichte es nur zu Rang acht. Immerhin hatte man sich damit noch die Olympiaqualifikation für Barcelona 1992 gesichert. Klaus Langhoff: „Hinzu kam natürlich auch in dieser Zeit besonders zwischen Dezember und März/April, im März war die WM dann zu Ende, dass dort sehr viel Unruhe war. Denn besonders bei den Spielern, die noch kein Angebot aus der Bundesliga hatten- unsere Spitzenspieler wie damals Stephan Haug und Frank Wahl und Peter Hofmann, das war klar, dass die dann nach der WM in die Bundesliga wechselten- aber ich sage mal die Spieler, die so ein bisschen in zweiter Reihe standen, die brachten natürlich mit ihren Verhandlungen, sogar während der WM, Unruhe rein. Ich muss auch hier sagen, dass ich als Trainer sicherlich Fehler gemacht habe, aber wir haben mit dem 8. Platz die Olympiaqualifikation gehabt und ich denke auch, dass das in diesem Einigungsprozess schon ein ganz guter Fundus für uns gewesen ist, denn wenn man rein von der Platzierung ausgeht, wir waren A-Gruppe, die Bundesrepublik war C-Gruppe.“ Dieser Klassenunterschied zeigte sich auch im direkten, wohlgemerkt freundschaftlichen Vergleich am 7. Februar 1990 in Berlin. Die DDR schlug die Bundesrepublik mit 22:17 trotz personellem Aderlass. 15 Jahre nach der Wiedervereinigung äußert sich Klaus Langhoff diesbezüglich desillusioniert: 31 „Dieses Weggehen der Spieler aus dem Bereich des DHV in den Bereich des DHB in die Bundesliga, der war nicht aufzuhalten. Die Spieler sind dem Geld gefolgt, das muss man hier mal so deutlich sagen. Und wir Trainer, einige Trainer natürlich auch.“ Es herrschte eine gewisse Goldgräberstimmung. Nicht nur Handball-Manager Dieter Teraske vom VFL Hameln witterte das große Geschäft. Gleich sechs aktuelle DDR-Nationalspieler folgten seinem Lockruf, darunter Wieland Schmidt und Frank Wahl. Viele junge ostdeutsche Talente orientierten sich an ihren Vorbildern. Das„Ausbluten“ der Vereine im Osten beschäftigte auch die paritätisch besetzte Projektgruppe der beiden deutschen Handballverbände zur Jahreswende 1989/1990. Wie konnte der Fortbestand des ostdeutschen Handballs nach dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft gesichert werden? Flexibilität und kreative Lösungen waren gefragt. Bernd Steinhauser erinnert sich an die Sitzungen der Projektgruppe: „Ich muss auch sagen, bei unserer Seite waren vor allem auch die regionalen Landesverbände sehr stark an diesem Einigungsprozess beteiligt und interessiert mit einem hohen Unterstützungsgrad. Die haben bereits im November einen Solidaritätsfonds für bestimmte Dinge, die einfach auch finanziell aus zugleichen sind, ins Leben gerufen.“ Aber auch andere Finanzquellen wurden angezapft: „Wir haben sofort, weil wir wussten, es kommen nicht nur Themen, sondern auch finanzielle Herausforderungen auf uns zu, mit dem Bundesministerium gesprochen. Wir haben Sponsoren integriert und haben gesagt, wir brauchen einfach für die nächsten ein bis zwei Jahre zusätzliche finanzielle Mittel.“ Für DDR-Auswahltrainer Klaus Langhoff wurde es von Monat zu Monat schwieriger eine schlagkräftige Mannschaft zusammen zu stellen. Nach der geglückten Olympiaqualifikation bei den Weltmeisterschaften in der CSSR und der nahenden staatlichen Wiedervereinigung hatte besonders die Motivation 32 der Spitzenspieler stark nach gelassen. In den Länderspielen u. a. gegen Ägypten, Holland und Polen musste sich Langhoff nach Alternativen umsehen: „Das gute daran war, und das muss man in diesem Kreise auch noch mal sagen, in dieser Zeit kamen endlich auch mal gute Spieler der BSG-Mannschaften in eine Auswahlmannschaft des DHV. Früher war das ja so, dass wir die Männerauswahl und die Juniorenauswahl aus den fünf Sportklubs bestücken mussten. Das waren 75 Spieler. Wir durften eben keine Spieler aus den BSG(Betriebssportgemeinschaften) nehmen, weil die ja wahrscheinlich nicht politisch überprüft waren.“ Eine besondere Situation ergab sich beim Frauen-Handball. Die AuswahlTeams beider deutscher Staaten hatten sich für die Weltmeisterschaften im Dezember 1990 in Südkorea qualifiziert. Aber erst im Oktober 1990 erteilte der internationale Verband die offizielle Startgenehmigung, so Langhoff: „Wir haben einfach gesagt, wir bereiten uns mit zwei Mannschaften vor, mit allen finanziellen Notwendigkeiten. Wir haben praktisch 40 Spieler dahin geschickt. Wir haben gesagt, sie haben die Qualifikationen spielerisch erworben. Wir wollen das international umsetzen und bei diesem Kongress in Madeira waren wahnsinnige Widerstände dagegen, vor allem von den Tschechen, die an Stelle der zweiten deutschen Mannschaft dort teilgenommen hätten. Es waren aber auch Bestrebungen international einfach zu sagen: ‚Ihr seid jetzt wieder vereinigt. Ihr seid ein Land. Ihr könnt nicht mehr mit zwei Mannschaften auftreten.’ Das hat uns unendlich viel, sage ich mal, auch Überzeugungskraft und Koalitionen, wie man das international so macht, gekostet. Darauf sind wir sehr stolz, dass wir die beiden Mannschaften nach Korea schicken konnten und sie haben es mit einem hervorragenden Ergebnis gemacht: Dritter Platz die DHV-Mannschaft, vierter Platz DHB-Mannschaft. Beide Mannschaften haben sich dadurch auch qualifiziert für die Olympischen Spiele 1992.“ Bei den Frauen war der Leistungsunterschied weniger gravierend als bei den Männern. So reagierte die Fachwelt mit einer gewissen Verwunderung als der 33 DHB verkündete, dass nicht Klaus Langhoff, sondern Horst Bredemeier die erste gesamtdeutsche Männer-Nationalmannschaft nach der Wende trainieren würde. Auch Bredemeier selbst zeigte sich überrascht: „Ich persönlich hatte eigentlich damit abgeschlossen und gesagt: ‚Na, gut- wenn die Wiedervereinigung und eine deutsche Mannschaft da ist, wird natürlich die erfolgreichere Nation den Trainer stellen.’ Dann war ich doch sichtlich überrascht, dass ich Trainer bleiben durfte. Also, ich persönlich hatte mich schon wieder auf Juniorentrainer eingestellt. Und es wäre auch, glaube ich, ich sage es mal von der damaligen Sicht und auch von meiner Person, der richtige Schritt gewesen. Zwischen uns beiden hat es aber da nie Konkurrenzdenken gegeben, das war ganz schön. Sicherlich war Klaus ein bisschen enttäuscht, das ist klar. Er hatte halt die Olympiaqualifikation und ich durfte hin, aber dafür habe ich mir dann die Niederlagen abgeholt.“ Dazu Klaus Langhoff: „Ich wäre natürlich gerne Bundestrainer geworden. Der Präsident Jürgen Hinrichs, den ich auch aus Rostock gut kannte, und Bernd Steinhauser, damals Vizepräsident Finanzen, die haben mir das schon erklärt, warum ich es nicht werden konnte. Denn der Hotti(Bredemeier), wenn der aus seinem Vertrag raus gegangen wäre, das wäre auch schon sehr teuer geworden für den Verband und der DHB war ja damals auch finanziell angeschlagen.