Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt Jugend und europäische Identität Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt Daniel Fuß 1. Das Projekt„Jugend und europäische Identität“ Bei der internationalen Studie mit vollem Titel„Orientations of Young Men and Women to Citizenship and European Identity’ handelt es sich um ein von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenes Forschungsprojekt. 1 Daran beteiligt sind neben Deutschland auch Großbritannien, Österreich und Spanien als langjährige Mitgliedsstaaten der EU sowie Tschechien und die Slowakische Repub lik als Beitrittskandidaten. In jedem Land wurden jeweils zwei Städte als„Vertreter“ bestimmter Regionen mit unterschiedlichen ökonomischen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen ausgewählt. Für die Bundesrepublik fiel die Wahl auf Chemnitz und Bielefeld als vergleichbare Städte der neuen und alten Bundesländer. 2 In allen zehn Städten fanden während der letzten zwei Jahre insgesamt drei Befragungen statt: (1) eine repräsentative Umfrage unter ca. 400 zufällig ausgewählten Jugendlichen im Alter von 18 bis 25 Jahren(Sommer 2002) (2) eine Befragung von ca. 100 gezielt ausgesuchten Jugendlichen, die international bzw. europäisch orientierte Studiengänge absolvieren(Sommer 2002) (3) eine Reihe von persönlichen Tiefeninterviews mit Teilnehmern der ersten beiden Befragungen(Sommer 2003) 1 Die Gesamtkoordination des noch bis 2004 laufenden Forschungsprojekts liegt bei Prof. Jamieson von der University of Edinburgh. Für die Durchführung der Studie in Deutschland sind neben dem Autor Prof. Boehnke von der International University Bremen sowie Prof. Nauck von der Technischen Universität Chemnitz verantwortlich. 2 In Österreich wurden die Städte Wien und Bregenz(Vorarlberg), in Spanien Madrid und Bilbao(Baskenland) sowie in Großbritannien Manchester(England) und Edinburgh(Schottland) ausgewählt. Die Tschechische und Slowakische Republik bilden auf dieser Vergleichsebene im Prinzip zwei“Regionen“, die jeweils durch die Landeshauptstädte Prag und Bratislava repräsentiert sind. www.fes-online-akademie.de Seite 1 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt Das komplexe Forschungsdesign eröffnet zahlreiche interessante Möglichkeiten des Vergleichs. Darüber hinaus verspricht die Anwendung verschiedener Techniken der Datenerhebung auch aussagekräftige Antworten auf die zentralen Fragen der Studie: § Kann man bei jungen Menschen bereits von der Existenz einer europäischen Identität sprechen? § Inwieweit lassen sich nationale und europäische Identität miteinander vereinbaren? § Welche Faktoren begünstigen die Herausbildung einer europäische n Identität? § Welches Verständnis haben die jungen Leute von Europa? § Und wie nehmen sie den europäischen Integrationsprozess wahr? Im folgenden Text werden einige Ergebnisse der bisherigen Analysen vorgestellt. Noch ist das Forschungsprojekt nicht vollständig abgeschlossen. Weitere Informationen können auf der ständig aktualisierten Projekt-Website unter: http://www.ed.ac.uk/sociol/youth abgerufen werden. 2. Europäische und nationale Identität Um zunächst einen Eindruck vom Ausmaß europäischer Identität bei jungen Menschen zu gewinnen, wurden allen Teilnehmern je drei Fragen vorgelegt. Die Fragen zielten dabei vor allem auf den emotionalen Aspekt von Identität, d. h. die gefühlsmäßige Verbundenheit mit Europa. Mit derselben Art von Fragen wurde gleichzeitig die jeweilige Identifikation der Jugendlichen mit ihrem Land ermittelt. Wie stark sind nun europäische und nationale Identität bei den repräsentativ befragten Jugendlichen ausgeprägt? 2.1. Verbundenheit mit Europa/ Nation Auf einer Skala von 0( ‚überhaupt nicht’) bis 4( ‚sehr stark’) konnten alle Befragten angeben, wie stark sie sich jeweils mit Europa bzw. ihrem Land verbunden fühlen. Abbildung 1 zeigt den Anteil der Jugendlichen pro Stadt, die sich ‚stark’ oder ‚sehr stark’ mit Europa bzw. ihrem Land verbunden fühlen. 3 Dabei fällt auf, dass sich die meisten jungen Menschen in Madrid stark mit Europa verbunden fühlen. Auch bei der nationalen Identifikation 3 In Österreich konnte aus finanziellen Gründen nur mit einem eingeschränkten Fragebogen gearbeitet werden, in dem unter anderem auch die Fragen zur Verbundenheit fehlten. www.fes-online-akademie.de Seite 2 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt liegen die Jugendlichen aus Spaniens Hauptstadt ganz vorn. Aber auch in den beiden deutschen Städten fühlt sich fast jeder Zweite mit Europa verbunden. Zwar überwiegt auch hier die Verbundenheit mit Deutschland, allerdings fällt der Unterschied nur sehr gering aus. Schlusslicht bei der Verbundenheit mit Europa sind die Edinburgher, von denen nur reichlich ein Viertel eine starke Identifikation aufweist. Abb. 1: Verbundenheit mit Europa/ Nation 100% 80% 60% 40% 20% 78.3 52.1 52.1 46.8 Nationale Identität 45.5 43.3 39.8 38.0 55.9 33.5 0% drid feld nitz a M iele em B Ch ilbao lava B tis Bra Europäische Identität 60.8 61.2 39.6 32.6 32.2 26.9 rag ter P es nch a M rgh inbu Ed in Bregenz und Wien wurden diese Fragen leider nicht gestellt ien nz W ge e Br 2.2. Sich als Europäer/ Deutscher fühlen Auf die Frage: ‚Wie stark fühlst du dich selbst als Europäer bzw. als Deutscher, Spanier, Brite