FES-Analyse Saudi-Arabien: Energieriese zwischen geopolitischer Neuausrichtung und innenpolitischer Reform Eckart Wörtz September 2006 • Die Bedeutung Saudi-Arabiens und anderer OPEC-Länder für die weltweite Ölversorgung wird in Zukunft dramatisch zunehmen. Abnehmender Produktion in vielen Weltregionen(z.B. USA, Nordsee) steht eine wachsende Nachfrage insbesondere aus Schwellenländern gegenüber. Saudi-Arabien besitzt rund ein Viertel der weltweiten Ölreserven, der Anteil des gesamten Nahen Ostens liegt bei zwei Dritteln. • Die Fähigkeit Saudi-Arabiens zu Produktionssteigerungen wird von manchen Experten in Frage gestellt. Aufgrund fortgeschrittener Ausbeutung ist die Ölförderung komplizierter und teurer geworden. Die Aufrechterhaltung oder Steigerung bestehender Produktionskapazitäten wird nur nach massiven Investitionen und mithilfe neuester Technologien möglich sein. Eine Beteiligung ausländischer Unternehmen an der staatlichen Ölwirtschaft wie beispielsweise in den benachbarten VAE erscheint derzeit unwahrscheinlich und ist bisher nur im Gassektor zustande gekommen. • Saudi-Arabien rückt aufgrund seiner wachsenden Bedeutung für die weltweite Ölversorgung verstärkt in den Fokus geopolitischer Interessen. Maßgeblich ist dabei nach wie vor die amerikanische Hegemonial- und Schutzmacht. Europa tritt als Juniorpartner der USA und Zaungast in Erscheinung, während sich das energiehungrige China als aufstrebender Aspirant profiliert. Der erste Staatsbesuch des neuen saudischen Königs Abdullah führte im Januar 2006 nicht nach Washington, Paris oder London, sondern nach Peking. • Öl und Gas werden auch von der saudischen Wirtschaft in wachsendem Maße benötigt: vor allem von der sehr energieintensiven Trinkwassergewinnung aus Meerwasser, der petrochemischen und anderen expandierenden Industrien(Stahl, Düngemittel, Aluminium). Auf lange Sicht sind Interessenkonflikte zwischen Exporterfordernissen und wachsendem einheimischen Bedarf absehbar. • Öl hat eine überragende Bedeutung für die Stabilität der saudischen Herrschaft. Weitverzweigte Investitions- und Subventionsprogramme, sozialstaatliche Leistungen, der umfangreiche Rüstungsetat sowie die Alimente der königlichen Familie werden sämtlich aus der Verteilung der Öleinnahmen bestritten. Neben außenpolitischen Entwicklungen wird auch die innenpolitische Stabilität maßgeblich von den Ölmärkten beeinflusst. Herausgeber und Redaktion: Arne Schildberg, Friedrich-Ebert-Stiftung, Internationale Politikanalyse, 53175 Bonn, Tel.: 0228-883-206, Fax: 0228-883-625, E-mail: Arne.Schildberg@fes.de 2 FES-Analyse: Saudi-Arabien Eckart Wörtz, ist Programm-Manager für Ökonomie am Gulf Research Center, Dubai FES-Analyse: Saudi-Arabien 3 Öl als Treibstoff der Wirtschaft und Konfliktstoff der Politik Die Welt ist abhängig von Öl und Saudi-Arabien verfügt über nahezu ein Viertel der weltweiten Reserven und ist damit im geopolitischen Fokus der Verbraucherländer. Bereits am Vorabend des Ersten Weltkrieges war das schwarze Gold zum strategischen Rohstoff avanciert, mit der Ausweitung von Massenkonsum und Automobilisierung hat sich diese Bedeutung heutzutage um ein Vielfaches gesteigert. Öl stellt weltweit nicht nur 90 Prozent der Transportenergie und 35 Prozent des Primärenergiebedarfs(siehe Tabelle 1), es ist auch wichtiger Bestandteil von unzähligen Alltagsgegenständen, die den modernen„Hydro-KarbonMenschen“(Daniel Yergin) umgeben, von Kühlschränken über Deodorants bis zu Telefonhörern. Tabelle 1: Welt Energie-Mix Öl Kohle Gas Nuklear Erneuerbare Energien Davon: Biomasse und Abfall Wasser Andere (Geothermal, Wind, Solar, Gezeiten) Quelle: IEA 34.8% 23.5% 21.1% 6.8% 13.8% 11% 2.3% 0.5% Diese Bedeutung wird sich nach Ansicht der Internationalen Energieagentur(IEA) weiter steigern. Bis 2030 rechnet sie mit einer 50prozentigen Zunahme des Verbrauchs auf 120 Millionen Barrel pro Tag. In vielen Weltregionen sind abnehmende Produktionsverläufe zu verzeichnen(z.B. USA, Nordsee), und ob unkonventionelles Öl(z.B. venezolanisches Schweröl, kanadische Teersände, Tiefseeöl in Afrika, Südund Mittelamerika) in nennenswertem Umfang und kosteneffizient in die Lücke springen kann, scheint zweifelhaft. Deshalb ruhen die Hoffnungen für eine Befriedigung dieses Bedarfs auf den OPEC-Ländern, neben Venezuela, Nigeria und Libyen im Wesentlichen also die Golfländer und ihr größter Produzent – Saudi-Arabien. OPECLänder produzieren gegenwärtig 41 Prozent des weltweiten Verbrauchs, haben aber atemberaubende 75 Prozent der offiziellen weltweiten Reserven. Der saudische Anteil an diesen weltweiten Reserven liegt bei 22 Prozent, der des gesamten Nahen Ostens bei 62 Prozent. Dies weckt Begehrlichkeiten: Mit einem Blick auf die Verteilung von Produktion, Verbrauch und Reserven lassen sich wichtige weltpolitische Konflikte um Energie in den kommenden Jahrzehnten vorausahnen: Nordamerika, Westeuropa und Asien konsumieren deutlich mehr als sie produzieren und sind stark auf Importe von Öl und zunehmend auch Gas angewiesen. Da ihre Reserven gering sind und die Produktion in allen drei Regionen ihren Höhepunkt überschritten hat, wird sich diese Abhängigkeit in Zukunft noch verschärfen. Russland wird für Westeuropa und China, Afrika und Venezuela werden vor allem für die USA in den nächsten 20-30 Jahren noch eine wichtige Rolle spielen. Ins Auge sticht im Bereich der Ölreserven aber die Dominanz des Nahen Ostens. Die Bedeutung dieser Region für die weltweite Ölversorgung ist heute schon groß, in Zukunft wird sie noch größer sein. Gegenteilige Beteuerungen von US-Präsident Bush wie auch seines früheren Herausforderers John Kerry sind unrealistisch und entspringen innenpolitischen Beweggründen: Sie sind schon seit Nixons Präsidentschaft ein wiederkehrendes Thema der amerikanischen Innenpolitik. Besonders auffällig ist die Abhängigkeit Asiens. Hier befinden sich zwar 50 Prozent der Weltbevölkerung, aber nur 3,4 Prozent der weltweiten Ölreserven. Der grenzüberschreitende Handel mit Öl und Gas wird vor allem in dieser Region rapide ansteigen, allen voran im wachstumsstarken und energiehungrigen China. Die Sicherheit von Transportwegen, wie der Straße von Malacca und Hormuz, wird deshalb in Zukunft noch wichtiger. Zu den Ländern, die in Zukunft auf Öl aus dem Nahen Osten angewiesen sind, wird auch Deutschland gehören. Im Gegensatz zu den 1970er Jahren, als rund 90 Prozent der Ölimporte Deutschlands aus dem Nahen Osten 4 kamen, spielt dieser mit 10 Prozent heute eine untergeordnete Rolle. Russland, Norwegen und Großbritannien sind die wichtigsten Lieferanten. Die europäischen Lieferanten müssen jedoch wegen stark fallender Produktion(bis zu 8 Prozent jährlich) schon bald ersetzt werden. Anhaltend hohe Nachfrage in den klassischen Industrieländern, bei gleichzeitig stark wachsender Nachfrage aus den Schwellenländern, zu denen nicht zuletzt die Golfstaaten selber gehöFES-Analyse: Saudi-Arabien ren, wird zu Energiekonflikten führen. Die große Herausforderung für die internationale Politik ist es, diese Interessenkonflikte friedlich auszubalancieren. Darüber hinaus verstärkt sich wegen der abnehmenden Reserven der Druck, in den kommenden Jahrzehnten die von Kohlenwasserstoffen abhängigenenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen abzulösen. Tabelle 2: Öl und Gas Regionenanteil, Produktion, Verbrauch und Reserven 2005 Region ÖlProduktion ÖlVerbrauch ÖlReserven Reserven/ Produktion GasProduktion GasVerbrauch GasReserven Nordamerika* 16,5% 29,5% 5,0% 11,9 27,2% 28,2% 4,1% Südamerika 9,0% 5,8% 8,6% 40,7 4,9% 4,5% 3,9% Europa und Zentralasien** 21,7% 25,1% 11,7% 22,0 38,4% 40,8% 35,6% Afrika*** 12,0% 3,4% 9,5% 31,8 5,9% 2,6% 8,0% Asien