“ Langhoff wechselte in den Nachwuchsbereich des DHB. Nebenbei trainierte er den Handball-Bundesligisten Wuppertal. Beim DHB war man froh, beide Trainer – wenn auch in unterschiedlicher Funktion – an Bord gehalten zu haben, so Steinhauser rückblickend. So oder so waren im Jahr 1990 die Probleme an der Basis drängender als die Diskussion um zukünftige Nationaltrainer. Im Osten gab es keine mit der Bundesrepublik vergleichbare autonome Vereinslandschaft. Für den Laien bot sich eine recht undurchsichtige Struktur. Selbständige Vereinsneugründungen waren in der DDR generell verboten. Sportklubs befanden sich in direkter Abhängigkeit staatlicher Organisationen (Ministerium für Staatsicherheit, Polizei oder Militär). Die Sportler dieser 34 Klubs mussten besondere politische Schulungen über sich ergehen lassen. Sie standen zudem unter besonderer Beobachtung. Schließlich sollten sie auch international bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften als„Diplomaten in Trainingsanzügen“ Medaillen produzieren. Daneben existierten in der DDR die so genannten Betriebssportgemeinschaften, die von Unternehmen getragen wurden. Für Training und Wettkämpfe wurden die Spitzenathleten von der betrieblichen Tätigkeit freigestellt und dennoch als reguläre Arbeitskräfte abgerechnet. Mit dem Zusammenbruch des Systems und des Staatsapparates boten sich einerseits neue Freiheiten – neue Vereine schossen wie Pilze aus dem Boden – andererseits drohte vielen bislang finanziell abgesi cherten Vereinen das Aus. Die Kooperation mit dem bundesrepublikanischen Sport war dabei von großer Bedeutung. Bernd Steinhauser erinnerte sich: „Wir haben zum Beispiel mit der Führungsakademie für Steuer- und Marketingfragen hier in Berlin ein Programm zusammengestellt, das jeder Verein abrufen konnte. Wo die Vereine und Landesverbände Fragen stellen konnten, wie: Wie ist ein Verein zu gründen? Wie kann er sich dauerhaft absichern? Da gab es ganz praktische Hilfen. Und ich sage, als wir uns dann zusammengeschlossen haben, waren es immerhin über 50.000 Mitglieder in den fünf neuen Bundesländern. Fünf Jahre danach waren es über 60.000 Mitglieder. Sieht man die Gesamtsituation der fünf neuen Bundesländer, war das schon ein Erfolg im Handball. Dass Vereine dazugekommen sind und dass auf der unteren Basis diese Strukturierung in der Tat stattgefunden hat, damit die fünf Landesverbände die sich gebildet haben, auch funktionieren konnten. Wir haben dann vom Präsidium z.B. auch so ein Thema wie Patenschaften übernommen. Wir haben vorgeschrieben, dass die fünf neuen Landesverbände Paten hatten in den alten Landesverbänden, wo man immer anrufen musste. Nicht weil jetzt gerade unbedingt was passiert ist, sondern man hat gesagt ‚Achtung, wenn ihr miteinander telefoniert entwickelt sich zumindest eine persönliche Beziehung’. Ein weiteres Hauptthema war: ‚Wir finanzieren in den ersten zwei Jahren eine hauptamtliche Kraft’. Zudem haben wir vom Verband aus die Finanzierung für die EDV-Ausstattung übernommen. Dadurch waren die fünf neuen Landesverbände rein vom personellen und auch vom finanziellen besser ausgestattet 35 als viele alte Bundesländer/Landesverbände. Das heißt, es gab da schon Anschub vom Verband, aber auch unendlich viel Eigeninitiative. Das gesamte Präsidium ist in den ersten Jahren von Landesverband zu Landesverband gezogen. Wir saßen mit den ganzen Truppen zusammen und haben gesagt ‚Wir hören zu. Wir kommen jetzt hier nicht, um irgendwas zu berichten, sondern wir hören zu. Wo sind die praktischen Probleme, wo können wir helfen.’“ Bis zur Vereinigung trafen sich die Führungsspitzen der beiden deutschen Handballverbände im Vier-Wochen-Rhythmus. Anfang Dezember 1990 traten die fünf neu gegründeten ostdeutschen Landesverbände dem DHB bei. Das siebenköpfige Präsidium des DHB wurde um zwei ostdeutsche Funktionäre erweitert. Am 31. Dezember 1990 löste sich der DHV der DDR auf. 36 Plenum 4: Sportart Kanu Zur Podiumsrunde Kanu begrüßte Moderator Hajo Seppelt, Rundfunk Berlin Brandenburg, Wolfgang Over, in der Wendezeit Generalsekretär des Deutschen Kanuverbandes, Dirk Jöstel, Olympiateilnehmer 1988 in Seoul für den DKV, Manfred Schubert, 1989/90 Cheftrainer beim ASK Vorwärts Potsdam, Rolf-Dieter Amend, ebenfalls erfolgreicher, langjähriger Trainer im Kanusport und den dreimaligen Olympiasieger Thorsten Gutsche. Im Kanusport prallten Welten aufeinander. Bei Olympischen Spielen sammelte der Deutsche Kanuverband der DDR(DKSV) Medaillen, die westdeutschen Kanuten paddelten hinterher. Die Erfolge waren zum Großteil auch auf die speziellen Trainingsbedingungen der DDR-Kanuten zurück zu führen, wie sich Torsten Gutsche erinnerte: „Als DDR-Sportler, gerade hier in Potsdam beim ASK Vorwärts, hatten wir ja eine richtig sorglose Zeit. Wir hatten unsere Uniformen an. Wir hatten nebenbei unsere Ausbildung. Wir haben den ganzen Tag viel Zeit gehabt zu trainieren. Und das war im Prinzip eine Sicherheit, über die man sich überhaupt keinen Kopf machen brauchte.“ Mit dem Fall der Mauer änderte sich dies grundlegend: „Und dann kam im Prinzip der Punkt mit der Wende, wo dann auf einmal alles wegfiel. Gut die NVA ging noch ein Stückchen weiter. Aber was wird jetzt? Können wir das irgendwie weiter machen? Wir mussten sehen, dass wir irgendwo einen Job herkriegen. Wir mussten ja irgendwo eine Ausbildung machen.“ Ein Gefühl existentieller Unsicherheit machte sich breit unter den zuvor gut behüteten DDR-Sportlern. Die Kanuten der Bundesrepublik hingegen waren es gewohnt, sportliche Ziele der beruflichen Karriere unterzuordnen. Dirk Jö stel über die klare Hierarchie im bundesdeutschen Kanusport: 37 „Wir sind morgens zum Training gegangen, abends zum Training gegangen und waren tagsüber beim Job. Der Sport war eigentlich das Zubrot.“ Für die Elite des DDR-Sports waren Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften nicht nur sportliche Höhepunkte, sondern gleichzeitig das Tor zur Welt. Der„Ottonormalbürger“ saß im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät. Rolf Dieter Amend erinnert sich: „Nur wenn man erfolgreicher Sportler war, konnte man reisen. Man brauchte nicht zwölf Jahre auf Trabbi oder Wartburg warten, sondern man hat natürlich bevorzugt auch ein Auto bekommen. Das gleiche betraf Wohnung und ähnliches.“ Das SED-Regime war eine Fürsorgediktatur. Millionen flossen in den Lei stungssport. Die Integration der ostdeutschen Medaillenfabrik wurde in der Wendezeit zum erklärten Ziel vieler Sportfunktionäre und Politiker aus der Bundesrepublik. Sie versprach politisches Prestige und schien vergleichsweise leicht umzusetzen. Wesentlich größere Schwierigkeiten bereitete die Zusammenführung an der Basis. Wolfgang Over, Generalsekretär des Deutschen Kanuverbandes(DKV): „Vor allen Dingen diese Einführung westlichen Denkens(…) das war so etwas von schwer. Also ich will mal sagen, als Beispiel, der DKSV hatte uns 27.000 Mitglieder gemeldet, als wir mit den Vereinigungsgesprächen begannen. Als dann die ganze Umstrukturierung in den Vereinen und in den Landesverbänden erfolgt war, waren das noch 15.000. Wo sind die geblieben, die 12.000? Das Problem war einfach, die waren damals ja auch noch gewohnt, dass sie praktisch nichts bezahlen und nichts in Eigenleistung machen mussten. Und es war ganz schwer die jetzt zu binden und an den eigenfinanzierten Sport heranzufüh ren. Da haben wir uns erst sehr schwer getan. Ich will mal ein Beispiel, ein anderes Beispiel sagen. Wir haben eine Rundreise durch alle fünf neuen Landesverbände gemacht und haben versucht den Vereinsvorsitzenden, den neuen Vereinsvorsitzenden, die Chancen und die Möglichkeiten aufzuzeigen, z.B. ein Bootshaus für ein Euro mit Gelände zu übernehmen. Damals 38 war es noch eine D-Mark. Die gab es damals, diese Chancen. Übernahme von Sportstätten in Eigenregie durch die Vereine. Die meisten Vereine haben mich fassungslos angeguckt, ‚Was erzählt der denn da’. Die haben gesagt ‚Das ist doch im Prinzip eine Staatsaufgabe und die müssen uns die Bootshäuser kostenlos zur Verfügung stellen und wenn wir jetzt die Bootshäuser übernehmen als Verein, dann haben wir doch das Problem, dass wir teilweise die Folgekosten bezahlen müssen. Da gehen wir nicht ran’. Jahre später haben die gleichen Vereine dann darüber gestöhnt, wie die Kommunen immer mehr die Pacht erhöht haben. Und sie dadurch praktisch beteiligt haben an den Kosten.