Dieter Dowe(Hrsg.) Hans-RosenbergGedächtnispreis 2006 der Heinrich-August-undDörte-Winkler-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung Reihe Gesprächskreis Geschichte Heft 66 Gesprächskreis Geschichte Heft 66 Dieter Dowe(Hrsg.) Hans-RosenbergGedächtnispreis 2006 der Heinrich-August-undDörte-Winkler-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung Laudatio von Bischof Wolfgang Huber und Preisrede von Christian Nottmeier „Theologie und Politik in der ersten deutschen Demokratie:Adolf von Harnack und Reinhold Seeberg“ Friedrich-Ebert-Stiftung Historisches Forschungszentrum Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn Tel.: 0228/883-473 E-mail: Doris.Fassbender@fes.de © 2006 by Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn(-Bad Godesberg) Umschlag: Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck: Medienhaus Plump, Rheinbreitbach Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2006 ISSN 0941-6862 ISBN 3-89892-488-2 Inhalt Anke Fuchs 5 Heinrich August Winkler Hans Rosenberg und der 7 Bischof Wolfgang Huber 11 Christian Nottmeier Theologie und Politik in der ersten deutschen Demokratie: Adolf von Harnack und Reinhold 19 1. 2. 3. 3.1 3.2 3.2.1 3.2.2 3.3 4. 5. Vorbemerkungen 19 „Seelische Mobilmachung“: Gelehrtenpolitische Deutungsansprüche angesichts der Zäsur des Ersten 22 Protestantische Profile: Anmerkungen zum Zusammen hang von protestantischer Weltsicht und politischem Engagement bei Harnack und Seeberg bis zum Ende des Ersten 25 Harnack und Seeberg als symbolische Repräsentanten des gespaltenen 25 Biographie und 29 Adolf von 29 Reinhold 33 Harnack und Seeberg im 38 Liberale Demokratie oder autoritärer Staat: Harnack und Seeberg in der Weimarer 43 57 Anke Fuchs Begrüßung Liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Gäste! Zum zweiten Mal wird heute der Hans-Rosenberg-Gedächtnispreis verliehen, der zur Erinnerung an den großen deutsch-amerikanischen Sozialhistoriker einem Nachwuchswissenschaftler für eine außergewöhnliche Forschungsleistung überreicht wird. Der Preis wird vergeben von der Heinrich-August-und-DörteWinkler-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Stifter, Prof. Dr. Heinrich August Winkler und seine Frau Dr. Dörte Winkler, begrüße ich sehr herzlich unter uns. Ich freue mich, dass wir in dem Ziel der Förderung unseres wissenschaftlichen Nachwuchses eng zusammenarbeiten. Das Kuratorium der Unterstiftung, dessen Mitgliedern Prof. Dr. Kaelble, Prof. Dr. Puhle und Prof. Dr. Dowe ich für ihre Mitarbeit danke, hat den diesjährigen Preis dem Historiker und Theologen Dr. Christian Nottmeier für seine Dissertation über„Adolf von Harnack und die deutsche Politik 1890-1930“ zuerkannt. Herr Nottmeier ist übrigens Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ihnen, Herr Nottmeier, spreche ich schon jetzt meinen herzlichen Glückwunsch für die Auszeichnung aus! Für die Laudatio haben wir eine besonders prominente Persönlichkeit gewonnen, die wie kaum jemand in der Lage ist, über das Verhältnis von Protestantismus, Wissenschaft und Politik zu sprechen: Es ist der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber. Herr Prof. Dr. Huber, seien Sie herzlich in der Friedrich-EbertStiftung begrüßt. Heinrich August Winkler Hans Rosenberg und der Gedächtnispreis Heute wird zum zweiten Mal der Hans-Rosenberg-Gedächtnispreis für Nachwuchshistoriker verliehen. Der Namensgeber des Preises, der Historiker Hans Rosenberg, wurde am 26. Februar 1904 in Hannover geboren und wuchs in Köln auf. Der Schüler von Friedrich Meinecke und Johannes Ziekursch war vor 1933 mit Arbeiten zur politischen Ideenwelt des deutschen Vormärz, darunter dem vielbeachteten Aufsatz„Theologischer Rationalismus und vormärzlicher Vulgärliberalismus“, und einem Buch über„Rudolf Haym und die Anfänge des klassischen Liberalismus“, seiner Habilitationsschrift, hervorgetreten. 1934 legte er eine Pionierstudie über die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1857-1859, im Jahr darauf eine zweibändige kritische Bibliographie über die nationalpolitische Publizistik Deutschlands in den 1860er Jahren vor. An eine akademische Laufbahn im nationalsozialistischen Deutschland aber war für ihn, den sogenannten„Halbjuden“, nicht zu denken. 1935 emigrierte Hans Rosenberg über Kanada und Kuba in die USA. Nach zwei Jahrzehnten Lehrtätigkeit am Brooklyn College, der heutigen City University in New York, wurde er 1959 an die University of California in Berkeley berufen. Aus den amerikanischen Jahren stammen vielbeachtete Bücher über die Herrschafts- und Sozialstruktur des alten Preußen und die„Große Depression“ der Bismarckzeit. Das zuletzt genannte, auf deutsch geschriebene, 1967 erschienene Werk mit dem Untertitel„Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa“ war der methodisch innovative Versuch eines Brückenschlags zwischen der Geschichts- und den Wirtschaftswissenschaften und hier besonders der Theorie der langen Wellen in der Konjunktur. Das Buch hatte eine prägende Wirkung auf eine ganze Generation politischer Sozialhistoriker in Deutschland, der angelsächsischen Welt und Israel. Ein Brückenschläger ist Hans Rosenberg auch in anderer Hinsicht geworden: nämlich im Sinne des intellektuellen Austausches über den Nordatlantik hinweg. Als Gastprofessor im Nachkriegsdeutschland, namentlich an der Freien Universität Berlin, verhalf er jungen deutschen Historikern und Politikwissenschaftlern zu der Möglichkeit, Anschluss an den neuesten internationalen Forschungsstand und die interdisziplinäre Methodendiskussion zu gewinnen. Er trug entscheidend zur Öffnung der deutschen Geschichtswissenschaft gegenüber den Fragestellungen, Methoden und Modellen der systematischen Sozialwissenschaften und damit zur Schärfung des Theoriebewusstseins in der Geschichtswissenschaft bei. Die neuere sozialgeschichtliche Forschung verdankt wenigen Historikern so viel wie Hans Rosenberg. 1977 kehrte Hans Rosenberg endgültig nach Deutschland zurück. Er wurde Ehrendoktor der Universität Bielefeld und Honorarprofessor der Universität Freiburg. In der Umgebung von Freiburg, in Kirchzarten, lebte er bis zu seinem Tod im Jahre 1988. Der Hans-Rosenberg-Gedächtnispreis soll an ihn erinnern und dazu beitragen, dass sein geistiges Vermächtnis lebendig bleibt. Der mit€ 5.000 dotierte Preis wird alle zwei Jahre im zeitlichen Umfeld des Geburtstages von Hans Rosenberg an herausragende Nachwuchshistoriker verliehen. Der erste Preisträger war 2004 Dr. Stephan Malinowski, der für seine Dissertation„Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat“ ausgezeichnet wurde. Der diesjährige Preisträger ist Dr. Christian Nottmeier. Er ist im Sommersemester 2002 am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über „Adolf von Harnack und die deutsche Politik 1890-1930. Eine biographische Studie zum Verhältnis von Protestantismus, Wissenschaft und Politik“ promoviert worden. Unter diesem Titel ist die Abhandlung im Jahre 2004 in der Reihe„Beiträge zur historischen Theologie“ des Verlages Mohr Siebeck in Tübingen erschienen. Alle drei Gutachter – neben mir der Wissenschaftshistoriker Rüdiger vom Bruch und der Theologe Ulrich Barth von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – bewerteten die Arbeit mit der Höchstnote„Summa cum laude“. Dieselbe Note erhielt der Kandidat auch für die Disputation, so dass„Summa cum laude“ auch die Gesamtnote des Promotionsverfahrens bildete. Auf die Gründe, die zu diesem herausragenden Ergebnis geführt haben, brauche ich hier nicht einzugehen. Weder will ich der offiziellen Begründung in der Urkunde zur Preisverleihung vorgreifen noch dem, was der Laudator dazu gleich sagen wird. Ich bin dem Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Herrn Prof. Dr. Wolfgang Huber, dankbar, dass er die Aufgabe übernommen hat, die wis­sen­ schaftliche Bedeutung von Christian Nottmeiers Buch über Adolf von Harnack zu würdigen. Nach der Laudatio folgt dann die Preisverleihung durch Prof. Dr. Dieter Dowe, und danach wird Christian Nottmeier über das Thema„Theologie und Politik in der ersten deutschen Demokratie: Adolf von Harnack und Reinhold Seeberg“ sprechen. Sehr verehrter, lieber Herr Bischof Huber, Sie haben das Wort! 11 Bischof Wolfgang Huber Laudatio Wenn der Theologe Christoph Markschies in einigen Tagen seine Antrittsrede als Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin hält, dann wird er den Weg dieser Universität als einer Stätte hochschulpolitischer Reformen am Beispiel zweier Theologen erläutern können, die ihm selbst in Jahrhundertschritten vorangegangen sind: nämlich an Friedrich Schleiermacher, dem Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, der zur Gründer-Generation der Friedrich-Wilhelm-Universität gehörte, und an dem 1914 geadelten Adolf Harnack, der in unvergleichlicher Breite der wissenschaftlichen wie politischen Präsenz vier Jahrzehnte Wissenschaftsgeschichte in Berlin wie kein anderer geprägt hat. Mir selbst ist Adolf von Harnack natürlich zunächst als Theologe begegnet: als ein Theologe, der sich aus dem konservativen Luthertum, das sein Vater Theodosius Harnack repräsentierte, frei machte und in der Schule Albrecht Ritschls einen eigenständigen Zugang zur Erforschung des altkirchlichen Dogmas bahnte. Mir war es als Student nur schwer verständlich, dass Harnacks Berufung nach Berlin gegen den Widerstand des preußischen Oberkirchenrats durchgesetzt werden musste; und ich habe an Hand dieses Beispiels eine erhebliche Sympathie dafür entwickelt, dass die Kirchenbehörden im evangelischen Bereich bei der Berufung von Theologieprofessoren nur ein konsultatives, kein dezisives Votum haben – auch wenn dem Staat gegenüber ein solcher Unterschied zwischen katholischer und evangelischer Regelung auf Dauer keinen Bestand haben konnte. Meine Lehrer im Fach Kirchengeschichte waren gewissermaßen schon Enkel Adolf von Harnacks. Sie hatten teilweise noch bei ihm gehört, waren dann aber bei Karl Holl oder Hans Lietzmann in die Schule gegangen. Aber sie tradierten den Satz, man solle in der Patristik, also in der Kirchengeschichte der ersten fünf christlichen 12 Jahrhunderte, promovieren, wenn man ein guter Theologe werden wolle; denn dann habe man eine solide methodische Ausbildung; und man sei zugleich der formativen Phase des Christentums begegnet, in der die wichtigen Grundentscheidungen fielen, die sich für den weiteren Weg der christlichen Kirchen als prägend erweisen sollten: die Ausbildung des christologischen sowie des trinitarischen Dogmas, der Schritt zu einer Kirche, die in allen Teilen der(jeweils bekannten) Welt präsent war, die Annahme des Orts der Kirche in der res publica. Adolf von Harnack hat all das aber nicht nur am Beispiel der altkirchlichen Entwicklung gelehrt, sondern er hat es auf seine Weise auch gelebt. Auch das will ich zunächst am Beispiel meiner persönlichen Begegnung mit Harnacks Wirken erläutern. Als ich mich selbst vom Studium der Patristik emanzipierte, war eines der ersten Themen, denen ich mich zuwandte, die Reaktion von Kirche und Theologie auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Da begegnete mir auch Harnack als einer der 93 deutschen Intellektuellen, die noch im August 1914 sich zu einem durchaus kriegsbegeisterten Manifest hinreißen ließen. Doch zugleich stieß ich auf seine an den damaligen Reichskanzler Bethmann Hollweg gerichteten Memoranden, die auf einen innenpolitischen Reformprozess in Deutschland gerichtet waren. Und ich stieß auf die – für manche überraschende – Entschlossenheit, mit der Harnack, der sich der besonderen Gunst Wilhelms II. erfreut hatte, als Vernunftrepublikaner den Schritt zur Bejahung der Weimarer Demokratie unternahm. Dabei lag ihm in besonderer Weise das Verhältnis von Staat und Kirche am Herzen. Eigens reiste er nach Weimar, um dem Verfassungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung den Erhalt der Theologischen Fakultäten und des Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen nahezubringen. An der Formulierung der Weimarer staatskirchenrechtlichen Artikel, die unverändert auch in das Bonner Grundgesetz aufgenommen wurden, hat Harnack durch- 13 aus seinen eigenen Anteil. Wo seine Position in der Debatte über das Verhältnis von Religionsunterricht und Ethikunterricht an den Berliner Schulen zu suchen wäre, kann nicht zweifelhaft sein. Harnack beschränkte sich keineswegs auf Engagements, die ein besonders hohes Maß an öffentlicher Reputation versprachen. So war es, als er sich 1902 bereit fand, die Präsidentschaft des Evangelisch-Sozialen Kongresses zu übernehmen – und zwar in einer Zeit, in der dieses Organ des sozialen Protestantismus sich in einer ausgesprochen schwierigen Situation befand.