Pazifik 9,8% 29,1% 3,4% 13,8 13,0% 14,8% 8,3% Naher Osten 31,0% 7,1% 61,9% 81 10,6% 9,1% 40,1% Anteil Saudi-Arabien 13,5% 2,3% 22,0% 65,6 2,5% 2,5% 3,8% Welt 100% 100% 100% 40,6 100% 100% 100% Reserven/ Produktion 9,9 51,8 60,3 88,3 41,2 --99,3 65,1 Quelle: British Petroleum: Statistical Review of World Energy 2006 *USA, Kanada und Mexiko. Kanadas Ölreserven aus Teersand nur berücksichtigt soweit bereits„aktiv entwickelt“ **Der Anteil von Russland und den zentralasiatischen Republiken liegt bei über zwei Dritteln ***Im Wesentlichen Libyen, Nigeria, Algerien, Angola Im Osten nichts Neues – OPEC-Führungsmacht und„Swing Producer“ Die Bedeutung Saudi-Arabiens bemisst sich nicht allein anhand hoher Produktion und Ölvorkommen, sondern auch anhand seiner Rolle als„swing producer“ im Weltölmarkt: Es verfügt über Reservekapazitäten, die in Zeiten der Angebotsknappheit auf den Markt geworfen und in Zeiten des Überflusses wieder zurückgezogen werden können. Da der Weltmarkt durch hohe Volatilität gekennzeichnet ist, kommt es bei gleichzeitigen hohen Fixkosten in der Produktion und inelastischer Nachfrage zu starken Preisausschlägen im Falle von sehr kleinen Marktschwankungen, so dass schon marginale Produktionsänderungen erhebliche Auswirkungen auf die Preisbildung haben. In dieser Situation kommt dem swing producer eine große Bedeutung zu. Er sorgt für stabile und kalkulierbare Preise im Falle von unerwarteten Nachfrageschwankungen, Naturkatastrophen oder politischen Krisen, wie zuletzt dem Hurrikan Katrina oder Unruhen in Nigeria. Bis zu Beginn der 1970er Jahre kam die Rolle des swing producer den USA zu. Ölknappheiten im Gefolge der Suezkrise 1956 und eines ersten arabischen Embargoversuchs 1967 glichen sie durch ihre Reservekapazitäten aus. Als diese aber Anfang der 1970er Jahre erschöpft waren, übernahmen Saudi-Arabien und die OPEC die Funktion des swing producer. FES-Analyse: Saudi-Arabien Diese Machtverschiebung im Weltölmarkt von den Industrie- zu den OPEC-Ländern ließ diese und ihren größten Produzent Saudi-Arabien zum weltpolitischen Akteur aufsteigen. Allerdings führte weniger die viel publizierte und beklagte Verwendung der„Öl-Waffe“, die Marktmacht der OPEC zu höheren Preisen, sondern die Knappheit des Angebots bei wachsender Nachfrage. Es wird leicht übersehen, dass SaudiArabien mit Ausnahme des vorübergehenden Ölboykotts im Gefolge des Yom-Kippur-Krieges eine für den Westen verlässliche und konstruktive Rolle gespielt hat, insbesondere während des Kalten Krieges und der Islamischen Revolution im Iran. Auch der Krieg gegen den Irak im Jahr 1991 wäre ohne Saudi-Arabien schwerlich führbar gewesen: Es warf seine gesamte Reservekapazität auf den Markt, um den Verlust irakischer und kuwaitischer Produktion auszugleichen, und stabilisierte so die Märkte. Mit dem Einbruch des Ölpreises Mitte der 1980er Jahre verloren Saudi-Arabien und die OPEC ihre marktbeherrschende Stellung und wurden bis Ende der 1990er Jahre zu preisnehmenden Statisten des Weltölmarkts. Wachsende Produktion von Öl aus der Nordsee und dem Golf von Mexiko und langsamere Nachfragesteigerungen aufgrund von Energieeinsparungen und Rezession in den Industrieländern hatten dazu geführt, dass die OPEC-Länder in wachsendem Maße Reservekapazität anhäuften, ohne dadurch den Preis hochhalten zu können. Auch ein 1982 eingeführtes, aber nie vollständig durchgesetztes Quotensystem konnte daran nichts ändern. In den 1990er Jahren setzte dann noch eine Erholung der Produktion in den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion ein und verringerte den Einfluss der OPEC zusätzlich. Erst 1999 mit einem neuen Quotensystem und erneut steigender Nachfrage nach der asiatischen Krise gewann die OPEC wieder an Handlungsspielraum. Heute verliert sie diesen Spielraum wieder diesmal wegen Unter-, nicht Überkapazitäten. Denn Saudi-Arabien hat sich in den letzten 5 Jahren entschieden, seine Reservekapazität abzubauen und hat diese nahezu vollständig auf den Markt geworfen, um die Preise zu stabilisieren. Lag die Reservekapazität in den 1980er und 1990er Jahren OPEC-weit bei etwa vier Millionen Barrel, schwankt sie nun um eine Million Barrel, das meiste davon aus Saudi-Arabien, alle anderen OPEC-Länder produzieren an der Kapazitätsgrenze. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Reservekapazität aus sehr schwefelhaltigem sour crude besteht, für welches oft keine Raffineriekapazitäten vorhanden sind. Zwei Umstände könnten diese Situation verändern: 1.) Eine massive Abkühlung der Weltkonjunktur oder 2.) die Entdeckung, Entwicklung und Vermarktung neuer Vorkommen. Irak ist aufgrund der großen Ölreserven ein Hoffnungsträger, aber eine Steigerung seiner Produktion ist in absehbarer Zeit aufgrund politischer Instabilität nicht wahrscheinlich. Die notorisch optimistische IEA setzt große Hoffnungen auf die Entwicklung unkonventionellen Öls(z.B. kanadische Teersände, venezolanisches Schweröl), das durch alternative Produktionsverfahren gewonnen wird. Des Weiteren soll die Investition in neue Technologie die Ausbeutung vorhandener Ölvorkommen im Nahen Osten effizienter gestalten. Hierfür wären in den nächsten dreißig Jahren allerdings Investitionen von 500 Milliarden US Dollar und dauerhafte politische Stabilität notwendig. Es sieht also danach aus, dass Saudi Arabien und die OPEC in Zukunft kaum über mangelnde Nachfrage für ihr Öl werden klagen müssen. Die Erfahrungen der 1980er und 1990er Jahre wirken jedoch nach, als fallende Ölpreise Wirtschaftskrisen und Budgetdefizite verursachten. Folge sind ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit der Nachfrage, stabilen Kundenbeziehungen sowie Misstrauen gegenüber alternativen Energieträgern und Wettbewerbern im Ölmarkt, wie beispielsweise den Ländern am Kaspischen Meer, deren Öl über die neugebaute Baku-TiblissiCeyhan-Pipeline in die Türkei transportiert wird. 6 FES-Analyse: Saudi-Arabien Der saudische Gassektor – Ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor? Da Gas schwieriger zu transportieren ist als Öl, spielte Gas lange Zeit eine untergeordnete Rolle. Inzwischen spielt Gas jedoch weltweit eine wichtige Rolle in der Elektrizitätsgewinnung, Gebäudewärmung und –kühlung sowie als Grundstoff für die Petrochemie und Düngemittelindustrie. Aufgrund relativer Umweltverträglichkeit wird es zunehmend auch als Transportenergie in Städten geschätzt; etwa für den Betrieb von Bussen und anderen Automobilen mit Compressed Natural Gas(CNG) oder Gas To Liquids (GTL). Da die Gasvorkommen gleichmäßiger um den Globus verteilt sind und seine Reserven länger anhalten werden als beim Öl(siehe Tabelle 2), hoffen manche Experten, dass es als Instrument für den Übergang in eine weniger von Kohlenwasserstoffen bestimmte Wirtschaft fungieren könne – als sogenanntes bridge fuel. Seine relative Bedeutung und sein grenzüberschreitender Handel werden zunehmen. Inzwischen ist der Gasmarkt dabei, wie der Ölmarkt global zu werden und einige Kommentatoren halten die Gründung einer Organisation der Gas exportierenden Länder nach dem Vorbild der OPEC für möglich. Seit dem Beginn der kommerziellen Förderung in Holland 1959 und der später einsetzenden sowjetischen Lieferungen wurde ein weit verzweigtes Pipelinenetz in Europa errichtet. Daneben gewinnt der Handel mit Flüssiggas an Bedeutung, welches wie Öl mit speziellen Tankschiffen transportiert und am Bestimmungsort„regasifiziert“ wird. Dies ist insbesondere für Nordamerika von Bedeutung, wo der Bedarf stetig wächst, die Produktion aber ihren Höhepunkt überschritten hat. 27 Prozent der weltweiten Produktion werden dort bei nur 4,1 Prozent der weltweiten Reserven betrieben und man arbeitet