“ Generell sei das Sportverständnis im Osten ein anderes gewesen als im Westen, so Over: „Wer an der Theke stand und ein Bier trank, der war für viele Vereinsmitglieder aus dem Kanuwandersport ein völlig uninteressanter Mensch. Ich versuchte denen klar zumachen, wie wichtig die als Mitglieder und als Beitragszahler sind. Aber das verstand man erstmal gar nicht. Man wollte nur die haben, die richtig Sport treiben.“ Die Herauslösung aus den staatlichen Fesseln, der Aufbau eines autonomen Vereinswesens inklusive aller Vor- und Nachteile benötigte Zeit. Breiten- und Freizeitsportler mussten in Klubstrukturen integriert werden, die zuvor alleine der Leistungsspitze vorbehalten waren. Zum Vereinsgelände des ehemaligen Armeesportklubs ASK Vorwärts Potsdam, der sich heute KC Potsdam nennt, haben Breitensportler inzwischen genauso Zutritt wie Leistungssportler. Rolf Dieter Amend: „Man hat begriffen, dass man sich das Geld zum großen Teil selber erwirtschaften muss. D. h. je mehr Mitglieder wir haben, desto mehr Geld steht uns dann mehr oder weniger auch zur Verfügung. Aber da der Rahmen, die räumlichen Bedingungen ja auch gewisse Grenzen setzen, hat man sehr viel Wert darauf gelegt, auch Mitglieder zu werben, praktisch von den Kindern die Eltern, die Verwandten und ähnliches. Und ich kann nur sa- 39 gen, dass damit eine unheimliche Mitgliederzahl entstanden ist, die nicht nur Beiträge bringen, sondern die im Prinzip das Leben mitgestalten. D. h. wenn jetzt z.B. der Verein, der KC Potsdam, zu Deutschen Meisterschaften fährt mit 70-80 Sportlern, dann sind aber wenigstens 30-40 Eltern dabei, die im Prinzip dafür sorgen, dass die Sportler früh Essen kriegen... und dass alles unterstützen. Das ist eine Gemeinschaft. Ich glaube die ist dermaßen zusammengewachsen. Und auch einige Trainerinnen und Trainer beschäftigen sich mit den Eltern, d. h. die machen abends nebenbei noch Freizeitsport mit denen, machen Hausfrauengymnastik und ähnliches. Man hat, denke ich, schon erkannt, dass man das Ehrenamt auch wieder fördern muss und das in allen Bereichen.“ Im Gegensatz zu vielen seiner Sportlerkollegen schlug Dirk Jöstel kurz nach der Wende den umgekehrten Weg ein. Auf Grund der besseren Trainingsbedingungen wechselte er von der RG Berlin nach Potsdam. Seine Eindrücke deckten sich weitgehend mit denen von Rolf Dieter Amend: „Es war natürlich eine große Umstellung. Bei uns herrschte ein Vereinsleben, wo am Wochenende viele Mitglieder im Verein waren, sich gesonnt haben am Wasser. Vielleicht zweimal im Jahr sich ein Boot geschnappt haben, aber die Leute haben diesen Verein finanziert. Auch weil sie an der Theke standen. Und in der DDR, denke ich, war es so, dass dort tagsüber Sport betrieben wurde. Da fehlte dieses Vereinsleben. Und das alles komplett umzukrempeln, dauert natürlich eine gewisse Zeit.“ 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der deutsche Kanuverband erfolgreichster Vertreter Deutschlands bei Olympischen Spielen. Das liegt zum Einen daran, dass man mit einer gezielten Eliteförderung an zwischenzeitlich verpönte Traditionen des DDR-Sportsystems anknüpft. Zum Anderen aber auch an konzeptionellen Eigenleistungen des DKV, wie Wolfgang Over betont: „Man muss doch langsam mal zur Kenntnis nehmen, dass die Erfolgsgeschichte nicht nur ein Überbleibsel von der DDR sein kann. Wir haben ja mittlerweile auch wieder ganz junge Leu- 40 te ganz vorne mit dabei. Wir haben mittlerweile auch ein paar jüngere Trainer dabei, integriert auf Bundesebene. Wir sind etwas zentralistischer als andere(Verbände) geworden und wir sind etwas professioneller geworden. Wir haben also jetzt tatsächlich die Einflüsse aus den Landesverbänden, aus dem Eh renamt zumindest auf Bundesebene und auf der Nationalmannschaftsebene auf ein Minimum beschränkt. Und das ist natürlich erstmal schon ein Punkt, der uns von manchen Verbänden unterscheidet. Dann haben wir natürlich ein Wettkampf- und Trainingssystem, wo immer noch alle Leute dran teilnehmen und nicht jeder was anderes macht. Es ist sicherlich nicht so leistungshemmend, eine vernünftige gemeinsame Vorbereitung zu machen.“ Rolf Dieter Amend hingegen sieht die Erfolge des DKV nach der Wende wesentlich stärker in Verbindung mit der Übernahme des in der DDR entwickelten Stützpunksystems: „Die Leistungen oder die Sportler, die haben sich inzwischen auf mehrere Stützpunkte verteilt. Es gab vorher bedeutend weniger. Und das ist natürlich eins, was man in den alten Bundesländern auch erkannt hat. Da haben sich ganz starke Stützpunkte entwickelt. Unten in Karlsruhe, die im Prinzip dieses System eigentlich oder Teile des Systems von der DDR übernommen haben. D. h. mit verstärkten Trainingsmöglichkeiten pro Tag, sehr gute Absicherung von Schule und Ausbildung, Studium und ähnlichem. Dort wurden also Voraussetzungen geschaffen, die bald schon wieder für uns Vorbild sind. Das muss man sagen. Und dazu gehören engagierte Leute und die sind dort vorhanden. Ein gleiches Prinzip in Essen, wo ebenfalls ein starker Stützpunkt entstanden ist. Und ich glaube damit entsteht auch wieder ein sehr großes Konkurrenzverhalten.“ Andererseits gibt es gerade in den ostdeutschen Bundesländern Stützpunkte, die vergleichsweise große Probleme haben, so Amend: „Wenn man an Neubrandenburg denkt, sehr gut im Nachwuchs aber oben in der Spitze nichts. Aber wo dran liegt das? Das 41 hängt natürlich wieder mit den ökonomischen Bedingungen zusammen. Kein soziales Umfeld, keine Infrastruktur, keine Ausbildungsmöglichkeiten. D. h. also im Prinzip verlassen die Sportler, das kann man schon sagen, mit 17 oder 18 Jahren ihren Verein, um sich dann woanders anzusiedeln, wo diese Möglichkeiten gebunden sind. Und je besser das Umfeld ist, je besser das im Prinzip gekoppelt ist, Sport und Beruf, desto besser kann man auch weiterhin die sportlichen Leistungen bringen. Denn der Sportler muss das Gefühl haben, dass er beides schafft. Wenn er nämlich überfordert ist auf dem einen Gebiet, ist er auf dem anderen Gebiet auch überfordert. Und dazu müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass der Sportler beides ordentlich schaffen kann. Dann ist er motiviert und dann macht er das auch ordentlich.“ Der Kanusport ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass die Eliteförderung im deutschen Sport wieder salonfähig geworden ist. Die Sichtung von Talenten beginnt bereits in der siebenten Schulklasse. Die Vereine verpflichten sich, für die jungen Sportler zu sorgen, bis diese die schulische Ausbildung beendet haben, so Manfred Schubert. „Also ich sehe daran praktisch, dass diese Entwicklung bei uns hier so weitergehen muss, wie das jetzt wieder geworden ist. Eben mit der Entdeckung des Nachwuchses, Heranbildung des Nachwuchses und auch den Einsatz von hauptamtlichen Leuten, die den Nachwuchs betreuen. Es geht nicht, dass nur die Spitze betreut wird. Der Deutsche Kanuverband braucht aus allen Ländern in der Nachwuchsarbeit gute Leute, die die Kinder an den Kanusport binden und ausbilden. Aber nicht nur beim Kanu, sondern im gesamten Sport.