KAMBODS 1 C 97 H 5 A 2005 Weg durch die Nacht Eine Fotoausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung KAMBODSCHA 197 2 5 005 Weg durch die Nacht Eine Fotoausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung Die Projektpartner Seit seiner Gründung 1997 widmet sich das Documentation Center of Cambodia(DC-Cam) in Phnom Penh der Auseinandersetzung mit dem Herrschaftssystem der Roten Khmer, der Archivierung von Material, der Forschung und der Publikation wissenschaftlicher Untersuchungen. Die Institution spielt auch eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Diskurs im Hinblick auf das bevorstehende Tribunal unter Beteiligung der Vereinten Nationen, vor dem sich führende Repräsentanten der Roten Khmer werden verantworten müssen. Das Atelier Meerkatze wurde 2001 von Kurt und Gisela Volkert eröffnet. Es ist Arbeitsstätte für die Maler Wolfgang Sahlmann und Kurt Volkert und steht darüber hinaus für Kunst- und Fotoausstellungen zur Verfügung. Im Jahr 2002 wurde hier in Zusammenarbeit mit dem Fotojournalisten und Pulitzer-Preisträger Horst Faas die vielbeachtete Ausstellung„Requiem“ mit Bildern von in Vietnam und Indochina gefallenen Fotografen gezeigt. Das Atelier ist ein fester Bestandteil der Kulturlandschaft in Königswinter und darüber hinaus. Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist seit 1994 in Kambodscha tätig. Zielgruppen sind Entscheidungsträger und Multiplikatoren in Politik, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft. Hauptpartner ist das Cambodian Institute for Cooperation and Peace, an dessen Gründung und Aufbau die Friedrich-Ebert-Stiftung beteiligt war und das sich inzwischen als führender, auch international anerkannter Think-Tank etabliert hat. Die Aktivitäten der FES in Kambodscha werden vom Büro für regionale Kooperation in Südostasien mit Sitz in Singapur koordiniert. ISBN 3-89892-363-0 © Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung Internationale Entwicklungszusammenarbeit Referat Asien und Pazifik 53170 Bonn Verantwortlich: Projektleitung: Projektkoordination: Projektmitarbeit/Recherche: Fachberatung: Ausstellungstexte: Zeittafel/Biografien: Dr. Beate Bartoldus Dr. Paul Pasch, Dr. Ralf Melzer Karin Benzing Ute Köster Rüdiger Siebert Helga Märthesheimer Ute Köster Bildbearbeitung: Titelfoto: Layout: Ausstellungstafeln: Druck: Dr. Axel Wendelberger DC-Cam Pellens Kommunikationsdesign GmbH eps Schreck& Jasper GmbH Toennes Druck und Medien Printed in Germany 2005 Besonderer Dank gilt Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, Gerd Berendonck, Horst Faas, The Associated Press, Kurt Volkert, Christoph Maria Fröhder und Norbert von Hofmann. Ein Projekt der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit dem Documentation Center of Cambodia(DC-Cam). Vorwort Der 30. Jahrestag des Beginns der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha bietet Anlass, den Aussöhnungs- und Demokratisierungsprozess, der im Oktober 1991 mit der Unterzeichnung der Pariser Verträge nach den Wirren und der Brutalität des Bürgerkrieges begann, zu reflektieren. Gemeinsam mit Partnern thematisiert die Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Titel „Kambodscha 1975- 2005: Weg durch die Nacht“ in Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Filmen die Auseinandersetzung mit dem historischen Geschehen in Kambodscha und beschäftigt sich mit Formen politischer und juristischer Aufarbeitung. Die vorliegende Broschüre ist die Reproduktion einer Fotoausstellung, in der die Auswirkungen des Genozids auf das moderne Kambodscha mit seinem immer noch stockenden Demokratisierungsprozess dokumentiert werden. Die Ausstellung ist vom 17. April bis zum 13. Mai 2005 im Bonner Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung zu sehen. Mit dem internationalen Symposium„Nach der Diktatur: Vergangenheitsaufarbeitung und demokratische Transformation – Kambodscha, Deutschland, Peru, Südafrika und Osttimor“ am 15. April 2005 im Berliner Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung wollen wir einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Geschichte unter den Aspekten Versöhnung, Wiedergutmachung und Erinnerungsarbeit leisten. Auch andere Länder standen und stehen vor der Herausforderung, mit dem Erbe von Terror und Schrecken unter vergangenen politischen Systemen in sozialer, kultureller, politischer, wirtschaftlicher und mentaler Hinsicht umzugehen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit kann Geschehenes zwar nicht umkehren, jedoch Wahrnehmung und Interpretation des Erlebten verändern und so zur„Heilung“ der Gesellschaft beitragen. Nach unserer Erfahrung ist dieser Aussöhnungsprozess eine Grundvoraussetzung für demokratische Entwicklung, denn Frieden ist auf Dauer nicht ohne Ausgleich und Versöhnung sowie den Aufbau von stabilen politischen und sozialen Strukturen zu sichern. Wir sind sehr erfreut, dass sich – angeregt und begleitet durch die Friedrich-EbertStiftung – mehrere Bonner Oberschulen in Gestalt von Projekttagen mit dem Thema Kambodscha beschäftigt haben. Einige der Arbeitsergebnisse sind im Foyer der FES in Bonn für die Dauer der Ausstellung zu sehen. Am 19. April 2005 erörtern Südostasienwissenschaftler der Universität Bonn die Komplexität des laufenden Demokratisierungsprozesses in Kambodscha vor dem Hintergrund der früheren Schreckensherrschaft der Roten Khmer mit unseren kambodschanischen Gästen im Rahmen eines Filmabends. Im Atelier Meerkatze in Königswinter ist vom 17. bis 24. April 2005 eine weitere Ausstellung zu sehen, die unter anderem Arbeiten von Fotojournalisten zeigt, die in Kambodscha ums Leben kamen. 3 Das Projekt haben wir gemeinsam mit unserem Partner, dem Documentation Center of Cambodia, konzipiert. Ein kleines Team unserer kambodschanischen Partner nimmt an den Veranstaltungen in Bonn, Berlin und Königswinter teil. Die Anwesenheit S.K.H. Prinz Norodom Sirivudh ist eine besondere Ehre für die Friedrich-Ebert-Stiftung und gleichzeitig Beleg für die Relevanz der Thematik unserer Veranstaltungsreihe„Kambodscha 1975- 2005: Weg durch die Nacht“. Der Onkel des neuen Königs Norodom Sihamoni und jetzige stellvertretende Premierminister und Ko-Innenminister des Königreichs Kambodscha ist auch Vorstandsvorsitzender des Cambodian Institute for Cooperation and Peace, mit dem die Friedrich-Ebert-Stiftung seit mehr als zehn Jahren vertrauensvoll und erfolgreich zusammenarbeitet. Die Friedrich-Ebert-Stiftung begleitet den Aussöhnungs- und Demokratisierungsprozess in Kambodscha seit Ende des Bürgerkrieges Anfang der neunziger Jahre mit ihrer gesellschaftspolitischen Arbeit. Es ist uns daher ein besonderes Anliegen, einer breiteren Öffentlichkeit ein Forum zur Erörterung des kambodschanischen Weges