fieberhaft am Ausbau von Terminals zum Import von Flüssiggas. Mit nur 11 Prozent der weltweiten Produktion, aber 40 Prozent der weltweiten Reserven, ist der Nahe Osten auch beim Erdgas ein Energieriese, der neben Russland in Zukunft eine wachsende Rolle spielen wird. Die Gasvorkommen in der Region konzentrieren sich auf den Iran und Katar, die jeweils gut 14 Prozent der weltweiten Reserven auf sich verbuchen. Von diesen beiden Ländern gehen auch die regionalen Exportinitiativen für Gas aus: Iran hat 2004 einen 70 Milliarden Dollar schweren Gasliefervertrag mit China unterzeichnet. Der Bau einer Gaspipeline über Pakistan nach Indien ist im Gespräch, Russland hat bereits technologische Unterstützung angeboten. Katar wiederum ist weltweit führend im Handel mit Flüssiggas und beabsichtigt, ab Ende des Jahres über die Dolphin-Pipeline Gas in die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman zu liefern. Es wurden auch Überlegungen angestellt, Pipelinegas über Iran nach Europa und Indien zu liefern. Saudi-Arabien hat zwar die viertgrößten Gasreserven der Welt, im Verhältnis zu denen Russlands, Irans und Katars sind diese jedoch gering und kommen vor allem in assoziierter Form mit Öl vor. Das Land ist bisher auch nicht als Gasexporteur in Erscheinung getreten. Gas ist jedoch zur wichtigen Komponente des rapide wachsenden lokalen Energieverbrauchs geworden. Infrastruktur und Transport für eine stark wachsende Bevölkerung(ca. 3% p.a.), die Trinkwassergewinnung, die zu 70 Prozent über energieintensive Meerwasserentsalzung erfolgt sowie ambitionierte Entwicklungsplanungen in der Petrochemie, Düngemittel- und Schwerindustrie bilden hier den Hintergrund. Im Gassektor wurden auch erstmals seit der sukzessiven Verstaatlichung der nationalen Ölgesellschaft ARAMCO 1973-80 wieder ausländische Direktinvestitionen zugelassen. Der ursprünglich 1998 verkündete saudische Gasplan war 2003 zunächst gescheitert, da sich die großen Ölfirmen wie Exxon, Texaco und Shell zurückgezogen hatten. Sie hatten sich einen Wiedereinstieg ins saudische Ölgeschäft über die Hintertür der Gasinitiative erhofft, was die Saudis aber kategorisch ablehnten. Zudem stellten sich die zu erwartenden Gewinne als bescheiden heraus angesichts hoher technologischer Anforderungen von Tiefenbohrungen, geringer als erwarteter Reserven und subventionierter saudischer Gaspreise. 2004 wurden dann doch noch vier Gaskonzessionen an ausländische Firmen vergeben, allerdings in FES-Analyse: Saudi-Arabien wesentlich geringerem Umfang als ursprünglich geplant und an Firmen aus der zweiten Reihe, die oft noch stärker auf die Ersetzung ihrer Reserven und die Erschließung neuer Geschäftsfelder angewiesen sind: Dies waren die chinesische Sinopec, die spanische Repsol, die italienische ENI und die russische Lukoil. Ein Wiedereinstieg ausländischer Firmen ins Ölgeschäft, wie in den 7 benachbarten VAE bereits praktiziert und in Kuwait diskutiert, wird in Saudi-Arabien auf absehbare Zeit jedoch nicht stattfinden. Es wird abzuwarten bleiben, ob Saudi-Arabien im Gasbereich in Zukunft neben der eigenen Bedarfsdeckung auch Exportinteressen entfalten wird. Der Ölsektor wird hier dominant bleiben. Kalter Entzug – Geht Saudi-Arabien das Öl aus? Die Frage, ob Saudi-Arabiens Ölproduktion nachlassen könnte, ist in einem Land, wo Öl eine solch überragende Stellung hat, ähnlich populär wie die Infragestellung der Autoindustrie in Deutschland. Dennoch ist es keine Frage, dass es geschehen wird, allein der Zeitpunkt ist strittig. Erdöl ist eine endliche Ressource. Jedes Ölfeld hat einen Produktionsverlauf, der einer glockenförmigen Kurve gleicht, zunächst nimmt die Produktion rasch zu, um dann auf einem Plateau zu verweilen, von wo aus später eine stetige Abnahme erfolgt. Wenn dies mit allen Ölfeldern einer Region geschehen ist und keine nennenswerten Neuentdeckungen zu verzeichnen sind, nimmt die Produktion der gesamten Region ab. In Nordamerika ist dies bereits seit 1971 der Fall. In der Nordsee war es 1999 soweit. Deshalb ist das in Tabelle 2 dargestellte Verhältnis von Reserven zur Produktion nur bedingt aussagekräftig, da es nicht realistisch ist, dass die Produktion auf gleichbleibend hohem Niveau verweilt, um dann am Tag X plötzlich auf Null abzusinken. Der wirtschaftlich bedeutende Zeitpunkt, der sogenannte Peak Oil, an dem die Ölproduktion zu sinken beginnt, ist früher zu erwarten. Inzwischen gibt es einen breiten Konsens, dass die Ära des„ cheap and easy oil“ sich dem Ende neigt. Der Ölkonzern Chevron fördert auf einer eigenen Internetseite Diskussionen über diese Problematik und British Petroleum hat sein Akronym BP nicht von ungefähr in„Beyond Petrol“ umgedeutet. Die geopolitischen Akteure reagieren mit zwei Strategien: einerseits mit der intensiven Suche nach Alternativen zum Öl, andererseits mit politischen Initiativen zur Sicherstellung von bestehenden Energiereserven. So war die Sicherung des Zugangs zu Öl ein wichtiges Interesse im Irakkrieg, und China pflegt eine intensive Energiediplomatie und Investitionsstrategie; von Afrika(Sudan, Angola, Nigeria) über kanadische Teersandprojekte und die gescheiterte Übernahme der amerikanischen Ölfirma Unocal bis zu den jüngsten gegenseitigen Besuchen des saudischen Königs Abdullah und dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao. Nuklearkapazitäten in China, Russland und Indien werden derzeit ausgebaut und Kohle feiert ebenfalls ein Revival. Neben der sog.„CO 2 Sequestrierung“, der unterirdischen Speicherung des Treibhausgases, für eine umweltfreundlichere Nutzung wird dabei auch die in Deutschland aus dem Zweiten Weltkrieg bekannte Gewinnung von Treibstoff mittels Kohleverflüssigung debattiert. Wiederum China hat 2005 einen 10 Milliarden Dollar schweren Vertrag mit der südafrikanischen SASOL geschlossen, die in diesem Bereich Weltmarktführer ist, und auch in den USA wird diese Technologie intensiv geprüft. Last but not least erfreuen sich erneuerbare Energien(z. B. Wind, Wasser, Sonne, Biomasse) wachsender Beliebtheit. Wenn das Öl so umfangreich vorhanden wäre, wie offizielle OPEC-Vertreter gerne glauben machen, würden diese Anstrengungen nicht unternommen. Wieso kanadische Teersände schaufeln und sie mit hohem Aufwand an Gas und Wasser weiterverarbeiten, wenn man nur ein weiteres Loch in der arabischen Wüste bohren müsste, aus dem das Öl von alleine sprudelt? Bei Ersterem gewinnt man nur 1,5 Energieeinheiten für jede Energieeinheit die zur Förderung benötigt wird, beim Letzteren waren es in der Zeit des easy oil bis zu 200. Der offizielle Standpunkt der staatlichen saudischen Ölgesellschaft ARAM- 8 CO ist, dass Saudi-Arabien aufgrund vorhandener Reserven und wegen möglicher Neuentdeckungen seine Produktion wird steigern können. Es wird darauf verwiesen, dass die nachgewiesenen Reserven keine statische Größe sind und aufgrund verbesserter Verwertungsraten auch in bereits bekannten Ölfeldern steigen können. Eine hohe Bedeutung wird insbesondere den neuen technologischen Möglichkeiten wie horizontal drilling, enhanced oil recovery und computergestütztem ReservoirManagement zugemessen. Bis 2009 möchte ARAMCO die Produktion von 9 Millionen Barrel pro Tag auf 12,5 Millionen Barrel pro Tag hochfahren und schließlich sogar 15 Millionen Barrel pro Tag erreichen- ein Niveau, das erst 2050 abnehmen soll. Ein Zeitpunkt also, zu dem die offizielle saudische Politik die Überschreitung des Höhe-punktes der Produktion( Peak Oil) in Saudi-Arabien antizipiert. Diesen Zeitpunkt sieht Matthew Simmons bereits heute gekommen. Der Öl-InvestmentBanker aus Houston, der 2001 Mitglied der Energy Task Force der Bush-Administration war, hat in dem