“ Der Kanusport als Vorbild für die deutsche Sportlandschaft? Trotz der großen Erfolge bleibt Kanu in Deutschland eine Randsportart. Das Know-how der Kanuten ist in anderen Sportverbänden kaum gefragt. Ein wirklicher Austausch findet nicht statt, so Over ein wenig enttäuscht. „Die versuchen zwar gelegentlich ein bisschen neidisch ein paar Bemerkungen zu machen, wie ich das eben auch schon 42 angedeutet habe. Es hat ja alles bei euch so leicht zu sein, aber dass einer glaubt(…) sich mal mit uns vernünftig und intensiver zu unterhalten, um dann vielleicht auch mal zu gucken was davon passt, dass ist eher selten.“ 43 Plenum 5: Sportart Fußball Zur Abschlussrunde begrüßte Moderator Michael Barsuhn, den ersten frei gewählten Präsidenten des DDR-Fußballverbandes(DFV) und heutigen DFBVizepräsidenten Dr. Hans-Georg Moldenhauer, den langjährigen Herausgeber des„kicker-Sportmagazin“ Karl-Heinz Heimann, Otto Höhne, zur Wendezeit Präsident des Berliner Fußballverbandes und Theo Gries, 1989/90 Spieler beim damaligen Zweitligisten Hertha BSC Berlin. Der Fußballverband der DDR(DFV) war analog zu allen anderen Fachverbänden des DDR-Sports in seinen Entscheidungen nie unabhängig. So geschah es immer wieder, dass der DTSB neben sportpolitischen Grundsatzentscheidungen auch selbstherrlich in die Belange der einzelnen Fachverbände eingriff. In der ersten Phase nach dem Mauerfall hatte daher nicht nur die Fußball-Basis in den Kreisen und Bezirken der DDR ein reges Interesse an einer deutlichen Loslösung vom DTSB, auch die DFV-Verbandsführung ging auf Distanz und forderte Reformen. Während sich die Spitzenfunktionäre des DFV im Berliner Generalsekretariat versammelten, wurde Magdeburg zum Geburtsort der Basisbewegung. Hans-Georg Moldenhauer erinnert sich an eine bewegte Zeit: „Und ich weiß noch wie heute, es war so im November, als ganz hart nach dem Mauerfall und den Demonstrationen, die ja immer noch liefen, dann bei mir Vertreter aus dem Breitenbereich des Fußballs aus Dresden und dann aus Rostock anriefen. Da war ich ja natürlich bekannt als ehemaliger Leistungssportler beim 1.FC Magdeburg…dann riefen die mich an: ‚Ja müssen wir jetzt nicht mal was machen? Da läuft jetzt vieles, man liest es in der FuWo, neue Dinge werden vorbereitet, neue Strukturen sollen kommen. Müssten wir da nicht uns einfach mal melden?’ Und das empfanden wir natürlich alle so und deswegen hat man gesagt: ‚Kannste nicht mal einladen?’ Dann habe ich das gemacht. Die Kollegen aus den anderen Bezirken, damals noch Bezirken der DDR, sind nach Magdeburg gekommen und da haben wir zusammen gesessen und diskutiert.“ Das erste Treffen der Fußball-Basis fand Ende November 1989 in der Magdeburger Universität statt, ein zweites folgte Mitte Dezember 1989. Um die 44 Tagungen zu strukturieren, hatte Moldenhauer im Vorfeld einige Thesen formuliert. Die Basis forderte ein Mitspracherecht bei verbandsinternen Entscheidungen. Damit stieß sie auf Widerstand im DFV- Präsidium. Bei einer konsequenten demokratischen Erneuerung des Verbandes fürchteten die AltFunktionäre um ihre Posten. Doch der allgemeine Demokratisierungsdruck war stärker. Im Anschluss an die Magdeburger Tagungen forderte die Basis die Aufnahme eines Vertreters ins Präsidium des DFV. Die Verbandsführung musste reagieren, so Moldenhauer: „Es war vielleicht eine ungewohnte Erfahrung für ein zentrales Gremium, aber die wussten natürlich wie die Stimmung war und haben dann das Angebot angenommen und dann war ich plötzlich Gast bei den Präsidiumssitzungen.“ Mit Moldenhauer hatte die Basis fortan einen Abgesandten in der obersten Entscheidungszentrale des Verbandes platziert und damit einen entscheidenden Etappensieg auf dem Weg zu mehr Mitsprache im Verband errungen. Nebenbei bot sich Moldenhauer durch seine Aufnahme auch die Möglichkeit, die Position der Verbandsführung zum Thema„Deutsche Sporteinheit“ kennen zu lernen, die sich in seiner Erinnerung wie folgt darstellte: „Die deutsche Vereinigung ist ja wahrscheinlich nicht mehr aufzuhalten, zum Einen und zum Zweiten müssen wir jetzt alles tun,(damit es) in dem vereinigten Deutschland zwei gleichrangige, gleichwertige Fußballverbände gibt. Den DFV der DDR, meinetwegen anders bezeichnet, und den DFB.“ Dass dieses Vorhaben jedoch dem Artikel 1 der Fifa-Statuten widersprach, wonach„in jedem Land nur ein Verband anerkannt werden“ kann, wurde ignoriert. Die Altfunktionäre hofften auf die Anwendung des„Großbritannien-Modells“, jener Ausnahmeregelung von 1946, die den CommonwealthStaaten Schottland, Nordirland, Wales und England jeweils einen eigenen Nationalverband in der Fifa zugesteht. Der interne Machtkampf zwischen der alteingesessenen Verbandsführung um Präsident Professor Dr. Günter Erbach, der am 10. Februar 1990 von seinem bisherigen Vizepräsidenten Günther Schneider abgelöst wurde, und Hans-Georg Moldenhauer als Vertreter der Basis entschied sich auf dem achten Verbandstag des DFV der DDR am 31. März 1990 in Strausberg bei Berlin. In freier und geheimer Wahl wurde Mol- 45 denhauer von den 264 anwesenden Delegierten zum Wendepräsidenten gekürt:„Je kürzer ich als Präsident des DFV im Amt bin, desto besser habe ich gearbeitet.“ Mit diesen Worten hatte er die Delegierten zuvor überzeugt. Ähnliche Energie entwickelte Heinz Krügel, langjähriger Erfolgstrainer des 1. FC Magdeburg, in seiner Abrechnung mit den Alt-Funktionären des DFV. Kicker-Herausgeber Karl Heinz Heimann, neben Holger Schück vom Deutschlandfunk einer der wenigen Journalisten aus der Bundesrepublik, der den Weg nach Strausberg gefunden hatte, erinnert sich an Details: „Am meisten beeindruckt war ich da vom Krügel, dem Magdeburger Trainer, der eine scharfe Abrechnung mit dem DFV und mit Günter Schneider als Person vornahm. Es gipfelte dann in der Schilderung, dass vor einem Europapokalspiel gegen den FC Bayern München, ein Stasioffizier gekommen sei und ihm angeboten hat: Sie können in der Pause mithören, was da in der Bayern-Kabine gesprochen wird. Das hat Krügel und das nehme ich ihm ab, mit Empörung zurückgewiesen.“ Auch Moldenhauer erinnert sich an den Fall Krügel: „Ich habe 6/7 Jahre unter Heinz Krügel selbst gespielt beim 1. FC Magdeburg, auch Europapokalspiele. Und ich weiß genau den Zeitpunkt, als er dann abgesetzt wurde. Er rief mich noch – wir hatten drei, vier Führungsspieler, die waren so eine Art Mannschaftsrat – da rief er uns vor einem Training in die Kabine: ‚Ich muss morgen nach Berlin. Es geht hier um ein paar Dinge, die da gegen mich vorliegen u. a. in Verbindung mit Udo Lattek.’ Er hat uns das zu meiner Überraschung vollständig frei offeriert und hat auch dort gesagt, wohlgemerkt zu tiefsten DDR-Zeiten, er wird in Berlin ganz knallhart seine Meinung sagen, dass es so mit dem Fußball auch nicht weitergehen kann, wenn in die Vereine hinein dirigiert wird, wer was wie und wo zu machen hat…und das wird er dann vortragen. Und das hat er auch gemacht und dann war er 14 Tage, drei Wochen später nicht mehr unser Trainer.“ So bot der achte Verbandstag des DFV der DDR auch zum ersten Mal ein Forum für die Opfer des DDR-Sportsystems. Wenige Wochen später, am 19. 