von Terrorherrschaft zur Demokratisierung zu bieten. Bonn, im April 2005 Dr. Ernst J. Kerbusch Leiter der Abteilung Internationale Entwicklungszusammenarbeit 4 KAMBODS 1 C 97 H 5 A 2005 Weg durch die Nacht Eine Fotoausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung 1 Zeittafel 1864 1941 1953 1954 1955 1960 1963 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1973 1975 1976 1977 1979 1982 1983 1985 Frankreich errichtet ein Protektorat über das Königreich Kambodscha. Prinz Norodom Sihanouk wird mit neunzehn Jahren zum König von Kambodscha gekrönt. Bis 1945 ist Französisch-Indochina, darunter auch Kambodscha, von Japan besetzt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehren die Franzosen als Kolonialmacht zurück. Nach Verhandlungen mit Frankreich gewinnt Kambodscha seine Unabhängigkeit. Nach der für Vietnam erfolgreichen Schlacht bei Dien Bien Phu(Vietnam) gegen die Franzosen wird im selben Jahr auf der Genfer Indochinakonferenz das Friedensabkommen für Indochina(Kambodscha, Laos, Vietnam) unterschrieben. Prinz Norodom Sihanouk dankt zu Gunsten seines Vaters ab, um politisch aktiv handeln zu können. Er gründet eine Partei mit sozialistischem Programm und wird zum Premierminister gewählt. Als sein Vater stirbt, wird Prinz Norodom Sihanouk Staatsoberhaupt. Gründung der Kommunistischen Partei Kambodschas(KPK). Im Zentralkomitee sitzen einige der späteren Führungskader der Roten Khmer, darunter Saloth Sar(später bekannt als Pol Pot), Nuon Chea und Ieng Sary. Pol Pot wird Generalsekretär, Son Sen und Ta Mok werden ins Zentralkomitee gewählt. Führende Mitglieder der KPK beginnen im Untergrund einen Guerillakrieg zu führen. Verstärkte US-Truppeneinsätze in Südvietnam. 3. Mai: Prinz Norodom Sihanouk bricht die Beziehungen zu den USA ab. Prinz Norodom Sihanouk gestattet den Nordvietnamesen die Nutzung der Grenzgebiete als Rückzugsraum und Nachschubweg im Kampf gegen die von den USA gestützte Regierung in Südvietnam. Prinz Norodom Sihanouks Armee wirft in der Provinz Batambang einen Bauernaufstand nieder. Oppositionelle schließen sich vermehrt dem Untergrund bzw. den Roten Khmer an. Beginn des bewaffneten Widerstandes der Roten Khmer. Ausweitung der US-Bombardements auf Kambodscha, zunächst insbesondere auf den„Ho-Chi-Minh-Pfad“. Pogrome gegen Vietnamesen in Kambodscha. 18. März: Während einer Reise nach Moskau wird Sihanouk von einer pro-amerikanischen Gruppierung um General Lon Nol abgesetzt. Im chinesischen Exil gründet Prinz Norodom Sihanouk mit seinen ehemaligen Gegnern, den Roten Khmer, die Exilregierung„Königliche Regierung der nationalen Union von Kampuchea“. Es folgt ein fünfjähriger Bürgerkrieg zwischen dem Militärregime Lon Nols und der Exilregierung, die von China und Nordvietnam unterstützt wird. Abschluss der Pariser Friedensgespräche, die das Ende der Präsenz der US-Truppen in Südvietnam bedeuten. Der Kriegsschauplatz Kambodscha wird von den Gesprächen nicht berührt. Die Bombardements auf Kambodscha werden verstärkt. 17. April: Die Roten Khmer nehmen Phnom Penh ein und etablieren die„Angkar-Herrschaft“, unter der in den nächsten drei Jahren mindestens ein Fünftel der Bevölkerung stirbt. Prinz Norodom Sihanouk wird als Staatsoberhaupt eingesetzt. Auch in Laos und Südvietnam übernehmen kommunistische Parteien die Macht. Die Roten Khmer proklamieren das„Demokratische Kampuchea“, Pol Pot wird Premierminister, Khieu Samphan Staatschef. Prinz Norodom Sihanouk tritt von seinem Amt als Staatsoberhaupt zurück und wird unter Hausarrest gestellt. Die zunehmenden politischen Spannungen zwischen Kambodscha, das von China unterstützt wird, und dem pro-sowjetischen Vietnam führen zu Grenzstreitigkeiten mit bewaffneten Auseinandersetzungen. Vermehrt fliehen Rote Khmer vor ihren eigenen Leuten und setzen sich nach Vietnam ab. Januar: Vietnamesische Truppen nehmen zusammen mit pro-vietnamesischen kambodschanischen Milizen Phnom Penh ein. Die Roten Khmer setzen sich in die Grenzregion zu Thailand ab, Prinz Norodom Sihanouk flieht nach Peking. Hanoi installiert die pro-vietnamesische Regierung der„Volksrepublik Kampuchea“ mit dem ehemaligen Roten Khmer Heng Samrin als Staatschef. Februar: China leitet einen„Straffeldzug“ gegen Vietnam ein. Neben militärischer Unterstützung von den USA und China bekommen die Roten Khmer mit ihrer Exilregierung des Demokratischen Kampuchea einen Sitz in den Vereinten Nationen. Vietnam handelt unterdessen mit politischer Rückendeckung der Sowjetunion. Umbildung der Exilregierung zur„Koalition des Demokratischen Kampuchea“, die sich aus den Roten Khmer, der Befreiungsbewegung FUNCINPEC(Front Uni National Pour Un Cambodge Indépendant, Neutre, Pacifique et Coopératif) unter Prinz Norodom Sihanouk und der Nationalen Befreiungsfront von Kambodscha KPNLF(Khmer People National Liberation Front) unter Son Sann(früher Premierminister unter Prinz Norodom Sihanouk) zusammensetzt. Die Exilregierung behält weiterhin den Sitz in den Vereinten Nationen. Kambodscha wird durch ein Entwicklungshilfe-Embargo noch weiter isoliert und gerät tiefer in die Abhängigkeit Vietnams. Das Land wird zu einem der ärmsten Staaten der Welt. Hun Sen, ein pro-vietnamesischer ehemaliger Kommandeur der Roten Khmer, wird Premierminister der Volksrepublik Kampuchea. 2 Zeittafel 1987 1988 1989 1991 1992 1993 1994 1997 1998 1999 2003 2004 Erste Annäherungen zwischen der Hun-Sen-Regierung und Prinz Norodom Sihanouk. Es folgen Verhandlungen zwischen allen vier kambodschanischen Konfliktparteien. Prinz Norodom Sihanouk tritt als Präsident der Exilregierung zurück. April: Der pro-vietnamesische„Staat Kambodscha“ mit Hun Sen an der Spitze wird ausgerufen. September: Abzug der vietnamesischen Truppen aus Kambodscha. 23. Oktober: Abschluss der Pariser Friedensgespräche mit dem„Vertrag zur umfassenden politischen Regelung des KambodschaKonfliktes“. Beteiligt sind 18 Staaten und die vier kambodschanischen Konfliktparteien, darunter die Roten Khmer. Die UNTAC(United Nations Transitional Authority in Cambodia), eine UN Übergangsverwaltung, übernimmt die Regierungsgeschäfte und organisiert freie Wahlen. Bei den ersten freien Wahlen wird eine instabile Koalition zwischen Prinz Norodom Ranariddh, ein Sohn Sihanouks, von der royalistischen Partei FUNCINPEC und Hun Sen von der post-kommunistischen kambodschanischen Volkspartei CPP(Cambodian Peoples Party) gebildet. Prinz Norodom Ranariddh und Hun Sen teilen sich das Amt des Premierministers. Prinz Norodom Sihanouk wird König des wieder eingerichteten„Königreichs Kambodscha“, einer konstitutionellen Monarchie. Erneut gewalttätige Aktionen der verbliebenen Roten Khmer, zahlreiche Zivilisten werden von ihnen verschleppt. Gleichzeitig kommt es zu Konflikten innerhalb der Roten Khmer. Pol Pot wird von den Roten Khmer, jetzt unter der Führung Ta Moks, in einem Schauprozess wegen„Verrats“ zu lebenslangem Hausarrest verurteilt. Erste Schritte zu Verhandlungen mit den Vereinten Nationen über ein internationales Tribunal zur Verurteilung der Roten Khmer. Juli: Blutiger Putsch Hun Sens gegen Prinz Norodom Ranariddh. Hun Sen lässt sich seine neue Machtstellung mit formal demokratischen Wahlen bestätigen. Eine Koalition mit Hun Sen als Premierminister und Prinz Norodom Ranariddh als Parlamentspräsident wird gebildet. April: Pol Pot stirbt in seinem von den eigenen Leuten auferlegten Hausarrest. Dezember: Einigung zwischen der Regierung und den Roten Khmer über die Aufnahme von Khmer-Rouge-Kämpfern in die Nationalarmee bei gleichzeitiger Amnestierung. Auch Führungskader der Roten Khmer werden begnadigt und behalten bis in die Gegenwart politischen Einfluss. 