vielfach beachteten Buch„Twilight in the Desert“ die von ARAMCO bestrittene These aufgestellt, dass Saudi-Arabien spätestens 2009 abnehmende Produktionsquoten verzeichnen und damit einen Schock für die Weltwirtschaft auslösen wird. Hintergrund seines Arguments ist, dass sich die Förderung auf wenige große Ölfelder konzentriert. Das größte, Ghawar, ist für 50 Prozent der saudischen und für über 6 Prozent der weltweiten Produktion verantwortlich, wurde aber bereits in den 1940er Jahren entdeckt. Trotz erheblicher Anstrengungen wurden größere Ölfelder zuletzt in den 1960er Jahren entdeckt. Daher liegt die Vermutung nahe, dass mit nennenswerten Neuentdeckungen nicht mehr zu rechnen ist. Das Alter der existierenden Felder und wachsende Produktionsprobleme(z.B. steigende Menge an mitproduziertem Wasser, der„water cut“) lassen zukünftig abnehmende Produktionsverläufe plausibel erscheinen. Im benachbarten Kuwait werden nach einem kontroversen Artikel in Petroleum Intelligence etwaig überhöhte Reservestatistiken offen von Parlamentsabgeordneten disFES-Analyse: Saudi-Arabien kutiert. Die Ölstatistik der weltweit zu drei Vierteln in Staatshand befindlichen Ölindustrie ist im Übrigen höchst zweifelhaft. Mitte der 1980er Jahre verdoppelten viele OPEC-Länder auf dem Papier ihre offiziellen Reserven, SaudiArabien erhöhte die seinigen um immerhin 50%. Hintergrund war, dass die OPEC-Förderquoten gemäß offizieller Reserven vergeben wurden und jedes Land wegen der niedrigen Ölpreise soviel fördern wollte wie möglich, um die angespannte Budgetlage abzumildern. Verbesserte und transparentere Ölstatistiken sind daher eine wichtige Forderung, um zu effizienteren Ölmärkten und verbesserter Planungsgrundlage zu gelangen. Wie unzuverlässig diese Planungsgrundlage oft ist, zeigt sich an den erratisch schwankenden Prognosen: Hatte das US Department of Energy (DOE) 2003 noch eine Verdopplung der nahöstlichen Ölproduktion bis 2025 prognostiziert, alleine die saudi-arabische sollte auf 23,8 Millionen Barrel pro Tag steigen, hat sie diese Zahlen in ihrem International Energy Outlook 2006 erheblich nach unten korrigiert und setzt wieder verstärkt auf ein Ansteigen der Produktion in Nicht-OPEC-Ländern, was angesichts deren Reservenausstattung als sehr optimistisch angesehen werden muss. Die saudi-arabische Produktion soll sich jetzt nur noch auf rund 18 Millionen Barrel pro Tag in 2030 verdoppeln, in Einklang mit Schätzungen der IEA. Doch selbst diese Zahl könnte eher politischem Wunschdenken als den geologischen Realitäten entsprechen. Sogar die offizielle saudische Seite hat bereits gewarnt, dass sie diese an sie herangetragenen Wünsche nicht erfüllen kann. Doch selbst wenn Peak Oil in Saudi-Arabien schon in naher Zukunft stattfinden sollte und nicht erst 2050, wie ARAMCO antizipiert, würde dies angesichts mangelnder Alternativen nichts an der überragenden Bedeutung Saudi-Arabiens für die weltweite Energieversorgung ändern. Denn der Rückgang der Förderung in Saudi-Arabien und anderen Golfländern würde Peak Oil im Weltmaßstab bedeuten. Saudi-Arabien wäre immer noch ein „einäugiger König unter Blinden“ und könnte vermutlich aufgrund dann steigender Preise selbst bei abnehmender Produktion mit gleichbleibend hohen Exporterlösen rechnen. FES-Analyse: Saudi-Arabien 9 Freund oder Feind? Die special relationship mit den USA Die engen Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien lassen sich als Tausch von Zugang zu Öl gegen Sicherheitsgarantien beschreiben. Sie entstanden bereits in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. US-amerikanische Unternehmen hatten in den 1930er Jahren mit der Ölexploration in Saudi-Arabien begonnen, und bei einem Treffen zwischen US-Präsident Roosevelt und dem saudischen König Abdulaziz Bin Saud 1945 wurde die gegenseitige strategische Zusammenarbeit bestätigt. Im Unterschied zu heute brauchten die USA damals diesen Zugang zu Öl nicht für sich selbst. Bis Anfang der 1970er Jahre waren sie im Wesentlichen Selbstversorger, mit bescheidenem, quotierten Anteil an importiertem Öl und beachtlicher ungenützter Reservekapazität, die sie in Krisenzeiten wie 1956 und 1967 zugunsten ihrer europäischen und japanischen Verbündeten auf den Markt bringen konnten. Heutzutage importieren die USA 60 Prozent ihres Bedarfes – mit wachsender Tendenz. Folgerichtig hat die Regierung Bush Energiefragen gleich zu Beginn ihrer Amtszeit an die Spitze ihrer Prioritätenliste gestellt. Bedauerlicherweise haben die Empfehlungen der Energy Task Force 2001 wenig Visionäres zutage gefördert: Energiesparen gilt nach wie vor als„unrepublikanisch“, stattdessen reduzieren sich die Empfehlungen im Wesentlichen auf die Erschließung von Ölvorkommen in Naturschutzgebieten Alaskas und die strategische Sicherung von Ölimporten aus dem Ausland. Ein erster Test der saudisch-amerikanischen Allianz erfolgte in den 1960er Jahren, als Vertreter des„Arabischen Sozialismus“ wie Nasser, die syrische Baath Partei und die PLO die Legitimität der Golfmonarchien in Frage stellten. Im jemenitischen Bürgerkrieg kam es sogar zu einem Stellvertreterkrieg, als Saudi-Arabien royalistische Kräfte unterstützte und das nasseristische Ägypten Truppen zur Unterstützung der republikanischen Kräfte schickte. Saudi-Arabien war fortan neben dem Iran unter der Regierung des Schah im Rahmen der twin pillar policy zweiter wichtiger Partner amerikanischer Sicherheitsinteressen in der Region. Im Gefolge der Machtübernahme Khomeinis, dem Iran-IrakKrieg und der sowjetischen Besetzung Afghanistans versuchten die USA zunächst, die Kräfte indirekt auszubalancieren, gingen dann aber Ende der 1980er Jahre dazu über, ihre Interessen in der Region direkt wahrzunehmen und verstärkten ihre Truppenpräsenz. Dies befürworteten die Staaten auf der arabischen Halbinsel durchaus, da sie nicht in der Lage gewesen wären, sich gegen eine äußere Bedrohung durch den Iran zu verteidigen. Während der 1980er Jahre kam es zu einer Reihe von Iran inspirierter oder initiierter Anschläge und Unruhen in SaudiArabien. Besonders brisant waren dabei Unruhen auf Seiten der schiitischen Minderheit, die in den saudischen Ölgebieten an der Golfküste die Bevölkerungsmehrheit stellt. Auch deshalb unterstützte Saudi-Arabien Saddam Hussein’s Irak. Die irakische Besetzung Kuwaits und die nachfolgende Rückeroberung durch die Alliierten zeigte den Golfstaaten dann einmal mehr ihre sicherheitspolitische Abhängigkeit von Amerika auf. In der Folgezeit wurde im Abkommen von Damaskus 1992 zwar kurzzeitig diskutiert, im Rahmen einer innerarabischen Lösung ägyptische und syrische Truppen zur Sicherung der Golfstaaten heranzuziehen. Aber letztlich war man eher geneigt, dem fernen Amerika als den arabischen Brüdern zu trauen. Nach der Kuwaitbesetzung rüsteten SaudiArabien und andere Golfstaaten in den 1990er Jahren massiv auf. Für die westliche Rüstungsindustrie war dies höchst willkommen, da die Aufträge in ihren Heimatländern nach dem Ende des Kalten Krieges zurückgingen. Mit 11,6 Milliarden US-Dollar war Saudi-Arabien 1997 der größte Waffenimporteur der Welt, bis zu 40 Prozent des Budgets werden noch heute für Rüstung ausgegeben. Neben den USA sind Großbritannien und Frankreich wichtige Lieferanten, wobei insbesondere die Luftwaffe Priorität genießt. Mangelnde Wartung und unzureichende Ausbildung der Truppen sowie die Inkompatibilität von Systemen relativieren jedoch den militärischen Nutzen der teuren Anschaffungen. Nach wie vor ist davon auszugehen, dass Saudi-Arabien und die anderen Golfstaaten im Zweifelsfall nicht in der Lage sind, ihr 10 Territorium zu verteidigen und lediglich über hinhaltendes Potenzial verfügen, bis westliche