46 April 1990, trafen sich die Verbandspitzen von DFV und DFB. Am Rande des Uefa-Kongresses in Malta vereinbarten die Präsidenten der beiden deutschen Fußballverbände Hans-Georg Moldenhauer und Hermann Neuberger erste konkrete DFB-Hilfen für den DDR-Fußball. Die Landesverbände des DFB wurden aufgefordert, dem DFV beim Aufbau föderaler Strukturen im DDR-Fußball finanziell und logistisch unter die Arme zu greifen. Zum er sten offiziellen Treffen der beiden Präsidien verabredete man sich für den 19. Mai 1990 in Berlin anlässlich des DFB-Pokal-Finales. Bis dahin sollten die jeweiligen Vorstellungen über den Weg zur„Fußball-Einheit“ in den Fachgremien der beiden Verbände diskutiert werden. Die anfängliche Harmonie wurde jedoch schnell erschüttert. Auf einem Treffen von Sportjournalisten in Königswinter/Bonn demonstrierte DFB-Schatzmeister Egidius Braun vor der versammelten ost- und westdeutschen Presse die abwehrende Haltung des DFB zu einer schnellen Sporteinheit. Unterdessen litten die Vereine der DDR zunehmend unter der Abwanderung ihrer besten Spieler Richtung Bundesrepublik. Obwohl Moldenhauer vor einem„weiteren Auszehrungsprozess des Oberliga-Fußballs in der DDR“ warnte und für ein forciertes Einheitstempo plädierte, setzte sich der DFB in der am 19. Mai gemeinsam veröffentlichten Pressemitteilung durch: Nicht vor der Spielzeit 1992/93 sollte in allen nationalen Meisterschaftswettbewerben der gemeinsame Spielbetrieb beginnen. International würden der DFV der DDR und der DFB bis zur Vereinigung als autonome Verbände existieren. Aber warum ignorierte der DFB die Sorgen des ostdeutschen Fußballs? Das anfängliche Argument Neubergers, man wolle zunächst beobachten, wie die Basis zusammenwächst, um daraus Schlüsse für die Vereinigung im Profibereich abzuleiten, hatte längst an Durchschlags kraft verloren: Die Basis bewegte sich, nur der DFB-Präsident stand weiter still. Neuberger plagten andere Sorgen. Bereits im Februar 1990 waren die DDR und die Bundesrepublik in eine Qualifikationsgruppe für die Europa meisterschaft 1992 in Schweden gelost worden. Hans-Georg Moldenhauer: „Es hätte ein Spiel in Leipzig gegeben und es hätte ´92 das letzte entscheidende Spiel dieser Gruppe, hat man so gedacht, zwischen der DDR und der Bundesrepublik im Münchner Olympiastadion gegeben. Und Neuberger hat dann zu mir gesagt: ‚Lassen sie die Vereinigung des Fußballs, doch bis nach ´92 nach der EM. Lassen sie die Verbände bis dahin autonom’. Sicherlich aus bis dahin wirtschaftlichen Interessen. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, ein viertel Jahr später aber, 47 dann natürlich alles detaillierter, dass die Spiele alle schon vermarktet waren. Und insbesondere die beiden Spiele der beiden deutschen Mannschaften. Da ging es inzwischen schon um Millionenbeträge damals. Und natürlich das Interesse an der Durchführung dieser Spiele.“ Bis in den Juli hinein zögerte der DFB: „Dann war ich in Rom bei der WM 1990 und fuhr mit Horst R. Schmidt im Wagen. Er war ja persönlicher Mitarbeiter von Neuberger. Und dann sagte der zu mir ‚sagen sie mir doch jetzt mal ganz ehrlich wie sie die Pläne von Neuberger sehen’. Und da habe ich ihm gesagt ‚Wissen sie Herr Schmidt, die Mauer ist gefallen. Ganze Systeme, ganze Armeen sind zusammen gebrochen. Und ich kann ihnen nur soviel sagen, ich habe ´92 keinen Fußball-Verband mehr, der unter der Rubrik DDR spielt. Da muss ich wahrscheinlich im Münchner Olympiastadion alleine spielen mit ein paar Freunden. Also da wird es keine DDR mehr geben im Fußball’. Und das war in Rom. Und ich war noch gar nicht ganz zu Hause, da hatte ich den Brief von ihm auf dem Tisch, dass wir mit erhöhtem Tempo die Einheit suchen sollten und die Spiele absetzten sollten.“ Als sich die Verbandsspitzen am 19. Juli 1990 zu den entscheidenden Gesprächen in Frankfurt/Main trafen, waren die Würfel also bereits gefallen. Moldenhauer hatte sich mit seiner Forderung nach einer deutlichen Verschärfung des Tempos der Fußball-Einheit gegen die Bedenken Neubergers durchsetzen können. Der Termin für die Fußball-Einheit sollte von 1992 auf 1991 vorgezogen werden, auf einem außerordentlichen Verbandstag sollte sich der DFV als Regionalverband Nordost neu konstituieren und anschließend dem DFB beitreten. Einen Tag zuvor, am 18. Juli 1990, hatte das Präsidium des DFV auf einer außerordentlichen Tagung in Berlin mit dem Rückzug der Olympiaund der A-Nationalmannschaft aus den bevorstehenden Qualifikationswettbe werben das letzte Hindernis für eine schnellere Einheit aus dem Weg geräumt. Die ursprünglich als Europameisterschafts-Qualifikationsspiele angesetzten Auftritte der DDR-Nationalmannschaft wurden in Freundschaftsspiele umgewandelt. Hans-Georg Moldenhauer erinnert sich: 48 „Wir haben sie alle ausgetragen und für mich das Unfassbare- weil kein systematisches Training mehr möglich war – wir haben alles gewonnen. Alle Spiele gewonnen. Wir haben in Schottland in Glasgow 1:0 gewonnen. Die ursprünglich angesetzten EM-Qualifikationenspiele. Wir haben in Rio de Janei ro gegen Brasilien 3:3 gespielt. Also die Mannschaft war gar nicht mehr zu schlagen, die Spieler haben natürlich jetzt gekämpft, weil draußen die Späher der großen Klubs saßen.“ Inzwischen hatten sich die Offiziellen beider Seiten angesichts der nahenden staatlichen Wiedervereinigung auf eine weitere Vorverlegung der Fußball-Einheit auf den 21. November 1990 verständigt. Höhepunkt des Festtages sollte ein Spiel DDR gegen Bundesrepublik sein. Als die letzten Vorbereitungen auf Hochtouren liefen – der Kartenvorverkauf hatte schon begonnen – eskalierte in den Stadien der DDR-Oberliga die Gewalt. West- und ostdeutsche Hooligans nutzten die Zurückhaltung der ostdeutschen Polizei zu Ausschreitungen inner- und außerhalb der Stadien. Einer der Brennpunkte neben Berlin war Leipzig. Ausgerechnet an dem Ort, an welchem am 21. November mit der Begegnung der A-Nationalmannschaften das Fest der Fußballeinheit mit internationaler Prominenz aus Sport und Politik gefeiert werden sollte, erreichte die Welle der Gewalt am 3. November 1990 ihren traurigen Höhepunkt. Nachdem Polizeieinheiten von Leipziger und Berliner Hooligans in die Enge getrieben worden waren, feuerten sie neben Warnschüssen auch ungezielt in die Menge. Der Berliner Mike Polley wurde von einer Polizeikugel getroffen und verstarb wenige Minuten später. Unter diesen Umständen war die Stadt Leipzig mit ihren Sicherheitskräften nicht länger bereit, die Verantwortung für einen geregelten Ablauf des Vereinigungsfestes zu garantieren. Am Telefon betonte DFB-Präsident Neuberger gegenüber Moldenhauer, dass der DFV wie vereinbart die alleinige Last der Verantwortung für den Festtag zu tragen habe. Nach eigenen Angaben blieb Moldenhauer nichts anderes übrig: Im Anschluss an ein erneutes Treffen von DFV und DFB, dem sächsischen Innenminister Dr. Rudolf Krause, sowie den Polizeibehörden am 13. November in Leipzig, entschied er sich schweren Herzens für die Absage des Länderspiels. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 25.000 Eintrittskarten im Vorverkauf abgesetzt. Hans-Georg Moldenhauer erinnerte sich: „Da habe ich auch die Wucht der finanziellen Macht gespürt in diesem Zeitraum. Das Ergebnis sind Vertragsstrafen, wie wir 49 das alle heute kennen. Und die Vertragsstrafe sollte ich dann kriegen, weil ich ja das Spiel abgesagt hatte. Also ich war hinterher konfrontiert mit großen Rechnungen bestimmter Gremien und Firmen. In Größenordnungen muss ich sagen. Es war für mich schon das erste Mal dramatisch als ich plötzlich einen Brief kriege, dass ich wegen Vertragsstrafe mit so und soviel hunderttausend D-Mark belegt werden sollte. Das ist dann aber wieder mit der Stärke des DFB geregelt worden, muss ich sagen.