etc.?’ antworteten die Jugendlichen wiederum mit einer Zahl zwischen 0( ‚überhaupt nicht’) und 4( ‚sehr stark’). Hier sind es nun die Befragten aus Bielefeld und Chemnitz, die am häufigsten von einem ‚starken’ bzw. ‚sehr starken’ Gefühl als Europäer berichten. Auch in den beiden österreichischen Städte n sowie in Prag und Bratislava empfindet sich eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen als Europäer. In Bilbao und Edinburgh behauptet dies dagegen nur etwa jeder Vierte von sich. Erneut überwiegt in allen Städten die Identifikation mit dem eigenen Land. Während jedoch die Differenz zwischen Jugendlichen mit einer hohen europäischen und einer hohen nationalen Identität in den deutschen Städten sehr gering ausfällt, fühlen sich vor allem in Prag, Bratislava und Manchester deutlich mehr Jugendliche mit ihrem Land als mit Europa verknüpft. Abb. 2: Gefühl als Europäer/ Deutscher etc. 100% 80% 60% 40% 64.5 63.5 72.3 63.3 20% 0% feld iele B nitz hem C 86.7 62.4 64.3 58.8 85.7 57.2 65.8 51.3 Nationale Identität Europäische Identität 66.8 36.9 75.0 28.8 30.7 27.2 41.9 22.4 rag ien ava nz drid ter P W tisl ge e a M es h ra Br nc B a M www.fes-online-akademie.de ilbao rgh B inbu Ed Seite 3 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt 2.3. Wichtigkeit EU-Bürgerschaft/ nationaler Herkunft für das eigene Selbstbild Auch bei der dritten Frage: ‚Wie wichtig ist es für dich, im Sinne von wer du bist und wie du über dich selbst als Person denkst, ein[zukünftiger] Bürger der Europäischen Union zu sein bzw. aus Deutschland[Spanien, Großbritannien etc.] zu kommen?’ sollten sich die Befragten für eine Zahl zwischen 0( ‚völlig unwichtig’) und 4( ‚sehr wichtig’) entscheiden. Grundsätzlich scheint die EU-Bürgerschaft nur bei einer Minderheit der Jugendlichen von hoher Bedeutung für das persönliche Selbstkonzept zu sein. Aber zumindest in Bratislava, und auch in Prag, bewertet ein nicht unerheblicher Teil der jungen Menschen die baldige Zugehörigkeit zur EU als wichtig für die eigene Person. Bei den deutschen Jugendlichen spielt es immerhin für knapp ein Drittel eine wichtige Rolle, Bürger der EU zu sein. Einmal mehr zeigt sich, dass die Definition der eigenen Person häufiger über die nationale Zugehörigkeit als über eine europäische Unionsbürgerschaft erfolgt. Besonders deutlich ist dies bei den Jugendlichen aus Manchester zu beobachten. Abb. 3: Wichtigkeit, ein EU-Bürger/ aus Deutschland etc. zu sein 100% 80% 60% 40% 58.9 55.4 20% 0% tislava Bra 65.2 41.5 48.5 40.3 61.1 36.2 rag nz drid P ge e a M Br 41.5 33.3 Nationale Identität Europäische Identität 38.0 31.8 57.4 45.6 30.6 23.1 20.6 17.0 33.5 14.6 ien feld nitz ter W iele em es h B Ch nc a M ilbao rgh B inbu Ed 2.4. Fazit Fasst man abschließend noch einmal den Anteil der Jugendlichen zusammen, die bei allen drei Fragen zur europäischen und nationalen Identität eine 3 oder 4 als Antwort angekreuzt haben, dann ergibt sich folgendes Bild: Sowohl in Bielefeld als auch in Chemnitz identifiziert sich fast jeder Fünfte mit Europa. In Bratislava liegt dieser Anteil noch etwas höher, was wohl vor allem mit den Hoffnungen auf einen baldigen wirtschaftlichen Aufschwung durch die EU-Mitgliedschaft begründet werden kann. Edinburgh und Bilbao sind dagegen die zwei Städte, in denen sich weniger als 10% der jungen Menschen durch eine hohe europäische Identität auszeichnen. Vergleicht man diese Zahlen mit der nationalen Identifikation, dann verändert sich die Reihenfolge. So ist in Madrid der Anteil der Jugendlichen am höchsten, die sich stark mit www.fes-online-akademie.de Seite 4 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt ihrem Land identifizieren. Auch in Prag, Bratislava und Manchester gibt es vergleichsweise viele junge Menschen mit einer ausgeprägten nationalen Identität. Wenig überraschend ist der Befund, dass die nationale Identifikation in Bilbao und Edinburgh am geringsten ausgeprägt ist. In beiden Städten überwiegt der regionale Bezug zum Baskenland bzw. zu Schottland, die zumeist als unabhängige Alternativen zu Spanien bzw. Großbritannien angesehen werden. Der Anteil deutscher Jugendlicher mit einer starken nationalen Identität ist auch nur geringfügig höher. Interessanterweise sind es sogar die Chemnitzer, die sich etwas stärker mit der Bundesrepublik Deutschland identifizieren. Insgesamt scheint aber auch für junge Menschen eine Identifikation mit Deutschland noch mit zahlreichen Vorbehalten und Schwierigkeiten behaftet zu sein. Abb. 4: Europäische/ Nationale Identität 60% 52.4 40% 37.3 20% 23.2 24.0 18.0 18.8 17.7 17.5 0% tislava Bra nitz hem C drid feld a M iele B 44.2 12.9 Nationale Identität Europäische Identität 36.5 13.4 10.7 9.7 14.3 6.2 für Wien/ Bregenz können keine Werte berechnet werden, da nur zwei von drei Identitätsfragen gestellt wurden rag P ter s ilbao rgh nz e ien che B inbu reg W an Ed B M Dass sich eine starke nationale Identität nicht mit einem europäischen Verbundenheitsgefühl vereinbaren lässt, kann anhand der Daten nicht bestätigt werden. Ganz im Gegenteil: Mit einer einzigen Ausnahme(Bratislava) sind nationale und europäische Identität der Befragten überall hochgradig miteinander korreliert. Wer sich stark mit Europa identifiziert, der fühlt sich auch mit seinem Land verbunden und vice versa. Nation und Europa fungieren damit als einander ergänzende Quellen persönlicher Identifikation. Von einem Konkurrenzverhältnis oder einer Verdrängung der nationalen Identität durch Europa kann deshalb nicht die Rede sein. 3. Quellen europäischer Identität Welche persönlichen Faktoren begünstigen die Herausbildung einer starken europäischen Identität? Um diese Frage zu beantworten, werden einige Merkmale der Befragten mit Bezug auf deren Ausprägung europäischer Identität etwas genauer unter die Lupe genomwww.fes-online-akademie.de Seite 5 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt men. Die dargestellten Ergebnisse beziehen sich dabei wiederum auf die repräsentativ befragten Jugendlichen aus den zehn beteiligten Städte. 