(Da ich mir schon die Freiheit genommen habe, mein persönliches Affiziert sein durch die Gestalt Adolf von Harnacks erkennbar zu machen, verschweige ich auch nicht, dass mein Großvater Walter Simons zu den Nachfolgern Harnacks in der Leitung des EvangelischSozialen Kongresses gehörte.) Dass die Breite des öffentlichen Engagements die wissenschaftliche Konzentration nicht ausschließen muss, hat Harnack in einer bewundernswerten Weise vorgelebt. In einer Zeit, in der er als Direktor der preußischen Staatsbibliothek wie als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft(aus der sich die Max-PlanckGesellschaft entwickelte) Tag für Tag gefordert war, schrieb er an seinem Marcion, gewiss, wie man hinzufügen muss, seinem dunkelsten Buch. Aber er sah in seinem allgemeinpolitischen wie in seinem wissenschaftspolitischen Engagement keine Ablenkung von der wissenschaftlichen Arbeit, weil er sich insgesamt an eine Devise hielt, die er 1905 in einem Brief an seinen Freund Martin Rade so formulierte:„Man lernt die Welt nur so weit kennen, wie man auf sie wirkt.“ Die Wissenschaft war in diese Betrachtungsweise vollständig einbezogen. Denn„Wissenschaft“, so konnte Harnack sagen,„ist die Erkenntnis des Wirklichen zu zweckvollem Handeln.“ Damit sind wir bei der ungewöhnlichen Dissertation angekommen, der ich diese beiden Zitate entnommen habe. Christian 14 Nottmeier ist Historiker und Theologe zugleich. Er verbindet eine stupende Gelehrsamkeit mit einem ausgeprägten praktischen Sinn. Deshalb lässt er sich durch seine wissenschaftlichen Erfolge nicht davon abhalten, die nötigen Schritte in die kirchliche Praxis zu gehen. Mit dem Titel seiner Dissertation spielt er auf ein epochemachendes Vorbild an: nämlich auf die Dissertation des unlängst so jäh verstorbenen Wolfgang Mommsen über„Max Weber und die deutsche Politik 1890-1920“. Dem Vorbild dieses 1959 erstmals veröffentlichten Werks entsprechend trägt Nottmeiers im selben Verlag – Mohr(Siebeck) – publizierte Arbeit den Titel:„Adolf von Harnack und die deutsche Politik 1890-1930. Eine biographische Studie zum Verhältnis von Protestantismus, Wissenschaft und Politik.“ Der Anspruch, der sich mit dieser Titelwahl ausdrückt, wird in vollem Umfang eingelöst. In eindrücklicher Weise gelingt es Christian Nottmeier, den Zusammenhang zwischen theologischer Prägung und politischem Wirken bei Harnack deutlich zu machen. Es ist auch gut zu sehen, dass einem, der schon früh theologischen Wagemut zeigt, der Weg zu öffentlichem Wirken nicht verschlossen sein muss. Vielmehr ist es umgekehrt: Man muss Harnacks persönlichkeitsprägende Frömmigkeit verstehen, wenn man einen inneren Zugang zu seinem weit gespannten öffentlichen Wirken gewinnen will. Das ist die zentrale These von Nottmeiers Buch. Harnack nimmt Luthers These von der Rechtfertigung des Sünders darin auf, dass er den unendlichen Wert der Menschenseele zum Zentrum des christlichen Glaubens erklärt. Indem der Mensch seine freie Personalität als göttliche Gabe wahrnimmt, sieht er eine Grundpflicht seines Lebens darin, seine Fähigkeiten in den Dienst des Gemeinwesens zu stellen. Diese Überzeugung prägt Harnacks persönlichen Lebensweg; sie bestimmt aber auch die Richtung seines öffentlichen Wirkens. Insofern bilden die per- 15 sönlichen Überzeugungen, die Harnacks Lebensführung prägen, und die weltanschaulichen Ideale, an denen er sein öffentliches Handeln ausrichtet, eine unauflösliche Einheit. Obwohl der Schwerpunkt von Nottmeiers Arbeit auf der„Gelehrtenpolitik“ liegt, schließt sie eine sensible Darstellung von Harnacks theologischer Entwicklung ein. Einbezogen wird ebenso der Übergang von der baltischen Prägung zur Beheimatung in der größeren Weite des Bismarckschen und dann des wilhelminischen Reichs. Hier entwickelt sich Harnack zum gouvernementalen Politikberater, der – gemeinsam mit dem reformerischen Flügel der staatlichen Bürokratie – eine„mittlere Linie“ vertritt. In einer durch Kulturkampfstimmung und Sozialistengesetzgebung durchaus polarisierten Gesellschaft vertrat Harnack mit anderen die Bereitschaft zum Konsens und das Interesse an wirksamen sozialen Reformen. Dabei traute Harnack dem wilhelminischen Staat, so muss man wohl rückblickend urteilen, mehr Reformfähigkeit zu, als er tatsächlich besaß. Aber wer hätte schon die Kraft zu wirklichen Reformen aufgebracht, ohne dass diese Kraft sich aus einer Hoffnung speiste, die über das Erwartbare hinausreichte? Harnack jedenfalls kann man nicht absprechen, dass er auch wirkliche Innovationen zustande gebracht hat. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ist dafür sicher das deutlichste Beispiel. Mich hat bei der Lektüre des Buchs von Christian Nottmeier erneut sehr beschäftigt, wie ein Mensch von Harnacks Weitblick sich im Ersten Weltkrieg zunächst voll gefangen nehmen ließ durch die Kriegsbegeisterung, dann aber schnell zu einer differenzierteren Beurteilung fand. Nottmeier kann das nun aus den im Harnack-Nachlass aufbewahrten Schätzen viel detaillierter zeigen, als das bisher möglich war. Auch deshalb freut man sich darauf, was er selbst in seinem Harnack-Editionsprojekt aus diesen Schätzen allgemein zugänglich machen wird. Es nimmt einem nahezu den Atem, wenn man liest, wie sich 16 der Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Ersten Weltkrieg mit der von seiner eigenen Wissenschaftsorganisation entscheidend unterstützten Gaskampfführung auseinandersetzen muss, um schließlich – spät, wie man zugeben muss – im Jahr 1917 durch den Verwaltungsausschuss ausdrücklich feststellen zu lassen, dass die„wissenschaftliche Ausarbeitung und Erprobung von Gaskampfmitteln[...] abseits von den eigentlichen Aufgaben der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft“ liege. Außerordentlich spannende Entdeckungen hält dieses Buch bereit. Zu ihnen gehört beispielsweise, dass der Aufruf der Reichsregierung an die Bevölkerung der Landesteile, die in Folge des Versailler Vertrags zum 1. Januar 1920 aus dem Reichsverband ausschieden, auf Harnacks Entwurf zurückgeht; nun war er also, kaum mehr als ein Jahr nach dem Ende der Monarchie, Berater der republikanischen Regierung. Aber ebenso beeindruckend ist es, wie Nottmeier die großen Linien herausarbeitet. Dafür mag als Beispiel seine abgewogene und faire Darstellung von Harnacks Übergang zur Bejahung der Republik stehen – einschließlich des Motivs der Enttäuschung über die Reformunfähigkeit des ancien régime. Schaut man auf Harnacks letzten Lebensabschnitt, so treten die Grundmotive noch einmal ganz klar heraus, die in Christian Nottmeiers Buch leitend sind: eine geradlinige, wenn man so will: schlichte Form evangelischer Frömmigkeit; eine vorbehaltlose Bejahung der Wissenschaft gegen ihre – gerade in der Weimarer Zeit zahlreicher werdenden – Verächter, einer Wissenschaft allerdings, die Harnack gegen Max Webers Votum niemals als „wertfrei“, sondern immer als wertgebunden angesehen hat; und schließlich eine Bindung an die politische Verantwortung, die Harnack gerade in seiner letzten Lebensphase mit wachsender Kompromisslosigkeit als eine Verantwortung für den Frieden angesehen hat. Er konnte Martin Luthers Beschreibung des Menschen als„Mitarbeiter Gottes“ in diesen Zusammenhang rücken; 17 diese Mitarbeit, so fand er nun, verwirkliche sich im Einsatz für den Frieden. Dass diese Form der Verbindung von Protestantismus, Wissenschaft und Politik, dass also dieses Beispiel protestantischer Gelehrtenpolitik aus den Bedingungen seiner Zeit geschildert und auf spannende Weise anschaulich gemacht wird, ist eine Leistung, zu der ich dem Verfasser Christian Nottmeier genauso gratuliere wie dem Doktorvater Heinrich August Winkler. Mein Glückwunsch gilt ebenso denen, die den guten Einfall hatten, Christian Nottmeier dafür den Hans-Rosenberg-Gedächtnispreis zu verleihen. Das ehrt alle Beteiligten. 19 Christian Nottmeier Theologie und Politik in der ersten deutschen Demokratie: Adolf von Harnack und Reinhold Seeberg 1. Vorbemerkungen Zu den frühen Arbeiten Hans Rosenbergs gehören die noch von seinem Doktorvater Friedrich Meinecke angeregten Studien, in denen er den Zusammenhang der emanzipatorischen Elemente von Aufklärung und deutschem Idealismus mit den Ideen des Frühliberalismus der Vormärzzeit zu erhellen versuchte. Rosenberg hat dabei auch die Bedeutung der konfessionellen und theologischen Deutungsmuster für die Ausbildung der Ideenwelt des deutschen Frühliberalismus herausgearbeitet. Insbesondere zwischen theologischem Rationalismus und frühliberalen Verfassungsforderungen konstatierte Rosenberg einen engen Zusammenhang:„Wie der Rationalismus als Theologie dem Mißbrauch der göttlichen Allmacht und Weisheit, der Wundertätigkeit, Schranken entgegengesetzt hatte, so ging er[...] dazu über, auch dem Mißbrauch der Staatsgewalt Schranken entgegenzusetzen.“ Tatsächlich lassen sich aus der theologischen Frontstellung von Rationalismus auf der einen und Supranaturalismus auf der anderen Seite auch unterschiedliche Le­ gi­timationen politischer Autorität ableiten. Denn es entspricht der postulierten sittlichen und religiösen Freiheit des Subjektes, diese Freiheit und Autonomie nun auch durch die Kritik traditioneller politischer Autoritäten einzufordern. Dass theologische Deutungsmuster nicht nur für frühliberale Verfassungstheorien oder die Ausbildung religiös geprägter NatiHans Rosenberg: Theologischer Rationalismus und vormärzlicher Vulgärliberalismus(1930), in: ders.: Politische Denkströmungen im deutschen Vormärz, Göttingen 1972, 18-50, 36. 20 onalismen von erheblicher Bedeutung gewesen sind, ist besonders in der historischen Forschung zum Kaiserreich wiederholt postuliert und in den letzten Jahren gerade mit Blick auf bestimmte sozialmoralische Milieus mit regionaler Gewichtung aufgearbeitet worden. In den vorliegenden Ausführungen soll an diese Versuche angeknüpft werden, indem aus der Perspektive der Produzenten weltanschaulicher und religiöser Deutungsangebote am Beispiel der beiden Theologen Adolf von Harnack und Reinhold Seeberg mögliche Verbindungslinien zwischen theologisch-religiösem Programm, soziokultureller Gegenwartsdiagnose und politischem Engagement aufgezeigt werden. Der zeitliche Schwerpunkt liegt in der Zeit der ersten deutschen Demokratie von 1918 bis 1933, gleichwohl ist aber auf die ihre Wahrnehmung prägende Arbeit während des Kaiserreichs und im Weltkrieg einzugehen. Mit Adolf von Harnack und Reinhold Seeberg wurden bewusst die zwei um 1900 wohl prominentesten deutschen Theologen ausgewählt, deren Lebens- und Arbeitsschwerpunkt im Kaiserreich lag, die aber beide auch noch während der Weimarer Republik nicht nur für die theologischen und kirchlichen, sondern auch für die kulturellen und politischen Debatten wichtige Beiträge von unterschiedlichem Gewicht geliefert haben. Das ist vor allem hinsichtlich der Theologie- und Kirchengeschichtsschreibung zu betonen, die zwar zu Recht die Zäsur des Weltkrieges heraushebt, sich m. E. aber in der Beschreibung der Theologie der 1920er Jahre zu stark auf die drei theologischen Neuaufbrüche von Dialektischer Theologie, religiösem Sozialismus und„Luther-Renaissance“ konzentriert , deren Vertreter sich vor Vgl. exemplarisch nur: Olaf Blaschke/Frank-Michael Kuhlemann(Hg.): Religion im Kaiserreich. Milieus – Mentalitäten – Krisen, Gütersloh 22000. Vgl. Hermann Fischer: Systematische Theologie. Konzeptionen und Probleme im 20. Jahrhundert, Stuttgart usw. 1992, 15-67. 21 allem aus Angehörigen der sogenannten„Frontgeneration“ , also der in den 1880er und 1890er Jahren Geborenen, rekrutierten. Diese drei in der Frühphase auch eng miteinander verzahnten Bewegungen verstanden sich insgesamt als Gegenbewegung insbesondere zur vermeintlich kulturseligen liberalen Theologie der Vorkriegszeit. Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass die liberale Theologie, vor allem aber die modern-positive Theologie eines Reinhold Seeberg, auch in der Weimarer Zeit gerade über den theologischen Binnendiskurs hinaus weiterwirkende Kräfte blieben – auch bezüglich der Bewertung der jungen Weimarer Demokratie. Für demokratisches wie„antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik“ sind sie nicht minder bedeutend wie die radikalen Krisenintellektuellen der 1880er und 1890er Geburtsjahrgänge. 2.