30. April: Kambodscha wird in die ASEAN(Association of South East Asian Nations) aufgenommen. Die CPP geht als eindeutige Siegerin aus den Wahlen hervor, verfehlt jedoch die Zweidrittelmehrheit und ist damit auf einen Koalitionspartner angewiesen. Die beiden anderen großen Parteien, die FUNCINPEC und die Sam-Rainsy-Partei, erkennen die Wahlen nicht an und bilden den Oppositionsblock„Democratic Alliance“. Die Verhandlungen zur Bildung einer Regierung ziehen sich hin. 22. Januar: Der Gewerkschaftsführer Chea Vichea wird auf offener Straße ermordet, einer von vier politischen Morden in der Zeit zwischen den Wahlen und der Regierungsbildung. Juni: Nach fast einem Jahr innenpolitischer Blockade bilden CPP und FUNCINPEC erneut eine Koalitionsregierung mit Hun Sen als Premierminister. 4. Oktober: Die Nationalversammlung in Phnom Penh billigt nach fünfjährigen Verhandlungen einstimmig die Einrichtung eines „Sonder-Tribunals“, vor dem sich die ehemaligen Führungskader der Roten Khmer verantworten sollen. 7. Oktober: König Sihanouk dankt im Alter von 81 Jahren ab. Die Ernennung seines Sohnes Prinz Norodom Sihamoni zum Nachfolger wird vom Thronrat gebilligt. 13. Oktober: Kambodscha wird in die WTO aufgenommen. 29. Oktober: Krönung von Prinz Norodom Sihamoni zum König von Kambodscha. Karte: Dr. Axel Wendelberger 3 Angkor Foto: Everette Dixie Reese(1955 in Vietnam bei einem Flugzeugabsturz umgekommen), Indochina Photo Requiem, 1952/1954 Foto links: Paul Pasch; Foto oben: Horst Faas/AP, 1967 4 Das Reich der Khmer und Angkor Wat Angkor Wat – die drei Haupttürme dieser einzigartigen Tempelanlage, bis heute Wahrzeichen Kambodschas, schmücken die Nationalflagge des modernen Königreichs. Das monumentale Bauwerk entsteht zu Beginn des 12. Jahrhunderts unter König Suryavarman II. in der kulturellen Blütezeit des Khmer-Reiches, die gleichzeitig die Periode seiner größten politischen, militärischen und territorialen Macht in der Region ist. Der Verfall des Khmer-Reiches ab dem 13. Jahrhundert wird eingeleitet durch einen wirtschaftlichen Niedergang und Spannungen zwischen der herrschenden Aristokratie und der großen Masse der Bauern, die zum Frondienst gezwungen sind. Die Khmer geben Angkor 1431 auf und verlegen die Hauptstadt in die Nähe des heutigen Phnom Penh. Die genauen Gründe sind unbekannt, Vermutungen sind z.B. der Zusammenbruch des Bewässerungssystems und die stärker werdenden Versorgungs- und Behauptungsprobleme durch die Kriege mit den angrenzenden Reichen. Bedrängt, sowohl von den Thai aus dem Westen wie von der Volksgruppe der Cham aus dem Osten, verlieren die Khmer die größten Teile ihrer Gebiete. Vom 17. bis 19. Jahrhundert streiten Thai und Vietnamesen um die Vorherrschaft in Kambodscha – Ausgangspunkt für die in der kambodschanischen Bevölkerung bis heute existierenden Ressentiments gegen beide Nachbarn. Angkor Wat und die dazugehörige Stadt Angkor Tom werden vom Dschungel überwuchert und erst um 1860 von französischen Archäologen„wiederentdeckt“. Seit dem werden große Anstrengungen unternommen, die Tempelanlage mit ihren einmaligen Reliefs der Nachwelt zu erhalten. Angkor ist seit 1992 Weltkulturerbe der UNESCO. Heute ist die Anlage der größte Anziehungspunkt für die ins Land kommenden Touristen. In Kambodscha, das auf eine Geschichte als beeindruckende Hochkultur zurückblicken kann, gewinnt gegenwärtig die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem dunklen Kapitel der Roten Khmer zunehmend an Bedeutung – eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Aussöhnung. Foto: Horst Faas/AP, 1967 5 Damals und heute Relief in Angkor. Foto: Horst Faas/AP Kambodschanische Truppen im Bürgerkrieg mit den Roten Khmer, 1974. Foto: AP Relief in Angkor. Foto: Horst Faas/AP Kambodschanische Truppen unter französischem Kommando, 50er Jahre. Foto: AP 6 19 Ka 5 mb 3 od s 1 cha 9 se 7 it d 0 er Unabhängigkeit 1953 bis zum Beginn des Bürgerkrieges 1970 Kambodscha, seit Mitte des 19. Jahrhunderts französisches Protektorat, erhält 1949 den Status eines„assoziierten Staates“ innerhalb der Französischen Union. Nach der Thronbesteigung beginnt König Norodom Sihanouk seinen„Kreuzzug für die Unabhängigkeit“. Nach diversen Schritten(Polizei- und Gerichtshoheit, Militärhoheit) bekommt das Land am 9. November 1953 seine volle Souveränität. Ausschlaggebend dafür ist die zunehmende militärische Schwäche Frankreichs, dessen Krieg gegen das kommunistische Nordvietnam(1. Indochinakrieg) 1954 in der Schlacht bei Dien Bien Phu mit einer verheerenden Niederlage endet. König Norodom Sihanouk versucht Kambodscha innenpolitisch zu stabilisieren und außenpolitisch sein Konzept der„aktiven positiven Neutralität“ zu realisieren. Um mehr Handlungsspielraum zu gewinnen, verzichtet er 1955 zugunsten seines Vaters, König Norodom III. Suramarit, auf den Thron und übernimmt das Amt des Regierungschefs. Die Mitgliedschaft in dem antikommunistischen Bündnispakt SEATO(South East Asian Trade Organisation) lehnt er strikt ab, akzeptiert aber nach 1954 umfangreiche Militärhilfe von den USA und Wirtschaftshilfe von den kommunistischen Staaten. Allerdings muss er diese Politik wegen seiner innenpolitischen Annäherung an die kambodschanische Linke revidieren. Er sucht Rückendeckung bei der Volksrepublik China, zu der seit 1958 diplomatische Beziehungen bestehen. 1963 kündigt Prinz Norodom Sihanouk aus Protest gegen kambodschafeindliche CIAAktivitäten die US-Militärhilfe und bricht 1965 die Beziehungen zur amerikanischen Regierung ganz ab. 1966 schließt er ein Geheimabkommen mit Nordvietnam, das Hanoi gestattet, Truppen in Kambodscha zu stationieren und Waffen über den Hafen Sihanoukville zu verschiffen. Nach den Wahlen zur Nationalversammlung 1966 wird General Lon Nol, Oberbefehlshaber der kambodschanischen Armee, Ministerpräsident. Ursprünglich einer der engsten Berater Sihanouks lehnt er dessen Bruch mit den USA ab und betrachtet seine „Beschwichtigungspolitik“ gegenüber Hanoi und Peking als„nationalen Verrat“. Für Prinz Norodom Sihanouk wird die innenpolitische Situation zunehmend prekärer. 