3.1. Alter und Geschlecht Zum Zeitpunkt der Befragung waren alle Befragten zwischen 18 und 25 Jahre alt. Von daher ist es kaum verwunderlich, dass zwischen Alter und Ausmaß der Identifikation mit Europa kein systematischer Zusammenhang festgestellt werden kann. Nur in Manchester sind es eher die jüngeren Befragten, die sich stärker mit Europa identifizieren. Dafür existiert in allen Städten ein bemerkenswerter Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Befragten. Demnach sind es vor allem die jungen Frauen, die sich häufiger mit Europa identifizieren. Von den Jugendlichen, die insgesamt eine hohe europäische Identität aufweisen(vgl. Abb. 4) sind 55% weiblichen Geschlechts, während deren Anteil beim Rest der Befragten nur bei 45% liegt. 3.2. Schulbildung Die Ausprägung einer europäischen Identität wird häufig mit dem Bildungsniveau einer Person in Verbindung gebracht. Tatsächlich zeigt sich auch in dieser Studie eine Tendenz, der zufolge Personen mit höherem Bildungsabschluss eine stärkere europäische Identität aufweisen. Allerdings fällt dieser Befund nicht eindeutig aus. Abgesehen davon, dass ein Vergleich der Bildungsabschlüsse auf internationaler Ebene sehr schwierig ist, erweist sich z. B. die Ausprägung europäischer Identität bei den Chemnitzern und Bielefeldern als völlig unabhängig von deren Bildungsniveau. Mit anderen Worten: Es lassen sich keine Unterschiede zwischen jungen Menschen mit Hauptschulabschluss, Realschulabschluss oder Abitur feststellen. Dieses Ergebnis wird vielleicht verständlich, wenn man sich die Antworten auf folgende Frage anschaut: ‚Wie umfangreich wurde während deiner Schulzeit die Europäische Union bzw. die Europäische Gemeinschaft, d. h. das Parlament, die Gesetze und die Politik behandelt?’. Abbildung 5 zeigt recht eindrucksvoll, dass sowohl in Bielefeld als auch in Chemnitz die meisten Jugendlichen nur ‚selten’ oder ‚gar nichts’ in der Schule zur EU gehört haben. Nur etwa jeder Fünfte ist der Meinung, die EU-Thematik sei ‚umfangreich’ behandelt worden. Beide Städte schneiden damit im internationalen Vergleich eher schlecht ab. Dabei spielt es auch keine Rolle, welchen Bildungsabschluss die Jugendlichen haben. www.fes-online-akademie.de Seite 6 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt Es sind sogar mehrheitlich Abiturienten und Studierende, für die die niedrigsten Werte ermittelt wurden. Doch wie kommt es dann, dass sich ausgerechnet die deutschen Jugendlichen durch eine hohe europäische Identität auszeichnen? Die schulische Ausbildung kann dafür zumindest nicht verantwortlich sein, denn auch statistisch zeigt sich nur ein sehr geringer Zusammenhang zwischen der Behandlung der EU-Thematik in der Schule und dem Ausmaß an europäischer Identität. Abb. 5: Behandlung der EU in der Schule 60% 53.1 umfangreich geringfügig 40% 20% 36.3 36.1 34.0 32.5 22.9 21.7 21.1 18.3 16.8 17.5 28.1 34.8 24.8 30.7 30.9 39.6 36.6 33.8 50.8 0% Wie reg n enz B rag bao ava drid rgh feld nitz ster P Bil tisl Ma nbu ele em he Bra Edi Bi Ch anc M Dass die Bildung dennoch ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist, zeigen die Resultate der zweiten Befragung. Für diese Zusatzbefragung wurden bewusst Leute mit einer international bzw. europäisch orientierten Ausbildung ausgewählt. Zumeist handelt es sich um Studierende von Fächern wie European Studies, European Law, International Management oder Interkulturelle Kommunikation. Diese Jugendlichen wurden exakt die gleichen Fragen gestellt. Vergleicht man diese nun mit den„normalen“ Jugendlichen der Repräsentativbefragung(vgl. Abb. 4) ergeben sich drei markante Unterschiede: Zum einen ist der Anteil von Befragten mit hoher europäischer Identität erwartungsgemäß größer(einzige Ausnahme: Bratislava). Zum anderen sind es jetzt ausgerechnet die Edinburgher, die den größten Anteil pro-europäischer Jugendlicher stellen. Und zu guter Letzt überwiegt bei Chemnitzern und Bielefeldern mit internationalem Ausbildungsprofil die Anzahl der Personen mit starker europäischer Identität gegenüber denen mit starker nationaler Identität. 