“ Trotz der Eskalation im Vorfeld konnte der Zusammenschluss des deutschen Fußballs termingerecht vollzogen werden. Am Vormittag des 20. November 1990 löste sich der DFV der DDR auf, um sich am Nachmittag desselben Tages als Nordostdeutscher Fußballverband(NOFV) neu zu gründen. Aus einem Nationalverband wurde ein Regionalverband. Auch die Berliner Verbandsfunktionäre mussten sich in Verzicht üben. Der Westberliner Fußballverband(BFV) verlor seinen Status als Regionalverband im DFB und wurde nach der Vereinigung mit dem Ostberliner Fußballverband(FVB) am 17. November 1990 im Hotel Intercontinental als einer von fünf ostdeutschen Landesverbänden in den NOFV integriert. Für einen über Jahrzehnte durch politische Bedrängung gestählten und selbstbewusst gewordenen Insel-Verband war diese„Herabstufung“ ein schmerzhafter Schritt. Für BFV-Präsident Otto Höhne war sie im Hinblick auf den gesamtdeutschen Fußball der Nachwendezeit ein notwendiges Opfer:„Natürlich mussten einige auf Posten verzichten. Aber die gemeinsame Sache erforderte gewisse Einschnitte.“ Nachdem die letzten bürokratischen Hürden genommen waren, versammelten sich Verbandfunktionäre aus Ost und West am 21. November 1990 in der Leipziger Oper zum außerordentlichen DFB-Bundestag, um die Vereinigung zu besiegeln. Mit dem Beitritt des am Vortag neu konstituierten Regionalverbandes Nord/Ost(NOFV) zum DFB war die Geschichte des DDR-Fußballs allerdings noch nicht ganz abgeschlossen. Die Integration der ostdeutschen Vereine stand noch bevor. Nur der Berliner Jugendfußball war ansatzweise bereits vereint. So waren schon zu Beginn der A- und B-Juniorenmeisterschaften 1990/91 im August 1990 jeweils vier DDR-Klubs angetreten. Bis zur entgültigen Aufnahme aller ostdeutschen Vereine in den gesamtdeutschen Spielbetrieb verging ein weiteres Jahr. In der Qualifikationssaison 1991/92 schafften Meister Hansa Rostock und Dynamo Dresden den Sprung in die erste Bundesliga. Rot-Weiß Erfurt, Chemie Halle, der Chemnitzer FC, Carl-Zeiss Jena, 50 Lokomotive Leipzig und Stahl Brandenburg wurden in die zweite Bundesliga eingegliedert. Dort spielen noch heute Rostock und Dresden sowie Aue und Cottbus. Die restlichen ehemaligen Spitzenklubs des DDR-Fußballs finden sich im Amateurbereich wieder. Hans Georg Moldenhauer äußert sich zu den Gründen: „Eine Hauptursache warum wir so stehen, ist unter anderem natürlich das wirtschaftliche Gefüge im Umfeld der Vereine. Alle Hauptsponsoren, alle Firmen, die einen Verein in der Größenordnung heutiger Zeit führen können, sitzen im Westen. Hier haben wir Dependancen. Aber Dependancen gehen nicht ran, es gibt auch Firmenphilosophien, die gehen nicht ran an die Vereine. Also solange wir da keinen Ausgleich haben, werden wir natürlich immer im wirtschaftlichen Bereich andere Bedingungen haben, müssen mit eigenen Dingen arbeiten. Und das ist der Punkt Nachwuchs. Was nämlich auch nicht rüber kommt, ist die großartige Leistung im Nachwuchsbereich unserer Vereine. Ich weiß, ich kann ihnen das sagen, wir haben 720 Jugendspieler in den letzten Jahren ausgebildet, die hochkarätige Anforderungen erfüllen. Wir haben in allen Auswahlmannschaften Spieler. Von 20 finden sie zehn oder zwölf mit Namen hinter Halle, Magdeburg, Erfurt, Berlin, Jena. Dieselben Spieler treffen sie wieder bei der U19. Aber da steht Leverkusen, HSV, München usw. dahinter. Das heißt das Problem ist, wir haben eine hervorragende Ausbildung, wir können aber auf Grund der sportlichen Infrastruktur, der Wirtschaftlichkeit diese Spieler hier bei uns nicht halten. Das heißt im Moment sind wir dabei nach Wegen zu suchen, wie man das machen kann. Und nun bin ich bei Patenschaften. Für mich sieht eine Patenschaft so aus, und das sage ich auch unseren Vereinen immer, wenn einer anfängt…ich habe das richtige Beispiel dafür, weil ich reingehe in die Vereine, da sagt der ‚Na ja mit dem mache ich keine Patenschaft, der will mich ja nur über den Tisch ziehen.’ Dann muss ich sagen, so eine Patenschaft besteht aus Geben und Nehmen. Wenn ich als Amateur-Oberligist zu einem Bundesligisten gehe, dann erzähle ich dem, indem ich mich gut vorbereite, was ich für ihn für ein wichtiger Partner bin in welchen Bereichen. Was ich ihm biete. Und dann komme ich erst 51 auf das Thema, was er mir auch bieten kann. So muss ich ran gehen. Wenn dann die Bundesligisten sagen würden, über ein Zweitspielrecht, über welche Dinge auch immer…da spielen die Spieler Nr. 16-18 bei Dynamo Dresden von Bayern München ausgeliehen über eine Saison oder ähnliche Dinge, dann haben sie eine Hilfe. Das Gehalt wird weiterbezahlt, der Spieler wird finanziell unterstützt, er steht am Wochenende jedes Mal in ei nem Punktspielbetrieb mit 20.000 Zuschauern und wenn er gut ist kann er wieder zurückgehen. Das sind die Aufgaben, die wir jetzt annehmen müssen.“ Neben Vereinspatenschaften fordert Theo Gries, zum Zeitpunkt der Konferenz Trainer von Tennis Borussia Berlin, eine grundlegende Reform des Amateurspielbetriebs. Nach der aktuellen Regelung ermitteln die Meister der Oberligastaffeln des Nordostdeutschen Fußballverbandes, NOFV Nord und NOFV Süd, untereinander den Aufsteiger in die Regionalliga. Der Verlierer bleibt trotz„Meisterschale“ in der Oberliga: „Ich habe mir sehr viele Gedanken darüber gemacht und hätte mir gewünscht, dort ein Rotationsprinzip einzuführen. Nicht nur die Süd- und Nordstaffel des NOFV müssen eine Relegation spielen, sondern irgendwann ist mal die Nordstaffel gegen Hamburg oder Niedersachsen und Bayern gegen Württemberg dran, so dass man nur alle fünf Jahre in den ‚Genuss’ kommt, eine Relegation spielen zu müssen. Ansonsten immer den direkten Aufstieg schaffen kann. Jedes Mal ist es ein anderer Verband der dort gegeneinander spielen muss. Also im jährlichen Rhythmus. Ich weiß, dass die westdeutschen Verbände in der Summe die größere Macht gehabt hätten. Aber dort hätte ich mir gewünscht, dass man wirklich sagt: ´Hey, wir müssen da drüben helfen’…“ Anschließend äußerte sich Gries zu der besonderen Situation des Berliner Amateurfußballs: „Also wir sind jetzt ein Verein, der sich in Berlin bewegt mit 6-7 anderen Mannschaften. Unser Etat ist nicht so hoch wie bei den Mannschaften, die in den neuen Ländern sind. Wir ha- 52 ben ja das eine oder andere Testspiel dort gemacht und man tauscht sich aus zwischen den sportlichen Leitern. Und ich bin immer wieder überrascht, wie viel höher der Etat ist. Dass sich das Gesamtvolumen immer ums drei-, vierfache höher bewegt, als bei uns. Für uns ist es schwieriger, in der Großstadt Sponsoren in dieser Größenordnung an Land zu ziehen. Da bin ich sehr überrascht. Also bei den Ost-Oberligisten ist mehr Geld vorhanden als bei uns.“ Das Schlusswort des Tages hatte der heutige Ehrenpräsident des Berliner Fußballverbandes, Otto Höhne: „Eine Wiedervereinigung und ein Zusammenwachsen kann man ja nicht befehlen, das muss entstehen, das muss wachsen. Und das hat sich hier eigentlich gezeigt. Die Vereine sind aufeinander zugegangen. Die haben sich eingeladen. Die haben gemeinsam gefeiert. Die haben gemeinsam Veranstaltungen durchgeführt. Und das war eigentlich das Schöne dabei, dass dadurch natürlich immer ein Zusammenwachsen einfacher und leichter war, als wenn es angeordnet wird von oben. Das ist selbstverständlich. Ein anderer Punkt: Natürlich wurde der Osten abgegrast. Das ist doch ganz klar. Das ist ja nun mal der kommerzielle Trend. Aber ob die glücklich geworden sind, weiß man nicht.