„Seelische Mobilmachung“: Gelehrtenpolitische Deutungsansprüche angesichts der Zäsur des Ersten Weltkriegs In seinem Buch„Deutscher Schwertsegen. Kräfte der Heimat fürs das riesige Heer“ beschreibt der Berliner Theologe Adolf Deißmann den vaterländischen Appell der Berliner Universität Zu den für die Weimarer Republik wichtigen vier politischen Generationen vgl. Detlef J. Peukert: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt am Main 1987, 25-31. Seeberg, geboren 1859, ist der „wilhelminischen Generation“ zuzurechnen, Harnack, geboren 1851, steht an der Grenze zwischen der letztgenannten und der von Peukert nicht näher differenzierten älteren Generation, zu der er sowohl Max Liebermann als auch Paul von Hindenburg(beide 1847 geboren) zählt. So bezieht sich die klassische Darstellung von Kurt Sontheimer(München 1968) vor allem, etwa am Beispiel Carl Schmitts, auf die Angehörigen der „Frontgeneration.“ Stuttgart 1915. 22 am 3. August 1914. Unter der Leitung des Rektors Max Planck sollte diese gemeinsame Veranstaltung von Professoren und Studierenden der„seelischen Mobilmachung“ der Universität dienen. Vaterländischer Appell, patriotisches Liedgut des Studentenchores, Kaiserhoch und Nationalhymne kennzeichneten die Versammlung, dann – so Deißmanns Bericht –„schiebt sich die dichtgedrängte Masse der akademischen Bürger und Universitätsverwandten hinaus, während von den Linden her die frischen Weisen der Wache herübergrüßen. Da stockt das Hinausfluten: auf den Bänken der Philosophischen Fakultät reckt sich eine greise Gestalt in blauem Talar, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Er winkt den Hinausdrängenden, als wolle er reden, aber er redet nicht, er stimmt in tiefster Ergriffenheit das Deutschlandlied an; als die Masse, jubelnd und patriotisch erschüttert, einfällt, regiert er den brausenden Cantus firmus mit den feierlichen Gesten des Chorführers, und wie er so, eines Hauptes höher als die anderen, leuchtenden Antlitzes, auf dem Männertränen perlen, der akademischen Gemeinde vorsteht, ist er priesterlich und prophetisch zugleich. Da stehen in dem alten Saale, der die Stimme Schleiermachers gehört hat, die Berliner Professoren und ihre Frauen, umdrängt von den Studenten:[...] alle in mächtiger Erregung, ein heiliger Chor, nicht Sänger nur, nein, Beter, Beter eines Helden­ psalms.“ Deißmanns Schilderung zeigt überaus eindrücklich am Beispiel des prominenten Altphilologen Ulrich von WilamowitzMoellendorff die nationale Begeisterung des überwiegenden Teils der deutschen Professoren im August 1914, aber auch ihren Anspruch, nicht allein als Dirigenten patriotisch bewegter Versammlungen im Zeitgeschehen selbst Orientierung und Halt zu geben. Insbesondere die Berliner Professoren verstanden sich schon vor 1914 wegen ihrer unmittelbaren Nähe zu den poliA.a.O., 5f. 23 tischen Entscheidungseliten des Reiches als Führer der öffentlichen Meinung. Das galt mehr noch als für die Zeit des Friedens für den Krieg selbst, dem es nicht nur politisch, sondern auch kulturell und religiös einen Sinn abzugewinnen galt. Er stellte den Anspruch der Professoren, eine richtungsweisende Deutungselite zu sein, vor besondere Herausforderungen, wenngleich kritische Stimmen zu diesem Anspruch nicht fehlten:„Die Möglichkeit, in der Zentralbehörde hinter den Kulissen eine Rolle zu spielen, wirkt auf viele Kollegen in ethisch-politischer Hinsicht geradezu depravierend“, notierte der linksliberale Jurist Gerhard Anschütz im April 1917. Im kritischen Rückblick musste der Berliner Historiker Friedrich Meinecke 1922 allerdings unumwunden zugestehen, dass die Professoren mit ihren Stellungnahmen während des Krieges„mehr in der Front als vor der Front“ gestanden hatten. 10 Ihre politischen Kommentare wie ihre rege Beteiligung an Aufrufen und Petitionen entbehrten häufig der von ihnen beanspruchten Originalität und ließen von einer Einlösung des Anspruchs auf geistig-intellektuelle Orientierung kaum etwas erkennen. Sie waren vielmehr eingebunden in eine Vielzahl unterschiedlicher Interessenlagen von Regierung, politischen Parteien, nationalistischen Organisationen und Wirtschaftsverbänden. 11 Die Debatten des Krieges um innenpolitische Reformen und Kriegsziele, an denen sich neben Nationalökonomen und Historikern auch führende protestantische Theologen wie Adolf von Grundlegend dazu: Rüdiger vom Bruch: Wissenschaft, Politik und öffentliche Meinung. Gelehrtenpolitik im wilhelminischen Deutschland, Husum 1980. An Heinrich Braun am 20.4.1917, zitiert nach: Julie Braun-Vogelstein: Heinrich Braun. Ein Leben für den Sozialismus, Stuttgart 1967, 338. 10 Friedrich Meinecke: Drei Generationen deutscher Gelehrtenpolitik, in: HZ 125(1922), 249-283. 11 Weitere Literatur bei: Steffen Bruendel: Volksgemeinschaft oder Volksstaat: Die„Ideen von 1914“ und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg, Berlin 2003. 24 Harnack und Reinhold Seeberg beteiligten, verschärften die bereits in der Vorkriegszeit deutlichen politischen wie kulturdiagnostischen Differenzen der deutschen Gelehrtenwelt. Der Krieg stellte gleichsam einen Katalysator der alltagspraktischen Konsequenzen ihrer sehr unterschiedlichen Sinn- und Weltdeutungen der Gegenwartskultur dar. Am Beispiel Harnacks und Seebergs lässt sich die grundsätzliche Spaltung der deutschen Hochschullehrerschaft in zwei entgegengesetzte politisch-weltanschauliche Lager exemplarisch nachzeichnen. 3. Protestantische Profile: Anmerkungen zum Zusam menhang von protestantischer Weltsicht und politischem Engagement bei Harnack und Seeberg bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 3.1 Harnack und Seeberg als symbolische Repräsentanten des gespaltenen Protestantismus Die Bedeutung der religiösen, kulturellen und politischen Deutungsangebote Harnacks und Seebergs liegt in der Resonanz und Wirkungskraft, die sie im deutschen Protestantismus der Zeit zwischen 1890 und 1930 in unterschiedlicher Intensität erfahren haben. Folgt man etwa den von M. Rainer Lepsius aufgestellten Überlegungen zu vier die Gesellschaft des Kaiserreichs charakterisierenden sozialmoralischen Milieus 12 – katholisches, sozialdemokratisches, protestantisch-konservatives und protestantischbürgerlich-liberales Milieu –, dann zählte Harnack ohne Zweifel 12 M. Rainer Lepsius: Parteiensystem und Sozialstruktur, in: ders.: Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, 25-50; Gangolf Hübinger: Kulturprotestantismus und Politik. Zum Verhältnis von Protestantismus und Liberalismus im wilhelminischen Deutschland, Tübingen 1994. 25 zu den wichtigsten Repräsentanten des liberalprotestantisch-bürgerlichen Sozialmilieus, insofern es ihm gelang, die Rolle des über den Parteien stehenden liberal-bildungsbürgerlichen Mentors in der Öffentlichkeit wirkungsvoll zu vertreten. Gleiches gilt zweifellos auch für Seeberg, der als Harnacks Gegenpart im konservativen Protestantismus anzusehen ist, für den Seeberg selbst den Begriff„modern-positiv“ prägte. Nur acht Jahre jünger als Harnack, galt er einer breiteren Öffentlichkeit seit den 1890er Jahren als der theologische, kirchenpolitische und auch sozialpolitische Gegenspieler Harnacks mit nicht minder breiter Resonanz. 13 Harnack und Seeberg sind mithin nicht allein als Personen oder der Rekonstruktion ihrer theologischen Entwürfe wegen von Interesse, sondern als solche symbolische Repräsentanten gewichtiger, weit über den begrenzten Kreis engagierter Kirchlichkeit hinausreichender sozialmoralischer Milieus. Mehr noch als mit ihren wissenschaftlichen Werken haben sie mit ihren zahlreichen Vorträgen, Zeitungsartikeln und öffentlichen Reden kulturelle und religiöse Wertideale in jeweils unterschiedlich protestantisch geprägter Akzentuierung als Leitideale gesellschaftlicher und politischer Existenz zu prägen versucht. In dieser Funktion sind sie auch mit Blick auf die neuesten historischen Arbeiten zu religiösen und konfessionellen Milieus von erheblichem Interesse – und in diesem Kontext vielleicht noch zu wenig beachtet worden. 14 13 Zutreffend hat schon Ferdinand Kattenbusch geurteilt, dass für Seeberg stets zweierlei charakteristisch gewesen sei, nämlich„seine energische Mitbeteiligung an der dogmenhistorischen Großforschung und sein Bedürfnis, zur ‚Gegenwart’ zu reden.[...] Man muß sagen: Kaum einer auch, der in der Weite da mit ihm konkurriert(Außer A. von Harnack!)“(Ferdinand Kattenbusch: Die deutsche evangelische Theologie seit Schleiermacher. Ihre Leistungen und ihre Schäden, Gießen 51926, 70f.). 14 Friedrich Wilhelm Graf: Die Nation – von Gott„erfunden“? Kritische Notizen zum Theologiebedarf der historischen Nationalismusforschung, in: Gert Krumeich/Hartmut Lehmann(Hg.):„Gott mit uns.“ Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Göttingen 2000, 285-317, v.a. 296-301. 26 Denn selbst vermeintlich binnentheologische Auseinandersetzungen um die Deutung der Person Jesu, die Autorität der biblischen Schriften oder die Bekenntnisverpflichtung von Pastoren, wie sie in den innerprotestantischen Kulturkämpfen um 1900 ausgefochten wurden, lassen sich wegen ihrer breiten öffentlichen Resonanz bis hin zu den Eingriffen des Kaisers auch als Diskurse über Entwicklungen kulturell-gesellschaftlicher Modernisierung und Verformungen der politischen Kultur insgesamt lesen. 15 Das liegt zweifellos auch an der engen Verbindung von Staat und Kirche, wie sie für den deutschen Protestantismus bis 1918 kennzeichnend gewesen ist, wie bereits Otto Hintze festgestellt hat. Ebenso wie die Staatsverfassung lag auch den Ordnungen der protestantischen Kirchentümer„der moderne Geist des 19. Jahrhunderts, der unsere Selbstverwaltung und unsere konstitutionellen Verfassungen geschaffen hat“ 16 , zu Grunde. Indem die Kirche in ihren verfassungsmäßigen Grundlagen wie die Staatsverfassung von der Dualität zwischen monarchischem und konstitutionellen Prinzip geprägt war, bedeuteten Debatten über die Kirchenverfassung immer auch Debatten über die Legitimation dieser Dualität in Kirche und Staat. Die Frage der Kirchenre15 Dass etwa ein an sich konzilianter, mit Gespür für den Wert historischer Institutionen ausgestatteter Gelehrter wie Harnack zur Zielscheibe so vehementer, ja hasserfüllter Anwürfe aus dem konservativem Protestantismus wurde, ist ein Beleg für die Wirkmächtigkeit seiner liberalprotestantischen Deutungsversuche, die gerade wegen ihrer Verbindung von wissenschaftlichem Ernst und persönlicher Frömmigkeit, gepaart mit der Gabe der Vereinfachung im positiven Sinne, von solcher Durchschlagskraft waren, dass seine konservativen Gegner ihn zur eigentlichen Zielscheibe jeder größeren kirchenpolitischen Debatte zu machen versuchten, während ein auf den ersten Blick wesentlich kritischer auftretender Gelehrter wie Ernst Troeltsch diesbezüglich eher unbehelligt blieb. Harnack erwies sich als Virtuose des religiös Einfachen. 16 Otto Hintze: Die Epochen des evangelischen Kirchenregiments in Preußen, in: ders.: Regierung und Verwaltung. Gesammelte Abhandlungen, Band 3, Göttingen 1967, 56-96, 95f. 27 form war mithin auch die Frage nach der zukünftigen politischen Ordnung Preußens und Deutschlands. Festzuhalten bleibt die tiefe Zerrissenheit des deutschen Protestantismus der Vorkriegszeit. Angesichts der zahlreichen öffentlich diskutierten Fälle, die diese Zerrissenheit und Selbstblockade offenbarten, konnte der Theologe Martin Schian schon anlässlich der Marokkokrise 1911 auf die einigende Wirkung eines großen Krieges hoffen:„Wer weiß, ob eine Probe dieser Art nicht auch auf den kirchlichen Kampf reinigend und klärend einwirken würde? Kommt sie nicht, so wird die gegenseitige Zerfleischung ja wohl weitergehen, die Verbitterung immer grö ßer, das Sichverstehen immer geringer werden.“ 17 Der Krieg schien in der Tat diese Gegensätze zunächst zu überbrücken. Wohl zu keiner Zeit standen sich Harnack und Seeberg so nahe wie im August 1914 und in den ersten Kriegsmonaten. Schon am 1. August hatte Harnack zu den Ereignissen in seiner dogmengeschichtlichen Vorlesung Stellung genommen und dem Krieg eine sittlich-läuternde Kraft zugesprochen, denn„so viel Kleines, Egoistisches fällt ab, nur auf große Gesichtspunkte kommt alles an. Die Einheit der Nation wird ein Bewußtsein, die Einheit der Nation, die alles für ihre Ehre einsetzt, überwiegt alle Gesichtspunkte und alles Einzelne.“ 18 In einem Brief an Wilhelm II. vom 3. August kam Harnack erneut auf diese Einheit zu sprechen, die er als Erfüllung seines eigenen sozialpolitischen Engagements betrachtete, bedeutete der Krieg für ihn doch die Integration der sozialdemokratischen Arbeiterschaft in den bestehenden, freiheitlich allerdings weiter auszubauenden Staat. Harnack zitierte einen Arbeiter, der ihm gesagt habe:„Bisher waren wir 17 Martin Schian: Chronik, in: Deutsch-evangelisch 2(1911), 632. 18 Adolf von Harnack: Ansprache in der Vorlesung am 1. August 1914(studentische Mitschrift), in: Staatsbibliothek zu Berlin, Nachlass Harnack, Kasten 13. 28 Rot. Jetzt ist Schwarz-weiß dazu gekommen, und wir sind alle dabei.