Armeen intervenieren. Die heutige regionale Bedrohungssituation wird durch den Iran dominiert. Denn schon lange ist die Herausforderung durch arabischsozialistische Regime im Norden weggefallen und der Irak wird auf absehbare Zeit mit sich selbst beschäftigt bleiben. Obwohl Saudi-Arabien offiziell nichts gegen ein ziviles iranisches Atomprogramm hat, weckt die Vorstellung eines atomar bewaffneten Irans böse Erinnerungen an die Bedrohung in den 1980er Jahren, als der Iran regionale Ambitionen hegte. Der wachsende iranische Einfluss im Südirak wurde bereits öffentlich beklagt und inoffiziell wird von einer „neuen Verteidigungsdoktrin“ und damit verbundenen Militärausgaben gesprochen. Versuche, eine eigenständige regionale Sicherheitsarchitektur zu schaffen, sind nach wie vor wenig ernsthaft und nicht von Erfolg gekrönt. Der 1981 als Antwort auf die iranische Bedrohung gegründete Golfkooperationsrat( GCC: Saudi-Arabien, VAE, Oman, Katar, Bahrain und Kuwait) hat lediglich zur Schaffung eines kleinen gemeinsamen Truppenkontingents geführt, welches militärisch bedeutungslos ist. Insbesondere wurden keine gemeinsame Beschaffung und keine Koordination von Strategien und Außenpolitik erreicht, was wenig verwunderlich ist, da etliche Mitgliedsstaaten unter anderem noch offene Grenzfragen miteinander haben. Saudi-Arabien streitet sich beispielsweise mit den VAE und Katar über die Hoheitsrechte in den Gewässern, durch welche die Dolphin-Pipeline gelegt wird. So ist die Zusammenarbeit in der GCC oft durch Misstrauen gekennzeichnet und kleinere Golfstaaten sind darum bemüht, eine allzu enge Umarmung durch die saudische Regionalmacht zu vermeiden. Da bis jetzt ohne Alternative, hat die special relationship mit Amerika bis heute angehalten. Sie ist aber brüchig geworden. Amerikanische Truppen sind inzwischen nicht mehr in SaudiArabien, sondern in den Nachbarländern Katar und Kuwait stationiert. Die amerikanische Nahostpolitik und die Präsenz nichtmuslimiFES-Analyse: Saudi-Arabien scher Truppen im islamischen Kernland haben zu weit verbreiteten anti-amerikanischen Ressentiments geführt. Für den Afghanistan-Kämpfer und bis dahin angesehenen Bürger Osama Bin Laden war die Stationierung amerikanischer Truppen und die Ablehnung seines Planes, eine rein muslimische Verteidigung Saudi-Arabiens mithilfe von Afghanistan-Veteranen zu organisieren, ein Schlüsselerlebnis in seiner weiteren Radikalisierung. Umgekehrt wird die saudische Unterstützung islamistischer Gruppierungen im Ausland von den USA nach Ende des Kalten Krieges nicht mehr als vorteilhaft bewertet. Die Tatsache, dass 15 der 19 Attentäter des 11. September 2001 aus Saudi-Arabien stammten und die mutmaßliche Verstrickung in die Finanzierung terroristischer Gruppierungen, haben in den USA zu einer kritischeren Sichtweise Saudi-Arabiens beigetragen. Der 2005 im amerikanischen Kongress eingebrachte Saudi Arabia Accountability Act wirft dem Land explizit Unterstützung von Terrorismus vor. In einer vielfach beachteten Präsentation vor dem Defense Policy Board Advisory Panel des Pentagon forderte 2002 ein Analyst der RAND Foundation, Saudi-Arabien als feindliches Land zu erachten, auf einen Regimewechsel hinzuarbeiten und notwendigenfalls die saudischen Ölfelder durch amerikanische Truppen zu besetzen. Diese Ideen sind keinesfalls ganz neu: Ein 1975 unter Pseudonym veröffentlichter Artikel„ Seizing Arab Oil“, der Henry Kissinger zugeschrieben wurde, analysierte die strategischen Möglichkeiten des Umgangs mit SaudiArabien ganz ähnlich. Der„Krieg gegen den Terror“ hat die beiden Staaten voneinander entfremdet, jedoch führt er paradoxerweise auch zu einer Wiederannäherung. Denn inzwischen kooperieren die Staaten im Bereich der inneren Sicherheit miteinander und Saudi-Arabien ist spätestens seit 2003 nach einer Serie von Anschlägen im eigenen Land klar geworden, dass die Unterstützung islamistischer Gruppierungen im Ausland und der vermeintlich„bequeme Export wütender junger Männer“ auf das eigene Land negativ zurückwirken kann. FES-Analyse: Saudi-Arabien 11 Saudi-Arabiens Aufrüstung und der„Petro-Euro“ Es ist naheliegend, dass die wachsenden Probleme in den Beziehungen zu den USA den saudischen Wunsch nach außenpolitischer Diversifikation nähren. Der erste auswärtige Besuch nach seiner Amtsübernahme führte König Abdullah nicht nach Washington, sondern nach Peking und neben Amerika war man schon immer darum bemüht, auch bilaterale politische und militärische Kontakte zu größeren europäischen Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland zu pflegen. Seit den 1980er Jahren sind die europäischen Waffenexporte im Durchschnitt sogar größer gewesen als die amerikanischen. Nachdem der Export amerikanischer Kampfflugzeuge vom Typ F-15 am Widerstand der pro-israelischen Lobby lange Zeit gescheitert war, wandte man sich an die Briten, die 1985 im Rahmen des Al-Yamamah Rüstungsdeals Tornados lieferten. Dieser ist bis heute der größte Waffenverkauf der britischen Geschichte und war auch wegen der Höhe der geflossenen Bestechungsgelder beispiellos. Ein Teil des Vertrages wurde im direkten Tauschhandel mit Öllieferungen beglichen. Mit der Unterzeichnung eines Vertrages über die britische Lieferung von 72 Eurofightern im Wert von mehr als 10 Milliarden US-Dollar hat er im August 2006 eine Fortsetzung gefunden. Ein Geschäft von dem auch Deutschland profitieren wird, da es eines der vier an der EurofighterProduktion beteiligten Länder ist. Dennoch muss die europäische Bedeutung relativiert werden. Die Europäer sind nicht in der Lage, einen vollwertigen Ersatz für die amerikanische Schutzmacht zu bieten und sind eher darauf bedacht, im Windschatten von deren Vormachtstellung am Golf zu agieren. Bisher ist darüber hinaus kein Ansatz zu einer einheitlichen europäischen Politik in der Region zu erkennen und die EU wird auf der Seite Saudi-Arabiens und anderer Golfstaaten nicht als handlungsfähiger Partner wahrgenommen. So verfolgen die einzelnen europäischen Staaten ihre Interessen konsequent auf bilateraler Ebene, dürften hier aber mangels Masse zunehmend Probleme haben, ihren Stimmen angemessen Gewicht zu verleihen. Die Etablierung eines Freihandelsabkommens mit den Golfstaaten wurde mehrfach verschoben und genießt offensichtlich keine Priorität auf europäischer Seite. Das Energie Green Paper der EU-Kommision vom März 2006, welches sich intensiv mit Fragen der Energiesicherheit beschäftigt, erwähnt die Golfregion nur unter„ferner liefen“ und konzentriert sich ganz auf Nachbarregionen wie Russland und Nordafrika. Es kann ein wenig der Eindruck entstehen, als seien sich die Europäer der wachsenden energiepolitischen Rolle der Golfregion nicht bewusst. Auf wirtschaftlicher Ebene ist die Bedeutung der Europäer jedoch ungleich größer. Zwar sind asiatische Länder der größte Handelspartner Saudi-Arabiens, da dorthin etwa zwei Drittel der Ölexporte gehen, auf der Importseite ist hingegen Europa wichtiger. Es ist der einzige Handelsblock, der einen Leistungsbilanzüberschuss mit dem Land verzeichnet und liefert rund ein Drittel aller Importe. Es wird wiederum gefolgt von Asien, während die USA nur gut 10 Prozent der Importe liefern. Allerdings sind die USA nach wie vor im strategisch wichtigen Ölsektor präsent – wenig verwunderlich, war doch ARAMCO, ursprüngliche Abkürzung für Arabian American Oil Company, bei seiner Gründung 1944 ein saudisch-amerikanisches Gemeinschaftsunternehmen, bevor es zwischen 1973 und 1980 sukzessive verstaatlicht wurde. Der abnehmenden Bedeutung der USA in der Realwirtschaft steht eine anhaltende Dominanz in Währungsfragen und ausländischen Portfolioinvestitionen gegenüber, die