(…) Wir haben natürlich auch gelernt von der DDR. Wenn ich an die Schulen und an die Sportgymnasien denke, die uns gefüttert haben mit Nachwuchs, noch ein ganzes Jahrzehnt bei den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Wir brauchen diese Konzentration und ich bin an und für sich froh, dass wir das jetzt auch übernommen haben: Sportgymnasien, auch Fußballakademien, wo man eben doch um national und international wettbewerbsfähig zu werden viel, viel tun muss. Und das ist vielleicht auch die große Stärke, dass wir das jetzt haben. Schauen sie mal, ‚Jugend trainiert für Olympia’. 80% der Sieger sind aus dem Ostteil unseres Landes. 80% von allen deutschen Schülern, die Sport treiben in allen Bereichen. Also hier sind wir auf dem Weg und ich muss sagen, das ist ganz gut.“ 53 Fazit und Ausblick Die Konferenz„Die Vereinigung im Sport 1989/90“ machte es noch einmal sehr deutlich: Die Rolle des Sports in der Gesellschaft lässt Rückschlüsse auf die Verfasstheit eines politischen Systems zu. So spannen Diktaturen den Sport in der Regel stärker bzw. rücksichtsloser für politische Zwecke ein als Demokratien. Einerseits erhielt der Sport in der SED-Diktatur daher größte Aufmerksamkeit. Spitzensportler genossen gegenüber der Normalbevölkerung besondere Privilegien à la Wartburg und eigener Datsche. Vor allem aber durften sie ins kapitalistische Ausland reisen. Dafür standen die Athleten andererseits unter besonderer„politischer“ Beobachtung. Ausbleibender Erfolg auf der Tartanbahn oder politische Unzuverlässigkeit konnte mit einem abrupten staatlich verordneten Karriereende bestraft werden. Unzureichend ausgespähte Talente wurden erst gar nicht in die Nationalmannschaftskader berufen. Der Zusammenbruch des politischen Systems der DDR 1989/90 konfrontierte auch die Verantwortlichen im DDR-Sport mit der Notwendigkeit einer Abkehr vom„Staatssport“ und einer Anpassung an den autonomen Vereinssport der Bundesrepublik. Dabei ging es um Liberalisierung und Demokratisierung, um Dezentralisierung und Föderalismus, aber auch um Existenzängste, Anpassungsschwierigkeiten, Abwicklung. Zuvor finanziell benachteiligte Sportarten drängten in den Vordergrund. Politiker und Sportfunktionäre betonten die Bedeutung des Breitensports als Basis einer jeden demokratischen Gesellschaft. In den Einigungsvertrag wurde der Leistungssport aufgenommen, der Breitensport fand keine Erwähnung. Einiges wurde versäumt in der hektischen Zeit der Vereinigung des deutschen Sports. Viele Politiker, besonders aus der Bundesrepublik, ließen sich von den Medaillenerfolgen der DDR blenden. 1989/90 wurden kaum kritische Fragen gestellt. Fragen nach staatlichem Zwangsdoping, nach der Rolle der Staatssicherheit im Sport. Dies alles sind Fragen, die dank mangelnder Aufarbeitung aus dem Sport heraus noch heute sehr aktuell sind. Oder um es mit den Worten von Professor Hans-Joachim Teichler zu sagen:„Der Sport hätte auf Grund seiner moralisch-ethischen Verantwortung diese Sache in den Jahren ´90/´91/´92 wesentlich engagierter angehen können. Das ist ein großes Versäumnis. Und das müssen jetzt Historiker nacharbeiten.“ Deshalb wird es weitere Konferenzen geben. 54 Kurzbiographien der Teilnehmer Siegbert Heid Geb. 24.01.1942, Leiter des Gesprächskreises Sport-Gesellschaft-Zukunft an der Friedrich-Ebert-Stiftung. Holger Rupprecht Geb.19.01.1953, Absolvent der Universität Potsdam; Abschluss Diplomlehrer 11.07.1975; 1993-2004 Schulleiter Humboldt-Gymnasium Potsdam; seit 13.10.2004 Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg. PD Dr. habil Hermann Wentker Geb. 16.12.1959, Leiter Institut für Zeitgeschichte Abteilung Berlin; Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Leipzig. Prof. Dr. Hans Joachim Teichler Geb. 1946, Studium von Sport- und Sozialwissenschaft in Bonn bei Bernett und Bracher. Promovierte in Bochum bei Ueberhorst und war anschließend drei Jahre Sportreferent der SPD-Bundestagsfraktion. Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung und langjähriger Sprecher der Sektion Sportgeschichte in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Seit 1994 Professor für Zeitgeschichte des Sports im Institut für Sportwissenschaft der Universität Potsdam; Arbeitsschwerpunkte: Medien, Arbeitersport, Sportpolitik im Dritten Reich und Sportgeschichte der DDR. Dr. Jutta Braun Geb. 1967, Studium der Zeitgeschichte, Osteuropäischen Geschichte und Sinologie in München; 1999 Promotion zur Enteignungspolitik in der DDR; Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports der Universität Potsdam; Veröffentlichungen zur Justizgeschichte der DDR und den deutschdeutschen Sportbeziehungen. 55 Podiumsrunde Rudern Kathrin Boron geb. 4.11.1969, die dreifache Olympiagewinnerin der Potsdamer Rudergesellschaft; erfolgreichste Ruderin aller Zeiten; 1989 Weltmeisterin im Doppelvierer; 1990/91 Weltmeisterin im Doppelzweier; 1992 Olympiagold in Barcelona im Doppelzweier; 1996 Olympiagold in Atlanta im Doppelvierer; 1999,98,97 Weltmeisterin im Doppelzweier; 2000 Olympiagold in Sydney im Doppelzweier; 2001 Weltmeisterin im Doppelzweier; 2004 Olympiagold in Athen; Auszeichnung„Champion des Jahres 2004“; Juni 2005 Auszeichnung mit dem„Rote Adler Orden“, dem höchsten brandenburgischen Verdienstorden. Ralf Holtmeyer Geb. 29.03.1956, Erfolge als Trainer u. a. mit dem Deutschland-Achter: 5 mal Weltmeister 1989, 1990, 1991, 1993, 1995; Olympische Goldmedaille 1988 und Bronzemedaille 1992, Silbermedaille 1996 in Atlanta, Vizeweltmeister 1998, Bronzemedaille bei der WM 2001 in Luzern und der WM 2002 in Sevilla im Frauenachter; seit 2001 Bundestrainer der Frauen Riemen, 2003 Goldmedaille WM in Mailand; 2004 Platz 5 bei den Olympischen Spielen in Athen. Dr. Johannes Wujanz 1955-1959 Cheftrainer bei Vorwärts Berlin; Cheftrainer bei Dynamo Potsdam; seine Schützlinge waren Jörg und Bernd Landvoigt(4 mal Weltmeister und 2 mal Olympiasieger); 1966 holte sein Vierer mit Steuermann den ersten WM Sieg für die DDR und für Potsdam; Verabschiedung von seiner Trainerlaufbahn mit der Zusammenführung Ost- und Westdeutschlands; seit dem übernahm er das Amt des Bürgermeisters in Blankenburg und ist Vorsitzender der Gemeindevertretung Wusterhausen. Henrik Lotz Geb. am 4.08.1928; 1964-81 Vorsitzender der Hanauer Rudergesellschaft 1879; 1976 zum 2. Vorsitzenden des Deutschen Ruder Verbandes(DRV) gewählt; 1983-1995 Präsident des DRV; ab 1993 Vorsitzender des Trägervereins IAT/FES e.V.(Institut für Angewandte Trainingswissenschaft und Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten); heute Ehrenpräsident des 56 DRV; 1989 ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Henrik Lotz ist einer der Ehrenvorsitzenden des Deutschen Ruderverbandes. Wilfried Hofmann Geb. 1932; 1959-1974 Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Ruder Sportverband der DDR(DRSV); Mitglied im NOK der DDR; 1974-April 1990 Präsident des DRSV der DDR; an den Vereinigungsverhandlungen maßgeblich beteiligt; 1978-1993 Vorsitzender der Junioren-Kommission der FISA. Karsten Finger Geb. 1970, im Jahre 1985 begann Karsten Finger als 15- Jähriger in der Jugendabteilung des Berliner Ruderclub(BRC) seinen sportlichen Werdegang; Silbermedaille(Vierer mit Steuermann) bei den olympischen Spielen in Barcelona 1992; nach Beendigung seiner erfolgreichen Leistungssportkarriere widmete er sich der Jugendarbeit in seinem Berliner Ruderclub; im März 2005 diesen Jahres Wahl zum ersten Vorsitzenden des Berliner Ruderclubs e.V. Gemischte Runde Dr. Volhard Uhlig Geb. 27.09.1941, fing vor 50 Jahren mit dem Basketballspielen in Halle an der Saale an; 1959 EM in Istanbul als jüngster Teilnehmer; 1960 gesamtdeutsche Olympiamannschaft in Rom; 1989 letzter Präsident des Deutschen Basketballverbandes der DDR; 3.11.1990 Präsidiumsmitglied im Deutschen Basketballbund(DBB); seit 1990 Geschäftsführer der Trainerakademie. Bodo Hollemann Geb. 16.10.1940; 1976-1987 Vorsitzender der Fachsparte Wasserball; 19871992 Präsident des Deutschen Schwimmverbandes(DSV). Podiumsrunde Handball Ewald Astrath Geb. 1932, 1957-1981 Vizepräsident des DHV der DDR, ab Nov. Präsidiumsmitglied des DHB, später Vizepräsident Leistungssport im DHB bis 1993. 