“ 19 Auch Seeberg begrüßte den Krieg enthusiastisch. Zunächst hatte er offensichtlich erwogen, sich selbst freiwillig zu melden. Um so mehr fühlte er sich nun zur publizistischen Arbeit verpflichtet. In zahlreichen Predigten, Broschüren und Vorträgen widmet sich Seeberg der Deutung des Krieges als Faktor des Kulturfortschritts. Wesentlich aggressiver als Harnack deutet er den Krieg von Beginn an als Kulturkrieg zwischen Deutschland und den politischen Idealen des Westens. Sowohl Seeberg als auch Harnack finden sich so unter den Unterzeichnern des be rühmten Aufrufs der 93 von Anfang Oktober 1914. 3.2 Biographie und Programm 3.2.1 Adolf von Harnack Diese scheinbare Einmütigkeit überrascht zunächst. Denn trotz der gemeinsamen baltendeutschen Prägung waren beide zwar äußerlich sehr ähnliche, theologisch und politisch allerdings höchst divergierende Wege gegangen. Adolf von Harnack 20 , 1851 in Dorpat geboren, wo er auch Theologie studiert hatte, war 1872 zur kirchenhistorischen Promotion nach Leipzig gegangen. Theo­ logisch zunächst ganz vom konfessionellen Luthertum seines Vaters geprägt, politisch aber offensichtlich durch die familiäre Einbindung in die reformkonservativ orientierten Teile des baltischen 19 Zitiert nach Christian Nottmeier: Adolf von Harnack und die deutsche Politik. Eine biographische Studie zum Verhältnis von Protestantismus, Wissenschaft und Politik, Tübingen 2004, 379. 20 Grundlegend ist noch immer die Biographie aus der Feder seiner Tochter Agnes von Zahn-Harnack: Adolf von Harnack, Berlin 21951; vgl. jetzt auch Nottmeier: Harnack. 29 Adels sozialisiert, wurde er bereits 1879 Professor in Gießen, 1886 dann in Marburg und schließlich 1888 in Berlin. Harnacks konsequente Historisierung des kirchlichen Dogmas setzte ihn heftigen innerkirchlichen Angriffen aus. Nur gegen erheblichen kirchlichen Widerstand gelang es daher, Harnack 1888 nach Berlin zu berufen. Harnacks immense wissenschaftliche Produktivität wie auch seine bemerkenswerten organisatorischen Fähigkeiten ließen ihn rasch Karriere machen, auch über die Theologie hinaus, der er freilich zeitlebens verbunden blieb. Seit dem 200jährigen Jubiläum der Preußischen Akademie der Wissenschaften 1900 von Wilhelm II. als wissenschaftspolitischer Berater geschätzt, wurde Harnack 1905 Generaldirektor der Königlichen Bibliothek und schließlich 1911 Präsident der maßgeblich von ihm mitkonzipierten Kai­ser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, der er bis zu seinem Tode 1930 vorstand. An allen wesentlichen schul- und bildungspolitischen Reformen in Preußen seit 1900 war er zum Teil führend beteiligt. Das gilt insbesondere für die allerdings hinter seinen Erwartungen zurückbleibende Mädchenschulreform von 1908, die die Zulassung von Frauen zum Universitätsstudium zur Folge hatte. Schon früh an der sozialen Frage interessiert, hatte er sich seit den 1890er Jahren im Rahmen der bürgerlichen Sozialreformer an führender Stelle engagiert und gehörte zu den kritisch-konstruktiven Weggefährten des linksliberalen Politikers Friedrich Naumann. Von 1903 bis 1911 war er der Präsident des Evangelisch-sozialen Kongresses, der zu den wichtigsten Foren der bürgerlichen Sozialreform gehörte. Harnack, der über vielfältige Kontakte in die Vereinigten Staaten und besonders nach England verfügte – für die deutsch-englische Verständigung hatte er sich in den Vorkriegsjahren besonders eingesetzt und war sogar 1911 von König Edward VII. empfangen worden –, warnte wiederholt vor einer Überspannung des Nationalgefühls und warb für einen Ausgleich von Nationalstaatsgedanken und Weltbürgertum. 30 Blickt man auf sein Werk, dann sind es v. a. seine berühmten Vorlesungen über„Das Wesen des Christentums“ 21 , die als das zentrale Schlüsseldokument einer theologischen Existenz zu gelten haben, die bewusst über das theologisch-kirchliche Milieu hinausblickt. Für Harnack grundlegend ist die bereits sehr entwickelte – gerade im Kontakt mit Philosophie und Naturwissenschaften – Sensibilität für die Krise, in der sich das Christentum unter den Bedingungen der Moderne befindet. Harnack konnte gar von der„Krise aller Krisen“ 22 , sprechen, der sich das Christentum zur Zeit ausgesetzt sah:„Die oberste Aufgabe für die evangelischen Kirchen ist daher[...], ein solches gemeinsames Verständniss des Evangeliums wiederherzustellen, daß es in keinem Sinn als Last, sondern als die Macht der Befreiung und Erlösung verstanden wird.“ 23 Harnack betrieb eine dezidiert historische Theologie in systematischer Absicht. 24 Nicht die klassische Dogmatik, sondern allein die Historie vermochte seiner Meinung nach das Christentum unter den Bedingungen der Moderne noch zu plausibilisieren. Harnack hat diese Grundüberzeugung immer wieder am konkreten historischen Material durchzuführen versucht. Sein dreibändiges„Lehrbuch der Dogmengeschichte“ 25 schildert nicht allein die Entstehung und Entwicklung des kirchlichen Dogmas als ein komplexes Ineinander von Religion, Institution und Wissenschaft, sondern bietet mit der Konzeption des 21 Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. Herausgegeben von Claus-Dieter Osthövener, Tübingen 2005. 22 Adolf Harnack: Rezension zu Rudolf Sohm, Kirchengeschichte im Grundriss, in: Theologische Literaturzeitung 13(1888) 55. 23 Ebd. 24 Vgl. Christian Nottmeier: Die Religion der individuellen Freiheit, in: Volker Drehsen u.a.(Hg.): Kompendium Religionstheorie, Göttingen 2005, 39-50, sowie das Nachwort von Osthövener in der Neuausgabe der„Wesen“-Schrift(wie Anm. 21). 25 Tübingen 1886-1890. 31 dreifachen Ausgangs der Dogmengeschichte in Protestantismus, nachtridentinischem Katholizismus und antitrinitarischem Sozinianismus zugleich eine Genealogie der modernen, kulturprägenden Weltanschauungen. Im Christentum kommt nach Harnack als Zentralgedanke der„unendliche Wert der Menschenseele“ zur Anerkennung. In der Sicherstellung der unverlierbaren Würde des Individuums durch den Ewigkeitsgehalt seiner Gottesbeziehung auf der einen sowie in der alltagspraktischen Bewährung des Glaubens in den entsakralisierten Lebensordnungen von Wissenschaft, Staat, Recht und Familie auf der anderen Seite liegt Harnack zufolge die Kulturbedeutung des Christentums und die besondere Bedeutung des Protestantismus in der Moderne, auch mit Blick auf das gesellschaftlich-politische Zusammenleben. Die Konkretionen dieses theologisch-religiösen Programms ließen sich unschwer in den zahlreichen Debatten, in die Harnack involviert war, aufweisen. Das gilt für die Bildungspolitik ebenso wie für die Sozialpolitik, insbesondere Harnacks Engagement im Evangelisch-sozialen Kongress. Harnacks theologische Zentralformel vom unendlichen Wert der Menschenseele ist in nahezu alle seine bildungs- wie wissenschaftspolitischen Beiträge eingegangen. Sie hat ihm insbesondere den Übergang von der Monarchie zur Republik mit ermöglicht, erwies sie sich doch nicht zuletzt als demokratietaugliche Chiffre individueller Freiheitsrechte. 32 3.2.2 Reinhold Seeberg 1859 auf einem Gut in Livland geboren, hatte Seeberg wie Harnack in Dorpat Theologie studiert. 26 Nach dem Studium geht er zunächst nach Erlangen, um dann 1884 nach Dorpat zurückzukehren. Seit 1885 als Dozent an der dortigen Fakultät, wird er 1889 als Kirchenhistoriker nach Erlangen berufen. Eine Berufung nach Berlin auf die dort als Gegengewicht zu Harnack eingerichtete„Strafprofessur“ scheitert 1892 zunächst, ist dann aber 1898 erfolgreich. Das persönliche wie sachliche Verhältnis Seebergs zu seinem baltischen Landsmann Harnack war spannungsreich, auch wenn man versuchte, in der Fakultät die Contenance zu wahren. Wissenschaftlich bemühte sich Seeberg dezidiert, das theologische Gegenprogramm zu Harnack zu entwickeln, freilich nicht im Sinne der streng kirchlichen Orthodoxie, sondern mit zugleich wissenschaftlichem Anspruch. Gemeint war, so Seeberg, „eine neue Weise, den alten Glauben zu lehren“. Eine solche „moderne positive Theologie“ sei eines„der dringendsten Bedürfnisse der Kirche.“ 27 Seeberg hat dieses Programm auch forschungsstrategisch als Gegenentwurf zur Theologie Harnacks vorangetrieben. Nicht zufällig gehört ein vierbändiges Lehrbuch der Dogmengeschichte zu seinen Hauptwerken, da Harnacks Entwurf„den Thatsachen nicht gerecht“ werde. 28 Harnack seinerseits 26 Zur Biographie Seebergs ist v.a. zu nennen Friedrich Wilhelm Graf: Reinhold Seeberg, in: Wolf-Dieter Hauschild: Profile des Luthertums. Biographien zum 20. Jahrhundert, Gütersloh 1998, 617-676. Dort weitere Literatur. Im Nachlass Seebergs im Bundesarchiv Koblenz befindet sich ferner eine Biogra phie Seebergs aus der Feder seiner Frau Amanda Seeberg(künftig: A. Seeberg). 27 Reinhold Seeberg: Die Kirche Deutschlands im 19. Jahrhundert, Leipzig 1903, 308. 28 Reinhold Seeberg: Rezension zu A. Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte. Erster Band. 1886, in: Mitteilungen und Nachrichten für die evangelische Kirche in Rußland 42(1886), 436-440, 439. 33 hielt zumindest den ersten, die altkirchliche Lehrentwicklung behandelnden Band von Seebergs Dogmengeschichte für„überflüs sig“ 29 , zeigte sich dann aber durchaus beeindruckt von Seebergs wohl bedeutendster Arbeit, der Darstellung der mittelalterlichen Dogmengeschichte. 30 Was die Person Seeberg anbelangte, so urteilte er gegenüber einem Freund 1896:„Was nun seine Person angeht[...], so ist sie mir nicht durchsichtig. Ich bin geneigt, Manches, was mir anstößig war und ist, auf Jugendlichkeit, sanguinisches Temperament, Unerfahrenheit und schlechte theologische Erziehung zurückzuführen.“ 31 Seebergs Vorlesungen soll Harnack – wie Seebergs Frau notierte – als„Blumenkohl“ bezeichnet haben. 32 Seeberg seinerseits überlieferte nicht ohne Stolz Harnacks angeblichen Ausspruch, Seeberg sei„der einzige Gegner[...], den wir zu fürchten haben.“ 33 Auf Harnacks„Wesen des Christentums“ antwortete Seeberg mit einer gleichfalls publizierten Vorlesung über die„Grundwahrheiten der christlichen Religion.“ 34 Seinem gleichfalls aus dem Baltikum stammenden Freund Nathanael Bonwetsch schilderte er Harnack, wie folgt: „So klug Harnack ist, sowie es auf die Theologie kommt, ist er der liberale Fanatiker, der zu dem größten Unsinn raten kann.“ 35 29 Harnack an Loofs am 27. Januar 1896, in: ULBSA Halle/S., Nl. F. Loofs, Yi 19 IX 1518. 30 „So ausführlich ist in der Tat von protest. Seite in der Neuzeit diese Epoche nicht dargestellt worden, und so können wir gewiß sein, daß auf dieser Linie ein großer Ruck vorwärts gemacht ist.[...] Daß zum ‚Hauck’ nun der ‚Seeberg’ getreten ist, giebt unserer protestantischen Wissenschaft auch hier den Vorsprung vor der katholischen, zu dem sie verpflichtet ist und der ihr gebührt“, so Harnack an Seeberg am 15. März 1913, in: BA Koblenz, Nl. R. Seeberg, Nr. 68, Bl. 86. 31 Harnack an Loofs am 27. Januar 1896 in: ULBSA Halle/S., Nl. F. Loofs, Yi 19 IX 1518. 32 A. Seeberg, 122. 33 A.a.O., 167. 34 Leipzig 1902. 35 Seeberg an Bonwetsch am 24.9.1906, zitiert nach: A. Seeberg, 130. 34 Wie Harnack war auch Seeberg sozialpolitisch überaus interessiert. Harnacks Versuch, Seeberg in den Evangelisch-sozialen Kongress einzubinden, scheiterte an Adolf Stoecker, der Seeberg für seine Konkurrenzgründung, die Kirchlich-soziale Konferenz, gewann. Nach dessen Tod 1909 übernahm Seeberg den Vorsitz der Konferenz, die er 1918 in den„Kirchlich-sozialen Bund“ umwandelte und deren Tätigkeitsbereich er zugleich erheblich ausweitete. Er verschärft die ideologische Auseinandersetzung mit Liberalismus und Sozialdemokratie und intensiviert das Kurswesen zur apologetischen Fortbildung für kirchliche Sozialarbeiter, Diakone und Pfarrer. Insbesondere seine Einbindung in die Innere Mission, deren Centralvorstand er seit 1902 angehört, wird für diesen Einflussgewinn wichtig. Seeberg wird so zu einem der ein flussreichsten Netzwerker des konservativen Verbandsprotestan tismus – eine Stellung, die er in der Weimarer Zeit noch ausbaut. Bereits vor dem Weltkrieg pflegt Seeberg Kontakte in das nati onale Verbandswesen. Er ist Mitglied des Alldeutschen Verbandes, des Deutschen Flottenvereins, des Deutschen Wehrvereins, des Vereins für das Deutschtum im Ausland, des Ostmarkenvereins und der Deutschen Kolonialgesellschaft. Eng verbunden ist er bereits vor 1914 mit dem Berliner Historiker Dietrich Schäfer, mit dem er dann auch während des Krieges in enger Abstimmung agieren wird. Gleiches gilt für den Althistoriker Eduard Meyer. Auch wissenschaftspolitisch steigt Seebergs Einfluss bereits in der Vorkriegszeit. Nach dem Tod Friedrich Althoffs 1908 wird er zu einer der Schlüsselfiguren bei der Besetzung theologischer Professuren in Preußen, so dass seine Gegner gar vom„System Seeberg“(Martin Rade) zu sprechen beginnen. Hat er Ende 1906 noch befürchtet, der„liberale Fanatiker“ Harnack könne gar preußischer Kultusminister werden, so führt Seeberg nun den „Kampf gegen den Einfluß Harnacks recht erfolgreich.