4 4 An dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass die Ergebnisse der Zusatzbefragung nicht repräsentativ sind. Es handelt sich um bewusst ausgewählte Personen und relativ kleine Stichproben, die von N= 67 Personen in Edinburgh bis N= 102 Personen in Madrid reichen. Für Bregenz und Wien werden keine Ergebnisse berichtet, weil dort die Anzahl der befragten Jugendlichen insgesamt zu gering ist. www.fes-online-akademie.de Seite 7 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt Abb. 6: Europäische/ Nationale Identität der Zusatzbefragung(„Europäer“) 60% 44.9 46.1 Nationale Identität Europäische Identität 40% 34.3 20% 34.3 0% burgh din E 18.0 22.7 32.6 29.0 27.8 für Wien/ Bregenz 24.5 26.5 können keine Werte berechnet werden, da nur zwei von drei 11.1 Identitätsfragen 24.5 22.4 19.2 15.7 gestellt wurden Pra hem g n iel i e tz fe Ma l d atisla Bilb ches rege Wi d rid va ao ter nz en C B Br Man B 3.3. Längerfristige Auslandsaufenthalte Auch der persönliche Kontakt mit anderen Ländern und Menschen wird sehr häufig als wichtiger Faktor für die Herausbildung einer europäischen Identität genannt. Von den hier befragten Jugendlichen hat ungefähr jeder Zehnte schon mindestens einmal in seinem Leben mehr als ein halbes Jahr im Ausland verbracht. Dieser Prozentsatz variiert zwischen den einzelnen Städten, von 21.5%(Wien) bis hin zu 3.5%(Madrid). Auch zwischen Bielefeld(14.3%) und Chemnitz(4.3%) gibt es diesbezüglich große Unterschiede. Zwar befinden sich unter den genannten Gastländern auch nicht-europäische Staaten, dennoch erweisen sich die Befragten mit längerfristigen Auslandserfahrungen als stärker mit Europa verbunden. So identifizieren sich in dieser Gruppe immerhin 17% der Jugendlichen stark mit Europa, beim Rest der Befragten liegt dieser Anteil nur bei 12%. 3.4. Besuch europäischer Länder Außerdem wurden alle Teilnehmer gebeten, diejenigen europäischen Länder aufzulisten, die sie seit ihrem 16. Geburtstag besucht haben. Abbildung 7 zeigt die durchschnittliche Anzahl der Länder, in denen die„normalen“ und die„europäisch orientierten“ Befragten schon einmal waren. Erwartungsgemäß verfügen die Jugendlichen der Zusatzbefragung („Europäer“) in allen Städten im Durchschnitt über mehr Auslandserfahrungen als die repräsentativ befragten Jugendlichen(„Normale“). Dabei erweisen sich die deutschen Jugendlichen, zusammen mit ihren Alterskameraden aus Prag und Bratislava, als besonders reisefreudig. Setzt man nun die Häufigkeit der Auslandsbesuche und das Aus maß europäischer Identität miteinander in Beziehung, dann erhält man tatsächlich einen positiven Korrelationskoeffizienten: Je mehr Länder eine Person besucht hat, desto höher ist auc h www.fes-online-akademie.de Seite 8 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt deren persönliche Identifikation mit Europa. Diese Beziehung gilt allerdings nicht für alle Städte. Bei den Jugendlichen aus Chemnitz, Bilbao, Madrid und Manchester hat die Anzahl der besuchten Länder keinen Einfluss auf die jeweiligen Ausprägung der europäischen Identität. Abb. 7: Durchschnittliche Anzahl besuchter Länder in Europa 10 "Europäer"Normale" 8 6.96 6 4 4.45 2 0 7.04 4.33 6.29 5.32 3.76 3.65 4.36 1.84 2.21 1.47 3.71 1.14 1.13 0.60 in Bregenz und Wien wurden diese Fragen leider nicht gestellt rag P nitz lava feld rgh ilbao ter s drid a nz e ien hem atis iele inbu B he c M reg W C Br B Ed an B M 3.5. Sprachkenntnisse In anderen Ländern seinen Urlaub zu verbringen, bedeutet nicht zwangsläufig, auch mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Denn Kontakt erfordert Kommunikation. Und Kommunikation ist abhängig von Sprache. Aus diesem Grund wurde auch nach der Muttersprache und den Fremdsprachenkenntnissen der Jugendlichen gefragt. Abbildung 8 enthält zum einen die durchschnittliche Anzahl der beherrschten Sprachen, zum anderen listet es die drei häufigsten Fremdsprache n für die repräsentativ befragten Jugendlichen auf. Nicht-europäische Sprachen wie z. B. Russisch oder Türkisch wurden dabei jedoch ausgeschlossen. Demnach kann sich ein„normaler“ Jugendlicher aus Bielefeld im Durchschnitt in 2.36 europäischen Sprachen verständigen, inklusive seiner Muttersprache. Englisch, Französisch und Spanisch sind in Bielefeld die am weitesten verbreiteten Fremdsprachen. Immerhin knapp 90% der Jugendlichen sagt von sich, in englischer Sprache kommunizieren zu können. Für Chemnitz ergibt sich ein ähnliches Bild, lediglich der Durchschnitt der beherrschten Sprachen ist etwas niedriger. Deutlich weniger Fremdsprachenkenntnisse offenbaren junge Menschen aus Manchester, Madrid und Edinburgh. www.fes-online-akademie.de Seite 9 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt Englisch: 64.2% Tschechisch: 60.5% Deutsch: 51.4% Englisch: 85.9% Deutsch: 27.0% Slowakisch: 24.5% Englisch: 92.5% Französisch: 32.5% Italienisch: 14.8% Englisch: 93.8% Französisch: 38.8% Italienisch: 11.0% Englisch: 86.8% Französisch: 24.3% Spanisch: 15.5% Englisch: 90.3% Französisch: 24.5% Spanisch: 4.0% Englisch: 49.5% Baskisch: 42.9% Franz.: 8.3% Französisch: 23.4% Deutsch: 13.0% Spanisch: 6.8% Englisch: 35.9% Französisch: 6.7% Galizisch: 2.7% Französisch: 11.8% Deutsch: 5.5% Spanisch: 3.6% Abb. 8: Anzahl beherrschter Sprachen und häufigste Fremdsprachen 4 2.98 3 2 1 2.58 2.58 2.54 2.36 2.20 2.08 1.49 1.45 1.21 0 ratisl. B Pra W Breg g ien en Bie Che z lef. m Bi n lb Edi Ma . ao nb. d Ma ri n d ch. In der Tat scheinen Sprachkenntnisse eine nicht zu vernachlässigende Rolle für die Ausprägung der europäischen Identität zu spielen. Sowohl für die Gesamtheit aller Befragten als auch für die Jugendlichen der meisten Städte(Ausnahmen: Manchester, Madrid und Chemnitz) lässt sich ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen beiden Merkmalen feststellen: Je mehr europäische Sprachen eine Person beherrscht, desto stärker ist auch deren Identifikation mit Europa. Jugendliche mit geringen oder gar keinen Fremdsprachenkenntnissen weisen dagegen ein geringeres Ausmaß an europäischer Identität auf. 4. Verständnis von Europa Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts widmet sich der Frage, was junge Leute unter dem Begriff„Europa“ verstehen. Eine einheitliche Definition von Europa existiert nicht. Insofern kann durchaus vermutet werden, dass Jugendliche aus verschiedenen Ländern und Regionen auch unterschiedliche Dinge mit Europa verknüpfen. Welches Verständnis von Europa liegt ihren Ansichten zugrunde? 