allerdings durch den Aufstieg des Euros möglicherweise gefährdet ist. Wie die Währungen der anderen Länder des Golfkooperationsrates ist der saudische Riyal an den Dollar gekoppelt und rund 70 Prozent der Währungsreserven und ausländischen Investitionen werden in Dollar gehalten. Nachdem der Ölpreisverfall Mitte der 1980er Jahre zur Anhäufung massiver Budgetdefizite in Saudi-Arabien geführt hatte, verfügt das Land nach dem jüngsten Ölpreisanstieg wieder über komfortable Leistungsbilanzüberschüsse. Wie in den 1970er Jahren ist das Land ebenso wie andere OPEC-Länder damit wieder 12 höchst interessant für die Finanzierung des amerikanischen Außenhandelsdefizits. Die Überschüsse der OPEC-Länder machen ungefähr 35 Prozent von diesem aus, während die entsprechende Zahl für Asien bei 49 Prozent liegt. In der Tat waren es im letzten Jahr vornehmlich Kapitalexporte der Ölländer, die den Dollar stabilisierten, während andere große US-Gläubiger ihre Bestände amerikanischer Staatspapiere FES-Analyse: Saudi-Arabien entweder zurückfuhren(Japan) oder in geringerem Umfang steigerten(China). Auch in den nahöstlichen Staaten wurden bereits Überlegungen angestellt, die Währungsreserven in den Euro zu diversifizieren. Angesichts der hohen Bedeutung, die der Nahe Osten für die Dollarstabilisierung hat, auch durch die Fakturierung von Ölexporten in Dollar, könnte dies zu erheblichem Konfliktpotenzial mit den USA führen. Chinas Interesse am saudischen Öl China ist erst 1993 zum Nettoimporteur von Öl geworden und verzeichnet seither einen rasanten Anstieg seines Verbrauchs und seiner Importe bei gleichzeitiger Stagnation der heimischen Produktion. Inzwischen ist es nach den USA weltweit der zweitgrößte Importeur und bezieht 40 Prozent seines Bedarfes aus dem Ausland. Bis 2025 wird ein weiterer Anstieg auf 70 Prozent prognostiziert. Nahezu die Hälfte dieser Importe kommt aus dem Nahen Osten, vornehmlich aus Saudi-Arabien, mit wachsender Tendenz. Daneben verfolgt China umfangreiche Energieinteressen in Afrika(Sudan, Angola, Nigeria) und Zentralasien. 2005 hat es für 4,2 Milliarden US-Dollar die kanadische Petro-Kazakhstan übernommen und jüngst wurde die erste Pipeline von Kasachstan nach China eingeweiht. Bisher erfolgten noch sämtliche Importe Chinas per Schiff oder per Lastwagen und Eisenbahn im Inland. Deshalb ist neben der Sicherung von Energiequellen die Sicherung von Transportwegen eine weitere Priorität der Politik Chinas – insbesondere jenen von der Golfregion, da China von hier den Großteil seiner Importzuwächse beziehen wird und hier eine Kollision mit den Energieinteressen der USA und Westeuropas wahrscheinlich ist. Derzeit baut China mit Milliardenaufwand einen Ölverladehafen in Gawdar im nahen Pakistan, der als Ausgangspunkt für eine Pipeline in Chinas Westen dienen wird. Eine weitere Pipelinelösung über Burma ist angedacht. Das dringendste Problem für China und andere asiatische Staaten ist freilich die nur wenige Kilometer breite Seestraße von Malacca, zwischen Malaysia und Indonesien, durch die rund 70 Prozent der chinesischen Ölimporte gehen. Ähnlich wie die Straße von Hormuz, durch die nahezu 90 Prozent der Ölexporte der Golfstaaten gehen, kann diese leicht durch Akte von Saboteuren oder feindlichen Staaten gesperrt werden, was zu einer faktischen Unterbrechung der Öllieferungen an China führen würde. Nicht zuletzt deshalb ist China am Ausbau seiner Marinekapazitäten gelegen und stellt daher Überlegungen zur Finanzierung eines Kanals durch Südthailand an, welcher die Straße von Malacca umgehen würde. Ein wichtiges Projekt zur chinesischen Energiesicherheit ist derzeit der Aufbau einer eigenen strategischen Ölreserve, wie dies die USA im Laufe der 1970er Jahre getan haben. Diese könnte Lieferunterbrechungen für eine Zeit lang ausgleichen und China arbeitet hier eng mit ARAMCO zusammen, welches wie auch das benachbarte Kuwait in Raffineriekapazitäten für sour crude in China und Korea investiert. Sour crude stellt den Großteil der saudischen Reservekapazität dar, welche es nur bei Angebotsturbulenzen auf die Weltölmärkte wirft. Die Raffineriekapazität für diese Ölsorte ist knapp, daher ist die Bereitstellung bei den wichtigen asiatischen Kunden von großer Bedeutung, um langfristige Lieferbeziehungen zu etablieren und die Ölmärkte zu stabilisieren. Weitere Aufsehen erregende Investitionen aus der Region waren in jüngster Zeit der Kauf einer 2,7-Prozent-Beteiligung an der Bank of China für 2 Milliarden USDollar durch ein saudisches Investorenkonsortium um den Prinzen Al Waleed Bin Talal. Sicherlich ist es in jüngster Zeit zu einer erheblichen Annäherung zwischen Saudi-Arabien und China gekommen, im April betonte FES-Analyse: Saudi-Arabien Kronprinz Sultan bei einem Besuch in Singapur noch einmal die verstärkte Orientierung SaudiArabiens nach Asien im Rahmen einer„ look-eastpolicy“. Im aktuellen„ China-Hype“ wird allerdings gerne übersehen, dass dieses weit davon entfernt ist, mehr als eine asiatische Regionalmacht zu sein. Chinas Nähe zu Iran ist darüber hinaus angetan, saudische Skepsis zu nähren: Es unterzeichnete 2004 einen 70 Milliarden Dollar Gasvertrag mit Iran, welcher dieses Jahr als Beobachter auf die Sitzung der Shanghai-Kooperations-Organisation( SCO) eingeladen wurde. Der 2001 gegründeten SCO gehören neben China und Russland die zentralasiatischen Staaten an. Obwohl ein loses Kon13 sultativgremium mit limitierter Interessenkonvergenz, kann die SCO als versuchtes geostrategisches Gegengewicht zu den USA und damit verbundener Energiefragen gewertet werden. Amerikanische Truppen mussten ihre Basis im SCO- Mitgliedsland Usbekistan 2005 nach Aufforderung durch die Regierung räumen. Zusammen mit Russland leistet China dem Iran überdies hinhaltende Hilfe im Atomstreit mit den USA. Letzten Endes dürfte sich Saudi-Arabien im Falle einer Konfrontation eher unter die Fittiche der USA und ihrer europäischen Juniorpartner begeben, als sich auf chinesische Experimente in der Außenpolitik einzulassen. Eine Wirtschaft am Tropf? Die Bereitschaft der Industriestaaten, Öl zum Gegenstand von politischen und militärischen Interventionen zu machen, führt leicht zu einer Haltung, die sich mit„wie kommt unser Öl unter deren Sand“ umschreiben lässt. Dieser Missachtung nationaler Souveränitäten und Befindlichkeiten im Nahen Osten stehen Gesellschaften in der Region gegenüber, für die Öl und Gas längst selbst zum wichtigen Faktor ambitionierter Entwicklungsplanungen geworden ist. Während im Westen immer noch das Bild des traumhaft reichen Ölscheichs anzutreffen ist, haben hohes Bevölkerungswachstum und niedrige Ölpreise in den 1980er und 1990er Jahren zu einer erheblichen Schrumpfung des ProKopf-Einkommens in Saudi-Arabien geführt. Während dieses am Ende der 1970er Jahre OECD-Niveau erreicht hatte, liegt es mit nunmehr rund 10 000 US-Dollar auf einer Linie mit Schwellenländern wie Mexiko. Insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit stellt ein wachsendes Problem dar – viele Reformvorhaben, von der Modernisierung des Bildungssystems über die Diversifizierung der Wirtschaft bis hin zur„Saudisierung“ des Arbeitsmarktes, lassen sich auf diese Problemlage zurückführen. Während das problematische Wachstum der Bevölkerung anhält, hat der Ölpreis seit 2002 eine bemerkenswerte Wende vollzogen, die an die glorreichen Zeiten des Ölbooms erinnert und der saudischen Regierung neue entwicklungspolitische Handlungsspielräume eröffnet. Erdöl bleibt trotz aller Diversifizierungsbemühungen der entscheidende Antrieb und Schmierstoff der saudischen Wirtschaft. Es repräsentiert 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 75 Prozent der