“ 36 Erfolg36 A. Seeberg, 220. 35 reich bemüht Seeberg sich etwa, die Berufung Ernst Troeltschs an die Berliner Theologische Fakultät zu verhindern, und konstatiert im Juli 1914 zufrieden, Troeltsch sei„für die Theologie kaltgestellt.“ 37 Neben seinen großen wissenschaftlichen Arbeiten bemüht er sich seit Beginn seiner Berliner Wirksamkeit um eine breitenwirksame Popularisierung seiner Gedanken. Außer Vorträgen legt er zu diesem Zweck vor dem Krieg neben den bereits erwähnten „Grundwahrheiten“ unter anderem eine populäre Darstellung der Kirchen- und Theologiegeschichte des 19. Jahrhunderts vor 38 , die mehrfach aufgelegt wird. Seeberg selbst hat dieses Buch als „Zeugnis wider den Geist der Aufklärung“ und„Weckruf an das 20. Jahrhundert“ 39 verstanden wissen wollen. Der Tenor dieses Buches ist ganz auf Krisendiagnostik und Verfall gerichtet, denen Seeberg dann seinen eigenen Entwurf modern-positiver Theologie entgegensetzt. Durchaus positiv kann Seeberg dabei auf Kant – dessen kritische Erkenntnistheorie er freilich als rationalistisch verengt empfindet, so dass er sie durch eine Theorie voluntaris­ tisch-intuitiver Erkenntnis erweitern will – und den deutschen Idealismus rekurrieren, die er bereits ganz wesentlich in der Theologie Luthers vorbereitet sieht. Ihr Verdienst liege in der Überwindung von Aufklärung und Rationalismus. Bereits der Vormärz und der Vormarsch des politischen Liberalismus hätten dann aber einen praktischen und theoretischen Materialismus verfochten, der Deutschland in eine umfassende und tiefgreifende Kulturkrise geworfen habe und der auch die in Naturalismus, Historismus und Psychologismus verhaftete Theologie nichts entgegenzusetzen 37 An Kropatschek am 26.7.1914, zitiert nach A. Seeberg, 223. 38 Vgl. Anm. 27. 39 Reinhold Seeberg: Die wissenschaftlichen Ideale eines modernen Theologenlebens und die Versuche ihrer Verwirklichung, in: Erich Stange(Hg.): Die Religionswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig 1925, 173-206. 36 habe. Alle idealen und produktiven Kräfte der Gegenwart würden so„verstopft durch den Schlamm des sich immer mächtiger heranwälzenden Materialismus der praktischen Lebensanschauung.“ 40 Insbesondere die liberale Theologie, wie sie in seiner Gegenwart durch Harnack vertreten wird, sieht er als einen wesentlichen Katalysator solchen Kulturverfalls an. Dem stellt Seeberg die Wiederentdeckung der reformatorischen Theologie Luthers, v.a. aber ein an Luther gewonnenes Kirchen- und Staatsideal, entgegen, das zum eigentlichen Zentralpunkt seiner Theologie wird. Seeberg bemüht sich daher um einen lutherisch korrigierten Idealismus, der entschieden gegen Rationalismus und Materialismus Stellung bezieht, zu deren Träger er die Kirche machen will. So entwickelt er eine Kirchentheorie, in der neben die Wortverkündigung gleichrangig das ethische Mandat der Kirche zu stehen kommt. Sie soll so zugleich oberste„Hüterin des Menschengeistes“ sein, wie er in den„Grundwahrheiten“ erläutert. Die Kirche erhält dabei zugleich einen wesentlichen Beitrag zur Durchsetzung der sittlichen und – dann v. a. in der Weltkriegszeit – auch völkischen Erneuerung des deutschen Volkes. Vorbereitet ist dieser Ansatz aber bereits in Seebergs„Dogmengeschichte“, in der er die These von einem spezifisch germanischen Typ des Christentums vertritt. In der während des Krieges erfolgten Überarbeitung wird diese Konzeption nochmals verschärft und in der Gegenüberstellung von„Anglicalvinismus“ und„deutschem Christentum Luthers“ aktualisiert. Die „Dogmengeschichte“ soll so auch den Nachweis erbringen, dass Seebergs eigene Gegenwartsanalyse sich als Konsequenz richtig interpretierter christlich-protestantischer Traditionen ausweist. Das deutsche Luthertum, so Seebergs Hauptthese, sei die Gestalt des Christentums, die den Krisenerfahrungen der Moderne am besten begegnen könne. Das ist die explizite Gegenthese zur Protestantismusdeutung Max Webers und Ernst Troeltschs. 40 Seeberg: Ideale, 184. 37 3.3 Harnack und Seeberg im Weltkrieg Trotz der tiefgreifenden Differenzen stimmten Harnack wie Seeberg in den von Wilamowitz-Moellendorff dirigierten Chor der Universitätsversammlung vom 3. August 1914 freudig mit ein. Harnack wurde jedoch spätestens Anfang 1915 skeptisch in Bezug auf die kulturelle und religiöse Überhöhung des Krieges. „Wie immer ich es anpacken wollte, es kam entweder eine Apologie Deutschlands heraus[...] oder ein Haufen geordneter Trivialitäten über unsere Leistungen“ 41 , begründet Harnack seine Absage, den Beitrag über Deutsche Kultur und Krieg in einem offi ziösen Sammelband zu übenehmen. 42 In einem Brief an Rade heißt es Anfang Februar 1915:„[J]a, ich empfinde sogar die Inte gration unserer Christentums- und Kulturgedanken in dieser Epoche wie eine verwundende Unzartheit.“ 43 Die Deutung der Augusttage von 1914, in der sich zunehmend die Integration der Sozialdemokraten als der entscheidende„innere Gewinn“ des Krieges herausschälte, führte bei Harnack zu der Forderung, diese Einbeziehung durch innenpolitische Reformen sowie die volle politische Gleichberechtigung aller Bevölkerungsgruppen einschließlich von„Sozialdemokraten, Juden und Polen“ abzusichern. Auch in der aufbrechenden Frage nach den deutschen Kriegszielen – in dieser Frage galt er konservativen Kreisen schon im September 1914 als„Flaumacher“ – mahnte Harnack zur Zurückhaltung. Im Zusammenspiel mit einer kleinen Gruppe von Professoren, Politikern und Publizisten warnte er in verschie41 Harnack an Schmidt-Ott, in: GStA-PK, Rep. 92, Nl. Schmidt-Ott, B LXXXVII, Mappe 2, Bl. 31f. 42 Zu Harnacks Engagement während des Krieges Nottmeier: Harnack, 378461. 43 An Rade am 12.2.1915, in: Johanna Jantsch(Hg.): Der Briefwechsel zwischen Adolf von Harnack und Martin Rade. Theologie auf dem öffentlichen Markt, Berlin/New York 1996, 725. 38 denen Denkschriften und Eingaben seit dem Sommer 1915 vor einer Annexion Belgiens, da diese den notwendigen Friedensschluss mit England unmöglich mache. Spätestens seit 1916 verband sich die Frage nach den Kriegszielen mit der Frage nach der Zukunft der politischen Verfassung Deutschlands. Harnack blieb Anhänger der Monarchie, drängte in einer Denkschrift an den Reichskanzler vom Juni 1917 aber auf entschiedene innenpolitische Reformen im Reich wie in Preußen. Diese Reformen müssten jetzt erfolgen und dürften keinesfalls auf die Zeit nach dem Krieg verschoben werden. Nur so könne der„tote Punkt“ im Inneren überwunden werden. Zudem sei Deutschland in seiner politischen Verfassung bei allen Vorzügen den Westmächten gegenüber doch auch„auf einigen Linien rückständig.“ Betrete Deutschland aber„entschlossen und aufrichtig die Bahn inneren Fortschritts“, dann begünstige das auch die Verständigung mit den Westmächten:„Wenn unsere inneren Reformen als grundlegende und fortwirkende in Kraft gesetzt sind[...], dann müssen wir in einem Manifeste aufs neue erklären, dass wir zur Beendigung dieses Krieges, den wir als Verteidigungskrieg geführt haben, zu jedem Opfer bereit sind[...]. Zu diesen Opfern aber, um keine Zweideutigkeit zuzulassen, rechne ich Polen, Belgien, ja selbst Verhandlungen über elsässisch-lothringische Grenzregulierungen.“ 44 Mit dieser Position gehörte Harnack allerdings zu einer Minderheit unter den deutschen Professoren, wenngleich er bis 1917 über gewichtige Kontakte bis an die Spitze des Reiches verfügte, allerdings – und das war wohl entscheidend – nicht zu der zunehmend den politischen Kurs bestimmenden Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff. 44 Adolf von Harnack: Das Gebot der Stunde(An den Reichskanzler, 1917), in: ders.: Erforschtes und Erlebtes, Gießen 1923, 298-302, 301f. 39 Die Meinungsführerschaft unter den Professoren hatten vielmehr Hochschullehrer wie der alldeutsche Historiker Dietrich Schäfer oder Harnacks Fakultätskollege Reinhold Seeberg inne. 45 Für Seeberg blieb England der Hauptgegner des Krieges; die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten empfand er als Sieg des konservativen Staatsgedankens, der durch innere Reformen, wie Harnack sie forderte, nur gefährdet werde. Vielmehr, so Seeberg, gehört es„zu dem Herrlichsten, was wir erlebt haben, dass die Internationale so völlig dem nationalen Gedanken erlegen ist.“ 46 Insbesondere der Neid Englands auf Deutschland, das allein den friedlichen Wettbewerb der Völker im Sinn gehabt habe, war nach Seeberg nicht allein soziologisch oder psychologisch zu erklären:„So regte es sich in der weiten Welt von Neid und Haß. Eiskalt wie Todeshauch wehte es uns an und wie mit Teufelskrallen griff man uns von allen Seiten her an die Kehle.[...] Wir empfinden vielmehr an solchem Gebaren unserer Gegner die Realität einer Macht, die das Leben erniedrigt und aushöhlt. Es ist die Macht des Bösen.“ 47 In der Frage der Kriegsziele gehörte Seeberg zu den Propagandisten eines Maximalprogramms, das umfangreiche Annexio­ nen sowie die Germanisierung bzw.„Umsiedlung“ großer Bevölkerungsgruppen in den besetzten Gebieten vorsah. Mit Nachdruck warb Seeberg im Juni 1915 für eine entsprechende Eingabe an den Reichskanzler. Die„Seeberg-Adresse“, die auf Anregungen einflussreicher Wirtschaftsverbände sowie den nationa listischen Alldeutschen Verband zurückging, wurde binnen kurzer Zeit von 1347 Personen des öffentlichen Lebens unterzeich45 Dazu noch immer grundlegend Günter Brakelmann: Protestantische Kriegstheologie im Ersten Weltkrieg. Reinhold Seeberg als Theologe des deutschen Imperialismus, Witten 1974. 46 Reinhold Seeberg, Die geistige Lage Deutschlands und der Krieg, in: Konservative Monatsschrift 72(1914/15), 429-442, 431. 47 A.a.O., 438f. 40 net, darunter 352 Professoren. Die von Harnack und seinem Schwager Hans Delbrück organisierte Gegenadresse fand dagegen nur 141 Unterzeichner, darunter immerhin auch Albert Einstein und Max Weber. Seeberg gehörte schließlich zu den führenden Köpfen des„Unabhängigen Ausschusses für einen deutschen Frieden“ sowie des„Baltischen Vertrauensrats“. Letzterem schloss sich zunächst auch Harnack an, aber dessen Weigerung, sich öffentlich für die Annexion der baltischen Provinzen auszusprechen, führte ihn in dieser Organisation bald ins Abseits. Für Seeberg blieben England und dann auch die USA die entscheidenden ideologischen und politischen Kriegsgegner, während Harnack gemeinsam mit seinem Schwager Hans Delbrück und einer kleinen Gruppe gemäßigter Gelehrter und Politiker sich für einen Verständigungsfrieden mit dem Westen engagierte. Die Polarisierung verstärkte sich noch im letzten Kriegesjahr. Während Harnack die angesichts der drohenden Niederlage im Oktober 1918 unter dem letzten kaiserlichen Reichskanzler Max von Baden durchgeführte Parlamentarisierung des Reiches ausdrücklich als ein notwendiges Anknüpfen an die Ideale der Revolution von 1848 begrüßte und für einen Friedensschluss auf der Basis der 14 Punkte Wilsons votierte, setzte sich Seeberg für einen letzten ehrenvollen Entscheidungskampf ein. Harnack trat im Januar 1918 dem„Volksbund für Freiheit und Vaterland“ bei, in dem sich zentrale Figuren des deutschen Linksliberalismus sowie führende Vertreter der Sozialdemokraten und der Freien Gewerkschaften zusammenfanden. In einer ersten Ministerliste des Prinzen Max war er gar als Kultusminister vorgesehen. Seeberg gehörte mittlerweile der Deutschen Vaterlandspartei an. Inzwischen Rektor der Berliner Universität, träumte er noch im Spätsommer 1918 von einer Germanisierung Estlands und Livlands. Seine Antrittsrede vom 26. September 1918 als Rektor der Berliner Universität nutzt Seeberg, um seiner Hörerschaft den Unterschied„von anglocalvinistischem Demokratismus“ und einem 41 lutherisch-idealistischen Staatsideal, das deutscher Eigenart und Größe entspreche, einzuschärfen. 48 Ein Treffen von führenden Vertretern von Vaterlandspartei und Volksbund, das am 10. Oktober 1918 unter dem Vorsitz Harnacks in den Räumen der Königlichen Bibliothek Unter den Linden stattfindet, soll noch einmal mögliche Verständigungschancen zwischen beiden Lagern angesichts der politischen Situation ausloten – inzwischen hat die Regierung des Prinzen Max die Entente um die Übermittlung der Waffenstillstandsbedingungen gebeten –, bleibt aber ergebnislos. Seeberg, Schäfer, Tirpitz und andere Vertreter der Vaterlandspartei weigern sich, die neuen politischen Realitäten anzunehmen, und votieren statt dessen für einen letzten Entscheidungskampf. 