4.1. Merkmale Europas Zunächst wurde allen Befragten eine Liste mit vier Merkmalen vorgegeben. Zu jedem Merkmal sollte angegeben werden, wie wichtig es ihnen in Bezug auf Europa ist. Der Vergleich zeigt, dass sowohl in Chemnitz als auch in Bielefeld der politische Aspekt der Europäischen Union von den meisten Befragten als ‚wichtig’ bzw. ‚sehr wichtig’ eingestuft wird. Demnach bewerten mehr als 70% der Chemnitzer und Bielefelder die EU als einen wichtiwww.fes-online-akademie.de Seite 10 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt gen Referenzpunkt in Bezug darauf, was Europa für sie ausmacht. Diese Dominanz der EU findet sich sonst nur noch in Bratislava(75%). Mit einigem Abstand folgen in Chemnitz die geographische Lage, der kulturelle Aspekt gemeinsamer Werte und Traditionen sowie der finanziell-ökonomische Aspekt einer gemeinsamen Währung. In Bielefeld kommt vor allem der geographischen Lage eine geringere Bedeutung zu. Abb. 10: Was verbindest du mit Europa? 80% 60% 71.0 75.8 40% 20% 0% politisch- EU 51.6 46.1 finanziell- EURO Chemnitz Bielefeld 58.5 42.6 52.8 51.5 geographisch- LAGE kulturell- WERTE Die kulturelle Wertegemeinschaft wird dagegen von den Befragten aus Prag(73%), Manchester(44%) und Edinburgh(41%) als zentrales Merkmal Europas empfunden. In Madrid (71%) und Bilbao(60%) wiederum verbinden die meisten Jugendlichen Europa mit dem Euro. Und die geographische Situation steht für die Jugendlichen aus Wien(64%) und Bregenz(54%) im Vordergrund. Es lassen sich also tatsächlich einige Unterschiede in der Bedeutung einzelner Merkmale für Europa ausmachen. Vor allem für die beiden britischen Stichproben bleibt noch zu bemerken, dass kein einziger Aspekt von der Mehrheit der Jugendlichen als wichtig empfunden wird- ein deutlicher Hinweis auf die mangelnde Salienz Europas in Großbritannien. 4.2. Die Grenzen Europas Welche Vorstellungen haben die Jugendlichen von den Grenzen Europas? Hierzu wurde den Befragten eine Reihe von Ländern genannt, die sie jeweils als zu Europa zugehörig oder nicht zugehörig klassifizieren sollten. Die Frage zielte dabei nicht auf Wissen, sondern auf die persönliche Meinung der Jugendlichen. Abbildung 11 vergleicht die Auffassungen gegenüber der Türkei als einem EU-Beitrittsaspiranten„im Wartestand“ und der Slowakischen Republik als zukünftigem EU-Mitglied. Es fällt auf, dass nur in Edinburgh und Manchester die Türkei von mehr Jugendlichen zu Europa gezählt wird als die Slowakei. Weniger erstaunlich ist, dass die überwältigende Mehrheit der Befragten aus Bratislava ihr Land als Teil von Europa definieren. Gerade im Hinblick auf die Slowakei, aber auch weiteren EU-Beitrittskandidaten wie Estland oder der Tschechischen Republik, www.fes-online-akademie.de Seite 11 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt scheint die geographische Entfernung nicht ohne Einfluss zu sein: In den näher liegenden Städten Wien, Chemnitz und Bregenz werden diese Länder häufiger als Teil von Europa definiert als in den weiter entfernt liegenden Städten Spaniens und Großbritanniens. Auch für die Bielefelder lässt sich ein vergleichsweise eng gefasstes Verständnis von Europa konstatieren. Sehr uneinheitlich gestaltet sich die Zuordnung der Türkei. In beiden deutschen Städten bezieht eine knappe Mehrheit der Jugendlichen die Türkei in ihre Vorstellung von Europa ein. Insgesamt scheint aber auch bei jungen Menschen die Türkei dasjenige Land zu sein, an dem sich die Geister über den Anfang und das Ende von Europa scheiden. Abb. 11: Zugehörigkeit zu Europa 97 97 100% 81 81 80% 73 60% 40% 51 20% 0% ratislava B 29 Prag 50 53 59 Wien emnitz Ch regenz B 61 43 adrid M 61 37 Slowakei Türkei 56 54 49 37 58 54 lbao feld rgh ster Bi iele nbu he B Edi anc M 4.3.