57 Horst Bredemeier Geb. 1952, seit den 70er Jahren Trainer für GWD Minden; 1982-1989 Trainer der Jugendnationalmannschaft des DHB; Nationaltrainer der Männer im DHB von 1989 bis 1992, heute Vizepräsident Leistungssport im DHB sowie Manager GWD Minden. Klaus Langhoff Geb. 1939, ehemaliger Nationalspieler, Cheftrainer FC Empor Rostock, später Männer-Auswahltrainer des DHV der DDR bis zur Wende, dann Bundestrainer Nachwuchs bis zur Berentung Ende 2004. Bernd Steinhauser Geb. 1952; in der Wendezeit Mitglied der Arbeitsgruppe des Deutschen Handballverbandes(DHV) und des Deutschen Handballbundes(DHB); 198993 DHB Vizepräsident für Finanzen; 1993-98 Präsident des DHB; heute ist er Vizepräsident des DHB. Katrin Miezner Geb. 1959; ASK Frankfurt/O., Nationalspielerin im Deutschen Handballverband der DDR(DHV) mit 260 Länderspielen, 1992 Wechsel nach Wiesbaden (Schwarz-Weiß Wiesbaden, 2. Liga Süd); heute Leitungsmitglied beim FHC und Jugend- und Familienrichterin in Frankfurt/Oder. Podiumsrunde Kanu Dirk Joestel Geb. 14.08.1965, begann seine Laufbahn als Leistungssportler 1981; von 1987-1992 gehörte er der Nationalmannschaft an; WM- und Olympiafinalist (Seoul 1988); seine sportliche Laufbahn beendete er 1992; er absolvierte das Studium der Betriebswirtschaft; heute arbeitet er als Verwaltungsleiter im Institut für Menschenrechte. Manfred Schubert Geb. 24.05.1934, Manfred Schubert nahm 1955 erstmals an der WM in Tacen/YUG teil und wurde Achter im Einerkanadier sowie zweiter mit der Mannschaft; 1957 errang er in Augsburg im C1 seinen ersten WM-Titel, dem 1961 und 1963 zwei weitere folgten; 1959 und 1961 wurde Schubert auch im 58 Wildwasserrennen Weltmeister; Schubert war fünf mal DDR-Meister im C1 (viermal im Kanuslalom und 1mal im Wildwasser); nach seiner Leistungssport-Karriere wurde er Cheftrainer des ASK Vorwärts Potsdam. Rolf-Dieter Amend Geb. 21.03.1949, belegte Platz 2 bei den DDR Meisterschaften im Wildwasserkanu mit seinem Partner Walter Hofmann; 1972 holte er mit seinem Partner olympisches Gold in München; 1975 wurde die Förderung des Kanuslaloms, das inzwischen nicht mehr zum olympischen Programm zählte, eingestellt; Amend beendete seine leistungssportliche Kariere und wurde Trainer für Kanurennsport beim ASK Vorwärts Potsdam; zu seinen Schützlingen gehören u. a. die Olympiasieger von 1992: Kay Bluhm und Torsten Gutsche; heute ist er Bundestrainer im Kanurennsport beim Olympischen Sportclub Potsdam(OSC) am Luftschiffhafen. Torsten Gutsche Geb. 8.06.1968, Olympisches Gold 1992 in Barcelona im Kajak-Zweier über 500 m und Kajak-Zweier über 1000m; Olympisches Gold 1996 in Atlanta im Kajak-Zweier über 500 m und Silber im Kajak-Zweier über 1000m; Weltmeister: 1989, 1993 und 1994 im K2 über 500 m, 1989, 1990, 1991 und 1993 im K2 über 1000 m; 1992 Auszeichnung mit dem Bambi. Werner Lempert Geb. 23.07.1937; aktiver Leistungssportler Kanuslalom; Weltmeister 1965; ab 1970 Verbandstrainer Kanuslalom zur Vorbereitung der Olympischen Spiele 1972, Vizepräsident für Kanurennsport im DKSV der DDR; März 1989 letzter Generalsekretär des DKSV der DDR; bis heute Leiter des Sportklubs Grünau; zur Wendezeit übte er die Tätigkeit als Generalsekretär des Deutschen-Kanu-Sport-Verbandes(DKSV) aus. Wolfgang Over Aktiver Wildwasserfahrer von 1965-1975; von 1974-1980 Jugendsekretär beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen; seit Oktober 1980 zunächst Geschäftsführer, später Generalsekretär des Deutschen Kanuverbandes(DKV) und Geschäftsführer der DKV-Wirtschaft- und Verlags GmbH. 59 Podiumsrunde Fußball Dr. Hans-Georg Moldenhauer Geb. 25.11.1941, seit 1956 bis heute aktiver Fußballspieler im 1. FC Magdeburg, 1960-1966 Mitglied verschiedener DDR Auswahlteams(U 21, Olympiaauswahl, DDR Nationalmannschaft), März 1990 erster und letzter frei gewählter Präsident des DFV der DDR, März-November 1990 Vereinigung des Fußballs der DDR mit der ehemaligen Bundesrepublik; seit November 1990 Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes(NOFV) im DFB sowie Vizepräsident des DFB; seit 1994 Vizepräsident des DSB, seit 1992 Persönliches Mitglied im NOK für Deutschland. Karl-Heinz Heimann Geb. 29.12.1924, 1950/51 Studium an der Ersten Deutschen Journalistenschule in Aachen; ab 15.3.1952 beim KICKER in Köln als Redakteur, später Chef vom Dienst; ab 1. Oktober 1968 Chefredakteur des„kicker-Sportmagazin“; ab 1.10.1988 Herausgeber des„kicker-Sportmagazin“; ausgezeichnet 1992 mit dem Verdienstorden der FIFA in Gold, 1993 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2003 mit dem Ehrenzeichen in Gold des DFB. Otto Höhne 1963-1990 Präsident Hertha 03 Zehlendorf; 1990-2004 Präsident des Berliner Fußballverbandes(BFV); Vizepräsident des NOFV, Vorstandsmitglied im DFB; Heute Ehrenpräsident BFV sowie Ehrenmitglied im DFB. Theo Gries Geb. 10.02.1961; 1985-1994 Bundesligaprofi bei Alemannia Aachen, Hertha BSC Berlin, Hannover 96; seit 1995 Aktiv in der Seniorenmannschaft von Hertha 03 Zehlendorf und bei den Traditionsmannschaften von Hertha BSC und Alemannia Aachen; 1995–1999 Jugendtrainer; 2002 Ausbildung zum DFB-Fußballlehrer in Köln und von 2003-2005 Cheftrainer Tennis Borussia Berlin. 60 Moderatoren Professor Dr. Jörg Hoffmann Dozent für Trainingswissenschaft an der Universität Potsdam; Mehrfacher DDR-Meister Kanu(60er Jahre); Meister des Sports; Trainer Ruder Nationalmannschaft Frauen. Hajo Seppelt Geb. 12.06.1963, Filmemacher/Reporter/Kommentator/Moderator, ARD Fernesehen(rbb), Experte für Doping und olympische Sportpolitik, langjähriger Schwimmreporter der ARD. Herbert Fischer-Solms Geb. 1946, langjähriger Sportredakteur Deutschlandfunk; Spezialist in Fragen der Sportpolitik. Lorenz Völker Geb. 1970, Studium an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster und der Freien Universität Berlin. Nach dem Studium Mitarbeiter am Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports der Universität Potsdam, heute Studienrat für Geschichte und Sport an einer Oberschule in Berlin-Hellersdorf. Ehemals aktiver Handballspieler in Minden/Westfalen, Münster und bei den Reinickendorfer Füchsen Berlin. Michael Barsuhn Geb. 19.05.1977, studierte Geschichte, Neuere deutsche Literaturwissenschaften und Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin; Mitarbeiter am Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam; freier Sportjournalist u. a. Deutschlandfunk und Berliner Zeitung. Hand in Hand stehen am 15. Dezember 1990 beim Bundestag des DSB in Hannover(v.l.n.r.) die Landesverbandsvorsitzenden Professor Dr. Gerhard Junghähnel(Brandenburg), Andreas Decker(Sachsen), Professor Dr. Klaus-Dieter Malzahn(Sachsen-Anhalt), der DSB-Präsident Hans Hansen, und die Landesverbandsvorsitzenden Wolfgang Remer(Mecklenburg-Vorpommern) und Professor Dr. Manfred Thies nach der Vereinigung des deutschen Sports unter dem Dach des Deutschen Sportbundes(DSB). Foto: picture-alliance/ dpa ISBN 3-89892-