1970 wird er während einer Auslandsreise nach Frankreich und Moskau durch einen amerikanisch gestützten Putsch von Lon Nol abgesetzt. Er reist weiter nach Peking und erhält dort politisches Asyl. 7 19 Sc 5 hla 4 cht bei Dien Bien Phu, Vietnam Fotos: Everette Dixie Reese, Indochina Photo Requiem 8 1967 Der Fotograf Horst Faas im November 1967 auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad. In einer Fotoreportage konnte er nachweisen, dass sich auf kambodschanischem Territorium Rückzugsgebiete der Nordvietnamesen befanden. Foto: AP 9 1970 Amerikanische und südvietnamesische Truppen auf kambodschanischem Boden. Fotos: AP 10 1970 Antivietnamesische Pogrome Die vietnamfeindliche Stimmung wurde von der Regierung Lon Nol im April 1970 künstlich erzeugt, um die aufgebrachten Massen von der Entmachtung Sihanouks abzulenken. Dabei konnten die in der kambodschanischen Bevölkerung seit Jahrhunderten tief verwurzelten antivietnamesischen Ressentiments instrumentalisiert werden. Fotos: AP 11 1970 Amerikanische Panzer zur Unterstützung kambodschanischer Regierungstruppen. Antivietnamesische Ausschreitungen in Phnom Penh. Prinz Sihanouk in Paris. General Lon Nol, das neue Staatsoberhaupt. Fotos: AP 12 19 Bü 7 rg 0 erk ri 1 eg 9 in 7 Kam 5 bodscha Nach dem Putsch gegen Prinz Norodom Sihanouk wird Lon Nol Staatsoberhaupt und fordert ultimativ den sofortigen Rückzug aller nordvietnamesischen Streitkräfte aus Kambodscha. Derweil gründet Prinz Norodom Sihanouk in Peking gemeinsam mit den Roten Khmer eine Exilregierung. Lon Nols Regime gerät in die Defensive. Die zunehmend besser organisierten Einheiten der Roten Khmer – verstärkt durch nordvietnamesische Truppen – fügen seiner Armee trotz massiver US-Hilfe immer größere Verluste zu. An den Gesprächen für ein Friedensabkommen, das schließlich 1973 in Paris zustande kommt und den Abzug aller fremden Truppen aus Kambodscha vorsieht, weigern sich die Roten Khmer teilzunehmen. Unmittelbar danach verschärfen die USA ihren Bombenkrieg auf Kambodscha. Entgegen dem eigentlichen Zweck, die Rückzugsgebiete und die Nachschubwege der Nordvietnamesen entlang des Ho-Chi-Minh-Pfades zu zerstören, treffen die Angriffe überwiegend dichtbesiedelte Gebiete. Zehntausende flüchten, schätzungsweise 200.000 Menschen kommen ums Leben. Als Folge dieser Zerstörungen bekommen die Roten Khmer großen Zulauf. Das stützt die These, dass sie ohne die verhängnisvolle Politik von US-Präsident Richard Nixon und seines Sicherheitsberaters Henry Kissinger niemals stark genug geworden wären, um die Herrschaft in Kambodscha an sich zu reißen. Als der amerikanische Kongress im August 1973 den Bombenkrieg in Kambodscha beendet, kontrollieren die Roten Khmer bereits weite Teile des Landes. Sie ziehen einen Belagerungsring rund um die Hauptstadt Phnom Penh, deren Einwohnerzahl durch Flüchtlinge von 600.000 auf rund 2 Millionen angewachsen ist. Nach einer Offensive am 1. Januar 1975 ist die Stadt eingekreist. Am 1. April setzt sich Lon Nol ins Ausland ab. Am 13. April wird die amerikanische Botschaft evakuiert. Am 17. April 1975 marschieren die Roten Khmer in Phnom Penh ein. 13 19 Fl 7 uch 0 t -1975 Fotos: AP Phnom Penh 1975. Foto von Sou Vichith, Indochina Photo Requiem Wie etwa 200 seiner Landsleute suchte der kambodschanische Fotograf Sou Vichith nach dem Fall Phnom Penhs am 17. April 1975 Zuflucht in der französischen Botschaft. Die Roten Khmer umstellten das Gebäude und erzwangen, dass die Kambodschaner das Botschaftsgelände verlassen mussten, was für die meisten das sichere Todesurteil bedeutete. Auch Sou Vichith wurde einer Zeugenaussage zufolge bereits kurz darauf ermordet. Nur 20 bis 30 Kambodschanern gelang mit Hilfe westlicher Journalisten, deren ehemalige Mitarbeiter sie waren, später die Flucht. Getarnt als Thailänder, erreichten sie gemeinsam mit den Journalisten in einem LKW-Konvoi das sichere Thailand. 14 19 Ki 7 nd 0 er -1975 Fotos: AP 15 19 Kr 7 ieg 0 sbe r 1 ich 9 ter 7 sta 5 tter Christoph Maria Fröhder berichtet am 13. April 1975 für die Tagesschau über die Evakuierung der amerikanischen Botschaft in Phnom Penh. Das Filmmaterial konnte nur mit Hilfe von Flüchtlingen außer Landes gebracht werden. Es dauerte eine Woche, bis es die Redaktion in Hamburg erreichte und gesendet wurde. In der Zwischenzeit war Phnom Penh gefallen. Foto: privat Kurt Volkert, heute Leiter des Ateliers Meerkatze, im Juni 1970 als Kameramann für CBS in Kambodscha. Foto: privat 16 19 Bü 7 rg 0 erk ri 1 eg 975 Fotos: AP 17 19 Ve 7 rro 0 hu n 1 g 975 Mitglieder einer Sondereinheit der kambodschanischen Armee. Von kambodschanischen Soldaten ermordete Vietcong oder Rote Khmer. Fotos: AP 18 19 O 7 pfe 4 r – Täter – Opfer Gefangene Rote Khmer vor ihrer Exekution durch kambodschanische Regierungssoldaten. Die Frauen wurden vor ihrer Hinrichtung vergewaltigt. Foto: AP 19 19 Po 7 l P 5 ot u n 1 d 9 die 7 He 9 rrschaft der Roten Khmer Zur Gründung einer von Hanoi unabhängigen Kommunistischen Partei kommt es erst 1960. Zu ihrem Kern zählen junge Kambodschaner der„Vereinigung der KhmerStudenten in Frankreich“, die 1949 zur Ausbildung nach Paris kamen. Unter ihnen der 1925 geborene Saloth Sar, besser bekannt unter seinem späteren„nom de guerre“ Pol Pot. Zu seinem„marxistischen Zirkel“ gehören unter anderem Ieng Sary, Nuon Chea und Khieu Samphan, die zwischen 1960 und 1963 an die Spitze der„Kommunistischen Partei Kambodschas“(KPK) aufrücken. Pol Pot selbst wird Chef der KPK. Bis in die späten 60er Jahre operiert die Partei ohne größere politische oder militärische Erfolge überwiegend im Untergrund. In dieser Zeit entwickelt Pol Pot seine Ideologie vom radikalen Umbau der kambodschanischen Gesellschaft. Seine Bibel ist Maos Rotes Büchlein.