„Europa als Festung“ oder„Offenes Europa“? Unterschiede lassen sich nicht nur in Bezug auf die zentralen Merkmale Europas und dessen Grenzen feststellen, auch hinsichtlich der Offenheit Europas existieren zum Teil weit voneinander abweichende Auffassungen. Während z. B. nur 33% der Bielefelder und 28% der Chemnitzer Befragten der Behauptung ‚Die Kulturen ethnischer Minderheiten sind eine Bereicherung für unsere eigene Kultur’ zustimmen, sind es in Wien immerhin 56%, in Bilbao 54% und in Prag 51% der Jugendlichen. Ein weiteres Beispiel: Die Behauptung ‚Es sollten weniger Menschen anderer Nationalität hier leben’ wird von 18% der Bielefelder und 17% der Chemnitzer befürwortet. Nur unter den Jugendlichen aus Prag(20%), Madrid und Manchester(je 29%) sowie Bratislava(32%) ist die Ablehnung von Ausländern weiter verbreitet. In Manchester und Bratislava wird gleichzeitig der Zuzug von Immigranten und Asylsuchenden von den meisten Jugendlichen kategorisch abgelehnt. Ungefähr jeder siebente Befragte äußert sich dort so. Auch in Chemnitz ist der Anteil an Jugendlichen, die eine Aufnahme von Immigranten aus nicht-europäischen Staaten ‚überhaupt nicht akzeptieren’, relativ hoch. Für politische Flüchtlingen und Asylsuchenden will hingegen in den meisten www.fes-online-akademie.de Seite 12 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt Städten nur eine verschwindend kleine Minderheit von Jugendlichen die Grenzen dichtmachen. Abb. 12: Ablehnung von nicht-europäischen Immigranten und Asylsuchenden 20% 17.9 18.4 15% 10% 8.4 5% 15.4 11.1 7.8 0% ester anch M ratislava B burgh Edin 10.1 4.3 Prag 5.5 3.8 11.0 3.3 Nicht-Europäer Asylsuchende 9.5 8.3 7.5 7.1 2.7 2.1 2.8 2.8 Wien emnitz elefeld nz drid ege Ma Bilbao Ch Bi Br 4.4. Europa als Chance Auf der anderen Seite wird Europa bzw. die Europäische Union von vielen Jugendlichen auch als eine Chance für die eigene Lebensgestaltung verstanden. So hält es jeder fünfte Befragte aus Chemnitz für ‚wahrscheinlich’ oder sogar ‚sehr wahrscheinlich’, in naher Zukunft im europäischen Ausland zu leben und zu arbeiten. In Bielefeld sind es sogar 24% der Jugendlichen, die derartige Absichten äußern. Nur in den beiden österreichischen Städten ist die europaweite Mobilitätsbereitschaft noch stärker ausgeprägt. Dagegen sieht in Großbritannien und Spanien nur ein relativ geringer Prozentsatz der„normalen“ Jugendlichen in anderen europäischen Ländern eine reelle Perspektive für die eigene Zukunft. Zieht man an dieser Stelle noch einmal die Antworten der zusätzlich befragten„Europäer“ zum Vergleich heran, dann ergeben sich für diese Jugendlichen erwartungsgemäß deutlich höhere Werte. Fast die Hälfte der Chemnitzer und Bielefelder Jugendlichen, die ein international orientiertes Studienfach belegen, plant demnach einen längerfristigen Aufenthalt innerhalb des europäischen Aus lands. Abb. 13: Europaweite Mobilität 60% 48.4 49.0 40% 20% 0% 31.6 29.3 19.4 23.8 20.8 18.4 W Bre ie g n e Bie n le Chem ratis z feld nitz lava B 'Europäer''Normale' 56.7 43.3 38.2 31.3 31.3 15.2 12.0 9.7 9.6 8.0 Prag burgh Edin Bilba che o ster Man adrid M www.fes-online-akademie.de Seite 13 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt 5. Wahrnehmung von Europa Welche Bedeutung hat Europa eigentlich für junge Leute? Nicht selten hört man ja von einem generell mangelnden Interesse der jüngeren Generation an politischen Themen. Inwieweit sich diese Behauptung auch in Bezug auf den europäischen Einigungsprozess halten lässt und welche Konsequenzen sich möglicherweise daraus ergeben, soll im Folgenden etwas näher betrachtet werden. 5.1. Interesse am europäischen Einigungsprozess Die zentrale Frage bei der Wahrnehmung von Europa lautet: ‚Wie groß ist das persönliche Interesse am europäischen Integrationsprozess?’. Auch danach wurden die Teilnehmer gefragt; in Verbindung mit neun weiteren Themen aus dem Bereich Politik. Abbildung 14 zeigt den Anteil der Jugendlichen, die die europäische Einigung bzw. den Terrorismus als wichtige Themen wahrnehmen. Mit Ausnahme von Manchester, Edinburgh und Bilbao verfolgt ungefähr die Hälfte der Jugendlichen den europäischen Integrationsprozess zumindest mit einigem Interesse. Im Vergleich dazu wird dem Thema Terrorismus vor allem von den spanischen, den britischen und auch den deutschen Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Bedenkt man jedoch, dass der Terroranschlag auf das World Trade Center zum Zeitpunkt der Befragung noch kein ganzes Jahr zurücklag und dass es in Spanien mit der ETA eine aktive Terrororganisation gibt, dann verwundert diese Vorrangstellung nicht. Allerdings findet sich das Interesse an Europa auch im Vergleich zu den anderen Themen(Armut, Gleichberechtigung, Umweltschutz, Arbeitsmarkt, Bildungsqualität, Ausländerdiskriminierung, öffentliche Dienstleistungen und Tierrechte) in fast allen Städten auf dem letzten bzw. vorletzten Rang wieder- die einzige Ausnahme ist Bratislava. Abb. 14: Interesse an zwei politischen Themen 100% 80% 60% 40% 62.5 55.3 72.0 53.0 20% 0% regenz B elefeld Bi 52.3 52.5 91.0 51.1 Terrorismus 46.8 50.9 50.0 48.5 Europ. Integration 76.4 66.1 47.1 36.3 70.8 28.5 W M ie a tisl n drid ava Bra Pr m ag nitz e ter hes burgh n Ch anc Edi M 82.3 27.3 ilbao B www.fes-online-akademie.de Seite 14 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt 5.2. Wahlbeteiligung Das relativ geringe Interesse am europäischen Integrationsprozess findet auch seinen Niederschlag in der Wahlabsicht der Jugendlichen in Bezug auf Europawahlen. Abgesehen von Manchester und Edinburgh kündigt zwar jeweils die Mehrheit der Befragten an, sich an Wahlen zum Europäischen Parlament beteiligen zu wollen. Allerdings liegt diese Quote zum Teil deutlich unter der beabsichtigten Beteiligung an Wahlen zu den jeweiligen nationalen Parlamenten. So verweigert in beiden deutschen Städten ca. jeder fünfte Jugendliche, der zur Bundestagswahl gehen würde, seine Teilnahme an Wahlen zum europäischen Parlament. Tatsächlich lässt sich für die Befragten aus neun der zehn Städte ein Zusammenhang zwischen