4. Liberale Demokratie oder autoritärer Staat: Harnack und Seeberg in der Weimarer Republik Die Novemberrevolution bildete sowohl für Harnack wie für Seeberg einen tiefen Einschnitt. Auch Harnack war, wie er rückblickend eingestand, zunächst ratlos. In seiner Perspektive waren seine wesentlichen politischen Zielvorstellungen mit den Oktoberreformen des Prinzen Max erfüllt worden, die Revolution also überflüssig: „In der zweiten Hälfte des Krieges und während der Revolution bin ich sehr häufig gebeten worden, öffentlich zu sprechen. Aber ich hätte doch nicht aus dem vollen sprechen können. Mit der politischen Art der Kriegführung war ich nicht einverstanden, denn ich sah darin die Vorzeichen einer notwendig heraufziehenden Niederlage. Ich war der Meinung, daß der Krieg ausschließlich als Verteidigungskrieg zu führen sei, daß nichts un48 Reinhold Seeberg: Politik und Moral, in: ders.: Wir heißen euch hoffen. Vier akademische Reden, Berlin 1919, 7-32. 42 versucht bleiben dürfte für ein aufrichtiges, unzweideutiges Friedensangebot. Ich habe das überall – an den entscheidenden Stellen – zum Ausdruck gebracht, auch an den höchsten Stellen. Aber öffentlich agitieren wollte und konnte ich nicht.[...] Dann kam die Revolutionszeit. Ich wußte selbst nicht aus noch ein, was der Sinn dieser Sache sei, wie dieses ungeheure Stück Geschichte sich an die früheren Stücke anlehne. Man soll nur sprechen, wenn man etwas zu sagen hat, was Unsicherheit benehmen und Schwachheit stärken kann.“ 49 Spätestens im Sommer 1919 war diese Unsicherheit freilich vorüber, nachdem Harnack schon im Februar des Jahres die grassierende Dolchstoßlegende in einer Universitätspredigt offen zurückgewiesen hatte. Auch in den Dienst der neuen Ordnung hatte sich Harnack inzwischen gestellt: In den Verfassungsberatungen in Weimar nahm er als Vertreter des Reichsinnenministeriums an den Beratungen über die Bestimmungen zum Verhältnis von Staat und Kirche teil. Zwar bedauerte Harnack durchaus, dass es nicht gelungen war, die Monarchie in reformierter und parlamentarisierter Gestalt zu bewahren. Wenn er in diesem Zusammenhang davon sprach, dass die Republik„uns durch Untreue und Verrat“ gebracht worden sei, so bezog sich das allerdings gerade nicht auf die Sozialdemokraten, sondern auf die maßlose Politik der Obersten Heeresleitung.„Diejenigen, die die Parole ausgeben, wir Deutschen können nichts anderes tun, als uns auf das Zeitalter Bismarcks besinnen und es zurückführen, sage ich: diese Parole ist falsch.“ Die Suche nach dem historischen Sinn der Ereignisse war dabei für ihn bereits im Sommer 1919 zu einem Ergebnis gekommen. Die Revolution markiere den notwendigen Übergang in das„Zeitalter der Demokratie und des Sozialis49 Adolf von Harnack: Krieg, Urchristentum und Sozialismus. Aus einem Vortrag, gehalten im Verein christlicher Studenten, in: Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 331 vom 13.7.1919(Hervorhebungen im Original). 43 mus.“ 50 Beschwörend fügte er hinzu:„Wir sind eingetreten in ein neues Zeitalter, oder die Geschichte hat überhaupt keinen Sinn.“ 51 Den Wandel von Personen wie Strukturen wusste Harnack historisch wie theologisch zu deuten. Seine theologische Zentralformel vom„unendlichen Wert der Menschenseele“ erwies sich als demokratietaugliche Chiffre individueller wie politischer Freiheitsrechte. Die neue Demokratie stellte nach Meinung des Vernunftrepublikaners Harnack trotz mancher Mängel die Staatsform dar, die der Freiheit der Individuen wie dem gesellschaftlichen Fortschritt den größtmöglichen Spielraum gab. Er gehörte, trotz Inanspruchnahme für die Aufgaben der Kaiser-WilhelmGesellschaft, zu den wenigen Professoren, die sich in verschiedenen Kreisen und Zirkeln für die junge Demokratie aussprachen. Auch wenn Harnack sich keiner politischen Partei anschloss, beteiligte er sich immer wieder an einzelnen politischen Aktionen. Besondere Aufmerksamkeit erregte seine Verteidigung des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert im Winter 1924/25. Dem Reichspräsidenten war von einem völkischen Journalisten im Zusammenhang mit dem Munitionsarbeiterstreik vom Januar 1918 Landesverrat vorgeworfen worden. Diese Anschuldigung stellte nur einen Teil einer breiten Kampagne von rechts gegen Ebert dar, die nicht nur auf das Staatsoberhaupt, sondern die Republik insgesamt zielte. Ebert verklagte den Journalisten. Das zuständige Magdeburger Gericht verurteilte diesen darauf zwar wegen Beleidigung des Staatsoberhauptes zu drei Monaten Gefängnis, hielt aber in der Urteilsbegründung den Vorwurf des Landesverrats für zutreffend. Harnack wandte sich daraufhin in einem in allen großen Tageszeitungen am 27. Dezem50 Ebd. 51 Ebd. 44 ber 1924 publizierten Brief an Ebert und damit an die Öffentlichkeit:„Aus den Gefühlen der Gerechtigkeit und aufrichtiger Verehrung ist es mir ein Bedürfnis, der Entrüstung Ausdruck zu geben, mit der mich der Magdeburger Prozess und das richterliche Fehlurteil erfüllt haben. Schmachvolles ist hier zum Ereignis geworden, und in Trauer und Bestürzung sind wir versetzt. Um so lebhafter aber empfinde ich mit allen guten Deutschen den Dank, den das Vaterland Ihnen, hochverehrter Herr Reichspräsident, für Ihr gesamtes vaterländisches Wirken, insbesondere in den Jahren 1918 und 1919 schuldet, und wie dieser Dank heute in Tausenden von Herzen lebt, wird ihn das Urteil der Geschichte für immer besiegeln.“ 52 Für Harnack war der Vorgang nur ein erneuter Beweis der Ruchlosigkeit der republikfeindlichen Rechtsparteien.„In der innern Politik“, so schrieb Harnack an seine Frau am 22. Februar 1925,„herrscht ein Feldzug der Verleumdung, der um nichts besser ist als der Verleumdungsfeldzug unserer Feinde im Krieg und in seinen Folgen ebenso schlimm. Die Reaktion will an die Krippe und an die Macht, und jedes Mittel ist ihr Recht.“ 53 Als Ebert wenige Wochen später starb, beteiligte Harnack sich beim ersten Wahlgang an einem Wahlaufruf für den DDP-Kandidaten Hellpach, in der Stichwohl votierte er dann in einem in allen großen Tageszeitungen abgedruckten Brief für die Wahl des Zentrumskandidaten Marx und gegen Hindenburg, denn„Protestantismus ist gut, aber Sachkenntnis ist besser.“ Die Reaktion der Rechten auf Harnacks Stellungnahmen war überaus heftig: Anbiederei und Verrat am Kaiser, so lauteten die Vorwürfe, die in der Presse, aber auch in Briefen gegenüber Harnack erhoben wurden. Einem Ausschluss aus dem Evangelischen Bund kam Harnack durch Austritt zuvor. Der regelrechte Harnack-Hass, der in den fol52 Brief an Friedrich Ebert, in: Berliner Tageblatt Nr. 613 vom 27.12.1924. 53 Zitiert nach Zahn-Harnack, 410f. 45 genden Wochen in der Rechtspresse zum Ausdruck kam, bündelte noch einmal die antidemokratischen und auch antisemitischen Vorurteile weiter Teile der politischen Rechten. 54 Den Antisemitismus lehnte Harnack zeitlebens auch öffentlich ab und bekräftigte dies in den 1920er Jahren noch mehrmals, so etwa 1928 in einem Artikel„Wider die Schmach der Friedhofsschändungen.“ 55 Die im neuen Staat erfolgte Kooperation von bürgerlichen Parteien und SPD war nach Harnack„ein Ereignis ersten Ranges in der inneren deutschen Geschichte.“ Die SPD hatte dazu eine wesentliche Vorleistung erbracht, indem sie„ihren linken Flügel energisch abgestoßen“ habe – ein Hinweis auf die Abspaltung der USPD während des Krieges und die Gründung der KPD Ende 1918. Das Verhalten der SPD während des Krieges hatte in den Augen Harnacks ihre nationale Zuverlässigkeit endgültig bewiesen und ihr einen unbestreitbaren Anspruch auf politische Mitwirkung zukommen lassen. Es folgte ein Appell an die bürgerlichen Parteien, von denen es nun ganz wesentlich abhänge, ob sie die Bedeutung dieses Ereignisses anerkannten und dauernd danach handelten,„oder ob sie in Verblendung die ausgestreckte Hand nachträglich doch zurückweisen wollen, was notwendig zur Katastrophe führen müßte.“ 56 Harnack, der 1930 verstarb, ist es erspart geblieben, diese Katastrophe zu erleben. Für Seeberg war die Revolution von 1918 ein nachgerade traumatisierendes Erlebnis. Dazu trug auch bei, dass er sich als 54 Vgl. Kurt Nowak: Adolf von Harnack in Theologie und Kirche der Weimarer Republik, in: ders./Otto Gerhard Oexle/Trutz Rendtorff/Kurt-Victor Selge (Hg.): Adolf von Harnack. Christentum, Wissenschaft und Gesellschaft, Göttingen 2003, 207-235, v.a. 209-214. 55 In: CV-Zeitung 7(1928), 658. 56 Kann das deutsche Volk gerettet werden? Die Erneuerung der Arbeitsfähigkeit und der öffentlichen Sittlichkeit, in: Neue Freie Presse Nr. 21760 vom 12.4.1925. 46 Rektor der Universität zumindest in den ersten Wochen nach der Revolution auch unter den Gelehrten zunächst in einer Minderheitenposition befand. Unter dem Druck vieler Kollegen und Studenten sah er sich gezwungen, eine Loyalitätsbekundung der Universität gegenüber der neuen Regierung zu formulieren. Der überaus nüchterne Ton fand auf einer Dozentenversammlung der Universität jedoch keine Zustimmung. Statt dessen wurde eine von Troeltsch und Harnack verfasste Resolution mit einer Mehrheit von 175 zu 135 Stimmen angenommen. Eine Mehrheit der Lehrenden, so hieß es darin, unterstütze nicht nur die baldigen Wahlen zur Nationalversammlung, sondern sie empfinde„die neue aufsteigende Ordnung der Dinge als mit dem humanen und freien Geist der Wissenschaft verwandt“ und hege„nur den einen Wunsch[...], die bevorstehende neue Ordnung mit den besten Überzeugungen des deutschen Geistes seit Kant und Fichte, Schiller und Goethe zu durchdringen.“ 57 Seeberg schloss sich noch im November 1918 der Deutsch­ nationalen Volkspartei an, zu deren Wahl er im Januar 1919 öffentlich aufrief. Angebote, für die Partei Ämter und Mandate zu übernehmen, schlug er freilich aus. In den Überlegungen seiner Kollegen Harnack und Troeltsch sah er bestenfalls traumtänzerischen Illusionismus. Genau ein Jahr nach der Revolution zog er in einem Zeitungsartikel Bilanz über ein Jahr Republik: „Heute vor einem Jahre fand die Revolution statt. Das alte Deutschland zerbrach, und aus seinen Trümmern sollte ein neues Deutschland hervorgehen. Unser Heer wurde zerstört. Wozu bedurfte man seiner, sollten doch alle Menschen Brüder sein, und die Feinde nur darauf warten, daß Deutschland die Waffen fortwerfe und sich demokratisiere, um uns gerührt ans Herz zu zie57 Der Aufruf ist abgedruckt u a. in: Vossische Zeitung Nr. 594 vom 20.11.1918; ein Bericht zur Versammlung findet sich in: Berliner Tageblatt Nr. 593 vom 19.11.1918. 47 hen. Man tat noch mehr. Man klagte sich selbst schwerer Schuld an. Man nahm einen ungeheuerlichen, entehrenden Waffenstillstand hin im stillen Glauben, es werde so schlimm nicht werden. Man konnte nicht genug reden von der ,fluchbeladenen’ Herr schaft der Hohenzollern und nicht begeistert genug die ,Errungenschaften’ der Revolution preisen. Man schuf die ,freieste Verfassung der Welt’, ohne sich viel darum zu kümmern, ob die Geleise unserer Geschichte auf die Spurweite der neuen Wagen eingestellt seien. Man meinte, neue Geschichte machen zu können, ohne sich um die Anknüpfung an die gewordene Geschichte zu kümmern. Man war Meister in den kleinen Geheimnissen der Parteipolitik und stand naiv wie ein Kind den Dingen der großen Welt gegenüber.[...] Viele standen freilich abseits. Sie kannten Welt, Menschen und Geschichte besser, und sie wußten, daß Träume Schäume sind. Du armes, deutsches Volk, wie bist du getäuscht worden, und wie hast du dich selbst getäuscht in jenen Tagen! Wieder stand der arme Michel da, und der Zipfel der eigenen Mütze hing ihm über die treuherzigen Augen. Er kam sich so klug, so fortgeschritten vor und sah nichts und ahnte nichts.“ 58 Seeberg nutzte in den Folgejahren zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen zur theologischen Fundamentalkritik des Weimarer Parteienstaates. Gerade in dem von Harnack befürworteten Bündnis von Sozialdemokratie und Bürgertum sah Seebergs antisozialistische wie antikapitalistische Gegenwartsdiagnose die Gefahr einer endgültigen Etablierung des Wirtschaftsmaterialismus, denn der„Bourgeois und der Sozialdemokrat stehen einander näher als sie ahnen.“ 59 Insbesondere die Rolle der Sozialdemokratie bewertete Seeberg durchweg negativ. Sie habe durch 58 Reinhold Seeberg: 9. November 1918 – 9. November 1919, in: Der Tag Nr. 538 vom 9.11.1919. 59 Reinhold Seeberg: Die weltgeschichtliche Krisis der Gegenwart und das Christentum, in: ders.: Zum Verständnis der gegenwärtigen Krisis in der europäischen Geisteskultur, Leipzig 1923, 56-99, 70. 48 ihre„verhängnisvolle Rolle“ beim Zusammenbruch von 1918 und„die Konzentrierung aller Interessen auf die materielle Versorgung des Arbeiterstandes“ bewiesen, dass sie allein durch „materialistisch-egoistische Motive“ getrieben sei. Die Sozialdemokratie töte jeden echten Sozialismus, so Seebergs Bilanz. 60 Schon 1917 hatte er allerdings konstatiert, dass die Sozialdemokratie sich nicht als„Träger des nationalen Sozialismus, dessen wir bedürfen“, eigne. Vielmehr enthielten die Gedanken Luthers das Ideal eines„nationalen Staatssozialismus“, das den„Lebenstendenzen der Völker“ besser entspreche als das westlich-neucalvinistisch beeinflusste Denken der Sozialdemokratie. 