„In einem einzigartigen, wundervollen und großartigen Sprung“ will er den„wahren, reinen Kommunismus“ einführen – ohne Rücksicht auf Verluste: Einen Kommunismus, dessen treibende Kraft die Ärmsten des Landes, die Bauern, sein sollen. Die Bombardierung Kambodschas durch die Amerikaner seit 1969 spielt ihm und den Roten Khmer in die Hände: Sie bekommen Zulauf und radikalisieren sich. Unmittelbar nachdem die Roten Khmer den 5-jährigen Bürgerkrieg gegen die Truppen Lon Nols gewonnen haben und am 17. April 1975 in Phnom Penh einmarschieren, setzen sie ihr ideologisches Konzept um. Sie stellen Prinz Norodom Sihanouk 1976 in seinem Palast unter Hausarrest und unterwerfen das Land einem rigiden gesellschaftlichen Umformungsprozess, der die Schaffung primitiver agrarkommunistischer Verhältnisse zum Ziel hat. Unter diesem so genannten Steinzeitkommunismus wird die städtische Bevölkerung systematisch aufs Land umgesiedelt und zwangsweise in Kollektiven zusammengefasst, wo man sie wie Arbeitssklaven einsetzt. Der Plan ist brutal und uneffektiv: Er soll die landwirtschaftliche Produktion innerhalb eines Jahres verdreifachen, ohne Düngemittel, ohne moderne Maschinen. Er bewirkt statt einer Verbesserung der Lebensverhältnisse nur neue Armut und Korruption. Die Roten Khmer schaffen das Geld ab, die Märkte und Gerichte, das Postsystem und die internationale Telekommunikation, Schulen, Zeitungen, kulturelle und religiöse Einrichtungen. Jede Form von Individualität ist suspekt. Vor allem Angehörige von Armee und Polizei, Beamte, Intellektuelle und der buddhistische Klerus werden verfolgt und umgebracht. Misstrauisch gegenüber möglichen Abweichlern in den eigenen Reihen, befiehlt Pol Pot auch immer wieder Säuberungsaktionen innerhalb der Partei. Schuldig hat sich Pol Pot, der 1998 starb, nie gefühlt:„Wir mussten laufen lernen wie Babies. Mein Gewissen ist rein.“ 20 19 Ph 7 no 5 m Penh fällt Evakuierung der amerikanischen Botschaft am 13. April 1975. Fotos: AP Truppen der Roten Khmer in Phnom Penh. Fotos: DC-Cam 21 17. April 1975 Oben: Ein Roter Khmer geht gegen Plünderer vor. Einmarsch der Roten Khmer am 17. April 1975. Fotos aus einem Film von Christoph Maria Fröhder 22 19 Ve 7 rtr 5 eibung Unmittelbar nach Einnahme der Hauptstadt durch die Roten Khmer begann die Vertreibung der rund zwei Millionen Einwohner. Geld wurde abgeschafft, Schulen und Krankenhäuser geschlossen, der Buddhismus verfehmt, Pagoden zerstört, Post und Telefondienst eingestellt. Phnom Penh – eine Geisterstadt. Fotos: DC-Cam 23 19 St 7 raß 5 e nach Angkor Foto von Taizo Ichinose, Indochina Photo Requiem, undatiert Der Fotograf kehrte von einer Fahrt nach Angkor nicht zurück. 24 19 D 7 ie A 5 ng k 1 ar9 He 7 rrsc 9 haft Arbeitslager der Roten Khmer. Propagandafotos der Roten Khmer. Fotos: DC-Cam 25 19 Tu 7 ol 5 Sle n 1 g 979 Aus der ehemaligen Schule Tuol Sleng im Süden Phnom Penhs machen die Roten Khmer im Mai 1976 ihr wohl berüchtigstes und brutalstes Gefängnis: S-21. Unter diesem Namen –„Sicherheitsbüro 21“ – fungiert es unter strengster Geheimhaltung als Verhörund Folterzentrum speziell für alle, von denen das Regime glaubt, sie seien Verräter oder Abweichler. Hierher werden alle gebracht, die verdächtig sind, gegen die Linie von„Angkar“ – wie die Roten Khmer ihre Partei intern nennen – zu verstoßen: Arbeiter, Bauern, Ingenieure, Techniker, Intellektuelle, Lehrer, Professoren, Studenten, sogar Minister und Diplomaten. Ganze Familien werden gleichsam in Sippenhaft genommen, einschließlich neugeborener Kinder. Die Roten Khmer gehen mit ungeheurer Akribie und Grausamkeit zu Werk: Alle Häftlinge werden einzeln fotografiert und detaillierte Lebensläufe angefertigt. Mit Eisenketten gefesselt, hocken sie Tag und Nacht auf dem nackten Betonboden. Die hygienischen Verhältnisse sind unvorstellbar. Viele Gefangene erkranken; medizinische Versorgung gibt es nicht. In jeder Zelle hängt eine Tafel mit strengen Vorschriften zum Verhalten während der Verhöre. Wer diese Regeln nicht befolgt, wird mit Schlägen oder Elektroschocks bestraft. Es geht nicht um Schuld oder Unschuld, sondern um brutale Folter zur Erpressung von Geständnissen angeblicher Taten. Auch wer sich selbst bezichtigt und„Fehler“ bereut, entgeht nicht der Bestrafung. Nach einer Tortur von durchschnittlich zwei bis vier Monaten werden die Gefangenen schließlich auf die sogenannten Killing Fields getrieben und – um Munition zu sparen – erschlagen und in Massengräbern verscharrt. Viele der Gefängniswärter und Folterknechte sind Jugendliche, oft sogar 10-15-jährige Kinder, die die Roten Khmer ausgesucht und„geschult“ haben. Ihnen wird besondere Brutalität gegenüber den Häftlingen nachgesagt. Leiter des Verhör- und Folterzentrums ist„Duch“ alias Kang Kek Ieu. Unter seinem Kommando sind in Tuol Sleng mindesten 14.000 Menschen gefoltert und in den Tod geschickt worden. Nach dem Einmarsch der Vietnamesen in Phnom Penh 1979 taucht er unter und konvertiert zum Christentum. Inzwischen ist er verhaftet. Seit 1980 wird in dem Gebäude des früheren Gefängnisses die Geschichte des Massenmords dokumentiert. Heute ist das Tuol Sleng Genozid Museum ein Partner des Documentation Center of Cambodia. 26 19 Tu 7 ol 5 Sle n 1 g – 9 Hä 7 ftl 9 inge Foto: DC-Cam 27 19 Tu 7 ol 5 Sle n 1 g 979 Ein Häftling nach seinem Selbstmord (mit handschriftlichen Erläuterungen des Geschehens). Außenansicht des Gebäudes, heute Tuol Sleng Genocide Museum. Fotos: DC-Cam 28 19 Tu 7 ol 5 Sle n 1 g 979 Die sieben einzigen überlebenden Häftlinge von Tuol Sleng(S-21). Vierter von links: der Maler Vann Nath. Tuol-Sleng-Aufseher mit Familienangehörigen 4. von rechts: Kommandeur„Duch“ „Duch“, der Kommandeur von Tuol Sleng (links) mit seinem Assistenten„Sok“. Wachmannschaft in S-21. Zeichnung von Vann Nath. Der Maler Vann Nath heute. Fotos: DC-Cam 29 19 Ki 7 llin 5 g F ie 1 lds 979 er Foto: DC-Cam 30 Zeugnisse des Schreckensregimes der Roten Khmer Foto: AP Cheung Ek Killing Field: das Massengrab der meisten Häftlinge von Tuol Sleng. Foto: DC-Cam Cheung-Ek-Gedenkstätte. Foto: Youk Chhang Cheung-Ek- Gedenkstätte. Foto: AP Zellenwand in Tuol Sleng. Foto: Horst Faas/AP Folterwerkzeuge, ausgestellt im Toul Sleng Genocide Museum. Foto: DC-Cam 31 19 Un 7 ter 9 vie t 1 na 9 me 8 sisc 9 her Besatzung Der Einmarsch der vietnamesischen Truppen, die am 7. Januar 1979 Phnom Penh erobern, beendet einen Alptraum. Aber Kambodscha ist weit entfernt von stabilen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen. Die Lage im Land ist katastrophal. Eine Hungersnot bricht aus, 300.000 Menschen flüchten und leben in Lagern an der kambodschanisch-thailändischen Grenze. Erneut beginnt ein Tauziehen um die Macht. Bereits 1978 ist mit Unterstützung der Vietnamesen eine„Einheitsfront für die nationale Rettung Kambodschas“ gegründet worden. Deren Führer, Heng Samrin, wird 1979 Staatschef und ruft die„Volksrepublik Kampuchea“ aus. Die neue Regierung wird jedoch nur von den Ostblockstaaten und einigen weiteren Ländern anerkannt. Die Roten Khmer erhalten mit ihrer Exilregierung dagegen 1979 einen Sitz in den Vereinten Nationen. Diesen behalten sie auch 1982 nach der Umbildung zu der von ihnen dominierten Koalitionsregierung mit Prinz Norodom Sihanouks Royalisten und anderen nationalistischen Widerstandsgruppen. Eine absurde politische Situation: Massenmörder, die sich in den Dschungel zurückziehen und als Guerillatruppe mit etwa 20.000 Mann weiterkämpfen, werden„salonfähig“ und erhalten militärische Unterstützung durch die USA und China. Beide Staaten befürchten, dass Vietnam seine Vormachtstellung in Südostasien ausbauen könnte. Gegen die wachsende Guerillatätigkeit unternehmen die Vietnamesen zwischen 1983 und 1985 gemeinsam mit der kambodschanischen Armee, die zu einer Stärke von 50.000 Mann aufgerüstet worden ist, mehrere Großoffensiven. Sie vertreiben die Roten Khmer bis nach Thailand. Leidtragende des neuen Bürgerkriegs ist wieder die Bevölkerung. Zudem wird 1983 ein Entwicklungshilfe-Embargo über Vietnam und Kambodscha verhängt, das eigentlich die Vietnamesen für ihre Präsenz in Kambodscha bestrafen soll. Es trifft aber die ohnehin geschundenen Menschen. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO sind 53% aller Kinder unter 12 Jahren unterernährt, in einigen Provinzen sogar etwa 80%. Flüchtlingskind der Roten Khmer. Foto: AP 32 19 Be 7 fre 9 iung Bilddokumente, das vietnamesische Soldaten beim Einmarsch in Phnom Penh im Januar 1979 zeigt. Kambodschanische Milizen der „Einheitsfront für die Nationale Rettung Kambodschas“ erobern unter vietnamesischem Kommando Phnom Penh. Fotos: DC-Cam 33 19 Ze 7 rst 9 örungen und Rückkehr Während der Angkar-Herrschaft zerstörte Pagoden. Fotos: DC-Cam Phnom Penh 1979. Fotos: DC-Cam Vietnamesische Soldaten versorgen kambodschanische Kinder. Foto: AP Rückkehrer. Foto: AP 34 ab Frie 1 den 9 sb 8 em 9 ühungen Bewegung in die verhärteten Fronten kommt mit Beginn der Tauwetterperiode in der Sowjetunion. Gorbatschows Signale zur Annäherung an den Westen und zur Beendigung des Kalten Krieges beschleunigen den Rückzug der vietnamesischen Truppen aus Kambodscha. Auch auf internationalen Druck setzt sich Prinz Norodom Sihanouk an einen Tisch mit dem seit 1985 amtierenden Ministerpräsidenten der pro-vietnamesischen„Volksrepublik Kampuchea“, Hun Sen, der bis heute Regierungschef ist. 1989 wird aus der„Volksrepublik Kampuchea“ der„Staat von Kambodscha“ – auch um die wachsende ideologische und politische Unabhängigkeit gegenüber Vietnam zu demonstrieren. Nach Beginn der internationalen Friedenskonferenz 1989 in Paris – auf der die Beteiligung der Roten Khmer an einer künftigen kambodschanischen Regierung strittig bleibt – ziehen die Truppen Vietnams im September desselben Jahres aus Kambodscha ab. 1990 unterbreiten die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates einen Friedensplan für Kambodscha. Kernpunkte sind die Bildung eines Obersten Nationalrates durch die kambodschanischen Konfliktparteien, eine Übergangsverwaltung durch die Vereinten Nationen und von ihr organisierte freie Wahlen sowie die UN-Überwachung eines Waffenstillstandes und die Entwaffnung der Bürgerkriegsparteien. Begünstigt durch einen Kurswechsel der USA, die ihre Waffenlieferungen an die Roten Khmer stoppen, unterzeichnen die Parteien im Oktober 1991 in Paris einen„Vertrag zur umfassenden politischen Regelung des Kambodscha-Konflikts“. Im November 1991 kehrt Prinz Norodom Sihanouk nach 12-jähriger Abwesenheit nach Kambodscha zurück und wird erneut als Staatsoberhaupt eingesetzt, beschränkt allerdings auf repräsentative Aufgaben. Wieder steht damit jener Mann an der Spitze des Landes, der für viele Kambodschaner – vor allem für die königstreuen Bauern – eine nationale Identifikationsfigur geblieben ist. Abschluss des Pariser Friedensvertrages. In der Bildmitte: der französische Staatspräsident François Mitterrand. Foto: AFP 35 19 Ab 8 zu 9 g der Vietnamesen Fotos: AP 36 ab Auf 1 bru 9 ch 9 – d 1 er Weg zur Demokratie Eine UN-Mission bereitet die ersten freien Wahlen für eine Nationalversammlung in Kambodscha vor. Ergebnis dieser Wahlen im Jahr 1993 ist eine instabile Koalitionsregierung aus Kommunisten, die sich in Kambodschanische Volkspartei(CPP) umbenannt haben, und Royalisten(FUNCINPEC). Prinz Norodom Ranariddh, ein Sohn Norodom Sihanouks, und Hun Sen teilen sich als„erster“ und„zweiter“ Ministerpräsident die Macht. Kambodscha wird eine konstitutionelle Monarchie(„Königreich Kambodscha“) mit Norodom Sihanouk als König. Der Buddhismus wird als Staatsreligion wieder zugelassen. Um die alleinige Macht an sich zu reißen, putscht Hun Sen 1997 gegen Prinz Norodom Ranariddh. Aus den ersten von Kambodscha selbst organisierten freien Wahlen – die die internationale Gemeinschaft als unfair bewertet – geht er 1998 als Sieger hervor. Trotz fortdauernder Intrigen, politischer Repressalien, Korruption und Gewalttätigkeit beginnt die innen- und außenpolitische Situation sich zu stabilisieren. Die letzten Roten Khmer, die seit 1994 schrittweise ihre Waffen abgegeben haben, gehen gegen Zusicherung einer Amnestie ins Regierungslager über. Einige ihrer Führer behalten bis heute politischen Einfluss. Außenpolitisch nimmt Kambodscha wieder seinen Sitz in der UN-Vollversammlung ein und kann seine internationale Isolation mit der Aufnahme in den ASEAN-Staatenbund und in die Welthandelsorganisation WTO endgültig beenden. Aus den Parlamentswahlen vom Juli 2003 geht die Kambodschanische Volkspartei als Siegerin hervor. Allerdings verfehlt sie die Zweidrittel-Mehrheit und benötigt daher einen Koalitionspartner. Nach fast einjähriger innenpolitischer Blockade kommt im Juni 2004 wieder eine Koalitionsregierung zwischen CPP und FUNCINPEC unter Ministerpräsident Hun Sen zustande. König Norodom Sihanouk dankt Anfang Oktober 2004 ab. Die Ernennung seines Sohnes Prinz Norodom Sihamoni zum Nachfolger wird vom Thronrat gebilligt. Der 51-Jährige hat bis dahin die meiste Zeit seines Lebens im Ausland verbracht, als Ballett-Tänzer, Choreograph und UNESCO-Botschafter. Er entstammt König Sihanouks Verbindung mit seiner sechsten und heutigen Frau Monique. Im Oktober 2004 stimmt die Nationalversammlung dem Abkommen mit den Vereinten Nationen zur Errichtung eines Sonder-Tribunals zu, vor dem sich die Führungskader der Roten Khmer verantworten sollen. Nach den Wirren und der Brutalität des Bürgerkrieges ist Kambodscha seit Beginn des Demokratisierungsprozesses einen weiten Weg gegangen. Die Parlamentswahlen von 1998, die Kommunalwahlen von 2000 und die Parlamentswahlen von 2003 mit der darauffolgenden schwierigen Regierungsbildung sowie die Einrichtung des Khmer-Rouge-Tribunals haben verdeutlicht, dass die politischen Kräfte des Landes mittlerweile in der Lage sind, potenzielle Konflikte friedlich und möglichst im Konsens beizulegen. 