dem Interesse an Europa und einer entsprechenden Wahlbereitschaft nachweisen: Je stärker das bekundete Interesse, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Beteiligung an Europaparlaments-Wahlen. Nur für die Jugendlichen aus Bielefeld gilt diese Aussage nicht; hier erweist sich die Wahlabsicht als weitestgehend unabhängig vom persönlichen Interesse an Europa. Abb. 15: Wahlabsicht bei nationalen und europäischen Wahlen 100% 80% 60% 40% 20% 0% 85.0 76.8 79.8 69.3 77.6 67.8 Wie g n e Bre rati n s z lava B 72.7 67.2 79.0 59.5 65.1 58.0 nationales Parl. Europa-Parl. 79.8 63.6 60.1 56.0 56.3 50.1 35.4 29.4 Pr l a e g feld Bie Bilbao emnitz Ch adrid M burgh Edin ester anch M 5.3 Einflüsse der EU-Mitgliedschaft Weder das relativ geringe Interesse noch die geringere Wahlbereitschaft scheinen jedoch auf negative Erfahrungen der Jugendlichen mit der EU zurückgeführt werden zu können. Denn fragt man nach dem bisherigen Einfluss der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes auf das persönliche Leben, dann antwortet nur eine Minderheit mit ‚hauptsächlich negativ’. In allen zehn Städten überwiegt die Anzahl der Befragten, die die derzeitige oder auch zukünftige EU-Mitgliedschaft ihres Landes als positiv für das eigene Leben wahrnehmen. Allerdings variieren diese Anteile von Stadt zu Stadt- von 62% in Bregenz bis hin zu 18% in Manchester. Häufiger noch als für die eigene Person werden für die jeweilige Region und das eigene Land positive Einflüsse der EU-Mitgliedschaft erkannt. Dieses Ergebnis sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Vielzahl von Jugendlichen entwewww.fes-online-akademie.de Seite 15 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt der überhaupt nichts zu Einflüssen der EU zu sagen weiß oder sich nicht sicher ist, ob derartige Einflüsse eher positiv oder negativ zu bewerten sind. Abb. 16: Einfluss der EU-Mitgliedschaft auf das persönliche Leben 75% 61.8 55.6 54.5 50% 25% 14.8 0% regenz B 8.5 adrid M 9.4 ilbao B 54.3 17.3 ien W 41.1 38.8 49.2 46.3 positiv negativ 18.5 17.9 13.9 6.0 14.6 9.3 4.2 4.9 rag feld ava nitz rgh ster P iele tisl em nbu he B Bra Ch Edi anc M 6. Thesen Ausgehend von den eben vorgestellten Ergebnissen sollen abschließend fünf allgemeine Thesen zur Entwicklung einer europäischen Identität formuliert werden. Jede These wird dabei mit einem exemplarischen Zitat aus den persönlichen Interviews mit Jugendlichen aus Chemnitz und Bielefeld unterlegt. Grundsätzlich ist zu berücksichtigen, dass sich Identität immer in wechselseitigen Beeinflussung mit anderen Faktoren herausbildet. Wer sich z.B. stärker mit Europa verbunden fühlt, der verfolgt auch entsprechenden Nachrichten mit höherem Interesse, erlangt dadurch bessere Kenntnisse, was wiederum zu einer verstärkten Identifikation führen kann. Eine klare Trennung von Ursache und Wirkung ist also nicht möglich. Das heißt auch, dass sich Identität permanent im Wandel befindet, von Situation zu Situation neu definiert werden muss. 6.1. These I Ansätze für ein Gefühl europäischer Identität unter jungen Menschen lassen sich in der Mehrzahl der untersuchten Städte erkennen. Allerdings basiert dieses Gefühl nicht immer auf einer tatsächlichen Identifikation mit Europa, sondern wird oftmals mit der eigenen Herkunft bzw. Nationalität begründet. Dadurch wirkt die europäische Identität noch vergleichsweise abstrakt und inhaltsleer. Inwieweit man vor diesem Hintergrund bereits von einer stabilen Identität sprechen kann, bleibt fraglich. „Na ja, Deutschland gehört zu Europa, ich bin Deutsche, ich komme auch aus Europa.“ (Clara, 20 Jahre, Chemnitz – die Namen sind jeweils geändert worden) www.fes-online-akademie.de Seite 16 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt „Die Staatsbürgerschaft ist deutsch. Und Deutschland ist halt mit drin in der EU. Also ist man Europäer. Da fühlt man sich dann auch als Europäer.“(Paul, 21 Jahre, Chemnitz) 6.2. These II Damit sich langfristig ein stabiles europäisches Gemeinschaftsgefühl herausbilden kann, muss Europa für die Menschen auch persönlich erfahrbar werden. Dazu gehört eine aktive Einbeziehung in die Diskussionen über Vor- und Nachteile eines geeinten Europas. Noch wird Europa von vielen jungen Mensche n als ein diffuses Gebilde wahrgenommen, das irgendwo in Brüssel seine Entscheidungen trifft. Dass es anders gehen kann, haben die kontroversen Auseinandersetzungen bei die Einführung des Euro gezeigt. Eine offene Diskussion über die zukünftige Verfassung Europas könnte ebenfalls das gemeinschaftliche Bewusstsein der Bürger schärfen. Die Analysen zeigen zumindest, dass Jugendliche, die sich häufiger über politische Themen unterhalten, auch stärker am europäische n Integrationsprozess interessiert sind. Und dieses Interesse steht wiederum in engem Zusammenhang mit dem Ausmaß europäischer Identität. „Je stärker diese Struktur in der Europäischen Union wird und je mehr die einzelnen Staaten Souveränität abgeben, desto mehr wird die EU Einfluss haben auf unser Leben. Ich glaube nur, damit die Leute so etwas in irgendeiner Form positiv aufnehmen, müssten eigentlich die Strukturen sehr viel deutlicher werden. Also das dürfte eigentlich nicht so sein, dass die Europäische Union für viele Leute nach wie vor überhaupt kein Begriff ist, was die eigentlich machen, wie sich diese ganzen einzelnen Institutionen der Union zusammensetzen.