Staatseinnahmen und 90 Prozent der Exporterlöse. Erdöl ist damit zentraler Faktor der saudischen Wirtschaft, von wo aus andere Sektoren, über staatliche Investitions- und Subventionsprogramme stimuliert werden. Die Golfregion konsumiert bereits 17 Prozent der eigenen Ölproduktion und hat gegenwärtig mit jährlich 4,5 Prozent die weltweit höchsten Zuwachsraten des Ölverbrauchs. Gleichzeitig richten sich die Hoffnungen der Welt auf sie, in wachsendem Maße Energie zu exportieren. Die Petrochemie und andere energieintensive Industrien wie die für Stahl, Aluminium, Düngemittel und Zement sind zu wichtigen Säulen einer saudischen Diversifikationsstrategie geworden, die das Land einerseits unabhängiger vom Erdöl machen soll, andererseits eine Verlängerung der Wertschöpfungskette des schwarzen Goldes bewerkstelligen soll. So möchte man möglichst viele nachgelagerte Veredelungs- und Raffinadeprozesse und die damit einhergehenden Jobs und Profite im Land behalten. Der zu 70 Prozent in Staatsbesitz befindliche Petrochemie-Gigant SABIC, der erst 14 1976 gegründet wurde, ist zwischenzeitlich zum Weltmarktführer aufgestiegen und produziert 10 Prozent aller weltweiten petrochemischen Produkte wie Polymere für die Plastikproduktion; und dies mit steigender Tendenz. Mit der Übernahme der petrochemischen Sparte der holländischen DSM 2002 hat der Konzern darüber hinaus seine globalen Ambitionen formuliert. Neben diesem wachsenden schwerindustriellen Profil der saudischen Wirtschaft setzt man große Hoffnungen auf Wachstum im arbeitsintensiveren Servicesektor. Das 26-MilliardenUS-Dollar-Projekt der King Abdullah Economic City im Norden von Jeddah soll Saudi-Arabien FES-Analyse: Saudi-Arabien zum Zentrum der wachsenden Kapitalmärkte in der Region machen, Handelsdienstleistungen aller Art an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa bieten und bis zu 500 000 Jobs schaffen. Im Tourismus möchte man bis 2020 über zwei Millionen Jobs schaffen. Aufgrund der Abschottung des strukturkonservativen Landes ist dies jedoch unwahrscheinlich. Restriktive Visavergabe, Abwesenheit archäologischer Sehenswürdigkeiten und die bleierne Langeweile, die über dem Land zu liegen scheint, beschränken etwaige Erfolge in diesem Bereich auf den bereits etablierten, religiös motivierten Tourismus zu den heiligen Stätten in Mekka und Medina. Gut geölt – der saudische Rentierstaat Öl dominiert nicht nur die außenpolitischen Beziehungen und die Wirtschaft Saudi-Arabiens, es ist auch ein entscheidender Faktor für die Stabilität der saudischen Herrschaft, da die Einnahmen aus dem Ölgeschäft zahlreiche sozialstaatliche Programme und Subventionen finanzieren, vom Bildungs- und Gesundheitswesen bis zu Subventionen für Wasser, Elektrizität und Benzin. Darüber hinaus arbeitet ein Großteil der einheimischen Bevölkerung im öffentlichen Sektor, da die meisten dessen Jobsicherheit, Prestige und soziale Leistungen bevorzugen. Im Unterschied zu Industriestaaten werden diese Ausgaben jedoch nicht durch Steuereinnahmen finanziert, sondern im Wesentlichen durch die Einnahmen aus dem Ölgeschäft, sogenannten Renten. Saudi-Arabien ist damit ein typisches Beispiel für einen„Rentierstaat“. Die meisten dieser Rentierstaaten werden autokratisch regiert: Da der Staat die Bürger nicht zu seiner Finanzierung benötigt, räumt er ihnen auch keine Teilhabe ein, sondern stellt sie durch vielfältige Alimentationen ruhig und verbittet sich Einmischungen in seine Angelegenheiten – no taxation and no representation. Neben sozialstaatlichen Leistungen und Jobs im öffentlichen Sektor wurde die Verteilung der Ölrente über fünf wirtschaftliche Mechanismen bewerkstelligt: Das System einheimischer Sponsoren für ausländische Firmen, Landverteilung durch den Staat, Förderung extensiver Landwirtschaft, staatliche Beschaffungspolitik und staatliche Förderungen für Industriefirmen. Das System des Rentierstaats hat zu Zeiten des Ölbooms gut funktioniert, kann aber leicht zu Legitimationsproblemen führen, wenn der Staat aufgrund von Ölpreisverfall und Bevölkerungswachstum die Leistungen nicht mehr im gewohnten Umfang zur Verfügung stellen kann. Gesunkene Pro-Kopf-Einkommen, hohe Jugendarbeitslosigkeit und die Benachteiligung ganzer Regionen(der Norden und die Asir-Provinz) bereiten Probleme und haben zu erheblicher sozialer Unzufriedenheit geführt. Unzufriedenheit, die sich im autokratischen System SaudiArabiens nur bedingt artikulieren kann. Da 40 Prozent der Bevölkerung unter 18 Jahre alt ist und weitgehend ohne Perspektive für sozialen Aufstieg, wird dieser Druck bis auf Weiteres nicht abnehmen. Aufgrund niedriger Ölpreise und der damit verbundenen Defizite, begann der saudische Staat 1998 eine Reihe wirtschaftlicher Reformen in der Hoffnung, Wachstum abseits der traditionellen staatlichen Investitions- und Verteilungsmechanismen zu generieren. Mittels neu geschaffener Institutionen wie den Supreme Councils für Wirtschaft, Öl und Tourismus und der Saudi Arabian General Investment Authority FES-Analyse: Saudi-Arabien ( SAGIA) sollen langfristige Strategien entwickelt und ausländische Direktinvestitionen angezogen werden. Durch Saudisierung, Druck auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer und Qualifizierungsmaßnahmen möchte man mehr Berufe für Einheimische öffnen, die aufgrund ausgeprägter White-Collar-Mentalität und eines stark religiös orientierten Curriculums viele Berufszweige nicht wahrnehmen wollen oder können. Saudi-Arabien sieht sich dadurch mit der paradoxen Situation konfrontiert, dass zwei Drittel der Arbeitskräfte Ausländer sind, welche nur ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, während die Arbeitslosenzahl der einheimischen Bevölkerung inoffiziellen Schätzungen zufolge bis zu 30 Prozent beträgt. Sollte sich die Politik der Saudisierung materialisieren, würde dies immense Belastungen für die ohnehin benachteiligte und oft unter schwierigsten Bedingungen arbeitende Gruppe der Ausländer bedeuten: Bis zu drei Millionen von ihnen müssten über die nächsten zehn Jahre mit ihrer erzwungenen Rückführung in ihr Herkunftsland rechnen. Die Hoffnung auf Generierung von mehr Wachstum ruht auf einer größeren Rolle des Privatsektors und einer Handelsbourgeoisie, die sich im Rahmen von Kammerwahlen zunehmend artikuliert. Umgekehrt geht damit ein Zurückdrängen des religiösen wahhabitischen Establishments einher. Letzteres spielt im konservativen Saudi-Arabien seit der Staatsgründung eine große Rolle im Bildungs- und Gerichtswesen sowie als staatliche Legitimationsinstanz. Noch in den 1980er Jahren erfuhr diese wahhabitische Elite spezielle Förderung, weil man aufgrund der Herausforderung Ayatollah Khomeinis islamische Legitimität benötigte. Da man von ihr jedoch keine Lösung der wirtschaftlichen Probleme erwartet und sie seit den 1990er Jahren gefährliche Nähe zu islamistischen Gruppierungen zeigte, die das Regime in Frage stellen, wird seither der wirtschaftlichen Elite und westlich ausgebildeten Technokraten Wohlwollen signalisiert. Diese sind inzwischen auch im 1993 etablierten Konsultativgremium des Majlis ash-Shura überrepräsentiert. Diese Institution verfügt zwar nicht über parlamentarische Kontroll- und Budgetrechte und wird auch nicht gewählt, sondern vom König bestimmt. Seine 15 Wirkungsmöglichkeiten sollten aber nicht unterschätzt werden. Aufgrund der konsensualen saudischen Regierungsführung und der auch für autokratische Regime bestehenden Notwendigkeit, bestimmte Gruppen einzubinden, haben dadurch zumindest Teile der Mittelklasse eine gewisse Möglichkeit zur Einflussnahme. Darüber hinaus wird derzeit die Bestimmung der Hälfte seiner Mitglieder per Wahl diskutiert. Ein