61 In seinen zahlreichen Nachkriegsschriften verschärfte Seeberg seine Krisendiagnostik in dreifacher Weise. So gewann erstens die in der„Dogmengeschichte“ angelegte Christentumstypologie noch größere Bedeutung. In den Tagen der Revolution schrieb Seeberg den abschließenden Band über die unterschiedlichen Lehrentwicklungen des Protestantismus nach der Reformation. Ausführlich widmete er sich der Charakterisierung des„Anglocalvinismus“, dessen wahrer sittlicher Geist sich in den Friedensbedingungen von Versailles manifestiere:„Und das um so mehr, als von jener Seite her dieser Versuch einer Ermordung eines großen Volkes immer wieder mit moralischen Begriffen der ‚Strafe‘ und der ‚Buße’ gerechtfertigt wird.“ 62 Zweitens verschärfte sich die antisemitische Polemik. In einem weitverbreiteten Aufsatz unter dem Titel„Antisemitismus, 60 Reinhold Seeberg: Christentum und Idealismus. Gedanken über die Zukunft der Kirche und der Theologie, Berlin-Lichterfelde 1921, 22f. 61 Reinhold Seeberg: Protestantismus und Sozialismus, in: Süddeutsche Monatshefte 15(1917/18), 91-103, 103. 62 Reinhold Seeberg: Lehrbuch der Dogmengeschichte. Band IV/2: Die Fortbildung der reformatorischen Lehre und die gegenreformatorische Lehre, Erlangen/Leipzig 1920, 643. 49 Judentum und Kirche“, den Seeberg 1922 vor dem Central-Ausschuss der Inneren Mission hielt, wandte er sich„gegen das Judentum als eine internationale Macht, als eine zersetzende geistige Richtung.“ 63 Seeberg lehnt darin zwar eine rassische Begründung des Antisemitismus ab, da dieser auf einem materialistischen Fehlschluss beruhe, der den Kern des Judentums nicht treffe, aber das hindert ihn nicht an scharfer Polemik. Das Judentum deutet er nun vorrangig als geistige Richtung von „kulturzersetzender“ Kraft, das er für Materialismus,„Demokratismus“, Rationalismus und Individualismus verantwortlich macht:„Im letzten Grunde ist also dieses Judentum Todfeind jeder wirklichen Kultur und jedes geistigen Fortschritts.“ 64 Seebergs radikaler Kulturantisemitismus lehnt zwar physische Gewalt ausdrücklich ab, da„eine geistige Richtung nur durch eine andere geistige Richtung“ zu bekämpfen sei. Denn selbst wenn alle Juden Deutschland verließen,„bliebe das Judentum bei uns eine Macht.“ 65 Gleichwohl, die Sprache Seebergs ist geprägt von aggressiven Vernichtungsphantasien. An diesem Kulturkampf wider den„jüdischen Geist“ müsse sich auch die Kirche beteiligen. Zwar gehöre der Antisemitismus nicht auf die Kanzel, auch bringe der Rassenantisemitismus die Kirche um„das Beste ihrer Verkündigung“. Dennoch gelte aber:„Die Kirche soll also Zeugnis ablegen gegen den Geist des Materialismus und somit auch gegen das Judentum in dem erkannten Sinn.“ 66 Drittens verstärkt sich mit dem Krieg sowie nach dem Krieg die Bedeutung des Völkischen in Seebergs Programmatik. Schon 1915 zählte Seeberg die Stärkung des bislang belächelten völkischen Gedankens zu den wichtigsten Ergebnissen des Krieges. 63 Reinhold Seeberg: Antisemitismus, Judentum und Kirche, in: ders.: Verständnis, 100-136, 102. 64 A.a.O., 119. 65 A.a.O., 126. 66 A.a.O., 135. 50 „Wenn nicht alles täuscht, wird die Betonung des Völkischen nach dem Kriege in immer weitere Kreise vordringen. Vor den Augen unserer Jugend dämmert im Morgenrote der Zukunft eine neue große Zeit.“ 67 Und 1922 erklärte er den schroffen Antisemitismus der Jugend und das Tragen des Hakenkreuzes zwar für bedenkliche Überspanntheiten, insgesamt sah Seeberg darin aber der Tendenz nach eine hoffnungsvolle Entwicklung, soweit eben die Idealisierung der Jugend gelinge. Auch in Seebergs„Dogmatik“ wie in den Neubearbeitungen seiner„Ethik“ wird die Bedeutung des Volksbegriffs gestärkt. Für die rege Rezeption des Volksbegriffs in der protestantischen Theologie der 1920er Jahre dürfte Seebergs Einfluss kaum zu unterschätzen sein. Von diesen Grundprämissen her intensiviert Seeberg seine Arbeit insbesondere im Bereich des kirchlichen Verbandsprotestantismus. Die Innere Mission, so heißt es 1922, sei eine„revolutionäre Bewegung.“„Sie sammelt und sendet Freischaren aus zum heiligen Krieg wider die eingewurzelten Vorurteile des landläufigen Unglaubens und dessen Zwillingsbruder, den gemeinen und gefährlichen Egoismus.“ 68 Unter Seebergs Präsidentschaft von 1923 bis 1933 profitierte die IM zudem vom Ausbau des Weima rer Sozialstaates und konnte sich als der führende Verband der freien Wohlfahrtspflege etablieren. Den Kirchlich-sozialen Bund führte er in enge organisatorische und personelle Verflechtungen mit der DNVP. Den Kampf um kulturelle Deutungsmuster versuchte Seeberg auch auf wissenschaftlicher Ebene durch Verbands- und Institutsgründungen zu gewinnen. Theologisch bemüht sich Seeberg dabei zugleich, seine völkisch zugespitzte christliche Sozialethik 67 Reinhold Seeberg: Die geistige Lage Deutschlands und der Krieg, in: Konservative Monatsschrift 72(1914/1915), 429-442, 438. 68 Reinhold Seeberg: Die Sanitätskolonne der Kirche. Fünfundsiebzig Jahre Innere Mission, in: Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 441 vom 23.9.1923, Sonntagsbeilage. 51 zur Basiswissenschaft aller empirischen Sozialwissenschaften zu machen. 69 Er beteiligt sich aktiv an der Gründung der„Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungspolitik“ und fordert einen offensiven Umgang mit Konzepten von Volkshygiene, Volksgesundheit und Eugenik. 1927 gelingt ihm die seit dem Krieg avisierte Gründung eines Instituts für Sozialethik und Wissenschaft der Inneren Mission an der Berliner Universität. Es dient, wie entsprechende Bildungsangebote der Inneren Mission, der Popularisierung von Seebergs lutherischer Sozialethik und ihrer Verbindung mit„rassenhygienischer Vorsorge“ und„eugenischer Prävention“. Wenngleich Seeberg stets den Vorrang der Gesinnung betonte, leistete er damit der Bevorzugung des„Volksganzen“ vor dem kranken Individuum Vorschub – mit verhängnisvollen Folgen in den natio­ nalsozialistischen Krankenmorden nach 1933. Wiederholt rief Seeberg in den 1920er Jahren zum heiligen Krieg gegen die„zersetzenden“ Auswirkungen des Materialismus und der Aufklärung und damit zum Kampf gegen die Demokratie von Weimar auf, war doch für Seeberg der Bund zwischen Materialismus und Demokratie die„typische Form des Niedergangs der Kulturvölker.“ 70 Demokratie sei die„Regierungsform des Dilettantismus.“ 71 Die Weimarer Verfassung sei nicht mehr als ein„Gitter“, das den„Gestaltungstrieb der Volksseele“ hemme und das„Ewige in Formeln kapselt“ und damit die„lebendige Autorität der Väter“ auflöse in eine„bloß formale Autori tät.“ 72 Zwar lassen sich seit 1925/26 verhaltene Signale einer Anerkennung der bestehenden Ordnung insofern ausmachen, als Seeberg die Mitarbeit der DNVP in den Bürgerblockregierungen zwischen 1925 und 1928 durchaus gut heißt, auf lange Perspekti69 Vgl. Graf: Seeberg, 655-660. 70 Seeberg: Ideale, 20. 71 Reinhold Seeberg: Gedanken über die Zukunft Europas, in: Deutsche Revue 208(1926), 91-105, 94. 72 Seeberg: Verständnis, 76. 52 ve hofft Seeberg aber, der 1925 ausgiebigst die Sowjetunion bereist, auf den Niedergang des Europa beherrschenden„Demokratismus“ durch die Angriffe von Bolschewismus und Nationalismus. Zwar rechnete Seeberg zumindest in absehbarer Zukunft nicht mit einer Durchsetzung des Nationalismus, gleichwohl verwies er auf das Italien Mussolinis:„Es steht außer Zweifel, dass er mit genialem Blick die Macht der nationalen Idee erfasst und vermöge dieser Demokratie und Parlamentarismus zu Boden getreten hat.“ 73 Eindringlich beschwört Seeberg aber die Gefahr der „Bolschewisierung“ Europas, der nur durch eine konsequente Anerkennung der Bedeutung des Christentums für das„Volksleben“ begegnet werden könne:„Eine national empfindende Chris­ tenheit und ein christlich denkender Nationalismus, das wäre ein Bollwerk wider den bolschewistischen Kommunismus, das standhalten könnte.[...] Sonst freilich droht uns der Untergang des Abendlandes.“ 74 Seeberg engagierte sich mit Nachdruck für eine Sammlung der nationalen Rechten im Sinn des von ihm propagierten deutschen Typs des Christentums. Politisch sah er die DNVP als die Partei an, mit der er bei aller Kritik an ihr in Einzelfragen, diese Ideale verwirklichen konnte. Seeberg verstand sich dabei nicht als Politiker. Er schrieb sich vielmehr selbst die Rolle des politischen Vordenkers zu, der die weltanschauliche Grundlegung eines politischen Konservativismus aus dem Geist von Luthertum und Idealismus vorantrieb. 75 In diesem Sinne betrieb er die Umformung der DNVP zur konservativen Weltanschauungspartei. Der einseitigen Vertretung agrarischer Interessen stand er ebenso kritisch 73 Seeberg: Gedanken, 92. 74 A.a.O., 102f. 75 In diesem Zusammenhang aufschlußreich ist Seebergs autobiographischer Beitrag in: Hans von Arnim/Georg von Below(Hg.): Deutscher Aufstieg. Bilder aus der Vergangenheit und der Gegenwart der rechtsstehenden Parteien, Berlin/Leipzig 1925, 415-422. 53 gegenüber wie einer bloßen Restauration der Vorkriegsmonarchie. Diese Bemühungen um eine Sammlung der nationalen und antidemokratischen Rechten stellten schließlich die Schnittstelle dar, an der für Seeberg in den Krisenjahren der Republik auch die Einbeziehung des Nationalsozialismus in seine politischen Zukunftshoffnungen möglich wurde. Wenngleich Seeberg sich weiterhin als führender Intellektueller der Deutschnationalen empfand, sah er seine Aufgabe nun darin, auch die Nationalsozialisten für seine Hoffnungen auf eine christlich-natio­nale Wiedergeburt Deutschlands zu mobilisieren. Bestärkt wurde Seeberg darin zweifellos auch durch seinen Sohn Erich Seeberg(1888-1945), der nach 1933„der wohl zeitweilig einflussreichste Nationalsozi alist und intriganteste Kollaborateur des Hitlerstaates unter den protestantischen Universitätstheologen“ werden sollte. 76 Es verwundert so nicht, dass Seeberg die Machtübertragung an Hitler 1933 begrüßte und in ihr die lang ersehnte grundlegende geistesgeschichtliche Wende erblickte. Seeberg tat dies in dem zeitlebens bewahrten Anspruch, als Gelehrter die Deutungshoheit über die ethische Substanz des Christentums und damit auch über das Wissen für den erhofften Aufbau der„Volksgemeinschaft“ zu verfügen. In diesem Sinn überarbeitete Seeberg, der 1935 verstarb, noch in seinen letzten Lebensmonaten seine mehrfach aufgelegte Ethik. Seeberg verschärfte darin nicht nur die völkische Akzentuierung seiner Sozialethik und äußerte sich erneut ausführlich zu Rassegedanken,„Judenfrage“, Sterilisation und Volkshygiene. Die NSDAP, so Seebergs Legitimation des NSStaates, sei„keine Partei, sondern der Exponent des einheitlichen Volkswillens. In ihr fasst sich der objektive Geist des Volkes zu76 Thomas Kaufmann: Die Harnacks und die Seebergs.„Nationalprotestantische Mentalitäten“ im Spiegel zweier Theologenfamilien, in: Manfred Gailus/Hartmut Lehmann(Hg.): Nationalprotestantische Mentalitäten. Konturen, Entwicklungen und Umbrüche eines Weltbildes, Göttingen 2005, 165-222, 188f. 54 sammen, vermöge dessen sie durch ihr Wirken allmählich alle Glieder des Volkes zu Trägern dieses Geistes machen soll. Sie ist somit eine ideale Macht[...].“ 77 In einem„Die Durchführung und Bewahrung des christlichen Ideals innerhalb der Volksgemeinschaft“ überschriebenen Kapitel konnte Seeberg nun die„ethische Grundanschauung des Christentums“ mit der Formel des „ethischen Nationalsozialismus“ 78 charakterisieren. 5. Fazit Abschließend sollen noch einmal die Gründe für die unterschiedlichen politischen Positionierungen bilanziert werden. Zunächst ist der baltische Hintergrund zu erwähnen, auf den hier nicht näher eingegangen werden konnte. Er darf für beide nicht unterschätzt werden. Gleichwohl sind bei Harnack v.a. auch die liberalkonservativen Strömungen innerhalb der deutschbaltischen Führungsschicht zum Tragen gekommen, während Seeberg offensichtlich stärker durch die eher reformfeindlichen Kräfte geprägt wurde. 79 Auch der Altersunterschied spielte eine Rolle: Harnack hat den Beginn der repressiven Russifizierung nicht mehr in Dorpat selbst erlebt, hatte im Deutschland der 1870er Jahre aber durchaus noch die Jahre vor der innenpolitischen Wende von 1878/79 sensibel wahrgenommen. Bei aller Verbundenheit mit dem Baltikum war es Harnack gelungen, sich gesellschaftlich und kulturell zu integrieren. Das während des Krieges in annexionistischen deutschbaltischen Kreisen durch den Königsberger Historiker August Seraphim kolportierte Harnack-Zitat, man müsse das Baltikum nicht annektieren, da sich 77 Reinhold Seeberg: Ethik, Stuttgart usw. 31936, 349. 78 Seeberg: Ethik, 328. 