37 ab Auf 1 bru 9 ch 9 – d 1 er Weg zur Demokratie Der Chef der UN-Mission in Kambodscha, Yasushi Akashi(links), und Prinz Norodom Sihanouk(3. von rechts) 1992 in Phnon Penh. Foto: AP Buddhistische Mönche mit den Ko-Premierministern Hun Sen und Prinz Norodom Ranariddh im Jahre 1995. Foto: Sinith Heng 38 19 Rü 9 ck 7 schläge – Staatsstreich Wieder Gewalt: Blutiger Putsch Hun Sens gegen seinen Ko-Premierminister Prinz Norodom Ranariddh. Fotos: AP 39 Biografien „Duch“(eigentlich Kang Kek Ieu): 1942 geboren; Lehrer; Leiter des Verhör- und Foltergefängnisses S-21(Tuol Sleng) zur Zeit des Regimes der Roten Khmer; 1995 zum Christentum konvertiert; seit 1999 inhaftiert. Ieng Sary: 1930 geboren; Studium in Paris; Lehrer; ging 1963 in den Untergrund; Mitglied des Zentralkomitees der Roten Khmer; stellvertretender Ministerpräsident mit dem Zuständigkeitsbereich auswärtige Angelegenheiten zur Zeit des Regimes der Roten Khmer; setzte sich 1996 mit 1.500 Kämpfern von Pol Pot ab; Amnestie im September 1996; lebt mit seiner Familie heute in Pailin, der früheren Hochburg der Roten Khmer. Khieu Samphan: 1931 geboren; Studium in Paris; bis 1967 Minister unter Sihanouk; ging 1967 in den Untergrund; 1976 bis 1978 Mitglied des Zentralkomitees und Staatsoberhaupt Kambodschas zur Zeit des Regimes der Roten Khmer; Vizepräsident und Außenminister der Exilregierung„Koalition des Demokratischen Kampuchea“; hauptsächlich repräsentative Funktionen; 1989-1991 vertrat er die Roten Khmer bei den Pariser Friedensgesprächen; Amnestie im Dezember 1998; lebt mit seiner Familie heute in Pailin, der früheren Hochburg der Roten Khmer; bestreitet jede Schuld. Nuon Chea: 1925 geboren; in den 60er Jahren zu Pol Pot gestoßen; Mitglied des Zentralkomitees der Roten Khmer; lebt mit seiner Familie heute in Pailin, der früheren Hochburg der Roten Khmer; sagte sich 1989 von den Roten Khmer los; Amnestie im Dezember 1998; lebt mit seiner Familie heute in Pailin, der früheren Hochburg der Roten Khmer; bestreitet jede Schuld. „Pol Pot“(eigentlich Saloth Sar): 1925 geboren; auch bekannt als„Bruder Nummer 1“; Studium in Paris; ging 1963 in den Untergrund; ab 1963 Generalsekretär der Roten Khmer; Premierminister Kambodschas zur Zeit des Regimes der Roten Khmer; von 1975 bis 1985 Oberbefehlshaber der Armee der Roten Khmer; seit 1997 nach einem Schauprozess auf Betreiben Ta Moks unter Hausarrest; im April 1998 gestorben. Son Sen: 1930 geboren; Studium in Paris; seit 1954 Vertrauter Pol Pots; ging 1964 in den Untergrund; 1975 bis 1979 Verteidigungsminister und stellvertretender Premierminister Kambodschas zur Zeit des Regimes der Roten Khmer; löste 1985 Pol Pot als Vorsitzender der nationalen Armee der Roten Khmer ab; 1997 gemeinsam mit seiner ganzen Familie wegen des Verdachts der Zusammenarbeit mit der Regierung von Pol Pot ermordet. „Ta Mok“(eigentlich Ung Choeun): 1926 geboren; auch bekannt als„der Schlächter“; Mitglied des Zentralkomitees und Kommandeur der Südwestzone unter den Roten Khmer; nach 1975 zählte er zum engsten Kreis Pol Pots; nach 1979 stellvertretender Vorsitzender der nationalen Armee der Roten Khmer; gewann in den 90er Jahren mehr und mehr an Macht innerhalb der Roten Khmer; ließ Pol Pot, der ihn zuvor versucht hatte zu ermorden, 1997 in einem Schauprozess verurteilen; seit 1999 inhaftiert. Fotos: DC-Cam 40 Biografien Heng Samrin: 1934 geboren; stellvertretender Kommandeur der Roten Khmer; floh 1978 nach Vietnam; Vorsitzender der 1978 gegründeten provietnamesischen„Einheitsfront für die Nationale Rettung Kambodschas“ (UNFSK); 1979-1991 Präsident der von Vietnam gestützten„Volksrepublik Kampuchea“; heute Vorsitzender der„Kambodschanischen Volkspartei“ (CPP). Hun Sen: 1951(oder 1952) geboren; Kommandeur unter den Roten Khmer; floh 1977 nach Vietnam; Mitglied des Zentralkomitees der 1978 gegründeten pro-vietnamesischen„Einheitsfront für die Nationale Rettung Kambodschas“(UNFSK); 1985-1991 Premierminister der„Volksrepublik Kampuchea“ bzw. des„Staates Kambodscha“; 1993-1997 zweiter Ko-Premierminister und seit 1998 Premierminister des„Königreichs Kambodscha“. Son Sann: 1911 geboren; Studium in Frankreich; Premierminister unter Sihanouk; später Präsident der Nationalen Befreiungsfront von Kambodscha(KPNFL); Premierminister der Exilregierung„Koalition des demokratischen Kampuchea“(CGDK); 2000 gestorben. Undatiertes Foto: DC-Cam General Lon Nol: 1913 geboren; Verteidigungsminister und Armeechef, danach Premierminister unter der Regierung Sihanouk; putschte 1970 mit amerikanischer Hilfe gegen Sihanouk; 1970-1975 Oberbefehlshaber und Staatsoberhaupt der„Kambodschanischen Republik“; floh 1975 nach Hawaii, wo er 1985 starb. Prinz Norodom Ranariddh: 1944 geboren; Sohn König Sihanouks; 19931997 erster Ko-Premierminister des„Königreichs Kambodscha“; seit 1998 Präsident der Nationalversammlung Kambodschas, Vorsitzender der royalistischen Partei FUNCINPEC. König Norodom Sihanouk: 1922 geboren; 1941-1955 König von Kambodscha; 1955 Abdankung zu Gunsten seines Vaters und Gründung einer Partei mit sozialistischem Programm; 1960-1970 Staatsoberhaupt; 1970 durch einen Putsch Lon Nols abgesetzt; 1970-1975 Präsident der Königlichen Exilregierung„Nationalen Union von Kampuchea“(GRUNC); kehrte 1975 mit den Roten Khmer als Staatsoberhaupt nach Phnom Penh zurück; 1976 Rücktritt und bis 1979 unter Hausarrest; 1982-1987 Präsident der Exilregierung„Koalition des demokratischen Kampucheas“(CGDK); 1991-1993 Staatsoberhaupt; 1993 Krönung zum König von Kambodscha; 7. Oktober 2004 Abdankung aus gesundheitlichen Gründen. König Norodom Sihamoni: 1953 geboren; Sohn König Norodom Sihanouks; 29. Oktober 2004 Krönung zum König von Kambodscha; zuvor Botschafter Kambodschas bei der UNESCO in Paris. Foto: AP Prinz Norodom Sirivudh: 1951 geboren; Halbbruder König Norodom Sihanouks; seit 1994 Vorsitzender des„Cambodian Institute for Cooperation and Peace“(CICP); seit 2001 wieder Generalsekretär der FUNCINPEC; seit 2004 stellvertretender Premierminister und Ko-Innenminister des „Königreichs Kambodscha“. Foto: privat 41 König Norodom II. Sihanouk Norodom Sihanouk im Jahr 2000. Foto: Sinith Heng Als der 82-jährige König Norodom Sihanouk im Oktober 2004 zurücktritt und den Thron freimacht für seinen Sohn Prinz Norodom Sihamoni, verlässt eine der schillerndsten Persönlichkeiten Asiens die politische Bühne. Seine eigene Geschichte ist so turbulent wie die seines Landes. Ein Mann,„unberechenbar wie Quecksilber“, mit„einer brillanten Art von Verrücktheit“ – wie ihn einer seiner Biographen charakterisiert hat – und durchaus tragischen Zügen. Prinz Norodom Sihanouk wird am 31. Oktober 1922 in Phnom Penh als Sohn von Norodom Suramarit geboren. Kambodscha steht damals unter französischer Kolonialherrschaft. Die Franzosen machen den gerade 19 Jahre alten Prinzen 1941 zum König – in der Erwartung, der junge Mann, der in Saigon und Paris studiert hat, werde ein willfähriger Vollstrecker ihrer Interessen sein. Ein Irrtum. König Norodom Sihanouk übernimmt schnell die Rolle eines nationalen Führers, dessen Hauptziel die Unabhängigkeit seines Landes ist. Er erringt sie endgültig 1953. Allerdings glückt es ihm trotz seiner„Schaukelpolitik“ zwischen Ost und West nicht, Kambodscha aus dem Vietnamkrieg herauszuhalten. Auch innenpolitisch zwischen linken und rechten Kräften hin- und herlavierend, muss König Norodom Sihanouk erleben, wie ein blutiger Bürgerkrieg, der 1975 mit dem Sieg der Roten Khmer endet, das Land in„Killing Fields“ verwandelt. Nachdem die Vietnamesen die Schreckensherrschaft der Roten Khmer beendet haben, kehrt Prinz Norodom Sihanouk 1991 nach einem von den Vereinten Nationen vermittelten Friedensabkommen aus dem Exil in Peking nach Kambodscha zurück. Er besteigt 1993- wenn auch ohne wirkliche politische Macht – erneut den Thron, begeistert empfangen von den Menschen, die ihn bis heute verehren. Selbst ein„Überlebenskünstler“, Liebhaber der schönen Künste, der Frauen und eines extravaganten Lebensstils, ist er 60 Jahre lang eine Symbolfigur für sein Volk geblieben, das sich mit ihm mehr identifiziert als mit der amtierenden Regierung des Ministerpräsidenten Hun Sen, einem ehemaligen Roten Khmer. 