weiteres Element der Partizipation wurde 2005 mit der Einführung von Kommunalwahlen geschaffen, bei denen Frauen allerdings weder aktives noch passives Wahlrecht genossen. Das Interesse an den Wahlen war jedoch gering, die Wahlbeteiligung lag bei nur 15 Prozent. Konservative islamistische Kandidaten gewannen die Mehrheit der Sitze, während sich liberaler gesinnte Kandidaten nicht durchsetzen konnten. Bei alledem bleibt Saudi-Arabien eine Monarchie. Während Ministerien, Behörden und Unternehmen durchaus über eine Funktionselite verfügen, die nicht der Königsfamilie entstammen, bleiben wichtige Entscheidungen Familiensache. Naturgemäß ist der damit verbundene Entscheidungsprozess, wie auch die im Staatsbudget nicht auftauchenden Alimente der königlichen Familie, wenig transparent und von allerlei Spekulationen umgeben. Taktische Allianzen innerhalb der Familie bilden sich häufig zwischen Söhnen heraus, die dieselbe Mutter haben. Die Familie ist weit verzweigt, der innere Machtzirkel beschränkt sich aber auf wenige Akteure, die sämtlich Söhne des Staatsgründers Bin Saud sind. Neben König Abdullah sind dies vor allem Kronprinz und Verteidigungsminister Sultan, Innenminister Naif und der Gouverneur von Riad, Salman. Die Söhne der verstorbenen Könige Faisal und Fahd verfügen ebenfalls über erheblichen Einfluss. Die Familie umfasst etwa 5.000 bis 9.000 männliche Angehörige. Angesichts dieser hohen und wachsenden Anzahl, ist das Privileg Prinz zu sein, einer gewissen Erosion ausgesetzt und es ist leicht vorstellbar, dass es auch hier Unmut über mangelnde Aufstiegschancen und abnehmende Pfründe gibt. Bisher ist es dem Hause Saud aber gut gelungen, etwaige Interessengegensätze innerhalb der Familie auszugleichen. Zuletzt zeigte dies 2005 der reibungslose Machtübergang vom verstorbenen König Fahd auf 16 seinen Nachfolger Abdullah. Da der jetzige Amtsinhaber und die potenziellen Nachfolger aus seiner Generation deutlich über 70 oder gar 80 Jahre alt sind, wird allerdings abzuwarten FES-Analyse: Saudi-Arabien sein, ob der zu erwartende Machtübergang auf jüngere Generationen ähnlich reibungslos vonstatten gehen wird. Neue Rolle in der internationalen Energiepolitik absehbar? Wie auch immer sich die außenpolitischen Konstellationen für Saudi-Arabien entwickeln werden – in jedem Falle werden auf absehbare Zeit Öl zu bedeutend sein und die Golfstaaten zu schwach bleiben, als dass der ausländische Einfluss in der Region abnehmen wird. Die sozialpolitischen Herausforderungen im Innern werden derweil anhalten. Neben einer Öffnung des Bildungswesens und der politischen Kultur stehen dabei wirtschaftliche Fragen im Zentrum. Sollte es nicht gelingen, einen arbeitsintensiven, vom Öl zumindest teilweise unabhängigen Entwicklungspfad zu erreichen und gleichzeitig das Bevölkerungswachstum zu bremsen, ist mit erheblichen gesellschaftlichen Turbulenzen zu rechnen. In diesem Falle könnte die wachsende Schar perspektivloser Jugendlicher sich zu islamistischen Gruppierungen hingezogen fühlen. Folgende Langzeit-Szenarien sind denkbar Szenario 1, Steigerung von Ölproduktion und Wirtschaftswachstum,„business as usual“: Eine Steigerung der Ölproduktion bis 2030, wie von DOE und IEA antizipiert, ist möglich. Die weltweit steigende Nachfrage kann befriedigt werden. Die Verteilungsarrangements erfolgen wie bisher unter der Regie der amerikanischen Hegemonialmacht, die allerdings der wachsenden Bedeutung Europas und Chinas sowie regionalen Empfindlichkeiten Respekt zollt und um mehr Multilateralismus bemüht ist. Saudi-Arabien beschert dieses Arrangement relative Ruhe und Wohlstand. Auf dem eingeschlagenen energieintensiven Entwicklungspfad kann es erhebliches Wachstum generieren und der wachsenden Bevölkerung ein leidliches Auskommen bescheren. Zusammen mit dem Bemühen um islamische Legitimität hält dies die soziale Unruhe in Grenzen. Selbst wenn dieses Szenario eintrifft, wird sich die Frage nach der Endlichkeit von Öl und Gas mit dann gewachsener Brisanz erneut stellen, denn die Produktion von Öl und Gas müsste ja auf dem dann erhöhten Niveau gehalten und weiter gesteigert werden. Letztendlich müsste dieses Zeitfenster genutzt werden, um Alternativen zu entwickeln und weltweit eine drastisch verminderte Abhängigkeit von Kohlenwasserstoffen in die Wege zu leiten. Szenario 2, Peak Oil und sozio-politische Desintegration: Eine Erhöhung der Ölproduktion gelingt nicht. Es kommt zu wachsenden zwischenstaatlichen Verteilungskonflikten um Öl und Gas und die Hegemonialrolle der USA wird in Frage gestellt. Umgekehrt benutzen die USA in wachsendem Maße militärische Mittel, um sich selber und ausgewählten Verbündeten (z.B. Westeuropa, Japan) privilegierten Zugang zu Öl zu verschaffen. Saudi-Arabiens Öleinnahmen könnten aufgrund steigender Preise trotzdem hoch bleiben, es ist aber fraglich, ob es sie ungestört genießen kann. Innenpolitisch kommt es aufgrund wirtschaftlicher Probleme in vielen Staaten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen ,,vielleicht auch in Saudi-Arabien, wo islamistische Opposition und zentrifugale Tendenzen in den Provinzen zu einer erheblichen Delegitimation des Staates führen könnten. Szenario 3, Peak Oil und sozio-politische Reorganisation: Eine Erhöhung der Ölproduktion gelingt nicht, die daraus resultierenden Probleme lassen sich jedoch durch internationale Kooperation und neue nicht energieintensive Entwicklungswege lösen. Das Upsalla-Protokoll der europäischen Association for the Study of Peak Oil and Gas(ASPO) schlägt vor, dass sich Erzeuger- und Verbraucherländer darauf einigen, ihre Ex- und Importe gemäß der jährlichen Reservenerschöpfung zu reduzieren. Ein Unterfangen, welches neben transparenten Statistiken FES-Analyse: Saudi-Arabien auch eine vollständige Neuordnung der Wirtschaftsweise und erheblichen Idealismus der auf Eigennutz getrimmten Nationalstaaten, Unternehmen und Konsumsubjekte erfordern würde. Massenhafter Individualverkehr, Flugreisen in die Karibik und importiertes Obst aus Neuseeland wären auch bei einer wachsenden Rolle 17 erneuerbarer Energien nicht möglich. Aber die neue Langsamkeit könnte auch ihre guten Seiten haben und wer weiß, vielleicht könnten SaudiArabien und der Nahe Osten sich bei einem solchen Übergang in eine bescheidenere, aber auch nachhaltigere Wirtschaftsweise durch Nutzung der Solarenergie neu erfinden und profilieren. Abkürzungsverzeichnis ARAMCO ASPO CNG DOE DSM ENI GCC GTL IEA OECD OPEC RAND Foundation SAGIA SASOL SABIC SCO VAE Staatliche saudische Ölgesellschaft Association for the Study of Peak Oil and Gas Compressed Natural Gas – komprimiertes Erdgas US-Department of Energy Holländische Chemiefirma(Dutch State Mines) Italienische Öl und Gas Firma Golf Cooperation Council – Regionalorganisation am persischen Golf- Mitglieder: Saudi-Arabien, UAE, Oman, Katar, Bahrain und Kuwait Beim Gas To Liquids- Verfahren wird Erdgas durch Zufuhr von Sauerstoff und Wasserdampf zu flüssigem Kohlenwasserstoff umgewandelt. Daraus kann unter anderem ein hochwertiger Kraftstoff für Diesel- und Ottomotoren gewonnen werden. Internationale Energie-Agentur Organization for Economic Cooperation and Development Organization of the Petroleum Exporting Countries Washingtoner Forschungsinstitut,“think tank” Saudi Arabian General Investment Authority Südafrikanische Firma für Chemie, Energie und Bergbau Saudi Basic Industries Corporation, diversifiziertes Unternehmen der chemischen Industrie. Es gehört zu 70% dem saudischen Staat. Shanghai Cooperation Organisation(asiatische Regionalorganisation; Mitglieder: Volksrepublik China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan) Vereinigte Arabische Emirate