79 Vgl. Nottmeier: Harnack, 21-61. 55 das Beste, was das Baltikum zu bieten habe, schon längst in Deutschland befinde, enthielt insofern ein Körnchen Wahrheit. Bei Seeberg kam dagegen ein starkes baltisches Sonderbewusstsein zum Tragen 80 , das ihn und seine Familie in seinen Augen gerade zum Vorkämpfer„deutscher Erneuerung“ prädestinierte. Schließlich liegen wichtige weltanschaulich-theologische Gründe den unterschiedlichen Optionen zu Grunde, gerade mit Blick auf die Weimarer Zeit: Bei Harnack war sein verantwortungsethischer Historismus entscheidend. Entwicklungsgeschichtlichem Denken sowie dem Glauben an in der Geschichte sich immer mehr verwirklichende Kulturwerte verhaftet, konnte Harnack den Weg zur Republik auch mit den Mitteln der Historie verarbeiten. Die Republik entsprach den inzwischen in Deutschland erreichten kulturellen Standards, so dass in seinem Denken an die Stelle der„sozialen Monarchie“ die„soziale Republik“ treten konnte. Ein Zusammenhang von liberaltheologischer Position und prorepublikanischer Orientierung ist zwar nicht zwingend, lässt sich aber zumindest bei führenden liberalen Theologen aus der Generation der 1845 bis 1865 Geborenen wie neben Harnack Wilhelm Herrmann, Otto Baumgarten, Martin Rade und Ernst Troeltsch feststellen. Harnacks theologische Position, die ganz auf eine traditionskritische Religion individueller Freiheit hinauslief, dürfte ihm die Bewältigung des Systemwechsels erleichtert haben, da auch diese Position die äußere Ordnung eben daran maß, inwiefern sie zur Entfaltung freier Persönlichkeiten beitrug. Genau dies leistete die neue Demokratie für Harnack dadurch, dass sie das Verantwortungs- und das Pflichtbewusstsein des Einzelnen ebenso steigerte wie die Bildung und das Allgemeinwissen. Gerade weil Harnack an diesen klassisch-liberalen Positionen trotz der„antihistoristischen Revolution“(Kurt Nowak) der 1920er Jahre gewissermaßen als Traditionalist festhielt, 80 Kaufmann: Harnacks, 174-186. 56 konnte er die neue Ordnung bejahen. Es war Harnacks an reformatorischer Weltaufgeschlossenheit geschulter Protestantismus, der ihm, gerade wegen des Wissens um den unausbleiblichen historischen Wandel von Personen und Strukturen, den Übergang in die Demokratie erleichterte. Sie bildete nach dem Scheitern der Monarchie die historisch adäquate Möglichkeit zur Ausbildung des Staates als Rechts-, Kultur- und Volksstaat, wenngleich Harnack die Demokratie vor allem vom Staat, nicht von der Gesellschaft her dachte. Protestantismus und Demokratie waren anders als für die Mehrheit des deutschen Protestantismus für Harnack durchaus kompatibel. Harnacks Theologie erwies so ihre Pluralismusfähigkeit gerade in den 1920er Jahren, eben weil sie etwas ermöglichte, was im deutschen Protestantismus jener Jahre außerhalb des liberalprotestantischen Lagers nur schwer zu fin den war: die Fähigkeit zum Kompromiss. Mit Blick auf die politische Mobilisierung der protestantischen Milieus in der Republik war Seeberg dagegen wesentlich erfolgreicher als Harnack, auch weil er anders als der Gelehrtenpolitiker Harnack durch sein intensives Engagement in Vereinen und im Verbandsprotestantismus – allen voran in der Inneren Mission als der Vorgängerorganisation des heutigen Diakonischen Werkes – wesentlich moderner agierte, um die Verbindung seiner voluntaristisch aufgeladenen idealistischen Ethik mit dem Geist des Christentums und der„völkischen Erneuerung“ Deutschlands zu propagieren. Seeberg war kein reaktionärer Monarchist. Im Geiste vermeintlicher Überparteilichkeit und radikaler, keineswegs auf das modern-positive Lager beschränkter Kulturkritik betrieb er eine massive weltanschauliche Aufladung politischer Gegen sätze. Die evangelische Kirche und das von ihr repräsentierte „deutsche Christentum Luthers“ galt es als ethisch-idealistische Gegenmacht zu liberalistischer und kapitalistischer Moderne zu mobilisieren. Bei Seeberg war es ein grundsätzliches Unbehagen an der Individualisierung, Ökonomisierung und Pluralisierung 57 der modernen Lebenswelten, die er durch die Vision einer religiös-ethisch wie politisch-ethnisch einheitlichen Kultur zu überwinden versuchte, während Harnack trotz mancher Vorbehalte eben jene Pluralisierung und Individualisierung theologisch wie politisch anerkennen konnte. Im deutschen Protestantismus der Zwischenkriegszeit vertrat Harnack damit allerdings eine Minderheitenposition. Seebergs Ablehnung von liberaler Moderne und Pluralismus und seine Konzeption eines ethisch-weltanschaulich aufgeladenen und massiv politisierten Luthertums erwies sich für die Verstärkung der Demokratiefeindlichkeit weiter Teile des deutschen Protestantismus wenigstens in dieser Periode als wesentlich breitenwirksamer. Zur theologischen Delegitimierung und politischen Destabilisierung der ersten deutschen Demokratie lieferte Seeberg entscheidende weltanschauliche Argumente, die schon während der Auflösungsphase der Weimarer Republik und dann erst recht ab 1933 die ideologische und politische Anfälligkeit weiter Kreise des deutschen Protestantismus für den Nationalsozialismus begünstigen sollten. 59 R eihe G esprächskreis G eschichte der F riedrich -E bert -S tiftung Heft 22: Dieter Dowe(Hrsg. in Verbindung mit Dieter Gosewinkel), Lernen aus der Vergangenheit!? Der Parlamentarische Rat und das Grundgesetz, Bonn 1998(111 S.) Heft 23: Gerald D. Feldman, Unternehmensgeschichte des Dritten Reichs. Raub­ gold und Versicherungen, Arisierung und Zwangsarbeit, Bonn 1999(32 S.) Heft 24: Diether Posser, Erinnerungen an Gustav W. Heinemann, Bonn 1999 (21 S.) Heft 25: Dieter Dowe(Hrsg. in Verbindung mit Andreas Eberhardt),„ Mein Vater war doch kein Verbrecher- und doch hat er einem ver­brecherischem Regime gedient.“ Warum trifft uns das heute noch?, Bonn 1999(81 S.) Heft 26: Klaus Schönhoven, Auf dem Weg zum digitalen Dienst­ leistungszentrum. 30 Jahre Archiv und Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1999(40 S.) Heft 27: Peter Lösche, Parteienstaat in der Krise? Überlegungen nach 50 Jahren Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1999(48 S.) Heft 28:Hans-Jochen Vogel, Zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR in Schwante vor 10 Jahren, Bonn 1999(24 S.) Heft 29: Günther Wagenlehner, Die russischen Bemühungen um die Reha­ bilitierung der 1941- 1956 verfolgten deutschen Staatsbürger, Bonn 1999(184 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 30: Friedhelm Boll/Beatrix Bouvier/Patrik von zur Mühlen, Politische Repression in der SBZ/DDR und ihre Wahrnehmung in der Bundes­republik, Bonn 1999(40 S.) Heft 31: Peter Brandt(Hrsg.), An der Schwelle zur Moderne. Deutschland um 1800, Bonn 1999(184 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 32: Arno Lustiger, Jüdische Kultur in Ostmitteleuropa am Beispiel Polens, Bonn 2000(30 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) 60 Heft 33: Feliks Tych, Deutsche, Juden, Polen: Der Holocaust und seine Spät­ folgen, Bonn 2000(24 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 34: Dieter Dowe, Ferdinand Lassalle(1825- 1864). Ein Bürger organisiert die Arbeiterbewegung, Bonn 2000(29 S.) Heft 35: Michael Brenner, Wie jüdisch waren Deutschlands Juden? Die Renaissance jüdischer Kultur während der Weimarer Republik, Bonn 2000(48 S.) Heft 36: Dieter Dowe,„Agitieren, organisieren, studieren!“ Wilhelm Liebknecht und die frühe deutsche Sozialdemokratie, Bonn 2000(30 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 37: Peter Steinbach,„Schafft die Einheit!“ Wilhelm Leuschner 1890 – 1944, Bonn 2000( 40 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 38: Dieter Dowe(Hrsg.), Demokratischer Sozialismus in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, Bonn 2001(176 S.) Heft 39: Dieter Dowe/Dieter Wunder(Hrsg.), Verhandlungen über eine Wieder­vereinigung statt Aufrüstung! Gustav Heinemann und die Eingliederung der Bundesrepublik in das westliche Militärbündnis, Bonn 2000(80 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 40: Teresa Löwe, Der Politiker Eduard Bernstein. Eine Untersuchung zu seinem politischen Wirken in der Frühphase der Weimarer Republik(1918 – 1924), Bonn 2000(158 S. vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 41: Ulrich Borsdorf, Hans Böckler(1875 – 1951)- historische Leitfigur der deutschen Gewerkschaften?, Bonn 2001(44 S.) Heft 42: Erich Ollenhauer(1901-1963). Ein Leben für die deutsche Sozialdemokratie. Reden zum 100. Geburtstag am 27. März 2001, Bonn 2001(32 S.) Heft 43: Bettina Hitzer, Schlüssel zweier Welten: Politisches Lied und Gedicht von Arbeitern und Bürgern 1848 – 1875, Bonn 2002(222 S.) Heft 44: Heinrich August Winkler u.a., Arbeit am Mythos Rosa Luxemburg. Braucht Berlin ein neues Denkmal für die ermordete Revolutionärin?, Bonn 2002(28 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) 61 Heft 45: Manfred Stolpe, Otto Wels und die Verteidigung der Demokratie, Bonn 2002(32 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 46: Anne Cottebrune,„Deutsche Freiheitsfreunde versus„deutsche Jakobiner“. Zur Entmystifizierung des Forschungsgebietes„Deutscher Jakobinis mus“, Bonn 2002(61 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Willy Brandt, Reden anlässlich des 10. Todestages am 8. Oktober in Berlin, Bonn 2002(34 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 4 7: Jürgen Kocka, Sozialgeschichte in Deutschland seit 1945. Aufstieg – Krise – Perspektiven, Bonn 2002(37 S., vergriffen, nur im Internet abrufba r) Heft 48: Julia Macher, Verdrängung um der Versöhnung willen? Die geschichtspolitische Auseinandersetzung mit Bürgerkrieg und Franco-Diktatur in den ersten Jahres den friedlichen Übergangs von der Diktatur zur Demokratie in Spanien(1975-1978), Bonn 2002(132 S.) Heft 49: Klaus Schönhoven, Geschichtspolitik: Über den öffentlichen Um­ gang mit Geschichte und Erinnerung, Bonn 2003(20 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 50: Dieter Dowe(Hrsg.) 140 Jahre Gründung von Lassalles Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein 1863 in Leipzig – zur Frühgeschichte der deutschen Sozialdemokratie, Bonn 2003(64 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 51: Dieter Dowe(Hrsg.) Der 17. Juni 1953. Die Gewerkschaften und die Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Bonn 2003(47 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 52: Heiner Lindner„Erkämpft Eure Freiheit! Stürzt Hitler!“ Die„Sozialistische Mitteilungen“ 1939 – 1948, Bonn 2003(287 S.) Heft 53: Hans Mommsen, Entstehung und Bedeutung des Ermächtigungsgesetzes vom 23. März 1933, Bonn 2003(24 S., vergriffen, nur im Internet abrufbar) Heft 54: Heinrich August Winkler, Deutschland, Europa und der Westen. Versuch einer Standortbestimmung, Bonn 2004(31 S.) 62 Heft 55: Konrad Jarausch, Aufbruch der Zivilgesellschaft.Zur Einordnung der friedlichen Revolution von 1989 Bonn, 2004(48 S.) Heft 56: Beate Kosmala, Verbotene Hilfe. Rettung für Juden in Deutschland 1941 – 1945, Bonn 2004(36. S.) Heft 57: Boris Zabarko, Überleben im Schatten des Todes. Holocaust in der Ukraine. Zeugnisse und Dokumente, Bonn 2004(64 S.) Heft 58: Klaus Hildebrand, Buchvorstellung. Klaus Schönhoven: Wendejahre. Die Sozialdemokratie in der Zeit der Großen Koalition 1966 – 1969, Bonn 2005(56 S.) Heft 59: Moritz Mälzer, Ausstellungsstück Nation. Die Debatte um die Gründung des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Bonn 2005(144 S.) Heft 60: Georgios Chatzoudis, Die Deutschlandpolitik der SPD in der zweiten Hälfte des Jahres 1989, Bonn 2005(128 S.) Heft 61: Jerzy Kranz, Polen und Deutschland: getrennte oder gemeinsame Wege der Geschichtsbewältigung. Juristisch-politische Bemerkungen aus pol­ nischer Sicht, Bonn 2005(88 S.) Heft 62: Dieter Dowe(Hrsg.), Begegnungen. Susi Miller zum 90. Geburtstag, Bonn 2005(49 S.) Heft 63: Manfred Messerschmidt, Verbrechen der Wehrmacht in Polen September/Oktober 1939, Bonn 2005(24 S.) Heft 64: Heiner Lindner,„Um etwas zu erreichen, muss man sich etwas vornehmen, von dem man glaubt, dass es unmöglich sei“. Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund(ISK) und seine Publikationen, Bonn 2006(270 S.) Heft 65: Dieter Dowe(Hrsg.), Julius Moses. Schrittmacher der sozialdemokratischen Gesundheitspolitik in der Weimarer Republik, Bonn 2006(92 S.) Heft 66: Dieter Dowe(Hrsg.), Hans-Rosenberg-Gedächtnispreis 2006 der Heinrich-August-und-Dörte-Winkler-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2006(64 S.) 63 Alle Hefte sind im Volltext im Internet abrufbar unter http://library.fes.de/history/gg.html Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Doris Fassbender Godesberger Allee 149 D-53175 Bonn Tel.:(0228) 883473, Fax.:(0228) 883-1144 E-mail: Doris.Fassbender@fes.de