“(Sabine, 25 Jahre, Chemnitz) 6.3. These III Nur wenn Europa als eine Gemeinschaft der Bürger erkennbar wird, kann sich eine europäische Identität etablieren. Die Auseinandersetzungen um den Irak-Krieg liefern hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. Während auf politischer Ebene Europa vor einer tiefen Zerreißprobe stand, weckten die großen und kleinen Demonstrationen in allen europäischen Ländern zugleich auch eine Art Solidaritätsgefühl. „Da ist eigentlich so ein Gefühl, das immer da ist und das halt manchmal so zum Ausdruck kommt. Das hat sich jetzt in letzter Zeit, vor allem während des Irak-Kriegs gezeigt. Die ganze Welt und vor allem fast ganz Europa war dagegen und hat sich dann gegen die USA aufgelehnt. Und da habe ich mir immer gesagt: Jawohl, wir sind nicht nur ein komischer Zusammenschluss von irgendwelchen bunten Völkchen, sondern wir können auch etwas bewegen. Wir haben es halt nicht verhindern können, aber...“(Angelo, 23 Jahre, Bielefeld) www.fes-online-akademie.de Seite 17 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt 6.4. These IV Die Einigung Europas darf dabei nicht zu einer Homogenisierung der nationalen bzw. regionalen Kulturen, Lebensstile und Mentalitäten führen. Denn gerade in dieser Vielfalt liegt für viele junge Menschen der Schlüssel ihrer Identifikation mit Europa. „Mit Europa verbinde ich auf jeden Fall kulturelle Vielfalt[...] Also jedes Land hat für mich seine Besonderheiten, seine schönen und seine schlechten Seiten.“(Jakob, 23 Jahre, Bielefeld) 6.5. These V Um diese Vielfalt auch erfahren und wertschätzen zu können, bedarf es vor allem persönlicher Kontakte zu Menschen aus anderen Ländern. Voraussetzung dafür ist die Überwindung von Sprachbarrieren sowie die frühe Förderung von Auslandsaufenthalten. Hier kommt der Schule eine zentrale Rolle zu. Zum einen gilt es, das Interesse der Schüler für Europa zu wecken. Zum anderen müssen die sich mit Europa ergebenden Möglichkeiten der persönlichen Lebensgestaltung aufgezeigt werden. Schließlich identifizieren sich gerade diejenigen Jugendlichen stärker mit Europa, die von einem positiven Einfluss der EU auf ihr eigenes Leben überzeugt sind. Und wer eine starke europäische Identität aufweist, der ist auch eher bereit, Menschen anderer Herkunft zu tolerieren bzw. als Bereicherung zu begreifen. „Sehr vorteilhaft an Europa finde ich, dass Ländergrenzen abgebaut werden, dass eben alles wesentlich unkomplizierter und freier wird. Also wenn ich will, kann ich nach Frankreich gehen und arbeiten. Sonst bräuchten wir ja kein Europa.“(Jens, 25 Jahre, Chemnitz) Daniel Fuß ist Diplom-Soziologe und Research Fellow an der International University Bremen, Forschungsprojekt "Youth and European Idenitity". www.fes-online-akademie.de Seite 18 von 19 Daniel Fuß „Jugend und europäische Identität“ Resultate aus einem internationalen Forschungsprojekt 7. Literaturempfehlungen Bach, M.(Hg.)(2000). Die Europäisierung nationaler Gesellschaften. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Bossong, G., Erbe, M., Frankenberg, P., Grivel, C.& Lilli, W.(Hg.)(1994). Westeuropäische Regionen und ihre Identität. Mannheim: Pallatinum. Henrichsmeyer, W., Hildebrand, K.& May, B.(Hg.)(1995). Auf der Suche nach europäischer Identität. Bonn: Europa Union Verlag. Henschel, T. R.(1997). Die deutschen Europäer. Einstellungen Jugendlicher zu Europa 1990-1995. München: Centrum für angewandte Politikforschung(CAP). Hettlage, R.(Hg.)(1994). Bildung in Europa- Bildung für Europa? Die europäische Dimension in Schule und Beruf. Regensburg: Universitäts-Verlag. Gasteyger, C.(2001). Europa von der Spaltung bis zur Einigung. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung. Kaelble, H.(2001). Europäer über Europa. Die Entstehung des europäischen Selbstverständnisses im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M.: Campus. König, T., Rieger, E.& Schmitt, H.(Hg.)(1998). Europa der Bürger? Voraussetzungen, Alternativen, Konsequenzen. Frankfurt a.M.: Campus. Münch, R.(1995). Das Projekt Europa. Zwischen Nationalstaat, regionaler Autonomie und Weltgesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Piepenschneider, M.(1992). Die europäische Generation. Europabilder der Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn: Europa Union Verlag. Pollak, J.(1996). Zur politischen Identität der Europäischen Staatengemeinde. Frankfurt a.M.: Lang. Scholz, D.(1999). Abenteuer Europa: Geschichte und Identität Europas. Aufgaben und Probleme der Europäischen Union. Münster: Lit. Tibi, B.(2000). Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. München: Siedler. Walkenhorst, H.(1999). Europäischer Integrationsprozess und europäische Identität: Die politische Bedeutung eines sozialpsychologischen Konzepts. Baden-Baden: Nomos Verlags-Gesellschaft. Weidenfeld, W.(Hg.)(1985). Die Identität Europas. Fragen, Positionen, Perspektiven. München: Hanser. Weidenfeld, W.(Hg.)(2002). Europa Handbuch. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung. Westle, B.(1999). Kollektive Identität im vereinten Deutschland. Nation und Wahrnehmung der Deutschen. Opladen: Leske+ Budrich. www.fes-online-akademie.de Seite 19 von 19