42 Reflexionen über Schuld und Verantwortung Nhem Yean, Mitglied der Roten Khmer seit 2. September 1973 Position: Soldat Heimatprovinz: Kampong Chhnang Nhem Yean, 46 Jahre alt(2002): „Als ich in S-21 arbeitete, war ich davon nicht überzeugt. Aber ich musste es tun, anderenfalls würde ich nicht mehr leben. Egal, welche Entscheidung ich traf, ich hatte immer noch Angst. Es gab nichts, was ich tun konnte.“ Im Chantha, Mitglied der Roten Khmer seit 27. Juli 1973 Position: Soldatin Heimatprovinz: Kandal Im Chantha, 47 Jahre alt(2002): „Im Gefängnis Prey Sar verlor ich ein Messer. Mein Kamerad versteckte das Messer. Mein Vorgesetzter schlug mich dafür mit einem Stock. Die Führer der Roten Khmer sollten für ihre skrupellosen Morde und dafür, dass sie mich verletzt haben, exekutiert werden.“ Nhep Ho aka Nhep Sovann, Mitglied der Roten Khmer seit 10. Juni 1973 Position: Gruppenführer Heimatprovinz: Kandal Nhep Ho, 52 Jahre alt(2002):„Alle Führer der Roten Khmer, die sagen, sie hätten von der Existenz des Tuol-Sleng-Gefängnisses nichts gewusst, versuchen nur, sich selbst zu verteidigen(…) Sie sollten nicht die kleinen Leute anklagen und ihre eigenen Verbrechen verstecken. Das ist unfair. Die Dorfbewohner bezeichneten mich als Pol-Pot-Anhänger. Ich nehme ihnen dies nicht übel, da es stimmt, dass ich bei den Roten Khmer war. Die meisten Dorfbewohner wissen, dass ich im Tuol-Sleng-Gefängnis gearbeitet habe. Ich bereue es nicht, habe aber Mitleid mit meiner Frau und meinen Kindern.“ 43 Aufarbeitung der Vergangenheit: Das Tribunal Fast 30 Jahre nach dem Einmarsch der Roten Khmer in Phnom Penh unternimmt Kambodscha den Versuch, zumindest einige der Haupttäter – soweit sie noch leben – zur Rechenschaft zu ziehen. Die genaue Zahl der Menschen, die zwischen 1975 und 1979 systematisch umgebracht worden sind oder die an Zwangsarbeit und Hunger starben, ist bis heute unbekannt. Schätzungen reichen von 1,7 Millionen bis 3,3 Millionen. Noch in diesem Jahr könnte das Tribunal seine Arbeit aufnehmen, die Finanzierung ist jedoch noch unklar. Kambodscha will maximal 10% der Kosten, die 57 Millionen US-Dollar betragen, übernehmen. Von den etwa 20 Spitzenkadern und 1.000 weiteren Führungskräften der Roten Khmer leben allerdings nur noch einige Hundert. Es werden wohl höchstens 50 oder 60 Personen vor Gericht erscheinen müssen. Außer Pol Pot,„Bruder Nr. 1“, der 1998 starb, könnten drei seiner engsten Genossen auf die Anklagebank kommen: der ehemalige Staatspräsident Khieu Samphan, 73, Nuon Chea, 77, Mitglied des Zentralkomitees und Stellvertreter Pol Pots, und der ehemalige Außenminister Ieng Sary, 74. Alle drei leben unbehelligt und auf freiem Fuß. Sie leugnen ihre Beteiligung an den Gräueltaten oder geben an, davon nichts gewusst zu haben. Nur zwei führende Funktionäre der Roten Khmer sitzen bisher in Haft. Viele andere sind inzwischen wieder in Amt und Würden und haben öffentlichen Einfluss. Straflos blieben auch unzählige Erfüllungsgehilfen der Roten Khmer, die bis heute anonym in der Gesellschaft leben. Die Modalitäten des Tribunals sind lange umstritten gewesen. Die Vereinten Nationen hatten ursprünglich ein Gericht unter ihrer Hoheit vorgesehen, vergleichbar mit den Tribunalen für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda, was allerdings auf den Widerspruch der kambodschanischen Regierung stieß. Nach fünfjährigen zähen Verhandlungen mit den Vereinten Nationen kommt schließlich ein Kompromiss zustande. Das Gericht wird kambodschanischem Recht unterstehen und seinen Sitz in Phnom Penh haben. Kambodschanische Richter und Staatsanwälte stellen in beiden Kammern die Mehrheit, jeweils flankiert von einer Minderheit internationaler Richter. Jede Entscheidung muss von mindestens einem ausländischen Richter mitgetragen werden. Fraglich ist, ob das Tribunal die Erwartungen, die an seine Arbeit gestellt werden, überhaupt erfüllen kann. Zweifel bestehen nicht nur an der Unabhängigkeit der kambodschanischen Richter. Befürchtet wird auch, dass der Staatsapparat, der bis heute von Roten Khmer durchsetzt ist, Einfluss auf die Verhandlungen nehmen könnte. Möglicherweise wäre im besonderen Fall Kambodschas eine Wahrheitskommission das geeignetere Instrument zur Aufarbeitung der Geschichte, zumal aufgrund der buddhistisch geprägten Gesellschaft auch andere Sanktionsformen, zum Beispiel spiritueller Art, durchaus vorstellbar sind. Zweifellos stellt das permanente Leugnen der Schuld von Seiten der Täter eine große Belastung für die Opfer dar. Die Reformkräfte erwarten deshalb nicht nur die längst fällige Verurteilung der Täter sondern eine umfassende Aufklärung der Verbrechen, über die viel zu lange geschwiegen worden ist. Sie hoffen auf Gerechtigkeit gegenüber den Ofern und ihren Hinterbliebenen. 44 He S u pät t fo e lgen Landminenopfer. Feldarbeiter im Gefahrengebiet. Kinderhandel. Fotos: AP 45 Heute 11. Juli 2001: Die kambodschanische Nationalversammlung stimmt der Einsetzung eines Sonder-Tribunals gegen ehemalige Führungskader der Roten Khmer zu. Foto: AP Premierminister Hun Sen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder am 8. Oktober 2004 bei der Eröffnung des ASEM-Gipfels in Hanoi. Foto: AP Trauerfeier für den im Januar 2004 ermordeten Vorsitzenden der Freien Arbeitergewerkschaft des Königreichs Kambodscha, Chea Vichea. Seine Organisation gilt als die aktivste der demokratischen Gewerkschaften Kambodschas. Chea Vichea war ein enger Partner der Friedrich-EbertStiftung. Foto: AP Gedenktafel vor dem Parlamentsgebäude für die Opfer einer mit Gewalt aufgelösten Demonstration am 30. März 1997. Fotos: Paul Pasch 46 Heute Wahlkampf 2003. Foto: AP Wahlen zur Nationalversammlung am 27. Juli 2003. Foto: AFP Der neue König Norodom Sihamoni mit seinen Eltern während der Krönungsfeierlichkeiten am 29. Oktober 2004. Foto: Sinith Heng 47 He S u pru t ng e in die Zukunft Foto: AP ISBN 3-89892-363-0